Warenwirtschaft
Wenn wir uns die Wirtschaft näher
betrachten, wie sie sich unter der Herrschaft des Kapitalismus
entwickelt hat, so werden wir vor allem sehen, dass in derselben
Waren erzeugt
werden. Nun, was ist denn dabei bemerkenswert? wird jemand fragen.
Das Bemerkenswerte besteht hier darin, dass die Ware nicht einfach
ein beliebiges Produkt ist, sondern ein Produkt, welches für den
Markt erzeugt wird.
Ein Produkt ist keine Ware,
solange es für den eigenen Bedarf erzeugt wird. Wenn der Bauer
Korn anbaut, die Ernte einbringt, dann drischt, das Korn vermahlt
und für sich Brot bäckt, so ist dieses Brot noch keine Ware: es
ist einfach Brot.
Zur Ware wird es nur dann werden,
wenn es gekauft und verkauft werden wird, d.h. für den Käufer, für
den Markt erzeugt werden wird: wer es kaufen wird, dem wird es
gehören.
In der kapitalistischen
Gesellschaftsordnung werden alle Produkte für den Markt erzeugt,
sie werden alle zu Waren.
Jede Fabrik, jedes Werk oder jede Werkstätte erzeugen gewöhnlich
nur irgendein bestimmtes Produkt, und jeder wird leicht begreifen,
dass hier die Ware nicht für den eigenen Bedarf erzeugt wird. Wenn
der Besitzer einer Leichenbestattungs-Unternehmung eine Werkstatt
zur Erzeugung von Särgen betreibt, so ist es klar, dass er diese
Särge nicht für sich und ihre Familie erzeugt, sondern für den
Markt. Wem der Fabrikant Ricinusöl erzeugt, so ist es wiederum
klar, dass, wenn er auch jeden Tag an Verdauungsstörung leiden
würde, er auch kaum den geringsten Teil jenes Quantum an Ricinusöl
verbraucht, welches seine Fabrik erzeugt. Ganz genau so steht es
unter dem Kapitalismus auch mit allen anderen beliebigen
Produkten.
In einer Knopffabrik werden
Knöpfe erzeugt, aber diese Millionen von Knöpfen werden nicht
darum fabriziert, damit sie an die Weste des Knopffabrikanten
angenäht werden, sondern zum Verkauf. Alles, was in der
kapitalistischen Gesellschaft erzeugt wird, wird für den Markt
erzeugt; dorthin kommen auch Handschuhe und gekochte Wurst, Bücher
und Schuhpasta, Maschinen und Schnaps, Brot, Stiefel und Gewehre,
– kurz, alles was erzeugt wird.
Die Warenwirtschaft setzt
unbedingt das Privateigentum voraus. Der Handwerker und
Gewerbetreibende, der Waren erzeugt, besitzt seine Werkstatt und
seine Werkzeuge; der Fabrikant und Werksbesitzer – seine Fabrik
und sein Werk mit allen Bauten, Maschinen und sonstigem Gut. Und
sobald es ein Privateigentum und eine Warenwirtschaft gibt, so
gibt es auch immer einen Kampf um den Käufer, oder eine
Konkurrenz unter den Verkäufern. Als es noch keine
Fabrikanten, Werksbesitzer und Großkapitalisten gab, sondern bloß
arbeitende Handwerker, führten auch diese untereinander einen
Kampf um den Käufer. Und wer kräftiger und geschickter war, wer
bessere Werkzeuge besaß, besonders aber wer Kleingeld erspart
hatte, der kam immer empor, gewann für sich die Kunden, richtete
die anderen Handwerker zugrunde und kam selbst in die Höhe. Das
kleine Arbeitseigentum und die auf ihm begründete Warenwirtschaft
bargen also in sich den Keim des Großgrundbesitzes und
richteten Viele zugrunde.
Als erstes Merkmal der
kapitalistischen Gesellschaftsordnung erscheint also die
Warenwirtschaft, d.h. eine Wirtschaft, die für den Markt erzeugt.
monopol
Monopolisierung der Produktionsmittel durch die
Kapitalistenklasse
Zur Charakteristik des
Kapitalismus genügt es nicht, eines der Merkmale der
Warenwirtschaft anzuführen. Es kann eine derartige Warenwirtschaft
geben, ohne dass es Kapitalisten gibt, wie z.B. die Wirtschaft der
arbeitenden Handwerker. Sie arbeiten für den Markt und verkaufen
ihre Erzeugnisse; diese Produkte sind also Waren und die ganze
Produktion ist eine Warenproduktion. Und trotzdem ist diese
Warenwirtschaft noch keine kapitalistische, sondern eine bloße
einfache Warenproduktion. Damit diese einfache
Warenproduktion zur kapitalistischen wird, müssen einerseits die
Produktionsmittel (Werkzeuge, Maschinen, Gebäude, Grund
und Boden usw.) sich in das Eigentum einer kleinen Klasse
reicher Kapitalisten verwandeln, andererseits zahlreiche
selbständige Handwerker und Bauern untergehen und zu Arbeitern
werden.
Wir haben bereits gesehen, dass
die einfache Warenwirtschaft in sich den Keim des Untergangs der
einen und der Bereicherung der Anderen trägt. Dies ist auch zur
Tatsache geworden. In allen Ländern sind die arbeitenden
Handwerker und die kleinen Meister größtenteils zugrunde gegangen.
Derjenige, der ärmer war, verkaufte zuletzt sein „Zeug“, wurde aus
einem Meister zu einem Menschen, der nichts als ein Paar Hände
besitzt. Diejenigen aber, die etwas reicher waren, wurden noch
reicher; sie bauten ihre Werkstätten um, erweiterten sie, stellten
bessere Bänke, später auch Maschinen auf, begannen viele Arbeiter
einzustellen und verwandelten sich zu Fabrikanten.
Langsam geriet in die Hände
dieser Reichen alles, was für die Produktion notwendig ist:
Fabriksgebäude, Rohstoffe, Warenlager und Magazine, Häuser, Werke,
Erzlager, Eisenbahnen, Dampfschiffe, – kurz, alles, was für die
Produktion unentbehrlich ist. Alle diese Produktionsmittel
wurden das ausschließliche Eigentum der Kapitalistenklasse
(oder, wie man sagt, – „Monopol“ der Kapitalistenklasse).
Ein kleines Häuflein
Reicher beherrscht alles; die Mehrzahl der Armen besitzt nur die
Arbeitskraft. Dieses Monopol der Kapitalistenklasse auf die
Produktionsmittel ist das zweite Merkmal der kapitalistischen
Gesellschaftsordnung.
lohnarbeit
Lohnarbeit
Die zahlreiche Klasse der
Menschen, die ohne jedes Eigentum geblieben sind, hat sich zu
Lohnarbeitern des Kapitals verwandelt. Was sollte auch der
verarmte Bauer oder Handwerker beginnen? Er konnte sich entweder
als Knecht beim Kapitalisten-Gutsbesitzer verdingen oder in die
Stadt gehen und dort in eine Fabrik oder ein Werk in Lohn
eintreten. Einen anderen Ausweg gab es nicht. So entstand die
Lohnarbeit – das dritte Merkmal der kapitalistischen
Gesellschaftsordnung.
Was ist denn Lohnarbeit? Früher,
als es Leibeigene oder Sklaven gab, konnte man jeden Leibeigenen
oder Sklaven kaufen oder verkaufen. Menschen mit Haut, Haaren,
Beinen und Armen waren Privateigentum des Herren. Der Herr
prügelte im Stall seinen Leibeigenen zu Tode, genau so, wie er
z.B. im Rausch einen Sessel oder Lehnstuhl zu zertrümmern pflegte.
Der Leibeigene oder der Sklave war einfach ein Ding. Die alten
Römer teilten auch tatsächlich alles Herrengut, das für die
Produktion notwendig war, in „stumme Arbeitsmittel“ (Sachen),
„halbsprechende Arbeitsmittel“ (Arbeitsvieh, Schafe, Kühe, Ochsen
usw., kurz, solche die nur Laute von sich geben konnten)
„sprechende Arbeitsmittel“ (Sklaven, Menschen) ein. Die Schaufel,
der Ochs und der Sklave waren für den Herren im gleichen Maße
Arbeitsmittel, welche er verkaufen, kaufen, zerstören und
vernichten konnte.
In der Lohnarbeit wird
der Mensch selbst weder gekauft noch verkauft. Gekauft und
verkauft wird nur seine Arbeitskraft, seine
Arbeitsfähigkeit, nicht er selbst. Der Lohnarbeiter ist persönlich
frei; der Fabrikant kann ihn nicht im Stall prügeln oder seinem
Nachbar verkaufen, noch ihn gegen einen jungen Jagdhund
eintauschen, was unter der Leibeigenschaft möglich war. Der
Arbeiter wird bloß aufgedungen. Anscheinend sieht es
sogar aus, wie wenn Kapitalist und Arbeiter gleich wären: „willst
du nicht – so arbeite nicht, niemand zwingt dich dazu,“ so sagen
die Herren Fabrikanten. Sie behaupten sogar, die Arbeiter zu
ernähren, indem sie ihnen Arbeit geben.
Tatsächlich befinden sich aber
Arbeiter und Kapitalisten nicht in gleichen Bedingungen. Die
Arbeiter sind durch den Hunger angekettet. Der Hunger
zwingt sie, sich zu verdingen, d.h. ihre Arbeitskraft zu
verkaufen. Der Arbeiter hat keinen anderen Ausweg, er kann nichts
anderes wählen. Mit den bloßen Händen allein kann keine „eigene“
Produktion betrieben werden: versuche es einmal, ohne Maschinen
und Werkzeuge Stahl zu schmieden oder zu weben oder Waggons zu
bauen! Selbst der ganze Grund und Boden befindet sich unter dem
Kapitalismus in privaten Händen: es ist unmöglich, irgendwo stehen
zu bleiben, um eine Wirtschaft zu führen. Die Freiheit des
Arbeiters, seine Arbeitskraft zu verkaufen, die Freiheit für den
Kapitalisten sie zu kaufen, die „Gleichheit“ des Kapitalisten und
Arbeiters – all das ist in der Tat eine Hungerkette, die für den
Kapitalisten zu arbeiten zwingt.
Sonach besteht das Wesen der
Lohnarbeit im Verkaufe der Arbeitskraft oder in der
Verwandlung der Arbeitskraft zu Ware. In der einfachen
Warenwirtschaft, von der früher die Rede war, konnte man am Markt
Milch, Brot, Stoffe, Stiefel usw. finden, aber keine Arbeitskraft.
Die Arbeitskraft wurde nicht verkauft. Ihr Eigentümer, der
Handwerker, besaß außer ihr noch ein Häuschen und Werkzeuge. Er
arbeitete selbst,
führte seine Arbeitswirtschaft, setzte seine eigene Arbeitskraft
in seiner eigenen Wirtschaft in Bewegung.
Ganz anders ist es unter dem
Kapitalismus. Der hier arbeitet, besitzt keine Produktionsmittel;
er kann seine Arbeitskraft nicht in seiner eigenen Wirtschaft
verwenden. Er muss, um nicht vor Hunger zu sterben, seine
Arbeitskraft dem Kapitalisten verkaufen. Neben dem Markt, wo
Baumwolle, Käse oder Maschinen verkauft werden, entsteht nun der
Arbeitsmarkt, wo die Proletarier, d.h. Lohnarbeiter, ihre
Arbeitskraft verkaufen.
Folglich unterscheidet
sich die kapitalistische Wirtschaft von der einfachen
Warenwirtschaft dadurch, dass in der kapitalistischen Wirtschaft
auch die Arbeitskraft selbst zur Ware wird. Als drittes Merkmal
der kapitalistischen Gesellschaftsordnung erscheint also die
Lohnarbeit.
produktion
Kapitalistische Produktionsverhältnisse
Als Kennzeichen der
kapitalistischen Gesellschaftsordnung erscheinen also 3 Merkmale:
die Erzeugung für den Markt (Warenproduktion); die
Monopolisierung der Produktionsmittel durch die
Kapitalistenklasse; Lohnarbeit, d.h. Arbeit, gegründet auf dem
Verkauf der Arbeitskraft.
Alle diese Merkmale stehen in
Verbindung mit der Frage, in welche Beziehungen die Menschen
zueinander treten, wenn sie Produkte erzeugen und verteilen.
Was bedeutet es, wenn gesagt wird, „Warenwirtschaft“ oder
„Produktion für den Markt“? Es bedeutet, dass die Menschen für
einander arbeiten, doch erzeugt jeder in seiner Wirtschaft für den
Markt ohne vorher zu wissen, wer ihm seine Ware abkaufen wird.
Nehmen wir z.B. den Handwerker A und den Bauern B an. Der
Handwerker A trägt die von ihm gemachten Stiefel auf den Markt und
verkauft sie an B; für das erhaltene Geld kauft er beim B Brot.
Als A zu Markte ging, wusste er nicht, dass er dort dem B begegnen
werde und B wusste nicht, dass er dort mit A zusammentreffen
werde; sowohl der eine, wie der andere ging einfach auf den Markt.
Als A das Brot und B die Stiefel gekauft hatte, sah es so aus, wie
wenn B für den A gearbeitet hätte und umgekehrt A für den B, nur
war es nicht gleich zu merken. Das Marktgetümmel verbirgt es, dass
sie eigentlich einer für den anderen arbeiten und als ob einer
ohne den anderen nicht leben könnte. In der Warenwirtschaft
arbeiten die Menschen füreinander, bloß unorganisiert und
unabhängig voneinander, ohne selbst zu wissen, dass sie
aufeinander angewiesen sind. In der Warenproduktion sind also die
Rollen der Menschen auf eine besondere Art verteilt, stehen die
Menschen in bestimmten Beziehungen zueinander; hier
handelt es sich also um die gegenseitigen Beziehungen der
Menschen.
Wenn man von der „Monopolisierung
der Produktionsmittel“ oder „der Lohnarbeit“ spricht, so handelt
es sich ebenfalls um die gegenseitigen Beziehungen der Menschen.
Und in der Tat, was bedeutet diese „Monopolisierung“? Sie
bedeutet, dass die Menschen unter der Bedingung Waren erzeugen,
dass die Arbeitenden mit fremden Produktionsmitteln arbeiten; dass
die Produzierenden den Besitzern dieser Produktionsmittel, d.h.
den Kapitalisten, unterworfen sind, usw. Kurz, auch hier
handelt es sich um die gegenseitigen Beziehungen der Menschen in
der Erzeugung von Produktion. Diese Beziehungen der Menschen
untereinander während (im Verlauf) der Produktion nennt man
Produktionsverhältnisse.
Es ist nicht schwer einzusehen,
dass die Produktionsverhältnisse nicht immer gleich waren. Früher
einmal, vor sehr langer Zeit, lebten die Menschen in kleinen
Gemeinden; Sie arbeiteten kameradschaftlich gemeinsam (jagten,
fischten, sammelten Obst und Wurzeln) und teilten dann alles
untereinander. Das ist die eine Art der Produktionsverhältnisse.
Als die Sklaverei existierte, da waren andere
Produktionsverhältnisse vorherrschend. Unter dem Kapitalismus
wieder andere usw. Demnach gibt es verschiedene Arten der
Produktionsverhältnisse. Diese Arten der
Produktionsverhältnisse nennt man den ökonomischen Aufbau
(Struktur) der Gesellschaft oder die Produktionsweise.
„Die kapitalistischen
Produktionsverhältnisse“, oder was dasselbe ist, „die
kapitalistische Struktur der Gesellschaft“, oder, „die
kapitalistische Produktionsweise“ – das sind die Beziehungen der
Menschen in der Warenwirtschaft, in dem Monopolbesitz der
Produktionsmittel seitens eines kleinen Häufleins von Kapitalisten
und in der Lohnarbeit der Arbeiterklasse.
ausbeutung
Ausbeutung der Arbeitskraft
Es entsteht die Frage, wozu und
warum die Kapitalistenklasse Arbeiter aufnimmt. Jeder weiß, dass
es durchaus nicht darum geschieht, weil die Fabrikanten die
hungrigen Arbeiter füttern wollen, sondern weil sie aus denselben
Profit herauspressen wollen. Des Profites wegen baut der
Fabrikant seine Fabrik, des Profites wegen nimmt er Arbeiter auf,
dem Profite zuliebe schnüffelt er überall herum, wo teurer gezahlt
wird. Der Profit bewegt alle seine Absichten. Darin äußert sich
auch ein sehr interessanter Zug der kapitalistischen Gesellschaft.
Hier erzeugt ja nicht die Gesellschaft selbst, was sie braucht und
was ihr nützlich ist, sondern
die Kapitalistenklasse
zwingt die Arbeiter, zu erzeugen, wofür mehr gezahlt wird, wovon
ein größerer Profit zu erzielen ist. Schnaps z.B. ist ein
sehr schädliches Ding, und Spiritus sollte nur für technische
Zwecke und für Medikamente erzeugt werden. Doch in der ganzen Welt
werfen sich die Kapitalisten mit aller Macht auf seine Erzeugung.
Warum? Weil man aus der Trunksucht des Volkes einen großen Profit
heraus schlagen kann.
Nun müssen wir uns klar werden,
wie der Profit entsteht. Zu diesem Zwecke wollen wir die Frage,
eingehender betrachten. Der Kapitalist erhält den Profit in
Gestalt des Geldes, wenn er die in seiner Fabrik erzeugten Waren
verkauft. Wieviel Geld bekommt er für seine Ware? Das hängt von
dem Preise der Ware ab. Nun entsteht die Frage: wodurch
wird dieser Preis bestimmt? Warum ist der Preis der einen Ware
hoch, der anderen niedrig? Es ist nicht schwer zu erkennen, dass,
nachdem in irgendeinem Produktionszweig neue Maschinen eingeführt
wurden und die Arbeit dabei ergiebiger, oder, wie man sagt,
leistungsfähiger wurde, auch die Preise der Waren sinken. Ist
umgekehrt die Produktion erschwert und werden weniger Waren
erzeugt, ist die Arbeit weniger ergiebig oder weniger
leistungsfähig, steigen die Preise der Waren.
Muss die Gesellschaft im
Durchschnitt viel Arbeit aufwenden, um ein Stück Ware
hervorzubringen, so steht der Preis der Ware hoch: ist wenig
Arbeit verbraucht worden, steht der Preis der Ware niedrig.
Die Menge der bei mittlerer Höhe der Technik (d.h. weder bei
den allerbesten, noch bei den allerschlechtesten Maschinen und
Werkzeugen) aufgewendeten gesellschaftlichen Arbeit zur
Erzeugung der Ware bestimmt den Wert dieser Ware. Jetzt sehen
wir, dass der Preis durch den Wert bestimmt ist. In der
Wirklichkeit ist der Preis bald höher, bald tiefer als der Wert,
doch können wir der Einfachheit halber annehmen, dass es eines und
dasselbe ist.
Nun erinnern wir uns, was wir von
der Aufnahme der Arbeiter sagten. Die Aufnahme der Arbeiter ist
ein Verkauf einer besonderen Ware, die den Namen „Arbeitskraft“
trägt. Ist die Arbeitskraft einmal Ware geworden, so gilt für sie
alles das, was für alle anderen Waren gilt. „Hast dich Pilz
genannt, so steige in den Korb.“ Wenn der Kapitalist den Arbeiter
aufdingt, so bezahlt er ihm den Preis für seine Arbeitskraft
(oder, der Einfachheit halber ihren Wert). Wodurch ist dieser Wert
bestimm? Wir haben gesehen, dass der Wert aller Waren durch die
Menge der Arbeit bestimmt wird, die zu ihrer Erzeugung verwendet
wurde. Dasselbe gilt auch für die Arbeitskraft. Was
versteht man aber unter Erzeugung der Arbeitskraft? Die
Arbeitskraft wird ja nicht in einer Fabrik hergestellt, sie ist ja
kein Leinen, keine Schuhwachse, keine Maschine. Wie ist es nun zu
verstehen? Es genügt, das gegenwärtige Leben unter dem
Kapitalismus anzusehen, um zu begreifen, um was es sich handelt.
Nehmen wir an, die Arbeiter haben gerade Feierabend gemacht. Sie
sind erschöpft, alle Säfte sind aus ihnen ausgepresst, sie können
nicht mehr arbeiten. Ihre Arbeitskraft ist beinahe verbraucht. Was
ist notwendig, um sie wiederherzustellen? Essen, ausruhen,
schlafen, den Organismus stärken und auf diese Weise „die Kräfte
wiederherstellen“. Erst damit wird die Möglichkeit zu arbeiten
geschaffen, die Arbeitsfähigkeit oder die
Arbeitskraft ist
wieder hergestellt. Nahrung, Kleidung, Wohnung usw. – kurz,
die Befriedigung der Bedürfnisse des Arbeiters stellen also die
Erzeugung der Arbeitskraft dar. Es kommen aber da noch andere
Dinge hinzu, wie die Ausgaben für eine eventuelle Lehrzeit, wenn
es sich um besonders abgerichtete Arbeiter handelt usw.
Alles, was die Arbeiterklasse
verbraucht, um ihre Arbeitskraft zu erneuern, hat einen Wert ...
Folglich bilden der Wert der Bedarfsartikel und die Ausgaben für
die Lehre den Wert der Arbeitskraft. Verschiedene Waren
haben auch verschiedene Werte. Genau so hat jede Art der
Arbeitskraft einen anderen Wert. Die Arbeitskraft des Buchdruckers
einen andern wie die des Hilfsarbeiters usw.
Nun kehren wir in die Fabrik
zurück. Der Kapitalist kauft Rohstoffe, Heizmaterial für die
Fabrik, Maschinen und Öl für die Schmierung derselben und andere
unentbehrliche Sachen; dann kauft er die Arbeitskraft, „er dingt
Arbeiter auf“. Alles bezahlt er in barem Gelde. Es beginnt die
Produktion, die Arbeiter arbeiten, die Maschinen laufen, das
Heizmaterial verbrennt, das Öl wird verbraucht, das Fabriksgebäude
abgenutzt, die Arbeitskraft erschöpft. Dafür kommt aus der Fabrik
eine neue Ware heraus. Diese Ware hat, wie alle Waren, einen Wert.
Wie hoch ist nun dieser Wert? Erstens hat die Ware in sich den
Wert der verbrauchten Produktionsmittel, die für ihre Erzeugung
notwendig waren – Rohstoffe, das verbrauchte Heizmaterial, die
abgenützten Maschinenteile usw. – eingesogen. All das ist jetzt in
den Wert der Ware übergegangen. Zweitens ist darin die Arbeit der
Arbeiter enthalten. Wenn 30 Arbeiter an der Herstellung der Ware
je 80 Stunden arbeiteten, so verwendeten sie insgesamt 900
Arbeitsstunden; der gesamte Wert der erzeugten Ware wird also
bestehen aus dem Werte der aufgebrauchten Materialien (nehmen wir
z.B. an, dieser Wert ist gleich 600 Stunden) und aus dem neuen
Werte, den die Arbeiter durch ihre Arbeit (900 Stunden)
hinzugefügt haben, d.h. er wird gleich sein 600 + 900 Stunden =
1500 Stunden.
Wieviel kostet aber den
Kapitalisten diese Ware? Für die Rohstoffe bezahlt er alles,
d.h. jenen Geldbetrag, der dem Werte von 600 Stunden
Arbeitsstunden entspricht. Und für die Arbeitskraft? Hat er denn
die ganzen 900 Stunden bezahlt? Da liegt eben die Lösung des
Ganzen. Er bezahlt, laut unserer Annahme, den vollen Wert der
Arbeitskraft für die
Tage der Arbeit. Wenn 30 Arbeiter 80 Stunden – drei Tage
zu 10 Stunden täglich – arbeiten, so bezahlt ihnen der Fabrikant
eine Summe, die zur Erneuerung ihrer Arbeitskraft für diese Tage
notwendig ist. Wie groß ist aber diese Summe? Die Antwort ist
einfach: sie ist bedeutend geringer als der Wert von 900 Stunden.
Warum? Weil jene Menge Arbeit, die zur Aufrechterhaltung unserer
Arbeitskraft, meiner Arbeitskraft notwendig ist, eine Sache für
sich ist; was Anderes ist wieder jene Arbeitsmenge, die ich
leisten kann. Ich kann täglich 10 Stunden arbeiten. Verzehren,
Kleider verbrauchen usw. kann ich täglich im Großen und Ganzen im
Werte von 5 Stunden. Ich kann also viel mehr arbeiten, als an
Aufwand zur Aufrechterhaltung meiner Arbeitskraft verbraucht wird.
In unserem Beispiel verbrauchen die Arbeiter in drei Tagen
Lebensmittel und Kleider im Werte von, sagen wir, 450
Arbeitsstunden, und leisten Arbeit im Werte von 900 Stunden; 450
Stunden verbleiben dem Kapitalisten; sie bilden eben die
Quelle seines Profites. Und tatsächlich kostet die Ware den
Kapitalisten, wie wir gesehen haben, (600 + 450) = 1050 Stunden,
und er verkauft sie um den Wert von (600 + 900) = 1500 Stunden;
diese 450 Stunden sind der Mehrwert, der durch die
Arbeitskraft geschaffen wird. Die halbe Arbeitszeit (bei
10stündigem Arbeitstag 5 Stunden) arbeiten also die Arbeiter,
indem sie das wiederherstellen, was sie für sich selbst
verbrauchen, und die andere Hälfte verwenden sie ganz und gar für
den Kapitalisten. Betrachten wir nun die ganze Gesellschaft. Uns
interessiert ja nicht, was der einzelne Fabrikant oder der
einzelne Arbeiter macht. Uns interessiert, wie diese ganze
Riesenmaschine eingerichtet ist, deren Name – die kapitalistische
Gesellschaft ist. Die Kapitalistenklasse beschäftigt die ihrer
Zahl nach ungeheuer große Arbeiterklasse. In Millionen von
Fabriksgebäuden, in Schächten, Erzgruben, Wäldern und Feldern
arbeiten wie die Ameisen Hunderte Millionen von Arbeitern. Das
Kapital bezahlt ihnen ihren Arbeitslohn, den Wert ihrer
Arbeitskraft, der ununterbrochen diese Arbeitskraft für den Dienst
des Kapitals erneuert. Die Arbeiterklasse bezahlt durch ihre
Arbeit nicht nur sich selbst, sondern schafft auch das
Einkommen der höheren Klassen, schafft den Mehrwert.
In Tausenden von Bächlein fließt dieser Mehrwert in die Taschen
der Herrschenden: einen Teil bekommt der Kapitalist selbst – das
ist der Unternehmergewinn; einen Teil bekommt der Gutsbesitzer –
Landeigentümer, ein Teil gelangt in Form von Steuern in die Hände
des kapitalistischen Staates, ein Teil zu den Händlern,
Kaufleuten, Krämern, in die Kirchen und Freudenhäuser, zu den
Schauspielern und Clowns, den bürgerlichen Skribenten usw. Auf
Kosten dieses Mehrwertes leben alle Schmarotzer, die von der
kapitalistischen Gesellschaftsordnung gezüchtet werden.
Ein Teil des Mehrwertes wird aber
von den Kapitalisten wieder verwendet. Sie schlagen ihn zu ihrem
Kapital – das Kapital vergrößert sich. Sie erweitern ihre
Unternehmungen. Sie stellen mehr Arbeiter ein. Sie beschaffen
bessere Maschinen. Eine größere Arbeiterzahl schafft ihnen einen
noch größeren Mehrwert. Die kapitalistischen Unternehmungen werden
immer größer und größer. So schreitet das Kapital mit jeder
Zeitumdrehung immer weiter vorwärts und vorwärts, Mehrwert
anhäufend. Indem das Kapital Mehrwert aus der Arbeiterschaft
herauspresst, indem es dieselbe
ausbeutet, wächst es
ununterbrochen in seiner Größe.
kapital
Das Kapital
Jetzt sehen wir deutlich, was
Kapital ist. Vor allem ist es ein bestimmter Wert, entweder in
Form von Geld oder Maschinen, Rohstoffen, Fabriksgebäuden oder
aber in Form von fertigen Waren. Nur ist es ein deratiger Wert,
der zur Erzeugung eines neuen Wertes, des Mehrwertes
dient. Das Kapital ist ein Wert, der den Mehrwert erzeugt.
Die kapitalistische Produktion ist die Produktion des Mehrwertes.
In der kapitalistischen
Gesellschaft erscheinen die Maschinen und Fabriksbauten als
Kapital. Sind aber Maschinen und Gebäude immer Kapital?
Selbstredend – nicht. Wenn es eine kameradschaftliche Wirtschaft
der ganzen Gesellschaft geben würde, die alles für sich selbst
erzeugte, dann würden weder Maschinen, noch Rohstoffe Kapital
sein, weil sie keine Mittel zum Herausschlagen von Profit
für ein kleines Häuflein reicher Leute darstellen würden. Es ist
also so, dass z.B. die Maschinen erst dann Kapital
werden, wenn sie Privateigentum der Kapitalistenklasse sind, wenn
sie als Bedingung für die Ausbeutung der Lohnarbeit, zur Erzeugung
des Mehrwertes gelten. Die Form des Wertes ist dabei
gleichgültig: dieser Wert kann in Gestalt runder Scheibchen –
Münzen – oder in Papiergeld bestehen, für welches der Kapitalist
die Produktionsmittel und die Arbeitskraft kauft; dieser Wert kann
auch als Maschinen, mit denen die Arbeiter arbeiten, oder als
Rohstoffe, aus denen sie Waren erzeugen, oder als fertige Ware
erscheinen, die später verkauft werden wird.
Wenn dieser Wert zur Erzeugung
des Mehrwertes dient, so ist er Kapital.
Gewöhnlich wechselt das Kapital
seine äußere Hülle. Betrachten wir nun, wie diese Umwandlung vor
sich geht.
I. Der Kapitalist hat noch keine
Arbeitskraft und keine Produktionsmittel gekauft. Er brennt aber
darauf, Arbeiter einzustellen, sich mit Maschinen zu versorgen,
sich Rohstoffe erster Güte und Kohle in ausreichendem Maße zu
beschaffen. Vorläufig hat er in seiner Hand nichts als Geld. Hier
tritt das Kapital in seiner Geldhülle auf.
II. Mit diesem Geldvorrat
marschiert er (natürlich nicht er selbst; dazu gibt es Telefon
oder Telegraf) auf den Markt. Hier erfolgt der Einkauf der
Produktionsmittel und der Arbeitskraft. In die Fabrik kehrt der
Kapitalist ohne Geld, dafür aber mit Arbeitern, Maschinen,
Rohstoffen und Heizmaterial zurück. Jetzt sind alle diese Dinge
keine Waren mehr. Sie haben aufgehört Waren zu sein: sie werden
nicht weiterverkauft. Das Geld verwandelte sich in
Produktionsmittel und Arbeitskraft; die Geldhülle ist abgeworfen;
das Kapital steht vor uns in der Form des Industriekapitals.
Dann beginnt die Arbeit. Die
Maschinen bewegen sich, die Räder rotieren, die Hebel laufen, die
Arbeiter und Arbeiterinnen triefen von Schweiß, die Maschinen
werden abgenützt, die Rohstoffe verbraucht, die Arbeitskraft wird
ausgenützt.
III. Dann verwandeln sich alle
Rohstoffe, alle abgenützten Maschinenteile, verwandelt sich die
Arbeitskraft, die Arbeit erzeugt, langsam in Warenmassen. Da
verlässt die stoffliche Hülle des Fabrikzubehörs wieder das
Kapital und das Kapital erscheint als ein Warenhaufen. Das ist das
Kapital in seiner Warenform. Aber jetzt, nach der
Produktion, hat es nicht nur seine Hülle gewechselt. Es wurde in
seinem Werte größer, denn es verwehrte sich während der
Produktionsdauer um den Mehrwert.
IV. Der Kapitalist lässt aber die
Waren nicht für den eigenen Bedarf, sondern für den Markt, für den
Verkauf erzeugen. Das, was in seinem Lager angehäuft wurde, muss
verkauft werden. Zuerst ging der Kapitalist auf den Markt als
Käufer. Jetzt muss er als Verkäufer hingehen. Im Anfange hatte er
Geld in der Hand und wollte waren (Arbeitsmittel) bekommen. Jetzt
hat er Waren in der Hand und will Geld erhalten. Wenn seine Ware
verkauft wird, so springt das Kapital wieder aus der Warenform
in die Geldform über. Nur ist die Geldmenge, die der
Kapitalist bekommt, eine andere, als er ursprünglich ausgegeben
hat, weil sie um den Betrag des ganzen Mehrwertes größer ist.
Damit ist aber die Bewegung des
Kapitals noch nicht abgeschlossen. Das vergrößerte Kapital wird
wieder in Bewegung gesetzt und erhält noch eine größere Menge des
Mehrwertes. Dieser Mehrwert wird teilweise zum Kapital
zugeschlagen und beginnt einen neuen Kreislauf usw. Das Kapital
rollt wie ein Schneeball immer weiter und weiter, und mit jeder
Umdrehung bleibt eine immer größere Menge des Mehrwertes an ihm
haften. Das heißt, die kapitalistische Produktion wächst und
breitet sich aus.
So saugt das Kapital den Mehrwert
aus der Arbeiterklasse heraus und verbreitet sich überall. Sein
rasches Wachsen ist aus seinen besonderen Eigenschaften zu
erklären. Ausbeutung einer Klasse durch die andere gab es ja auch
früher. Nehmen wir aber z.B. einen Gutsbesitzer während der
Leibeigenschaft oder einen Sklavenhalter des Altertums an. Sie
ritten auf ihren Leibeigenen und Sklaven. Nur wurde alles, was
jene erzeugten, entweder von diesen selbst oder von deren Hofstaat
und ihren zahlreichen Schmarotzern verzehrt, ausgetrunken,
verbraucht. Die Warenproduktion war sehr schwach entwickelt. Es
konnte nirgends verkauft werden. Wenn die Grundbesitzer
und Sklavenhalter, ihre Leibeigenen oder Sklaven gezwungen hätten,
Berge von Brot, Fleisch, Fischen usw. zu erzeugen, so wäre das
alles verfault. Die Produktion beschränkte sich damals
auf die Befriedigung der Magenbedürfnisse des Grundbesitzers und
seiner Sippe. Ganz anders ist es unter dem Kapitalismus. Da wird
nicht zur Befriedigung der Bedürfnisse produziert, sondern um
des Profites willen. Hier wird die Ware erzeugt, um sie zu
verkaufen, um eine Lösung zu erzielen, um Profite anhäufen
zu können. Je mehr Profit, desto besser. Daher diese wahnsinnige
Jagd der Kapitalistenklasse nach Profit. Diese Gier kennt keine
Grenzen. Sie ist die Achse, die wichtigste Triebfeder der
kapitalistischen Produktion.
staat
Der kapitalistische Staat
Die kapitalistische Gesellschaft
ist, wie wir gesehen haben, auf der Ausbeutung der Arbeiterklasse
aufgebaut. Eine kleine Gruppe von Menschen beherrscht Alles; die
Mehrheit der Arbeiter besitzt nichts. Die Kapitalisten befehlen.
Die Arbeiter gehorchen. Die Kapitalisten beuten aus. Die Arbeiter
werden ausgebeutet. Das ganze Wesen der kapitalistischen
Gesellschaft besteht eben in dieser schonungslosen, immer
wachsenden Ausbeutung.
Die kapitalistische Produktion
ist eine wirksame Pumpe zur Ausschöpfung des Mehrwertes. Wodurch
erhält sich bis zu einer gewissen Zeit diese Pumpe? Auf welche Art
und Weise dulden die Arbeiter diese Ordnung der Dinge?
Auf diese Frage ist es nicht
leicht, sofort eine Antwort zu geben. Im allgemeinen handelt es
sich aber dabei um zwei Ursachen: erstens um die Organisiertheit
und Macht in den Händen der Kapitalistenklasse: zweitens darum,
dass die Bourgeoisie häufig die Gehirne der Arbeiterklasse
beherrscht.
Als sicherstes Mittel dient der
Bourgeoisie dabei ihre Staatsorganisation. In allen
kapitalistischen Ländern ist der Staat nichts anderes als eine
Vereinigung der Unternehmer. Nehmen wir irgendein beliebiges
Land: England oder die Vereinigten Staaten, Frankreich oder Japan
her. Minister, hohe Beamte, Abgeordnete sind überall die gleichen
Kapitalisten, Grundbesitzer, Werksunternehmer, Bankiers oder ihre
treuen, gut bezahlten Diener, die ihnen nicht aus Furcht, sondern
aus Gewissenhaftigkeit dienen: Advokaten: Bankdirektoren,
Professoren, Generäle, Erzbischöfe und Bischöfe.
Die Vereinigung aller dieser der
Bourgeoisie angehörenden Leute, die das ganze Land umfasst und es
in ihren Händen hält, heißt Staat. Diese Organisation der
Bourgeoisie hat zwei Ziele: Erstens – und das ist die Hauptsache –
die Unruhen und Aufstände der
Arbeiter zu unterdrücken, die ruhige Auspressung des Mehrwertes
aus der Arbeiterklasse zu sichern und die Befestigung der
kapitalistischen Produktionsweise zu ermöglichen, und
zweitens andere ähnliche Organisationen (d.h. andere bürgerliche
Staaten) wegen der Verteilung des herausgepressten Mehrwertes zu
bekämpfen. Der kapitalistische Staat ist also eine
Unternehmervereinigung, die die Ausbeutung sichert. Einzig und
allein die Interessen des Kapitals leiten die Tätigkeit dieser
Räubervereinigung.
(…)
Der kapitalistische Staat ist
nicht nur die größte und mächtigste Organisation der Bourgeoisie,
er ist gleichzeitig auch die komplizierteste
Organisation, die zahlreiche Abteilungen besitzt, von denen nach
allen Richtungen Fühler ausgestreckt werden. Und all das dient dem
Hauptzweck: dem Schutz, der Befestigung und Erweiterung der
Ausbeutung der Arbeiterklasse. Gegen die Arbeiterklasse
stehen sowohl die Mittel des brutalen Zwanges, als auch der
geistigen Versklavung zur Verfügung; sie bilden eben die
wichtigsten Organe des kapitalistischen Staates.
Von den Mitteln der brutalen
Gewalt müssen vor allem die Armee, Polizei und Gendarmerie,
die Gefängnisse und Gerichte und ihre Hilfsorgane verzeichnet
werden: Spione, Lockspitzel, die Organisation der Streikbrecher
und bezahlter Mörder usw.
Die Armee des kapitalistischen
Staates ist auf besondere Art organisiert. An der Spitze steht die
Körperschaft der Offiziere, „der Goldaufschläge“. Sie werden aus
den Reihen der Söhne der adeligen Gutsbesitzer, der
Großbourgeoisie und zum Teil auch der Intellektuellen angeworben.
Das sind die erbittertsten Feinde des Proletariats, die bereits in
ihren Knabenjahren in besonderen Schulen unterrichtet wurden (bei
uns in den Kadettenkorps und den Junkerschulen) wie man Soldaten
ohrfeigt, wie man „die Ehre des Offiziersrockes“ wahrt, d.h. wie
man die Soldaten in vollständiger Sklaverei hält und sie zu
Schachfiguren verwandelt. die Allerwürdigsten der Adeligen und
Großbourgeoisie sind Generäle, Admiräle von Rang, mit Orden und
Bändern.
Die Offiziere stammen auch nicht
aus den armen Klassen. Sie halten die ganze Masse der Soldaten
in ihren Händen. Und die Soldaten werden so bearbeitet, dass
sie auch nicht zu fragen wagen, wofür sie zu kämpfen haben,
sondern „mit beiden Augen auf die Obrigkeit starren“. Eine
derartige Armee ist in erster Linie zur Zügelung der Arbeiter
bestimmt.
(…)
Polizei und Gendarmerie.
Der kapitalistische Staat besitzt, außer der regulären Armee, noch
eine Armee ausgesuchter Schurken und ein besonders abgerichtetes
Militär, eigens eingeübt zum Kampf gegen die Arbeiter. Diese
Institutionen (z.B. die Polizei) haben zwar auch den Kampf gegen
Diebstahl und den Schutz der sogenannten „persönlichen und
materiellen Sicherheit der Bürger zum Ziele“ aber gleichzeitig
werden sie auch ausgehalten zum Herausholen, zur Verfolgung und
Bestrafung unzufriedener Arbeiter. (…) Besonders brutal arbeitet
in allen kapitalistischen Staaten die Geheimpolizei und das
Gendarmeriekorps. (…) Zusammen mit ihnen arbeiten auch eine Menge
Spitzel, Provokateure, Geheimspione, Streikbrecher u. dgl.
(…)
Das Gericht des
Bourgeoisiestaates ist ein Mittel des Klassenselbstschutzes der
Bourgeoisie; in erster Linie rechnet es mit denen ab, die es
wagen, an dem kapitalistischen Eigentum oder der kapitalistischen
Gesellschaftsordnung zu rütteln. Dieses Gericht verurteilte
Liebknecht zur Zwangsarbeit, Liebknechts Mörder dagegen wurden
freigesprochen. Die staatlichen Gefängnisbehörden
vollführten diese Abrechnung genau so wie die Scharfrichter des
bürgerlichen Staates. Nicht gegen die Reichen, sondern gegen die
Armen ist ihre Spitze gerichtet.
So sehen die Einrichtungen des
kapitalistischen Staates aus, die die unmittelbare brutale
Unterdrückung der Arbeiterklasse zur Aufgabe haben. Von den
Mitteln der geistigen Versklavung der Arbeiterklasse, die
dem Kapitalistenstaate zur Verfügung stehen, wären noch als die
drei wichtigsten zu erwähnen: die staatliche Schule, die
staatliche Kirche und die staatliche oder vom bürgerlichen
Staate unterstützte Presse.
Die Bourgeoisie versteht sehr
wohl, dass sie mit bloßer Gewalt die Arbeitermassen nicht
überwältigen kann. Es ist nötig, auch die Gehirne der Massen von
allen Seiten mit einem dünnen Spinngewebe zu umspinnen. Der
bürgerliche Staat betrachtet die Arbeiter als ein Arbeitsvieh: es
ist nötig, dass dieses Vieh arbeitet, aber es darf nicht beißen.
Deshalb wird es nicht nur gepeitscht und erschossen, sobald es
beißt, sondern auch dressiert, gezähmt, wie es besonders Leute in
den Menagerien tun. Genau so züchtet auch der Kapitalistenstaat
Fachleute für Verblödung, Verdummung und Bändigung des
Proletariats: bürgerliche Lehrer und Professoren, Pfaffen und
Bischöfe, bürgerliche Skribenten und Zeitungsmacher. In der Schule
lehren diese Fachleute die Kinder schon in den jüngsten Jahren dem
Kapital zu gehorchen, „die Rebellen“ zu verachten und zu hassen;
den Kindern werden verschiedene Märchen von der Revolution und der
revolutionären Bewegung aufgetischt, die Kaiser, Könige,
Industrielle usw. werden verherrlicht; die Pfaffen, die vom Staate
ihren Sold beziehen, predigen in den Kirchen das Gebot „es gibt
keine Gewalt, die nicht von Gott wäre“; die bürgerlichen Blätter
trompeten in beide Ohren tagaus tagein diese bourgeoise Lüge
(Arbeiterzeitungen werden vom kapitalistischen Staate gewöhnlich
unterdrückt). Ist es denn unter solchen Umständen für den Arbeiter
leicht aus diesem Sumpf herauszukommen? ... Ein deutscher
imperialistischer Räuber schrieb: „Wir
brauchen nicht nur die Beine der Soldaten, sondern auch ihre
Gehirne und Herzen.“
Der bürgerliche Staat ist auch bestrebt, die Arbeiterklasse zu
einem Haustier zu erziehen, welches wie ein Pferd
arbeiten, Mehrwert erzeugen und stiller als Wasser sein soll.
Auf diese Art sichert sich der
kapitalistische Staat seine Entwicklung. Die Ausbeutungsmaschine
bewegt sich. Aus der Arbeiterklasse wird unaufhörlich Mehrwert
herausgepresst. Und der kapitalistische Staat steht Wache und
passt auf, dass sich die Lohnsklaven nicht empören.
widerspruch
Die Widersprüche der kapitalistischen
Gesellschaftsordnung
Jetzt ist es notwendig, zu
untersuchen, ob die kapitalistische, bürgerliche Gesellschaft gut
aufgebaut ist. Jede Sache ist nur dann fest und gut, wenn alle
ihre Teile zu einander passen. Nehmen wir einen Uhrmechanismus. Er
arbeitet richtig und ohne Störung. erst dann, wenn ein Rad dem
anderen, Zahn für Zahn, angepasst ist.
Betrachten wir jetzt die
kapitalistische Gesellschaft. Da werden wir ohne Mühe bemerken,
dass die kapitalistische Gesellschaft lange nicht so fest
aufgebaut ist, wie es scheint, im Gegenteil, sie weist sehr große
Widersprüche und gewaltige Sprünge auf. Vor allem gibt es unter
dem Kapitalismus keine organisierte Produktion und Verteilung
der Produkte, sondern eine „Anarchie der Produktion“. Was
heißt das? Das heißt, dass jeder kapitalistische Unternehmer (oder
jede Kapitalistenvereinigung) unabhängig von dem Andern Waren
erzeugt. Nicht die ganze Gesellschaft berechnet, wieviel und was
sie braucht, sondern die Fabrikanten lassen ganz einfach mit der
Berechnung erzeugen, einzig mehr Profit zu bekommen und ihre
Gegner auf dem Markte zu schlagen. Deshalb kommt es manchmal vor,
dass zuviel Waren erzeugt werden (es handelt sich natürlich um die
Vorkriegszeit), sie können nirgends abgesetzt werden (die Arbeiter
können nicht kaufen: sie haben nicht genügend Geld). Dann tritt
eine Krise ein: die Fabriken werden geschlossen, die,
Arbeiter aufs Pflaster gesetzt. Die Anarchie der Produktion zieht
den Kampf auf dem Markt nach sich: jeder will dem anderen
die Käufer abfangen, sie auf seine Seite ziehen, den Markt
erobern. Dieser Kampf nimmt verschiedene Formen, verschiedene
Gestalten an; er beginnt mit dem Kampf zweier Fabrikanten
untereinander und schließt mit dem Weltkriege zwischen den
kapitalistischen Staaten um die Verteilung der Märkte in der
ganzen Welt ab. Da erfolgt nicht nur kein Ineinandergreifen der
Bestandteile der kapitalistischen Gesellschaft, sondern ein
direkter Zusammenstoß derselben.
Der erste Grund der
Zerfahrenheit des Kapitalismus liegt also in der Anarchie der
Produktion, was in den Krisen, der Konkurrenz und den Kriegen zum
Ausdruck kommt.
Der zweite Grund der
Zerfahrenheit der kapitalistischen Gesellschaft liegt im
Klassenaufbau. Im
Grunde genommen ist doch die kapitalistische Gesellschaft nicht
einheitlich, sondern in zwei Gesellschaften gespalten: die
Kapitalisten – einerseits, die Arbeiter und die Armut –
andererseits. Sie befinden sich in ständiger, unversöhnlicher, nie
aufhörender Feindschaft, deren Ausdruck der Klassenkampf ist. Auch
hier sehen wir, dass die verschiedenen Teile der kapitalistischen
Gesellschaft nicht nur einander nicht angepasst sind, sondern
umgekehrt, sich in ununterbrochenem Gegensatz befinden. |