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Nikolai Bucharin/Jewgeni Preobraschenski:

Die kapitalistische Gesellschaftsordnung

(Auszug aus: "Das ABC des Kommunismus", 1920, I. Kapitel, § 6 - § 13)

 

Warenwirtschaft

Wenn wir uns die Wirtschaft näher betrachten, wie sie sich unter der Herrschaft des Kapitalismus entwickelt hat, so werden wir vor allem sehen, dass in derselben Waren erzeugt werden. Nun, was ist denn dabei bemerkenswert? wird jemand fragen. Das Bemerkenswerte besteht hier darin, dass die Ware nicht einfach ein beliebiges Produkt ist, sondern ein Produkt, welches für den Markt erzeugt wird.

Ein Produkt ist keine Ware, solange es für den eigenen Bedarf erzeugt wird. Wenn der Bauer Korn anbaut, die Ernte einbringt, dann drischt, das Korn vermahlt und für sich Brot bäckt, so ist dieses Brot noch keine Ware: es ist einfach Brot.

Zur Ware wird es nur dann werden, wenn es gekauft und verkauft werden wird, d.h. für den Käufer, für den Markt erzeugt werden wird: wer es kaufen wird, dem wird es gehören.

In der kapitalistischen Gesellschaftsordnung werden alle Produkte für den Markt erzeugt, sie werden alle zu Waren. Jede Fabrik, jedes Werk oder jede Werkstätte erzeugen gewöhnlich nur irgendein bestimmtes Produkt, und jeder wird leicht begreifen, dass hier die Ware nicht für den eigenen Bedarf erzeugt wird. Wenn der Besitzer einer Leichenbestattungs-Unternehmung eine Werkstatt zur Erzeugung von Särgen betreibt, so ist es klar, dass er diese Särge nicht für sich und ihre Familie erzeugt, sondern für den Markt. Wem der Fabrikant Ricinusöl erzeugt, so ist es wiederum klar, dass, wenn er auch jeden Tag an Verdauungsstörung leiden würde, er auch kaum den geringsten Teil jenes Quantum an Ricinusöl verbraucht, welches seine Fabrik erzeugt. Ganz genau so steht es unter dem Kapitalismus auch mit allen anderen beliebigen Produkten.

In einer Knopffabrik werden Knöpfe erzeugt, aber diese Millionen von Knöpfen werden nicht darum fabriziert, damit sie an die Weste des Knopffabrikanten angenäht werden, sondern zum Verkauf. Alles, was in der kapitalistischen Gesellschaft erzeugt wird, wird für den Markt erzeugt; dorthin kommen auch Handschuhe und gekochte Wurst, Bücher und Schuhpasta, Maschinen und Schnaps, Brot, Stiefel und Gewehre, – kurz, alles was erzeugt wird.

Die Warenwirtschaft setzt unbedingt das Privateigentum voraus. Der Handwerker und Gewerbetreibende, der Waren erzeugt, besitzt seine Werkstatt und seine Werkzeuge; der Fabrikant und Werksbesitzer – seine Fabrik und sein Werk mit allen Bauten, Maschinen und sonstigem Gut. Und sobald es ein Privateigentum und eine Warenwirtschaft gibt, so gibt es auch immer einen Kampf um den Käufer, oder eine Konkurrenz unter den Verkäufern. Als es noch keine Fabrikanten, Werksbesitzer und Großkapitalisten gab, sondern bloß arbeitende Handwerker, führten auch diese untereinander einen Kampf um den Käufer. Und wer kräftiger und geschickter war, wer bessere Werkzeuge besaß, besonders aber wer Kleingeld erspart hatte, der kam immer empor, gewann für sich die Kunden, richtete die anderen Handwerker zugrunde und kam selbst in die Höhe. Das kleine Arbeitseigentum und die auf ihm begründete Warenwirtschaft bargen also in sich den Keim des Großgrundbesitzes und richteten Viele zugrunde.

Als erstes Merkmal der kapitalistischen Gesellschaftsordnung erscheint also die Warenwirtschaft, d.h. eine Wirtschaft, die für den Markt erzeugt.

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monopol

Monopolisierung der Produktionsmittel durch die Kapitalistenklasse

Zur Charakteristik des Kapitalismus genügt es nicht, eines der Merkmale der Warenwirtschaft anzuführen. Es kann eine derartige Warenwirtschaft geben, ohne dass es Kapitalisten gibt, wie z.B. die Wirtschaft der arbeitenden Handwerker. Sie arbeiten für den Markt und verkaufen ihre Erzeugnisse; diese Produkte sind also Waren und die ganze Produktion ist eine Warenproduktion. Und trotzdem ist diese Warenwirtschaft noch keine kapitalistische, sondern eine bloße einfache Warenproduktion. Damit diese einfache Warenproduktion zur kapitalistischen wird, müssen einerseits die Produktionsmittel (Werkzeuge, Maschinen, Gebäude, Grund und Boden usw.) sich in das Eigentum einer kleinen Klasse reicher Kapitalisten verwandeln, andererseits zahlreiche selbständige Handwerker und Bauern untergehen und zu Arbeitern werden.

Wir haben bereits gesehen, dass die einfache Warenwirtschaft in sich den Keim des Untergangs der einen und der Bereicherung der Anderen trägt. Dies ist auch zur Tatsache geworden. In allen Ländern sind die arbeitenden Handwerker und die kleinen Meister größtenteils zugrunde gegangen. Derjenige, der ärmer war, verkaufte zuletzt sein „Zeug“, wurde aus einem Meister zu einem Menschen, der nichts als ein Paar Hände besitzt. Diejenigen aber, die etwas reicher waren, wurden noch reicher; sie bauten ihre Werkstätten um, erweiterten sie, stellten bessere Bänke, später auch Maschinen auf, begannen viele Arbeiter einzustellen und verwandelten sich zu Fabrikanten.

Langsam geriet in die Hände dieser Reichen alles, was für die Produktion notwendig ist: Fabriksgebäude, Rohstoffe, Warenlager und Magazine, Häuser, Werke, Erzlager, Eisenbahnen, Dampfschiffe, – kurz, alles, was für die Produktion unentbehrlich ist. Alle diese Produktionsmittel wurden das ausschließliche Eigentum der Kapitalistenklasse (oder, wie man sagt, – „Monopol“ der Kapitalistenklasse).

Ein kleines Häuflein Reicher beherrscht alles; die Mehrzahl der Armen besitzt nur die Arbeitskraft. Dieses Monopol der Kapitalistenklasse auf die Produktionsmittel ist das zweite Merkmal der kapitalistischen Gesellschaftsordnung.

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lohnarbeit

Lohnarbeit

Die zahlreiche Klasse der Menschen, die ohne jedes Eigentum geblieben sind, hat sich zu Lohnarbeitern des Kapitals verwandelt. Was sollte auch der verarmte Bauer oder Handwerker beginnen? Er konnte sich entweder als Knecht beim Kapitalisten-Gutsbesitzer verdingen oder in die Stadt gehen und dort in eine Fabrik oder ein Werk in Lohn eintreten. Einen anderen Ausweg gab es nicht. So entstand die Lohnarbeit – das dritte Merkmal der kapitalistischen Gesellschaftsordnung.

Was ist denn Lohnarbeit? Früher, als es Leibeigene oder Sklaven gab, konnte man jeden Leibeigenen oder Sklaven kaufen oder verkaufen. Menschen mit Haut, Haaren, Beinen und Armen waren Privateigentum des Herren. Der Herr prügelte im Stall seinen Leibeigenen zu Tode, genau so, wie er z.B. im Rausch einen Sessel oder Lehnstuhl zu zertrümmern pflegte. Der Leibeigene oder der Sklave war einfach ein Ding. Die alten Römer teilten auch tatsächlich alles Herrengut, das für die Produktion notwendig war, in „stumme Arbeitsmittel“ (Sachen), „halbsprechende Arbeitsmittel“ (Arbeitsvieh, Schafe, Kühe, Ochsen usw., kurz, solche die nur Laute von sich geben konnten) „sprechende Arbeitsmittel“ (Sklaven, Menschen) ein. Die Schaufel, der Ochs und der Sklave waren für den Herren im gleichen Maße Arbeitsmittel, welche er verkaufen, kaufen, zerstören und vernichten konnte.

In der Lohnarbeit wird der Mensch selbst weder gekauft noch verkauft. Gekauft und verkauft wird nur seine Arbeitskraft, seine Arbeitsfähigkeit, nicht er selbst. Der Lohnarbeiter ist persönlich frei; der Fabrikant kann ihn nicht im Stall prügeln oder seinem Nachbar verkaufen, noch ihn gegen einen jungen Jagdhund eintauschen, was unter der Leibeigenschaft möglich war. Der Arbeiter wird bloß aufgedungen. Anscheinend sieht es sogar aus, wie wenn Kapitalist und Arbeiter gleich wären: „willst du nicht – so arbeite nicht, niemand zwingt dich dazu,“ so sagen die Herren Fabrikanten. Sie behaupten sogar, die Arbeiter zu ernähren, indem sie ihnen Arbeit geben.

Tatsächlich befinden sich aber Arbeiter und Kapitalisten nicht in gleichen Bedingungen. Die Arbeiter sind durch den Hunger angekettet. Der Hunger zwingt sie, sich zu verdingen, d.h. ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Der Arbeiter hat keinen anderen Ausweg, er kann nichts anderes wählen. Mit den bloßen Händen allein kann keine „eigene“ Produktion betrieben werden: versuche es einmal, ohne Maschinen und Werkzeuge Stahl zu schmieden oder zu weben oder Waggons zu bauen! Selbst der ganze Grund und Boden befindet sich unter dem Kapitalismus in privaten Händen: es ist unmöglich, irgendwo stehen zu bleiben, um eine Wirtschaft zu führen. Die Freiheit des Arbeiters, seine Arbeitskraft zu verkaufen, die Freiheit für den Kapitalisten sie zu kaufen, die „Gleichheit“ des Kapitalisten und Arbeiters – all das ist in der Tat eine Hungerkette, die für den Kapitalisten zu arbeiten zwingt.

Sonach besteht das Wesen der Lohnarbeit im Verkaufe der Arbeitskraft oder in der Verwandlung der Arbeitskraft zu Ware. In der einfachen Warenwirtschaft, von der früher die Rede war, konnte man am Markt Milch, Brot, Stoffe, Stiefel usw. finden, aber keine Arbeitskraft. Die Arbeitskraft wurde nicht verkauft. Ihr Eigentümer, der Handwerker, besaß außer ihr noch ein Häuschen und Werkzeuge. Er arbeitete selbst, führte seine Arbeitswirtschaft, setzte seine eigene Arbeitskraft in seiner eigenen Wirtschaft in Bewegung.

Ganz anders ist es unter dem Kapitalismus. Der hier arbeitet, besitzt keine Produktionsmittel; er kann seine Arbeitskraft nicht in seiner eigenen Wirtschaft verwenden. Er muss, um nicht vor Hunger zu sterben, seine Arbeitskraft dem Kapitalisten verkaufen. Neben dem Markt, wo Baumwolle, Käse oder Maschinen verkauft werden, entsteht nun der Arbeitsmarkt, wo die Proletarier, d.h. Lohnarbeiter, ihre Arbeitskraft verkaufen.

Folglich unterscheidet sich die kapitalistische Wirtschaft von der einfachen Warenwirtschaft dadurch, dass in der kapitalistischen Wirtschaft auch die Arbeitskraft selbst zur Ware wird. Als drittes Merkmal der kapitalistischen Gesellschaftsordnung erscheint also die Lohnarbeit.

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produktion

Kapitalistische Produktionsverhältnisse

Als Kennzeichen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung erscheinen also 3 Merkmale: die Erzeugung für den Markt (Warenproduktion); die Monopolisierung der Produktionsmittel durch die Kapitalistenklasse; Lohnarbeit, d.h. Arbeit, gegründet auf dem Verkauf der Arbeitskraft.

Alle diese Merkmale stehen in Verbindung mit der Frage, in welche Beziehungen die Menschen zueinander treten, wenn sie Produkte erzeugen und verteilen. Was bedeutet es, wenn gesagt wird, „Warenwirtschaft“ oder „Produktion für den Markt“? Es bedeutet, dass die Menschen für einander arbeiten, doch erzeugt jeder in seiner Wirtschaft für den Markt ohne vorher zu wissen, wer ihm seine Ware abkaufen wird. Nehmen wir z.B. den Handwerker A und den Bauern B an. Der Handwerker A trägt die von ihm gemachten Stiefel auf den Markt und verkauft sie an B; für das erhaltene Geld kauft er beim B Brot. Als A zu Markte ging, wusste er nicht, dass er dort dem B begegnen werde und B wusste nicht, dass er dort mit A zusammentreffen werde; sowohl der eine, wie der andere ging einfach auf den Markt. Als A das Brot und B die Stiefel gekauft hatte, sah es so aus, wie wenn B für den A gearbeitet hätte und umgekehrt A für den B, nur war es nicht gleich zu merken. Das Marktgetümmel verbirgt es, dass sie eigentlich einer für den anderen arbeiten und als ob einer ohne den anderen nicht leben könnte. In der Warenwirtschaft arbeiten die Menschen füreinander, bloß unorganisiert und unabhängig voneinander, ohne selbst zu wissen, dass sie aufeinander angewiesen sind. In der Warenproduktion sind also die Rollen der Menschen auf eine besondere Art verteilt, stehen die Menschen in bestimmten Beziehungen zueinander; hier handelt es sich also um die gegenseitigen Beziehungen der Menschen.

Wenn man von der „Monopolisierung der Produktionsmittel“ oder „der Lohnarbeit“ spricht, so handelt es sich ebenfalls um die gegenseitigen Beziehungen der Menschen. Und in der Tat, was bedeutet diese „Monopolisierung“? Sie bedeutet, dass die Menschen unter der Bedingung Waren erzeugen, dass die Arbeitenden mit fremden Produktionsmitteln arbeiten; dass die Produzierenden den Besitzern dieser Produktionsmittel, d.h. den Kapitalisten, unterworfen sind, usw. Kurz, auch hier handelt es sich um die gegenseitigen Beziehungen der Menschen in der Erzeugung von Produktion. Diese Beziehungen der Menschen untereinander während (im Verlauf) der Produktion nennt man Produktionsverhältnisse.

Es ist nicht schwer einzusehen, dass die Produktionsverhältnisse nicht immer gleich waren. Früher einmal, vor sehr langer Zeit, lebten die Menschen in kleinen Gemeinden; Sie arbeiteten kameradschaftlich gemeinsam (jagten, fischten, sammelten Obst und Wurzeln) und teilten dann alles untereinander. Das ist die eine Art der Produktionsverhältnisse. Als die Sklaverei existierte, da waren andere Produktionsverhältnisse vorherrschend. Unter dem Kapitalismus wieder andere usw. Demnach gibt es verschiedene Arten der Produktionsverhältnisse. Diese Arten der Produktionsverhältnisse nennt man den ökonomischen Aufbau (Struktur) der Gesellschaft oder die Produktionsweise.

„Die kapitalistischen Produktionsverhältnisse“, oder was dasselbe ist, „die kapitalistische Struktur der Gesellschaft“, oder, „die kapitalistische Produktionsweise“ – das sind die Beziehungen der Menschen in der Warenwirtschaft, in dem Monopolbesitz der Produktionsmittel seitens eines kleinen Häufleins von Kapitalisten und in der Lohnarbeit der Arbeiterklasse.

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ausbeutung

Ausbeutung der Arbeitskraft

Es entsteht die Frage, wozu und warum die Kapitalistenklasse Arbeiter aufnimmt. Jeder weiß, dass es durchaus nicht darum geschieht, weil die Fabrikanten die hungrigen Arbeiter füttern wollen, sondern weil sie aus denselben Profit herauspressen wollen. Des Profites wegen baut der Fabrikant seine Fabrik, des Profites wegen nimmt er Arbeiter auf, dem Profite zuliebe schnüffelt er überall herum, wo teurer gezahlt wird. Der Profit bewegt alle seine Absichten. Darin äußert sich auch ein sehr interessanter Zug der kapitalistischen Gesellschaft. Hier erzeugt ja nicht die Gesellschaft selbst, was sie braucht und was ihr nützlich ist, sondern die Kapitalistenklasse zwingt die Arbeiter, zu erzeugen, wofür mehr gezahlt wird, wovon ein größerer Profit zu erzielen ist. Schnaps z.B. ist ein sehr schädliches Ding, und Spiritus sollte nur für technische Zwecke und für Medikamente erzeugt werden. Doch in der ganzen Welt werfen sich die Kapitalisten mit aller Macht auf seine Erzeugung. Warum? Weil man aus der Trunksucht des Volkes einen großen Profit heraus schlagen kann.

Nun müssen wir uns klar werden, wie der Profit entsteht. Zu diesem Zwecke wollen wir die Frage, eingehender betrachten. Der Kapitalist erhält den Profit in Gestalt des Geldes, wenn er die in seiner Fabrik erzeugten Waren verkauft. Wieviel Geld bekommt er für seine Ware? Das hängt von dem Preise der Ware ab. Nun entsteht die Frage: wodurch wird dieser Preis bestimmt? Warum ist der Preis der einen Ware hoch, der anderen niedrig? Es ist nicht schwer zu erkennen, dass, nachdem in irgendeinem Produktionszweig neue Maschinen eingeführt wurden und die Arbeit dabei ergiebiger, oder, wie man sagt, leistungsfähiger wurde, auch die Preise der Waren sinken. Ist umgekehrt die Produktion erschwert und werden weniger Waren erzeugt, ist die Arbeit weniger ergiebig oder weniger leistungsfähig, steigen die Preise der Waren.

Muss die Gesellschaft im Durchschnitt viel Arbeit aufwenden, um ein Stück Ware hervorzubringen, so steht der Preis der Ware hoch: ist wenig Arbeit verbraucht worden, steht der Preis der Ware niedrig. Die Menge der bei mittlerer Höhe der Technik (d.h. weder bei den allerbesten, noch bei den allerschlechtesten Maschinen und Werkzeugen) aufgewendeten gesellschaftlichen Arbeit zur Erzeugung der Ware bestimmt den Wert dieser Ware. Jetzt sehen wir, dass der Preis durch den Wert bestimmt ist. In der Wirklichkeit ist der Preis bald höher, bald tiefer als der Wert, doch können wir der Einfachheit halber annehmen, dass es eines und dasselbe ist.

Nun erinnern wir uns, was wir von der Aufnahme der Arbeiter sagten. Die Aufnahme der Arbeiter ist ein Verkauf einer besonderen Ware, die den Namen „Arbeitskraft“ trägt. Ist die Arbeitskraft einmal Ware geworden, so gilt für sie alles das, was für alle anderen Waren gilt. „Hast dich Pilz genannt, so steige in den Korb.“ Wenn der Kapitalist den Arbeiter aufdingt, so bezahlt er ihm den Preis für seine Arbeitskraft (oder, der Einfachheit halber ihren Wert). Wodurch ist dieser Wert bestimm? Wir haben gesehen, dass der Wert aller Waren durch die Menge der Arbeit bestimmt wird, die zu ihrer Erzeugung verwendet wurde. Dasselbe gilt auch für die Arbeitskraft. Was versteht man aber unter Erzeugung der Arbeitskraft? Die Arbeitskraft wird ja nicht in einer Fabrik hergestellt, sie ist ja kein Leinen, keine Schuhwachse, keine Maschine. Wie ist es nun zu verstehen? Es genügt, das gegenwärtige Leben unter dem Kapitalismus anzusehen, um zu begreifen, um was es sich handelt. Nehmen wir an, die Arbeiter haben gerade Feierabend gemacht. Sie sind erschöpft, alle Säfte sind aus ihnen ausgepresst, sie können nicht mehr arbeiten. Ihre Arbeitskraft ist beinahe verbraucht. Was ist notwendig, um sie wiederherzustellen? Essen, ausruhen, schlafen, den Organismus stärken und auf diese Weise „die Kräfte wiederherstellen“. Erst damit wird die Möglichkeit zu arbeiten geschaffen, die Arbeitsfähigkeit oder die Arbeitskraft ist wieder hergestellt. Nahrung, Kleidung, Wohnung usw. – kurz, die Befriedigung der Bedürfnisse des Arbeiters stellen also die Erzeugung der Arbeitskraft dar. Es kommen aber da noch andere Dinge hinzu, wie die Ausgaben für eine eventuelle Lehrzeit, wenn es sich um besonders abgerichtete Arbeiter handelt usw.

Alles, was die Arbeiterklasse verbraucht, um ihre Arbeitskraft zu erneuern, hat einen Wert ... Folglich bilden der Wert der Bedarfsartikel und die Ausgaben für die Lehre den Wert der Arbeitskraft. Verschiedene Waren haben auch verschiedene Werte. Genau so hat jede Art der Arbeitskraft einen anderen Wert. Die Arbeitskraft des Buchdruckers einen andern wie die des Hilfsarbeiters usw.

Nun kehren wir in die Fabrik zurück. Der Kapitalist kauft Rohstoffe, Heizmaterial für die Fabrik, Maschinen und Öl für die Schmierung derselben und andere unentbehrliche Sachen; dann kauft er die Arbeitskraft, „er dingt Arbeiter auf“. Alles bezahlt er in barem Gelde. Es beginnt die Produktion, die Arbeiter arbeiten, die Maschinen laufen, das Heizmaterial verbrennt, das Öl wird verbraucht, das Fabriksgebäude abgenutzt, die Arbeitskraft erschöpft. Dafür kommt aus der Fabrik eine neue Ware heraus. Diese Ware hat, wie alle Waren, einen Wert. Wie hoch ist nun dieser Wert? Erstens hat die Ware in sich den Wert der verbrauchten Produktionsmittel, die für ihre Erzeugung notwendig waren – Rohstoffe, das verbrauchte Heizmaterial, die abgenützten Maschinenteile usw. – eingesogen. All das ist jetzt in den Wert der Ware übergegangen. Zweitens ist darin die Arbeit der Arbeiter enthalten. Wenn 30 Arbeiter an der Herstellung der Ware je 80 Stunden arbeiteten, so verwendeten sie insgesamt 900 Arbeitsstunden; der gesamte Wert der erzeugten Ware wird also bestehen aus dem Werte der aufgebrauchten Materialien (nehmen wir z.B. an, dieser Wert ist gleich 600 Stunden) und aus dem neuen Werte, den die Arbeiter durch ihre Arbeit (900 Stunden) hinzugefügt haben, d.h. er wird gleich sein 600 + 900 Stunden = 1500 Stunden.

Wieviel kostet aber den Kapitalisten diese Ware? Für die Rohstoffe bezahlt er alles, d.h. jenen Geldbetrag, der dem Werte von 600 Stunden Arbeitsstunden entspricht. Und für die Arbeitskraft? Hat er denn die ganzen 900 Stunden bezahlt? Da liegt eben die Lösung des Ganzen. Er bezahlt, laut unserer Annahme, den vollen Wert der Arbeitskraft für die Tage der Arbeit. Wenn 30 Arbeiter 80 Stunden – drei Tage zu 10 Stunden täglich – arbeiten, so bezahlt ihnen der Fabrikant eine Summe, die zur Erneuerung ihrer Arbeitskraft für diese Tage notwendig ist. Wie groß ist aber diese Summe? Die Antwort ist einfach: sie ist bedeutend geringer als der Wert von 900 Stunden. Warum? Weil jene Menge Arbeit, die zur Aufrechterhaltung unserer Arbeitskraft, meiner Arbeitskraft notwendig ist, eine Sache für sich ist; was Anderes ist wieder jene Arbeitsmenge, die ich leisten kann. Ich kann täglich 10 Stunden arbeiten. Verzehren, Kleider verbrauchen usw. kann ich täglich im Großen und Ganzen im Werte von 5 Stunden. Ich kann also viel mehr arbeiten, als an Aufwand zur Aufrechterhaltung meiner Arbeitskraft verbraucht wird. In unserem Beispiel verbrauchen die Arbeiter in drei Tagen Lebensmittel und Kleider im Werte von, sagen wir, 450 Arbeitsstunden, und leisten Arbeit im Werte von 900 Stunden; 450 Stunden verbleiben dem Kapitalisten; sie bilden eben die Quelle seines Profites. Und tatsächlich kostet die Ware den Kapitalisten, wie wir gesehen haben, (600 + 450) = 1050 Stunden, und er verkauft sie um den Wert von (600 + 900) = 1500 Stunden; diese 450 Stunden sind der Mehrwert, der durch die Arbeitskraft geschaffen wird. Die halbe Arbeitszeit (bei 10stündigem Arbeitstag 5 Stunden) arbeiten also die Arbeiter, indem sie das wiederherstellen, was sie für sich selbst verbrauchen, und die andere Hälfte verwenden sie ganz und gar für den Kapitalisten. Betrachten wir nun die ganze Gesellschaft. Uns interessiert ja nicht, was der einzelne Fabrikant oder der einzelne Arbeiter macht. Uns interessiert, wie diese ganze Riesenmaschine eingerichtet ist, deren Name – die kapitalistische Gesellschaft ist. Die Kapitalistenklasse beschäftigt die ihrer Zahl nach ungeheuer große Arbeiterklasse. In Millionen von Fabriksgebäuden, in Schächten, Erzgruben, Wäldern und Feldern arbeiten wie die Ameisen Hunderte Millionen von Arbeitern. Das Kapital bezahlt ihnen ihren Arbeitslohn, den Wert ihrer Arbeitskraft, der ununterbrochen diese Arbeitskraft für den Dienst des Kapitals erneuert. Die Arbeiterklasse bezahlt durch ihre Arbeit nicht nur sich selbst, sondern schafft auch das Einkommen der höheren Klassen, schafft den Mehrwert. In Tausenden von Bächlein fließt dieser Mehrwert in die Taschen der Herrschenden: einen Teil bekommt der Kapitalist selbst – das ist der Unternehmergewinn; einen Teil bekommt der Gutsbesitzer – Landeigentümer, ein Teil gelangt in Form von Steuern in die Hände des kapitalistischen Staates, ein Teil zu den Händlern, Kaufleuten, Krämern, in die Kirchen und Freudenhäuser, zu den Schauspielern und Clowns, den bürgerlichen Skribenten usw. Auf Kosten dieses Mehrwertes leben alle Schmarotzer, die von der kapitalistischen Gesellschaftsordnung gezüchtet werden.

Ein Teil des Mehrwertes wird aber von den Kapitalisten wieder verwendet. Sie schlagen ihn zu ihrem Kapital – das Kapital vergrößert sich. Sie erweitern ihre Unternehmungen. Sie stellen mehr Arbeiter ein. Sie beschaffen bessere Maschinen. Eine größere Arbeiterzahl schafft ihnen einen noch größeren Mehrwert. Die kapitalistischen Unternehmungen werden immer größer und größer. So schreitet das Kapital mit jeder Zeitumdrehung immer weiter vorwärts und vorwärts, Mehrwert anhäufend. Indem das Kapital Mehrwert aus der Arbeiterschaft herauspresst, indem es dieselbe ausbeutet, wächst es ununterbrochen in seiner Größe.

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kapital

Das Kapital

Jetzt sehen wir deutlich, was Kapital ist. Vor allem ist es ein bestimmter Wert, entweder in Form von Geld oder Maschinen, Rohstoffen, Fabriksgebäuden oder aber in Form von fertigen Waren. Nur ist es ein deratiger Wert, der zur Erzeugung eines neuen Wertes, des Mehrwertes dient. Das Kapital ist ein Wert, der den Mehrwert erzeugt. Die kapitalistische Produktion ist die Produktion des Mehrwertes.

In der kapitalistischen Gesellschaft erscheinen die Maschinen und Fabriksbauten als Kapital. Sind aber Maschinen und Gebäude immer Kapital? Selbstredend – nicht. Wenn es eine kameradschaftliche Wirtschaft der ganzen Gesellschaft geben würde, die alles für sich selbst erzeugte, dann würden weder Maschinen, noch Rohstoffe Kapital sein, weil sie keine Mittel zum Herausschlagen von Profit für ein kleines Häuflein reicher Leute darstellen würden. Es ist also so, dass z.B. die Maschinen erst dann Kapital werden, wenn sie Privateigentum der Kapitalistenklasse sind, wenn sie als Bedingung für die Ausbeutung der Lohnarbeit, zur Erzeugung des Mehrwertes gelten. Die Form des Wertes ist dabei gleichgültig: dieser Wert kann in Gestalt runder Scheibchen – Münzen – oder in Papiergeld bestehen, für welches der Kapitalist die Produktionsmittel und die Arbeitskraft kauft; dieser Wert kann auch als Maschinen, mit denen die Arbeiter arbeiten, oder als Rohstoffe, aus denen sie Waren erzeugen, oder als fertige Ware erscheinen, die später verkauft werden wird. Wenn dieser Wert zur Erzeugung des Mehrwertes dient, so ist er Kapital.

Gewöhnlich wechselt das Kapital seine äußere Hülle. Betrachten wir nun, wie diese Umwandlung vor sich geht.

I. Der Kapitalist hat noch keine Arbeitskraft und keine Produktionsmittel gekauft. Er brennt aber darauf, Arbeiter einzustellen, sich mit Maschinen zu versorgen, sich Rohstoffe erster Güte und Kohle in ausreichendem Maße zu beschaffen. Vorläufig hat er in seiner Hand nichts als Geld. Hier tritt das Kapital in seiner Geldhülle auf.

II. Mit diesem Geldvorrat marschiert er (natürlich nicht er selbst; dazu gibt es Telefon oder Telegraf) auf den Markt. Hier erfolgt der Einkauf der Produktionsmittel und der Arbeitskraft. In die Fabrik kehrt der Kapitalist ohne Geld, dafür aber mit Arbeitern, Maschinen, Rohstoffen und Heizmaterial zurück. Jetzt sind alle diese Dinge keine Waren mehr. Sie haben aufgehört Waren zu sein: sie werden nicht weiterverkauft. Das Geld verwandelte sich in Produktionsmittel und Arbeitskraft; die Geldhülle ist abgeworfen; das Kapital steht vor uns in der Form des Industriekapitals.

Dann beginnt die Arbeit. Die Maschinen bewegen sich, die Räder rotieren, die Hebel laufen, die Arbeiter und Arbeiterinnen triefen von Schweiß, die Maschinen werden abgenützt, die Rohstoffe verbraucht, die Arbeitskraft wird ausgenützt.

III. Dann verwandeln sich alle Rohstoffe, alle abgenützten Maschinenteile, verwandelt sich die Arbeitskraft, die Arbeit erzeugt, langsam in Warenmassen. Da verlässt die stoffliche Hülle des Fabrikzubehörs wieder das Kapital und das Kapital erscheint als ein Warenhaufen. Das ist das Kapital in seiner Warenform. Aber jetzt, nach der Produktion, hat es nicht nur seine Hülle gewechselt. Es wurde in seinem Werte größer, denn es verwehrte sich während der Produktionsdauer um den Mehrwert.

IV. Der Kapitalist lässt aber die Waren nicht für den eigenen Bedarf, sondern für den Markt, für den Verkauf erzeugen. Das, was in seinem Lager angehäuft wurde, muss verkauft werden. Zuerst ging der Kapitalist auf den Markt als Käufer. Jetzt muss er als Verkäufer hingehen. Im Anfange hatte er Geld in der Hand und wollte waren (Arbeitsmittel) bekommen. Jetzt hat er Waren in der Hand und will Geld erhalten. Wenn seine Ware verkauft wird, so springt das Kapital wieder aus der Warenform in die Geldform über. Nur ist die Geldmenge, die der Kapitalist bekommt, eine andere, als er ursprünglich ausgegeben hat, weil sie um den Betrag des ganzen Mehrwertes größer ist.

Damit ist aber die Bewegung des Kapitals noch nicht abgeschlossen. Das vergrößerte Kapital wird wieder in Bewegung gesetzt und erhält noch eine größere Menge des Mehrwertes. Dieser Mehrwert wird teilweise zum Kapital zugeschlagen und beginnt einen neuen Kreislauf usw. Das Kapital rollt wie ein Schneeball immer weiter und weiter, und mit jeder Umdrehung bleibt eine immer größere Menge des Mehrwertes an ihm haften. Das heißt, die kapitalistische Produktion wächst und breitet sich aus.

So saugt das Kapital den Mehrwert aus der Arbeiterklasse heraus und verbreitet sich überall. Sein rasches Wachsen ist aus seinen besonderen Eigenschaften zu erklären. Ausbeutung einer Klasse durch die andere gab es ja auch früher. Nehmen wir aber z.B. einen Gutsbesitzer während der Leibeigenschaft oder einen Sklavenhalter des Altertums an. Sie ritten auf ihren Leibeigenen und Sklaven. Nur wurde alles, was jene erzeugten, entweder von diesen selbst oder von deren Hofstaat und ihren zahlreichen Schmarotzern verzehrt, ausgetrunken, verbraucht. Die Warenproduktion war sehr schwach entwickelt. Es konnte nirgends verkauft werden. Wenn die Grundbesitzer und Sklavenhalter, ihre Leibeigenen oder Sklaven gezwungen hätten, Berge von Brot, Fleisch, Fischen usw. zu erzeugen, so wäre das alles verfault. Die Produktion beschränkte sich damals auf die Befriedigung der Magenbedürfnisse des Grundbesitzers und seiner Sippe. Ganz anders ist es unter dem Kapitalismus. Da wird nicht zur Befriedigung der Bedürfnisse produziert, sondern um des Profites willen. Hier wird die Ware erzeugt, um sie zu verkaufen, um eine Lösung zu erzielen, um Profite anhäufen zu können. Je mehr Profit, desto besser. Daher diese wahnsinnige Jagd der Kapitalistenklasse nach Profit. Diese Gier kennt keine Grenzen. Sie ist die Achse, die wichtigste Triebfeder der kapitalistischen Produktion.

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staat

Der kapitalistische Staat

Die kapitalistische Gesellschaft ist, wie wir gesehen haben, auf der Ausbeutung der Arbeiterklasse aufgebaut. Eine kleine Gruppe von Menschen beherrscht Alles; die Mehrheit der Arbeiter besitzt nichts. Die Kapitalisten befehlen. Die Arbeiter gehorchen. Die Kapitalisten beuten aus. Die Arbeiter werden ausgebeutet. Das ganze Wesen der kapitalistischen Gesellschaft besteht eben in dieser schonungslosen, immer wachsenden Ausbeutung.

Die kapitalistische Produktion ist eine wirksame Pumpe zur Ausschöpfung des Mehrwertes. Wodurch erhält sich bis zu einer gewissen Zeit diese Pumpe? Auf welche Art und Weise dulden die Arbeiter diese Ordnung der Dinge?

Auf diese Frage ist es nicht leicht, sofort eine Antwort zu geben. Im allgemeinen handelt es sich aber dabei um zwei Ursachen: erstens um die Organisiertheit und Macht in den Händen der Kapitalistenklasse: zweitens darum, dass die Bourgeoisie häufig die Gehirne der Arbeiterklasse beherrscht.

Als sicherstes Mittel dient der Bourgeoisie dabei ihre Staatsorganisation. In allen kapitalistischen Ländern ist der Staat nichts anderes als eine Vereinigung der Unternehmer. Nehmen wir irgendein beliebiges Land: England oder die Vereinigten Staaten, Frankreich oder Japan her. Minister, hohe Beamte, Abgeordnete sind überall die gleichen Kapitalisten, Grundbesitzer, Werksunternehmer, Bankiers oder ihre treuen, gut bezahlten Diener, die ihnen nicht aus Furcht, sondern aus Gewissenhaftigkeit dienen: Advokaten: Bankdirektoren, Professoren, Generäle, Erzbischöfe und Bischöfe.

Die Vereinigung aller dieser der Bourgeoisie angehörenden Leute, die das ganze Land umfasst und es in ihren Händen hält, heißt Staat. Diese Organisation der Bourgeoisie hat zwei Ziele: Erstens – und das ist die Hauptsache – die Unruhen und Aufstände der Arbeiter zu unterdrücken, die ruhige Auspressung des Mehrwertes aus der Arbeiterklasse zu sichern und die Befestigung der kapitalistischen Produktionsweise zu ermöglichen, und zweitens andere ähnliche Organisationen (d.h. andere bürgerliche Staaten) wegen der Verteilung des herausgepressten Mehrwertes zu bekämpfen. Der kapitalistische Staat ist also eine Unternehmervereinigung, die die Ausbeutung sichert. Einzig und allein die Interessen des Kapitals leiten die Tätigkeit dieser Räubervereinigung.

(…)

Der kapitalistische Staat ist nicht nur die größte und mächtigste Organisation der Bourgeoisie, er ist gleichzeitig auch die komplizierteste Organisation, die zahlreiche Abteilungen besitzt, von denen nach allen Richtungen Fühler ausgestreckt werden. Und all das dient dem Hauptzweck: dem Schutz, der Befestigung und Erweiterung der Ausbeutung der Arbeiterklasse. Gegen die Arbeiterklasse stehen sowohl die Mittel des brutalen Zwanges, als auch der geistigen Versklavung zur Verfügung; sie bilden eben die wichtigsten Organe des kapitalistischen Staates.

Von den Mitteln der brutalen Gewalt müssen vor allem die Armee, Polizei und Gendarmerie, die Gefängnisse und Gerichte und ihre Hilfsorgane verzeichnet werden: Spione, Lockspitzel, die Organisation der Streikbrecher und bezahlter Mörder usw.

Die Armee des kapitalistischen Staates ist auf besondere Art organisiert. An der Spitze steht die Körperschaft der Offiziere, „der Goldaufschläge“. Sie werden aus den Reihen der Söhne der adeligen Gutsbesitzer, der Großbourgeoisie und zum Teil auch der Intellektuellen angeworben. Das sind die erbittertsten Feinde des Proletariats, die bereits in ihren Knabenjahren in besonderen Schulen unterrichtet wurden (bei uns in den Kadettenkorps und den Junkerschulen) wie man Soldaten ohrfeigt, wie man „die Ehre des Offiziersrockes“ wahrt, d.h. wie man die Soldaten in vollständiger Sklaverei hält und sie zu Schachfiguren verwandelt. die Allerwürdigsten der Adeligen und Großbourgeoisie sind Generäle, Admiräle von Rang, mit Orden und Bändern.

Die Offiziere stammen auch nicht aus den armen Klassen. Sie halten die ganze Masse der Soldaten in ihren Händen. Und die Soldaten werden so bearbeitet, dass sie auch nicht zu fragen wagen, wofür sie zu kämpfen haben, sondern „mit beiden Augen auf die Obrigkeit starren“. Eine derartige Armee ist in erster Linie zur Zügelung der Arbeiter bestimmt.

(…)

Polizei und Gendarmerie. Der kapitalistische Staat besitzt, außer der regulären Armee, noch eine Armee ausgesuchter Schurken und ein besonders abgerichtetes Militär, eigens eingeübt zum Kampf gegen die Arbeiter. Diese Institutionen (z.B. die Polizei) haben zwar auch den Kampf gegen Diebstahl und den Schutz der sogenannten „persönlichen und materiellen Sicherheit der Bürger zum Ziele“ aber gleichzeitig werden sie auch ausgehalten zum Herausholen, zur Verfolgung und Bestrafung unzufriedener Arbeiter. (…) Besonders brutal arbeitet in allen kapitalistischen Staaten die Geheimpolizei und das Gendarmeriekorps. (…) Zusammen mit ihnen arbeiten auch eine Menge Spitzel, Provokateure, Geheimspione, Streikbrecher u. dgl.

(…)

Das Gericht des Bourgeoisiestaates ist ein Mittel des Klassenselbstschutzes der Bourgeoisie; in erster Linie rechnet es mit denen ab, die es wagen, an dem kapitalistischen Eigentum oder der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu rütteln. Dieses Gericht verurteilte Liebknecht zur Zwangsarbeit, Liebknechts Mörder dagegen wurden freigesprochen. Die staatlichen Gefängnisbehörden vollführten diese Abrechnung genau so wie die Scharfrichter des bürgerlichen Staates. Nicht gegen die Reichen, sondern gegen die Armen ist ihre Spitze gerichtet.

So sehen die Einrichtungen des kapitalistischen Staates aus, die die unmittelbare brutale Unterdrückung der Arbeiterklasse zur Aufgabe haben. Von den Mitteln der geistigen Versklavung der Arbeiterklasse, die dem Kapitalistenstaate zur Verfügung stehen, wären noch als die drei wichtigsten zu erwähnen: die staatliche Schule, die staatliche Kirche und die staatliche oder vom bürgerlichen Staate unterstützte Presse.

Die Bourgeoisie versteht sehr wohl, dass sie mit bloßer Gewalt die Arbeitermassen nicht überwältigen kann. Es ist nötig, auch die Gehirne der Massen von allen Seiten mit einem dünnen Spinngewebe zu umspinnen. Der bürgerliche Staat betrachtet die Arbeiter als ein Arbeitsvieh: es ist nötig, dass dieses Vieh arbeitet, aber es darf nicht beißen. Deshalb wird es nicht nur gepeitscht und erschossen, sobald es beißt, sondern auch dressiert, gezähmt, wie es besonders Leute in den Menagerien tun. Genau so züchtet auch der Kapitalistenstaat Fachleute für Verblödung, Verdummung und Bändigung des Proletariats: bürgerliche Lehrer und Professoren, Pfaffen und Bischöfe, bürgerliche Skribenten und Zeitungsmacher. In der Schule lehren diese Fachleute die Kinder schon in den jüngsten Jahren dem Kapital zu gehorchen, „die Rebellen“ zu verachten und zu hassen; den Kindern werden verschiedene Märchen von der Revolution und der revolutionären Bewegung aufgetischt, die Kaiser, Könige, Industrielle usw. werden verherrlicht; die Pfaffen, die vom Staate ihren Sold beziehen, predigen in den Kirchen das Gebot „es gibt keine Gewalt, die nicht von Gott wäre“; die bürgerlichen Blätter trompeten in beide Ohren tagaus tagein diese bourgeoise Lüge (Arbeiterzeitungen werden vom kapitalistischen Staate gewöhnlich unterdrückt). Ist es denn unter solchen Umständen für den Arbeiter leicht aus diesem Sumpf herauszukommen? ... Ein deutscher imperialistischer Räuber schrieb: „Wir brauchen nicht nur die Beine der Soldaten, sondern auch ihre Gehirne und Herzen. Der bürgerliche Staat ist auch bestrebt, die Arbeiterklasse zu einem Haustier zu erziehen, welches wie ein Pferd arbeiten, Mehrwert erzeugen und stiller als Wasser sein soll.

Auf diese Art sichert sich der kapitalistische Staat seine Entwicklung. Die Ausbeutungsmaschine bewegt sich. Aus der Arbeiterklasse wird unaufhörlich Mehrwert herausgepresst. Und der kapitalistische Staat steht Wache und passt auf, dass sich die Lohnsklaven nicht empören.

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widerspruch

Die Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaftsordnung

Jetzt ist es notwendig, zu untersuchen, ob die kapitalistische, bürgerliche Gesellschaft gut aufgebaut ist. Jede Sache ist nur dann fest und gut, wenn alle ihre Teile zu einander passen. Nehmen wir einen Uhrmechanismus. Er arbeitet richtig und ohne Störung. erst dann, wenn ein Rad dem anderen, Zahn für Zahn, angepasst ist.

Betrachten wir jetzt die kapitalistische Gesellschaft. Da werden wir ohne Mühe bemerken, dass die kapitalistische Gesellschaft lange nicht so fest aufgebaut ist, wie es scheint, im Gegenteil, sie weist sehr große Widersprüche und gewaltige Sprünge auf. Vor allem gibt es unter dem Kapitalismus keine organisierte Produktion und Verteilung der Produkte, sondern eine „Anarchie der Produktion“. Was heißt das? Das heißt, dass jeder kapitalistische Unternehmer (oder jede Kapitalistenvereinigung) unabhängig von dem Andern Waren erzeugt. Nicht die ganze Gesellschaft berechnet, wieviel und was sie braucht, sondern die Fabrikanten lassen ganz einfach mit der Berechnung erzeugen, einzig mehr Profit zu bekommen und ihre Gegner auf dem Markte zu schlagen. Deshalb kommt es manchmal vor, dass zuviel Waren erzeugt werden (es handelt sich natürlich um die Vorkriegszeit), sie können nirgends abgesetzt werden (die Arbeiter können nicht kaufen: sie haben nicht genügend Geld). Dann tritt eine Krise ein: die Fabriken werden geschlossen, die, Arbeiter aufs Pflaster gesetzt. Die Anarchie der Produktion zieht den Kampf auf dem Markt nach sich: jeder will dem anderen die Käufer abfangen, sie auf seine Seite ziehen, den Markt erobern. Dieser Kampf nimmt verschiedene Formen, verschiedene Gestalten an; er beginnt mit dem Kampf zweier Fabrikanten untereinander und schließt mit dem Weltkriege zwischen den kapitalistischen Staaten um die Verteilung der Märkte in der ganzen Welt ab. Da erfolgt nicht nur kein Ineinandergreifen der Bestandteile der kapitalistischen Gesellschaft, sondern ein direkter Zusammenstoß derselben.

Der erste Grund der Zerfahrenheit des Kapitalismus liegt also in der Anarchie der Produktion, was in den Krisen, der Konkurrenz und den Kriegen zum Ausdruck kommt.

Der zweite Grund der Zerfahrenheit der kapitalistischen Gesellschaft liegt im Klassenaufbau. Im Grunde genommen ist doch die kapitalistische Gesellschaft nicht einheitlich, sondern in zwei Gesellschaften gespalten: die Kapitalisten – einerseits, die Arbeiter und die Armut – andererseits. Sie befinden sich in ständiger, unversöhnlicher, nie aufhörender Feindschaft, deren Ausdruck der Klassenkampf ist. Auch hier sehen wir, dass die verschiedenen Teile der kapitalistischen Gesellschaft nicht nur einander nicht angepasst sind, sondern umgekehrt, sich in ununterbrochenem Gegensatz befinden.

 

 

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