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Verehrter Genosse Podgorny!
Verehrte Genossen Mitglieder des Präsidiums des Obersten
Sowjets der UdSSR, Deputierte des Obersten Sowjets der UdSSR!
Verehrte Genossen!
Ich möchte Ihnen für die
Einladung danken, die für uns und für das ganze chilenische
Volk eine hohe Ehre ist und die es uns gestattet hat, Ihr Land
zu besuchen. Ich möchte Ihnen unseren tiefempfundenen Dank
sagen für den gastfreundlichen, herzlichen Empfang, den uns
die Führer der Sowjetunion und das sowjetische Volk bereitet
haben.
Ich weile hier als Ihr
alter Freund. Vor vielen Jahren schon, 1953, war ich als
Leiter einer Parlamentarierdelegation unseres Landes mit
meiner Gattin hier.
Später besuchte ich die
Sowjetunion auf der Heimreise aus Vietnam. Ich hatte die Ehre,
die chilenische Delegation zu leiten, die zu den
Feierlichkeiten anlässlich des 50. Jahrestages der Großen
Sozialistischen Oktoberrevolution in der Sowjetunion weilte.
Mir wurde die hohe Auszeichnung zuteil, anlässlich des 100.
Geburtstages W. I. Lenins aus den Händen des verehrten
Genossen Kirilenko eine Medaille zu empfangen. Meine beiden
Töchter haben auch schon die Sowjetunion besucht.
Aber in diesem Augenblick
spreche ich nicht für mich persönlich, sondern als Präsident
Chiles. Für mich ist es eine hohe Ehre, der erste Präsident
Chiles zu sein, der die Sowjetunion besucht.
Die Ansprache des Genossen
Podgorny bietet mir die günstige Gelegenheit, einige Gedanken
zu äußern. Genosse Podgorny ging auf gewisse Veränderungen in
der Welt ein - eben jene Veränderungen, denen unser Volk, das
fern von hier, im südlichsten Teil des amerikani- |218|
schen Kontinents lebt, tiefes Verständnis entgegenbringt.
Unser Volk, wenn es auch zahlenmäßig klein ist, hat, seit es
im September vor zwei Jahren an die Macht kam, an diesen
Umgestaltungen Anteil gehabt.
Die Rede, die ich vor 48
Stunden in der UNO hielt und auf die sich Genosse Podgorny
bezog, enthielt einige Leitgedanken. Ich sprach vom Kampf der
Völker um ihre ökonomische Unabhängigkeit und ihre Freiheit.
Ich hob den Fortschritt in Wissenschaft und Technik, die
Erfolge der sozialistischen Länder und den Kampf dieser
Staaten um die Durchsetzung der Prinzipien der friedlichen
Koexistenz hervor. Ich unterstrich auch die Hilfe der
sozialistischen Staatengemeinschaft, vor allem der
Sowjetunion, für die Völker, die gegen die imperialistische
Herrschaft, gegen die Einmischung der Imperialisten in ihre
inneren Angelegenheiten kämpfen, und bekundete unsere
Entschlossenheit, an der Seite derer zu stehen, die gegen
Kolonialismus und Neokolonialismus kämpfen.
Ferner sprach ich von der
großen Liebe zu unserer Heimat und von dem Weg, den wir
gewählt haben. Unser Volk verfügt über reiche, bisher
ungenutzte Reserven. Doch im Augenblick leben wir sehr arm.
Viele Bürger unseres Landes haben nicht die geringste
Möglichkeit, ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Unsere
wichtigsten nationalen Reichtümer befanden sich lange Zeit in
den Händen ausländischen Kapitals. Die Landwirtschaft ist
infolge der Herrschaft der Latifundistas rückständig.
Überhaupt diente das gesamte Wirtschaftssystem einer kleinen
privilegierten Minderheit. Die Mehrheit der Bevölkerung führte
indessen ein Elendsdasein.
Gegenwärtig vollziehen wir
im Einklang mit unseren Traditionen, unserer Verfassung und
unseren Gesetzen einen revolutionären Prozess. Wir tun dies im
Rahmen der bürgerlichen Demokratie, und das ist nicht leicht.
Wir haben die Interessen derer angetastet, die unsere
wichtigsten nationalen Reichtümer ausplünderten, und das haben
sie gespürt. Das hat auch die Finanzoligarchie und die
Latifundistas empfindlich getroffen. Der Angriff gegen uns
geht von ausländischen Monopolen aus. Auf der III.
UNCTAD-Konferenz umriss ich die Lage in den Ländern der
dritten Welt. Ich legte dar, was der zunehmende Einfluss der
ausländischen Monopole in diesen Ländern anrichtet. Ich sprach
über die Schulden dieser Länder. Sie belaufen sich auf 75
Milliarden Dollar. Ich unterstrich auch, dass die Vergrößerung
dieser Schulden gleichbedeutend ist mit größerer Abhängigkeit
von den Monopolen. |219| Ferner betonte ich, was die
Militärausgaben für Länder bedeuten, die besser gegen Hunger
und Armut kämpfen sollten.
In meiner Rede vor der UNO
legte ich einige Tatsachen dar und bewies, dass die
internationalen imperialistischen Monopole gegen meine Heimat
eine ökonomische Aggression führen. Zugleich hob ich hervor,
dass wir nicht allein stehen; wir spüren die Solidarität
vieler Regierungen und Völker. Ich stellte fest, dass wir in
vielen Industrieländern Europas Verständnis finden und dass
die Länder der sozialistischen Staatengemeinschaft uns ihre
brüderliche Solidarität bekunden. Das gilt hauptsächlich für
jenes Land, das wir unseren großen Bruder nennen . die
Sowjetunion. Dank dieser Solidarität, dank dieser Hilfe und
weil unsere Sache gerecht ist, werden wir niemals von unserem
Weg abweichen, wenn wir uns auch sehr wohl bewusst sind,
welcher Widerstand den Völkern entgegengesetzt wird, die um
ihre ökonomische Unabhängigkeit ringen.
Wir erkennen, dass das
Symbol des Heldenmutes unserer Tage Vietnam ist. Wir wissen,
was die Hilfe der Sowjetunion für das vietnamesische Volk
bedeutet. In unserer Heimat haben wir das wiederholt zum
Ausdruck gebracht. Jene, die in Vietnam gefallen sind, haben
nicht nur für die eigene Freiheit und die Wiedervereinigung
ihre Landes ihr Leben gelassen, sondern mit ihrem Tod auch
vielen anderen Völkern den Weg zur Befreiung gebahnt. Deshalb
ist die Hilfe, die die Sowjetunion Vietnam erweist,
Unterstützung für die unanfechtbare Sache der Gerechtigkeit im
weitesten Sinne.
Die Unterstützung Chiles
seitens jener Ländern, in denen Friede ist und die keinen
Krieg wollen, in denen ökonomische Zusammenarbeit und nicht
Ausbeutung herrscht, in denen man unsere Souveränität achtet,
hat besonderes Gewicht. Wie unser großer Freund und Genosse,
der Dichter und Nobelpreisträger Pablo Neruda sagte, wird
Chile zu einem "schweigenden Vietnam", zwar ohne den
Motorenlärm der Kampfflugzeuge und ohne das Explodieren der
Granaten, aber mit denselben Empfindungen: Millionen unserer
Landsleute sehen die offene und spüren die verborgene
Einkreisung, in der sich unser Land befindet.
Deshalb, liebe sowjetischen
Genossen, hat Ihre Hilfe und Solidarität für uns besondere
Bedeutung. Diese Solidarität spüren auch andere Länder, unter
anderem jene, die Kupfer exportieren. Sie haben sich
zusammengetan, um ihre nationalen Reichtümer zu schützen, um
dem |220| imperialistischen Eindringen und den
imperialistischen Angriffen die Stirn zu bieten. Es darf nicht
unerwähnt bleiben, dass an dieser Solidaritätskampagne stets
die Werktätigen vieler Länder beteiligt waren. Diese
Solidarität zeigte sich in Le Havre und Rotterdam, als sich
die Werktätigen weigerten, das Kupfer entladen zu helfen, das
die Kennecott-Gesellschaft als das ihre bezeichnete, obwohl es
unser, chilenisches Kupfer war. Außerdem unterstützen die
Werktätigen der ganzen Welt die einheitliche
Gewerkschaftszentrale Chiles, die CUT, und haben sich dafür
ausgesprochen, in nächster Zeit einen
Weltgewerkschaftskongress einzuberufen, der unter anderem
Maßnahmen zur Abwehr der Aktionen der ausländischen Monopole
beschließen soll. Erneut errichten die Werktätigen einen
mächtigen Schutzwall gegen jene, die bei ihren Aktionen die
Geldsäcke einsetzen.
Verehrter Genosse Podgorny!
Sie haben Ihrer Sympathie für Chile Ausdruck verliehen und
erklärt, dass der Sowjetstaat, das sowjetische Volk unser Land
unterstützen. Wir haben diese Sympathie gespürt, wir haben
diese brüderliche Herzlichkeit, Solidarität, Unterstützung und
unerschütterliche Standhaftigkeit der Sowjetunion bei der
Verteidigung von Freiheit dun Unabhängigkeit der Völker tief
empfunden. Im Namen Chiles danke ich Ihnen bewegt für Ihre
Worte. Ich weiß, dass wir auch in Zukunft diese Unterstützung
finden werden.
Ich bedaure sehr, am 50.
Jahrestag der Bildung Ihres multinationalen Staates, der
UdSSR, deren Größe sich während des Krieges so stark offenbart
und im Frieden noch mehr bestätigt hat, nicht unter Ihnen
weilen zu können.
Ich danken Ihnen, Genossen!
Prawda (Moskau) vom 7. Dezember 1972 |