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Salvador Allende:

Rede auf dem Empfang des Präsidiums des Obersten Sowjets und der Regierung der UdSSR für Präsident Allende in Moskau,

6. Dezember 1972

(eingefügte Seitenzahlen verweisen auf: S. Allende, Chile - Volkskampf gegen Reaktion und Imperialismus, Berlin 1973, S. 217-220)

 

 

|217| Verehrter Genosse Podgorny! Verehrte Genossen Mitglieder des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR, Deputierte des Obersten Sowjets der UdSSR! Verehrte Genossen!

Ich möchte Ihnen für die Einladung danken, die für uns und für das ganze chilenische Volk eine hohe Ehre ist und die es uns gestattet hat, Ihr Land zu besuchen. Ich möchte Ihnen unseren tiefempfundenen Dank sagen für den gastfreundlichen, herzlichen Empfang, den uns die Führer der Sowjetunion und das sowjetische Volk bereitet haben.

Ich weile hier als Ihr alter Freund. Vor vielen Jahren schon, 1953, war ich als Leiter einer Parlamentarierdelegation unseres Landes mit meiner Gattin hier.

Später besuchte ich die Sowjetunion auf der Heimreise aus Vietnam. Ich hatte die Ehre, die chilenische Delegation zu leiten, die zu den Feierlichkeiten anlässlich des 50. Jahrestages der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution in der Sowjetunion weilte. Mir wurde die hohe Auszeichnung zuteil, anlässlich des 100. Geburtstages W. I. Lenins aus den Händen des verehrten Genossen Kirilenko eine Medaille zu empfangen. Meine beiden Töchter haben auch schon die Sowjetunion besucht.

Aber in diesem Augenblick spreche ich nicht für mich persönlich, sondern als Präsident Chiles. Für mich ist es eine hohe Ehre, der erste Präsident Chiles zu sein, der die Sowjetunion besucht.

Die Ansprache des Genossen Podgorny bietet mir die günstige Gelegenheit, einige Gedanken zu äußern. Genosse Podgorny ging auf gewisse Veränderungen in der Welt ein - eben jene Veränderungen, denen unser Volk, das fern von hier, im südlichsten Teil des amerikani- |218| schen Kontinents lebt, tiefes Verständnis entgegenbringt. Unser Volk, wenn es auch zahlenmäßig klein ist, hat, seit es im September vor zwei Jahren an die Macht kam, an diesen Umgestaltungen Anteil gehabt.

Die Rede, die ich vor 48 Stunden in der UNO hielt und auf die sich Genosse Podgorny bezog, enthielt einige Leitgedanken. Ich sprach vom Kampf der Völker um ihre ökonomische Unabhängigkeit und ihre Freiheit. Ich hob den Fortschritt in Wissenschaft und Technik, die Erfolge der sozialistischen Länder und den Kampf dieser Staaten um die Durchsetzung der Prinzipien der friedlichen Koexistenz hervor. Ich unterstrich auch die Hilfe der sozialistischen Staatengemeinschaft, vor allem der Sowjetunion, für die Völker, die gegen die imperialistische Herrschaft, gegen die Einmischung der Imperialisten in ihre inneren Angelegenheiten kämpfen, und bekundete unsere Entschlossenheit, an der Seite derer zu stehen, die gegen Kolonialismus und Neokolonialismus kämpfen.

Ferner sprach ich von der großen Liebe zu unserer Heimat und von dem Weg, den wir gewählt haben. Unser Volk verfügt über reiche, bisher ungenutzte Reserven. Doch im Augenblick leben wir sehr arm. Viele Bürger unseres Landes haben nicht die geringste Möglichkeit, ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Unsere wichtigsten nationalen Reichtümer befanden sich lange Zeit in den Händen ausländischen Kapitals. Die Landwirtschaft ist infolge der Herrschaft der Latifundistas rückständig. Überhaupt diente das gesamte Wirtschaftssystem einer kleinen privilegierten Minderheit. Die Mehrheit der Bevölkerung führte indessen ein Elendsdasein.

Gegenwärtig vollziehen wir im Einklang mit unseren Traditionen, unserer Verfassung und unseren Gesetzen einen revolutionären Prozess. Wir tun dies im Rahmen der bürgerlichen Demokratie, und das ist nicht leicht. Wir haben die Interessen derer angetastet, die unsere wichtigsten nationalen Reichtümer ausplünderten, und das haben sie gespürt. Das hat auch die Finanzoligarchie und die Latifundistas empfindlich getroffen. Der Angriff gegen uns geht von ausländischen Monopolen aus. Auf der III. UNCTAD-Konferenz umriss ich die Lage in den Ländern der dritten Welt. Ich legte dar, was der zunehmende Einfluss der ausländischen Monopole in diesen Ländern anrichtet. Ich sprach über die Schulden dieser Länder. Sie belaufen sich auf 75 Milliarden Dollar. Ich unterstrich auch, dass die Vergrößerung dieser Schulden gleichbedeutend ist mit größerer Abhängigkeit von den Monopolen. |219| Ferner betonte ich, was die Militärausgaben für Länder bedeuten, die besser gegen Hunger und Armut kämpfen sollten.

In meiner Rede vor der UNO legte ich einige Tatsachen dar und bewies, dass die internationalen imperialistischen Monopole gegen meine Heimat eine ökonomische Aggression führen. Zugleich hob ich hervor, dass wir nicht allein stehen; wir spüren die Solidarität vieler Regierungen und Völker. Ich stellte fest, dass wir in vielen Industrieländern Europas Verständnis finden und dass die Länder der sozialistischen Staatengemeinschaft uns ihre brüderliche Solidarität bekunden. Das gilt hauptsächlich für jenes Land, das wir unseren großen Bruder nennen . die Sowjetunion. Dank dieser Solidarität, dank dieser Hilfe und weil unsere Sache gerecht ist, werden wir niemals von unserem Weg abweichen, wenn wir uns auch sehr wohl bewusst sind, welcher Widerstand den Völkern entgegengesetzt wird, die um ihre ökonomische Unabhängigkeit ringen.

Wir erkennen, dass das Symbol des Heldenmutes unserer Tage Vietnam ist. Wir wissen, was die Hilfe der Sowjetunion für das vietnamesische Volk bedeutet. In unserer Heimat haben wir das wiederholt zum Ausdruck gebracht. Jene, die in Vietnam gefallen sind, haben nicht nur für die eigene Freiheit und die Wiedervereinigung ihre Landes ihr Leben gelassen, sondern mit ihrem Tod auch vielen anderen Völkern den Weg zur Befreiung gebahnt. Deshalb ist die Hilfe, die die Sowjetunion Vietnam erweist, Unterstützung für die unanfechtbare Sache der Gerechtigkeit im weitesten Sinne.

Die Unterstützung Chiles seitens jener Ländern, in denen Friede ist und die keinen Krieg wollen, in denen ökonomische Zusammenarbeit und nicht Ausbeutung herrscht, in denen man unsere Souveränität achtet, hat besonderes Gewicht. Wie unser großer Freund und Genosse, der Dichter und Nobelpreisträger Pablo Neruda sagte, wird Chile zu einem "schweigenden Vietnam", zwar ohne den Motorenlärm der Kampfflugzeuge und ohne das Explodieren der Granaten, aber mit denselben Empfindungen: Millionen unserer Landsleute sehen die offene und spüren die verborgene Einkreisung, in der sich unser Land befindet.

Deshalb, liebe sowjetischen Genossen, hat Ihre Hilfe und Solidarität für uns besondere Bedeutung. Diese Solidarität spüren auch andere Länder, unter anderem jene, die Kupfer exportieren. Sie haben sich zusammengetan, um ihre nationalen Reichtümer zu schützen, um dem |220| imperialistischen Eindringen und den imperialistischen Angriffen die Stirn zu bieten. Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass an dieser Solidaritätskampagne stets die Werktätigen vieler Länder beteiligt waren. Diese Solidarität zeigte sich in Le Havre und Rotterdam, als sich die Werktätigen weigerten, das Kupfer entladen zu helfen, das die Kennecott-Gesellschaft als das ihre bezeichnete, obwohl es unser, chilenisches Kupfer war. Außerdem unterstützen die Werktätigen der ganzen Welt die einheitliche Gewerkschaftszentrale Chiles, die CUT, und haben sich dafür ausgesprochen, in nächster Zeit einen Weltgewerkschaftskongress einzuberufen, der unter anderem Maßnahmen zur Abwehr der Aktionen der ausländischen Monopole beschließen soll. Erneut errichten die Werktätigen einen mächtigen Schutzwall gegen jene, die bei ihren Aktionen die Geldsäcke einsetzen.

Verehrter Genosse Podgorny! Sie haben Ihrer Sympathie für Chile Ausdruck verliehen und erklärt, dass der Sowjetstaat, das sowjetische Volk unser Land unterstützen. Wir haben diese Sympathie gespürt, wir haben diese brüderliche Herzlichkeit, Solidarität, Unterstützung und unerschütterliche Standhaftigkeit der Sowjetunion bei der Verteidigung von Freiheit dun Unabhängigkeit der Völker tief empfunden. Im Namen Chiles danke ich Ihnen bewegt für Ihre Worte. Ich weiß, dass wir auch in Zukunft diese Unterstützung finden werden.

Ich bedaure sehr, am 50. Jahrestag der Bildung Ihres multinationalen Staates, der UdSSR, deren Größe sich während des Krieges so stark offenbart und im Frieden noch mehr bestätigt hat, nicht unter Ihnen weilen zu können.

Ich danken Ihnen, Genossen!

Prawda (Moskau) vom 7. Dezember 1972

 

 

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