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Das Volk sagte, wir werden
siegen. Und wir haben gesiegt! Der Sieg gehört den
Werktätigen.
Der Sieg gehört dem geprüften
Volk, das eineinhalb Jahrhunderte lang unter dem Deckmantel
sogenannter Unabhängigkeit die Ausbeutung der herrschenden
Klasse ertrug, die unfähig ist, den Fortschritt zu sichern,
und die auch gar kein Interesse daran hat. Die Wahrheit ist -
und das wissen wir alle -, dass Rückständigkeit, Unwissenheit
und Hunger unseres Volkes und aller Völker der dritten Welt
einigen wenigen Privilegierten Gewinne bringen. Aber jetzt
endlich ist der Tag gekommen, um Schluss zu sagen, Schluss mit
der wirtschaftlichen Ausbeutung! Schluss mit der sozialen
Ungleichheit! Schluss mit der politischen Unterdrückung!
Erfüllt von den Ideen der
Helden unseres Vaterlandes, feiern wir heute unseren Sieg, den
Sieg Chiles, den Beginn unserer Befreiung. Das Volk, das
endlich zur Macht gelangte, nimmt das Schicksal der Nation in
seine Hände.
Aber wie sieht Chile aus, was
für ein Erbe haben wir angetreten?
Entschuldigt, Compañeros,
dass ich an diesem Festtag und vor den Delegationen so vieler
Länder, die uns mit ihrer Anwesenheit ehren, diese
schmerzlichen Themen berühre. Aber es ist unsere Pflicht und
unser Recht, auf unser jahrhundertelanges Leid hinzuweisen.
Der peruanische Präsident Velasco Alvarado sagte: "Ein der
großen Aufgaben der Revolution ist es, mit dem Betrug zu
brechen, der uns alle mit dem Rücken zur Realität hat leben
lassen."
Es ist Zeit festzustellen,
dass wir, die unterentwickelten Völker, bloße Objekte der
Geschichte gewesen sind.
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Wir waren Kolonien in der
Zeit des Feudalismus. Wir sind neokoloniale Nationen im
Kapitalismus, und unsere Abhängigkeit droht anzudauern.
War waren die ausgebeuteten
Völker, jene, die nicht für sich selbst arbeiteten, sondern zu
fremdem Wohlstand beitragen mussten.
Wer ist verantwortlich für
die Rückständigkeit, in der wir leben?
Nach langer Irreführung und
großem Betrug hat es das Volk begriffen. Es weiß aus eigener
Erfahrung, dass die wahren Gründe unserer Rückständigkeit im
System liegen. Sie liegen im System der kapitalistischen
Abhängigkeit, in dem im nationalen Maßstab die mittellose
Mehrheit einer reichen Minderheit gegenübersteht und in dem es
auf internationaler Ebene die herrschenden und die
ausgepowerten Länder gibt, wobei letztere am meisten für den
Wohlstand der wenigen zu zahlen haben.
Wir haben eine von sozialer
Ungleichheit gekennzeichnete Gesellschaft übernommen, eine
Gesellschaft, die in antagonistische Klassen, in Ausbeuter und
Ausgebeutete, gespalten ist, eine Gesellschaft, die die
Menschen zu einer unersättlichen Habsucht verurteilt, zu den
schlimmsten Formen der Grausamkeit und zur Gleichgültigkeit
gegenüber fremdem Leid.
Wir haben eine Gesellschaft
der Arbeitslosigkeit übernommen, die immer mehr Menschen zur
Zwangsarbeit verdammt und an den Rand des Abgrunds treibt. Die
Arbeitslosigkeit ist keine Folge der Überbevölkerung, wie
einige sagen; das tragische Schicksal der Arbeitslosen beweist
vielmehr die Unfähigkeit des Regimes, allen das elementare
Recht auf Arbeit zu sichern.
Wir haben eine von der
Inflation gezeichnete Wirtschaft übernommen. Durch die
inflationäre Entwicklung wird der Hungerlohn der Arbeiter von
Monat zu Monat niedriger, die Altersrenten werden fast auf ein
Nichts reduziert.
Aus diesen Wunden blutet das
werktätige Volk Chiles; es wird schwer sein, sie zu heilen.
Wir sind jedoch überzeugt, dass wir es schaffen können, weil
die Wirtschaftspolitik der Regierung von nun an von den
Interessen des Volkes diktiert wird.
Wir haben eine abhängige
Gesellschaft übernommen, deren wichtigste Reichtümer an die
großen internationalen Gesellschaften veräußert wurden, eine
wirtschaftlich, technologisch, kulturell und politisch
abhängige Gesellschaft.
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Unser Erbe ist eine
Gesellschaft, in der den meisten Familien die Grundrechte auf
Arbeit, auf Bildung, gesundheitliche Betreuung und Erholung
vorenthalten werden, ja selbst die Hoffnung auf eine bessere
Zukunft.
Gegen all diese Lebensformen
hat sich das chilenische Volk jetzt empört. Unseren Sieg
verdanken wir der endlich erreichten Überzeugung, dass nur
eine wirklich revolutionäre Regierung sich der Macht der
herrschenden Klasse entgegenstellen und zur gleichen Zeit alle
Chilenen mobilisieren kann für die Errichtung der Republik des
werktätigen Volkes.
Das ist unsere historische
Aufgabe. Werktätige Chiles, ich rufe euch heute auf, diese
Mission zu erfüllen! Nur wenn wir alle, die wir das Vaterland
lieben, die wir an das Vaterland glauben, Schulter an Schulter
voranschreiten, werden wir die Rückständigkeit überwinden und
die neue Gesellschaft errichten können.
Wir Chilenen sind stolz,
unser Ziel mit politischen Mitteln erricht, ohne
Gewaltanwendung gesiegt zu haben. Das ist eine edle Tradition,
das ist eine unvergängliche Errungenschaft. In unserem langen
und harten Kampf um die Befreiung, in unserem langen und
harten Kampf für Gleichheit und Gerechtigkeit haben wir es
immer vorgezogen, die sozialen Konflikte mit den Mitteln der
Überzeugung, mit politischen Mitteln zu lösen.
Wir Chilenen weisen
Bruderkämpfe aus tiefster Überzeugung zurück, aber niemals
werden wir darauf verzichten, die Rechte unseres Volkes
durchzusetzen. Auf unserem Wappen heißt es: "Durch die
Vernunft oder die Gewalt." An erster Stelle steht die
Vernunft.
Diese Kontinuität des
politischen Prozesses ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis
unserer sozialökonomischen Struktur, der besonderen
Beziehungen der gesellschaftlichen Kräfte, die aus den
Bedingungen unserer Entwicklung erwachsen sind.
Republikanische und
demokratische Tradition prägten das kollektive Bewusstsein der
Chilenen, erzeugten eine Haltung der Achtung vor anderen, der
Toleranz. Und wenn sich Antagonismen und Klassenwidersprüche
zuspitzten, so wurde zunächst versucht, sie im Rahmen unserer
republikanischen Ordnung und gemäß unseren traditionell
demokratischen Normen auszutragen.
Niemals hat unser Volk diese
historische Linie gebrochen. Die wenigen Verletzungen dieser
Tradition kamen immer von den herrschenden Klassen. Es waren
immer die Mächtigen, die Gewalt |20| anwandten, die das
Blut der Chilenen vergossen und normale Entwicklung des Landes
unterbrachen.
Die Verfolgung von
Gewerkschaften, Studenten, Intellektuellen und
Arbeiterparteien ist die brutale Antwort derer, die ihre
Privilegien bedroht sehen. Der beharrliche Kampf der
organisierten Volksmassen jedoch hat die Anerkennung der
bürgerlichen und sozialen, der gesellschaftlichen und
individuellen Freiheiten durchsetzen können.
Durch diese besondere
Tradition Chiles ist dieser historische Augenblick möglich
geworden, in dem das Volk die politische Leitung des Landes
übernimmt. Die gegen das kapitalistische Ausbeutungssystem
kämpfenden Massen, repräsentiert durch die Unidad Popular,
übernehmen die Präsidentschaft der Republik. Die beste
Tradition unserer Geschichte ist die Respektierung der
demokratischen Werte, die Anerkennung des Willens der
Mehrheit.
Ohne auf ihre revolutionären
Ziele zu verzichten, haben die Volkskräfte ihre Kampfformen
den Gegebenheiten der chilenischen Verhältnisse anzupassen
verstanden, indem sie Erfolge und Misserfolge nicht als
endgültigen Sieg oder als Niederlage, sondern als Meilensteine
auf dem langen und harten Weg zur Befreiung angesehen haben.
Chile hat das in der Welt
bisher einzige Beispiel dafür gegeben, dass ein
antikapitalistische Bewegung in der Lage ist, die Macht in
Wahrnehmung der verfassungsmäßigen Rechte der Bürger zu
ergreifen, um das Land in eine neue, menschlichere
Gesellschaft zu führen, deren große Ziele sinnvolle Ordnung
der wirtschaftlichen Verhältnisse, fortschreitende
Vergesellschaftung der Produktionsmittel und Überwindung der
Klassenspaltung sind.
Als Sozialisten wissen wir
aus der Theorie, welches die Kräfte sind, die historische
Veränderungen bewirken. Engels drückte es so aus: "Man kann
sich vorstellen, die alte Gesellschaft könne friedlich in die
neue hineinwachsen in den Ländern, wo die Volksvertretung alle
Macht in sich konzentriert, wo man verfassungsmäßig tun kann,
was man will, sobald man die Majorität des Volkes hinter sich
hat."
Das trifft für unser Chile
zu. Hier endlich erfüllt sich die Voraussage von Engels. Es
ist aber zweifellos wichtig, daran zu erinnern, dass in den 60
Tagen, die seit den Wahlen vom 4. September vergangen sind,
die demokratischen Kräfte unseres Landes der härtesten Probe
ausgesetzt waren, die sie jemals zu bestehen hatten.
Nach einer dramatischen Folge
von Ereignissen hat sich abermals |21| unsere Tradition
behauptet: Die Differenzen werden mit politischen Mitteln
ausgetragen.
Chile beginnt den Weg zum
Sozialismus, ohne die tragische Erfahrung eines Bruderkrieges
gemacht zu haben. Und diese bedeutende Tatsache bestimmt den
Weg, den unsere Regierung für die Umgestaltung der
Gesellschaft wählen wird.
Der Wille des Volkes bestärkt
uns in unserer Aufgabe. Meine Regierung wird diesem Vertrauen
entsprechen und die demokratische Tradition unseres Volkes
lebendig erhalten und fortsetzen.
Aber in diesen 60
entscheidenden Tagen waren Chile und die ganze Welt Zeugen der
andauernden betrügerischen Versuche, den Geist unserer
Verfassung zu verletzen, den Willen des Volkes zu ignorieren,
die Wirtschaft des Landes zu sabotieren, waren sie Zeugen vor
allem der hinterhältigen Versuche, einen blutigen und
gewalttätigen Zusammenstoß unter den Bürgern zu provozieren.
Ich persönlich bin davon
überzeugt, dass das heroische Opfer eines Soldaten, des
Befehlshabers des Heeres, General René Schneider, das
unvorhergesehene Ereignis war, das unser Vaterland vor einem
Bürgerkrieg bewahrt hat.
Diese unglaublichen
Ereignisse machten erneut den verbrecherischen Wahnsinn der
Reaktion und ihrer Helfer deutlich. Sie sind die Vertreter,
die Söldner derer, die seit der Kolonialzeit
hauptverantwortlich sind für die Ausbeutung unseres Volkes zu
ihrem egoistischen Vorteil und für die Auslieferung unserer
Reichtümer an das Ausland. Diese Minderheiten schreckten 1891
vor keinem Mittel zurück, um ihre Privilegien zu verewigen;
1970 schreckten sie nicht davor zurück, das Land an einen
tragischen Abgrund zu führen.
Sie scheiterten in ihren
volksfeindlichen Bestrebungen. Sie scheiterten an der
Stabilität der demokratischen Institutionen, an der
Standhaftigkeit des Volkswillens. Das Volk ist entschlossen,
diesen Kräften entgegenzutreten und sie zu entwaffnen, um die
Ruhe und den Frieden der Nation zu sichern, die von jetzt an
unter der Obhut der Volksmacht steht.
Was aber heißt Volksmacht?
Volksmacht bedeutet, dass wir
den Minderheiten, die von jeher unser Land zur Rückständigkeit
verurteilten, die Basis entziehen werden.
Wir werden mit den Monopolen
Schluss machen, die es einigen Dutzend Familien gestatten, die
gesamte Wirtschaft des Landes zu kontrollieren.
|22|
Wir werden mit dem
Finanzsystem Schluss machen, das im Dienste des Profits steht
und stets die Armen weitaus schwerer belastet als die Reichen,
das die nationalen Spareinlagen in den Händen der Bankiers
konzentrierte, sie ihrem Profitstreben dienstbar machte.
Wir werden die Latifundien
abschaffen, die Tausende Bauern zu sklavischer Abhängigkeit,
zum Elend verurteilen, die schuld sind, dass nicht alle
Nahrungsmittel, die wir benötigen, im Lande selbst angebaut
werden.
Wir werden der ständig
zunehmenden Tendenz, unsere Industrie und unsere Bodenschätze
ausländischen Monopolen zu überlassen, das Land ausländischer
Ausbeutung zu unterwerfen, einen Riegel vorschieben.
Wir werden die Bodenschätze
für Chile zurückgewinnen, unserem Volk die großen Kupfer-,
Kohle- und Salpeterbergwerke zurückgeben. Es liegt in unseren
Händen, das zu erreichen, in den Händen derer, die ihren
Lebensunterhalt durch ihre Arbeit verdienen und die heute die
Macht haben.
Die Welt wird die
Veränderungen, die sich in unserem Land vollziehen,
beobachten. Wir Chilenen dürfen keine Beobachterposition
einnehmen, wir müssen die Gesellschaft verändern.
Es ist wichtig, dass sich
jeder von uns für die gemeinsame Sache verantwortlich fühlt.
Es ist die Hauptaufgabe der
Volksregierung, das heißt eines jeden von uns, einen gerechten
Staat zu schaffen, der in der Lage ist, allen, die in diesem
Lande leben, angemessene Daseinsbedingungen zu sichern.
Ich weiß, dass das Wort Staat
ein gewisses Misstrauen erregt. Es wurde oft missbraucht und
wird in vielen Fällen dazu verwendet, ein gerechtes
Gesellschaftssystem abzuwerten. Aber in diesem Staat, in
dieser Volksregierung, seid ihr, sind wir alle vertreten.
Gemeinsam müssen wir ihn entwickeln, ihn wirksam, modern und
revolutionär gestalten.
Man hat bisher viel über die
Beteiligung des Volkes gesprochen, jetzt ist die Zeit
gekommen, in der sie wirksam wird. Jeder Chilene, gleich
welchen Alters, hat eine Aufgabe zu erfüllen. Die persönlichen
Interessen müssen mit den Interessen des Kollektivs in
Übereinstimmung gebracht werden. Kein Staat der Welt verfügt
über so viel Geld, um |23| alle Bedürfnisse der Bürger
zu befriedigen, wenn sich diese nicht zuvor bewusst machen,
dass es neben den Rechten auch Pflichten gibt und dass der
Erfolg weitaus wertvoller ist, der aus eigener Kraft errungen
wurde.
Der Vorschlag der Jugend,
freiwillige Arbeit zu leisten, ist ein hoher Ausdruck der
Bewusstseinsentwicklung des Volkes. Mit Recht schrieben sie an
die Wände von Paris: "Die Revolution findet zuerst in den
Köpfen statt."
In dieser feierlichen Stunde
wende ich mich besonders an die Jugend:
Ich, einst selbst ein
rebellischer Student, will eure Ungeduld nicht kritisieren,
aber ich habe die Pflicht, euch zu ernstem Nachdenken
aufzurufen. Ihr seid in dem schönen Alter, in dem die
physische und die geistige Kraft praktisch alles möglich
macht. Ihr habt daher die Pflicht, unsere Entwicklung
voranzutreiben. Eure Wünsche und Hoffnungen - lasst sie zu
erhöhter Arbeitsleistung werden, euren Elan - bringt ihn durch
Taten zum Ausdruck.
Tausende und aber Tausende
von Jugendlichen forderten ihren Platz im gesellschaftlichen
Kampf. Jetzt habt ihr ihn. Der Augenblick ist gekommen, da
alle Jugendlichen mitarbeiten können. Denjenigen, die bei
diesem Prozess noch abseits stehen, rufe ich zu: Kommt, beim
Aufbau der neuen Gesellschaft gibt es einen Platz für jeden.
Flucht vor der Wirklichkeit,
Dekadenz, Rowdytum und Drogen sind der letzte Ausweg für jene
Jugendlichen in den wohlhabenden Ländern, die ohne moralische
Kraft sind. Bei uns ist das nicht so. Folgt den besten
Beispielen, dem Beispiel derer, die alles für den Aufbau einer
besseren Zukunft geben.
Welchen Weg wird Chile
wählen, um die Rückständigkeit zu überwinden?
Jahrelange Erfahrung zeichnet
uns den Weg vor, der vom Volk in den Wahlen bestätigt wurde
und im Programm der Unidad Popular aufgezeigt ist: den Weg zum
Sozialismus unter weitgehender Ausschöpfung der Möglichkeiten
der bürgerlichen Demokratie. Chile hat wesentliche
Voraussetzungen, die, klug und flexibel genutzt, den Aufbau
der neuen Gesellschaft ermöglichen, deren Grundlage eine neue
Wirtschaft sein wird. Chile verfügt über die
gesellschaftlichen und politischen Institutionen, die
notwendig sind, um aus Rückständigkeit und Abhängigkeit auf
sozialistischem Wege zu Wohlstand und Unabhängigkeit zu
gelangen.
Die Theoretiker des Marxismus
haben niemals behauptet - und auch die Geschichte beweist es
nicht -, dass für den Prozess des |24| Übergangs zum
Sozialismus eine einzige, einheitliche Partei notwendig ist.
Soziale Umstände, nationale und internationale politische
Bedingungen können allerdings eine solche Situation
herbeiführen. Wenn dem Volk als einziger Weg der Befreiung der
Bürgerkrieg aufgezwungen wird, fordert das politische Härte;
eine ausländische Intervention mit ihrer Zielsetzung, um jeden
Preis die alten Machtverhältnisse aufrechtzuerhalten, zwingt
zur autoritären Ausübung der Macht- Solange in Chile derartige
Umstände nicht gegeben sind, wird unser Land, ausgehend von
seinen Traditionen, solche Mechanismen schaffen, die die
Umgestaltung unseres politischen Systems mit der Vielfalt der
politischen Kräfte und Bewegungen ermöglichen. Das ist das
große Vermächtnis unserer Geschichte und unsere edelste
Aufgabe für die Zukunft. Von uns hängt es ab, ob sie eines
Tages erfüllt wird.
Diese entscheidende Tatsache
fordert alle Chilenen, unabhängig von ihren ideologischen
Anschauungen, heraus, durch ihre Anstrengungen zur
unabhängigen Entwicklung unseres Vaterlandes beizutragen. Als
Präsident der Republik versichere ich im Gedenken an die, die
die Vorkämpfer für Chiles Befreiung waren, dass ich mich
bemühen werde, den Erwartungen des Volkes im Rahmen unserer
Traditionen zu entsprechen.
Der Volkssieg zeigt die
Bewusstseinsreife eines Teils unserer Bevölkerung. Dieses
Bewusstsein muss sich weiterentwickeln. Es muss jene Tausende
und aber Tausende Chilenen erfüllen, die, wenngleich sie
bisher nicht auf unserer Seite waren, doch ein Teil des
Prozesses sind und sich jetzt entschlossen haben, mit einer
neuen Moral an der Erfüllung unserer großen Aufgabe, dem
Aufbau einer neuen Nation, mitzuarbeiten.
Von dieser neuen Moral, vom
Patriotismus und vom revolutionären Geist werden sich auch die
Regierenden leiten lassen.
Zu Beginn unserer Amtsperiode
muss ich darauf hinweisen, dass unsere Regierung die absolute
Verantwortung übernimmt. Weit entfernt davon, uns als
Gefangene der Kontrollorgane zu fühlen, werden wir diese
dennoch bitten, ständig in dem Bewusstsein zu arbeiten, dass
sie helfen müssen, Fehler zu korrigieren; und wir selbst
werden jene anklagen, die die Regierungsgewalt missbrauchen.
Allen meinen Landsleuten, die zur Erfüllung unserer großen
Aufgabe beitragen, sage ich, dass ich mich mit dem Satz von
Fidel Castro identifiziere: "In dieser Regierung kann jeder
mitarbeiten, aber keiner soll versuchen, sie |25|
auszunutzen." Ich werde unbeugsam sein, wenn es gilt, die
moralische Integrität des Regimes zu wahren.
In unserem
Regierungsprogramm, das vom Volk angenommen wurde, haben wir
eindeutig erklärt, dass unsere Demokratie um so realer wird,
je mehr sie aus dem Volke kommt, je mehr sie die menschlichen
Freiheiten stärkt, je mehr sie vom Volk selbst getragen wird.
Das Volk übernimmt die
Kontrolle der Exekutivgewalt im Rahmen eines vom Präsidenten
geführten Regimes, um den Sozialismus durch den bewussten und
organisierten Kampf innerhalb der Parteien und der freien
Gewerkschaften stufenweise aufzubauen.
Die Ketten, die bisher unsere
Entwicklung gehemmt haben, müssen gesprengt werden, damit die
Produktivkräfte sich frei entfalten können; Freiheit für jeden
Bürger, unabhängig von seiner politischen Überzeugung und
seinem Glauben; Mitarbeit aller an der kollektiven Aufgabe.
Freiheit für die, die von ihrer Hände Arbeit leben, damit sie
an ihren Arbeitsplätzen ihr Kontrollrecht ausüben und das
gesellschaftliche Eigentum mehren können.
Wir werden in Chile auch das
Prinzip der Gleichheit durchsetzen: Gleichheit, um allmählich
die Spaltung der Chilenen in Ausbeuter und Ausgebeutete zu
überwinden; Gleichheit, damit jeder entsprechend seiner
Arbeitsleistung und seinen Bedürfnissen am gemeinsamen
Reichtum teilhat; Gleichheit, um die enormen Unterschiede in
der Entlohnung für gleiche Arbeit zu reduzieren; Gleichheit
ist notwendig zur Wahrung der Menschenwürde; jedem muss die
Achtung zuteil werden, die ihm gebührt.
Geleitet von diesen
Richtlinien und getreu diesen Prinzipien, werden wir den
Aufbau der neuen Ordnung beginnen.
Ziel der neuen Wirtschaft,
die wir aufbauen werden, ist es, die Reichtümer Chiles für das
chilenische Volk zurückzugewinnen. Die Monopole werden
enteignet werden, weil es das Interesse des Landes verlangt.
Ebenso im Interesse des Landes garantieren wir den mittleren
und kleinen Betrieben die Hilfe des Staates für ihre
wirtschaftliche Entwicklung.
Die Volksregierung hat die
Gesetzesentwürfe bereits ausgearbeitet, die die Erfüllung des
Programms ermöglichen werden. Werktätige, Arbeiter,
Angestellte, Hochschulabsolventen und Intellektuelle werden
die ökonomische, aber auch die politische Leitung des Landes
ausüben. Zum ersten Mal in unserer Geschichte sind vier
Arbeiter als Staatsminister in der Regierung vertreten.
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Nur auf dem Wege grundlegender Umgestaltung im
wirtschaftlichen und politischen System nähern wir uns
schrittweise dem Ideal, das unser Handeln bestimmt.
Wir wollen eine neue
Gesellschaft aufbauen, in der die Menschen ihre materiellen
und geistigen Bedürfnisse befriedigen können, ohne andere
Menschen auszubeuten.
Wir wollen eine neue
Gesellschaft aufbauen, die jeder Familie, jedem Mann, jeder
Frau, jedem Jugendlichen und jedem Kind Rechte, Sicherheiten
und Freiheiten garantiert, die jedem eine Perspektive für die
Zukunft und das sichere Gefühl gibt, beim Aufbau des neuen
Vaterlandes gebraucht zu werden. Dadurch wird für jeden das
Leben schöner, reicher, würdiger und freier.
Wir schaffen eine neue
Gesellschaft, die in der Lage ist, den materiellen,
technischen und wissenschaftlichen Fortschritt durchzusetzen,
die auch den Intellektuellen und den Künstlern ermöglichen
wird, in ihren Werken die wirkliche kulturelle Widergeburt
auszudrücken.
Wir schaffen eine neue
Gesellschaft, die friedlich mit allen Völkern zusammenleben
kann, die die Erfahrung aller fortgeschrittenen Nationen
nutzen wird.
Und schließlich wollen wir
eine neue Gesellschaft aufbauen, die mit allen noch abhängigen
Nationen in allen Teilen der Welt brüderliche Solidarität übt.
Unsere Außenpolitik stützt
sich heute wie auch in der Vergangenheit auf die Achtung der
freiwillig eingegangenen internationalen Verpflichtungen, auf
die Prinzipien der Selbstbestimmung und der Nichteinmischung.
Wir tragen entschlossen zur Stärkung des Friedens, zur
friedlichen Koexistenz der Staaten bei. Jedes Volk hat das
Recht, sich frei zu entwickeln, auf dem von ihm gewählten Weg
voranzuschreiten.
Aber aus bitterer Erfahrung
wissen wir, was Indira Gandhi vor den Vereinten Nationen
ausgesprochen hat: "Das Recht der Völker, ihre Regierungsform
selbst zu wählen, wird nur auf dem Papier anerkannt. In
Wirklichkeit ist eine beachtliche Einmischung in die inneren
Angelegenheiten vieler Länder zu beobachten. Die Mächtigen
üben ihren Einfluss auf tausenderlei Weise aus."
Chile achtet das Recht auf
Selbstbestimmung und praktiziert die Nichteinmischung. Eine
gleiche Haltung kann es auch von jeder anderen Regierung in
ihren Beziehungen zu Chile verlangen. Das chilenische Volk
will sein Leben selbst, und die Regierung der Unidad Popular
wird dieses Recht entschlossen verteidigen.
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Ich grüße alle offiziellen Delegationen, die uns mit ihrer
Anwesenheit ehren. Ich grüße ebenso die Delegationen
derjenigen Länder, zu denen wir noch keine diplomatischen
Beziehungen haben.
Meine Herren Vertreter von
Regierungen, Völkern und Institutionen!
Durch diese Massenkundgebung
wollen wie Sie brüderlich ehren. Ich bin Lateinamerikaner, mit
den Menschen dieses Kontinents, mit ihren Problemen, ihren
Wünschen und gemeinsamen Bestrebungen verwachsen. Daher
entbiete ich in dieser Stunde als Regierungschef meinen Gruß
den lateinamerikanischen Brüdern, in der Hoffnung, dass eines
Tages die Ideen unserer Vorkämpfer verwirklicht werden und wie
ein großer geeinter Kontinent sind.
Hier mit uns versammelt sind
die Vertreter von Arbeiterorganisationen, die aus allen Teilen
der Welt kommen, sind Intellektuelle und Künstler von Weltruf,
die dem chilenischen Volk Solidarität bezeigen und gemeinsam
mit ihm seinen Sieg feiern möchten, einen Sieg, der von allen
Menschen, die für Freiheit und Würde kämpfen, als der ihre
empfunden wird.
Botschafter, Künstler,
Werktätige, Intellektuelle, Soldaten! Chile reicht euch die
Hand der Freundschaft!
Erlauben Sie mir, verehrte
Gäste, Ihnen zu sagen, dass die heutige Kundgebung ein
Ausdruck des politischen Reifeprozesses in Chile ist.
Sie haben mit Ihren eigenen
Augen das Elend gesehen, in dem viele unserer Landsleute
leben. Sie haben die Slums an den Stadträndern, die Callampas,
gesehen und konnten feststellen, auf welch menschenunwürdiges
Niveau man das Leben in einem fruchtbaren und reichen Land
herabdrücken kann, und Sie haben dabei vielleicht an die
Bemerkung von Lincoln gedacht: "Dieses Land kann nicht zur
Hälfte Sklave und zur Hälfte frei sein."
An Sie, die Sie gehört haben,
wie die Unidad Popular das vom Volk unterstützte Programm
verwirklichen will, richte ich eine Bitte: Berichten Sie in
Ihren Ländern über Chile, wie es heute ist, sprechen Sie aber
auch von unserer festen Hoffnung, wie es einmal sein wird.
Sagen Sie, dass hier die
Geschichte eine neue Wendung erfährt, dass hier ein Volk
darangeht, sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen, um
auf demokratischem Weg zum Sozialismus zu kommen.
Dieses
Chile beginnt sich zu erneuern. Dieses am Anfang eines neuen
Weges stehende Land hofft, dass seine Wünsche sich erfüllen
und jeder Mensch in der Welt in uns seine Brüder sieht. |