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Salvador Allende:

Rede im Nationalstadion von Santiago anlässlich des Amtsantritts,

5. November 1970

(eingefügte Seitenzahlen verweisen auf: S. Allende, Chile - Volkskampf gegen Reaktion und Imperialismus, Berlin 1973, S. 17-27)

 

 

|17| Das Volk sagte, wir werden siegen. Und wir haben gesiegt! Der Sieg gehört den Werktätigen.

Der Sieg gehört dem geprüften Volk, das eineinhalb Jahrhunderte lang unter dem Deckmantel sogenannter Unabhängigkeit die Ausbeutung der herrschenden Klasse ertrug, die unfähig ist, den Fortschritt zu sichern, und die auch gar kein Interesse daran hat. Die Wahrheit ist – und das wissen wir alle –, dass Rückständigkeit, Unwissenheit und Hunger unseres Volkes und aller Völker der dritten Welt einigen wenigen Privilegierten Gewinne bringen. Aber jetzt endlich ist der Tag gekommen, um Schluss zu sagen, Schluss mit der wirtschaftlichen Ausbeutung! Schluss mit der sozialen Ungleichheit! Schluss mit der politischen Unterdrückung!

Erfüllt von den Ideen der Helden unseres Vaterlandes, feiern wir heute unseren Sieg, den Sieg Chiles, den Beginn unserer Befreiung. Das Volk, das endlich zur Macht gelangte, nimmt das Schicksal der Nation in seine Hände.

Aber wie sieht Chile aus, was für ein Erbe haben wir angetreten?

Entschuldigt, Compañeros, dass ich an diesem Festtag und vor den Delegationen so vieler Länder, die uns mit ihrer Anwesenheit ehren, diese schmerzlichen Themen berühre. Aber es ist unsere Pflicht und unser Recht, auf unser jahrhundertelanges Leid hinzuweisen. Der peruanische Präsident Velasco Alvarado sagte: „Ein der großen Aufgaben der Revolution ist es, mit dem Betrug zu brechen, der uns alle mit dem Rücken zur Realität hat leben lassen.“

Es ist Zeit festzustellen, dass wir, die unterentwickelten Völker, bloße Objekte der Geschichte gewesen sind.

|18| Wir waren Kolonien in der Zeit des Feudalismus. Wir sind neokoloniale Nationen im Kapitalismus, und unsere Abhängigkeit droht anzudauern.

War waren die ausgebeuteten Völker, jene, die nicht für sich selbst arbeiteten, sondern zu fremdem Wohlstand beitragen mussten.

Wer ist verantwortlich für die Rückständigkeit, in der wir leben?

Nach langer Irreführung und großem Betrug hat es das Volk begriffen. Es weiß aus eigener Erfahrung, dass die wahren Gründe unserer Rückständigkeit im System liegen. Sie liegen im System der kapitalistischen Abhängigkeit, in dem im nationalen Maßstab die mittellose Mehrheit einer reichen Minderheit gegenübersteht und in dem es auf internationaler Ebene die herrschenden und die ausgepowerten Länder gibt, wobei letztere am meisten für den Wohlstand der wenigen zu zahlen haben.

Wir haben eine von sozialer Ungleichheit gekennzeichnete Gesellschaft übernommen, eine Gesellschaft, die in antagonistische Klassen, in Ausbeuter und Ausgebeutete, gespalten ist, eine Gesellschaft, die die Menschen zu einer unersättlichen Habsucht verurteilt, zu den schlimmsten Formen der Grausamkeit und zur Gleichgültigkeit gegenüber fremdem Leid.

Wir haben eine Gesellschaft der Arbeitslosigkeit übernommen, die immer mehr Menschen zur Zwangsarbeit verdammt und an den Rand des Abgrunds treibt. Die Arbeitslosigkeit ist keine Folge der Überbevölkerung, wie einige sagen; das tragische Schicksal der Arbeitslosen beweist vielmehr die Unfähigkeit des Regimes, allen das elementare Recht auf Arbeit zu sichern.

Wir haben eine von der Inflation gezeichnete Wirtschaft übernommen. Durch die inflationäre Entwicklung wird der Hungerlohn der Arbeiter von Monat zu Monat niedriger, die Altersrenten werden fast auf ein Nichts reduziert.

Aus diesen Wunden blutet das werktätige Volk Chiles; es wird schwer sein, sie zu heilen. Wir sind jedoch überzeugt, dass wir es schaffen können, weil die Wirtschaftspolitik der Regierung von nun an von den Interessen des Volkes diktiert wird.

Wir haben eine abhängige Gesellschaft übernommen, deren wichtigste Reichtümer an die großen internationalen Gesellschaften veräußert wurden, eine wirtschaftlich, technologisch, kulturell und politisch abhängige Gesellschaft.

|19| Unser Erbe ist eine Gesellschaft, in der den meisten Familien die Grundrechte auf Arbeit, auf Bildung, gesundheitliche Betreuung und Erholung vorenthalten werden, ja selbst die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Gegen all diese Lebensformen hat sich das chilenische Volk jetzt empört. Unseren Sieg verdanken wir der endlich erreichten Überzeugung, dass nur eine wirklich revolutionäre Regierung sich der Macht der herrschenden Klasse entgegenstellen und zur gleichen Zeit alle Chilenen mobilisieren kann für die Errichtung der Republik des werktätigen Volkes.

Das ist unsere historische Aufgabe. Werktätige Chiles, ich rufe euch heute auf, diese Mission zu erfüllen! Nur wenn wir alle, die wir das Vaterland lieben, die wir an das Vaterland glauben, Schulter an Schulter voranschreiten, werden wir die Rückständigkeit überwinden und die neue Gesellschaft errichten können.

Wir Chilenen sind stolz, unser Ziel mit politischen Mitteln erricht, ohne Gewaltanwendung gesiegt zu haben. Das ist eine edle Tradition, das ist eine unvergängliche Errungenschaft. In unserem langen und harten Kampf um die Befreiung, in unserem langen und harten Kampf für Gleichheit und Gerechtigkeit haben wir es immer vorgezogen, die sozialen Konflikte mit den Mitteln der Überzeugung, mit politischen Mitteln zu lösen.

Wir Chilenen weisen Bruderkämpfe aus tiefster Überzeugung zurück, aber niemals werden wir darauf verzichten, die Rechte unseres Volkes durchzusetzen. Auf unserem Wappen heißt es: „Durch die Vernunft oder die Gewalt.“ An erster Stelle steht die Vernunft.

Diese Kontinuität des politischen Prozesses ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis unserer sozialökonomischen Struktur, der besonderen Beziehungen der gesellschaftlichen Kräfte, die aus den Bedingungen unserer Entwicklung erwachsen sind.

Republikanische und demokratische Tradition prägten das kollektive Bewusstsein der Chilenen, erzeugten eine Haltung der Achtung vor anderen, der Toleranz. Und wenn sich Antagonismen und Klassenwidersprüche zuspitzten, so wurde zunächst versucht, sie im Rahmen unserer republikanischen Ordnung und gemäß unseren traditionell demokratischen Normen auszutragen.

Niemals hat unser Volk diese historische Linie gebrochen. Die wenigen Verletzungen dieser Tradition kamen immer von den herrschenden Klassen. Es waren immer die Mächtigen, die Gewalt |20| anwandten, die das Blut der Chilenen vergossen und normale Entwicklung des Landes unterbrachen.

Die Verfolgung von Gewerkschaften, Studenten, Intellektuellen und Arbeiterparteien ist die brutale Antwort derer, die ihre Privilegien bedroht sehen. Der beharrliche Kampf der organisierten Volksmassen jedoch hat die Anerkennung der bürgerlichen und sozialen, der gesellschaftlichen und individuellen Freiheiten durchsetzen können.

Durch diese besondere Tradition Chiles ist dieser historische Augenblick möglich geworden, in dem das Volk die politische Leitung des Landes übernimmt. Die gegen das kapitalistische Ausbeutungssystem kämpfenden Massen, repräsentiert durch die Unidad Popular, übernehmen die Präsidentschaft der Republik. Die beste Tradition unserer Geschichte ist die Respektierung der demokratischen Werte, die Anerkennung des Willens der Mehrheit.

Ohne auf ihre revolutionären Ziele zu verzichten, haben die Volkskräfte ihre Kampfformen den Gegebenheiten der chilenischen Verhältnisse anzupassen verstanden, indem sie Erfolge und Misserfolge nicht als endgültigen Sieg oder als Niederlage, sondern als Meilensteine auf dem langen und harten Weg zur Befreiung angesehen haben.

Chile hat das in der Welt bisher einzige Beispiel dafür gegeben, dass ein antikapitalistische Bewegung in der Lage ist, die Macht in Wahrnehmung der verfassungsmäßigen Rechte der Bürger zu ergreifen, um das Land in eine neue, menschlichere Gesellschaft zu führen, deren große Ziele sinnvolle Ordnung der wirtschaftlichen Verhältnisse, fortschreitende Vergesellschaftung der Produktionsmittel und Überwindung der Klassenspaltung sind.

Als Sozialisten wissen wir aus der Theorie, welches die Kräfte sind, die historische Veränderungen bewirken. Engels drückte es so aus: „Man kann sich vorstellen, die alte Gesellschaft könne friedlich in die neue hineinwachsen in den Ländern, wo die Volksvertretung alle Macht in sich konzentriert, wo man verfassungsmäßig tun kann, was man will, sobald man die Majorität des Volkes hinter sich hat.“

Das trifft für unser Chile zu. Hier endlich erfüllt sich die Voraussage von Engels. Es ist aber zweifellos wichtig, daran zu erinnern, dass in den 60 Tagen, die seit den Wahlen vom 4. September vergangen sind, die demokratischen Kräfte unseres Landes der härtesten Probe ausgesetzt waren, die sie jemals zu bestehen hatten.

Nach einer dramatischen Folge von Ereignissen hat sich abermals |21| unsere Tradition behauptet: Die Differenzen werden mit politischen Mitteln ausgetragen.

Chile beginnt den Weg zum Sozialismus, ohne die tragische Erfahrung eines Bruderkrieges gemacht zu haben. Und diese bedeutende Tatsache bestimmt den Weg, den unsere Regierung für die Umgestaltung der Gesellschaft wählen wird.

Der Wille des Volkes bestärkt uns in unserer Aufgabe. Meine Regierung wird diesem Vertrauen entsprechen und die demokratische Tradition unseres Volkes lebendig erhalten und fortsetzen.

Aber in diesen 60 entscheidenden Tagen waren Chile und die ganze Welt Zeugen der andauernden betrügerischen Versuche, den Geist unserer Verfassung zu verletzen, den Willen des Volkes zu ignorieren, die Wirtschaft des Landes zu sabotieren, waren sie Zeugen vor allem der hinterhältigen Versuche, einen blutigen und gewalttätigen Zusammenstoß unter den Bürgern zu provozieren.

Ich persönlich bin davon überzeugt, dass das heroische Opfer eines Soldaten, des Befehlshabers des Heeres, General René Schneider, das unvorhergesehene Ereignis war, das unser Vaterland vor einem Bürgerkrieg bewahrt hat.

Diese unglaublichen Ereignisse machten erneut den verbrecherischen Wahnsinn der Reaktion und ihrer Helfer deutlich. Sie sind die Vertreter, die Söldner derer, die seit der Kolonialzeit hauptverantwortlich sind für die Ausbeutung unseres Volkes zu ihrem egoistischen Vorteil und für die Auslieferung unserer Reichtümer an das Ausland. Diese Minderheiten schreckten 1891 vor keinem Mittel zurück, um ihre Privilegien zu verewigen; 1970 schreckten sie nicht davor zurück, das Land an einen tragischen Abgrund zu führen.

Sie scheiterten in ihren volksfeindlichen Bestrebungen. Sie scheiterten an der Stabilität der demokratischen Institutionen, an der Standhaftigkeit des Volkswillens. Das Volk ist entschlossen, diesen Kräften entgegenzutreten und sie zu entwaffnen, um die Ruhe und den Frieden der Nation zu sichern, die von jetzt an unter der Obhut der Volksmacht steht.

Was aber heißt Volksmacht?

Volksmacht bedeutet, dass wir den Minderheiten, die von jeher unser Land zur Rückständigkeit verurteilten, die Basis entziehen werden.

Wir werden mit den Monopolen Schluss machen, die es einigen Dutzend Familien gestatten, die gesamte Wirtschaft des Landes zu kontrollieren.

|22| Wir werden mit dem Finanzsystem Schluss machen, das im Dienste des Profits steht und stets die Armen weitaus schwerer belastet als die Reichen, das die nationalen Spareinlagen in den Händen der Bankiers konzentrierte, sie ihrem Profitstreben dienstbar machte.

Wir werden die Latifundien abschaffen, die Tausende Bauern zu sklavischer Abhängigkeit, zum Elend verurteilen, die schuld sind, dass nicht alle Nahrungsmittel, die wir benötigen, im Lande selbst angebaut werden.

Wir werden der ständig zunehmenden Tendenz, unsere Industrie und unsere Bodenschätze ausländischen Monopolen zu überlassen, das Land ausländischer Ausbeutung zu unterwerfen, einen Riegel vorschieben.

Wir werden die Bodenschätze für Chile zurückgewinnen, unserem Volk die großen Kupfer-, Kohle- und Salpeterbergwerke zurückgeben. Es liegt in unseren Händen, das zu erreichen, in den Händen derer, die ihren Lebensunterhalt durch ihre Arbeit verdienen und die heute die Macht haben.

Die Welt wird die Veränderungen, die sich in unserem Land vollziehen, beobachten. Wir Chilenen dürfen keine Beobachterposition einnehmen, wir müssen die Gesellschaft verändern.

Es ist wichtig, dass sich jeder von uns für die gemeinsame Sache verantwortlich fühlt.

Es ist die Hauptaufgabe der Volksregierung, das heißt eines jeden von uns, einen gerechten Staat zu schaffen, der in der Lage ist, allen, die in diesem Lande leben, angemessene Daseinsbedingungen zu sichern.

Ich weiß, dass das Wort Staat ein gewisses Misstrauen erregt. Es wurde oft missbraucht und wird in vielen Fällen dazu verwendet, ein gerechtes Gesellschaftssystem abzuwerten. Aber in diesem Staat, in dieser Volksregierung, seid ihr, sind wir alle vertreten. Gemeinsam müssen wir ihn entwickeln, ihn wirksam, modern und revolutionär gestalten.

Man hat bisher viel über die Beteiligung des Volkes gesprochen, jetzt ist die Zeit gekommen, in der sie wirksam wird. Jeder Chilene, gleich welchen Alters, hat eine Aufgabe zu erfüllen. Die persönlichen Interessen müssen mit den Interessen des Kollektivs in Übereinstimmung gebracht werden. Kein Staat der Welt verfügt über so viel Geld, um |23| alle Bedürfnisse der Bürger zu befriedigen, wenn sich diese nicht zuvor bewusst machen, dass es neben den Rechten auch Pflichten gibt und dass der Erfolg weitaus wertvoller ist, der aus eigener Kraft errungen wurde.

Der Vorschlag der Jugend, freiwillige Arbeit zu leisten, ist ein hoher Ausdruck der Bewusstseinsentwicklung des Volkes. Mit Recht schrieben sie an die Wände von Paris: „Die Revolution findet zuerst in den Köpfen statt.“

In dieser feierlichen Stunde wende ich mich besonders an die Jugend:

Ich, einst selbst ein rebellischer Student, will eure Ungeduld nicht kritisieren, aber ich habe die Pflicht, euch zu ernstem Nachdenken aufzurufen. Ihr seid in dem schönen Alter, in dem die physische und die geistige Kraft praktisch alles möglich macht. Ihr habt daher die Pflicht, unsere Entwicklung voranzutreiben. Eure Wünsche und Hoffnungen – lasst sie zu erhöhter Arbeitsleistung werden, euren Elan – bringt ihn durch Taten zum Ausdruck.

Tausende und aber Tausende von Jugendlichen forderten ihren Platz im gesellschaftlichen Kampf. Jetzt habt ihr ihn. Der Augenblick ist gekommen, da alle Jugendlichen mitarbeiten können. Denjenigen, die bei diesem Prozess noch abseits stehen, rufe ich zu: Kommt, beim Aufbau der neuen Gesellschaft gibt es einen Platz für jeden.

Flucht vor der Wirklichkeit, Dekadenz, Rowdytum und Drogen sind der letzte Ausweg für jene Jugendlichen in den wohlhabenden Ländern, die ohne moralische Kraft sind. Bei uns ist das nicht so. Folgt den besten Beispielen, dem Beispiel derer, die alles für den Aufbau einer besseren Zukunft geben.

Welchen Weg wird Chile wählen, um die Rückständigkeit zu überwinden?

Jahrelange Erfahrung zeichnet uns den Weg vor, der vom Volk in den Wahlen bestätigt wurde und im Programm der Unidad Popular aufgezeigt ist: den Weg zum Sozialismus unter weitgehender Ausschöpfung der Möglichkeiten der bürgerlichen Demokratie. Chile hat wesentliche Voraussetzungen, die, klug und flexibel genutzt, den Aufbau der neuen Gesellschaft ermöglichen, deren Grundlage eine neue Wirtschaft sein wird. Chile verfügt über die gesellschaftlichen und politischen Institutionen, die notwendig sind, um aus Rückständigkeit und Abhängigkeit auf sozialistischem Wege zu Wohlstand und Unabhängigkeit zu gelangen.

Die Theoretiker des Marxismus haben niemals behauptet – und auch die Geschichte beweist es nicht –, dass für den Prozess des |24| Übergangs zum Sozialismus eine einzige, einheitliche Partei notwendig ist. Soziale Umstände, nationale und internationale politische Bedingungen können allerdings eine solche Situation herbeiführen. Wenn dem Volk als einziger Weg der Befreiung der Bürgerkrieg aufgezwungen wird, fordert das politische Härte; eine ausländische Intervention mit ihrer Zielsetzung, um jeden Preis die alten Machtverhältnisse aufrechtzuerhalten, zwingt zur autoritären Ausübung der Macht- Solange in Chile derartige Umstände nicht gegeben sind, wird unser Land, ausgehend von seinen Traditionen, solche Mechanismen schaffen, die die Umgestaltung unseres politischen Systems mit der Vielfalt der politischen Kräfte und Bewegungen ermöglichen. Das ist das große Vermächtnis unserer Geschichte und unsere edelste Aufgabe für die Zukunft. Von uns hängt es ab, ob sie eines Tages erfüllt wird.

Diese entscheidende Tatsache fordert alle Chilenen, unabhängig von ihren ideologischen Anschauungen, heraus, durch ihre Anstrengungen zur unabhängigen Entwicklung unseres Vaterlandes beizutragen. Als Präsident der Republik versichere ich im Gedenken an die, die die Vorkämpfer für Chiles Befreiung waren, dass ich mich bemühen werde, den Erwartungen des Volkes im Rahmen unserer Traditionen zu entsprechen.

Der Volkssieg zeigt die Bewusstseinsreife eines Teils unserer Bevölkerung. Dieses Bewusstsein muss sich weiterentwickeln. Es muss jene Tausende und aber Tausende Chilenen erfüllen, die, wenngleich sie bisher nicht auf unserer Seite waren, doch ein Teil des Prozesses sind und sich jetzt entschlossen haben, mit einer neuen Moral an der Erfüllung unserer großen Aufgabe, dem Aufbau einer neuen Nation, mitzuarbeiten.

Von dieser neuen Moral, vom Patriotismus und vom revolutionären Geist werden sich auch die Regierenden leiten lassen.

Zu Beginn unserer Amtsperiode muss ich darauf hinweisen, dass unsere Regierung die absolute Verantwortung übernimmt. Weit entfernt davon, uns als Gefangene der Kontrollorgane zu fühlen, werden wir diese dennoch bitten, ständig in dem Bewusstsein zu arbeiten, dass sie helfen müssen, Fehler zu korrigieren; und wir selbst werden jene anklagen, die die Regierungsgewalt missbrauchen. Allen meinen Landsleuten, die zur Erfüllung unserer großen Aufgabe beitragen, sage ich, dass ich mich mit dem Satz von Fidel Castro identifiziere: „In dieser Regierung kann jeder mitarbeiten, aber keiner soll versuchen, sie |25| auszunutzen.“ Ich werde unbeugsam sein, wenn es gilt, die moralische Integrität des Regimes zu wahren.

In unserem Regierungsprogramm, das vom Volk angenommen wurde, haben wir eindeutig erklärt, dass unsere Demokratie um so realer wird, je mehr sie aus dem Volke kommt, je mehr sie die menschlichen Freiheiten stärkt, je mehr sie vom Volk selbst getragen wird.

Das Volk übernimmt die Kontrolle der Exekutivgewalt im Rahmen eines vom Präsidenten geführten Regimes, um den Sozialismus durch den bewussten und organisierten Kampf innerhalb der Parteien und der freien Gewerkschaften stufenweise aufzubauen.

Die Ketten, die bisher unsere Entwicklung gehemmt haben, müssen gesprengt werden, damit die Produktivkräfte sich frei entfalten können; Freiheit für jeden Bürger, unabhängig von seiner politischen Überzeugung und seinem Glauben; Mitarbeit aller an der kollektiven Aufgabe. Freiheit für die, die von ihrer Hände Arbeit leben, damit sie an ihren Arbeitsplätzen ihr Kontrollrecht ausüben und das gesellschaftliche Eigentum mehren können.

Wir werden in Chile auch das Prinzip der Gleichheit durchsetzen: Gleichheit, um allmählich die Spaltung der Chilenen in Ausbeuter und Ausgebeutete zu überwinden; Gleichheit, damit jeder entsprechend seiner Arbeitsleistung und seinen Bedürfnissen am gemeinsamen Reichtum teilhat; Gleichheit, um die enormen Unterschiede in der Entlohnung für gleiche Arbeit zu reduzieren; Gleichheit ist notwendig zur Wahrung der Menschenwürde; jedem muss die Achtung zuteil werden, die ihm gebührt.

Geleitet von diesen Richtlinien und getreu diesen Prinzipien, werden wir den Aufbau der neuen Ordnung beginnen.

Ziel der neuen Wirtschaft, die wir aufbauen werden, ist es, die Reichtümer Chiles für das chilenische Volk zurückzugewinnen. Die Monopole werden enteignet werden, weil es das Interesse des Landes verlangt. Ebenso im Interesse des Landes garantieren wir den mittleren und kleinen Betrieben die Hilfe des Staates für ihre wirtschaftliche Entwicklung.

Die Volksregierung hat die Gesetzesentwürfe bereits ausgearbeitet, die die Erfüllung des Programms ermöglichen werden. Werktätige, Arbeiter, Angestellte, Hochschulabsolventen und Intellektuelle werden die ökonomische, aber auch die politische Leitung des Landes ausüben. Zum ersten Mal in unserer Geschichte sind vier Arbeiter als Staatsminister in der Regierung vertreten.

|26| Nur auf dem Wege grundlegender Umgestaltung im wirtschaftlichen und politischen System nähern wir uns schrittweise dem Ideal, das unser Handeln bestimmt.

Wir wollen eine neue Gesellschaft aufbauen, in der die Menschen ihre materiellen und geistigen Bedürfnisse befriedigen können, ohne andere Menschen auszubeuten.

Wir wollen eine neue Gesellschaft aufbauen, die jeder Familie, jedem Mann, jeder Frau, jedem Jugendlichen und jedem Kind Rechte, Sicherheiten und Freiheiten garantiert, die jedem eine Perspektive für die Zukunft und das sichere Gefühl gibt, beim Aufbau des neuen Vaterlandes gebraucht zu werden. Dadurch wird für jeden das Leben schöner, reicher, würdiger und freier.

Wir schaffen eine neue Gesellschaft, die in der Lage ist, den materiellen, technischen und wissenschaftlichen Fortschritt durchzusetzen, die auch den Intellektuellen und den Künstlern ermöglichen wird, in ihren Werken die wirkliche kulturelle Widergeburt auszudrücken.

Wir schaffen eine neue Gesellschaft, die friedlich mit allen Völkern zusammenleben kann, die die Erfahrung aller fortgeschrittenen Nationen nutzen wird.

Und schließlich wollen wir eine neue Gesellschaft aufbauen, die mit allen noch abhängigen Nationen in allen Teilen der Welt brüderliche Solidarität übt.

Unsere Außenpolitik stützt sich heute wie auch in der Vergangenheit auf die Achtung der freiwillig eingegangenen internationalen Verpflichtungen, auf die Prinzipien der Selbstbestimmung und der Nichteinmischung. Wir tragen entschlossen zur Stärkung des Friedens, zur friedlichen Koexistenz der Staaten bei. Jedes Volk hat das Recht, sich frei zu entwickeln, auf dem von ihm gewählten Weg voranzuschreiten.

Aber aus bitterer Erfahrung wissen wir, was Indira Gandhi vor den Vereinten Nationen ausgesprochen hat: „Das Recht der Völker, ihre Regierungsform selbst zu wählen, wird nur auf dem Papier anerkannt. In Wirklichkeit ist eine beachtliche Einmischung in die inneren Angelegenheiten vieler Länder zu beobachten. Die Mächtigen üben ihren Einfluss auf tausenderlei Weise aus.“

Chile achtet das Recht auf Selbstbestimmung und praktiziert die Nichteinmischung. Eine gleiche Haltung kann es auch von jeder anderen Regierung in ihren Beziehungen zu Chile verlangen. Das chilenische Volk will sein Leben selbst, und die Regierung der Unidad Popular wird dieses Recht entschlossen verteidigen.

|27| Ich grüße alle offiziellen Delegationen, die uns mit ihrer Anwesenheit ehren. Ich grüße ebenso die Delegationen derjenigen Länder, zu denen wir noch keine diplomatischen Beziehungen haben.

Meine Herren Vertreter von Regierungen, Völkern und Institutionen!

Durch diese Massenkundgebung wollen wie Sie brüderlich ehren. Ich bin Lateinamerikaner, mit den Menschen dieses Kontinents, mit ihren Problemen, ihren Wünschen und gemeinsamen Bestrebungen verwachsen. Daher entbiete ich in dieser Stunde als Regierungschef meinen Gruß den lateinamerikanischen Brüdern, in der Hoffnung, dass eines Tages die Ideen unserer Vorkämpfer verwirklicht werden und wie ein großer geeinter Kontinent sind.

Hier mit uns versammelt sind die Vertreter von Arbeiterorganisationen, die aus allen Teilen der Welt kommen, sind Intellektuelle und Künstler von Weltruf, die dem chilenischen Volk Solidarität bezeigen und gemeinsam mit ihm seinen Sieg feiern möchten, einen Sieg, der von allen Menschen, die für Freiheit und Würde kämpfen, als der ihre empfunden wird.

Botschafter, Künstler, Werktätige, Intellektuelle, Soldaten! Chile reicht euch die Hand der Freundschaft!

Erlauben Sie mir, verehrte Gäste, Ihnen zu sagen, dass die heutige Kundgebung ein Ausdruck des politischen Reifeprozesses in Chile ist.

Sie haben mit Ihren eigenen Augen das Elend gesehen, in dem viele unserer Landsleute leben. Sie haben die Slums an den Stadträndern, die Callampas, gesehen und konnten feststellen, auf welch menschenunwürdiges Niveau man das Leben in einem fruchtbaren und reichen Land herabdrücken kann, und Sie haben dabei vielleicht an die Bemerkung von Lincoln gedacht: „Dieses Land kann nicht zur Hälfte Sklave und zur Hälfte frei sein.“

An Sie, die Sie gehört haben, wie die Unidad Popular das vom Volk unterstützte Programm verwirklichen will, richte ich eine Bitte: Berichten Sie in Ihren Ländern über Chile, wie es heute ist, sprechen Sie aber auch von unserer festen Hoffnung, wie es einmal sein wird.

Sagen Sie, dass hier die Geschichte eine neue Wendung erfährt, dass hier ein Volk darangeht, sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen, um auf demokratischem Weg zum Sozialismus zu kommen.

Dieses Chile beginnt sich zu erneuern. Dieses am Anfang eines neuen Weges stehende Land hofft, dass seine Wünsche sich erfüllen und jeder Mensch in der Welt in uns seine Brüder sieht.

 

 

Stamokap-Strömung in der SJÖ - politbuero@stamokap.org