Im Juli 2003 wurden in
Argentinien relativ überraschend gegen 46 Militärangehörige wegen
Verbrechen während der Zeit der Diktatur 1976-1983 Haftbefehle
erlassen. Dies ermöglichte der peronistische Präsident Kirchner, der
zumindest formell-juristisch ein unrühmliches Kapitel der jüngeren
argentinischen Geschichte abschließen will. Anlass für einen Blick
zurück – und für einen unter die Oberfläche.
Die Militärdiktatur 1976-1983
Am 24. März 1976 wurde
die amtierende Präsidentin Argentiniens, Isabel Peron, von einer
Gruppe von Militärs entmachtet. Das zweitgrößte Land Südamerikas
konnte zu diesem Zeitpunkt auf eine eher miserable demokratische
Tradition zurückblicken, der eine oder andere Putsch wurde nur
unterbrochen durch die Amtszeiten von formell zwar gewählten, in der
Realität aber ebenso repressiv gegen emanzipatorische Bewegungen des
Volkes sowie jede politische Opposition und kritische Medien
vorgehenden, zumeist rechtspopulistischen, nationalistischen
Präsidenten, wie auch der legendäre Juan Peron einer war. Jedesmal
wechselte der bürgerliche Staat nur seine Maske, nicht aber sein
Gesicht. Als Peron 1974 starb, konnte seine dritte Ehefrau als seine
Nachfolgerin nur 15 Monate im Amt bleiben. Unter der Führung von
General Videla errichtete die Armee ein autoritäres Regime, das sich
bis 1983 halten sollte. In dieser Zeit wurden 30.000 Menschen,
SozialistInnen und KommunistInnen, GewerkschafterInnen, aber auch
bürgerliche GegnerInnen der Junta ermordet, ungleich mehr wurden
verschleppt und gefoltert. Es war schließlich der diesem Regime
innewohnende Militarismus nach außen, der es zu Fall brachte. Nachdem
Argentinien die britisch verwalteten Falkland-Inseln vor seiner
Ostküste okkupiert hatte, trug der daraus resultierende Krieg mit der
Niederlage Argentiniens im Juli 1982 wesentlich zur im darauf
folgenden Jahr stattfindenden demokratischen Transformation bei, an
deren Ende (oder eher: Anfang?) sodann der gewählte Präsident Alfonsin
stand.
Das Interesse des Finanzkapitals
Wer glaubt, in dieser
Auseinandersetzung wäre es um innere Zwistigkeiten der nationalen
Bourgeoisie und der GroßgrundbesitzerInnen oder nur des Militärs
gegangen, täuscht sich. Bei allen Schwierigkeiten eines rückständigen
Landes gab es in Argentinien 1976 freilich einiges zu holen, was die
(ansonsten keineswegs progressive) peronistische Partei unter
nationaler Kontrolle sehen wollte. Es liegt in der Natur der Sache,
dass derartige Unverfrorenheiten das internationale Monopolkapital und
dessen Speerspitze, das US-amerikanische und westeuropäische
Finanzkapital, auf den Plan rufen. Was 1973 in Chile recht war, konnte
nun in Argentinien billig sein. Die Auslandsverschuldung maß damals
genügsame 8 Milliarden Dollar, die nachgeholte Industrialisierung
machte zumindest Fortschritte. Folgerichtig waren es große
Bankkonzerne des Nordens, die die Junta unterstützten und
finanzierten, darunter „alte Bekannte" wie z.B. die Chase Manhattan
Bank und die Bank of America, die Deutsche Bank und die damals noch
verstaatlichte französische Credit Lyonnais. Auch Industrieunternehmen
kollaborierten mit dem Regime, darunter Ford und IBM sowie auch der
Daimler-Benz-Konzern. Letzterer hat eine Reihe von
GewerkschaftsaktivistInnen unter seinen ArbeiterInnen direkt bei der
Junta denunziert und an ihre Schergen ausgeliefert. „Die politische
und wirtschaftliche Stabilisierung in Argentinien seit Frühjahr 1976
sowie die getroffenen geschäftspolitischen Maßnahmen haben sich
positiv auf das Unternehmen ausgewirkt", heißt es dazu im
Daimler-Geschäftsbericht 1977… – Womit wusch nun im Gegenzug der
argentinische Staat die blutigen Hände des Monopolkapitals? Zunächst
mit billigen Rohstoffen sowie billigen Preisen für Arbeitskraft und
Boden, einer kapitalfreundlichen Steuer-, d.h. Umverteilungspolitik
nach oben, sowie mit einer ausgeschalteten Gewerkschaft. Das ist
freilich ein ideales, profitträchtiges Investitionsklima für die
transnationalen Konzerne, der Kapitalimport stieg folgerichtig immens
an. Ebenso – das geht damit einher – der Warenimport. Die Exporte und
die argentinische Industrieproduktion kamen dementsprechend ins
Hintertreffen. Ihr Übriges taten die überteuerten Kredite bei
ausländischen Privatbanken, die bis 1983 die Auslandsverschuldung auf
ca. 50 Milliarden Dollar steigen ließen und somit seit 1976
versechsfachten. Währenddessen brachte die argentinische
Herrschaftsschicht freilich ihre Schäfchen ins Trockene. Laut Weltbank
war allein 1980-1982 eine Kapitalflucht im Ausmaß von 21 Milliarden
Dollar zu beobachten.
„Demokratie" feat. IWF, WTO & Co.
Nachdem das Intermezzo
Alfonsins 1983-1989 sozioökonomisch keine Chance hatte, wurde danach
Carlos Menem, ein Peronist, zum Präsidenten gewählt. Er beendete die
galoppierende Inflation durch eine (bis Januar 2002 haltbare)
1:1-Anbindung des argentinischen Pesos an den US-Dollar. Das Ergebnis
war, dass die Exporte zurückgingen – sie waren ja zu teuer – und dass
jegliche Währungspolitik als staatlicher Mechanismus aus der Hand
gegeben wurde. Menem verdoppelte bis 1999 die Auslandsschulden auf 150
Milliarden Dollar. Argentinien wurde das Exerzierfeld des
antizipierten Neoliberalismus. Es wurde fleißig liberalisiert im
Banken-, Kommunikations- und Energiebereich sowie privatisiert. Die
staatliche Ölförderung wurde an Exxon und Shell ausgeliefert, die
Fluglinie an die spanische Iberia zu einem symbolischen Preis
verscherbelt. Die während der Diktatur angesammelten Schulden der
ehemaligen Staatsbetriebe verlieben freilich beim Staat. Das alles
überwachen IWF, Weltbank und WTO, ohne deren Wohlwollen es keine neuen
Kredite (in Wirklichkeit nur deren Umstrukturierung) geben kann. Das
Wort „Strukturanpassung" wurde hier institutionalisiert. Währenddessen
gelten bereits 21 von 38 Millionen ArgentinierInnen als arm – sie
verfügen über weniger als 267 Euro pro Monat.
Recht und Gerechtigkeit
Zurück zum Beginn.
Bereits 1985 gab es unter Präsident Alfonsin erste Verfahren gegen und
Verurteilungen von Verbrechern aus der Zeit der Diktatur. 1986/87
wurde in 1.000 Fällen jedoch eine Amnestie erlassen, die meisten der
laufenden Verfahren wurden eingestellt, ehe Menem 1989 sämtliche
Verurteilungen von 1985 aufhob und einen „Schlusspunkt" unter die
Vergangenheit setzen wollte. Dass nun die Verbrecher spät aber doch
vor Gericht gestellt werden sollen – egal ob in Spanien, Italien oder
Argentinien – ist als erster Schritt bemerkenswert. Doch die
ausgebeuteten Menschen in Argentinien brauchen nicht nur die
juristische Gerechtigkeit, die ihnen der bürgerliche Staat zugesteht,
sondern soziale Gerechtigkeit, die ihnen zusteht. Diese können sie
sich nur gegen den bürgerlichen Staat und den Imperialismus erkämpfen.