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Was bedeutet "Austromarxismus"?
Es wäre verfehlt, den sogenannten "Austromarxismus"
als homogene und hegemoniale marxistische Strömung in der
österreichischen Sozialdemokratie im ersten Drittel des 20.
Jahrhunderts zu verstehen.
Vielmehr können unter diesem Label verschiedene Intellektuelle um die SDAP gefasst werden, die nur bedingt auf einen klaren gemeinsamen
marxistischen Nenner zu bringen sind. Jene Gruppe, die ab 1904
die "Blätter zur Theorie und Politik des wissenschaftlichen
Sozialismus" bzw. die
"Marx-Studien" und ab 1907 die Monatsschrift "Der Kampf" herausgab, umfasste in weiterer Folge u.a. Max Adler, Rudolf Hilferding,
Otto Bauer, Gustav Eckstein und Karl Renner -
damit wird schon deutlich, dass hier tendenziell linke
Sozialdemokraten wie Bauer ebenso Platz finden wie
Parteigenossen, die eher für den rechten Rand standen, wie Renner. In
diesem Sinne wollen wir unser Betrachtungsgebiet etwas einschränken:
einerseits möchten wir die konkrete marxistische Theoriebildung, wie
sie v.a. von Bauer und Hilferding repräsentiert wird, untersuchen,
andererseits kommen wir freilich nicht umhin, auch die Realpolitik der
Sozialdemokratischen Partei dazu in Bezug zu bringen und zu
analysieren.
Ebenso falsch wäre es, unter "Austromarxismus" nur
spezifische marxistische Analysen zur österreichischen Situation
summieren zu wollen. Keineswegs geht es bei den Arbeiten Bauers, Max
Adlers und Hilferdings um die Anwendung des Marxismus nur auf konkrete
Fragestellungen der österreichischen Politik, Ökonomie und der
Sozialdemokratie, sondern sehr wohl darum, allgemeine und umfassende
Beiträge zur marxistischen Theorie bezüglich unterschiedlicher
gesellschaftlicher Bereiche zu liefern, im Falle Hilferdings
gar Ansätze einer Imperialismusanalyse. Insofern kann eher von einer
österreichischen Schule des Marxismus im Sinne einer reinen
Herkunftsbeschreibung gesprochen werden, deren gemeinsame Nenner und
Ausrichtungen jedoch
-
wie bereits gesagt
-
nicht immer allzu klar und stringent waren. Diesbezüglich kann aber das "Linzer Programm" von
1926, über das noch gesondert zu sprechen sein wird, als zentrales
Dokument gehandelt werden, in dem die allgemeinsten Leitsätze der
austromarxistischen Theorie festgehalten sind.
Unter diesem Aspekt
-
jenem des Anspruchs allgemeiner gesellschaftlicher Analysen und
Konzepte
- ist auch
zu verstehen, dass sich ausgehend von der SDAP die "Internationale II
1/2" bildete und sich diese sodann mit den Resten der II.
Internationale zur Sozialistischen Internationale, deren Sekretär
Friedrich Adler 1923-1940 war, vereinigte, und in der es durchaus die
Zielsetzung der Austromarxisten war, theoretische Hegemonialpositionen zu
erlangen, nämlich die Anerkennung eines Mittelweges zwischen
sozialdemokratischem Reformismus und der damals v.a. von den
Komintern-Parteien vertretenen revolutionären Orientierung. Zeitlebens
blieben die Austromarxisten mehr oder weniger immer der linke Flügel
der Sozialistischen Internationale, wenngleich diese 1931 tatsächlich
das austromarxistische
Konzept des "Dritten Weges" zumindest partiell übernahm
-
freilich nicht mit größerem historischen Erfolg als die SDAP selbst.
Aber gehen wir der Reihe nach und betrachten im Einzelnen die diversen
Aspekte, die bei einer Untersuchung des Wesens und der Bedeutung des
Austromarxismus als relevant erscheinen.
1. Theoriebildung im Austromarxismus
1.1. Rudolf Hilferdings "Finanzkapital"
Die Schrift "Das
Finanzkapital" von Rudolf Hilferding (1877-1940) darf zweifelsfrei als
eines der wichtigsten Werke, wenn nicht sogar als das wichtigste Werk
jener Autoren, die mehr oder minder dem Austromarxismus zuzurechnen
sind, angesehen werden. Hilferding begann die Arbeit am
"Finanzkapital" 1905 in Wien, d.h. im Alter von gerade einmal knapp 28
Jahren, er vollendete es aber erst 1910 in Deutschland, wo er ab 1907
lebte. Hilferdings Absicht war es, eine "Studie über die jüngste
Entwicklung des Kapitalismus" - so auch der Untertitel dieser
Schrift - vorzulegen. Tatsächlich gelingt es Hilferding, bedeutsame
neue Erscheinungen des Kapitalismus, die von Marx zwar in gewisser
Weise theoretisch antizipiert worden waren und die Engels in ihrer
Tendenz bereits herausarbeiten konnte, systematisch zu erfassen. Er
zeichnet nach, wie sich große Aktiengesellschaften, die zur
bestimmenden Form in der kapitalistischen Wirtschaft werden, und der
Monopolkapitalismus herausbilden, er unterstreicht hinsichtlich der
Bildung der großen Aktiengesellschaften die Wichtigkeit des
Emissionsgeschäfts und den realisierten "Gründergewinn". Er geht aber
darüber hinaus: Hilferding zeigt, wie sich unweigerlich die Bedeutung
des monopolistischen Bankkapitals steigert: "Die Mobilisierung des
Kapitals und die stets stärkere Ausdehnung des Kredits ändert
allmählich die Stellung der Geldkapitalisten vollständig. Die Macht
der Banken wächst, sie werden die Gründer und schließlich die
Beherrscher der Industrie, deren Profite sie als Finanzkapital an sich
reißen, ganz wie einst der alte Wucher in seinem ‚Zins’ den
Arbeitsertrag des Bauern und die Rente des Grundherrn. Der Hegelianer
könnte von Negation der Negation sprechen: Das Bankkapital war die
Negation des Wucherkapitals und wird selbst vom Finanzkapital negiert.
Dieses ist die Synthese des Wucher- und Bankkapitals und eignet sich
auf einer unendlich höheren Stufe der ökonomischen Entwicklung die
Früchte der gesellschaftlichen Produktion an." - Was hier etwas
abstrakt klingt, zielt auf die Herausbildung des Finanzkapitals ab,
dessen Herrschaft den gegenwärtigen Kapitalismus wesentlich
charakterisiert: "Ein immer wachsender Teil des Kapitals der
Industrie gehört nicht den Industriellen, die es anwenden. Sie
erhalten die Verfügung über das Kapital nur über die Bank, die ihnen
gegenüber den Eigentümer vertritt. Andererseits muss die Bank einen
immer wachsenden Teil ihrer Kapitalien in der Industrie fixieren. Sie
wird damit in immer größerem Umfang industrieller Kapitalist. Ich
nenne das Bankkapital, also Kapital in Geldform, das auf diese Weise
in Wirklichkeit in industrielles Kapital verwandelt ist, das
Finanzkapital. (...) Das Finanzkapital entwickelt sich mit der
Entwicklung der Aktiengesellschaft und erreicht seinen Höhepunkt mit
der Monopolisierung der Industrie. (...) Haben wir gesehen, wie die
Industrie immer mehr in Abhängigkeit gerät vom Bankkapital, so
bedeutet das durchaus nicht, dass auch die Industriemagnaten abhängig
werden von Bankmagnaten. Wie vielmehr das Kapital selbst auf seiner
höchsten Stufe zum Finanzkapital wird, so vereinigt der Kapitalmagnat,
der Finanzkapitalist, immer mehr die Verfügung über das gesamte
nationale Kapital in der Form der Beherrschung des Bankkapitals. (...)
Mit der Kartellisierung und Trustierung erreicht das Finanzkapital
seine höchste Machtstufe."
Indem Hilferding damit verbunden auch die
wachsende Bedeutung des Kapitalexports und seine Bedingungen
("Bedingung des Kapitalexports ist Verschiedenheit der Profitrate; der
Kapitalexport ist das Mittel zur Ausgleichung der nationalen
Profitraten. Die Höhe des Profits ist abhängig von der organischen
Zusammensetzung des Kapitals, also von der Höhe der kapitalistischen
Entwicklung.") und den Kampf der finanzkapitalistischen Monopole
um Märkte, Rohstoffe und Einflusssphären skizziert, bei dem der
Rückgriff auf die politische und militärische Macht des Staates
unerlässlich ist, hervorhebt, umreißt er auch im Groben die Bedingungen des
Imperialismus: "Das
Finanzkapital will nicht Freiheit, sondern Herrschaft; (...) Aber um
dies durchzusetzen, um seine Übermacht zu erhalten und zu vergrößern,
braucht es den Staat, der ihm durch seine Zollpolitik und Tarifpolitik
den inländischen Markt sichern, die Eroberung ausländischer Märkte
erleichtern soll. Es braucht einen politisch mächtigen Staat, der ...
überall in der Welt eingreifen kann, um die ganze Welt in
Anlagesphären für sein Finanzkapital verwandeln zu können. Das
Finanzkapital braucht endlich einen Staat, der stark genug ist, um
Expansionspolitik treiben und neue Kolonien sich einverleiben zu
können."
In diesem Sinne
ist Hilferdings "Finanzkapital" auch ein wesentlicher Anknüpfpunkt für
spätere und umfassendere Imperialismusanalysen, wie jene von Nikolai
Bucharin (Imperialismus und Weltwirtschaft, 1915 verfasst) oder vor
allem W. I. Lenin (Der Imperialismus als höchstes Stadium des
Kapitalismus, 1916 verfasst). Beide scheuen sich auch nicht, die
theoretische Bedeutung von Hilferdings Beitrag herauszustreichen, so
schreibt Lenin, es handle sich um "eine höchst wertvolle ‚Studie über die
jüngste Entwicklung des Kapitalismus’" (LW 22, S. 199).
So weit -
so gut: Hilferding arbeitet wichtige Kernpunkte des Imperialismus und
ansatzweise sogar des sich entwickelnden staatsmonopolistischen Kapitalismus
durchaus richtig heraus, dennoch verbleiben nicht nur problematische
Stellen im "Finanzkapital" selbst, sondern v.a. auch Hilferdings
spätere Selbstrevisionen (sowie seine Realpolitik als deutscher
SPD-Finanzminister 1923 und 1928/29 - darauf werden wir hier aber
nicht genauer eingehen) lassen Kritikpunkte zu. Zum Beispiel schreibt
er auch: "Es entsteht aber die Frage, wo die Grenze der
Kartellierung eigentlich gegeben ist. Und diese Frage muss dahingehend
beantwortet werden, dass es eine absolute Grenze für die Kartellierung
nicht gibt. Vielmehr ist eine Tendenz zu stetiger Ausbreitung der
Kartellierung vorhanden. Die unabhängigen Industrien geraten, wie wir
gesehen haben, immer mehr in Abhängigkeit von kartellierten, um
schließlich von ihnen annektiert zu werden. Als Resultat des Prozesses
ergäbe sich dann ein Generalkartell. Die ganze kapitalistische
Produktion wird bewusst geregelt von einer Instanz, die das Ausmaß der
Produktion in allen ihren Sphären bestimmt." Dies ist nun
unterschiedlich interpretierbar - und wurde und wird auch
unterschiedlich aufgefasst. Einerseits spricht Hilferding hier von
einer "Vertrustung" im nationalen Maßstab (im internationalen liefe
dies auf Kautskys utopistischen "Ultraimperialismus" hinaus), dies ginge ein paar
Schritte in eine Richtung wie Bucharins SKT-Theorie und stünde noch
keineswegs im direkten Widerspruch zu Lenins Imperialismustheorie. Die
Frage ist, welche Bedeutung und v.a. welche Möglichkeiten dies
implizieren würde. Gibt es hier die Möglichkeit einer weitgehenden
Außerkraftsetzung der Anarchie der kapitalistischen Produktionsweise,
die reale Möglichkeit, Krisen abzuwenden oder gar zu überwinden? Hilferding verneint dies zunächst ("Aber den Kartellen wurde und
wird zum Teil auch jetzt andere Wirkung zugeschrieben. Sie sollen
nicht nur eine Modifikation der Krisenentwicklung bedeuten, sondern
imstande sein, die Krisen gänzlich zu beseitigen, da sie die
Produktion regulieren und das Angebot jederzeit der Nachfrage
anzupassen vermögen. Diese Ansicht übersieht gänzlich die innere Natur
der Krisen."), um ab Mitte der 20er Jahre eine rechte,
reformistische Wendung zu nehmen. Hilferding präsentiert nun selbst
das Konzept eines "organisierten Kapitalismus", in dem zunächst
schon die Monopole selbst der Anarchie eine gewisse Planung
entgegensetzen können, aber v.a. der
Staat (d.h. eine SPD-Parlamentsmehrheit) weitreichende regulierende
Maßnahmen setzen könnte. Nun ist das nicht komplett falsch,
strategisch darauf reduziert landet Hilferding aber wesentlich dort,
wo später Keynes ein Bruchlandung hingelegt hat. Der braucht uns nicht
weiter zu tangieren, aber aus marxistischer Sicht bedeutet dies eine
revisionistisch-reformistische und Kapitalismus-apologetische
Position, wie sie für die Sozialdemokratie bestimmend wurde und sie
Hilferding auch am Kieler Parteitag 1927 verteidigte.
Wie kommt der
unglückliche Hilferding dazu? Er macht denselben Fehler, wie schon
Bucharin 1918 oder die österreichische Sozialdemokratie im Analyseteil
des "Linzer Programms" von 1926. Der organisierte Kapitalismus (als
Gegenstück zum Imperialismus) reduziert diesen auf seine unmittelbar
fassbaren, d.h. durchaus oberflächlichen und abstrahierten
Erscheinungsformen. Derartiges wird mitunter auch Lenin vorgehalten,
gerade der aber wendet sich schärfstens gegen jede simplifizierte,
vulgäre Theorie eines "reinen Imperialismus" auf tönernen Füßen.
Während Hilferding der Ansicht ist, die "Besitzergreifung von sechs
Berliner Banken würde ja heute schon die Besitzergreifung der
wichtigsten Sphären der Großindustrie bedeuten, und in der
Übergangszeit, solange kapitalistische Verrechnung sich noch als
opportun erweist, die Politik des Sozialismus außerordentlich
erleichtern", widerspricht Lenin solchen allzu "optimistischen"
Vorstellungen und damit auch nicht zuletzt einer falschen Rezeption
seiner eigenen Imperialismustheorie: "Nirgendwo in der Welt hat der
Monopolkapitalismus ohne freie Konkurrenz in einer ganzen Reihe von
Wirtschaftszweigen existiert und wird er je existieren. Ein solches
System aufstellen, heißt ein vom Leben losgelöstes, ein falsches
System aufstellen. Sagte Marx von der Manufaktur, sie sei ein Überbau
über der massenhaften Kleinproduktion gewesen, so sind Imperialismus
und Finanzkapitalismus ein Überbau über dem alten Kapitalismus.
Zerstört man seine Spitze, so tritt der alte Kapitalismus zutage. Auf
dem Standpunkt stehen, es gäbe einen einheitlichen Imperialismus ohne
den alten Kapitalismus, heißt das Gewünschte für die Wirklichkeit
nehmen. (...) Hätten wir es mit einem einheitlichen Imperialismus zu
tun, der den Kapitalismus durch und durch umgeformt hätte, dann wäre
unsere Aufgabe hunderttausendmal leichter. Es würde sich dann ein
System ergeben, wo alles allein dem Finanzkapital untergeordnet wäre.
Dann brauchte man nur die Spitze zu entfernen und das übrige dem
Proletariat zu übergeben. Das wäre außerordentlich angenehm, aber so
etwas gibt es in der Wirklichkeit nicht." (LW 29, S. 153) - D.h.
Lenin warnt vor zu einfachen Analysen, die zu falschen strategischen
Implikationen führen würden. Natürlich kann die Monopolmacht als
zentrale Erscheinung des Imperialismus nicht die elementaren
Grundlagen des Kapitalismus verändern oder aufheben - eine qualitative
Veränderung des Kapitalismus wäre nur eine tatsächliche Veränderung in
den Produktionsverhältnissen und die gibt es nur in der
sozialistischen Revolution. Daher ist eine antimonopolistische
Orientierung des revolutionären Marxismus im Imperialismus zwar
richtig, aber es wäre grundfalsch, den Blick für die Relationen zu
verlieren, d.h. nicht zu erkennen, dass es keineswegs nun nur darum
gehen kann, nur die Großkonzerne unter staatliche Kontrolle, nämlich
die Kontrolle des kapitalistischen Staates der bürgerlichen
Demokratie, zu stellen und dadurch den Sozialismus zu verwirklichen.
Es gibt hier zwar wesentliche Etappen, die Notwendigkeit eines
revolutionären Bruchs im Rahmen der sozialen Revolution und der
Herrschaft des organisierten Proletariats wird dadurch aber nicht aus
der Welt geschafft: "In dem gewaltigen Zusammenprall der
feindlichen Interessen schlägt schließlich die Diktatur der
Kapitalmagnaten um in die Diktatur des Proletariats", schreibt
Hilferding im "Finanzkapital" selbst als Schlusssatz - das hat er
später wohl vergessen. Es gilt hier also, was Friedrich Engels ganz
klar formuliert: "Es wäre also eine völlig unbegründet Illusion,
sie [die bürgerliche Demokratie] ihrem Wesen nach für eine
sozialistische Form zu halten oder ihr, solange sie von der
Bourgeoisie beherrscht ist, sozialistische Aufgaben anzuvertrauen. Wir
können ihr Zugeständnisse entreißen, aber ihr niemals die Ausführung
unserer eigenen Arbeit übertragen." (MEW 39, S. 216)
1.2. Max Adler und die marxistische Philosophie
Bezüglich der Auseinandersetzung mit der Bedeutung
von Max Adler (1873-1937) erlauben wir uns, uns weitgehend darauf zu
beschränken, einen Artikel von Hermann Duncker (1874-1960), den dieser
1931 niedergeschrieben hat, wiederzugeben (Duncker, Einführung in den
Marxismus, Berlin 1959, Bd. 2, S. 89-95). Hier wird nicht nur
schonungslos aufgedeckt, in welchen gravierenden Widerspruch sich
Adler zu Marx und Engels begibt, sondern das Ganze ist auch
stilistisch so verfasst, dass diese Schrift recht vergnüglich zu lesen
ist. Eingangs nur ein paar Worte zu Max Adler selbst: Adler war
Universitätsprofessor in Wien und gilt neben Otto Bauer als
maßgeblicher linker Theoretiker des Austromarxismus. Diese
Einschätzung entbehrt freilich nicht einer gewissen Ironie, war es
doch u.a. Adlers Anliegen, den (idealistischen) Neukantianismus mit
dem Marxismus
- oder mit dem,
was er darunter verstehen wollte - zu verbinden. Adler wendet sich
also geradezu zwingend gegen Marx' dialektischen Materialismus und -
wie der gesamte Austromarxismus - natürlich gegen Lenin, der
z.B. in der Schrift "Materialismus und Empiriokritizismus" (LW 14) die
Lehren von Marx und Engels vehement verteidigte. Aber lassen wir nun
zunächst Hermann Duncker zu Wort kommen:
Max Adlers Revision des philosophischen
Marxismus
Nach Cunow und Kautsky hat sich nunmehr auch Max Adler daran gemacht,
in einem umfangreichen Werk die materialistische Geschichtsauffassung
vom - Marxismus zu "säubern". Es geschieht das in einem "Lehrbuch der
materialistischen Geschichtsauffassung (Soziologie des Marxismus)", I.
Band: "Allgemeine Grundlegung."
Man
muss schon sagen, Herr Professor Adler kanzelt da die drei
Philosophieschüler Marx, Engels und Lenin gehörig ab. Andauernd hält
er ihnen ihre "erkenntniskritische Unbildung" (S. 76) vor, ihren
Mangel "einer erkenntniskritischen Grundorientierung des Denkens" (S.
103, 115). Daher beschäftigen sich diese oberflächlichen Gesellen auch
"mit völlig gleichgültigen und überflüssigen Problemen, wie mit dem
Verhältnis vom Denken und Sein, Geist und Materie" (S. 151). Und nun
gar dieser Lenin. Der kommt mit "altem Kram" (S. 113), mit Theorien,
die "längst unter dem Gelächter der kritischen Philosophie begraben"
sind (S. 131), verfängt sich "in Trugschlüssen" (S. 138), offenbart
eine "fast groteske Begrenztheit in der Argumentierung". In seinem
philosophischen Hauptwerk ist seine ganze Polemik "höchst unfruchtbar
und macht einen geradezu scholastischen Eindruck" (S. 114). Und warum
all diese bösen Zensuren? Marx, Engels und Lenin werfen noch mit dem
Wort "Materialismus" um sich, ohne sich vorher beim Herrn Professor
nach einem zweckmäßigeren Wortgebrauch erkundigt zu haben. Sie
behaupteten des weiteren sogar, eine "Weltanschauung" zu besitzen und
das verträgt sich nicht mit "Wissenschaft", wie der Herr Professor
lehrt. "Eine Auffassung des Marxismus als einer Weltanschauung nimmt
ihr den theoretischen Charakter." (S. 31.) Und schließlich
philosophierten alle drei ins Blaue hinein, ohne erst Professor Adlers
Vorlesung über Erkenntniskritik belegt zu haben! Die Folgen sind dann
auch verheerend. Sie haben zeitlebens geglaubt, Gegner der Metaphysik
gewesen zu sein und waren doch, wie Adler von Lenin behauptet, selbst
durch und durch Metaphysiker.
In
bezug auf Marx und Engels versucht Adler mit allen theoretischen
Künsten ihrem Wortgebrauch "Materialismus" einen harmlosen,
unverfänglicheren Sinn zu geben: "er ist Positivismus, realistischer
Positivismus und sonst nichts weiter" (S. 100). Und immer wieder
dekretiert Adler, "dass Marx und Engels eben nicht Materialisten
waren" (S. 88, 74). Aber ganz wohl ist es Adler bei seinen
sophistischen Haarspaltereien doch nicht, und so macht er eine Anleihe
bei seinem Gesinnungsgenossen Kautsky. Dieser hatte sich dem
politischen Marxismus gegenüber dadurch zu helfen gewusst, dass er die
ihm so unbequeme und leider doch wichtigste zentrale Lehre des
Marxismus von der proletarischen Diktatur in eine "gelegentliche" und
für den Marxismus unwesentliche Behauptung von Marx zu degradieren
suchte. Genau so verfährt jetzt Max Adler. Er erklärt: Im Marxismus
gehört der Materialismus "gar nicht zu seinem wesentlich theoretischen
Inhalt, betrifft vielmehr die ganz individuelle und vergängliche Seite
im Denken von Marx und Engels" (S. 115). Auf solche Weise wird also
der Materialismus bagatellisiert, und der Idealist Adler schimpft sich
noch weiter "Marxist".
1. Weltanschauung
und Wissenschaft
Adler konstruiert einen polaren Gegensatz zwischen Weltanschauung und
Wissenschaft. Im Gegensatz zu aller Weltanschauung "behandelt jede
Wissenschaft nur einen Teil der Welt" und "hat daher gar nicht das
Bestreben, das Ganze der Erscheinungen, ,die Welt', zu erfassen". So
lesen wir auf S. 31. Elf Seiten später hat Adler seine ganze
Definition bereits vergessen und schreibt zur Kennzeichnung der
Entwicklung des "wissenschaftlichen Bewusstwerdens der Neuzeit": ". .
. so entsteht hier die Idee eines Wissens, welches sich zutraut, das
Ganze der Welt zu umfassen." (S. 42.) Na, also! Das zweite Kriterium
der Wissenschaft ist nach Adler, dass alle Wissenschaft nur "den
kausalen Zusammenhang der Erscheinungen" des betreffenden
Weltausschnittes untersucht. "Sie verzichtet schon ganz und gar auf
die Erkenntnis ihres inneren Wesens." (S. 31.) Da hat nun freilich ein
gewisser Marx einmal ausgesprochen: "... alle Wissenschaft wäre
überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge
unmittelbar zusammenfielen." [Marx, Das Kapital, Bd. III, S. 870] Und
seine wissenschaftlichen Untersuchungen zielten immer darauf ab, das
innere Wesen unter der Erscheinungsoberfläche zu ergründen. Was will
da also die Adlersche Gegenüberstellung von Wissen und Weltanschauung
und seine Behauptung: "Der Marxismus ist durchaus bloße Wissenschaft"
(S. 18) und "der Marxismus ist keine Weltanschauung" (S. 31). Das ist
in höchstem Maße eine vulgärer Schematismus. Gerade für den Marxismus
gilt nämlich, dass er Wissenschaft und Weltanschauung zugleich ist,
dass er als dialektischer Materialismus eine wissenschaftlich
begründete Weltanschauung gegenüber allen subjektiven, idealistischen
Spekulationen ist, eine Weltwissenschaft, die Herausbildung eines
universellen Denkzusammenhangs. Natürlich ist durch die persönliche
Klassenlage - also für sich gesehen, "subjektiv" - begründet, welche
objektiven Zusammenhänge sich einem Menschen zuerst aufdrängen, und
wieweit sie sich ihm entschleiern. Aber es ist ein völliger
Agnostizismus - hinter dem sich hier ein verschämter Idealismus
[immerhin war es Friedrich Engels' Zeiten Agnostizismus noch
"verschämter Materialismus"] versteckt - wenn Adler erklärt:
"Diese Grundanschauung (nämlich jede Weltanschauung) ist selbst nicht
beweisbar, sondern entspringt einer grundlegenden Stellungnahme des
Trägers dieser Weltanschauung zu dem Ganzen, das ihn umgibt." (S.
.31.)
Mit
solchem Saltomortale könnte Adler auch im Lager der religiösen
Sozialisten landen. Und tatsächlich lesen wir bei ihm:
"Die Frage Atheismus oder Theismus ist keine Frage der Wissenschaft,
sondern der Religion oder der Metaphysik ... ein Gegenbeweis gegen das
Dasein Gottes ist wissenschaftlich nicht möglich." (S. 86.)
Das
sagt der Pfarrer auch. Und hatte nicht der Sozialdemokrat Sollmann auf
dem Magdeburger Parteitag (1929) verkündet: "Der Atheismus ist genau
so unwissenschaftlich wie der Gottesbeweis." (Protokoll, S. 76.) Im
Zeichen der sozialdemokratischen Koalition mit dem Zentrum ist nun
auch ein Professor Adler auf den Sollmann gekommen!
Noch von einer anderen Seite her sucht Adler die "Weltanschauung" aus
dem Marxismus herauszueskamotieren. Er meint, es handele sich im
Marxismus "nur um die Auffassung der gesellschaftlichen Welt" (34).
Dabei besitzen wir von Engels die tiefgründigen Untersuchungen über
Dialektik und Natur, die in jeder Zeile offenbaren, wie sehr Engels
und Marx daran lag, die Grundlehren ihres dialektischen Materialismus
für das Weltganze, also für Gesellschaft und Natur nachzuweisen.
Natürlich waren beide in erster Linie Geschichtsforscher, natürlich
lag das Schwergewicht ihrer Geistesarbeit auf gesellschaftlichem
Gebiet, aber ihre Weltanschauung war eine einheitliche und
universelle. Übrigens muss Adler selbst auf S. 41 zugeben, dass "Marx
und Engels den Zusammenhang ihrer Grundlehre mit dem ganzen System
eines einheitlichen Kausalverständnisses selbst in deutlichem
Bewusstsein gehabt haben". Also doch Weltanschauung, Herr Professor!
2. Materialismus
und Metaphysik
Den
Hauptstoß seines Angriffs auf den Marxismus richtet Adler gegen den
Materialismus. Nach ihm ist aller Materialismus Metaphysik und
verlässt den "Boden der Erfahrung" (S. 77). "Für die Wissenschaft sind
der Materialismus und der Spiritualismus (= Idealismus, H. D.) in
gleicher Weise eine Hypothese, die sie auf ihrem Felde nirgends
benötigt und mit der sie auch gar nichts anfangen könnte." (S. 84.)
Nach Adler habe auch Engels in lichten Augenblicken die Materie,
diesen, wie Adler sagt, metaphysischen Grundbegriff des
philosophischen Materialismus, abgelehnt. Adler zitiert als Beweis aus
der "Naturdialektik" einen längeren Passus. Aber da wandte sich Engels
nur gegen die Abstraktion einer "Materie als solcher":
"Materie als solche, im Unterschied von den bestimmten, existierenden
Materien, ist also nichts Sinnlich-Existierendes." (Die Sperrung der
letzten drei Worte rührt natürlich von Adler her.) [Engels, Dialektik
der Natur, S. 271.]
Aber geradezu ein wissenschaftlicher Skandal ist es, dass Adler
unterschlägt, dass wenige Seiten weiter Engels ergänzend ausführt:
"Die Materie und Bewegung kann also gar nicht anders erkannt werden
als durch Untersuchung der einzelnen Stoffe und Bewegungsformen, und
indem wir diese erkennen, erkennen wir pro tanto (im ganzen, H. D.)
auch die Materie und Bewegung als solche." (Und hier stammt die
Sperrung "als solche" von Engels!) [Engels, Dialektik der Natur, S.
251]
Wir
erkennen also die Materie, Herr Professor! Gewiss nur in immer
größerer Annäherung, gewiss nur in einem dialektischen Prozess, wie
die Materie ja selbst ein dialektischer Prozess ist. Aber wir erkennen
doch in steigendem Maße die Realität der Außenwelt. Solche Ausnahme
"einer an sich seienden Weltmaterie" (S. 120) ist jedoch für Professor
Adler ein Gräuel, eine "grobe erkenntniskritische Unbildung des
Materialismus". Denn Adler nennt sich mit Stolz Idealist, "der hinter
der unmittelbaren Empfindungs- und Wahrnehmungserfahrung nichts mehr
sucht" (S. 133). Er will nur die Frage gelten lassen: "Wie kommt
unsere Erkenntnis von der Welt zustande?" - und vergisst dabei ganz,
dass er selbst ja schon bei dieser Fragestellung von dem Faktum "Welt"
ausgeht. Doch Adler dekretiert:
"Der Materialist, der an die Realität der Außenwelt unabhängig von
unserem Bewusstsein glaubt..., lebt im dicksten Fideismus, ohne das
freilich zu wissen." (S. 130.)
Das
ist wahrhaftig der verwegenste Solipsismus, den man sich denken kann.
Und von der "Höhe" dieses Standpunktes nun jener Platzregen von
verächtlichmachenden Anwürfen auf den armen Lenin herab, dem ein
ganzes Kapitel "Der Materialismus bei Lenin" gewidmet ist und aus dem
wir bereits einige Tropfen aufgefangen haben. Alle Begriffe, wie
Atome, Elektronen usw., erheben nach Adler keine Realitätsansprüche,
sondern gelten nur als "Arbeitsbegriffe der Wissenschaft" (S. 133).
Schön - aber sind das autonome Fiktionen unseres oberherrlichen
Geistes oder nicht vielmehr Wahrscheinlichkeitserfassungen, wie sie
sich aus der immer entwickelteren Lebenspraxis als vorläufige
Erkenntnisetappen ergeben haben?! Adler aber behauptet unentwegt: es
sind nicht "Annäherungserkenntnisse" (S. 148), sondern "bloße
Denkmittel"! Und alle Realität außerhalb unseres Bewusstseins ist
bloßer Glaube!
Gerade die Diskussion dieses letzten Satzes zeigt, dass die von Adler
viel verspottete Frage nach dem Verhältnis von Denken und Sein kein
blödes Scheinproblem ist, sondern, wie schon Engels betonte, die
Kardinalfrage für alle Welterkenntnis, für alle Philosophie. Eine
unentrinnbare Alternative des Grundstandpunktes. Vom Denken als
primärem Ausgangspunkt kann man freilich nur durch göttliches
Schöpfungswunder über das Denken hinauskommen. Der konsequente
Idealist ist ein geistiger Nabelbeschauer - ewig weltfremd! Der
Materialist geht von dem entgegengesetzten Standpunkt aus. Auf Grund
der Annahme des primären Seins, der objektiven Realität, entfaltet
sich ihm im nie endenden dialektischen Fluss der Wirklichkeit das
Problem der Erkenntnis.
Angesichts dieses Gegensatzes von Idealismus und Materialismus
vergegenwärtige man sich: Der Idealist Adler schreibt ein Lehrbuch des
historischen Materialismus, d. h. ein Pfarrer belehrt uns über
Atheismus!
Aber wer ist dieser Spiritualist Max Adler? Es ist die größte Leuchte
der "linken" Sozialdemokraten! Er steht auf dem linkesten Flügel der
"linken" österreichischen Sozialdemokratie, und man munkelt, dass ihn
die Renner, Austerlitz und Konsorten sogar aus der Partei hinauswerfen
wollen. Für die "linken" Sozialdemokraten in Deutschland ist dieser
Max Adler ein "Revolutionär", ein Revolutionär mit frommem
Augenaufschlag sozusagen. Doch die Rückkehr der "Linken" zu Kant und
der deutschen idealistischen Philosophie ist begreiflich. Marx und
Engels haben uns gezeigt, dass diese verstiegene, in die leere
Spekulation flüchtende Philosophie nur eine Widerspiegelung der
jämmerlichen Rolle der deutschen Bourgeoisie im 18. und der ersten
Hälfte des 19. Jahrhunderts gewesen ist. Uns scheint, dass die
erbärmliche Rolle der "linken" Sozialdemokraten innerhalb ihrer Partei
und innerhalb der heutigen Gesellschaft sie zur Flucht zu Kant
prädestiniert hat. [aus: "Die Internationale", Heft 4, 14.
Jahrgang, April 1931]
Soweit
Hermann Duncker. Fassen wir zusammen, was wir bezüglich Max Adler
festhalten können. Es ist eine grobe Verzerrung, die eigentlich nur
mit einer völligen Ahnungslosigkeit der theoretischen Inhalte entweder
Adlers oder jener von Marx und Engels (oder beides) erklärt werden
kann, Adler als linken Kopf des Austromarxismus zu verstehen. Adler
ist vielmehr ein Revisionist, wie er im Buche steht, und der sich vor
Eduard Bernstein, der sich bereits 1897/98 bezeichnenderweise
ebenfalls auf Kant berief, wahrlich nicht zu verstecken braucht. Adler
möchte einen ziemlich bizarren Eklektizismus als angeblich
"undogmatischen" Marxismus verkaufen. Dadurch steht Adler nicht nur in
einem unüberbrückbaren Gegensatz zu Marx und Engels, sondern mitunter
z.T.
auch zu seinem Partei- und Zeitgenossen Otto Bauer (wenngleich sich
dieser selbst nicht vom Kant'schen Idealismus befreien konnte) - Bauer schreibt
z.B.: "Aber auf der mechanistischen Naturauffassung ruhte nicht nur
das dogmatische System des Materialismus [dieser als Gegensatz zum
dialektischen Materialismus!; Anm.], sondern auch das kritische
System Kants. Auch zu ihm gewinnen wir nun ein anderes
Verhältnis. (...) Ihm waren die Denkformen der Epoche des
individualistischen Kapitalismus die Denkformen des menschlichen
Erkenntnisvermögens überhaupt. Erst die Selbstauflösung der
Naturauffassung des individualistischen Kapitalismus befähigt uns, die
Formen der Anschauung und des Denkens, die Kant für Anschauungen und
Denkformen des Menschen schlechthin hielt, als 'historische
Kategorien', als Anschauungs- und Denkformen einer bestimmten
Geschichtsepoche, einer bestimmten Gesellschaftsordnung, einer
bestimmten Klasse zu erkennen", zu erkennen, "dass Kants
apriorische Formen der Anschauung nur die apriorischen
Anschauungsformen der Naturwissenschaft einer heute bereits
überwundenen Entwicklungsphase waren" (Bauer, Das Weltbild des
Kapitalismus, Frankfurt/M. 1971, S. 61). Bauer verweist hier auf den bürgerlichen, ja unmarxistischen
Charakter des (Neu-)Kantianismus also ebenso wie schon zuvor etwa
Georgi Plechanow (in der Auseinandersetzung mit Bernstein) oder
Friedrich Engels höchstpersönlich: "Wenn dennoch die Neubelebung
der Kantschen Auffassung in Deutschland durch die Neukantianer ...
durch die Agnostiker versucht wird, so ist das, der längst erfolgten
theoretischen und praktischen Widerlegung gegenüber, wissenschaftlich
ein Rückschritt und praktisch nur eine verschämte Weise, den
Materialismus hinterrücks zu akzeptieren und vor der Welt zu
verleugnen" (MEW 21, S. 276). Otto Bauer erklärt aber auch die
tatsächliche Aufgabe der marxistischen Philosophie: "Die
marxistische Geschichtsauffassung ist erwachsen aus der dialektischen
Philosophie Hegels. In dem Maße, als sie sich aus
diesem Mutterboden herauslöste, verknüpfte sie sich mit der
herrschenden Philosophie ihrer Entstehungszeit, mit dem
Materialismus; dieser Verknüpfung verdankt sie ihren Namen.
Als aber mit der mechanistischen Naturauffassung auch der
Materialismus zersetzt ward, versuchten jüngere Marxisten, Marxens
Geschichtsauffassung mit den späteren Erkenntnistheorien zu
verknüpfen, bald mit dem Neukantianismus, bald mit dem
Positivismus Machs. Die Macht der philosophischen
Systeme, die auf die Naturauffassung des Kapitalismus gegründet waren,
war noch so groß, dass selbst die Theorie des Sozialismus, schon im
heftigsten Kampf gegen die kapitalistische Welt, doch die ideellen
Spiegelbilder dieser kapitalistischen Welt noch gläubig hinnahm, sie
nicht zu zerstören wagte, sondern sich mit ihnen zu verknüpfen suchte.
Erst die Selbstauflösung des Weltbildes der kapitalistischen
Geschichtsepoche bricht seine Macht über uns, erst sie gibt uns den
Mut, die marxistische Geschichtsauffassung nicht mehr mit
philosophischen Systemen der bürgerlichen Philosophie zu verknüpfen,
sondern diese Systeme selbst mit den Mitteln der marxistischen
Geschichtsauffassung in ihrer geschichtlichen Abhängigkeit, in ihrer
zeitlichen Bedingtheit zu begreifen und uns dadurch von ihrem Banne zu
befreien" (Das Weltbild des Kapitalismus, S. 60). Was Bauer
hier
skizziert, dem entspricht der marxistische Materialismus, der eben nicht den
bisherigen mechanischen-mechanistischen Materialismus übernimmt,
sondern als dialektischer und historischer Materialismus auf eine
qualitativ neue Stufe gehoben wird. Marx selbst schrieb: "Der
Hauptmangel alles bisherigen Materialismus - den Feuerbachschen mit
eingerechnet - ist, dass der Gegenstand, die Wirklichkeit,
Sinnlichkeit, nur unter der Form des Objekts oder der
Anschauung gefasst wird; nicht aber als
menschliche sinnliche Tätigkeit, Praxis, nicht
subjektiv" (MEW 3, S. 533). Plechanow erklärt im Anschluss an
dieses Zitat: "Diese Kritik wird zum Ausgangspunkt einer neuen
Entwicklungsphase des Materialismus, die zur materialistischen
Geschichtsauffassung führt. Das Vorwort der Schrift
'Zur Kritik der politischen Ökonomie'
enthält das, was man bezeichnen könnte als 'Prolegomena
[Vorbemerkungen, Voraussetzungen] zu einer jeden künftigen
Soziologie, die als Wissenschaft wird auftreten können'."
(Neue Zeit, 1898, Bd. 2, Nr. 44.) - Max Adler wird mit seinen theoretischen
Ansätzen
einer solchen definitiv nicht gerecht.
1.3. Otto Bauer als marxistischer Theoretiker
Otto
Bauer (1881-1938) gilt gemeinhin als zentraler Theoretiker und
Wortführer des Austromarxismus, wenngleich er kein Amt in der SDAP
innehatte, das diese Position legitimiert hätte. Das war auch nicht
notwendig, denn Bauers umfangreiche Schriften - zwischen 1975 und 1980
erschien eine neunbändige Werkausgabe, die immer noch unvollständig
ist - und seine Tätigkeit als Herausgeber des theoretischen Organs
"Der Kampf" (ab 1907) drängen ihn geradezu in diese Rolle, ungeachtet
konkreter Inhalte. Der Quantität von Bauers Publikationen kann hier
auch nur bedingt Rechnung getragen werden, wir müssen uns auf das
Wesentliche beschränken. Das Wesentliche, das ist wohl Bauers Konzept
des "demokratischen Sozialismus" und des "dritten Weges". Andere
Fragen, etwa Bauers Faschismusverständnis, werden wir nur am Rande in
einem späteren Abschnitt streifen können, während wir relative
theoretisch-politische Nebenschauplätze wie Bauers Arbeiten z.B. zu
Agrar- (1925) oder Nationalitätenfragen (1918) einstweilen unbehandelt
lassen müssen.
Kurz
von Otto Bauer selbst zusammengefasst haben wir es beim "dritten Weg"
des Austromarxismus mit folgender strategischer Ausrichtung zu tun:
"Gelingt es der sozialdemokratischen Arbeiterpartei, … die manuellen
und die geistigen Arbeiter in Stadt und Land zu vereinigen und der
Arbeiterklasse die ihr nahestehenden Schichten der Kleinbauernschaft,
des Kleinbürgertums, der Intelligenz als Bundesgenossen zu gewinnen,
so gewinnt die sozialdemokratische Arbeiterpartei die Mehrheit des
Volkes. Sie erobert durch die Entscheidung des allgemeinen Wahlrechtes
die Staatsmacht. (…) Die sozialdemokratische Arbeiterpartei erstrebt
die Eroberung der Herrschaft in der demokratischen Republik, nicht um
die Demokratie aufzuheben, sondern um sie in den Dienst der
Arbeiterklasse zu stellen, den Staatsapparat den Bedürfnissen der
Arbeiterklasse anzupassen und ihn als Machtmittel zu benützen, um dem
Großkapital und dem Großgrundbesitz die in ihrem Eigentum
konzentrierten Produktions- und Tauschmittel zu entreißen und sie in
den Gemeinbesitz des ganzen Volkes zu überführen. (...) Die
sozialdemokratische Arbeiterpartei wird die Staatsmacht in den Formen
der Demokratie und unter allen Bürgschaften der Demokratie ausüben.
Die demokratischen Bürgschaften geben die Gewähr dafür, dass die
sozialdemokratische Regierung unter ständiger Kontrolle der unter der
Führung der Arbeiterklasse vereinigten Volksmehrheit handeln und
dieser Volksmehrheit verantwortlich bleiben wird. Die demokratischen
Bürgschaften werden es ermöglichen, den Aufbau der sozialistischen
Gesellschaftsordnung unter den günstigsten Bedingungen, unter
ungehemmter, tätigster Teilnahme der Volksmasse zu vollziehen."
Bauers "dritter Weg" zum
demokratischen Sozialismus ist zunächst als Negativ zu fassen - er
lehnt einerseits den revolutionären Marxismus im Sinne Lenins ab,
anderseits wendet er sich auch (zumindest in Worten) gegen einen
reinen Reformismus, wenngleich sowohl Bauers Konzept als auch v.a. die
sozialdemokratische Praxis freilich mit letzterem vieles gemein hat,
denn der "dritte Weg" ist gewissermaßen als "radikaler Reformismus" zu
sehen. Aber widmen wir uns zuerst noch der Terminologie. Das Konstrukt
des "demokratischen Sozialismus" soll zunächst das Gegenstück zu Marx’
Begriff der "Diktatur des Proletariats" sein. Marx selbst schreibt ja
in seiner "Kritik des Gothaer Programms" klar und deutlich:
"Zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft
liegt die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die
andre. Der entspricht auch eine politische Übergangsperiode, deren
Staat nichts andres sein kann als die revolutionäre Diktatur des
Proletariats." (MEW 19, S. 28) - Nach Bauer ist dies zu
revidieren, er klammert sich an das, was Engels ca. 20 Jahre später
geschrieben hat: "Man kann sich vorstellen, die alte Gesellschaft
könne friedlich in die neue hineinwachsen in Ländern, wo die
Volksvertretung alle Macht in sich konzentriert, wo man
verfassungsgemäß tun kann, was man will, sobald man die Majorität des
Volks hinter sich hat." (MEW 22, S. 234) - Wesentlich bei dieser
Aussage von Engels sind freilich die ersten vier Worte - aber dazu
kommen wir noch mal später. Terminologisch und inhaltlich stellt
Bauers Opposition des "demokratischen Sozialismus" zur Diktatur des
Proletariats eine grober Verwirrung und Verzerrung dar. Der Fehler,
den Bauer hier macht, ist, die Begriffe ihres Klasseninhalts zu
entledigen - er gebraucht sie in einem willkürlichen bürgerlichen
Sinn. Was hier geschieht, ist, durch die mechanische, vom
Klasseninhalt der Macht abstrahierende Gegenüberstellung der Begriffe
"Diktatur" und "Demokratie" den demokratischen Charakter der Diktatur
des Proletariats in Abrede zu stellen und den Klassencharakter des
bürgerliche Staates als Diktatur der Bourgeoisie zu verschleiern. D.h.
Bauer klammert sich an Formen, deren Inhalte er ausblendet. Es gilt
aber, was Lenin festhält zum Marx’schen Begriffs von der Diktatur des
Proletariats: "In Wirklichkeit ist diese Periode unvermeidlich eine
Periode unerhört erbitterten Klassenkampfes, unerhört scharfer Formen
dieses Kampfes, folglich muss auch der Staat dieser Periode
unvermeidlich auf neue Art demokratisch (für die Proletarier und
überhaupt für die Besitzlosen) und auf neue Art diktatorisch (gegen
die Bourgeoisie) sein." (Lenin, Staat und Revolution. Ausgewählte
Werke, Moskau 1946, Bd. II, S. 183). Lenin spricht hier also den
Doppelcharakter der revolutionären ArbeiterInnenmacht an: Sie bedeutet
die absolute Demokratie für die Mehrheit der Menschen, die bislang
unterdrückt und ausgebeutet wurde, und sie bedeutet gleichzeitig die
gegen die bisherigen AusbeuterInnen, die die unproduktive Minderheit
darstellen, gerichtete Diktatur. Das bedeutet, der oft gehörte
Vorwurf, der Marxismus würde eine "totalitäre" despotische oder
tyrannische Diktatur errichten wollen, geht völlig ins Leere - denn
der sozialistische Diktaturbegriff ist natürlich ein gänzlich anderer
als der bürgerliche, nämlich ein klassenspezifischer: in Wirklichkeit
bedeutet die Diktatur des Proletariats für die ausgebeuteten
Werktätigen die vollständige Demokratie, für die bisherigen
AusbeuterInnen hingegen - das ist richtig - bedeutet dies
gewissermaßen eine Diktatur, da ihre bisherige Vorherrschaft durch die
sozialistische Demokratie aufgehoben wird. An anderer Stelle
präzisiert Lenin: "Wir Sozialisten sind nur soweit Anhänger der
Demokratie, wie diese die Lage der Werktätigen und Unterdrückten
erleichtert. Der Sozialismus stellt sich die Aufgabe, in der ganzen
Welt gegen jede Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zu kämpfen.
Für uns ist nur jene Demokratie von wirklicher Bedeutung, die den
Ausgebeuteten, die den Entrechteten dient. Wenn einer, der nicht
arbeitet, das Wahlrecht verliert, so wird die Gleichberechtigung
zwischen den Menschen erst wahr. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht
essen" (zitiert nach: Zetkin, Schriften zur proletarischen
Frauenbewegung, Wien 1979, S. 57). Die wesentlichen charakterlichen
Grundzüge der proletarischen, der vollständigen Demokratie erklärte
Marx u.a. anhand des historischen Beispieles der Pariser Kommune von
1871 (vgl. MEW 17, S. 339). Bauer vertuscht dies - wir werden uns
dieser Angelegenheit im nächsten Abschnitt anhand des "Linzer
Programms" noch einmal widmen.
Die Verwirklichung des
"demokratischen Sozialismus" Bauer’scher Prägung hat also nichts mit
einer sozialistischen Revolution und Umgestaltung, die das "als
herrschende Klasse organisierte Proletariat" (MEW 4, S. 481) gegen
den logischen Widerstand der Bourgeoisie durchführen muss, zu tun,
sondern orientiert auf einen radikalen Reformismus und einer
Transformation des bürgerlichen Staates. Das ist etwas, was Marx in
aller Deutlichkeit jedoch für unmöglich erklärt hat, er schreibt,
"die Arbeiterklasse kann nicht die fertige Staatsmaschinerie einfach
in Besitz nehmen und diese für ihre eignen Zwecke in Bewegung setzen"
(MEW 17, S. 336). Eine "Revolution mit dem Stimmzettel", d.h. durch
Erreichung von 50% und einer Stimme durch die Sozialdemokratische
Partei, ist eine Konzeption, der Marx, Engels ("Das allgemeine
Stimmrecht ist so der Gradmesser der Reife der Arbeiterklasse. Mehr
kann und wird es nie sein im heutigen Staat." - MEW 21, S. 168)
oder auch zu Lebzeiten Bauers Clara Zetkin eine klare Absage erteilt
haben: "Das allgemeine, gleiche, geheime, direkte, aktive und
passive Wahlrecht für alle Erwachsenen bedeutet nur die letzte
Entwicklungsstufe der bürgerlichen Demokratie und wird zur Grundlage
und zum Deckmantel für die vollkommenste politische Form der
Klassenherrschaft der Besitzenden und Ausbeutenden."
(Zetkin, Schriften zur proletarischen Frauenbewegung, Wien 1979, S.
69) - Dennoch hielt Otto Bauer die Einschätzung von Marx - allemal für
Westeuropa - für überholt. Wir sehen also, Bauer stand hier durchaus
in einem gewissen theoretischen Widerspruch zu den von Karl Marx
geschaffenen Grundlagen des wissenschaftlichen Sozialismus, aber den
Marxismus nicht als Dogma zu begreifen und Marx und Engels nicht für
unfehlbar zu halten, das ist ja weder ein Verbrechen noch unbedingt
falsch. Daher gilt auch für Bauers Ideen: "Die Frage, ob dem
menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme, ist keine Frage
der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muss der
Mensch die Wahrheit, d. h. die Wirklichkeit und Macht, die
Diesseitigkeit seines Denkens beweisen. Der Streit über die
Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit eines Denkens, das sich von der
Praxis isoliert, ist eine rein scholastische Frage." (MEW 3, S.
533) - Diesbezüglich werden wir Bauers Einschätzungen also noch
genauer zu untersuchen haben, zunächst wollen wir sein Konzept noch in
seiner Gesamtheit darlegen.
Wenn Otto Bauer also auf
eine "Revolution" mit dem Stimmzettel setzt, so erklärt sich daraus
natürlich auch sein Gedanke, es müsse die Mehrheit der Köpfe für den
demokratischen Sozialismus gewonnen werden. Dieser Kampf um das
Bewusstsein nicht nur des Proletariats, sondern eben der
Mittelschichten, der bäuerlichen Bevölkerung und des Kleinbürgertums
ist für Bauers Ideen von immenser Bedeutung. Wer jedoch glaubt, hier
Antonio Gramscis Konzept des Kampfes um die kulturelle Hegemonie in
der Zivilgesellschaft wiederzuerkennen, täuscht sich. Während Bauer
also danach trachtet, eine Mehrheit für die Übernahme der bürgerlichen
Demokratie und ihre Transformation zu erlangen, gibt sich Gramsci
keinen Illusionen hin, seine
Vorstellung ist eine wesentlich andere, nämlich eine revolutionäre im Sinne von Marx
und Lenin. Gramsci will den bürgerlichen Staat überwinden, d.h. abschaffen
und an die Stelle der bürgerlichen Demokratie die sozialistische
Demokratie (die Diktatur des Proletariats) setzen: "Das
Proletariat kann nur dann zur führenden und herrschenden Klasse
werden, insoweit es ihm gelingt, ein System von Klassenbündnissen zu
schaffen, das es ihm erlaubt, die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung
gegen den Kapitalismus und den bürgerlichen Staat zu mobilisieren"
(SPW 94, 1997). An anderer Stelle präzisiert Gramsci: "Der
sozialistische Staat ... ist ein Übergangsstaat, der die Aufgabe hat,
den kapitalistischen Wettbewerb abzuschaffen, indem das
Privateigentum, die Klassen und die nationalen Ökonomien abgeschafft
werden. Diese Aufgabe ist nicht umsetzbar auf dem Boden des
demokratischen Parlamentarismus. Die Formel der ‚Eroberung der
Staatsmacht’ muss so verstanden werden, dass es um die Erschaffung
eines neuen Typs von Staat geht, der generiert wird aus der
gemeinsamen Erfahrung des Proletariats und den
demokratisch-parlamentarischen Staat ersetzt" (La conquista dello
stato, L’Ordine Nuovo, 12.7.1919).
Wie steht es nun mit
der vom Marxismus geforderten Überprüfung der Theorie anhand der
Praxis? Nun, Bauers Konzeption hätte kaum tragischer und
eindrucksvoller von der Geschichte widerlegt werden können. Der
Februar 1934 steht für den endgültigen Sieg des Austrofaschismus im
Kampf gegen den angestrebten Weg des Austromarxismus. Georgi Dimitroff
bringt es 1934 bei einer Rede vor österreichischen Schutzbündlern auf
den Punkt: "Was kam, war das Ergebnis des Verrats, war die Folge
der sozialdemokratischen Politik. Damals hat die sozialdemokratische
Führung gepredigt: ‚Auf friedlichem Wege kommen wir am sichersten zum
Sozialismus... Jetzt haben wir schon die Gemeinden in unseren Händen,
morgen werden wir die Regierung leiten. Schon haben wir 40 Prozent der
Stimmen, morgen bekommen wir 50 Prozent, und wenn wir 51 Prozent
haben, sind wir die Mehrheit und - der Sozialismus ist da!’ Wo dieser
‚friedliche Weg’ eingeschlagen wurde, dieser scheinbar billigere Weg,
der scheinbar weniger Opfer, Blut und Leiden kostete, dort regieren
heute die Herren Dollfuß und Fey, Hitler und Göring." (Dimitroff,
Ausgewählte Schriften, Berlin 1958, Bd. 2, S. 463 ff.) - Und die
faschistische Konterrevolution setzte nicht etwa ein, als eine
SDAP-Regierung konkrete sozialistische Maßnahmen setzte, wie es Bauer
geplant hatte, sondern unter einem (und durch einen) amtierenden
christlichsozialen Bundeskanzler und bereits angesichts einer
Entwicklung der SDAP-Wahlergebnisse von knapp 36% und damit 69 von 183
Nationalratsmandaten (1920) zu einem Stimmenanteil im Jahre 1930 von
41% und 72 von 165 Mandaten. Was bedeutet dies nun? Es bedeutet, dass
das, was in der Theorie "vorstellbar" - wie es Engels formulierte -
war, in der Praxis des real existierenden Kapitalismus in seinem
imperialistischen Stadium leider höchst unwahrscheinlich sein dürfte.
Wir müssen erkennen: Der Imperialismus geht global gegen jede
progressive Volksbewegung mit Gewalt vor - und nicht erst gegen
amtierende sozialistische Regierungen. Im Sinne der notwendigen
ständigen Revision marxistischer Theorien bedeutet das alles, dass das
Konzept Bauers insofern zu "verbessern" wären, dass die Möglichkeit
der friedlichen Verwirklichung des Sozialismus, d.h. ein Hineinwachsen
der bürgerlichen Demokratie in diesen - wir können durchaus
hinzufügen: leider - fürderhin eher auszuschließen ist unter den
Gegebenheiten des Imperialismus. Ein Schluss, zu dem Otto Bauer im
tschechoslowakischen Exil 1936 nach der faschistischen Machtergreifung
in Österreich, Deutschland und Italien (wenig später folgte Spanien)
daher selbst kommen muss: "Diese Erfahrung zerstört die Illusion
des reformistischen Sozialismus, dass die Arbeiterklasse friedlich und
allmählich durch bloße Ausnützung der demokratischen Institutionen,
ohne revolutionären Sprung die Formen der Demokratie mit
sozialistischem Inhalt erfüllen, die kapitalistische
Gesellschaftsordnung zu einer sozialistischen entwickeln könne. Hat
die Arbeiterklasse erlebt, dass die Schärfe der Klassengegensätze die
Demokratie sprengt, um die faschistische Diktatur des Kapitals
aufzurichten, so muss sie erkennen, dass eine vollkommene und
dauerhafte Volksfreiheit erst gesichert sein wird, wenn die Klassen
selbst und damit die Klassengegensätze der kapitalistischen
Gesellschaftsordnung aufgehoben sein werden. Hat sie gehofft, durch
Ausnützung der Demokratie eine sozialistische Gesellschaftsordnung
erringen zu können, so muss sie jetzt erkennen, dass sie zuerst ihre
eigene Herrschaft erkämpfen und durch sie eine sozialistische
Gesellschaftsordnung aufbauen muss, ehe eine vollkommene und
dauerhafte Demokratie möglich wird." (Werkausgabe, Wien 1976, Band
4, S. 159) - Hier erweist sich Bauer also doch zweifellos als Marxist,
der selbstkritisch und schonungslos die Unzulänglichkeit und die
Utopien des Austromarxismus eingesteht. Es kann Bauer durchaus
zugestanden werden, dass er sich "nach links" entwickelt hat - ein
Sonderfall in der Sozialdemokratie, wenn wir an Gesinnungsfreunde wie
Hilferding oder Kautsky denken...
1.4. Das "Linzer Programm" der Sozialdemokratie
Am 3. November 1926 gab sich die
Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschösterreichs auf ihrem
Parteitag in Linz ein neues Parteiprogramm. Dieses "Linzer Programm"
kann als das zentrale Dokument des Austromarxismus angesehen werden,
sind in ihm doch die durchaus unterschiedlichen Ansichten einzelner
TheoretikerInnen der SDAP halbwegs auf einen gemeinsamen Nenner gebracht.
Nichtsdestotrotz zeichnet besonders Otto Bauer für den Inhalt dieser
programmatischen Orientierung der österreichischen Sozialdemokratie
verantwortlich. Es versteht sich daher von selbst, dass wir manches,
was uns in diesem Programm wieder begegnet, schon im vorherigen
Abschnitt in allgemeiner Form bei Bauer kritisiert haben. Daher werden
wir hier nun nicht alles noch einmal in voller Länge wiederholen,
manches jedoch präzisieren, manches wird hier auch zum ersten Mal zu
besprechen sein. Das "Linzer Programm", das sich in der Einleitung
explizit zum wissenschaftlichen Sozialismus bekennt, gliedert sich in
sechs Abschnitte, die wir auch einzeln analysieren wollen.
Der erste Abschnitt lautet "Der Kapitalismus"
- hier finden wir eine knappe Analyse des gegenwärtigen Kapitalismus,
d.h. des Imperialismus, die durchaus imstande ist, die wesentlichsten
Erscheinungen dieser Zeit zu erfassen. Hier heißt es in Punkt 4 ff.:
"Die kapitalistischen Großbetriebe vereinigen sich zu immer
größeren Konzernen, sie organisieren sich in Kartellen und Trusts, sie
geraten immer mehr unter die Herrschaft des Finanzkapitals. Mächtige
Kartelle diktieren dem ganzen Volke die Warenpreise. Große
Industriekonzerne, die ganze Produktionszweige stillzulegen vermögen,
zwingen den Regierungen und Volksvertretungen ihren Willen auf. Die
Großbanken beherrschen die Produktion, sie üben auf Staat und
Gesellschaft den stärksten Einfluss. Das ganze arbeitende Volk gerät
so unter die drückende Herrschaft einer kleinen Zahl von
Kapitalsmagnaten. (…) Die Entwicklung der Produktivkräfte sprengt die
nationalen Grenzen der kapitalistischen Organisationen. Die
wirtschaftliche und politische Weltmacht sammelt sich in den Händen
des Finanzkapitals der hochkapitalistischen Staaten. Internationale
Kartelle diktieren den einzelnen Ländern die Warenpreise und den
Umfang der Produktion. Kleine und wirtschaftlich schwache Länder
geraten in drückende Abhängigkeit von den großkapitalistischen
Weltmächten. Die heimische Kapitalistenklasse wird zum Fronvogt der
internationalen Hochfinanz, das nationale Staatswesen gerät unter den
Druck der kapitalistischen Weltmächte. (…) Die Kapitalistenklassen der
hochkapitalistischen Staaten suchen die wirtschaftlich rückständigen
Gebiete außerhalb des europäischen Kulturkreises als Absatzmärkte,
Rohstoffquellen und Kapitalsanlagegebiete zu erobern. Der Wettbewerb
um die Kolonialgebiete erzeugt immer neue Gegensätze zwischen den
kapitalistischen Weltmächten. Das Eindringen des Kapitalismus in die
außereuropäischen Kulturkreise wälzt ihre überlieferten
Gesellschaftsordnungen um; die imperialistischen Weltmächte
unterwerfen die Völker der fremden Kulturkreise ihrer
Gewaltherrschaft. Sie ruft Befreiungskämpfe der unterdrückten Völker
hervor. Diese imperialistische Weltumwälzung erzeugt ständige
Kriegsgefahr. Zugleich wird mit der Entwicklung der Technik des
kapitalistischen Großbetriebes auch die Kriegstechnik ständig
umgewälzt. Die Entwicklung des Kapitalismus droht so, durch immer
furchtbarere Kriege, die ganze Zivilisation zu zerstören." - Dies
ist zweifelsfrei eine marxistische Analyse des Kapitalismus, wie er
sich nach dem Ersten Weltkrieg endgültig herausgebildet hatte, die
SDAP anerkennt hier zumindest die Erkenntnisse Hilferdings (die dieser
in Deutschland zu jener Zeit mitunter freilich bereits wieder
revidierte), wir haben also zumindest im Kern
imperialismustheoretische Ansätze, die selbst bis heute wenig an
Aktualität eingebüßt haben. Der einzige Kritikpunkt hier wäre, dass
eine reine Oberflächenanalyse des monopolistischen Kapitalismus zu
falschen strategischen Ansätzen zu verleiten vermag. Im Analyseteil
fehlt - im Gegensatz etwa zum Programm der KPR (B), wo Lenin dies 1918
mit Bestimmtheit hineinreklamiert hatte - eine Darlegung des
grundlegenden ausbeutenden Charakters der kapitalistischen Lohnarbeit,
auf deren Kosten die allgemeine Bedrückung durch die Herausbildung
der Großbetriebe, in denen damals wie heute in Österreich jedoch nur
eine Minderheit der ArbeitnehmerInnen tätig ist, hervorgehoben wird.
Aber das ist noch kein Beinbruch.
Der zweite Abschnitt widmet sich dem Klassenkampf,
zu dem sich die SDAP explizit bekennt. Der Klassenkampf zieht sich
begrifflich in der einen oder anderen Form durch das gesamte Programm.
Die ArbeiterInnenklasse "mit der Erkenntnis der Unvereinbarkeit
ihrer Lebens- und Entwicklungsinteressen mit der kapitalistischen
Gesellschaftsordnung zu erfüllen, ist die Aufgabe der
sozialdemokratischen Arbeiterpartei." Weiters heißt es: "Zur
ihrer Aufgabe wird es nunmehr unter der Führung der Arbeiterklasse
immer breitere Schichten aller arbeitenden Volksklassen zum Kampfe
gegen die von der Kapitalistenklasse geführten Bourgeoisie zu
vereinigen." - Hier ist aufgrund einer richtigen Einschätzung der
Entwicklung des Monopolkapitalismus und des Finanzkapitals die
Wichtigkeit der Bündnispolitik des Proletariats hervorgehoben: "Je
mehr die Arbeiterklasse im Kampfe für ihre eigene Befreiung zur
Vorkämpferin des ganzen arbeitenden Volkes gegen das alle Klassen des
arbeitenden Volkes beherrschende und ausbeutende Großkapital wird,
desto breitere Schichten der Kleinbauernschaft, des Kleinbürgertums,
der geistigen Arbeiter scharen sich um die Arbeiterklasse." Klar
angesprochen wird also, dass immer mehr Menschen nicht-proletarischer
Schichten durch das Monopolkapital unterdrückt werden, diese müssen
sich um das Proletariat zum Bündnis gegen die geballte Macht v.a. des
Großkapitals und des Großgrundbesitzes zusammenschließen.
Der dritte Abschnitt ist nun der eigentlich heikle am "Linzer
Programm". Er befasst sich mit dem "Kampf um die Staatsmacht".
Die Problematik, die uns in diesem Abschnitt begegnet und freilich
(wie zuvor schon bei Otto Bauer beschrieben) zum Grundproblem der SDAP
werden sollte, spiegelt sich bereits in der eingangs aufgestellten
Behauptung, die "Geschichte der demokratischen Republik ist die
Geschichte der Klassenkämpfe zwischen der Bourgeoisie und der
Arbeiterklasse um die Herrschaft in der Republik", wider. Hier
wird ein Zitat aus dem "Kommunistischen Manifest" von Marx und Engels
zwar recht hübsch umgelegt, inhaltlich aber leider in einen falschen
Kontext gestellt. Zwar ist die demokratische Republik, wie Engels
schreibt, tatsächlich die "höchste Staatsform, … die in
unsern modernen Gesellschaftsverhältnissen mehr und mehr
unvermeidliche Notwendigkeit wird und die Staatsform ist, in der der
letzte Entscheidungskampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie allein
ausgekämpft werden kann" (MEW 21, S. 167) - nur ist und bleibt sie
eben eine bürgerlich-kapitalistische Form. Wir haben es bei Otto Bauer
schon angesprochen: es ist nicht zufällig Bestandteil der bürgerlichen
Ideologie und Staatstheorie, die Auffassung einer "reinen", d.h.
klassenindifferenten Demokratie zu predigen, die einer ebenso
abstrakten Diktatur gegenübergestellt wird. Formale Kriterien
(Parlamentarismus, verschiedene einander bekämpfende Parteien,
verfassungsrechtlich gesicherte bürgerlich-demokratische Rechte, d.h.
auch Schutz des Privateigentums) werden in den Vordergrund geschoben,
der Klasseninhalt soll verschleiert werden. Die Demokratie trägt aber
stets Klassencharakter und der bürgerliche Staat ist unabhängig von
seiner Form - ob rechtsstaatliche, liberale Demokratie, autoritäre
Herrschaft oder offene faschistische Diktatur - charakterlich immer
eines: die Diktatur der Bourgeoisie. Dies nimmt das Linzer Programm
jedoch nicht gebührend zur Kenntnis, daher auch falsche Schlüsse. Natürlich geht es also für
das Proletariat - gemeint ist wohl ohnedies die SDAP - keineswegs um
die Herrschaft in dieser bürgerlichen demokratischen Republik.
Marx kritisiert gerade dies und
unterstreicht die Aufgabe der sozialistischen Revolution: "Alle
[bisherigen] Umwälzungen vervollkommneten die [Staats-]Maschine
statt sie zu brechen. Die Parteien, die abwechselnd um die Herrschaft
rangen, betrachteten die Besitznahme dieses ungeheueren Staatsgebäudes
als die Hauptbeute des Siegers" (MEW 8, S. 197). Eine
sozialistische Bewegung im Sinne Marx’ muss
aber komplett andere Ansätze haben,
Marx
und Engels verarbeiten diesbezüglich z.B. im Vorwort zur Ausgabe von
1872 ihres 1848 erstmals veröffentlichten "Kommunistischen Manifests"
konkrete historische Ergebnisse: "Namentlich hat die Kommune den
Beweis geliefert, dass ‚die Arbeiterklasse nicht die fertige
Staatsmaschine einfach in Besitz nehmen und sie für ihre eigenen
Zwecke in Bewegung setzen kann’." (MEW 4, S. 96) - Sondern? Die
bürgerliche Staatsmaschinerie ist zu zerschlagen, die bürgerliche
demokratische Republik ist durch die sozialistische Demokratie, d.h.
die staatliche Organisiertheit des Proletariats, ihre gegen die
Bourgeoisie gerichtete Diktatur zur Niederhaltung etwaiger
Restaurationsversuche und zur Gewährleistung des sozialistischen
Aufbaus, zu ersetzen. Im Vorwort zur Neuauflage von 1891 des
"Bürgerkriegs in Frankreich" gibt Engels eine lange, aber dafür
umfassende und lehrreiche Darstellung: "Die Kommune musste gleich
von vornherein anerkennen, dass die Arbeiterklasse, einmal zur
Herrschaft gekommen, nicht fortwirtschaften könne mit der alten
Staatsmaschine; dass diese Arbeiterklasse, um nicht ihrer eignen, erst
eben eroberten Herrschaft wieder verlustig zu gehn, einerseits alle
die alte, bisher gegen sie selbst ausgenutzte
Unterdrückungsmaschinerie beseitigen, andrerseits aber sich sichern
müsse gegen ihre eignen Abgeordneten und Beamten, indem sie diese,
ohne alle Ausnahme, für jederzeit absetzbar erklärte. (…) Diese
Sprengung der bisherigen Staatsmacht und ihre Ersetzung durch eine
neue, in Wahrheit demokratische, ist im dritten Abschnitt des
‚Bürgerkriegs’ eingehend geschildert. Es war aber nötig, hier nochmals
kurz auf einige Züge derselben einzugehn, weil gerade in Deutschland
der Aberglaube an den Staat aus der Philosophie sich in das allgemeine
Bewusstsein der Bourgeoisie und selbst vieler Arbeiter übertragen hat.
Nach der philosophischen Vorstellung ist der Staat die ‚Verwirklichung
der Idee’ oder das ins Philosophische übersetzte Reich Gottes auf
Erden, das Gebiet, worauf die ewige Wahrheit und Gerechtigkeit sich
verwirklicht oder verwirklichen soll. Und daraus folgt dann eine
abergläubische Verehrung des Staats und alles dessen, was mit dem
Staat zusammenhängt, und die sich um so leichter einstellt, als man
sich von Kindesbeinen daran gewöhnt hat, sich einzubilden, die der
ganzen Gesellschaft gemeinsamen Geschäfte und Interessen könnten nicht
anders besorgt werden, als wie sie bisher besorgt worden sind, nämlich
durch den Staat und seine wohlbestallten Behörden. Und man glaubt
schon einen ganz gewaltig kühnen Schritt getan zu haben, wenn man sich
frei gemacht vom Glauben an die erbliche Monarchie und auf die
demokratische Republik schwört. In Wirklichkeit aber ist der Staat
nichts als eine Maschine zur Unterdrückung einer Klasse durch eine
andre, und zwar in der demokratischen Republik nicht minder als in der
Monarchie; und im besten Fall ein Übel, das dem im Kampf um die
Klassenherrschaft siegreichen Proletariat vererbt wird und dessen
schlimmste Seiten es ebensowenig wie die Kommune umhin können wird,
sofort möglichst zu beschneiden, bis ein in neuen, freien
Gesellschaftszuständen herangewachsenes Geschlecht imstande sein wird,
den ganzen Staatsplunder von sich abzutun. Der deutsche Philister ist
neuerdings wieder in heilsamen Schrecken geraten bei dem Wort:
Diktatur des Proletariats. Nun gut, ihr Herren, wollt ihr wissen, wie
diese Diktatur aussieht? Seht euch die Pariser Kommune an. Das war die
Diktatur des Proletariats." (MEW 22, S. 197 ff.) - Diese
Tatsachen, die wie gezeigt ja auch bei Otto Bauer unter den Tisch
fallen, werden also vom "Linzer Programm" ignoriert. Es wird
vorgegeben, das Proletariat käme im Rahmen der bürgerlichen Demokratie
vermittelst des in ihr verwirklichten Stimmrechts zur Macht und könnte
sodann die kapitalistische Gesellschaft in eine sozialistische
transformieren - damit entledigt sich die österreichische
Sozialdemokratie bequem jedes revolutionären Inhalts. Engels bringt
auch auf den Punkt, welchen Wert eine Propagierung der
klassenindifferenten Demokratie seitens einer sozialdemokratischen
Partei hat: "Die ,reine Demokratie' kann im Moment der Revolution
... als letzter Rettungsanker der ganzen bürgerlichen ... Wirtschaft
momentan Bedeutung bekommen ..., um die revolutionäre Masse
niederzuhalten. ... Jedenfalls ist unser einziger Gegner am Tage der
Krise und am Tag nachher - die um die reine Demokratie sich
gruppierende Gesamtreaktion." (Engels, Briefe an Bebel, Berlin
1958, S. 102 f.) - Jeder Mensch
kann nun selbst entscheiden, welchen Wert ein Bekenntnis der SDAP zum
wissenschaftlichen Sozialismus hat, wenn der entscheidende Kernpunkt
der Revolutionstheorie von Marx und Engels ein paar Seiten weiter
fallengelassen wird. Und jeder Mensch kann selbst entscheiden, welchen
Wert ein Bekenntnis zum proletarischen Klassenkampf hat, wenn der
immanente Höhepunkt dieses Klassenkampfes, die soziale Revolution des
Proletariats, für obsolet erklärt wird.
Marx hat die
Zusammenhänge bereits 1852 in aller Klarheit in einem Brief an Joseph
Weydemeyer (datiert auf den 5. März) dargelegt, nämlich, "1. dass
die Existenz der Klassen bloß an bestimmte, historische
Entwicklungskämpfe der Produktion gebunden sei, 2. dass der
Klassenkampf notwendig zur Diktatur des Proletariats führe, 3. dass
diese Diktatur selbst nur den Übergang zur Aufhebung aller Klassen und
zu einer klassenlosen Gesellschaft bilde" (MEW 28, S. 507 f.). Damit ist
offensichtlich, dass das, was im "Linzer Programm" festgeschrieben
ist, nichts als unmarxistischer Reformismus ist, ja ein gefährlicher
Revisionismus, der umso gefährlicher wird, wenn er "ehrlich" gemeint
ist.
Und wie
gefährlich er ist, zeigte sich spätestens mit der Machtergreifung des Austrofaschismus
1933/34. Hier musste die SDAP nun zur Kenntnis nehmen, dass der Satz
Ernst Thälmanns richtig war:
"Faschismus
und Demokratie sind nur zwei Formen ein und derselben Sache und diese
Sache heißt: kapitalistische Klassenherrschaft, Diktatur der
Bourgeoisie"
(Thälmann,
Reden und Schriften 1930-1933,
Köln 1975,
Bd. 1,
S. 326).
Die SDAP leugnete im "Linzer Programm" aber
keineswegs die Möglichkeit einer (antizipierten) Konterrevolution und
der Errichtung einer faschistischen Diktatur. So heißt es im dritten
Abschnitt auch: "Die Bourgeoisie wird nicht freiwillig ihre
Machtstellung räumen. Findet sie sich mit der ihr von der
Arbeiterklasse aufgezwungenen demokratischen Republik ab, solange sie
die Republik zu beherrschen vermag, so wird sie versucht sein, die
demokratische Republik zu stürzen, eine monarchistische oder
faschistische Diktatur aufzurichten, sobald das allgemeine Wahlrecht
die Staatsmacht der Arbeiterklasse zu überantworten droht oder schon
überantwortet haben wird. Nur wenn die Arbeiterklasse wehrhaft genug
sein wird, die demokratische Republik gegen die monarchistische oder
faschistische Gegenrevolution zu verteidigen, nur wenn das Bundesheer
und die anderen bewaffneten Korps des Staates auch dann die Republik
schützen werden, wenn die Macht in der Republik durch die Entscheidung
des allgemeinen Wahlrechtes in die Hand der Arbeiterklasse fällt, nur
dann wird es die Bourgeoisie nicht wagen können, sich gegen die
Republik aufzulehnen, nur dann wird daher die Arbeiterklasse die
Staatsmacht mit den Mitteln der Demokratie erobern und ausüben können.
(…) Wenn es aber trotz allen diesen Anstrengungen der
sozialdemokratischen Arbeiterpartei einer Gegenrevolution der
Bourgeoisie gelänge, die Demokratie zu sprengen, dann könnte die
Arbeiterklasse die Staatsmacht nur noch im Bürgerkrieg erobern. (…)
Wenn sich aber die Bourgeoisie gegen die gesellschaftliche Umwälzung,
die die Aufgabe der Staatsmacht der Arbeiterklasse sein wird, durch
planmäßige Unterbindung des Wirtschaftslebens, durch gewaltsame
Auflehnung, durch Verschwörung mit ausländischen gegenrevolutionären
Mächten widersetzen sollte, dann wäre die Arbeiterklasse gezwungen,
den Widerstand der Bourgeoisie mit den Mitteln der Diktatur zu
brechen." Hier beinhaltet ein gedanklich richtiger Ansatz wiederum
zwei gravierende Fehleinschätzungen. Es ist töricht und fahrlässig, zu
glauben, dass in einem Staat, der eben keineswegs neutral über den
Klassen steht, es die Staatsorgane sein könnten. Das Militär (bzw.
eben dessen bestimmende Generalität) bleibt im kapitalistischen Staat
immer das Militär der herrschenden Klasse - diesen Tatsachen ist
schlussendlich das geistig und materiell verteidigungsbereite Volk
selbst entgegenzustellen. Gramsci schrieb einst über die Situation in
Italien: "Nur die Bewaffnung der Arbeiter und Landarbeiter wird die
Entwaffnung der faschistischen Militärs ermöglichen können." (Né
fascismo né liberalismo: soviettismo!, L’Unità, 7.10.1924) - Selbiges
hätte auch für Österreich Gültigkeit besessen, wie sich im Februar
1934 in bitterer Weise bestätigte. Der andere Punkt ist, dass das
stark defensiv orientierte Konzept der SDAP auf falschen
Einschätzungen beruhte. Es sah vor, wie aus obigem Zitat aus dem
"Linzer Programm" hervorgeht, gewaltsame Verteidigungsmaßnahmen des
Proletariats nur als letztes Mittel bei Gefährdung der bürgerlichen
(!) Demokratie einzusetzen. Nun ist ein reines Defensivkonzept für
eine sozialistische Bewegung ohnedies zweck- und perspektivlos - damit
wird das Prinzip des Handelns ein für alle Mal aus der Hand gegeben.
Wieder werden die Hinweise von Marx und Engels ignoriert: "Für
Herrn Dühring", schreibt Engels - und für Herrn Bauer gilt dies
ebenso -, "ist die Gewalt das absolut Böse, der erste Gewaltsakt
ist ihm der Sündenfall, seine ganze Darstellung ist eine Jammerpredigt
über die hiermit vollzogne Ansteckung der ganzen bisherigen Geschichte
mit der Erbsünde, über die schmähliche Fälschung aller natürlichen und
gesellschaftlichen Gesetze durch diese Teufelsmacht, die Gewalt. Dass
die Gewalt aber noch eine andre Rolle in der Geschichte spielt, eine
revolutionäre Rolle, dass sie, in Marx' Worten, die Geburtshelferin
jeder alten Gesellschaft ist, die mit einer neuen schwanger geht, dass
sie das Werkzeug ist, womit sich die gesellschaftliche Bewegung
durchsetzt und erstarrte, abgestorbne politische Formen zerbricht -
davon kein Wort bei Herrn Dühring. Nur unter Seufzen und Stöhnen gibt
er die Möglichkeit zu, dass zum Sturz der Ausbeutungswirtschaft
vielleicht Gewalt nötig sein werde - leider!" (MEW 20, S. 171) -
Nun, dass dem leider so ist, dem ist schon zuzustimmen. Dass es jedoch
nichts nützt, sich in ein verschreckt-pazifistisches Schneckenhaus zu
verkriechen, ist aber ebenso klar, denn der Stiefel des Faschismus
kann dieses erstrecht mit einem einzigen gezielten Tritt zertrümmern.
Für die
revolutionär-marxistische ArbeiterInnenbewegung ist die gewaltsame
Verteidigung der Revolution also immer noch ultima ratio, aber unter
den Bedingungen des Imperialismus, wie ihn eben selbst die SDAP im
ersten Abschnitt des "Linzer Programms" ja richtig charakterisiert,
wohl oder übel unumgänglich. Denn historisch ist es immer die
Bourgeoisie, die zwingend ihre eigene bürgerliche Demokratie aufhebt
und die Ausflucht der faschistischen Diktatur benötigt. Diese bittere
Erfahrung musste nicht nur die österreichische Sozialdemokratie
machen, sondern z.B. auch die republikanische Volksfront-Regierung
Spaniens in den 30er Jahren oder jene der Unidad Popular unter
Salvador Allende in Chile 1973. Und eine realistische Einschätzung ist
daher, dass mit einem notwendigen antifaschistischen Abwehrkampf einer
sozialistischen Bewegung erstens nicht nur vielleicht, sondern mit
sehr großer Sicherheit, und zweitens eventuell in einer recht frühen
Phase ihres Vorwärtsschreitens zu rechnen ist. Im "Linzer Programm"
ist mit dem defensiven Konzept jedoch das Fundament für das ständige
Zurückweichen der SDAP gegenüber der faschistischen Bedrohung gelegt,
wodurch jede reale Verteidigungsmöglichkeit des Proletariats minimiert
wurde und die endgültige Niederlage des Austromarxismus im Jahre 1934
vorprogrammiert war. Aber auf die Realpolitik der SDAP - die durchaus
in einem gewissen Widerspruch zu den zumindest verbal etwas
"radikaleren" programmatischen Ansätzen des Austromarxismus steht -
werden wir noch gesondert zu sprechen kommen.
Im vierten Abschnitt des "Linzer Programms" werden die "nächsten
Aufgaben der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei" präsentiert. Mit
diesen Programmpunkten müssen wir uns nicht länger aufhalten, es sind
dies zum damaligen Zeitpunkt logische Forderungen nach Reformen in
verschiedenen Bereichen. Manches wurde sogar in der einen oder anderen
Form umgesetzt, manches ist jedoch bis heute aktuell geblieben. Es
sind hier sogar konkretere antimonopolistische Maßnahmen enthalten, es
geht um die Demokratisierung der Verwaltung, der Justiz, aber auch der
Betriebe. Gefordert werden darüber hinaus z.B. die Ausweitung der
sozialen Fürsorge und des Wohnungsbaus, der freie Bildungszugang, die
strikte Trennung von Staat und Kirche sowie die Erklärung der Religion
zur Privatsachen bei Gewährleistung ihrer freien Ausübung. Und
wahrlich nicht zuletzt fordert die SDAP in diesem Abschnitt konkrete
Maßnahmen und Schritte zur Gleichstellung der Geschlechter und für
Selbstbestimmungsmöglichkeiten der Frau. Insgesamt durchwegs
vernünftige Punkte, die (neben einer revolutionären Orientierung) für
jede marxistische Partei als unmittelbare Forderungspunkte im
politischen Tagesgeschehen als zweckmäßige Reformschritte zu sehen
waren (und zum Teil noch sind).
Der fünfte Abschnitt behandelt den "Übergang von der
kapitalistischen zur sozialistischen Gesellschaftsordnung". Wir
ersparen es uns, nochmals umfassender darauf hinzuweisen, dass diese
Übergangsperiode von Marx als notwendige "Diktatur des Proletariats"
charakterisiert wurde, die die SDAP jedoch ablehnte - wir haben diesen
schweren Fehler im "Linzer Programm" wohl schon zur Genüge dargelegt.
Wir wollen uns ungeachtet dieser fehlenden unabdingbaren
Grundvoraussetzung dennoch kurz mit den konkreteren geforderten
Maßnahmen beschäftigen. Bevor das Programm zu diesen kommt, wird noch
Folgendes festgehalten: "Die sozialistische
Gesellschaftsordnung kann aber nicht in einem einzelnen kleinen, von
den kapitalistischen Weltmächten abhängigen Lande aufgebaut werden,
sondern nur in großen, zusammenhängenden Gebieten, die die
Voraussetzungen sozialistischer Planwirtschaft in sich schließen. Die
sozialdemokratische Arbeiterpartei wird daher nach der Eroberung der
Staatsmacht im eigenen Lande die Vergesellschaftung der im Eigentum
der Kapitalisten und der Großgrundbesitzer konzentrierten
Produktionsmittel immer nur in dem Maße durchführen können, in dem die
Entwicklung in den anderen Staaten bereits die Voraussetzungen dafür
geschaffen haben wird." - Einerseits - dies wird mitunter in
Abrede gestellt - bekennt sich die SDAP also sehr wohl zur
weitgehenden Planung der sozialistischen Wirtschaft, andererseits
entledigt sie sich doch bis zu einem gewissen Grad der
Eigenverantwortung mit dem Hinweis, in einem Land wie Österreich
alleine seien keine sozialistischen Maßnahmen durchführbar (wir werden
später noch sehen, worauf das in diesem Programm konkret abzielt). Das
Warten auf die Weltrevolution ist jedenfalls ein äußerst nützliches
Konzept: für die Bourgeoisie... - Die konkreten Maßnahmen sind
nun relativ auf der Hand liegend: "Der private und der kirchliche
forst- und landwirtschaftliche Großgrundbesitz, das großstädtische
Baugelände, der Bergbau, die großen Unternehmungen der Industrie und
des Verkehrswesens sind in das Eigentum des Gemeinwesens zu
überführen, der kapitalistische Handel, das kapitalistische Bankwesen
und Versicherungswesen sind teils durch Einrichtungen des
Gemeinwesens, teils durch genossenschaftliche Institutionen zu
ersetzen. (…) Die vergesellschafteten Großbetriebe werden je nach
ihrer Eigenart als Staats-, Landes- oder Gemeindebetriebe geführt oder
gemeinwirtschaftlichen Anstalten, autonomen Wirtschaftskörpern oder
Genossenschaften zur Führung übertragen. (…) In der Zeit des
Überganges werden vergesellschaftete und kapitalistische Betriebe
nebeneinander bestehen. In dieser Entwicklungsphase wird die
Arbeiterklasse das Wachstum der vergesellschafteten auf Kosten der
kapitalistischen Betriebe planmäßig fördern müssen. Sowohl die Leiter
der vergesellschafteten Betriebe als auch die Arbeiter und
Angestellten, die in Betrieben arbeiten, welche bereits von einem von
der Arbeiterklasse beherrschten Gemeinwesen, von einer
gemeinwirtschaftlichen Anstalt oder von einer Genossenschaft der
Arbeiter geleitet werden, müssen ihre Arbeit als Dienst für die
Gesamtheit der Arbeiterklasse ansehen, im Interesse der Gesamtheit der
Arbeiterklasse die Wachstumsenergie ihrer Betriebe stärken. Zu diesem
Zwecke müssen einerseits die Gemeinwesen und die Genossenschaften die
in ihren Betrieben tätigen Arbeiter und Angestellten zu breiter
Mitbestimmung und Mitverwaltung der vergesellschafteten Betriebe
heranziehen. (…) Der Sozialismus wird das Ausbeutungseigentum der
Kapitalisten und der Großgrundbesitzer aufheben, nicht das
Arbeitseigentum der Kleingewerbetreibenden und der Bauern. Aber er
wird die Entwicklung der Genossenschaften der Kleingewerbetreibenden
und der Bauern, die allmähliche freiwillige Vergenossenschaftung
geeigneter Zweige ihrer Produktion und des Vertriebes ihrer
Erzeugnisse tatkräftig fördern und sie dadurch der sich entwickelnden
sozialistischen Gesellschaft eingliedern. (…) In dem Maße, als die
Kapitalistenklasse enteignet wird, muss das Gemeinwesen die Funktionen
übernehmen, die bisher die Kapitalistenklasse ausgeübt hat. An die
Stelle der Anhäufung des Kapitals tritt die planmäßige Vergrößerung
und Vervollkommnung des gesellschaftlichen Produktionsapparats durch
das Gemeinwesen. (…) Mit der Vergesellschaftung der Großbetriebe und
der Vergenossenschaftung der Kleinbetriebe verwandelt sich die
Entwicklung der Produktivkräfte aus einem Mittel der Bereicherung der
Kapitalisten- und der Grundherrenklasse in das Mittel, die
Lebenshaltung, die Gesundheit, das Kulturniveau der breiten
Volksmassen zu heben. Mit der Überwindung der Planlosigkeit der
kapitalistischen Produktionsweise erlangt das Gemeinwesen erst die
Möglichkeit, jedem Arbeitenden ein festes Recht auf seine
Arbeitsstelle zu sichern. Sobald die Arbeiter und Angestellten selbst
ihre Arbeitsprozesse bestimmen und über ihre Arbeitserträge verfügen,
sobald die Früchte ihrer Anstrengungen ihnen und ihren Nachkommen eine
höhere Lebenshaltung sichern, erlangt die Lebensarbeit des Arbeiters
erst Sinn und Würde. Mit den Schrecken des Proletarierdaseins
schwinden die Ursachen der Überkonkurrenz im Kleingewerbe und der
Überschuldung der Bauernschaft. Mit der Scheidung der Gesellschaft in
ausbeutende und ausgebeutete Klassen werden Klassenherrschaft und
Klassenkampf überwunden; das ganze Volk wird zu einer die Früchte der
gemeinsamen Arbeit gemeinsam genießenden Volkswirtschaft." -
Hauptsächlich (nichtsdestoweniger richtige) Allgemeinplätze, über
Einzelnes ließe sich diskutieren (wir haben hier nicht alles zitiert),
aber im Großen und Ganzen sind die Maßnahmen logisch. Wir wollen sie
mal so stehen lassen.
Wir kommen zum sechsten und letzten Abschnitt des
"Linzer Programms", der gewissermaßen den Bereich "Internationales"
behandelt. Aufgrund einer weitgehend richtigen Imperialismusanalyse
(siehe erster Abschnitt) werden hier sehr wichtige Punkte
angesprochen: "Die nächste Aufgabe der Internationale, zu der sich
die Arbeiter aller Länder zusammenschließen, ist der Kampf gegen die
aus dem Kapitalismus hervorgehenden Kriegsgefahren. (…) Die
Sozialdemokratie fordert die planmäßige Erziehung der Jugend zum
Völkerfrieden und zur Achtung vor dem Recht und der Würde fremder
Völker. Sie bekämpft jede Politik, die Hass zwischen den Völkern
hervorruft; sie bekämpft daher insbesondere jede Entrechtung und
Vergewaltigung nationaler Minderheiten. (…) Die Sozialdemokratie
fordert die Pflege friedlicher Beziehungen zu allen Staaten. Sie wird
sich jedem Versuch widersetzen, die Republik in einen Krieg
hineinzuzerren. Sie wird sich gegen jeden imperialistischen oder
nationalistischen Krieg mit aller ihrer Macht zur Wehr setzen. (…) Die
Sozialdemokratie ist sich dessen bewusst, dass dauernder Friede nur
auf die Freiheit und Gleichberechtigung der Völker gegründet werden
kann. Sie tritt für das Selbstbestimmungsrecht aller Völker ein. (…)
Sie unterstützt die Freiheitskämpfe aller Völker gegen
imperialistische Fremdherrschaft und gegen gegenrevolutionäre
Einmengung in ihre Revolutionen. (…) Die Sozialdemokratie erstrebt den
Aufbau einer internationalen Rechtsordnung, welche es ermöglicht, alle
Streitigkeiten zwischen den Völkern friedlich zu schlichten, die
schwachen Völker gegen die starken zu beschützen, die internationale
Abrüstung durchzuführen und die imperialistischen Verträge von 1919
auf der Grundlage des Selbstbestimmungsrechtes der Völker zu
revidieren. Den gegenwärtigen Völkerbund betrachtet die
Sozialdemokratie als einen Kampfboden des Klassenkampfes. Sie bekämpft
die kapitalistischen und imperialistischen Mächte, die den Völkerbund
zu einem Werkzeug der Verteidigung der kapitalistischen
Gesellschaftsordnung und der durch die imperialistischen Verträge von
1919 begründeten Staatenordnung machen. Sie betrachtet es als Aufgabe
der internationalen Arbeiterklasse, den Völkerbund unter ihren Druck
zu stellen, die Vorbedingungen für den Eintritt aller Völker in den
Völkerbund zu erkämpfen, seine Organisation zu demokratisieren, um
schließlich mit der Staatsmacht in den einzelnen Ländern auch den
Völkerbund zu erobern, ihn damit erst zum wirklichen Hüter des
Friedens und der Freiheit der Völker umzugestalten. Die
Sozialdemokratie ordnet alle ihre Gegenwartskämpfe dem Kampf um ihr
Endziel unter: um die dauernde Sicherung des Völkerfriedens und der
Völkerfreiheit durch die internationale Föderation der nationalen
sozialistischen Gemeinwesen." - Das sind im Wesentlichen durchwegs
vernünftige Forderungspunkte, die einer internationalistisch
ausgerichteten, antiimperialistischen und antimilitaristischen Partei
der ArbeiterInnenklasse durchaus zur Ehre reichen. Wir haben in obigem
Zitat jedoch den Punkt 4 ausgelassen, auf den wir abschließend noch
gesondert eingehen wollen. Er lautet: "Die Sozialdemokratie
betrachtet den Anschluss Deutschösterreichs an das Deutsche Reich als
notwendigen Abschluss der nationalen Revolutionen von 1918. Sie
erstrebt mit friedlichen Mitteln den Anschluss an die Deutsche
Republik." Dieser Forderungspunkt, der aus heutiger Sicht für
viele unverständlich erscheinen muss, wird der österreichischen
Sozialdemokratie bis heute v.a. von ihren politischen GegnerInnen
mitunter (mit freilich unredlichen Absichten) vorgehalten. Der Gedanke
der SDAP war damals, dass im Rahmen des industriell weiter
entwickelten deutschen Staates mit einer starken ArbeiterInnenbewegung,
in der ja auch
Österreicher prominent aktiv waren (v.a. Karl Kautsky und Rudolf
Hilferding),
sozialistische Zielsetzungen eher verwirklicht werden könnten als im
nach wie vor stark ländlich geprägten, kleinen Österreich - und daher
eben auch im fünften Abschnitt der Hinweis auf die "in großen,
zusammenhängenden Gebieten" zu verwirklichende sozialistische
Gesellschaftsordnung. Ungenügend
wäre aber, nur strategische Überlegungen der SDAP zu vermuten - das
Gegenteil ist der Fall. Es gründet sich auf das völlig falsche
Verständnis der österreichischen Sozialdemokratie zur nationalen Frage
(darauf kommen wir weiter unten zurück), die Existenz einer
österreichischen Nation zu verneinen und die deutschsprachigen
ÖsterreicherInnen als Teil der deutschen Nation zu definieren. Erst
nach dem Zweiten Weltkrieg wurde diese Sichtweise (eher notgedrungen)
endgültig fallengelassen, wenngleich z.B. Friedrich Adler bis zu
seinem Tod 1960 Anhänger dieser großdeutschen Idee blieb. Adolf
Schärf, 1945-1957 Parteivorsitzender der SPÖ, danach bis 1965
Bundespräsident, schreibt darüber: "Wilhelm Leuschner eröffnete
mir, dass spätestens für den Herbst 1943 mit dem Ende des
Hitler-Regimes zu rechnen sei. (…) Wenn sich Österreich entschlossen
auf die Seite der deutschen Revolution stelle, dann könne man mit
Zuversicht erwarten, dass im Friedensvertrag der Anschluss Österreichs
an Deutschland erhalten bleibe. (…) Aber während des Gesprächs kam es
mir wie eine Erleuchtung … Ich unterbrach meinen Besucher unvermittelt
und sagte: ‚Der Anschluss ist tot. Die Liebe zum Deutschen Reich ist
den Österreichern ausgetrieben worden...’ Während ich diese Worte
sagte, hatte ich das Gefühl, als ob nicht meine Stimme spräche,
sondern ein anderer Mensch, eine andere Stimme in mir." Das von
der SDAP getragene Bekenntnis zur deutschen Nation war aber bereits
vor dem Anschluss 1938 keineswegs in der österreichischen ArbeiterInnenbewegung unumstritten, so ist es vor allem das Verdienst
von Alfred Klahr (ZK-Mitglied der KPÖ, 1944
nach seiner Flucht aus dem KZ Auschwitz von der SS ermordet), den
Grundstein für eine marxistische Theorie der österreichischen Nation
gelegt zu haben.
Klahrs Analyse gründet kurz gesagt darauf, dass sich nach der
gescheiterten "gesamtdeutschen" Revolution von 1848, besonders nach
dem preußisch-österreichischen Krieg 1866 und auch mit den Jahren nach
1918 das österreichische Volk zu einer selbständigen Nation entwickelt
hat: "Die Österreicher haben auf der Grundlage der jahrzehntelangen
staatlichen Selbständigkeit eine eigene nationale, von der deutschten
Nation verschiedene Entwicklung durchgemacht. Ihr Kampf um die
Aufrechterhaltung der staatlichen Selbständigkeit bedeutet den Kampf
um die Erhaltung der Grundlage der selbständigen nationalen
Entwicklung, um die Erhaltung der nationalen Unabhängigkeit
Österreichs. Er ist ein nationaler Kampf, ein Kampf für die nationale
Selbstbestimmung des österreichischen Volkes." (Weg und Ziel,
April 1937) - Ebenso stellte im Juli 1938 das ZK der KPÖ fest:
"Niemals bisher in der Geschichte lebten die Österreicher mit den
übrigen deutschen Stämmen in einem Staat zusammen. Das österreichische
Volk hat eine staatliche, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung
abseits vom Deutschen Reich vollzogen. Kraft seiner eigenen
selbständigen Geschichte, kraft seines Willens zur Unabhängigkeit war
und ist das österreichische Volk nicht irgendein abgesplitterter Teil,
sondern ein selbständiges Ganzes geworden, ein aus eigener Kraft - in
der Familie der übrigen mitteleuropäischen Völker - lebensfähiges
selbständiges Volk." Diese Sichtweise der KPÖ wurde auch von
wichtigen marxistischen Denkern wie z.B. Georgi Dimitroff, aber auch
explizit von der KPD und der KPdSU unterstützt. Sie war - verbunden
mit dem eigenständigen Beitrag Österreichs zu seiner Befreiung von der
NS-Herrschaft v.a. durch AntifaschistInnen (darunter auch viele
sozialdemokratische) in der illegalen Organisation der KPÖ sowie durch
österreichische Freiheitsbataillone im Rahmen der jugoslawischen
Partisanenarmee - Grundlage für die Moskauer Deklaration der
Alliierten von 1943, für den Staatsvertrag von 1955 und somit für die
Wiederherstellung der staatlichen Souveränität Österreichs. -
Festzuhalten ist abschließend noch, dass es jedoch
keineswegs
stimmt, dass im März 1938 einer Forderung der Sozialdemokratie
entsprochen worden wäre - im Gegenteil: nachdem in Deutschland Hitler
und die NSDAP an die Macht gekommen waren, strich die SDAP auf ihrem
Parteitag im Oktober 1933 die "Anschlussforderung" aus dem "Linzer
Programm", wenngleich
- auch das soll nicht unerwähnt bleiben -
einzelne prominente SP-Politiker wie z.B. Karl Renner ("Staaten
bleiben, aber politische Systeme wechseln")
trotz NS-Herrschaft weiterhin offen für den Anschluss (so auch bei der
Abstimmung 1938) eintreten.
2. Die Politik der Sozialdemokratie
1914-1945
2.1. Die Sozialdemokratie und der Erste
Weltkrieg
Am 28. Juli 1914
unterzeichnete Kaiser Franz Joseph die Kriegserklärung
Österreich-Ungarns an Serbien. Damit begann offiziell der Erste
Weltkrieg. Oberflächlich war der Anlass die Ermordung von Erzherzog
Franz Ferdinand in Sarajewo durch einen serbischen Nationalisten. Der
österreichische Kaiser richtete sich damals mit folgenden Worten an
"seine Völker": "Ein verbrecherisches Treiben greift über die
Grenze, um im Südosten der Monarchie die Grundlagen staatlicher
Ordnung zu untergraben, das Volk, dem Ich in landesväterlicher Liebe
Meine volle Fürsorge zuwende, in seiner Treue zum Herrscherhaus und
zum Vaterlande wankend zu machen, die heranwachsende Jugend
irrezuleiten und zu frevelhaften Taten des Wahnwitzes und des
Hochverrates aufzureizen. Eine Reihe von Mordanschlägen, eine
planmäßig vorbereitete und durchgeführte Verschwörung, deren
furchtbares Gelingen Mich und Meine treuen Völker ins Herz getroffen
hat, bildet die weithin sichtbare blutige Spur jener geheimen
Machenschaften, die von Serbien aus ins Werk gesetzt und geleitet
wurden. Diesem unerträglichen Treiben muss Einhalt geboten, den
unaufhörlichen Herausforderungen Serbiens ein Ende bereitet werden,
soll die Ehre und Würde Meiner Monarchie unverletzt erhalten und ihre
staatliche, wirtschaftliche und militärische Entwicklung vor
beständigen Erschütterungen bewahrt bleiben. Vergebens hat Meine
Regierung noch einen letzten Versuch unternommen, dieses Ziel mit
friedlichen Mitteln zu erreichen, Serbien durch eine ernste Mahnung
zur Umkehr zu bewegen. Serbien hat die maßvollen und gerechten
Forderungen Meiner Regierung zurückgewiesen und es abgelehnt, jenen
Pflichten nachzukommen, deren Erfüllung im Leben der Völker und
Staaten die natürliche und notwendige Grundlage des Friedens bildet."
Das geht freilich bereits ein gutes Stück weit an der Wahrheit
vorbei, in Wirklichkeit stellte Österreich-Ungarn natürlich gezielt
unannehmbare Forderungen, da es die Intention war, den Krieg zu
provozieren und als Notwendigkeit darzustellen. Vor Kriegsbeginn legte
die sozialdemokratische Parteipresse in Österreich wie in Deutschland
dies auch offen, u.a. wurde damals geschrieben, es "gingen
die in der Note gestellten Forderungen weit über alle normalen Grenzen
hinaus. Nur die frivolsten Kriegsabsichten einer Regierung können ein
solches Ansinnen an einen anderen Staat erklärlich machen."
Es ging um "Forderungen an Serbien, deren Annahme dem Selbstmord
dieses Staates gleichkommt, ... ein Ultimatum ..., das ... Forderungen
enthält, deren Erfüllung der serbischen Regierung schlechterdings
unmöglich ist." (zitiert nach: Rosa Luxemburg, Die Krise der
Sozialdemokratie, Gesammelte Werke, Berlin 1973, Bd. 4, S. 68 f.) -
Österreich-Ungarn und Deutschland führten 1914 also bewusst den
imperialistischen Weltkrieg herbei, es ging dabei um den Kampf der
imperialistischen Mächte um Kolonien und Einflusssphären, Märkte und
Rohstoffe - und sonst nichts. Die beiden Staaten, die offiziell den
Krieg begannen, waren bei der Aufteilung der Welt schlichtweg zu kurz
und zu spät kommen, sie mussten daher versuchen, eine Neuaufteilung
herbeiführen - das heißt aber nicht, dass die anderen Großmächte
(England, Frankreich, Italien, Russland und die USA) nicht ebenso
imperialistische Interessen mit ihrer Kriegsteilnahme verfolgten.
Nikolai Bucharin erklärt umfassend den tatsächlichen Charakter des
Ersten Weltkrieges: "Die imperialistischen Politik, die die
‚Großmächte’ führten, musste früher oder später der Zusammenstoß
folgen. Es ist ganz klar, dass diese räuberische Politik aller
‚Großmächte’ die Kriegsursachen war. Nur ein Narr kann jetzt daran
glauben, dass der Krieg deshalb ausgebrochen ist, weil die Serben den
österreichischen Thronfolger ermordet hatten. (…) Zu Beginn des
Krieges wurde viel darüber gestritten, wer am Kriege schuld ist. Die
deutschen Kapitalisten behaupteten, dass Russland Deutschland
überfallen hätte und die russischen Händler trompeteten nach allen
Seiten hin, dass Russland von Deutschland überfallen worden sei. In
England sagte man, dass es zum Schutze den kleinen, vom Unglück
betroffenen Belgiens Krieg führe. In Frankreich wurde ebenfalls davon
geschrieben, geschrieen und gesungen, wie edel Frankreich handle,
indem es für das heldenhafte belgische Volk eintrete. Und zu eben
derselben Zeit wurde in Österreich und Deutschland weit und breit
erzählt, dass sie sich vor dem Überfall der russischen Kosaken
schützen und nun einen heiligen Verteidigungskrieg führen müssen. Das
alles war von Anfang bis zum Ende dummes Zeug und ein Betrug
an den arbeitenden Massen. Diesen Betrug brauchte die
Bourgeoisie, um die Soldaten zwingen zu können, in den Krieg zu
ziehen. Die Bourgeoisie bediente sich nicht das erste Mal dieses
Mittels. Wir haben schon oben gesehen, wie die Syndikatsherren hohe
Zölle einführten, um mit Hilfe der Beraubung eigener Landsleute den
Kampf auf den fremden Märkten besser führen zu können. Die Zölle waren
also für sie ein Mittel des Angriffes. Die Bourgeoisie schrie
aber, dass sie die ‚vaterländische Industrie’ verteidigen
wollte. So ist es auch mit dem Kriege. Das Wesen des imperialistischen
Krieges, der die Welt der Herrschaft des Finanzkapitals unterwerfen
sollte, lag gerade darin, dass in ihm alle die Angreifer
waren. Jetzt ist es doch ganz klar. (…) Es ist also lächerlich, bei
einem imperialistischen Kriege zu sagen, dass wohl der eine
Imperialist schuldig sei, der andere aber nicht; oder dass die einen
Imperialisten angreifen und die anderen sich verteidigen. Das alles
war ausgedacht, nur um die Arbeiter zu foppen. In Wirklichkeit griffen
alle in erster Linie die kleinen Kolonialvölker an, alle trugen sich
mit dem Gedanken, die ganze Welt auszuplündern und dem Finanzkapital
des eigenen Landes zu unterwerfen." (Das ABC des Kommunismus, §29)
- Soweit also der eindeutige Charakter des imperialistischen Krieges,
es ist klar, dass, wie Lenin schreibt,
"der Krieg von 1914-1918 auf beiden Seiten ein imperialistischer Krieg
(d.h. ein Eroberungskrieg, ein Raub- und Plünderungskrieg) war, ein
Krieg um die Aufteilung der Welt, um die Verteilung und Neuverteilung
der Kolonien, der ‚Einflusssphären’ des Finanzkapitals usw. Denn der
Beweis für den wahren sozialen oder, richtiger gesagt, den wahren
Klassencharakter eines Krieges ist selbstverständlich nicht in der
diplomatischen Geschichte des Krieges zu suchen, sondern in der
Analyse der objektiven Lage der herrschenden Klassen in allen
kriegführenden Staaten." (LW 22,
S. 194)
Wie
stand nun die Sozialdemokratie dazu? Die II. Internationale, in der
v.a. die deutschen SozialdemokratInnen, aber auch die österreichische
SDAP über einen bedeutenden Einfluss verfügten, hatte im Prinzip sehr
eindeutige Positionen. Die programmatische Resolution des Stuttgarter
Kongresses (1907) "Der Militarismus und die internationalen
Konflikte", die von August Bebel verfasst und durch Zusatzanträge
von Rosa Luxemburg und W. I. Lenin konkretisiert worden war,
verpflichtete die internationale ArbeiterInnenbewegung zum
entschiedenen Kampf gegen die imperialistischen Kriegsvorbereitungen,
wobei nicht nur parlamentarische, sondern auch außerparlamentarische
Kampfmittel angewandt werden sollten. Für den Fall eines Krieges
wurden alle Parteien verpflichtet, "für dessen rasche Beendigung
einzutreten und mit allen Kräften dahin zu streben, die durch den
Krieg herbeigeführte wirtschaftliche und politische Krise zur
Aufrüttelung des Volkes auszunutzen und dadurch die Beseitigung der
kapitalistischen Klassenherrschaft zu beschleunigen." Die
Kongresse in Kopenhagen (1910) und Basel (1912) unterstrichen diese
Aufgabenstellung, in Basel bekräftigte noch Victor Adler, der Führer
der österreichischen Sozialdemokratie: "Genossen, das Wichtigste
ist, dass wir hier an dem gemeinsamen Quell unserer Kraft sind, dass
wir von hier die Kraft mitnehmen, ein jeder in seinem Lande zu tun,
was er kann, durch die Formen und Mittel, die wir haben, mit der
ganzen Macht, die wir besitzen, uns entgegenzustemmen dem Verbrechen
des Krieges. Und wenn es vollbracht werden sollte, wenn es wirklich
vollbracht werden sollte, dann müssen wir dafür sorgen, dass es ein
Stein sei, ein Stein vom Ende." - Mit Kriegsbeginn war sodann
freilich alles anders und alles vergessen, nur wenige wie v.a. die
russische SDAPR (B) unter Lenin oder Karl Liebknecht und Rosa
Luxemburg in Deutschland blieben aufrechte Gegner des
imperialistischen Krieges. In Deutschland fiel die SPD auf die
national-imperialistische Schulterschluss-Rhetorik des Kaisers herein
("Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche.")
und stimmte im Reichstag den Kriegskrediten zu (mit Ausnahme
Liebknechts). Zumindest das ist etwas, was der österreichischen SDAP
nicht vorzuwerfen ist - allerdings auch nur deshalb, weil der
Parlamentarismus außer Kraft gesetzt wurde, Ministerpräsident Stürgkh
ließ den Reichsrat vertagen, verhinderte eine neuerliche Einberufung
und regierte autoritär - d.h. es gab schlicht und ergreifend keine
Abstimmung. Ansonsten verhielt sich die SDAP nicht besser als die
deutschen Genossen, der Chefredakteur der sozialdemokratischen
"Arbeiter-Zeitung", Friedrich Austerlitz, betätigte sich gar als
Kriegstreiber erster Klasse und würdigte den 4. August 1914, an dem
die SPD den Kriegskrediten zugestimmt hatte, als den großen "Tag
der deutschen Nation" - zurecht kritisiert ihn Lenin als
"notorischen und extremen deutschen Chauvinisten, ... Redakteur der
chauvinistischen Wiener ‚Arbeiter-Zeitung’" (LW 22, S. 168). In
der Tat schreibt die "Arbeiter-Zeitung" dann schon am 5. August 1914:
"Jetzt steht das deutsche Volk auf dem Spiel und da gibt es kein
Schwanken und kein Zagen! Das deutsche Volk ist einig in dem eisernen,
unbeugsamen Entschluss, sich nicht unterjochen zu lassen und nicht Tod
und Teufel wird es gelingen." Auch in Österreich wurde also die
Politik des "Burgfriedens" seitens der SDAP proklamiert, es wurde der
deutschnationale Schulterschluss vollzogen, bedeutende Teile der
Partei unterstützten mit nationalistischer Begeisterung den
imperialistischen Krieg, große Teile blieben jedoch einfach passiv,
was freilich ebenso einer Kriegsunterstützung gleichkam. Nicht
unerwähnt soll hier jedoch Friedrich Adler, Parteisekretär und Sohn
Victor Adlers, bleiben, der sich als einer der wenigen gegen den Krieg
wandte und am 21. Oktober 1916 auch aus Protest Ministerpräsident
Stürgkh erschoss - Lenin bezeichnete dies als die wirkungslose
"Verzweiflungstat eines Kautskyaners". Der weiter oben bereits
zitierte österreichische Kaiser hatte zu Kriegbeginn auch gemeint:
"Ich vertraue auf meine Völker, die sich in allen Stürmen stets in
Einigkeit und Treue um Meinen Thron geschart haben und für die Ehre,
Größe und Macht des Vaterlandes zu schwersten Opfern immer bereit
waren. Ich vertraue auf Österreich-Ungarns tapfere und von
hingebungsvoller Begeisterung erfüllte Wehrmacht. Und ich vertraue auf
den Allmächtigen, dass er Meinen Waffen den Sieg verleihen werde."
- Nun, nicht nur auf Gott, sondern auch der Sozialdemokratie konnte er
vertrauen. Der imperialistische Aggressionskrieg wurde seitens der
österreichischen wie der deutschen Sozialdemokratie als
"Vaterlandsverteidigung" ausgelegt, als notwendiger "Präventivschlag",
als Mittel, die Völker Russlands vom despotischen Zarismus zu befreien
etc. - wir sehen schon, mit welchen untauglichen Pseudoargumenten und
wie heuchlerisch die österreichische Sozialdemokratie den Krieg in ein
Prokrustesbett zwängen musste, um ihn zu legitimieren und sich selbst
aus der Verantwortung zu stehlen. Karl Liebknecht meinte dazu:
"Die deutsche Parole "Gegen den Zarismus" diente -
ähnlich der jetzigen englischen und französischen Parole "Gegen den
Militarismus" - dem Zweck, die edelsten Instinkte, die revolutionären
Überlieferungen und Hoffnungen des Volkes für den Völkerhaß zu
mobilisieren. Deutschland, der Mitschuldige des Zarismus, das Muster
politischer Rückständigkeit bis zum heutigen Tage, hat keinen Beruf
zum Völkerbefreier. Die Befreiung des russischen wie des deutschen
Volkes muß deren eigenes Werk sein. Der Krieg ist kein deutscher
Verteidigungskrieg. Sein geschichtlicher Charakter und bisheriger
Verlauf verbieten, einer kapitalistischen Regierung zu vertrauen, daß
der Zweck, für den sie die Kräfte fordert, die Verteidigung des
Vaterlandes ist." (Ausgewählte
Reden, Briefe und Aufsätze, Berlin 1952, S. 282) Das antiimperialistische Konzept der
II. Internationale fiel - wie schon erwähnt - natürlich unter den
Tisch, von revolutionären Positionen und erstrecht Aktionen war die
Sozialdemokratie meilenweit entfernt:
"Das Basler Manifest der II. Internationale",
schreibt Lenin, "das 1912 eine Einschätzung nicht des Krieges
überhaupt (es gibt verschiedene Kriege, es gibt auch revolutionäre
Kriege), sondern gerade desjenigen Krieges gab, der 1914 ausbrach,
dieses Manifest ist uns als Denkmal, das den ganzen schmachvollen
Bankrott, das ganze Renegatentum der Helden der II. Internationale
anprangert, erhalten geblieben. Ich … mache … eindringlich darauf
aufmerksam, dass die Helden der II. Internationale alle jene Stellen
des Manifests geflissentlich umgehen, wo von dem Zusammenhang eben
dieses kommenden Krieges mit der proletarischen Revolution präzis,
klar und direkt die Rede ist - sie ebenso geflissentlich umgehen, wie
ein Dieb die Stelle meidet, wo er gestohlen hat." (LW 22, S. 196)
- Mit den "Helden" meint Lenin v.a. Karl Kautsky, gefolgt "von
den ‚angesehensten Theoretikern’, den Führern der II. Internationale
(Otto Bauer und Co. in Österreich...)" (LW 22, S. 196).
Kurz gesagt spielte die
österreichische Sozialdemokratie also eine mehr als unglückliche Rolle
während des Ersten Weltkrieges. Oder, um sich nicht auf solch
euphemistische Beschreibungen zu reduzieren und konkreter zu werden:
die SDAP hat zweifelsfrei auf der ganzen Linie versagt. Die
Unterstützung der staatlichen Kriegspolitik, einer offenen
imperialistischen Aggression, ist ein dramatischer Verrat an allen
Werten der internationalen ArbeiterInnenbewegung - die Tatsache, dass
die österreichische Sektion der II. Internationale damit wahrlich
nicht alleine war, macht dies um nichts besser. Sie setzte aber nicht
nur dem wütenden Imperialismus ("Militarismus nach Außen", wie
Karl Liebknecht sagt) nichts entgegen, sondern ebenso wenig der damit
verbundenen Repression in Österreich-Ungarn ("Militarismus nach
Innen"), d.h. dem Angriff auf die ohnedies nur spärlichen
demokratischen und liberalen Errungenschaften in der Monarchie - für
Letzteres mag ein Grund gewesen sein, dass die deutschsprachige
Bevölkerung davon freilich am wenigsten betroffen war. Und damit haben
wir schon einen wesentlichen Begründungszusammenhang für das Verhalten
der österreichischen Sozialdemokratie vor uns: ihr Verhältnis zur
nationalen Frage und ihre Spaltung in verschiedene nationale
Organisationen in der Habsburger-Monarchie. Es ist weithin bekannt,
dass das nicht allzu latente deutschnationale Element in der
österreichischen Sozialdemokratie durchaus verbreitet war, dafür
stehen Vertreter wie Engelbert Pernerstorfer (1850-1918) in aller
Deutlichkeit sowie auch der Werdegang Victor Adlers selbst. War sowohl
1874 in Neudörfl als auch 1889 in Hainfeld die Sozialdemokratische
Partei als internationalistisch orientiert zu verstehen, so stand dazu
im Gegensatz eine deutschnationale Praxis der Führung, was zunächst zu
föderalistischen Strukturen und zu guter letzt zur nationalen Spaltung
der sozialdemokratischen Bewegung führte. Ab dem Wimberger Parteitag
1897 gab es de facto nationale
Gruppierungen, mit dem Brünner Parteitag 1899 wurde die
österreichische Sozialdemokratie endgültig Opfer der Zwänge und
Anforderungen der realen Bedingungen sowie ihres falschen
Verständnisses dieser im Vielvölkerstaat. Im "Brünner Programm" wurde
die Zielsetzung der "Umbildung Österreichs in einen demokratischen
Nationalitäten-Bundesstaat, die Errichtung von national abgegrenzten
Selbstverwaltungskörpern mit völliger Autonomie in nationalen
Angelegenheiten, gesetzliche Regelung der Minderheitenfrage"
festgeschrieben. Damit stellte sich die SDAP in einen klaren Gegensatz
zu den Vorgaben von Marx und Engels, die den Nationalstaat als
Grundbedingung in Zeiten der bürgerlichen Revolution (bzw. deren
Vollendung) hervorgehoben hatten. Die (deutschösterreichische)
Sozialdemokratie forderte damit die konstitutionelle Festschreibung
des multinationalen Staatsgebildes als Nationalitätenbundesstaat mit
den gegenwärtigen Grenzen, diese wurden also anerkannt. Die richtige
Forderung wäre aber nur gewesen, sich klar und deutlich im Sinne Marx’
und Engels’ (sowie der alten Neudörfler Erklärung) zum
uneingeschränkten Selbstbestimmungsrecht der Nationen zu bekennen. Die
Beschlusslage der II. Internationale von 1896 sah folgendermaßen aus:
"Der Kongress erklärt seine Übereinstimmung mit dem
uneingeschränkten Recht aller Nationen auf Selbstbestimmung und seine
Solidarität mit den Arbeitern aller Länder, die unter dem
militärischen, nationalen oder sonstigen Joch des Absolutismus zu
leiden haben. Der Kongress ruft die Arbeiter aller Länder dazu auf,
sich den Reihen der bewussten Arbeiter aller Welt anzuschließen, um
mit ihnen für die Überwindung des internationalen Kapitalismus und die
Verwirklichung der Ziele der internationalen Sozialdemokratie zu
kämpfen." - Dies wurde nicht nur von der SDAP so ausgelegt, dass
darin das unbedingte Recht auf staatliche Abtrennung keineswegs
impliziert sein müsste. Abstrahiert von
sozialen Grundlagen nationaler Gegensätze wurde seitens der SDAP die
Nationalitätenfrage als "Überbauphänomen", gewissermaßen als reines
Sprachproblem gefasst.
Problematisch ist
freilich bereits das eher abstrakte Verständnis der Nation bei der
SDAP, so äußert sich Otto Bauer in seinem 1907 erstmals
veröffentlichten diesbezüglichen "Standardwerk" folgendermaßen: "Die
Nation ist die Gesamtheit der durch Schicksalsgemeinschaft zu einer
Charaktergemeinschaft verknüpften Menschen"
(Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie, Wien 1909, S. 139).
Und diese Charaktergemeinschaft ist "die Summe der Merkmale, die
die Menschen der einen Nationalität von den Menschen einer anderen
Nationalität unterscheiden, der Komplex der körperlichen und geistigen
Merkmale, der eine Nation von der anderen scheidet." (ebd., S. 2)
- Das ist freilich niemals ein Nationsbegriff, der einer marxistischen
Herangehensweise genügen kann. In Wirklichkeit muss die Nation
verstanden werden als eine historisch
entstandene stabile Gemeinschaft von Menschen, entstanden auf der
Grundlage der Gemeinschaft der Sprache, des Territoriums, des
Wirtschaftslebens und der sich in der Gemeinschaft der Kultur
offenbarenden psychischen Wesensart. - Aber konkret zurück zu den
Ansätzen der SDAP: diesen liegt gewiss und durchaus das Bestreben zugrunde, die nationale
Unterdrückung zumindest zu mildern ("Autonomie - ja, Selbständigkeit -
nein") - aber die SDAP liefert (neben und mit dem Nichterfassen des
Nationsbegriffs) auch ein völlig falsches Verständnis der Entwicklung
und der konkreten Bedingungen des Status quo, wie Lenin aufdeckt: "Das Ziel des Sozialismus ist nicht nur
Aufhebung der Kleinstaaterei und jeder Absonderung von Nationen, nicht
nur Annäherung der Nationen, sondern auch ihre Verschmelzung. Und
eben, um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir einerseits die Massen
über den reaktionären Charakter der Idee von Renner und Bauer (sogenannte
‚national-kulturelle Autonomie’) aufklären, anderseits aber die
Befreiung der unterdrückten Nationen nicht in allgemeinen
weitschweifigen Phrasen, nicht in nichtssagenden Deklamationen, nicht
in der Form der Vertröstung auf den Sozialismus, sondern in einem klar
und präzis formulierten politischen Programm fordern, und zwar in
spezieller Bezugnahme auf die Feigheit und Heuchelei der ‚Sozialisten’
der unterdrückenden Nationen. Wie die Menschheit zur Abschaffung der
Klassen nur durch die Übergangsperiode der Diktatur der unterdrückten
Klasse kommen kann, so kann sie zur unvermeidlichen Verschmelzung der
Nationen nur durch die Übergangsperiode der völligen Befreiung. das
heißt Abtrennungsfreiheit aller unterdrückten Nationen kommen" (LW
22, S. 148). Der Kernpunkt ist freilich, in unterdrückende und
unterdrückte Nationen (die "Nation", wie sie der Kapitalismus nun mal
eben als Unterdrückungskategorie verwendet) zu differenzieren, wie
schon Marx und Engels sogar vor der effektiven Herausbildung des
Imperialismus bereits dargelegt haben (v.a. bezüglich der irischen
Frage, ab ca. 1867). Die SDAP glaubte nun, sozusagen auf
reformistischem Wege die imperialistische Unterdrückung einer Nation
durch eine andere im Rahmen des Kapitalismus überwinden zu können, im
Rahmen einer gemeinsamen staatlichen Organisiertheit, die aber eben
gerade auf Unterdrückung und Ungleichheit basiert - anders gibt es sie
nicht in der kapitalistischen Gesellschaft und ihrem Staatswesen. Die
Ansätze der SDAP sind daher nur Ausdruck der "reaktionären Utopie
eines nichtimperialistischen Kapitalismus oder eines Bundes
gleichberechtigter Nationen unter dem Kapitalismus", wie Lenin
darlegt (LW 22, S. 171). Hier wurden seitens der SDAP also die
Kernpunkte des marxistischen Auffassung über die nationale Frage
übergangen, nämlich einerseits, dass keine Nation frei sein kann, die
eine andere unterdrückt, und andererseits, dass die Befreiung der
unterdrückten Nation(en) die Voraussetzung für die vollständige
Emanzipation und die sozialistische Revolution der unterdrückenden
Nation ist. Mit ihrem Konzept legt die SDAP freilich auch ein etwas
eigenartiges Verständnis eines organisierten proletarischen
Internationalismus, der quasi auf den Kopf gestellt wird, an den Tag
und kommt in Wirklichkeit über ein untaugliches
idealistisch-kosmopolitisches Konstrukt nicht hinaus, der bewusste
Opportunismus mag bei manchen ebenfalls eine Rolle gespielt haben.
Fassen wir mit Lenin noch einmal zusammen, worum es tatsächlich
gegangen wäre: "Der Schwerpunkt der internationalistischen
Erziehung der Arbeiter in den unterdrückenden Ländern muss unbedingt
darin liegen, dass sie die Freiheit der Lostrennung der unterdrückten
Länder propagieren und verfechten. Ohne das gibt es keinen
Internationalismus. Wir haben das Recht und die Pflicht, jeden
Sozialdemokraten einer unterdrückenden Nation, der keine solche
Propaganda treibt, als Imperialisten und Schurken zu behandeln. Das
ist eine unbedingte Forderung, selbst wenn der Fall der Lostrennung
vor der Errichtung des Sozialismus nur in einem von tausend Fällen
möglich und durchführbar wäre. Wir sind verpflichtet, die Arbeiter zur
‚Gleichgültigkeit’ den nationalen Unterschieden gegenüber zu erziehen.
Das ist unbestreitbar. Aber nicht zur Gleichgültigkeit von
Annexionisten. (…) Um ein internationalistischer Sozialdemokrat zu
sein, darf man nicht nur an seine eigene Nation denken, sondern muss
höher als sie die Interessen aller Nationen, ihre allgemeine Freiheit
und Gleichberechtigung stellen. In der ‚Theorie’ sind alle damit
einverstanden, in der Praxis jedoch zeigt man gerade eine
annexionistische Gleichgültigkeit" (LW 22, S. 254). - Die SDAP
wurde für ihre falschen Ansätze freilich bestraft, es verschärfte sich
v.a. der Gegensatz zwischen den deutschen und tschechischen
SozialdemokratInnen, 1906/1907 kam es zur Spaltung der Gewerkschaft,
1911 spaltete sich auch die sozialdemokratische Gesamtpartei formell
in nationale Gruppen, einen internationalen Verband innerhalb der
Monarchie gab es nicht mehr. In weiterer Folge kandidierten sogar
deutsche und tschechische Sozialdemokraten gegeneinander bei
Kommunalwahlen in Böhmen und Mähren, auch im zisleithanischen
Reichsrat wurde selten mit einer Stimme gesprochen. Diese gesamte
Entwicklung war das Fundament dafür, dass mit Beginn des Ersten
Weltkrieges die (sodann deutschösterreichische) SDAP den
deutschnationalen Schulterschluss vollzog, dass sie dem in der
gesamten II. Internationale Fuß fassenden Chauvinismus und dem
Sozialimperialismus nicht nur nichts entgegenzusetzen hatte, sondern
selbst deren Ausdruck wurde. Es war logisch und konsequent, sich nun -
dafür steht v.a. Karl Renner - für den Erhalt der Habsburger-Staates
in den bisherigen Grenzen einzusetzen, d.h. vorzugeben, hier wären die
Interessen der SDAP und der Monarchie also zusammengefallen. Die
Sozialdemokratie, stärkste Partei im Abgeordnetenhaus (allerdings eben
in einen deutschen, tschechischen, polnischen und ruthenischen Klub
gespalten), gab sich vermehrt "staatstragend", wie Bucharin
beschreibt: "Einige sozialdemokratische Parteien waren sogar stets
bestrebt, ihren ‚staatlichen’ Charakter besonders hervorzuheben. Wir
sind die wahren Träger der ‚Staatsidee’ - das war eine beliebte Phrase
im Munde der österreichischen Sozialdemokratie. Derartige Anschauungen
waren nicht allein in den Kreisen der österreichischen Partei weit
verbreitet. Sie hatten gewissermaßen internationale Verbreitung und
haben sie sogar heute noch" (Bucharin, Anarchismus und
wissenschaftlicher Sozialismus, I.). Große Teile der SDAP vertraten
die Erhaltung des Staatsverbandes bis zuletzt, erst 1918 wurden mit
dem "Nationalitätenprogramm der Linken" (von Otto Bauer formuliert)
das Selbstbestimmungsrecht der Nationen prominent vertreten - zu
dieser Zeit wurden seitens der unterdrückten Nationen jedoch ohnedies
längst Realitäten geschaffen. Mit Bauers neuen Ansätzen verbunden war
freilich - insofern muss ihm attestiert werden, dass er wenigstens
konsequent dachte - der Gedanke des Anschlusses Deutschösterreichs an
die deutsche Republik, der bis 1933 Bestandteil der Programmatik der
SDAP bleiben sollte. Von den Entente-Mächten wurde dies jedoch nicht
gestattet - damit sah sich nun freilich die SDAP-Führung ihres vollen
Selbstbestimmungsrechtes für die deutsche Nation Österreichs
beraubt...
Soviel also noch
zu den Hintergründen - betrachten wir nun die letzten Kriegsjahre, in
denen pazifistische Strömungen in der SDAP langsam aber sicher an
Bedeutung gewinnen konnten. Dies war weniger auf einen abstrakten
Sinneswandel der Sozialdemokratie zurückzuführen als auf die
materiellen Bedingungen. Waren schon bald nach Kriegsbeginn die
Fronten verhärtet, was mit einem hohen Blutzoll verbunden war, so
wurde mit dem Kriegseintritt Italiens und der USA auf Seiten der
Entente klar, dass es für die Mittelmächte nichts zu gewinnen geben
würde - die militärische Niederlage wurde absehbarer. Zudem
verschlechterte sich die Versorgungslage der Zivilbevölkerung, aber
auch der Frontsoldaten dramatisch. Dies war der Boden für
Massenstreiks und Desertionen in der österreichisch-ungarischen Armee,
deren Höhepunkt der Matrosenaufstand von Cattaro/Kotor im Februar 1918
markiert. Als am 14. Januar 1918 die Mehlrationen abermals gekürzt
worden waren (um die Hälfte), war dies der Ausgangspunkt für den
"Jännerstreik": ausgehend von Wiener Neustadt, aber auch Triest
erfasste der Streik sofort die ArbeiterInnenschaft der
Industriegebiete in Niederösterreich und der Wiener Fabriken, in
weiterer Folge die Obersteiermark, Graz und Linz, schlussendlich griff
er auch auf die ungarische Reichshälfte über. Die SDAP konnte daran
nicht vorbei, sie trat für einen sofortigen Separatfrieden mit der
revolutionären Sowjetregierung Russlands unter Lenin ein, am 16.
Januar war in der "Arbeiter-Zeitung" zu lesen, das Volk würde nicht,
"den Krieg gegen Russland zu dem Zweck weiterführen, damit der
Kaiser von Österreich zum König von Polen gewählt werde." - Zu
dieser Erkenntnis, nämlich der, dass einzig
dynastisch-imperialistische Interessen für den Krieg relevant waren,
hätte die SDAP freilich schon 1914 kommen können und müssen… -
Jedenfalls war damit klar, dass der Krieg dem Ende zugehen würde,
wenngleich der Waffenstillstand mit den westlichen Entente-Mächten
erst Anfang November vereinbart wurde (der Friede mit Russland datiert
auf den März 1918). Was diese Entwicklung für die Monarchie und die
österreichische Bourgeoisie bedeuten würde, war noch nicht völlig
klar. Welche Rolle nun die Sozialdemokratie einnahm, soll als nächstes
analysiert werden.
2.2. Von der Habsburger-Monarchie zur Republik
Wir
wollen hier zunächst eine Einschätzung der Historiker Winfried Garscha
und Hans Hautmann (Februar 1934 in Österreich, Berlin 1984, S. 9-17)
über die ersten Tage und Jahre der Ersten Republik wiedergeben, um
sodann die wesentlichen Punkte über die Entwicklung der
ArbeiterInnenbewegung im Allgemeinen und der SDAP im Speziellen
zusammenzufassen. Welche Rolle spielte die Sozialdemokratie bei der
Überwindung der Monarchie und warum wurde die Revolution in Österreich
-
im Gegensatz zu Russland, Bayern oder Ungarn
-
nicht konsequent zur Errichtung einer sozialistischen Rätemacht der
Werktätigen weitergetrieben? Was war sodann die Strategie der SDAP
unter den neuen Verhältnissen der bürgerlich-demokratischen Republik?
Als Mitte Januar 1918 eine dreiviertel Million Arbeiter in
Österreich-Ungarn im Streik für Brot und Frieden standen, schien das
Ende der Habsburger Dynastie, die Österreich über sechs Jahrhunderte
regiert hatte, und mit ihr auch das Ende der kapitalistischen
Gesellschaftsordnung gekommen. Die Arbeiter forderten, mit den
Ausbeutern "russisch" zu reden. Der Widerhall der Großen
Sozialistischen Oktoberrevolution war in der
österreichisch-ungarischen Monarchie, die direkt an Russland grenzte,
besonders groß. Doch die in der österreichischen Geschichte wohl
günstigste Situation für die Errichtung der Arbeitermacht ging
ungenützt vorüber, weil keine revolutionäre Partei existierte, die die
Führung im Kampf hätte übernehmen können. Im Zusammenspiel mit der
sozialdemokratischen Parteispitze gelang es der kaiserlichen
Regierung, den Streik abzuwürgen und eine Verbindung der Arbeiter mit
revolutionären Strömungen in der Armee zu verhindern. Diese
revolutionären Strömungen äußerten sich in zahlreichen Meutereien und
fanden ihren Höhepunkt im Matrosenaufstand von Cattaro (Kotor) im
Februar 1918. Die bewusstesten Revolutionäre zogen aus der Niederlage
im Jännerstreik den Schluss, dass es an der Zeit wäre, "dass eine neue
Organisation des Kampfes und der Befreiung entstehe".
Es gelang jedoch
nicht, einen tiefgreifenden Diskussionsprozess innerhalb der
Arbeiterbewegung über die Notwendigkeit einer Partei neuen Typs in
Gang zu setzen.
Ende Oktober 1918,
nach Ausrufung der Tschechoslowakischen Republik, wurde klar, dass
Österreich-Ungarn in seine nationalen "Bestandteile" zerfallen werde;
damit stellte sich die Frage nach der Zukunft der deutschsprachigen
Gebiete des Vielvölkerstaats. Die sozialdemokratische Führung strebte
eine bürgerlich-demokratische Republik an, die sich mit Deutschland
vereinigen sollte. Erst nach Vollzug der "nationalen Revolution" - der
Schaffung eines großdeutschen Nationalstaats, die 1848 nicht geglückt
war - sollte die soziale Revolution auf die Tagesordnung gestellt
werden.
Während viele
Arbeiter in den Betrieben die Errichtung der Diktatur des Proletariats
forderten, verhandelte die SP-Führung mit Vertretern von Krone und
Kapital. Die Gründung einer Partei, welche die Errichtung der
Arbeitermacht als unmittelbares Ziel verfolgte, wurde zu einem immer
dringenderen Erfordernis. Dass die Kommunistische Partei Österreichs
am 3. November 1918 durch eine kleine Gruppe von Revolutionären, die
keine feste Verbindung zu den Arbeitermassen hatte, gegründet wurde,
ermöglichte der SP-Führung, dieses historische Ereignis als
Angelegenheit einiger linker Intellektueller hinzustellen. Schon nach
wenigen Monaten fanden allerdings Zehntausende Arbeiter den Weg in die
Reihen der KPÖ, die zu einem bedeutenden Faktor in der sich
entfaltenden Rätebewegung wurde.
Der Sturz der
Habsburger Monarchie war zwar das Ergebnis revolutionärer
Massenaktionen, die schließlich Kaiser Karl am 11. November 1918 zum
Rücktritt bewogen; der formelle Akt der Proklamation der Republik
vollzog sich aber in Form einer Koalitionsvereinbarung zwischen
sozialdemokratischen und bürgerlichen Abgeordneten des 1911 gewählten
Reichsrats der deutschsprachigen Gebiete der Habsburger Monarchie, der
sich im Oktober als "provisorische Nationalversammlung
Deutschösterreichs" konstituierte. Die Stimmung der
vieltausendköpfigen Menge, die sich am 12. November 1918 zur Ausrufung
der Republik vor dem Parlament auf der Wiener Ringstraße versammelt
hatte, brachte ein Transparent zum Ausdruck, das Kommunisten und linke
Sozialdemokraten aus dem Arbeiterbezirk Floridsdorf entrollen "Hoch
die sozialistische Republik!"
Die Führung der
österreichischen Sozialdemokratie hielt jedoch eine Revolution in dem
kleinen Land, das auf Lebensmittellieferungen der unter
britisch-französischem Einfluss stehenden Nachbarstaaten angewiesen
war, für unmöglich und bremste daher die revolutionäre Begeisterung
der Massen. Die Ende 1918 entstandenen Arbeiterräte, die vorübergehend
wichtige Machtbefugnisse innehatten, büßten bis 1920 weitgehend ihre
Bedeutung ein. Die junge KPÖ, der es an ideologischer Klarheit und
politischer Erfahrung mangelte, war nicht in der Lage, diese
Entwicklung aufzuhalten, und verlor den Großteil ihrer Mitglieder.
Die österreichische
Bourgeoisie unternahm ihrerseits alles, um der Arbeiterklasse ihren
revolutionären Elan "abzukaufen". Sie ermöglichte der
Sozialdemokratischen Partei die Durchsetzung tiefgreifender Reformen,
die der österreichischen Arbeiterschaft die günstigsten
sozialrechtlichen Bedingungen außerhalb Sowjetrusslands schufen.
Gleichzeitig rüstete das Kapital aber sogenannte Bürgerwehren aus, die
später größtenteils in den faschistischen Wehrformationen aufgingen.
Die Arbeiterräte
stellten ihrerseits Ordnereinheiten auf, die über Waffenbestände aus
den Jahren des ersten Weltkriegs verfügten. Im Februar 1923 wurde auf
der Grundlage dieser Ordnereinheiten der "Republikanische Schutzbund"
geschaffen. Im Gegensatz zum deutschen "Reichsbanner
Schwarz-Rot-Gold", das von seiner sozialdemokratischen Führung auf
eine bürgerlich-demokratische Politik festgelegt wurde, handelte es
sich beim österreichischen Schutzbund um eine proletarische
Wehrformation; erst ab etwa Mitte der zwanziger Jahre wurde
Kommunisten die Mitgliedschaft verwehrt. Zweck des Schutzbundes war
es, die Republik vor bewaffneten Anschlägen der in- und ausländischen
Reaktion zu schützen. Außerdem diente er als Ordnertruppe bei
sozialdemokratischen Veranstaltungen. Ende der zwanziger Jahre wurde
der Schutzbund aus einem bewaffneten Arm der Arbeiterklasse in ein von
dieser weitgehend isoliertes militärisches Instrument des
sozialdemokratischen Parteivorstands umgewandelt. Damit setzten sich
diejenigen Kräfte in der SP Österreichs durch, die schon in der
Gründungsphase des Republikanischen Schutzbundes, 1922/23, die mit den
politischen und wirtschaftlichen Kämpfen der Arbeiterschaft eng
verbundenen Ordnereinheiten zu einer paramilitärischen Organisation
umgestalten wollten. Die Trennung der Schutzbündler von den übrigen
Arbeitern begünstigte die verhängnisvolle Vorstellung, im Ernstfall
werde der Republikanische Schutzbund nicht an der Spitze, sondern
statt der Arbeiterklasse kämpfen.
In den ersten Jahren
der Republik war die Gefahr einer monarchistischen Restauration noch
durchaus real, zumal selbst in der größten bürgerlichen Partei, der
Christlichsozialen Volkspartei, starke "legitimistische" (am
"rechtmäßigen Herrscherhaus" orientierte) Strömungen wirksam waren.
Auch einige der bald nach der Ausrufung der Republik geschaffenen
bewaffneten ultrarechten Banden, wie die monarchofaschistischen
"Frontkämpfervereinigung", planten in Verbindung mit ungarischen und
bayrischen Reaktionären die Errichtung einer konterrevolutionären
Diktatur mit einem Kaiser als Galionsfigur.
Die beiden größten
bürgerlichen Parteien neben den Christlichsozialen waren die
Großdeutsche Volkspartei, deren soziale Basis vor allem die
deutschnationale Beamtenschaft bildete, und der Landbund für
Österreich, der liberale Groß- und Mittelbauern, vor allem in
Oberösterreich, Kärnten und der Steiermark, erfasste und ebenfalls
deutschnational ausgerichtet war. Die Bauernschaft des größten
österreichischen Bundeslandes, Niederösterreich, war überwiegend im
christlichsozialen Bauernbund organisiert, der gemeinsam mit den
christlichen Gewerkschaftern den demokratischen Flügel der
Christlichsozialen Partei bildete.
Die
Gewerkschaftsbewegung im Österreich der Ersten Republik war in
sogenannte Richtungsgewerkschaften gespalten. Die große Mehrheit der
gewerkschaftlich organisierten Arbeiter gehörte den sozialdemokratisch
geführten freien Gewerkschaften an, in denen auch Kommunisten
mitarbeiteten. Gegen den Widerstand der sozialdemokratischen
Gewerkschaftsführung organisierten sich die kommunistischen
Gewerkschaftsmitglieder in der sogenannten Roten
Gewerkschaftsopposition (RGO), die bei Betriebsrats- und
Vertrauensmännerwahlen gemeinsam mit linken Sozialdemokraten auf
oppositionellen Listen kandidierte. Erst Ende der zwanziger Jahre
erlangten auch andere Gewerkschaftsverbände eine gewisse Bedeutung.
Neben den erwähnten christlichen waren dies vor allem die unter den
Beamten verankerten deutschnationalen Gewerkschaften sowie die von den
Heimwehr-Faschisten gegründete "Unabhängige Gewerkschaft", einer
"gelben" Gewerkschaft im Bereich der steirisch-kärntnerischen
Schwerindustrie.
Die Sozialdemokratie
versuchte nach dem Bruch der Koalition im Jahre 1920, als die
Regierungsgewalt wieder auf die bürgerlichen Parteien überging, in der
von ihr verwalteten Gemeinde Wien die Reformpolitik weiterzuführen.
Das "rote Wien", in dem damals rund ein Drittel der gesamten
Bevölkerung Österreichs lebte, wurde zum international anerkannten
Glanzstück sozialdemokratischer Kommunalpolitik. In der
Gegenüberstellung der Errungenschaften des Wiener Wohn-, Schul- und
Gesundheitswesens und der Rückständigkeit des übrigen klerikalen
Österreich erblickte die Sozialdemokratie den wichtigsten Hebel, um
die Mehrheit der Bevölkerung für den Sozialismus zu gewinnen. In
deutlicher Abgrenzung von der deutschen Sozialdemokratie erhob die
österreichische Sozialdemokratie den Anspruch, einen "Dritten Weg"
zwischen der sozialdemokratischen und der kommunistischen
Internationale zu verfolgen. Sie war führend an der Gründung der
sogenannten Internationale II 1/2 beteiligt, die sich allerdings 1923
mit der II. Internationale zur "Sozialistischen
Arbeiterinternationale" vereinigte. Der "Austromarxismus" verstand
sich als "zwischen Reformismus und Bolschewismus" stehend, er war das
ideologische Bindeglied, das rechte wie linke Strömungen in der
riesigen Partei einte, die ein Zehntel der österreichischen
Bevölkerung organisatorisch erfasste. Für die Mehrheit der
Arbeiterklasse schien das Argument der SP-Führung, in Österreich sei
die Einheit der Arbeiterklasse in der Sozialdemokratie verwirklicht,
glaubhaft. Unter diesen Bedingungen gelang es der kleinen
Kommunistischen Partei in den zwanziger Jahren nicht, relevanten
Einfluss in der Arbeiterklasse zu gewinnen.
(…)
Ausgehend von der
Orientierung der IV. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale
(1922) auf die Einheitsfront des Proletariats angesichts der Offensive
des Kapitals, besonders in Form des Faschismus, unternahm die KPÖ
schon in der ersten Hälfte der zwanziger Jahre Versuche zur
Herstellung einer proletarischen Abwehrfront gegen die faschistische
Gefahr. Die SP-Führung hingegen meinte, die Kommunisten sähen "weiße
Mäuse", und behinderte die Mitarbeit von sozialdemokratischen
Arbeitern in den Antifaschisten-Komitees, welche die KPÖ ab Mitte der
zwanziger Jahre initiierte.
Trotz der
Stabilisierung der bürgerlichen Herrschaft und der zunehmenden
faschistischen Umtriebe hatte sich - nicht zuletzt als Ergebnis der
sozialdemokratischen Propaganda - der österreichischen Arbeiterklasse
ein trügerisches Machtgefühl bemächtigt. Zwar verfügte die Bourgeoisie
über die wirtschaftliche Macht, doch im Bereich des "roten Wien"
gelang es der Sozialdemokratie, durch eine weitgehend an den
Interessen der Arbeiterklasse orientierte Steuerpolitik soziale
Einrichtungen zu finanzieren. Zum Symbol des "roten Wien" wurden
gewaltige Anlagen von Sozialwohnungen, die ein Beitrag zur Linderung
der unvorstellbaren Wohnungsnot waren. Die größten dieser
"Gemeindebauten" waren der Karl-Marx-Hof und die Wohnanlage am
Friedrich-Engels-Platz im 19. und 20. Gemeindebezirk. Die Existenz
einer "Parteiarmee" in Form des Republikanischen Schutzbundes ließ
vergessen, dass sich die Machtmittel des Staates längst wider voll in
den Händen der Bourgeoisie befanden. Die Parteiführung verstärkte
diese Illusion. Der Linzer Parteitag beschloss 1926 ein Programm, das
die Eroberung der Staatsmacht durch die Arbeiterklasse mittels
Parlamentswahlen vorsah. Bereits nach den Nationalratswahlen 1924
hatte der führende Theoretiker des Austromarxismus, Otto Bauer, eine
Broschüre über den "Kampf um die Macht" veröffentlicht und darin
versprochen, in "wenigen Jahren" werde "über Österreich die rote
Fahne" wehen. Die Nationalratswahlen im April 1927 schienen Otto Bauer
recht zu geben. Die Sozialdemokratie wurde somit in Österreich relativ
stärkste Partei, die in einer "antimarxistischen Einheitsliste"
zusammengeschlossenen bürgerlichen Parteien erlitten dagegen eine
empfindliche Schlappe.
Im Juli 1927 nahm
die Entwicklung der Republik eine andere Richtung. Die Vorstellung
eines "friedlichen Hineinwachsens" in den Sozialismus erwies sich
endgültig als Illusion. Hatte die SP Österreichs auf ihrem Linzer
Parteitag 1926 angekündigt, einen gewaltsamen Widerstand der Reaktion
gegen eine sozialdemokratische Regierung "mit den Mitteln der
Diktatur" zu brechen, so lieferte sie ein knappes Jahr später den
Beweis, dass sie nicht einmal imstande war, die Abschlachtung
demonstrierender Arbeiter durch die Polizei zu verhindern. Die
sozialdemokratische Parteiführung fürchtete, die Auseinandersetzungen
auf den Straßen Wiens könnten sich zum Bürgerkrieg ausweiten, und
wiegelte ab. Die Reaktion erkannte, dass sie nur mit dem Bürgerkrieg
zu drohen brauchte, um die Sozialdemokratie zum Nachgeben zu bewegen.
Soweit Garscha und Hautmann. Wir sehen schon, dass
die österreichische Sozialdemokratie auch während der revolutionären
Ereignisse 1918 eine zumindest zwiespältige Rolle spielte. Ebenso
- das haben wir
bei der Behandlung des Linzer Programms und der theoretischen Ansätze
Otto Bauers bereits angesprochen - war auch die weitere Orientierung
der SDAP eine, die kritisch zu diskutieren ist. Aber gehen wir der
Reihe nach.
Tatsache ist, dass
die SDAP 1918/19 die sozialistische Revolution in Österreich
verhindert hat - das war etwas, das keiner anderen Partei gelungen
wäre. Damit stellte sich die SDAP-Führung objektiv gegen den Wunsch
der Masse der Werktätigen und ihrer Parteimitglieder, die mit der
Monarchie auch gleich den Kapitalismus auf die Müllhalde der
Geschichte befördern wollten. Warum hat die SDAP sich hier gegen die
ArbeiterInnen positioniert? Für die sozialdemokratischen Führer war
Österreich 1918/19 nicht reif für eine sozialistische Revolution. Noch
1912 hatte zwar der Parteivorsitzende beim Kongress der II.
Internationale in Basel gemeint, dass der drohende und sodann
tatsächlich kommende imperialistische Krieg Ansatzpunkt für die
Errichtung der ArbeiterInnenmacht sein müsse - ein Position, wie sie
auch Lenin oder Karl Liebknecht wieder und wieder vertraten -, aber
trotzdem war zu Kriegsende dann alles anders. Die SDAP betrachtete die
Rätebewegung durchaus skeptisch, konnte sie aber über den im
entscheidenden Moment brav parteiangepassten Friedrich Adler unter
Kontrolle bringen und den Einfluss der an den russischen Bolschewiki
und Lenin orientierten KommunistInnen zurückdrängen. Die Revolution
sei nicht möglich, war die Sichtweise der Sozialdemokratie. Dies hätte
zunächst ökonomische Gründe, denn das Gebiet des heutigen Österreichs
war auf Lebensmittellieferungen aus anderen Ländern angewiesen
(dahinter steckt jedoch das Märchen vom angeblich nicht lebensfähigen
Österreich: in Wahrheit aber erbte Österreich vom zisleithanischen
Habsburgerreich nur 22% der Bevölkerung, aber 30% des Volkseinkommens
und 32% aller Industrieanlagen). Des weiteren wurde die Ansicht
vertreten, die Entente-Mächte würden mit militärischer Gewalt gegen
eine sozialistische Erhebung in Österreich vorgehen - das war
zweifelsfrei ein richtige Einschätzung, wie der imperialistische
Interventionsversuch in Sowjetrussland bewies. Vor diesem Hintergrund
wollte die SDAP den österreichischen ArbeiterInnen (oder richtiger:
sich selbst) das Experiment einer Räterepublik, wie sie in Bayern und
Ungarn keinen Bestand hatte, sozusagen ersparen, da die Niederlage
vorprogrammiert gewesen wäre, zumal die Menschen in den stärker
ländlich geprägten Gebieten Österreichs wohl eine sozialistischen
Republik nicht zu verteidigen bereit gewesen wären. Hinzu kommt
jedoch, dass die sozialistische Revolution in Österreich nicht nur zu
diesem konkreten Zeitpunkt, sondern seitens der SDAP generell für
nicht realisierbar betrachtet wurde. Erst der Abschluss der nationalen
deutschen Revolution, d.h. auch der Anschluss der deutschsprachigen
Gebiete des ehemaligen Habsburgerreiches an die (bürgerliche) deutsche
Republik sei Voraussetzung für die soziale Revolution des deutschen
Proletariats - dieser Punkt wurde später auch im "Linzer Programm"
festgeschrieben. Inwieweit korrelierten nun diese Standpunkte der SDAP
mit der Wirklichkeit? Nun, die Frage der deutschen Revolution ist, wie
wir schon weiter oben besprochen haben, falsch gestellt. Österreich
ist eine eigene Nation, das Bekenntnis der SDAP zur deutschen Nation
gründet auf den falschen Positionen Renners und Bauers bezüglich der
Nationalitätenfrage im Allgemeinen. Richtig ist aber, dass ein Erfolg
der sozialistischen Rätebewegung in Deutschland für die Revolution in
Österreich natürlich immens vorteilhaft gewesen wäre - nur waren in
der SPD übelste Reaktionäre am Ruder wie v.a. Friedrich Ebert und
Gustav Noske, die die Revolution in Deutschland mit allen Mitteln
unterdrückten und schlussendlich sogar für die Ermordung von Rosa
Luxemburg und Karl Liebknecht verantwortlich waren. Dennoch gab es in
Bayern eine Räterepublik, genauso wie in Ungarn - beide Fälle werden
heute als abschreckende Beispiele angeführt, mit dem Hinweis, eine
österreichische Räterepublik hätte ein ähnliches Schicksal erlitten.
Natürlich kann das nur Spekulation sein, Tatsache ist aber, dass die
österreichische Räterepublik das Verbindungsglied zwischen Bayern und
Ungarn herstellen hätte können, wodurch bereits in großen
zusammenhängenden Teilen Mitteleuropas die ArbeiterInnenklasse an der
Macht gewesen wäre, was darüber hinaus auch Sowjetrussland aus der
Isolation geholfen hätte. Eine revolutionäre Dynamik findet auf keiner
Einbahnstraße statt, daher ist es auch eine Frage, ob die Revolution
in Österreich nicht auch eine Hilfestellung für die revolutionären
Kräfte in Deutschland sein hätte können. Georgi Dimitroff meinte bei
einer Rede vor österreichischen Schutzbündlern: "Unter den Folgen
der sozialdemokratischen Verräterpolitik in Deutschland, Österreich,
Frankreich, England und anderen Ländern hat nicht nur das Proletariat
dieser Länder selbst gelitten, nicht nur die Millionen von
Proletariern, die jetzt unter dem Joch des Faschismus leiden. Der
große Verrat der Sozialdemokratie aller Länder, die
konterrevolutionäre Politik der II. Internationale seit 1917/18 hat
auch das siegreiche russische Proletariat, hat unseren Sowjetstaat in
eine viel schwierigere Situation versetzt, uns gezwungen, jahrelang
mit Schwierigkeiten und Entbehrungen zu ringen und mit großen Opfern
die Errungenschaften der Revolution zu sichern. Stellt euch vor, um
wieviel leichter der Weg des Sowjetproletariats gewesen wäre, um
wieviel schneller der Aufbau des Sozialismus vonstatten gegangen wäre,
wieviel Opfer, Nöte, Hunger und Leiden dem großen Vaterland des
Weltproletariats erspart geblieben wären, wenn die proletarische
Revolution in Österreich, Deutschland, Frankreich und anderen Staaten
gesiegt hätte!" (Gegen die konterrevolutionäre Sozialdemokratie,
Ausgewählte Schriften, Berlin 1958, Bd. 2, S. 463 ff.) - Die Wahrheit
ist also, dass die SDAP 1918/19 nicht nur die Ziele der
österreichischen ArbeiterInnen verraten, sondern auch die GenossInnen
in Bayern und Ungarn, die auf das Nachziehen Österreichs gehofft
hatten, sowie die junge Sowjetmacht in Russland im Stich gelassen hat.
Die vereinigte Rätemacht hätte gewiss ganz andere
Verteidigungsmöglichkeiten gehabt, auch ökonomisch wäre die Basis eine
andere gewesen. Und was die Verteidigungsmöglichkeiten betrifft, so
zeigte sich in Russland, dass ein revolutionäres Bündnis des
Proletariats mit der bäuerlichen Bevölkerung durchaus erfolgreich sein
kann.
Unterm Strich
bleibt jedenfalls, dass eine historisch bislang einzigartige
revolutionäre Situation ungenützt verstrich und ausgerechnet die
Sozialdemokratie die Bourgeoisie vor dem Sozialismus gerettet hat. Es
wäre nun aber verfehlt, der SDAP-Führung schlichtweg Feigheit oder
Ähnliches vorzuwerfen. Sie zog ihre Schlüsse zweifelsohne aufgrund
ihrer konkreten Analyse, ihre Positionen waren daher gewiss ehrlich -
aber leider eben auch falsch. Darüber hinaus kann festgehalten werden,
dass sich die SDAP den Verzicht auf die Revolution wenigstens so teuer
wie möglich von der Bourgeoisie abkaufen ließ, denn es konnten
wichtige soziale und demokratische Reformen durchgesetzt werden, sei
es das Betriebsratsgesetz, die Schaffung der Arbeiterkammern, die
Verankerung des 8-Stunden-Tages oder das Frauenwahlrecht. Folgerichtig
war es in den 20er und 30er Jahren sodann das Bestreben der
bürgerlichen Parteien, diesen "revolutionären Schutt" zu beseitigen,
wie es der christlichsoziale Bundeskanzler Ignaz Seipel formulierte -
ein Aufgabe, die erst sein austrofaschistischer Parteikamerad
Engelbert Dollfuss erledigen konnte. Vor diesem gesamten Hintergrund,
dem Bestreben der SDAP, die revolutionären und bewusstesten Teile der
österreichischen ArbeiterInnenklasse in der Sozialdemokratie zu
halten, führte dazu, dass die SDAP sich relativ weit links im Spektrum
der europäischen Sozialdemokratie positionierte. Zum Teil freilich
reduzierte sich die SDAP-Führung jedoch auf einen gewissen
"Verbalradikalismus", der zur reformistischen Praxis durchaus im
Widerspruch stand. Auf diese Weise wurde jedenfalls eine effektive
Spaltung der ArbeiterInnenbewegung, wie sie z.B. in Deutschland mit
der Etablierung der starken KPD Wirklichkeit wurde, in Österreich
verhindert und die KPÖ blieb in den Jahren der Ersten Republik ein
politisch wenig bedeutender Faktor, da sie keine Verankerung in der
ArbeiterInnenklasse fand. Schlussendlich musste ab 1924 gar der
Komintern-Vertreter Georgi Dimitroff höchstpersönlich die
Reorganisierung der KPÖ in die Hand nehmen, ehe Johann Koplenig 1927
Parteivorsitzender wurde.
2.3. Die Auseinandersetzung mit dem
Faschismus
Die defensive Politik der SDAP in der
Auseinandersetzung mit dem Austrofaschismus ist die unmittelbare
Fortsetzung und das logische Ergebnis ihrer politischen Ansätze
während des Ersten Weltkrieges und rund um die Gründung der Ersten
Republik. Auch hier waren (zum Teil die gleichen) Fehleinschätzungen
und falsche Analysen der Sozialdemokratie, die sie wiederum zu
untauglichen und ungenügenden Gegenmaßnahmen verleiten mussten, für
den endgültigen Sieg des Austrofaschismus im Jahre 1934
verantwortlich. Betrachten wir die Entwicklung, die zur Ausschaltung
sämtlicher Organisationen der ArbeiterInnenbewegung, zur Ausrufung des
faschistischen Ständestaates durch den christlichsozialen
Bundeskanzler Dollfuß und schließlich zum "Anschluss" an das
Deutsche Reich 1938 führte.
Die
Machtübernahme des Austrofaschismus und die Errichtung des
Ständestaates sind natürlich nicht als plötzliche, punktuelle
historische Ereignisse zu sehen, sondern im Rahmen einer
kontinuierlichen Entwicklung, die bereits in den Jahren der 1.
Republik eine ständige Verschärfung und in der Installierung eines
faschistischen Regimes seinen Höhepunkt erfuhr. Die Zeit nach dem
Ersten Weltkrieg war von einer fortschreitenden politischen
Polarisierung geprägt. Auf der einen Seite stand die SDAP, die
erstmals in ihrer Geschichte relevante Machtpositionen erreichen
konnte und deren Politik besonders, aber nicht nur im "roten Wien"
unter Bürgermeister Karl Seitz (1874-1950) bedeutende
sozialreformerische Errungenschaften für das Proletariat bedeuteten,
so z.B. die Sozialgesetzgebung unter Ferdinand Hanusch (1866-1923),
die Reformen von Otto Glöckel (1874-1935) im Bildungswesen oder der
kommunale Wohnbau in Wien, der v.a. durch die Steuergesetze Hugo
Breitners (1873-1946) ermöglicht wurde. Der Sozialdemokratie gegenüber
stand das bürgerliche Lager, namentlich die Christlichsoziale Partei (CSP),
unter deren Führung der "Bürgerblock" (Christlichsoziale, Großdeutsche
und Landbund) ab 1920 die Regierungsgeschäfte leitete. Weiters trugen
Wirtschaftkrisen und Massenarbeitslosigkeit das Ihre zur Zuspitzung
der gesellschaftlichen Gegensätze bei.
Den
wesentlichsten Beitrag zur politischen und gesellschaftlichen
Radikalisierung in den Jahren der 1. Republik leistete die
paramilitärische "Heimwehr", die sich nach dem Ersten Weltkrieg als
Kameradschafts- und Frontkämpferverband gebildet hatte. War sie
aufgrund regional organisierter Strukturen zunächst durchaus
ideologisch heterogen (deutschnational bis monarchistisch geprägt), so
einte sie - auch mit der Christlichsozialen Partei - die
antimarxistische Einstellung, was sich unabhängig tatsächlicher
politischer Ansätze der österreichischen Sozialdemokratie besonders
gegen die SDAP richtete. Dieser Gegensatz verschärfte sich
kontinuierlich, die Heimwehr-Führung griff v.a. das wesentlich von
Otto Bauer (1881-1938) verfasste "Linzer Programm" von 1926 an, mit
dem die SDAP versuchte, dem zusehends autoritärer werdenden
Politikverständnis der Bourgeoisie eine zumindest programmatisch
zielbewusste Sozialdemokratische Partei entgegenzusetzen, wenngleich
ihre Ansätze über weite Strecken bloße Defensivkonzepte boten und
wesentliche Erkenntnisse von Karl Marx (z.B. Diktatur des
Proletariats) unter den Tisch fielen, wie wir in vorherigen
Abschnitten bereits besprochen haben. Daneben konnte die pragmatische
sozialdemokratische Realität freilich nicht einmal mit der
halbherzig-revolutionären Diktion diverser Publikationen mithalten.
Unterstützt wurde die Heimwehr naturgemäß vom Kapital und vom
Großgrundbesitz, da diese hier Chance sahen, ein Gegengewicht zu den
Organisationen der ArbeiterInnenbewegung zu schaffen, vom
faschistischen Italien Mussolinis sowie eben von den
Christlichsozialen. In der Regierung Vaugoin fungierten Heimwehrführer
als Innen- und Justizminister. Während der 20er Jahre entwickelte die
Heimwehr ein immer klareres faschistisches Profil, was 1930 im "Korneuburger
Eid", auf den die Heimwehrverbände eingeschworen wurden, seinen
vorläufigen Höhepunkt fand - dort heißt es u.a.: "Wir wollen den
Volksstaat der Heimatwehren. Wir wollen nach der Macht im Staate
greifen und zum Wohle des gesamten Volkes Staat und Wirtschaft neu
ordnen. Wir verwerfen den westlichen demokratischen Parlamentarismus
und den Parteienstaat! Wir wollen an seine Stelle die Selbstverwaltung
der Stände setzen und eine starke Staatsführung, die nicht aus
Parteienvertretern gebildet wird. Wir kämpfen gegen die Zersetzung
unseres Volkes durch den marxistischen Klassenkampf." Die Heimwehr
forderte bei diesem Treffen in Korneuburg - welches übrigens der
spätere ÖVP-Bundeskanzler Julius Raab organisierte - also die Macht im
Staat, lehnte offen Demokratie und Parlamentarismus ab und bekannte
sich zu den Grundsätzen des Faschismus. Als Gegengewicht zur Heimwehr
bildete die Sozialdemokratie 1923 den "Republikanischen Schutzbund",
der den reaktionären und faschistischen Kräften gegenüber die
Interessen der ArbeiterInnen sichern sollte - über dessen wirkliche
Rolle wird noch zu sprechen sein.
Natürlich versuchte die Bourgeoisie alles, ihr Instrument zur
Zerschlagung der ArbeiterInnenorganisationen (SDAP, Sozialistische
Arbeiter-Jugend, Schutzbund, Gewerkschaften, KPÖ etc.), nämlich die
Heimwehr, auch gezielt einzusetzen. Daher kam es immer wieder zu
offenen Provokationen und Zusammenstößen zwischen Heimwehr und
Schutzbund. So erschossen drei Mitglieder des Frontkämpferverbandes am
30. Januar 1927 bei einer sozialdemokratischen Veranstaltung im
burgenländischen Schattendorf einen kriegsinvaliden Mann und ein
achtjähriges Kind. Bundeskanzler Seipel versprach damals: "Wir
werden alles tun, damit das Verbrechen die verdiente Strafe findet."
- Doch am 14. Juli desselben Jahres wurden die drei Mörder
freigesprochen. Das war selbst der bürgerlichen "Neuen Freien Presse"
zunächst zuviel, sie schrieb am 15. Juli über die Urteilsverkündung im
Wiener Landesgericht: "Die Zuhörer blieben stumm. Niemand bewegte
sich, nicht der leiseste Ausruf ist hörbar. Es herrscht eine drückende
Stille ... Gibt es niemanden, der vor Entsetzen gepackt ist, dass zwei
Menschen, ein armes Kind und ein Invalide, in Schattendorf ums Leben
gebracht wurden und jenen, die die tödlichen Schüsse abfeuerten, nicht
einmal eine leichte Strafe auferlegt wurde?" - Die
sozialdemokratische Presse war umso mehr empört, der am rechten Rand
der SDAP anzusiedelnde Friedrich Austerlitz, Chefredakteur der
"Arbeiter-Zeitung", schrieb (ebenfalls am 15. Juli): "Nach Ansicht
der Geschworenen bedeutet es also gar nichts auf Menschen zu schießen;
das ist, wenn die Schießenden Frontkämpfer sind, wohl ein erlaubtes
Jagdvergnügen! Die aber den Eid, den sie geleistet haben, so schnöde
mit Füßen treten, die sich über Recht und Unrecht so frech hinweg
setzen, die sind keine Geschworenen, sind ehrlose Gesetzesbrecher,
denen für ihren schamlosen Freispruch Hass und Verachtung aller
rechtlich denkenden Menschen gebührt. Diese Verachtung wird ihnen auch
werden. (…) Mit den Elenden auf der Geschworenenbank, die diesen
Freispruch auf dem Gewissen haben, sind die mitverantwortlich und
mitschuldig, auf deren Anstiftung dieser feile Wahrspruch
zurückzuführen ist. (…) Die bürgerliche Welt warnt immer vor dem
Bürgerkrieg; aber ist diese aufreizende Freisprechung von Menschen,
die Arbeiter getötet haben, nicht schon selbst der Bürgerkrieg? Wir
warnen sie alle, denn aus einer Aussaat von Unrecht, wie es gestern
geschehen ist, kann nur schweres Unheil entstehen." War der
Artikel von Austerlitz durchaus kalmierend intendiert, so bewirkte er
das Gegenteil. Es kam zu spontanen Kundgebungen von ArbeiterInnen in
der Wiener Innenstadt, am 15. Juli wurde der Justizpalast in Brand
gesteckt. Polizeipräsident Johann Schober, ein deutschnationaler
Politiker, ließ die Demonstrationen gewaltsam beenden, bei der
blutigen Aktion wurden 85 ArbeiterInnen ermordet, ca. 500 wurden
verletzt. Für den 16. Juli hatte die SDAP zum Generalstreik
aufgerufen, in einem Mitteilungsblatt heißt es: "1. Die
Eisenbahner, Post-, Telegraphen- und Telefonangestellten in ganz
Österreich stellen die Arbeit ein und nehmen sie erst auf weitere
Weisung wieder auf. Lebensmittelzüge sind zu führen. 2. Die übrigen
Arbeit- und Angestelltenschaften stellen in Wien heute Samstag zum
Zeichen des Protestes gegen das gestrige Blutvergießen die Arbeit ein.
Der Proteststreik dauert jedoch zunächst nur einen Tag." Doch der
eher halbherzige Versuch eines Generalstreiks blieb ohne Folgen, die
sozialdemokratische Illusion des "friedlichen" Klassenkampfes im
Rahmen der bürgerlichen Demokratie wurde offensichtlich. Die
"Arbeiter-Zeitung" schrieb am 20. Juli 1927: "Versöhnung? Es gibt
keine Versöhnung, nichts ist uns allen in unserer Trauer um die
gefallenen Brüder und Schwestern ferner als der Gedanke an Versöhnung.
(...) Wir haben den Hass des Bürgertums erlebt, den hemmungslosen
rasenden Hass, der sich in den Salven der Polizei entlud, wir erwidern
stolz und ohne Rückhalt den Hass." - Doch aus der ganzen
Auseinandersetzung gingen nur Christlichsoziale und Heimwehr gestärkt
hervor. Spätestens jetzt befand sich die Sozialdemokratie endgültig in
einer Phase der politischen Defensive. Die Behinderung und der Versuch
der Zerschlagung der Strukturen und Organisationen der ArbeiterInnen
wurde immer offener betrieben, so wurde z.B. bereits 1931 der
kommunistische Jugendverband KJV, in dem damals u.a. auch Josef
Hindels Mitglied war, verboten. Mit den Ereignissen vom Juli 1927 war
definitiv klar, wohin die Reise gehen sollte - daran ließ Seipel am
25. Juli auch keinen Zweifel: "Verlangen Sie nichts vom Parlament
und von der Regierung, das den Opfern und den Schuldigen in den
Unglückstagen gegenüber milde erscheint, aber grausam wäre gegenüber
der verwundeten Republik. Verlangen Sie nichts, was ausschauen könnte
wie ein Freibrief für solche, die sich empören." Karl Hartleb,
Vizekanzler für den Landbund, assistierte mit einer Rede im Parlament:
"So bedauerlich die Vorfälle am 15. und 16. Juli auch gewesen sein
mögen, so hat sich doch erwiesen, dass die Polizeidirektion Wien ihren
altbewährten Ruf, die sicherste Stütze in diesem Staat zu bilden,
nicht nur vollkommen gewahrt, sondern vielmehr noch wesentlich
gefestigt hat. Zu diesem Ergebnis, das in erster Linie Ihr
unauslösliches Verdienst ist, beglückwünsche ich Sie, hochverehrter
Herr Präsident [gemeint ist Polizeipräsident Schober; Anm.],
auf das wärmste und bitte Sie unter einem, auch allen Ihren Beamten
meine besondere Anerkennung und meinen Dank zur Kenntnis zu bringen."
Und in Richtung der SDAP-Abgeordneten: "Lügen Sie nicht immer
von hundert Toten, wenn es nur 85 sind! [sic!] Im Zusammenhang
mit den Ausschreitungen vom 15. und 16. Juli sind insgesamt 85
Personen getötet worden - ich betone dies ausdrücklich, weil immer
wieder von 100 Toten gesprochen wird. (…) Wenn sich unter ihnen gewiss
auch zufällig an die Schauplätze der Ausschreitungen gekommenen und an
denselben gänzlich unbeteiligte Personen befinden, so muss ich doch,
schon um die Erzählungen von der ohne jeden Grund auf harmlose
Passanten feuernde Sicherheitswache zu kennzeichnen, darauf hinweisen,
dass 32 der Toten, und zwar 12 wegen Verbrechen, vorbestraft
erscheinen... Schließlich muss in diesem Zusammenhang noch
hervorgehoben werden, dass 74 von den 281 verletzten Zivilpersonen
gerichtlich vorbestraft sind, und zwar 35 wegen Verbrechens und 39
wegen Vergehens, beziehungsweise Übertretungen." Die
rechtsextrem-autoritäre "law and order"-Demagogie dieser Worte klingt
vertraut, wenig überraschend, dass derselbe Hartleb nach dem Zweiten
Weltkrieg Parlamentarier (Klubobmann und 3. NR-Präsident) für den VdU
und dann die FPÖ war… - Auch die "Presse" konnte nun nicht mehr umhin,
sich darauf zu reduzieren, Kapitalismus- und Faschismus-apologetische
Positionen zu vertreten: "Nehmen wir den Fall an, einen Fall, den
wir für gänzlich unmöglich halten, dass tatsächlich viele unter den
Toten durch Fehler oder Grausamkeit einzelner Wachorgane gestorben
seien. Was um des Himmelswillen hätte das mit der Bourgeoisie und
ihrer Gesinnung zu tun?" (Neue Freie Presse, 20.7.1927) - Karl
Kraus jedoch brachte die wahren Ereignisse auf den Punkt: "Kurzum,
keinen prominenten Lumpen hat es gegeben, der zu jenem Pfui
entschlossen war, das so viel Namenlose zu verantworten müssen: über
die unnennbare Tat, wie in die Rücken Spazierender und Fliehender, wie
aus Polizeiautos und in Sanitätsautos geschossen wurde, auf einzelne
und auf Gruppen, zur Strafe für Neugierde, für Barmherzigkeit, die
einen Sterbenden beisteht, im Namen der Ordnung und mit der
einleuchtenden Ausrede, dass die Löschung eines brennenden Gebäudes
durch Salven in die Feuerwehr gefördert wird; wie die Justiz des
blindwütigen Zufalls Männer und Frauen, Greise und Kinder ohne Ansehen
der Person, mit einer Unparteilichkeit, deren sich wahrlich noch keine
Behörde rühmen konnte, mit Schuss und Stich, mit Säbel und
Gewehrkolben bedacht hat." (Der Hort der Republik, 1927)
1930 fanden die letzten freien Wahlen der Ersten Republik statt.
Erstmals seit 1919 erreichte die SDAP mit 41,1% der Stimmen wieder die
relative Mehrheit, die Regierungsverantwortung verblieb jedoch beim
Bürgerblock. 1932 schließlich wurde Engelbert Dollfuß (1892-1934) von
der CSP Bundeskanzler. Die unmittelbare Durchsetzung des autoritären
politischen Systems erfolgte 1933. Bei einer Abstimmung im Nationalrat
am 4. März 1933 legten alle drei Parlamentspräsidenten nacheinander
ihre Funktion zurück, um angesichts der knappen Mehrheiten - die
Regierungsfraktionen hatten eine Mehrheit von nur einem Mandat -
mitstimmen zu können. Die kuriose Folge war, dass die Sitzung ohne
Leitung nicht weitergeführt bzw. beendet werden konnte und der
Nationalrat formell handlungsunfähig war, da es für diesen Fall in der
damaligen Geschäftsordnung tatsächlich keinerlei rechtliche Vorsorge
gab (heute ginge die Sitzungsleitung an die/den älteste/n
Abgeordnete/n über). Die Regierung nutze die Situation aus, vertrat
die Ansicht, das Parlament hätte sich selbst ausgeschaltet,
akzeptierte eine Wiederaufnahme seiner Arbeit nach dem Widerruf des
Rücktritts des dritten NR-Präsidenten nicht und verhinderte dies unter
Androhung von Gewalt. Der Forderung der SDAP nach Neuwahlen kam der
christlichsoziale Bundespräsident Wilhelm Miklas (1872-1956) nicht
nach. Dollfuß erkannte seine Chance und nützte sie. Er berief sich -
zu Unrecht und unter einem klaren Bruch der Bundesverfassung - auf das
"Kriegswirtschaftliche Ermächtigungsgesetz" (KWEG) von 1917 und
regierte ab sofort per "Notverordnungen". Dieses Gesetz hätte jedoch
nur Gültigkeit für kriegsbedingte ökonomische Fragen bezüglich des
Funktionierens der Wirtschaft und der Versorgung der Bevölkerung
gehabt und bot natürlich keinerlei juristische Basis für eine
allgemeine Regierungsgesetzgebung, doch bevor der
Verfassungsgerichtshof - er wurde von der sozialdemokratischen Wiener
Landesregierung angerufen - aktiv werden hätte können, wurde er selbst
Opfer einer "Notverordnung" der Regierung Dollfuß. Sofort wurden
Schutzbund und KPÖ, aber auch die nationalsozialistischen
Konkurrenzfaschisten von der NSAPÖ verboten und das Zentralorgan der
SDAP, die "Arbeiter-Zeitung", unter Zensur gestellt. Am 20./21. Mai
1933 wurde von Dollfuß die "Vaterländische Front" gegründet, als
"überparteiliche" Organisation zur Zusammenfassung aller
"regierungstreuen" Kräfte Österreichs. Am 11. September schließlich
hielt Dollfuß am Wiener Trabrennplatz eine programmatische Rede und
verkündete als Zielsetzung den "Ständestaat" als einen "sozialen,
christlichen und deutschen Staat Österreich auf ständischer Grundlage
und mit starker autoritärer Führung".
Wenige Wochen später fand der letzte Parteitag der legalen SDAP statt.
Der Appell der linken und revolutionären SozialdemokratInnen an die
Konferenz wandte sich gegen die defensive Konzeption der Verteidigung
demokratischer Rechte und setzte sich für den offensiven Kampf gegen
den Faschismus als Kampf um die Macht im Staat ausgehend von
betrieblichen und anderen Teilaktionen ein. Im entscheidenden
Augenblick ordnete aber auch diese Linksopposition sich Otto Bauers
Aufruf zur Einheit der Partei unter und zog ihre eigene Resolution
zurück. Erklärtes Ziel der Sozialdemokratie war weiterhin, den
Zusammenstoß zu vermeiden, Verhandlungen zu führen und dafür die
weitestgehenden Konzessionen zu machen. Zum Generalstreik würde die
SDAP erst aufrufen, wenn "die Bundesregierung ... 1. ... die Wiener
Gemeindeverwaltung auflöst oder einen Regierungskommissar einsetzt. 2.
... die Sozialdemokratische Partei auflöst oder ihre Tätigkeit
verbietet. 3. ... die Gewerkschaften auflöst oder in irgendeiner Weise
gleichschaltet. 4. ... eine neue Verfassung auf verfassungswidrigem
Wege einführt." Mit diesem Zurückweichen hatte die SDAP die letzte
Chance vertan, der Errichtung eines faschistischen Regimes in
Österreich doch noch entschieden entgegenzutreten. Die oben erwähnten
vier Punkte wurden nicht vor den Februarkämpfen 1934 Realität - mit
deren Realisierung war es jedoch zu spät für den sozialdemokratischen
Widerstand. Clara Zetkin meinte schon einige Jahre zuvor über diese
falschen Ansätze der SDAP und Otto Bauers Faschismusverständnis: "In
seinen Ausführungen musste er [Bauer] allerdings dieses
anerkennen: ‚In Mitteleuropa sind wir heute gezwungen, den
Gewaltorganisationen des Faschismus Abwehrorganisationen des
Proletariats gegenüberzustellen. Denn kein Appell an die Demokratie
kann gegen die direkte Gewalt ausreichen.’ Man sollte meinen, dass man
aus dieser Feststellung die Schlussfolgerung ziehen müsste: Also
antworten wir mit Gewalt auf Gewalt. Eine reformistische Logik geht
aber ihre eigenen Wege, unerforschlich wie die Wege der himmlischen
Vorsehung. Otto Bauer spinnt seinen Gedanken später so fort: ‚Ich
spreche hier nicht von allzu großen Dingen, die nicht immer und nicht
überall durchgeführt werden können ..., nicht von Insurrektionen,
nicht einmal vom Generalstreik ... Die Kooperation der
parlamentarischen Aktionen und der Massenaktionen außerhalb des
Parlaments bietet aussichtsreiche Möglichkeiten.’" (Zetkin, Der
Kampf gegen den Faschismus, Ausgewählte Reden und Schriften, Berlin
1960, Bd. 2, S. 689 ff.) - Zetkin erklärt auch die "theoretischen"
austromarxistischen Hintergründe solcher realpolitischen
sozialdemokratischen Ansätze: "Was steckt hinter der ganzen
Auffassung? Der reformistische Glaube an die Stärke, die
Unerschütterlichkeit der kapitalistischen Ordnung, der bürgerlichen
Klassenherrschaft und das Misstrauen, der Kleinmut gegenüber dem
Proletariat als bewusstem, unwiderstehlichem Faktor der
Weltrevolution. Die Reformisten sehen im Faschismus den Ausdruck der
Unerschütterlichkeit, der alles übertreffenden Kraft und Stärke der
bourgeoisen Klassenherrschaft, der das Proletariat nicht gewachsen
ist, gegen die den Kampf aufzunehmen vermessen und vergeblich ist. Es
bleibt ihm so nichts anderes übrig, als still und bescheiden zur Seite
zu treten, den Tiger oder Löwen der bürgerlichen Klassenherrschaft ja
nicht durch den Kampf für seine Befreiung, für seine Diktatur zu
reizen, kurz, auf Gegenwart und Zukunft zu verzichten und geduldig
abzuwarten, ob man auf dem Wege der Demokratie und Reform ein weniges
vorwärtskommen könne." (Ausgewählte Reden und Schriften, Berlin
1960, Bd. 2, S. 689 ff.)
Der
Bürgerkrieg, die Februarkämpfe von 1934, waren jedoch ohnedies weit
weniger jener Aufstand der sozialdemokratischen Opposition gegen das
autoritäre Regime, den Otto Bauer oben so vehement ablehnt, als
vielmehr eine gezielt gesuchte und bewusst herbeigeführte Eskalation
seitens der Austrofaschisten, wie u.a. die vorangegangenen
Verhaftungen namhafter Schutzbund-Funktionäre, die Absetzung der
Führung der Arbeiterkammer oder eindeutige Ankündigungen der
Heimwehr-Führer Ernst Rüdiger Starhemberg und Emil Fey belegen. Auch
Mussolini drängte Dollfuß zusehends, die Sozialdemokratie in
Österreich endgültig auszuschalten. In einem persönlichen Brief
schrieb er zu Jahresbeginn 1934 an den Kanzler: "Ich bin überzeugt
davon, dass sobald Eure Exzellenz, an alle gesunden nationalen Kräfte
Österreichs appellierend, der Sozialdemokratischen Partei in ihrer
Felsenfestung Wien einen Schlag versetzen und Ihre Säuberungsaktion
auf alle Zentren ausdehnen würde, die im Gegensatz zum
Autoritätsprinzip des Staates zersetzende Tendenzen verfolgen, dann
auch viele, die heute in den Reihen der Nazi tätig sind, in den Kreis
der nationalen Front herübergezogen würden."
Die
Auseinandersetzungen am 12. Februar 1934 brachen bei einer
Waffensuchaktion der Heimwehr in einem sozialdemokratischen Parteiheim
in Linz aus. Eine Schutzbund-Gruppe um Richard Bernaschek (1888-1945)
leistete den faschistischen Einheiten Widerstand und löste dadurch
bewaffnete Auseinandersetzungen in ganz Österreich aus - so neben Linz
u.a. auch in Wien, Graz, Steyr, Kapfenberg, Wörgl und anderen
Industrieregionen. Zentren des mit Artillerieeinsatz niedergekämpften
Widerstands in Wien waren Arbeiterheime und Gemeindebauten
(Karl-Marx-Hof, Goethe-, Sandleiten-, Reumannhof u.a.), besonders in
Floridsdorf (z.B. Schlingerhof). Es ist nicht richtig, hier davon zu
sprechen, es hätte sich um Widerstandsaktionen der SDAP gehandelt - im
Gegenteil: jene sozialdemokratischen ArbeiterInnen und Mitglieder des
Schutzbundes, die sich am 12. Februar 1934 gegen den Austrofaschismus
zur Wehr setzten, waren gerade diejenigen, die der defensiven Linie
der sozialdemokratischen Führung um Otto Bauer, Karl Seitz oder Julius
Deutsch nicht mehr folgen wollten, da sie klar erkannt hatten, dass
dies nichts anderes als eine Kapitulation vor dem Faschismus war.
Besonders scharf geht Georgi Dimitroff mit der SDAP ins Gericht:
"Die österreichischen sozialdemokratischen Arbeiter lebten immer in
dem Glauben, dass die Sozialdemokratische Partei Österreichs nicht so
weit rechts stehe und nicht so opportunistisch sei wie etwa die
Sozialdemokratische Partei Deutschlands oder die englische Labour
Party. Die sozialdemokratischen Arbeiter Österreichs haben in ihrer
Partei eine proletarische Massenpartei gesehen. Sie glaubten, dass
durch diese Partei die Einheit des österreichischen Proletariats schon
verwirklicht sei, dass die Schwankungen der Führer eine vorübergehende
Erscheinung seien. Und wenn Otto Bauer auch manchmal nicht nach ihrem
Sinn sprach, so meinten sie eben, das seien ganz besonders kluge
Manöver gegen die Bourgeoisie. Sie waren überzeugt davon, dass die
Partei, ihre Führer und vor allem Otto Bauer, im Interesse der
Arbeiterklasse handelten. Das hat sich aber als Missverständnis
erwiesen. Die Sozialdemokratische Partei hat das Vertrauen der
Arbeiterschaft missbraucht." (Dimitroff, Ausgewählte Schriften,
Berlin 1958, Bd. 2, S. 463 ff.) -
Bernaschek hatte die Widerstandsaktionen auch angekündigt,
er schrieb am 11.2.1934 an die SDAP-Führung nach Wien: "Wenn morgen
in einer oberösterreichischen Stadt mit einer Waffensuche begonnen
wird oder wenn Vertrauensmänner der Partei bzw. des Schutzbundes
verhaftet werden sollten, wird gewaltsamer Widerstand geleistet und in
Fortsetzung dieses Widerstandes zum Angriff übergegangen werden.
Dieser Beschluss sowie die Durchführung sind unabänderlich."
Obwohl Otto Bauer noch versuchte, die oberösterreichischen
Schutzbündler mit einem Telegramm von ihren Aktionen abzuhalten und
vorgab, erkrankt zu sein, ließen sich die Linzer ArbeiterInnen nicht
beirren. Und Bernaschek hatte - wie in obigem Zitat ersichtlich - auch
das Wesen des Aufstandes richtig erfasst, doch durch die
vorangegangene andauernd zurückweichende Politik der SDAP gegenüber
dem drohenden Faschismus fanden die Kämpfe bereits in einer solchen
Defensivsituation statt, dass sie von vornherein kaum zu gewinnen
waren. Vor diesem Problem stand die ArbeiterInnenbewegung in zweierlei
Hinsicht, "hat man einmal den Weg des Aufstands beschritten",
wie Engels schreibt, "so handele man mit der größten
Entschlossenheit und ergreife die Offensive. Die Defensive ist der Tod
jedes bewaffneten Aufstands; er ist verloren, noch bevor er sich mit
dem Feinde gemessen hat" (MEW 8, S. 95). Die SDAP hatte sich nicht
nur politisch in die Defensive begeben, sondern der Schutzbund legte
nun auch die konkrete militärische Strategie und Taktik in den Kämpfen
wiederum defensiv an. Es sollten die Gemeindebauten verteidigt werden,
anstatt das offensive Ziel des Sturzes der austrofaschistischen
Herrschaft im Straßenkampf anzustreben und herbeizuführen, also auch
auf bewegliche Kampftruppen zu setzen. Dadurch, dass sich der
Schutzbund stationär in den Gemeindebauten verschanzte, kam beim
Angriff des Bundesheeres, der Polizei und der Heimwehr auf diese deren
waffentechnische Überlegenheit natürlich zum Tragen, die Bastionen der
ArbeiterInnen konnten systematisch mit schwerer Artillerie zerstört
werden.
Die Aufstandsbewegung scheiterte darüber hinaus daran, dass sie keine
wirklich zentral organisierte Führung hatte, führende
Schutzbundfunktionäre waren zuvor verhaftet worden, so nicht zuletzt
auch Stabschef Alexander Eifler bereits am 8. Februar, Julius Deutsch,
der politische Leiter des Schutzbundes, setzte sich in die
Tschechoslowakei ab. Somit sollte Theodor Körner kurzfristig die
militärische Leitung in einer Situation übernehmen, die nach seiner
eigenen Ansicht völlig aussichtslos war. Wie Körner selbst
einschätzte, hatte das von der SDAP praktizierte ständige
Zurückweichen und das Zurückhalten revolutionärer Energien und
Bestrebungen der ArbeiterInnen dazu geführt, dass - wie Körner am 11.
Februar feststellt - "von einer Erregung
in der Arbeiterschaft keine Spur wahrzunehmen sei, dass in der
Bevölkerung alles niedergeschlagen sei infolge des ständigen
Zurückweichens vor der Polizei bei Demonstrationen, zu denen in
letzter Zeit ohnedies nur noch Vertrauensmänner gekommen seien."
Unter den ArbeiterInnen hatte sich einerseits Resignation breit
gemacht, andererseits tat die falsche Konzeption des Republikanischen
Schutzbundes ihr übriges: als paramilitärische, von der
ArbeiterInnenklasse abgehobene Organisation, war er eine Parteiarmee
statt die bewaffnete Kampforganisation der ArbeiterInnen. Bei diesen
verbreitete sich daher die Vorstellung, der Schutzbund würde statt der
bewaffneten ArbeiterInnenklasse kämpfen. Dahinter stand wiederum das
fatale reformistische und bürgerlich-etatistische Selbstverständnis
der SDAP, die eben nicht nur mit dem "roten Wien" einen "sozialen
Gegenstaat" im schwarzen Österreich errichtet hatte, sondern auch eine
"Gegenarmee", die diesen verteidigen würde. Während der Schutzbund am
12. Februar verzweifelt und erfolglos die Gemeindebauten verteidigte,
gingen viele darin wohnende ArbeiterInnen wie gewohnt zur Arbeit… -
Dimitroff wendet sich diesbezüglich mit einer Erklärung an Mitglieder
des Schutzbundes, die nach Moskau fliehen konnten: "Euer
bewaffneter Kampf war ein bewaffneter Widerstand gegen den Überfall
des Faschismus. ‚Wir verteidigen unsere Gemeindewohnungen, unsere
Parteihäuser und Arbeiterheime in Ottakring, Floridsdorf und
anderwärts, wir schlagen die Vorstöße des Feindes zurück...’ Diesen
Kampf führten nicht alle Arbeiter, nicht das ganze Proletariat nahm an
ihm teil; der Schutzbund kämpfte als Formation allein. Die große Masse
des Proletariats blieb Zuschauer. So kam es, dass Arbeiterfrauen und
-kinder in den Gemeindewohnungen dem Artilleriefeuer ausgesetzt und
der Übermacht des Feindes ausgeliefert waren. So ist denn, Genossen
und Genossinnen, die große Lehre aus der Niederlage zu ziehen: Das
Proletariat bleibt nur dann Sieger im revolutionären Kampf gegen den
Faschismus, wenn es die revolutionäre Einheit der ganzen Klasse unter
der Führung einer wirklich bolschewistischen Partei verwirklicht, die
mit dem Feinde nicht verhandelt, vor seiner Übermacht nicht
kapituliert, sondern entschlossen den Kampf aufnimmt, gestützt auf die
Solidarität und den Heroismus des internationalen Proletariats. Das
hat bei euch und in Deutschland gefehlt." (Dimitroff, Ausgewählte
Schriften, Berlin 1958, Bd. 2, S. 463 ff.) - Darüber hinaus wird auch
klar, dass der eben "Republikanische"
Schutzbund ein Mittel der defensiven Verteidigung der bürgerlichen
Demokratie war, "offensiv" betrachtet, war er für die SDAP-Führung
bestenfalls ein Mittel, die Bourgeoisie vielleicht ein klein wenig zu
schrecken, aber er war (und konnte es nicht sein) natürlich nie
Instrument einer revolutionären Erhebung der ArbeiterInnenklasse -
dessen konnte sich die austrofaschistische Bourgeoisie spätestens seit
dem Juli 1927 ja absolut sicher sein…
Auch ansonsten rächte sich die Struktur des Schutzbundes. So blieb ein
Großteil der kampfbereiten ArbeiterInnen unbewaffnet, weil einerseits
die zurückweichende Politik der SDAP viele Waffen bereits der
bürgerlichen Staatsmacht ausgeliefert hatte, andererseits kannten
verschiedene wichtige Waffenverstecke nur jene Schutzbundführer, die
die Austrofaschisten freilich schon zuvor verhaftet hatten. Durch die
militaristische Struktur des Schutzbundes war es für die
Austrofaschisten relativ leicht, diesen zu enthaupten. Darüber hinaus
- auch das soll nicht unerwähnt bleiben - gab es offene Sabotage und
Verrat seitens vermeintlicher, opportunistischer "Sozialdemokraten",
die sich entweder vom Aufstand offiziell distanzierten (z.B. in
Vorarlberg oder Kärnten), die Streikbestrebungen (etwa der
Eisenbahner) niederhielten oder aber - obwohl hohe
Schutzbundfunktionäre - sich in der Stunde des Kampfes plötzlich als
"Pazifisten" deklarierten und den gewaltsamen Widerstand in jedem Fall
ablehnten.
Zusammenfassend können also drei wesentliche Punkte für das
unmittelbare Scheitern des Aufstandes vorgebracht werden: 1. Die
grundlegende Voraussetzung des Aufstandes wäre ein vorangehender
Generalstreik gewesen - diesen propagierte jedoch nur die KPÖ, die
SDAP-Führung wollte weder den Generalstreik noch überhaupt den
Aufstand. 2. Die politische und militärische Führung des Aufstandes
fehlte. 3. Die ArbeiterInnen wurden nicht zu den Waffen gerufen. Es
rächte sich das Verständnis des Schutzbundes als Parteiarmee, als
"Stellvertreter" der bewaffneten ArbeiterInnen.
Nach zwei Tagen brach der Widerstand gegen die austrofaschistische
Übermacht von Heimwehr, Bundesheer, Polizei und Gendarmerie zusammen.
Der politische Kampf war durch das Zurückweichen der Sozialdemokratie
bereits längst verloren gewesen. Die kämpfenden ArbeiterInnen hatten
längst kein offensives Ziel mehr gehabt, sondern nur noch, es nicht
zuzulassen, dass die ArbeiterInnenbewegung widerstandslos zerschlagen
würde. Nach den Kämpfen hatte allein der Schutzbund mehr als 1.000
Tote und Verwundete zu beklagen, die Zivilbevölkerung über 100 Tote
und auf Seiten der "Regierungstruppen" gab es 47 Tote. Einige Führer
des Aufstands wurden hingerichtet (Georg Weissel, Koloman Wallisch,
Karl Münichreiter), viele SozialdemokratInnen wurden ins Anhaltelager
Wöllersdorf deportiert (dort fand sich später z.B. auch Bruno Kreisky
wieder), andere konnten ins Ausland fliehen (Julius Deutsch, Otto
Bauer, Richard Bernaschek). Das Vorgehen der Austrofaschisten sorgte
international für Aufsehen, so sprach die "Chicago Daily News" von der
"blutrünstigsten, unnötigsten und unentschuldbarsten Verwendung
bewaffneter Macht gegen hilflose Frauen und Kinder, die die Geschichte
kennt." Die "New York Times" schrieb: "Der Wahnsinn und die
Gemeinheit der ganzen Angelegenheit wird mit jedem Detail
offensichtlicher". Doch dieser Schock war nur von kurzer Dauer,
Österreich blieb politischer Nebenschauplatz und tatsächlich lieferte
der Faschismus in Europa noch unvorstellbar größere Verbrechen. Vier
Jahre später war die Betroffenheit des Westens beim Einmarsch
deutscher Truppen in Österreich wieder nüchterner Kalkulation gewichen
und die "Apeasement-Politik" gegenüber Hitler zum Dogma erhoben.
Als
unmittelbare Konsequenz der Niederlage der ArbeiterInnen bei den
Februarkämpfen wurden die SDAP, die Gewerkschaften und alle
sozialdemokratischen Organisationen für illegal erklärt sowie allen
Mitgliedern der SDAP ihre Mandate in den Vertretungskörpern aberkannt,
wodurch auch sozialdemokratisch geführte Gemeindeverwaltungen - wie
z.B. in der Bundeshauptstadt Wien - abgesetzt wurden. Die reaktionäre
"Reichspost" triumphierte am 14. Februar 1934: "Die rote Bastille
ist erstürmt, das Vorwerk des Bolschewismus in Mitteleuropa, diese
Herausforderung und Drohung in Permanenz, ist aus der Bundeshauptstadt
verschwunden." Mit der "Maiverfassung" von 1934 war der
austrofaschistische Ständestaat Realität, die österreichische
Sozialdemokratie hatte eine deutliche Niederlage erlitten, an der sie
freilich nicht unschuldig war, wie Reinhard Kühnl unter Bezugnahme auf
den ungarischen Historiker Lajos Kerekes zusammenfasst: "Die in der
Führung der Sozialdemokratischen Partei … vorherrschende Ansicht, das
demokratische Verfassungssystem sei dadurch zu retten, dass gewaltsame
Widerstandshandlungen prinzipiell abgelehnt und immer neue
Konzessionen an die Rechte gemacht wurden, erwies sich als
illusorisch. Der abstrakte, weil formale Begriff von Demokratie und
Verfassung, das legalistische Vertrauen zu den Institutionen des
parlamentarischen Staates waren der Realität des Klassenkampfes, die
von den Rechten im Unterschied zu den Sozialdemokraten jederzeit
gesehen und zur Leitlinie ihrer Politik gemacht wurde, einfach
unangemessen. Es ist erschütternd zu sehen, wie die Führer der
Sozialdemokraten ständig ihre Bereitschaft zu Zugeständnissen
versicherten, während zugleich Faschisten und Christlich-Soziale
gemeinsam Pläne konzipierten, wie man diese Bereitschaft zur
schließlichen Liquidierung der Arbeiterbewegung ausnützen könne (…).
Daran hielten die Sozialdemokraten auch nach 1933 fest, als die
Unterdrückungspolitik der Dollfuß-Regierung den Boden auch nur
formaler Rechtsstaatlichkeit schon lange verlassen hatte. (…) Die
offen terroristische Offensive der Rechten im Februar 1934, die die
‚Schlussabrechnung mit dem Marxismus’ darstellte, fand deshalb zwar
tapferen, aber unkoordinierten Widerstand." (Kühnl,
Faschismustheorien, Reinbek/Hamburg 1979, S. 247 f.) - Wir können
daher nur an Clara Zetkins Worte erinnern, die zum "Kampf gegen den
Faschismus" erklärte: "Es geht um Leib und Leben der Proletarier,
um die Existenz ihrer Organisationen. Selbstschutz der Proletarier,
lautet ein Gebot der Stunde. Wir dürfen den Faschismus nicht nach dem
Muster der Reformisten … bekämpfen, die ihn anflehten: ‚Tu mir nichts,
ich tue dir auch nichts!’ Nein! Gewalt gegen Gewalt! Nicht etwa Gewalt
als individueller Terror - das bliebe erfolglos. Aber Gewalt als die
Macht des revolutionären organisierten proletarischen Klassenkampfes."
(Zetkin, Ausgewählte Reden und Schriften, Berlin 1960, Bd. 2, S. 689
ff.)
Der Vollständigkeit halber - und weil
die vorhergegangene Politik der SDAP das ihre dazu beigetragen hat -
wollen wir nun noch die weitere Entwicklung nachzeichnen, auch wenn
die Sozialdemokratie nun nur noch illegal existierte und nur begrenzt
politisch handlungsfähig war. Am 20. April 1934 wurde die von
Otto Ender (1875-1960) ausgearbeitete "Maiverfassung" des
Ständestaates auf Basis des Kriegswirtschaftlichen
Ermächtigungsgesetzes kundgemacht. Am 30. April trat das seit März
1933 nicht mehr tagende Parlament noch einmal zusammen bzw. taten dies
die noch im Amt befindlichen 76 Abgeordneten (von ursprünglich 165 im
Jahr 1930), um der neuen Verfassung mit 74:2 Stimmen ihren -
juristisch gesehen irrelevanten - Segen zu erteilen. Ausgerechnet am
1. Mai - mit diesem Bezug sollte dieser auch als Feier- und Kampftag
der ArbeiterInnenbewegung verunmöglicht werden - schließlich wurde sie
neuerlich kundgemacht und hatte somit Gültigkeit. Österreich war nun
Bundesstaat auf christlich-berufsständischer Grundlage, wenngleich der
konzipierte "Ständestaat" freilich nie verwirklicht wurde (daher ist
diese Bezeichnung für den austrofaschistischen Staat inhaltlich auch
nicht korrekt, sondern eine Verharmlosung). Wie sah sie aus, diese
verfassungswidrige Verfassung? Gesetzgebung und Vollziehung wurden auf
Bund, Länder und Gemeinden aufgeteilt. Die Mitglieder der
vorberatenden Vertretungskörperschaften (Staatsrat, Bundeskulturrat,
Länderrat) sollten vom Bundespräsidenten ernannt werden. Über die
Gesetzesvorlagen der Regierung entschied der aus einigen Vertretern
der vorberatenden Körperschaften gebildete Bundestag. Für
außergewöhnliche Fälle (u.a. Erstattung eines Dreiervorschlages für
die Wahl des Bundespräsidenten) war eine gemeinsame Tagung der
vorberatenden Körperschaften als Bundesversammlung vorgesehen. Der
Bundespräsident sollte durch die Versammlung aller Bürgermeister, die
verpflichtend Mitglieder der Vaterländischen Front sein mussten,
gewählt werden. Darüber hinaus waren sieben Berufsstände vorgesehen.
Diese wurden aber nie organisiert, ausgenommen die Gruppen
"öffentlicher Dienst" und "Land- und Forstwirtschaft" - also
zufälligerweise nur jene zwei, wo das Regime keine klare
sozialdemokratische Mehrheit befürchten musste. Alle Befugnisse auf
dem Gebiet der Gesetzgebung, die bisher Nationalrat und Bundesrat
zustanden, wurden der Bundesregierung übertragen - das war mit dem
KWEG ohnedies bereits Realität.
Die Austrofaschisten konnten sich zudem des Zuspruchs der
römisch-katholischen Kirche gewiss sein, die freilich bereits zuvor
die Christlichsozialen offen unterstützt hatte. Daher wird auch heute
oft von "Klerikalfaschismus" (oder "Klerikofaschismus", wie z.B. Otto
Bauer schrieb) gesprochen. Der Wiener Erzbischof Kardinal Theodor
Innitzer (1875-1955) sprach sich für das autoritäre Führerprinzip
Dollfuß’ aus und erteilt der Demokratie eine deutliche Absage. Auch
berief sich die ständische Ordnung explizit auf die reaktionäre
Enzyklika "Quadragesimo anno", in der Papst Pius XI. 1931 diese als
die genuin christliche und gottgewollte soziale Ordnung dargestellt
hatte. Die römisch-katholische Kirche erhielt weitgehenden Einfluss
auf Schulwesen, Familienrecht und Ehebestimmungen. Unter diesen
Aspekten ist auch der Abschluss der Konkordatsverhandlungen zwischen
Österreich und dem Vatikan 1933 zu sehen.
Die Vaterländische Front war nun alleinige Trägerin der politischen
Willensbildung, nachdem alle anderen Parteien verboten waren. Die
öffentlich Bediensteten waren zur Mitgliedschaft gezwungen, die
SchülerInnen mussten ein Abzeichen mit der Aufschrift "Seid einig!"
tragen. Dennoch gelang es Dollfuß nicht, die Vaterländische Front als
wirkliche Massenorganisation zu verankern, wenngleich die
Mitgliederzahlen am Papier natürlich immens waren. Das
austrofaschistische Regime versuchte, einen antirepublikanischen
österreichischen Patriotismus zu wecken, der auch zur Abwehr des
Nationalsozialismus dienen sollte. Die ÖsterreicherInnen sollten unter
dem Banner des "Kruckenkreuzes" die "besseren Deutschen" und der
Ständestaat der "bessere faschistische Staat" sein. In einem Aufruf
der Vaterländischen Front heißt es dementsprechend: "Der
Nationalsozialismus ist die barbarische Erneuerung von Potsdam.
Österreich ist das letzte Bollwerk des deutschen Geistes! Österreich
war ein großes deutsches Land, als die Preußen noch kein Wort Deutsch
sprachen und Pferdeblut den Heidengöttern opferten." Um sich vor
den absehbaren Ansprüchen Hitlers schützen zu können, kam es auch zu
einer engeren Anbindung an das faschistische Italien unter Mussolini,
was von vielen jedoch als Verrat von Dollfuß und dessen Nachfolger
Schuschnigg in der "Südtirol-Frage" gesehen wurde.
Im
Sommer 1934 kam es zu einem Putschversuch der illegalen
Nationalsozialisten, die am 25. Juli das Bundeskanzleramt besetzten
und Engelbert Dollfuß töteten. Der Aufstand, der auch in Kärnten und
in der Steiermark erfolglose Versuche verzeichnete, das
austrofaschistische Regime zu stürzen, wurde von Polizei, Bundesheer
und Heimwehr rasch niedergeschlagen, die NS-Anführer, die nicht
flüchten konnten, wurden hingerichtet. Auch der Aufmarsch
italienischer Truppen an der Grenze zu Tirol war dazu angetan, das
sich Hitler beeilte, sich von diesem Putschversuch zu distanzieren.
Neuer Bundeskanzler und VF-Führer wurde der bisherige Justizminister
Kurt Schuschnigg (1897-1977), der sich zuerst der Ausschaltung
innenpolitischer Gegner widmete. Heimwehr-Führer Starhemberg musste
die Regierung verlassen, kurze Zeit später wurde die Heimwehr
aufgelöst.
Als aufgrund der weltpolitischen Lage, d.h. der zwingenden
Bündnispolitik im imperialistischen Kampf um die Neuaufteilung der
Welt, ein Zusammenrücken von Deutschland und Italien zu erkennen war,
mussten die Austrofaschisten akzeptieren, dass auf den "Schutzherren"
Mussolini wohl kein Verlass sein würde, da Österreich in der Strategie
der zwischenimperialistischen Konkurrenz der Großmächte nur eine
untergeordnete Rolle spielte. Das
austrofaschistische Regime war zu weiteren Konzessionen gegenüber
Hitler bereit, viele Nationalsozialisten wurden amnestiert, 1937 wurde
das "Volkspolitische Referat" der Vaterländischen Front als
Sammelbecken für österreichische Nazis gegründet, dem mit Arthur
Seyß-Inquart (1892-1946) ein NS-Kontaktmann vorstand. Im Gegenzug
anerkannte Hitler formell die Unabhängigkeit Österreichs und hob die
"Tausend-Mark-Sperre" gegenüber Deutschen, die nach Österreich reisen
wollten, auf, die dem österreichischen Fremdenverkehr schwer geschadet
hatte. Die Form der Anerkennung öffnete in Wirklichkeit aber freilich
gerade Tür und Tor für den Anschluss, denn Österreich wurde als
"zweiter deutscher Staat" anerkannt - eine Sichtweise, die sowohl die
Austrofaschisten als auch die SDAP vorbereitet hatten, ja sogar
grundsätzlich teilten. Im "Juliabkommen" von 1936 heißt es, dass sich
die österreichische Regierung verpflichtet, "ihre Politik im
allgemeinen wie insbesondere gegenüber dem Deutschen Reich stets auf
jener grundsätzlichen Linie zu halten, die der Tatsache entspricht,
dass Österreich sich als deutscher Staat bekennt." Die Negierung
der eigenständigen österreichischen Nation, wie sie auch im "Linzer
Programm" der Sozialdemokratie festgeschrieben war, hatte der
Verteidigung Österreichs gegen den Nationalsozialismus die geistige
Grundlage entzogen. Nur die KPÖ bekannte sich eindeutig zur
österreichischen Nation und begründete dies auch theoretisch.
Waren die
"christlichsozialen" Austrofaschisten also gegenüber den Nazis
kooperativ, so blieb Schuschnigg gegenüber den SozialdemokratInnen
hingegen unerbittlich. 1935 und 1936 fanden die sogenannten
"Sozialistenprozesse" statt, bei denen sich u.a. der spätere
Bundespräsident Franz Jonas (1899-1974) oder auch Bruno Kreisky
(1911-1990) aufgrund ihrer Kontakte zur SDAP-Exilführung im
tschechischen Brünn wegen Hochverrats verantworten mussten. Kreisky
zeigte in diesem Prozess auch auf, dass es gerade die
austrofaschistische Diktatur sein würde, die eine Verteidigung
Österreichs gegen den Nationalsozialismus verunmöglichen musste:
"Es ist auch möglich, dass die Regierung in einem ernsten Moment die
breiten Massen des Landes zur Verteidigung der Grenzen aufrufen muss.
Aber nur ein demokratisches Österreich wird dieses Volksaufgebot
zustande bringen. Nur freie Bürger werden gegen Knechtung kämpfen."
(Arbeiter-Zeitung, 12.1.1936) -
In der Illegalität hatten sich in
Österreich inzwischen die "Revolutionären Sozialisten" (RS) formiert,
die sich nach dem Zweiten Weltkrieg mit der alten Sozialdemokratie zur
Sozialistischen Partei (SPÖ) zusammenschlossen. Auch die Bedeutung der illegalen Organisationen der KommunistInnen im
linken antifaschistischen Widerstand wurde stetig größer. RS, KPÖ und
viele SozialdemokratInnen wären grundsätzlich durchaus bereit gewesen,
Österreich gegen die Nazis zu verteidigen. Das austrofaschistische
Regime kapitulierte jedoch vor den deutschen Besatzern. Schuschnigg
begründete die Kapitulation einerseits mit der militärischen Stärke
Hitler-Deutschlands, sprach jedoch auch davon, dass "kein deutsches
Blut" fließen dürfe. Josef Hindels erklärt den Hintergrund diese
Verhaltens: "Die Ursache für dieses Verhalten Schuschniggs kann
nicht allein in seiner Person gefunden werden, sondern in der Klasse,
die er repräsentierte: Das reaktionäre Besitzbürgertum Österreichs
hatte in der Ersten Republik, die es nie akzeptierte, unaufhörlich
den ‚revolutionären Schutt’ bekämpft, wie die sozialen
Errungenschaften der Arbeiterbewegung und das großartige Aufbauwerk
des roten Wien in der bürgerlichen Presse genannt wurden. (...)
Entweder ein Bündnis mit der Arbeiterklasse im Kampf um die
Unabhängigkeit des Landes oder Kapitulation vor dem nazideutschen
Aggressor. Einen dritten Weg gab es nicht, konnte es nicht geben. Die
entscheidenden Schichten des österreichischen Besitzbürgertums,
repräsentiert durch Schuschnigg, entschlossen sich für die
Kapitulation. Dabei darf nicht übersehen werden, dass die
wirtschaftliche Unterwanderung Österreichs durch das deutsche
Großkapital bereits lange vor dem Einmarsch der Naziwehrmacht begonnen
hatte." (März 1938, S. 19 f.) - Vor diesem Hintergrund wird das
Märchen, das von der Nachfolgeorganisation der "christlichsozialen"
Austrofaschisten, der ÖVP, bis heute verbreitet wird, wonach Dollfuß
und Schuschnigg heroische Widerstandskämpfer gegen den
Nationalsozialismus gewesen wären, ziemlich offensichtlich und als
reine Rechfertigungsideologie des unterlegenen Konkurrenzfaschismus
entlarvt. Tatsächlich war die Vorgehensweise der Austrofaschisten
nichts anderes als die Vorbereitung des Anschlusses vom März 1938 -
Österreich wurde Hitler quasi am silbernen Tablett serviert: die
Sozialdemokratie, die kommunistischen Organisationen und die
Gewerkschaften waren beseitigt, dass Demokratie-Bewusstsein war auf
dem Nullpunkt und die Parallelstrukturen der österreichischen
Faschisten waren für die Übernahme durch die NSDAP bereit, wie selbst
Hermann Göring anerkennend feststellte: er schreibt 1937, dass
Österreich "in
der eigenen Staatsstruktur genau alles dem deutschen
Nationalsozialismus nachmacht, das heißt die gleichen Formen findet,
die gleichen Organisationen, die gleichen Ausdrücke, die gleichen
Satzungen, die gleichen Methoden nur mit umgekehrten Vorzeichen (...)
man brauche in Österreich nur statt des Kruckenkreuzes das Hakenkreuz
zu setzten und statt des Wortes vaterländisch nationalsozialistisch,
so wäre in Österreich das lebendige Spiegelbild von Deutschland
vorhanden."
(zitiert nach: Ernst Hanisch, Der lange Schatten des Staates -
Österreichische Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert, Wien 1994,
S. 314) - Und genauso, wie es Göring beschreibt, ist es ohne jede
Gegenwehr des Austrofaschismus auch gekommen…
1938 war sich Hitler schließlich sicher, dass er ohne nennenswerte
Gegenwehr (und ohne Protest der Westmächte) Österreich dem Deutschen
Reich anschließen könnte. Mussolini hatte seine "schützende Hand" über
dem austrofaschistischen Regime längst zurückgezogen und auch
Großbritannien und Frankreich ließen erkennen, dass sie Hitler
gewähren lassen würden, obwohl ein etwaiger Anschluss dem
Friedensvertrag von Saint Germain widerspräche. Auch war die
Aufrüstung Deutschlands so weit fortgeschritten, dass sich die
Wehrmacht für außenpolitische Abenteuer gewappnet sah und der direkte
zwischenimperialistische Krieg bereits gezielt vorbereitet wurde.
Hitler zitierte
Bundeskanzler Schuschnigg für den 12. Februar 1938 auf seinen Berghof
am Obersalzberg bei Berchtesgaden und diktierte ihm ein Abkommen, dass
Österreich unter weitreichenden Einfluss des deutschen NS-Regimes
stellen sollte. Der Nationalsozialist Seyß-Inquart wurde
Innenminister, wodurch er den gesamten Polizeiapparat in der Hand
hatte. Gegen nationalsozialistische Demonstrationen und Übergriffe
wurde fortan freilich nichts mehr unternommen. Angesichts des Drucks
der österreichischen Nationalsozialisten von innen, jenem Hitlers von
außen sowie eines gewissen Unverständnisses und Unmuts innerhalb der
austrofaschistischen Vaterländischen Front setzte Schuschnigg zur
Flucht nach vorne an. Er setzte für den 13. März eine Volksbefragung
an, in der darüber abgestimmt werden sollte, ob Österreich ein
unabhängiges (aber nach wie vor deutsches…) Land bleiben sollte. Da
Schuschnigg mit großer Zustimmung für ein unabhängiges Österreich
rechnen konnte - auch die SDAP im Exil riet zu einem "Ja" - musste
Hitler dieser Abstimmung zuvorkommen. Unter unmissverständlichen
militärischen Drohungen forderte er die Absage der Volksbefragung, den
Rücktritt Schuschniggs und die Ernennung Seyß-Inquarts zum
Bundeskanzler. Schuschnigg erkannte seine aussichtslose Lage und trat
am 11. März zurück. In der Nacht zum 12. März begann der Einmarsch
deutscher Truppen, der von den AnhängerInnen der NSDAP und Teilen der
Bevölkerung bejubelt wurde. Die GESTAPO begann sofort mit Verhaftungen
und Deportationen in deutsche KZs, so umfasste der erste Transport,
der sogenannte "Prominententransport" ins KZ Dachau am 1.4.1938 u.a.
die austrofaschistischen Politiker Leopold Figl und Alfons Gorbach,
aber auch den Sozialdemokraten Franz Olah, sowie die Künstler Jura
Soyfer, Fritz Grünbaum und Hermann Leopoldi. Am 13. März beschloss die
Regierung Seyß-Inquart das Gesetz über den Anschluss Österreichs an
das Deutsche Reich, der vier Wochen später mit einer von der NSDAP
kontrollierten und manipulierten Volksabstimmung mit einem Ergebnis
von 99,73 % Zustimmung bestätigt wurde - doch das Ergebnis war gewiss
keine 100%-ige Fälschung, hatten doch etwa die einflussreichen
Bischöfe der Katholischen Kirche ein "Ja" zum Anschluss empfohlen.
Bemerkenswert ist
darüber hinaus, dass sich eben auch Karl Renner für den Anschluss an
Hitler-Deutschland aussprach, was ihm die Nazis auch dankten: bis
1945 wurde er lediglich mit Hausarrest in Gloggnitz belegt.
Insgesamt kann gesagt werden, dass nicht nur Renner, sondern die
Sozialdemokratie in ihrer Gesamtheit wiederum eine unglückliche
Rolle rund um den "Anschluss" spielte, da sie aufgrund ihrer
Ablehnung der österreichischen Nation eben grundsätzlich durchaus
für diesen eintrat und erst nach 1945 widerwillig diese Perspektive
endgültig aufgab. Lassen wir abschließen Friedl Fürnberg, 1944-1945
österreichischer Partisanenkämpfer gegen das NS-Regime (Mitbegründer
des 1.
österreichischen Freiheitsbataillons),
die diesbezüglichen Positionen der Sozialdemokratie abschließend
zusammenfassen (Österreichische Freiheitsbataillone -
Österreichische Nation, Wien 1975, S. 48-53).
Renner gab 1938, nach der Besetzung
Österreichs durch Hitler-Deutschland, ein Signal. Er erklärte
öffentlich anlässlich der Hitlerschen Volksabstimmung: Ich stimme
freudig mit Ja. Er schrieb damals sogar eine Broschüre mit dem Titel
"Die Gründung der Republik, der Anschluss und die Sudetendeutschen".
In dieser Broschüre lobte er die "beispiellose Beharrlichkeit und
Tatkraft der deutschen Reichsführung" (Hitler!), die den Weg gebahnt
hat "für andere völlig neue Ziele, die sich ahnen, aber noch nicht
erweisen lassen" (nach der Okkupation Österreichs und der Zerschlagung
der Tschechoslowakei! F.F.) und die den Willen Deutschlands kundgetan
habe, "mit allen Mitteln, im Notfall auch mit den Mitteln des Krieges
… Macht und Ruhm des neuen deutschen Reiches" zu wahren. Dem Beispiel
Renners folgten viele frühere Sozialdemokraten.
Sowohl die Revolutionären Sozialisten als
auch Otto Bauer wandten sich gegen den Verrat Renners, dessen
Opportunismus ihn immer auf die Seite der jeweiligen Sieger führte.
Aber sie konnten sich von der deutschnationalen Tradition der
österreichischen Sozialdemokratie nicht frei machen. Sie wandten sich
entschieden gegen die KPÖ, als diese den Bestand der österreichischen
Nation konstatierte und zum nationalen Freiheitskampf gegen die
deutsche Fremdherrschaft aufrief. Die Revolutionären Sozialisten
erklärten, dass der Anschluss - trotz Hitler - ein "geschichtlicher
Fortschritt" sei. Für sie war mit der Annexion Österreichs der Boden
für eine selbständige Politik, für eine selbständige geschichtliche
Rolle Österreichs endgültig verloren. Sie folgten damit den
Auffassungen Otto Bauers, der im April 1938 im "Kampf" geschrieben
hatte: "Österreich ist gewesen … Klerikale und Monarchisten mögen …
von der Wiederherstellung eines österreichischen Staatswesens
phantasieren … Der österreichische Sozialismus … kann sich zu der
vollzogenen Tatsache nicht reaktionär verhalten … Wir können das Rad
der Geschichte nicht mehr zurückdrehen."
Zu diesen Auffassungen Otto Bauers, die
von der geschichtlichen Entwicklung vollständig widerlegt wurde,
schrieb im August 1938 Alfred Klahr in "Weg und Ziel": "Es ist die
Tragik im Leben Otto Bauers, dass er, um seine durch und durch
bürgerliche reaktionäre Nationalitätentheorie zu rechtfertigen, kurz
vor seinem Tod sich dazu verstiegen hat, die Annexion Österreichs
durch den Faschismus als einen geschichtlichen Fortschritt zu
bezeichnen."
Die Revolutionären Sozialisten schrieben
Ende 1938 in der Zeitschrift der "Sozialistische Kampf" (Nr. 11, S.
257): "Durch den Sieg des Faschismus (über Österreich und die
Tschechoslowakei, F.F.) ist nun bereits in gewissem Sinne eine
Vereinigung Europas angebahnt worden, und sie kann in Zukunft noch
weiter gehen." Sie ist weiter gegangen in der Unterwerfung fast ganz
Europas unter den Hitler-Stiefel. Alfred Klahr schreib damals über
diese Haltung der Revolutionären Sozialisten: "Der Sieg des Faschismus
über Europa als Fortschritt zu einem sozialistischen Europa! Man weiß
nicht, soll man eher lachen oder weinen über diese Ausgeburt eines
sozialistischen Denkens."
Als der zweite Weltkrieg schon
unausweichlich nahe war, verlangten die Sozialdemokraten im
"Sozialistischen Kampf" von den Alliierten "den Verzicht auf die
Unabhängigkeit Österreichs als Kriegsziel". Nachdem der Krieg bereits
ausgebrochen war, wandte sich das Londoner Büro der SPÖ (1940)
dagegen, dass nach dem Krieg das kleine Österreich wiederhergestellt
werde. Karl Czernetz schrieb 1942: "Trotz der Abneigung gegen die
‚Preußen’ wissen die österreichischen Arbeiter die Tatsache zu
schätzen, dass sie nicht mehr von unnatürlichen Grenzen gehemmt
werden" ("The Underground Movement of Austria", S. 95). Sogar noch
1943 standen die SPÖ-Führer im Londoner Büro der Moskauer Erklärung
über die Widerherstellung Österreichs feindlich gegenüber. Sie
kämpften mit den übelsten antikommunistischen Methoden gegen die
österreichische Freiheitsfront und lehnten die Beteiligung von
Sozialisten an der Österreichischen Freiheitsfront entschieden ab.
Unter ihnen war auch der jetzige
[gemeint ist 1975; Anm.] außenpolitische Sprecher der SPÖ, Czernetz.
Die Sozialisten, die im Land kämpften,
hielten sich allerdings nicht an die Beschlüsse des Londoner Büros der
SPÖ. Sie spürten sehr gut, dass gerade "der Anschluss", die Okkupation
Österreichs, die Herausbildung der österreichischen Nation ungeheuer
beschleunigt hatte und dass die Zukunft Österreichs nur in seiner
Unabhängigkeit lag. Sie beteiligten sich an der Österreichischen
Freiheitsfront, traten in ihre Leitungen ein, so wie Genosse Erwin
Scharf in Slowenien. Über die deutschnationale Haltung der führenden
Kräfte der SPÖ gingen die geschichtlichen Ereignisse hinweg.
Allerdings war die alte deutschnationale Einstellung - wie sich zeigen
sollte - auch mit der Niederlage Hitler-Deutschlands nicht
verschwunden.
Zunächst aber gebärdeten sich 1945 alle
als österreichische Patrioten. Jetzt stimmten sie der Moskauer
Erklärung der Alliierten vom Jahre 1943 zu, die sie früher bekämpft
hatten. Renner tat so, als ob er niemals von etwas anderem geträumt
hätte als von einem selbständigen, unabhängigen Österreich.
Diejenigen, die damals glaubten, dass er diesmal, nach den so schweren
Erfahrungen der Hitler-Diktatur, nicht nur als Opportunist, sondern
aus Überzeugung für ein neues Österreich eintrat, wurden bald eines
anderen belehrt. Und nicht wenige von denjenigen, die sich 1945 als
überzeugte Österreicher deklarierten, wollten nur Zeit gewinnen, um
vielleicht doch noch ihre deutschnationalen Ziele verwirklichen zu
können. Sie hofften dabei auf die Unterstützung Englands und Amerikas.
Es sind damit nicht nur die ehemaligen Nazi gemeint, die 1945 in der
SPÖ und der ÖVP Unterschlupf fanden oder sich später bei den
"Unabhängigen" (Vorgänger der FPÖ) organisierten. Wir meinen bestimmte
Kräfte in der SPÖ und in der ÖVP, die immer noch einem Zusammenschluss
mit Deutschland anhängen. Um ihr Ziel zu erreichen, betrieben sie die
wüsteste antisowjetische und antikommunistische Hetze und taten
gleichzeitig alles, um den Abschluss des Staatsvertrages zu
hintertreiben. Gruber (damals Außenminister) und Helmer
(Innenminister) sowie Oskar Pollak (Chefredakteur der
"Arbeiter-Zeitung") taten sich besonders hervor. Das war kein Zufall,
sondern entsprach ihrer politischen Vergangenheit. Sie unterstützten
gemeinsam das von den westlichen Imperialisten erklärte Ziel des
Kalten Krieges, die rote Flut (den Kommunismus) bis hinter den Ural
zurückzudrängen. Dann würde man schon sehen, wie das österreichische
Problem zu lösen wäre.
Erst als klar war, dass sich das
Kräfteverhältnis nicht zugunsten des Imperialismus, sondern zugunsten
der Sowjetunion und des Sozialismus verändert, setzten sich in der ÖVP
und in der SPÖ die Kräfte durch, die mit dem Abschluss des
Staatsvertrages und der Erklärung der Neutralität die Unabhängigkeit
Österreichs sichern wollten. Das war genau das, was die Kommunisten
schon Jahre vorher vorgeschlagen, wofür sie unter den schwersten
Bedingungen und mit den größten Blutopfern gekämpft hatten und was die
Sowjetunion schon seit Jahren als international notwendig erklärt
hatte.
3.
Austromarxismus heute
Was bleibt vom Austromarxismus? Wenig
schmeichelhaft könnte zusammengefasst werden: eine falsche
Faschismustheorie, eine falsche Theorie über die Nationalitätenfrage,
eine falsche Staatstheorie, eine falsche Theorie über Strategie und
Taktik der ArbeiterInnenbewegung sowie eine verheerende Niederlage im
Klassenkampf. Die Ansichten von Otto Bauer, Karl Renner & Co. wurden
auf der gesamten Linie von der Geschichte leider äußerst eindrucksvoll
widerlegt. Zurecht spielen diese Ansichten als theoretische Basis
heute keine ernstzunehmende Rolle mehr im marxistischen Diskurs.
Bauers gesammelte Werke taugen für manche traditionsbewusste
SozialdemokratInnen, die sich mit einer ideologischen Aura umgeben
wollen, bisweilen zwar als Zitatesteinbruch, aber sie haben weder als
analytisches noch als methodisches Werkzeug Relevanz. Dies gilt in
zweierlei Hinsicht: einerseits verwerfen MarxistInnen den "Austromarxismus"
aufgrund seiner fatalen inhaltlichen Fehler, andererseits möchten
diejenigen politisch tätigen Menschen in Sozialdemokratie und
Gewerkschaft, die keinerlei systemtranszendente Perspektiven
verfolgen, nicht einmal mit diesem harmlosen "Halb-Marxismus" in
Berührung kommen. Werden Otto Bauer oder Max Adler von
österreichischen MarxistInnen oder solchen, die sich dafür halten
möchten, dennoch ins Spiel gebracht, so steht dahinter in der Regel
nur ein besonders bizarrer Nationalismus, der inhaltliche Schwächen
großzügig ausblendet. Das heißt nun nicht, dass Bauers Werkausgabe ein
Fall für den Altpapiercontainer wäre, denn einzelne Lehrschriften, die
sich im Rahmen der Erkenntnisse von Marx und Engels bewegen, mögen
brauchbar sein, genauso wie viele Texte als historische Dokumente von
Interessen sein können und lehrreich zeigen, wie es nicht geht.
Verworfen werden muss jedoch in jedem Fall das eigenständige
revisionistische Kernstück des "Austromarxismus", d.h. die
Auffassungen über den Staat und die bürgerliche Demokratie inklusive
der damit verbundenen strategischen Implikationen und Orientierungen -
denn diese basieren, wie die Realität gezeigt hat, auf schlimmen
Fehleinschätzungen. Diesbezüglich entbehrt es zweifellos nicht einer
gewissen Komik (und leider auch einer ebensolchen Tragik), dass diese
Fehleinschätzungen genau das sind, was sich die SPÖ nach dem Zweiten
Weltkrieg aus dem Repertoire des "Austromarxismus" zwischenzeitlich
angeeignet hat. Bis 1998 bekannte sich die SPÖ zur Utopie des
"demokratischen Sozialismus", den sie sodann im gegenwärtig gültigen
Parteiprogramm durch die "soziale Demokratie" ersetzte. Dahinter steht
- wir haben das bereits ausführlich besprochen - die fatale Illusion
eines klassenindifferenten Demokratiebegriffs. Und es steckt schon
eine ganz außergewöhnliche Ironie dahinter, dass diejenigen, die sich
diesbezüglich zu guter letzt dann doch auf den "Austromarxismus"
berufen wollen, Otto Bauers Vermächtnis ignorieren, nämlich seine
durchaus kritische Selbstrevision nach dem Scheitern des "dritten
Weges" der SDAP, seine Warnung vor dem Wiederholen derselben Fehler.
Wir haben diese Passage weiter oben schon angeführt - Bauer schreibt
über die Niederlage der Sozialdemokratie gegen den Faschismus:
"Diese Erfahrung zerstört die Illusion des reformistischen
Sozialismus, dass die Arbeiterklasse friedlich und allmählich durch
bloße Ausnützung der demokratischen Institutionen, ohne revolutionären
Sprung die Formen der Demokratie mit sozialistischem Inhalt erfüllen,
die kapitalistische Gesellschaftsordnung zu einer sozialistischen
entwickeln könne. Hat die Arbeiterklasse erlebt, dass die Schärfe der
Klassengegensätze die Demokratie sprengt, um die faschistische
Diktatur des Kapitals aufzurichten, so muss sie erkennen, dass eine
vollkommene und dauerhafte Volksfreiheit erst gesichert sein wird,
wenn die Klassen selbst und damit die Klassengegensätze der
kapitalistischen Gesellschaftsordnung aufgehoben sein werden. Hat sie
gehofft, durch Ausnützung der Demokratie eine sozialistische
Gesellschaftsordnung erringen zu können, so muss sie jetzt erkennen,
dass sie zuerst ihre eigene Herrschaft erkämpfen und durch sie eine
sozialistische Gesellschaftsordnung aufbauen muss, ehe eine
vollkommene und dauerhafte Demokratie möglich wird." (Werkausgabe,
Wien 1976, Band 4, S. 159) - Nun ist die heutige SPÖ ohnedies weit
davon entfernt, auch nur ansatzweise sozialistische Positionen zu
beziehen, wie sie das "Linzer Programm" trotz aller Mängel
beinhaltete. Wenn heute in der Sozialdemokratie von einem "dritten
Weg" die Rede ist, dann ist nicht jener des "Austromarxismus", sondern
der von Tony Blair und Gerhard Schröder gemeint, d.h. neoliberale
Politik, Sozialabbau, Privatisierungen und Militarisierung durch die
"neue Mitte" bzw. "New Labour". Hier gibt es keinen "Mittelweg" mehr
zwischen Reformismus und Revolution, sondern bestenfalls einen
zwischen radikalem Konterreformismus und Stillstand: also neoliberaler
Konterreformismus der kleinen Schritte. Der frühere
SPÖ-Bundesgeschäftsführer Andreas Rudas formulierte treffend: "Nicht
links, nicht rechts, sondern vorwärts!" - Vorwärts, Hand in Hand mit
dem Kapital, um den reformistischen Schutt aus der Kreisky-Ära
endgültig zu beseitigen. Die Sozialdemokratie als Organisation der
ArbeiterInnenklasse kann jedoch nur ein "Zurück" zum Marxismus retten.
Insofern könnte von einem theoretischen Fortschritt gesprochen werden,
wenn wenigstens die "radikal-reformistischen" Positionen des "Austromarxismus"
in der SPÖ Gewicht hätten - aber auch das könnte höchstens ein
Durchgangspunkt für ein wirklich revolutionär-marxistisches Programm
sein, das nicht bei untauglichen Konzepten und Bauer’schen
Halbwahrheiten stehen bleibt, sondern konsequent zielbewusste
Klassenpositionen bezieht in der Tradition der Lehren von Karl Marx
und Friedrich Engels.
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