|
Einleitung
Wir
leben im Zeitalter einer großen sozialen Umwälzung, die mit jedem Tage
weitere Fortschritte macht. Eine stets stärker werdende Bewegung und
Unruhe der Geister macht sich in allen Schichten der Gesellschaft
bemerkbar und drängt nach tiefgreifenden Umgestaltungen. Alle fühlen,
dass der Boden schwankt, auf dem sie stehen. Eine Menge Fragen sind
aufgetaucht, die immer weitere Kreise beschäftigen, über deren Lösung
für und wider gestritten wird. Eine der wichtigsten dieser Fragen, die
immer mehr in den Vordergrund tritt, ist die Frauenfrage.
Bei
dieser handelt es sich um die Stellung, welche die Frau in unserem
sozialen Organismus einnehmen soll, wie sie ihre Kräfte und
Fähigkeiten nach allen Seiten entwickeln kann, damit sie ein volles,
gleichberechtigtes und möglichst nützlich wirkendes Glied der
menschlichen Gesellschaft werde. Von unserem Standpunkt fällt diese
Frage zusammen mit der Frage, welche Gestalt und Organisation
die menschliche Gesellschaft sich geben muss, damit an Stelle von
Unterdrückung, Ausbeutung, Not und Elend die physische und soziale
Gesundheit der Individuen und der Gesellschaft tritt. Die Frauenfrage
ist also für uns nur eine Seite der allgemeinen sozialen Frage, die
gegenwärtig alle denkenden Köpfe erfüllt und alle Geister in Bewegung
setzt; sie kann daher ihre endgültige Lösung nur finden durch die
Aufhebung der gesellschaftlichen Gegensätze und Beseitigung der aus
diesen hervorgehenden Übel.
Dennoch ist notwendig, die Frauenfrage speziell zu behandeln. Einmal
berührt die Frage, wie die Stellung der Frau früher war, gegenwärtig
ist und künftig sein wird, wenigstens in Europa die größere Hälfte der
Gesellschaft, weil das weibliche Geschlecht die größere Hälfte
der Bevölkerung bildet. Auch sind die Vorstellungen über die
Entwicklung, welche die gesellschaftliche Stellung der Frau im Laufe
der Jahrtausende erfahren hat, so wenig der Wirklichkeit entsprechend,
dass Aufklärung hierüber eine Notwendigkeit ist. Beruht doch auf der
Nichtkenntnis und dem Nichtverständnis der Lage der Frau ein gut Teil
der Vorurteile, mit welchen in den verschiedensten Kreisen, und nicht
zuletzt im Kreise der Frauen selbst, die immer stärker werdende
Bewegung betrachtet wird. Viele behaupten sogar, es gebe keine
Frauenfrage, denn die Stellung, welche bisher die Frau eingenommen
habe und auch in Zukunft einnehmen solle, sei durch ihren
"Naturberuf", der sie zur Gattin und Mutter bestimme und auf die
Häuslichkeit beschränke, gegeben. Was jenseits ihrer vier Pfähle oder
nicht im engstem Zusammenhang mit ihren häuslichen Pflichten vorgehe,
berühre sie nicht.
Es
stehen sich also in der Frauenfrage ebenso wie in der allgemeinen
sozialen Frage, in der die Stellung der Arbeiterklasse in der
Gesellschaft die Hauptrolle spielt, verschiedene Parteien gegenüber.
Jene, die alles beim alten lassen wollen, sind mit der Antwort rasch
bei der Hand und glauben die Sache damit abgetan, dass sie die Frau auf
ihren "Naturberuf" verweisen. Sie sehen nicht, dass Millionen Frauen
gar nicht in der Lage sind, den ihnen vindizierten "Naturberuf" als
Hauswirtinnen, Kindergebärerinnen und Kindererzieherinnen zu erfüllen,
aus Gründen, die ausführlich entwickelt werden sollen, dass Millionen
andere diesen Beruf zu einem guten Teile verfehlt haben, weil die Ehe
für sie zum Joch und zur Sklaverei wurde und sie in Elend und Not ihr
Leben dahinschleppen müssen. Das kümmert freilich diese "Weisen"
ebensowenig wie die Tatsache, dass Millionen Frauen in den
verschiedensten Lebensberufen, oft in unnatürlichster Weise und weit
über das Maß ihrer Kräfte, sich abrackern müssen, um das nackte Leben
zu fristen. Sie verschließen vor dieser unliebsamen Tatsache ebenso
Augen und Ohren wie vor dem Elend des Proletariers, zudem sie sich und
andere trösten, dass es "ewig" so gewesen sei und "ewig" so bleiben
werde. Dass die Frau das Recht hat, an den Kulturerrungenschaften
unserer Zeit vollen Anteil zu nehmen, sie für die Erleichterung und
Verbesserung ihrer Lage auszunutzen und alle ihre geistigen und
körperlichen Fähigkeiten zu entwickeln und zu ihrem Besten anzuwenden
so gut wie der Mann, davon wollen sie nichts wissen. Und sagt man
ihnen noch, dass die Frau auch ökonomisch unabhängig sein müsse, um es
körperlich und geistig zu sein, damit sie nicht mehr von dem
Wohlwollen und der Gnade des anderen Geschlechts abhängig ist, dann
hat ihre Geduld ein Ende, ihr Zorn entbrennt, und es folgt ein Strom
heftiger Anklagen über die "Verrücktheit der Zeit" und "ihre
wahnwitzigen emanzipatorischen Bestrebungen".
Dieses
sind die Philister männlichen und weiblichen Geschlechts, die sich aus
dem engen Kreise ihrer Vorurteile nicht herausfinden können. Es ist
das Geschlecht der Käuzchen, das überall ist, wo Dämmerung herrscht,
und erschreckt aufschreit, sobald ein Lichtstrahl in das ihm
behagliche Dunkel fällt.
Ein
anderer Teil der Gegner der Bewegung kann allerdings vor den
lautredenden Tatsachen die Augen nicht verschließen; er gibt zu, dass
in keinem früheren Zeitalter ein großer Teil der Frauen im Vergleich
zur gesamten Kulturentwicklung sich in so unbefriedigender Lage
befunden hat als gegenwärtig und dass deshalb es notwendig sei, zu
untersuchen, wie man ihre Lage hebe, insofern sie auf sich selbst
angewiesen bleiben. Dagegen erscheint diesem Teil der Gegner für jene
Frauen, die in den Hafen der Ehe eingelaufen sind, die soziale Frage
gelöst.
Dieser
Teil verlangt deshalb, dass der unverheirateten Frau diejenigen
Arbeitsgebiete, für die ihre Kräfte und Fähigkeiten sich eignen,
erschlossen werden, damit sie mit dem Manne in den Wettbewerb
eintreten könne. Manche gehen noch weiter und fordern, der Wettbewerb
solle nicht auf das Gebiet der niederen Beschäftigungs- und
Berufsarten beschränkt bleiben, sondern solle sich auch auf die
höheren Berufe, die Gebiete der Kunst und Wissenschaft, erstrecken;
sie fordern die Zulassung der Frauen zum Studium auf allen höheren
Bildungsanstalten, namentlich auch zu den Universitäten. Man
befürwortet ferner, die Zulassung zu Anstellungen im Staatsdienst
(Post, Telegraphie, Eisenbahndienst), und zwar mit Hinweis auf die
Resultate, die besonders in den Vereinigten Staaten durch Frauen
erzielt wurden. Der eine und der andere stellt auch die Forderung,
politische Rechte den Frauen zu gewähren. Die Frau sei so gut Mensch
und Staatsangehöriger wie der Mann, und die bisher ausschließliche
Handhabung und Gesetzgebung durch die Männer beweise, dass diese ihr
Privilegium nur zu ihren Gunsten ausbeuteten und die Frau in jeder
Beziehung bevormundeten, was verhindert werden müsse.
Das
Bemerkenswerte an diesen hier kurz gekennzeichneten Bestrebungen ist,
dass sie über den Rahmen der heutigen Gesellschaftsordnung nicht
hinausgreifen. Die Frage wird nicht aufgeworfen, ob damit für die Lage
der Frauen im allgemeinen etwas Wesentliches und Durchgreifendes
erreicht sei. Auf dem Boden der bürgerlichen, das heißt der
kapitalistischen Gesellschaftsordnung stehend, betrachtet man die
bürgerliche Gleichberechtigung von Mann und Frau als endgültige Lösung
der Frage. Man ist sich nicht bewusst oder täuscht sich darüber hinweg,
dass, soweit die ungehinderte Zulassung der Frau zu den gewerblichen
und industriellen Berufen in Frage kommt, tatsächlich dieses Ziel
erreicht ist und seitens der herrschenden Klassen die kräftigste
Förderung in ihrem eigenen Interesse findet. Unter den gegebenen
Verhältnissen muss aber die Zulassung der Frauen zu allen industriellen
und gewerblichen Tätigkeiten die Wirkung haben, dass der
Konkurrenzkampf der Arbeitskräfte immer schärfer wird, und das
Schlussergebnis ist: Herabdrückung des Einkommens für die weibliche und
für die männliche Arbeitskraft, bestehe dieses in der Form von Lohn
oder Gehalt.
Dass
diese Lösung nicht die rechte sein kann, ist klar. Die volle
bürgerliche Gleichstellung der Frau ist nicht bloß das letzte Ziel der
Männer, die diesen Frauenbestrebungen auf dem Boden der heutigen
Gesellschaftsordnung freundlich gegenüberstehen, sondern es wird auch
von den in der Bewegung tätigen bürgerlichen Frauen als solches
anerkannt. Sie und die ihnen gleichgesinnten Männer stehen also mit
ihren Forderungen im Gegensatz zu dem Teil der Männerwelt, der aus
philiströser Beschränktheit und, soweit die Zulassung der Frauen zum
höheren Studium und den besser bezahlten öffentlichen Stellen in Frage
kommt, aus niedrigem Eigennutz und Konkurrenzfurcht der Bewegung
feindlich gesinnt ist, aber ein Klassengegensatz, wie zwischen der
Arbeiter- und der Kapitalistenklasse, besteht nicht.
Nimmt
man an, dass die bürgerliche Frauenbewegung alle ihre Forderungen für
Gleichberechtigung mit den Männern durchsetzte, so wäre damit weder
die Sklaverei, was für unzählige Frauen die heutige Ehe ist, noch die
Prostitution, noch die materielle Abhängigkeit der großen Mehrzahl der
Ehefrauen von ihren Eheherren aufgehoben. Für die große Mehrzahl der
Frauen ist es auch gleichgültig, ob einige Tausend ihrer
Geschlechtsgenossinnen, die den günstiger situierten Schichten der
Gesellschaft angehören, in das höhere Lehrfach, die ärztliche Praxis
oder in irgendeine wissenschaftliche oder Beamtenlaufbahn gelangen.
Hierdurch wird an der Gesamtlage des Geschlechts nichts
geändert.
Das
weibliche Geschlecht in seiner Masse leidet in doppelter Beziehung:
Einmal leidet es unter der sozialen und gesellschaftlichen
Abhängigkeit von der Männerwelt - diese wird durch formale
Gleichberechtigung vor den Gesetzen und in den Rechten zwar gemildert,
aber nicht beseitigt - und durch die ökonomische Abhängigkeit, in der
sich die Frauen im allgemeinen und die proletarischen Frauen im
besonderen gleich der proletarischen Männerwelt befinden.
Daraus
ergibt sich, dass alle Frauen ohne Unterschied ihrer sozialen Stellung,
als ein durch unsere Kulturentwicklung von der Männerwelt beherrschtes
und benachteiligtes Geschlecht, das Interesse haben, diesen Zustand
soweit als möglich zu beseitigen durch Änderungen in den Gesetzen und
Einrichtungen der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung. Die
enorme Mehrheit der Frauen ist aber auch aufs lebhafteste dabei
interessiert, die bestehende Staats- und Gesellschaftsordnung von
Grund aus umzugestalten, um sowohl die Lohnsklaverei, unter der
das weibliche Proletariat am meisten schmachtet, wie die
Geschlechtssklaverei, die mit unseren Eigentums- und Erwerbszuständen
aufs innigste verknüpft ist, zu beseitigen.
Die in
der bürgerlichen Frauenbewegung stehenden Frauen begreifen die
Notwendigkeit einer solchen radikalen Umgestaltung nicht. Beeinflusst
von ihrer bevorzugteren Stellung, sehen sie in der weitergehenden
proletarischen Frauenbewegung gefährliche und nicht zu billigende
Bestrebungen, die sie zu bekämpfen haben. Der Klassengegensatz, der
zwischen der Kapitalisten- und Arbeiterklasse klafft und sich bei der
Zuspitzung unserer Verhältnisse immer schroffer entwickelt, ist also
auch innerhalb der Frauenbewegung vorhanden.
Immerhin haben die feindlichen Schwestern weit mehr als die im
Klassenkampf gespaltene Männerwelt eine Reihe Berührungspunkte, in der
sie, getrennt marschierend, aber vereint schlagend, den Kampf führen
können. Das ist auf allen Gebieten der Fall, auf welchen die
Gleichberechtigung der Frauen mit den Männern, auf dem Boden der
gegenwärtigen Staats- und Gesellschaftsordnung, in Frage kommt: also
die Betätigung des Weibes auf allen Gebieten, für die ihre Kräfte und
Fähigkeiten reichen, und für die volle zivilrechtliche und politische
Gleichberechtigung mit dem Manne. Das sind sehr wichtige und, wie sich
zeigen wird, sehr umfangreiche Gebiete. Daneben hat die proletarische
Frauenwelt das besondere Interesse, Hand in Hand mit der
proletarischen Männerwelt für alle Maßregeln und Einrichtungen zu
kämpfen, welche die arbeitende Frau vor physischer und moralischer
Degeneration schützen und ihr die Fähigkeiten als Mutter und
Erzieherin der Kinder sichern. Des weiteren hat die Proletarierin
gemeinsam mit ihren männlichen Klassen- und Schicksalsgenossen den
Kampf für eine Umwandlung der Gesellschaft von Grund aus aufzunehmen,
um einen Zustand herbeizuführen, der die volle ökonomische und
geistige Unabhängigkeit beiden Geschlechtern durch entsprechende
soziale Einrichtungen ermöglicht.
Es
handelt sich also nicht nur darum, die Gleichberechtigung der Frau mit
dem Manne auf dem Boden der bestehenden Staats- und
Gesellschaftsordnung zu verwirklichen, was das Ziel der bürgerlichen
Frauenbewegung ist, sondern darüber hinaus alle Schranken zu
beseitigen, die den Menschen vom Menschen, also auch das eine
Geschlecht von dem anderen, abhängig machen. Diese Lösung der
Frauenfrage fällt mit der Lösung der sozialen Frage zusammen. Es muss
daher, wer die Lösung der Frauenfrage in vollem Umfange erstrebt, mit
jenen Hand in Hand gehen, welche die Lösung der sozialen Frage als
Kulturfrage für die gesamte Menschheit auf ihre Fahne geschrieben
haben, das sind die Sozialisten.
Von
allen Parteien ist die sozialdemokratische Partei die einzige,
welche die volle Gleichberechtigung der Frau, ihre Befreiung von jeder
Abhängigkeit und Unterdrückung in ihr Programm aufgenommen hat, nicht
aus agitatorischen Gründen, sondern aus Notwendigkeit. Es gibt
keine Befreiung der Menschheit ohne die soziale Unabhängigkeit und
Gleichstellung der Geschlechter.
|