|
Unsere
Revolution, die den Abschluß der „Vorgeschichte der
Menschheit“ bildet und die ersten Seiten ihrer
wirklichen Geschichte einleitet, ist durch ihre
gewaltigen und völlig neuen Versuche überaus
interessant und lehrreich. Greift man jetzt
beispielsweise zu dem bekannten Buch von Kautsky
„Über die soziale Revolution“, so erscheint dort
vieles geradezu wie ein kindliches Lallen. Es fehlte
damals noch das empirische Material, um über die
konkreten Formen der proletarischen Diktatur, wie
überhaupt über alle konkreten Bedingungen zu ihrer
Durchführung urteilen zu können. Daß der Sozialismus
aus dem Chaos des Weltkrieges, auf dem Boden einer
erschöpften und blutleer gewordenen Wirtschaft
entsteht, verleiht allein schon der Entwicklung
einen ganz besonderen Zug. Hieran hatten nur die
großen „Alten“ Marx und Engels gedacht, während die
jämmerlichen Epigonen, die künftigen Helden der
zweiten Internationale, fast nie daran gedacht
haben. In diesem Sinne ist an der russischen
Revolution alles neu. Daher wird kein ernster
Revolutionär in Deutschland oder in Argentinien an
dem gigantischen Laboratorium, das Sowjetrußland
heute darstellt, achtlos vorübergehen.
Die russische Revolution hat in erster Reihe die
Frage nach der Form der Diktatur beantwortet. Sie
hat eine Antwort erteilt auf die Frage, wie die
proletarische Staatsmacht gebildet sein muß. Die
Räte, die Rätemacht - das ist die durch unsere
Revolution geborene Form. Zunächst konnte man
glauben, daß die Räte ein spezifisch russisches
Produkt wären. Die weiteren Erfahrungen, die
Erfahrungen Westeuropas, haben bewiesen, daß dies
eine Universalform ist, die in den grundlegenden
Bedingungen für den Kampf der Arbeiterklasse gegen
die Bourgeoisie wurzelt. Daher müssen alle, die
tatsächlich für die Diktatur des Proletariats
eintreten, für die Räte- macht kämpfen. Gegenwärtig
ist man schon daran gewöhnt, und es gilt an sich als
eine selbstverständliche Sache. Aber erst unsere
Revolution hat uns diesen Grundsatz der
proletarischen Politik geschenkt.
Unsere Revolution hat zum ersten Mal die Rolle und
die Bedeutung des proletarischen Vortrupps - der
Kommunistischen Partei - in ihrer ganzen gewaltigen
Bedeutung aufgezeigt. Niemand hat sich eine konkrete
Vorstellung davon gemacht, wieweit nach Eroberung
der Macht ihre Bedeutung wächst, niemand hat sich
ein Bild davon gemacht, welche ausschließliche und
entscheidende organisatorische Rolle diese
wichtigste Organisation der Arbeiterklasse wird
spielen müssen. Früher stellte man sich die Rolle
der Partei mehr oder minder nach parlamentarischer
Art vor, bestenfalls sah man in ihr ein gewisses
kontrollierendes oder regelndes Organ. Und in
Wirklichkeit? In Wirklichkeit ist die Partei überall
tätig, und nur deshalb ist die proletarische
Diktatur imstande, sich zu halten. Das
Transportwesen, die Fabriken, Badeanstalten,
Kasernen, die Brotbeschaffung, die Regimenter und
Divisionen, der Sanitätsdienst, die Gruppe, die für
die Beseitigung des Analphabetentums zu sorgen hat,
die politische Abteilung im Heere - alles, was man
will, alles, was vorwärts getrieben, organisiert, zu
neuem Leben erweckt, aufgebaut werden muß, alles
geschieht durch die Räte, die Gewerkschaften und
Tausende von Partei- Organisationen. Die Partei
gewährleistet die Einheitlichkeit des Handelns, sie
beherrscht nicht nur, sondern sie leitet alle
Gebiete des Lebens, sie steht in ihrer Bedeutung als
organisatorische und schöpferische Kraft einzig da.
Dies hat unsere Revolution gezeigt, und sie hat die
Notwendigkeit hierfür bewiesen.
Früher liebte man auch, von der Herrschaft der
Arbeiterklasse zu sprechen. Doch erst die jetzige
Erfahrung zeigt deutlich, wie diese Herrschaft zu
verwirklichen ist. Und gerade hier besitzen wir, wie
bereits oben erwähnt, reiche Erfahrungen auf dem
Gebiete der Heranziehung der proletarischen Massen
zur Mitarbeit. Die Rolle der Arbeiter im Heere, die
Mobilisierungen durch die Partei und die
Gewerkschaften, die Verpflegungstrupps und die
Verpflegungsarmeen, unsere wirtschaftlichen
Feldzüge, die Struktur unserer wirtschaftlichen
Organe, die Rolle der Gewerkschaften, die Arbeiter-
und Bauerninspektionen, die parteilosen Konferenzen
- das alles sind neue Worte und sind von unserer
Revolution gesprochen.
Die Schaffung eines neuen Stammes von
Verwaltungsbeamten aus den Reihen der Arbeiter,
eines neuen Menschenschlages - auch das ist eine
unserer größten Errungenschaften, und vielleicht
sogar die größte von allen. Wir haben jetzt bereits
gründlich die Vergangenheit vergessen. Es erscheint
uns nicht mehr verwunderlich, wenn man an der Spitze
eines Kreises oder eines Gouvernements einen
Petersburger Metallarbeiter oder Moskauer
Textilarbeiter sieht, wenn ein Friseur eine Division
befehligt, wenn ein Maler in der Parteischule
unterrichtet, und wenn ein Landarbeiter über die
Ursächlichkeit und Teleologie in den sozialen
Wissenschaften referiert. Wir staunen schon nicht
mehr darüber, daß eine ganze Schicht von Menschen
existiert, die für die Revolution entstanden sind,
die ihre „Goldene Hand“ bilden, die sich zu allem
eignen, die heute im Kampf die Führung haben, morgen
die Brotrationierung zur Durchführung bringen und
übermorgen die Leitung einer Fabrik übernehmen oder
mit der Waffe in der Hand eine weißgardistische
Verschwörung niederschlagen. Uns wundert nicht mehr,
daß das frühere Dienstmädchen oder die frühere
Köchin an der Spitze einer politischen Abteilung
steht oder die Sekretärin eines Parteikomitees ist,
daß sie erst auf dem einen Gebiet und dann auf einem
anderen tätig ist und überall mit eigenen Händen
neue Lebensverhältnisse schafft. Es genügt, die
Jetztzeit mit der Vergangenheit zu vergleichen, um
den ganzen Unterschied zu begreifen und zu
empfinden. Kälte und Hunger sind noch vorhanden.
Dafür sind aber auch Menschen da, und ihre Zahl
wächst von Tag zu Tag, die diesen Hunger und diese
Kälte überwinden und das Land von seinen Qualen
befreien werden.
Es werden jedoch nicht nur Stammtrupps neuer
Menschen aus den Kreisen der Arbeiter und Bauern
geschaffen. Die ganze Psychologie der Massen, der
ganze Horizont, die ganze Denkungsart erfährt eine
Veränderung zum Besseren. Es gilt bei den
„bürgerlichen Beobachtern“ und ihren Nachbetern
(gleichgültig, wie sie sich nennen) als das Zeichen
eines guten Tones, über die Passivität der Massen in
Sowjetrußland zu sprechen. Die reale Bewertung
dessen, was geschieht, und die die Gegenwart der
Vergangenheit gegenüberstellt, besagt etwas anderes.
Die Massen-Psychologie spiegelt sich wohl am besten
in der Sprache wider. Vergleicht die heutige Sprache
des Dorfes mit jener aus der vorrevolutionären Zeit,
und ihr werdet den Abgrund, der sie trennt,
erkennen. Die jetzige Sprache kann fast eine
literarische genannt werden. Und der „Horizont“? Hat
er sich nicht mit einer ans Märchenhafte grenzenden
Schnelligkeit erweitert? Hat das russische Volk, im
weitesten Sinne des Wortes, nicht aufgehört, jene
verkörperte Stupidität zu sein, über die die
vielgelehrten Intellektuellen aus der Familie der
Blasierten gehöhnt haben? Die Aufrüttelung der
Geister ist eine gewaltige, eine nie dagewesene.
Die Revolution hat aber auch eine Menge Neues im
Sinne der Umerziehung der Menschen auf noch andere
Weise gegeben. Die kommunistischen Samstage - ist
das nicht ein modernes neues Wort? Früher hat nie
jemand daran gedacht, niemand hat es vorausgeahnt.
Es wurde vielmehr von der Revolution, ebenso wie die
Rätemacht selbst, „entdeckt“. Alle Formen
gemeinschaftlicher Arbeit, mit den freiwilligen
Samstagen beginnend bis zu den Arbeitsheeren und der
Arbeitspflicht in unserer Formulierung, sind
Versuche von unermeßlicher Bedeutung. Wir selbst
wissen noch wenig über uns. Vieles lassen wir noch
im Schatten stehen. Dem Schreiber dieser Zeilen sind
Fälle bekannt, in denen unser aktives Heer den
Bauern die Äcker bestellt, die Geräte repariert,
Schulen gebaut, Kinderfeste veranstaltet hat, auf
denen die Angehörigen der Roten Armee, die selbst
nicht einmal mehr Stiefel an den Füßen hatten, ihr
Letztes opferten. Es sind dies Keime jener
herrlichen menschlichen Seele, die in der neuen
Lebensordnung erblühen wird.
Die Aufklärung der Massen ist von ganz anderer Art
wie früher - wer hätte in der guten alten Zeit dies
auch nur erträumen können? Wer war imstande, die
Agitation und Propaganda in einem solchen Umfange zu
betreiben wie wir? Wer hat davon träumen können,
ganze Feldzüge zur Beseitigung des Analphabetentums
zu organisieren? Wer hat wo und wann die gewaltige
Bedeutung solcher Feldzüge überhaupt erfaßt, bei
denen die kombinierte Einwirkung verschiedener
Faktoren Massenresultate ergeben?
Wir sind noch bettelarm, aber nicht geistig arm.
Stunde um Stunde, Tag um Tag wachsen uns immer neue
Kräfte. Aus dem unglaublichen Wirrwarr, dem
verflixten Hexenkessel, aus dem Meer der
kleinbürgerlichen Elemente, aus einem Berg von
Schlacken entstehen immer deutlicher erkennbar die
Umrisse unserer Zukunft. Man rief uns zu: Nieder mit
dem Monopol, es lebe der freie Handel! Aber wir
ließen unser Transportwesen nicht zerstören und
stürzten uns den Spekulanten nicht in die Arme. Und
in der Lebensmittelversorgung ist eine Besserung
eingetreten. Man rief uns zu: Alle werden infolge
eurer Methoden erfrieren! Und auch mit der
Brennstoffversorgung ist es besser geworden. Und
zwar deshalb, weil uns neue Kräfte erwachsen, weil
unser Apparat eine Vervollkommnung erfährt, deshalb,
weil im praktischen Leben, in dem Kampf ums Leben,
unsere Arbeiterklasse, der große Schöpfer, Märtyrer
und standhafte Kämpfer für das Glück der Menschheit;
für die wahre Geschichte der Menschheit, lernt.
|