|
|39|
Noch nicht einmal ein Monat ist seit der Bildung der neuen
Regierung vergangen, und doch ist schon deutlich sichtbar,
dass es sich nicht einfach um eine Regierung schlechthin,
sondern um eine revolutionäre Volksregierung handelt, die sich
auf die Nation stützen muss, um ihre brennenden Aufgaben
entschlossen lösen zu können. Zum erstenmal in der Geschichte
unseres Landes sind in der Regierung vier Arbeiter vertreten,
nicht aber die Abgesandten des Imperialismus, der großen
Unternehmen und der Großgrundbesitzer.
Erste
Maßnahmen der neuen Regierung
Ohne irgend jemanden um
Erlaubnis zu fragen, hat die neue Regierung die Beziehungen zu
Kuba wiederaufgenommen, den chilenischen Vertreter aus der
sogenannten UNO-Kommission für die Wiedervereinigung Koreas
zurückgezogen, diplomatische Beziehungen mit Nigeria
aufgenommen, die Handelsbeziehungen mit der Koreanischen
Volksdemokratischen Republik normalisiert und erweitert. Sie
stimmte für die Aufnahme der Volksrepublik China in die UNO
und machte den fortwährenden Erhöhungen des US-Dollar-Wertes
im Lande ein Ende. Die Regierung hat eine Reihe von Maßnahmen
getroffen, die ihre Würde und Unabhängigkeit gegenüber den
Interessen und Erpressungsmethoden des Imperialismus deutlich
werden lassen.
Die entlassenen Arbeiter und
Angestellten der Betriebe El Salvador, Empresa Nacional de
Mineria und der Fluggesellschaft Linea Aérea Nacional
erhielten wieder eine Beschäftigung. Über 20 Preiserhöhungen,
die noch die alte Regierung verfügt hat, wurden |40|
annulliert. Die Tarife für Elektroenergie entsprechen jetzt
wieder dem alten Stand. Die Aufgabe, jedem Kind einen halben
Liter Milch täglich zukommen zu lassen, ist in Angriff
genommen. Die medizinische Betreuung in den Ambulatorien und
Polikliniken erfolgt nunmehr kostenlos. Die Grupo Móbil de
Carabineros [eine Polizeieinsatztruppe namentlich zur
Bekämpfung von Demonstranten - die Red.] wurde aufgelöst.
Während man gleichzeitig die Wachsamkeit in den Gemeinden
gegen die Feinde erhöht hat, dienen jetzt die Einsatzfahrzeuge
der Carabineros der öffentlichen Wasserversorgung.
Insgesamt leitete die
Regierung eine Reihe administrativer Maßnahmen ein, die ihre
ehrlichen und aufrichtigen Absichten beweisen. Sie verfügte,
bei den Bauarbeitern für die neue Untergrundbahn in Santiago
zuerst die Arbeiterwohnviertel zu berücksichtigen. Ein
Beschluss sieht die Gründung des Nationalrates für Ökonomie
vor, in dem auch die Gewerkschaften und andere
gesellschaftliche Organisationen vertreten sein werden. Die
Ministerien und alle öffentlichen Ämter stehen jetzt dem
organisierten Volk für Eingaben offen. Ein neuer Leitungsstil
im Kontakt und im Einvernehmen mit den Massen hält Einzug.
Die früheren Regierungen
betrachteten die Angleichung der Löhne an die Preise immer als
eine unlösbare Aufgabe. Das wird sich jetzt ändern. Die
Angleichung muss ein Instrument der sozialen Gerechtigkeit
sein und helfen, die Industrieproduktion zu entwickeln. Es ist
geplant, die Löhne und Gehälter den erhöhten
Lebenserhaltungskosten ohne Abstrich anzupassen. Die
niedrigsten Renten, Minimallöhne und -pensionen, die
Familienbeihilfe für Arbeiter und Bauern, die Einkünfte des
Zivilpersonals der öffentlichen Verwaltung und der Angehörigen
der bewaffneten Kräfte werden erhöht. Die Regierung
beabsichtigt, die Höhe der Spitzengehälter zu begrenzen. Eine
der Hauptaufgaben besteht darin, die Preise zu stabilisieren
und die Arbeitslosigkeit zu verringern.
Die Tragweite der
eigentlichen revolutionären Ziele
Die Politik der
Volksregierung ist darauf gerichtet, für mehr und besser
bezahlte Arbeit zu sorgen, zugunsten breiter Kreise der
Lohnempfänger eine gerechte Verteilung der Einkommen zu
erreichen, die Inflation zu unterbinden, die Kaufkraft der
Massen zu erhöhen und die Kapazität der Industrie voll zu
nutzen. Solch |41| eine Politik entspricht voll und
ganz den Interessen der Arbeiter, des gesamten Landes und de
programmatischen Erklärungen der Unidad Popular. Ihre Politik
ist aber noch weitreichender. Sie zielt auf eine ganz neue
Struktur der Wirtschaft und auf eine Veränderung des
bestehenden Systems ab. Die ganze Tragweite ihrer eigentlichen
revolutionären Ziele dürfte noch deutlicher zutage treten,
wenn in Kürze die größeren Aufgaben in Angriff genommen werden
wie die Nationalisierung der Kupfergruben, der Banken, die
Verstaatlichung einer Reihe monopolistischer
Industriebbetriebe und wichtiger Unternehmen des Außenhandels,
die tiefgreifenden und schnellen Veränderungen auf dem Lande.
Die Verwirklichung dieser Hauptaufgaben des gemeinsamen
Programms erfordert einen fortwährenden Kampf des Volkes und
der Regierung. Sie müssen stets die gleiche Marschrichtung
beibehalten und das richtige Ziel anvisieren.
Alle Probleme und Aufgaben,
vor denen die Volksregierung steht, sind nur mit Hilfe der
kampfbereiten Massen zu bewältigen. Deshalb begrüßen wir die
Haltung der einheitlichen Gewerkschaftsorganisation (Central
Unica de Trabajadores), die Wirtschaftspolitik der Regierung
entschlossen zu unterstützten, die Zusage der
Jugendorganisationen an die Unidad Popular, 50.000 Jugendliche
für freiwillige Arbeiten beim Bau von Sportanlagen,
Schwimmbecken, Parks, Häusern und Straßen zu mobilisieren, und
den Beschluss des Studentenbundes (Federacion de Estudiantres),
aktiv bei der Überwindung des Analphabetismus und bei der
Wiederaufforstung mitzuhelfen.
Die Interessen der Arbeiter
und Volksmassen insgesamt hängen nicht mehr vom Gelingen
dieser oder jenen spezifischen Kampagne für ihre Forderungen
ab, sondern vom Schicksal der Regierung der Unidad Popular,
von der Erfüllung ihrer programmatischen Ziele.
Die Arbeiterklasse hat jetzt
eine größere Verantwortung zu tragen. Auf Grund ihrer
zahlenmäßigen Stärke, ihre politischen Bewusstseins, des
Grades ihrer Organisiertheit und der Tatsache, dass sie in den
größten Industriezentren zusammengeballt ist, kann und muss
sie diszipliniert, kampfbereit und schöpferisch handeln und
entscheidend auf den Verlauf der Ereignisse einwirken.
Die Regierung, an deren
Spitze Salvador Allende steht, ist vor allem eine
Errungenschaft der Arbeiterklasse. Ihre soziale Zusam- |42|
mensetzung und ihr Programm geben ihr die reale Möglichkeit,
Kurs auf den Sozialismus zu nehmen, der die Ausbeutung des
Menschen durch den Menschen beseitigt. Deshalb ist es aller
Anstrengungen der Arbeiterklasse im Bündnis mit den Bauern und
den übrigen werktätigen Schichten wert, sich voll und ganz für
den Erfolg dieser Regierung einzusetzen.
Das erfordert in einigen
Fällen eine andere Einstellung und eine andere Geisteshaltung.
Gleichzeitig ist es notwendig, indifferente Positionen ebenso
aufzugeben wie das Denken, das sich nur auf ökonomische
Kategorien oder auf kommunale Ebenen beschränkt.
Der Feind räumt nicht
freiwillig das Feld
Der Sieg unseres Volkes fügt
sich ein in das Bild einer neuen Situation ganz
Lateinamerikas, in der die fortschrittlichen Kräfte im
Vormarsch sind. Unser Sieg ist gleichzeitig beredter Ausdruck
für diese Erscheinung.
Lateinamerika ist keine
erstarrte Welt, sondern im Aufbruch zu einem besseren Leben.
Der Imperialismus war nicht imstande, die Wege zu versperren,
die mit der kubanischen Revolution zu einer neuen,
historischen Etappe auf unserem Kontinent führten. Mehr noch,
die Yankee-Imperialisten sahen sich außerstande, in der
gewohnten Weise zu intervenieren. Sie sind in anderen Teilen
der Erde zu sehr engagiert, vor allem in Südostasien. Sie
wissen auch, dass ein Frontalangriff gegen Chile alle Völker
des Kontinents zum Kampf mobilisieren würde. Ich denke an jene
Völker, die ihre Sympathien und ihre Unterstützung für diese
neue revolutionäre Volksregierung bereits bekundet haben. Wir
können also mit der internationalen Solidarität rechnen. Aber
wir Chilenen sind in allererster Linie selbst dafür
verantwortlich, den errungenen Sieg zu festigen. Das ist
unsere oberste Pflicht gegenüber den Brudervölkern
Lateinamerikas und der gerechten Sache der ganzen Menschheit.
Das Volk hat die
Regierungsgewalt übernommen und damit einen Teil der
politischen Macht. Diese Errungenschaft muss verteidigt und
gefestigt werden, damit die gesamte politische Macht, der
ganze Staatsapparat unter den Bedingungen einer
pluralistischen Gesellschaft in dessen Hände übergeht.
Außerdem ist es notwendig, den Imperialismus und die
Oligarchie aus den Zentren der wirtschaftlichen Macht zu
verdrängen, die gesamte wirtschaftliche |43| und
politische Macht in den Dienst des nationalen Fortschritts,
des Wohlstandes der breiten Massen, der Kultur und einer neuen
Moral zu stellen.
Das ist eine gigantische
Aufgabe, deren Lösung nur das Ergebnis des gemeinsamen Kampfes
des ganzen Volkes, der Mobilisierung von Millionen Chilenen
sein kann. Der Feind wird uns das Feld nicht freiwillig
räumen. Es ist bekannt, was er alles unternahm, was er
versuchte, um uns erst den Wahlsieg streitig zu machen und die
Bildung der Volksregierung zu verhindern. Er ging so weit, den
Oberkommandierenden des Heeres, General René Schneider, zu
ermorden.
Von der Mehrheit des Volkes
isoliert und gehasst, zog der Gegner sich in den ersten Tagen
unmittelbar nach Bestätigung des Wahlsieges Allendes durch
beide Kammern des Kongresses zunächst etwas zurück. Aber schon
wieder erhebt er sein Haupt und organisiert einen hartnäckigen
Widerstand.
Machenschaften der
Reaktion
Für die Rechten war die
Existenz der Christdemokraten stets ein schwieriges Problem.
Zuweilen versuchte man, sie einfach an die Wand zu spielen.
Jetzt aber will man sie umgarnen. Die Rechten haben einen Plan
ausgeheckt, wonach die Unterstützung einiger grundlegender
Maßnahmen der Volksregierung durch die Christdemokraten
verhindert werden soll. Mit der Wahlniederlage Alessandris
haben sie sowohl ihre letzte Hoffnung im Wahlkampf als auch
ihren Führer verloren. Deshalb versucht man jetzt, den
Expräsidenten Frei zu Chef der Opposition zu machen.
Diese reaktionären
Machenschaften sind von einem Teil der christdemokratischen
Führer wohlwollend aufgenommen worden. Andere Christdemokraten
haben sich allerdings gegen eine mögliche offene und auf
unsicheren Füßen stehende Opposition ausgesprochen und
entschieden. Das sind vor allem jene Kreise, die hinter der
Tageszeitung "La Prensa" stehen.
Es gibt auch solche Elemente,
die das Wohnungselend und die Tatsache ausnutzen, dass die
neue Regierung ein Puerto Montt nie zulassen und auf das Volk
nie schießen lassen würde. Sie haben die Besetzung von Häusern
und Gebäuden durch die Bevölkerung organisiert, die von
Professoren, Angehörigen der Streit- |44| kräfte und
der Fluggesellschaft Linea Aérea Nacional bezogen werden
sollten.
Der Präsident der Republik
selbst ist den reaktionärsten Kräften entgegengetreten. Das
ist unser aller Pflicht. Wir haben in den Ortschaften die
Aufgabe, die Machenschaften der Rechten zu entlarven.
Besonders wir Kommunisten müssen uns ganz offen an die Massen
wenden und die Falschspieler politisch besiegen.
Die Tageszeitung "El Mercurio"
tut das ihre, aber unter einer neuen Maske. Sie passt sich den
veränderten Bedingungen an, um so der Regierung ihre
vermeintliche Reverenz zu erweisen. In den vergangenen Jahren
verleumdete sie hartnäckig Dr. Allende. Im Wahlkampf
behauptete sie, der Sieg des jetzigen Präsidenten bedeute den
Weltuntergang, den Triumph der Kommunistischen und
Sozialistischen Partei. In einem politischen Kommentar vom 8.
November hatte "El Mercurio" die Stirn, zu behaupten: "Sei es,
wie es sei, die öffentliche Meinung sieht im Wahlsieg von Dr.
Allende nicht das Glück einer Gruppe von Parteien, sondern
vielmehr den Sieg eines Führers, der tapfer für die Position
gekämpft hat, die er jetzt hält." Und im nächsten Absatz lässt
sie dann die Katz aus dem Sack: "Der Charakter des
chilenischen Präsidentenamtes befugt den Mann mit einer so
hohen Berufung dazu, sich von den engen Parteiinteressen zu
lösen."
Dieser Schluss des Leib- und
Magenblattes des rechten Klüngels wird ins Leere gehen, weil
Salvador Allende nicht müde wurde, zu bestätigen, dass sein
Sieg nicht der Triumph eines einzelnen Mannes oder einer
Partei sei, sondern der Sieg der Unidad Popular, der Sieg des
Volkes. Das ist im ganzen Land bekannt.
Die verschiedenen
Unternehmergruppen wetteifern miteinander, der neuen Regierung
willfährig ihre Mitarbeit anzubieten. Natürlich muss man
hierbei unterscheiden. Es gibt kleine und mittlere
Kapitalisten, die keinen Grund haben, sich anders zu
verhalten. Sie sind vielmehr geneigt, auf ökonomischem Gebiet
ihre Bereitschaft zur Kooperation zu beweisen. Aber es gibt
andere, die man mit dem Wolf im Schafspelz vergleichen kann.
Heute bieten sie ihre Mitarbeit an und hoffen dann morgen, den
Maßnahmen der Regierung bei der Umstrukturierung der
Wirtschaft zu entgehen. Sie setzen also auf die Konzillianz
der Unidad Popular. Dieses Manöver ist vergebens. Auch dieser
Schuss wird nach hinten losgehen.
|45|
Mit Zähnen und Klauen werden sich die Imperialisten an ihren
Positionen festklammern. Sie werden versuchen, Verwirrung zu
stiften, Misstrauen zu sähen, Intrigen zu spinnen, die
Volkskräfte gegeneinander auszuspielen, die Parteien und ihre
Führer zu korrumpieren. Das Washingtoner Blatt "The National
Observer" sagte die Ermordung Allendes voraus. Diese Zeitung
kennt sogar die mutmaßlichen Täter. Sie verschont
selbstverständlich die Rechten und versucht auf plumpe Weise,
die Linken in Verruf zu bringen. Die Imperialisten und die
einheimische Oligarchie stellen sich auf Subversion ein, und
wenn das ihnen nichts nützt, auf den Staatsstreich. Deshalb
müssen wir alles tun, um ihnen eine Zwangsjacke anzulegen,
bevor sie uns den bewaffneten Kampf aufzwingen können.
Die Verfassung, die Gesetze,
eigentlich die ganze Staatsordnung entsprechen vorwiegend noch
den Interessen der Bourgeoisie und Oligarchie. Wie wir alle
wissen, hat die Bourgeoisie im Parlament, im Justizpalast und
in den Massenkommunikationsmitteln immer noch starke
politische Positionen. Im Nationalkongress verfügt die Unidad
Popular nur über eine einfache relative, aber nicht über die
absolute Mehrheit. Auch das sind Hindernisse, die wir nicht
vergessen dürfen. Hoffen wir, dass die Christdemokraten nicht
die Marschrichtung verlieren und die Nationalisierung der
Kupfergruben sowie andere Maßnahmen unterstützten, die mit den
programmatischen Thesen dieser Partei übereinstimmen und die
einer Sanktion durch die Legislative bedürfen. Wir vertrauen
vor allem auf die Mobilisierung des Volkes und aller
patriotischen Kräfte, die bereits und fähig sein werden, die
Schwierigkeiten überwinden zu helfen.
Unidad
Popular - Eckpfeiler für den Sieg
Nach der letzten
Verfassungsreform hat der Präsident der Republik das Recht,
einen Volksentscheid auszurufen, um das Parlament im Falle
eines Konflikts auflösen zu können. Zu gegebener Zeit wird man
davon Gebrauch machen müssen, um einer neuen Verfassung, einer
neuen Staatsordnung, einem Volksstaat zum Durchbruch zu
verhelfen.
Angesichts des Widerstands
des Klassenfeindes und der Hindernisse, die er uns bei der
Verwirklichung unseres Programmes in den Weg stellt, muss man
an die eindringlichen Worte denken, die |46| Salvador
Allende am 5. November im Estadio Nacional ausrief: "Ich war
stets der Meinung, und ich bekräftige nochmals, dass die
Einheit der Parteien, die unsere Bewegung mit ihrem so
eindeutig nationalen und patriotischen Charakter verkörpern,
die eiserne Stärke bildet, mit der wir die uns künstlich
aufgebürdeten Schwierigkeiten überwinden und unaufhaltsam auf
dem Weg zu einem glücklicheren Leben für alle Chilenen
voranschreiten werden."
Die Kommunistische Partei
folgt diesem Aufruf und macht ihn zu dem ihren. Die Unidad
Popular war und bleibt der Schlüssel unseres Sieges.
Das Bündnis zwischen
Kommunisten und Sozialisten ist und wird auch in Zukunft die
Basis unserer Einheitspolitik bleiben. Aber gleichzeitig
treten wir für die Unidad Popular und die Einheit mit allen
antiimperialistischen und antioligarchischen Kräften ein. Wir
werden auch in Zukunft versuchen, neue Kräfte für die Sache
des Volkes zu gewinnen, um sie zu stärken und zu befähigen,
alle Hindernissen zu nehmen, den Feind zu schlagen und das
Programm zu verwirklichen.
Trotz aller Schwierigkeiten
ist die augenblickliche Situation sehr günstig für die
revolutionären Veränderungen durch die Regierung. Hinter ihr
steht die große Mehrheit des Landes. Im nationalen und
internationalen Rahmen genießt sie große Autorität. Große
Kreise, die noch gestern abseits standen, schließen sich heute
um die Unidad Popular zusammen. Im Kampf gegen den
Imperialismus und die Oligarchie, für die Erfüllung des
Programms ist es möglich, ein neues Kräfteverhältnis und eine
noch festere nationale Mehrheit zu schaffen.
Es wäre falsch, die Kräfte
des Feindes und seine Möglichkeiten zu unterschätzen, aber es
wäre ebenso falsch oder sogar noch schlimmer, die eigenen
Kräfte zu unterschätzen.
Erhöhte Verantwortung der
Einheitskomitees
In den vergangenen Tagen, die
seit dem Amtsantritt der neuen Regierung vergangen sind,
überwog die gemeinsame Aktion, das Verständnis und die
Solidarität zwischen allen Kräften der Linken.
Die Normen und Grundsätze der
im Wahlkampf entstandenen Komitees der Unidad Popular
erfordern von allen strenge politische Disziplin. Das bedeutet
z.B., wenn erst einmal eine Entschei- |47| dung durch
Mehrheitsbeschluss getroffen wurde, dann hat sich auch jeder
daran zu halten.
Während des Wahlkampfes
wurden 14.800 Komitees gegründet. Vielleicht werden nicht alle
funktionsfähig bleiben. Einige von ihnen waren lediglich
Wahlkomitees, aber die Mehrzahl ist stark genug, um auch in
Zukunft wichtige Aufgaben zu lösen. In den Industriebetrieben,
im öffentlichen Dienst, in den Gemeinden und auf den Gütern
muss man dafür Sorge tragen, dass sie regelmäßig arbeiten.
Hier erfordert der Umfang der Probleme und Aufgaben, dass sich
Sozialisten, Radikale, Kommunisten und die übrigen Verbündeten
der Linken täglich verständigen.
Die Komitees waren eine
Hauptstütze für den Sieg am 4. September. Unter der
Volksregierung haben sie eine große Verantwortung zu tragen.
Überall und auf allen Ebenen müssen sie zusammen mit den
Massenorganisationen und den Regierungsorganisationen die
konkreten Aufgaben zur Erfüllung des Programms erörtern.
Deshalb werden sie bei dessen Verwirklichung Motor und
gleichzeitig Organe der aktiven Mitwirkung des Volkes in
Regierungsangelegenheiten sein. Die Komitees müssen auch die
Wachsamkeit gegenüber Manövern und hinterhältigen Absichten
der Reaktion und des Imperialismus erhöhen.
Im Programm der Unidad
Popular heißt es: "Die Gewerkschaften und gesellschaftlichen
Organisationen der Arbeiter, Bauern, Hausfrauen, Einwohner,
Studenten, Intellektuellen sowie die Handwerker, kleinen und
mittleren Unternehmer und die übrigen Kreise der werktätigen
Bevölkerung sind aufgerufen, auf der jeweils in Frage
kommenden Ebene bei der Ausarbeitung von Beschlüssen der
Regierungsorgane mitzuwirken."
Heute beginnt man bereits
danach zu verfahren. Das Mitregieren des Volkes - nicht nur
durch die Linksparteien, sondern auch durch die Vertreter der
Gewerkschaften und der übrigen gesellschaftlichen
Organisationen - ermöglicht eine weitgehende Widerspiegelung
der Bedürfnisse, der Wünsche und Reaktionen der Volksmassen.
Das hilft im Staatsapparat den Kampf gegen Bürokratismus und
Trägheit zu führen, die Meinungen und Vorschläge breitester
Kreise zu berücksichtigen und gleichzeitig, sich von den
wirklichen Möglichkeiten und Schwierigkeiten zu überzeugen,
die sich für die Volksregierung ergeben. Unter den neuen
Bedingungen gilt es, die Unidad Popular auf allen Ebenen, von
oben nach |48| unten, zu stärken. Sie muss noch
operativer wirken. Unter Wahrung der Eigenständigkeit jeder
Partei und jedes Bündnispartners ist es notwendig, dass sich
alle immer fester zusammeschließen, im Denken und im Handeln.
Das ist eine Grundvoraussetzung für den Erfolg der
Volksregierung. (…)
|49|
Vor einer großen politischen Schlacht
(…) Der Kampf um die
Nationalisierung, die Agrarreform, die Veränderung der
Staatsordnung müssen im Mittelpunkt unserer Tätigkeit stehen.
Wir übernehmen das Land mit einem heruntergewirtschafteten
Staatshaushalt, mit Auslandsschulden, die sich auf über zwei
Milliarden Dollar belaufen, mit einer Inflationsrate von
jährlich 35 Prozent, mit Tausenden von Arbeitslosen, mit einem
Defizit von 500.000 Wohnungen, mit elementaren Bedürfnissen
des Erziehungs- und Gesundheitswesens, mit einer
außerordentlich rückständigen Landwirtschaft und überalterten
Industrieanlagen.
Die vor uns stehenden
Aufgaben sind sehr groß, die Schwierigkeiten nicht gering,
aber unser Land hat geistige Reserven, um aus dieser Prüfung
der Geschichte siegreich hervorzugehen. In den letzten Monaten
haben wir das in einer Weise bewiesen, die uns die Bewunderung
der ganzen Welt einbrachte. Unsere natürlichen Reichtümer sind
ausreichend, um das Volk und die ganze Nation zum Wohlstand zu
führen. |