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Luis Corvalán:

Das Bündnis der revolutionären antiimperialistischen Kräfte in Lateinamerika (1967)

(eingefügte Seitenzahlen verweisen auf: Freiheit für Chile! – Reden und Aufsätze von Luis Corvalán 1967-1973, Frankfurt/M. 1973, S. 7-28)

 

 

|7| Auf dem Boden Lateinamerikas entfaltet sich die Epopöe des beharrlichen Kampfes breiter Volksmassen, die sich gegen die imperialistische Herrschaft, gegen die Unterdrückung durch die einheimischen Oligarchien erhoben haben. Das ist ein angespannter, langer und schwieriger Kampf. Er ist vielfältig in der Form, aber einheitlich in seinem Inhalt, in seinen Endzielen.

Die lateinamerikanischen Völker gehen den Weg der nationalen und sozialen Befreiung, den Weg der Demokratie und des Sozialismus. Die Sache ihrer Befreiung entspricht den Erfordernissen des sozialen Fortschritts; ihre Segel bläht der Wind der Geschichte.

Dem Kampf der lateinamerikanischen Völker stehen die Absichten des Imperialismus entgegen, seine Herrschaft auf dem Kontinent zu erhalten und zu verstärken, und desgleichen das Bestreben der Oligarchie, ihre Privilegien zu verewigen. Ein unvermeidlicher und unabwendbarer Konflikt zwischen diesen Kräften entfaltet sich voll in der gegenwärtigen Zeit. Angebrochen ist die Periode großer Kämpfe, de über zahlreiche Auf und Ab unweigerlich zum Sieg der Völker führen wird.

Der nordamerikanische Imperialismus greift zu Methoden der offenen und dreisten Intervention. Über ein ganzes System von Militärpakten und Missionen, von Zentren zur Ausbildung in der Partisanenbekämpfung, durch Aufstellung und Erweiterung von Sondereinheiten der „grünen“ und „schwarzen“ Baskenmützen, der „Rangers“, verwirklicht der nordamerikanische Imperialismus eine direkte bewaffnete Aggression gegen den Befreiungskampf der lateinamerikanischen Völker. USA-Präsident Johnson erklärte zynisch, er würde verhindern, dass irgendein anderes Land Kuba |8| auf seinem Wege folge. Und zu diesem Zweck ist der Imperialismus zu allem bereit, ist er bereit, Tod und Verderben in den Städten und Dörfern zu säen und gegen das Völkerrecht zu verstoßen, wie das in der Schweinebucht und in Santo Domingo geschah, wie das in Vietnam geschieht.

Bedroht sind also die Unabhängigkeit eines jeden lateinamerikanischen Landes und das Existenzrecht eines jeden lateinamerikanischen Volkes. Und es gibt keinen anderen Weg zur Rettung, in eine lichte Zukunft als den Kampf breitester Volksmassen des Kontinents gegen die Aggression und Intervention des nordamerikanischen Imperialismus.

Die lateinamerikanischen Völker sind mit der historischen Notwendigkeit konfrontiert, ihre Aktionen zum Schutze der Souveränität ihrer Länder, zum Schutze des Selbstbestimmungsrechts zu vereinen. Wie auf dem XIII. Parteitag unserer Partei erklärt wurde, „ist die Vereitelung der aggressiven Pläne des Imperialismus die höchste Aufgabe, die Aufgabe aller Aufgaben. Der Kampf für die revolutionären Umgestaltungen und die Volksmacht verschmilzt zu einer Einheit mit dem Kampf gegen die nordamerikanische Intervention, mit dem Kampf für Souveränität, Selbstbestimmung und Frieden.“

Die historische Mission des Proletariats besteht darin, dem Kapitalismus ein Ende zu setzen und den Sozialismus aufzubauen. Die konkreten Aufgaben, die Hauptaufgaben des Proletariats im Prozess der Erfüllung dieser historischen Mission wandeln sich im Laufe der Zeit entsprechend den Veränderungen in der internationalen Lage. In den 30er Jahren, als sich das Zentrum der Weltreaktion in Hitlerdeutschland befand bestand die konkrete Hauptaufgabe der Arbeiterklasse und der Kommunisten im Zusammenschluss aller Kräfte gegen den deutschen Faschismus, zum Schutze der Freiheit. Gegenwärtig, da der nordamerikanischen Imperialismus die reaktionäre Hauptkraft, der Weltgendarm ist, besteht die konkrete Hauptaufgabe des Proletariats darin, die Anstrengungen gegen die imperialistische Politik des Krieges und der Aggression, für die Befreiung der Völker der kolonialen, neokolonialen und abhängigen Länder, für Frieden und friedliche Koexistenz zu vereinen. Dieser Kampf verschmilzt mit dem Kampf für soziale Umgestaltungen, deren Notwendigkeit in jedem Lande herangereift ist.

|9| In direkter Abhängigkeit von den Schritten, die der Gegner an diesem oder jenem Abschnitt, zu diesem oder jenem Zeitpunkt unternimmt, rückt irgendein konkreter Aspekt des weltweiten Kampfes gegen den Imperialismus in den Vordergrund. Aber jede Kampffront ist ein Teil dieser einheitlichen historischen Bewegung.

Die sozialistischen Oktoberrevolution, deren Jahrestag wir in diesem Jahr begehen, war der Anfang vom Ende der kapitalistischen Weltherrschaft. Sie leitet die Ära des Sozialismus, die Epoche der Befreiung der Arbeiterklasse und der vom Imperialismus unterdrückten Völker ein.

Gegenwärtig wird auf Kuba, auf amerikanischem Boden, der Sozialismus aufgebaut. Soziale Konflikte erschüttern unseren Kontinent, der zu einer wichtigen Front des weltweiten Kampfes gegen Imperialismus, für Demokratie, Frieden und Sozialismus wurde. Der imperialistische Raub und die Unterdrückung durch die feudalen Oligarchien sind die Gründe für das Elend und die menschenunwürdigen Lebensbedingungen von Millionen und aber Millionen Arbeitern, Bauern und Indianern, sie beeinträchtigen die Interessen bedeutender Gruppen der Studentenschaft, der Angestellten und Angehörigen der Intelligenz sowie breiter Schichten der Geschäftsleute und Industriellen, die sich immer breiter in den sozialen Kampf einreihen. Der Weg, der zur Entwicklung ihres Bewusstseins und ihrer antiimperialistischen Aktionen, der zur Beschleunigung des revolutionären Prozesses führt, ist der Weg des Kampfes für einheitliche Ziele, gegen alle Erscheinungsformen der aggressiven und interventionistischen Politik des nordamerikanischen Imperialismus.

Lateinamerikas Völker eint der Kampf gegen den gemeinsamen Feind, den nordamerikanischen Imperialismus und die einheimischen Oligarchien, eint auch die Notwendigkeit, aktivste Solidarität mit dem Kampf aller Völker der Welt, insbesondere mit Vietnam und Kuba, mit den antiimperialistischen und antifeudalen Bewegungen unseres Kontinents zu entfalten, vor allem mit solchen, die sich gezwungen sahen, den Weg des bewaffneten Kampfes einzuschlagen (z.B. in Guatemala, Venezuela, Kolumbien und Bolivien), oder die unter den schwierigen Bedingungen der Illegalität kämpfen.

Die Unabhängigkeitskriege im vergangenen Jahrhundert hatten in |10| Lateinamerika einen ausgeprägt kontinentalen Charakter. Bolivar, Sucre, San Martin, O’Higgins kämpften nicht nur für die Unabhängigkeit ihrer Länder, sondern auch für die Freiheit der übrigen Völker Amerikas. Zu jener Zeit hatten sich die Nationalstaaten noch nicht herausgebildet, und geografische Grenzen existierten praktischen nicht. Es gab nur recht vage Grenzen der kolonialen Besitzungen, die sich über die Territorien der heutigen Republiken erstreckten. Infolgedessen fochten in den Armeen, die für die Unabhängigkeit, für die Befreiung verschiedener Völker des Kontinents kämpften, Offiziere und Soldaten, die aus verschiedenen damaligen Kolonien stammten.

Mit der Erringung der Unabhängigkeit und mit der Entwicklung des Kapitalismus bildeten sich die Nationalstaaten heraus, wurden ihre Grenzen festgelegt. Aber die Völker Lateinamerikas hatten weiterhin ein gemeinsames Schicksal, für sie ergaben sich erneut gemeinsame Probleme, sie hatten wieder einen gemeinsamen Feind. Gleichzeitig entgingen die Länder unserer Kontinents nicht der Wirkung des Gesetzes der ungleichmäßigen Entwicklung des Kapitalismus, von der ungleichmäßigen Entwicklung der Gesellschaft, wie das gar nicht anders der Fall sein konnte. Beim allgemeinen Zurückbleiben Lateinamerikas gibt es zwischen den Ländern Unterschiede im Niveau der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Entwicklung. Das ist bestimmend für den nationalen Charakter der Revolutionen auf dem Kontinent, für die Vielfalt der Formen und für den unterschiedlichen Zeitpunkt der Befreiung lateinamerikanischen Völker.

Infolgedessen unterscheidet sich die gegenwärtige Lage von der in der Periode der Unabhängigkeitskriege im vorigen Jahrhundert. Doch andererseits muss man die Tatsache beachten, dass der nordamerikanischen Imperialismus seinen Politik der Aggression und der Einmischung im gesamtkontinentalen Maßstab betreibt und – wie das vom Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Kubas in seiner Erklärung vom 18. Mai unterstrichen wurde – „die Unterdrückungskriege internationalisiert, indem er Soldaten verschiedener Nationalitäten verwendet, wie er es in Korea tat und wie er es heute in Südvietnam mit der Teilnahme der südkoreanischen, thailändischen, philippinischen, neuseeländischen und australischen Truppen tut; oder wie er es in Santo Domingo mit der späteren Teilnahme von Soldaten aus Brasilien, Costa Rica, Hon- |11| duras. Nicaragua und Paraguay praktizierte, und wie er es auch, durch sein Bemühen, mit Hilfe der OAS eine internationale Streitmacht gegen Kuba und die Befreiungsbewegungen dieses Kontinents zu schaffen, versucht“.

Die Politik des Imperialismus macht also gemeinsame Aktionen der lateinamerikanischen Völker um so notwendiger, verleiht ihrem Kampf kontinentalen Charakter und internationale Bedeutung.

Da der Imperialismus, dessen Komplizen die einheimischen Oligarchien sind, das Prinzip der Nichteinmischung ignoriert, die Souveränität der lateinamerikanischen Länder mit Füßen tritt, die geografischen Grenzen nicht respektiert und sich von der Doktrin der ideologischen Grenzen leiten lässt, sind die Revolutionäre dazu berufen, ihre Solidarität auf eine höhere Stufe zu heben. Das setzt unter anderem die unmittelbare Teilnahem am Befreiungskampf der Brudervölker voraus, natürlich in den Fällen, wenn das die revolutionäre Bewegung dieser Völker nötig hat und unter der Bedingung, dass eine solche Teilnahme der Lösung ihrer Aufgabe dienst und unter ihrer Führung erfolgt.

In einigen Fällen, wie z.B. in der Periode des antifaschistischen Krieges des spanischen Volkes, kann die Teilnahme von Revolutionären verschiedener Nationalitäten am Kampf eines bestimmten Landes Massencharakter, außerordentliche politische und historische Bedeutung erlangen.

Doch der Hauptbeitrag der Revolutionäre zur weltweiten Befreiung und zum Sieg der Arbeiterklasse im internationalen Maßstab besteht vor allem darin, für diese Sache im eigenen Lande zu kämpfen und auf dieser Grundlage maximale moralische und materielle Solidarität mit dem revolutionären Kampf der anderen Länder zu üben.

Bereits im „Kommunistischen Manifest“ betonten Marx und Engels, die Schöpfer des Marxismus und Begründer des proletarischen Internationalismus: „Obgleich nicht dem Inhalt, ist der Form nach der Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie zunächst ein nationaler. Das Proletariat eines jeden Landes muss natürlich zuerst mit seiner eigenen Bourgeoisie fertig werden.“

In diesem nationalen Kampf sind es gerade die Revolutionäre eines jeden Landes, die in allen Aspekten die Richtung und die konkreten Aufgaben, die sich auf dem Wege zu ihrer eigenen Re- |12| volution ergeben, bestimmen. Sie kennen besser als sonst jemand die Wirklichkeit, in der sie kämpfen, und verfügen über die größten Möglichkeiten, die Kampfziele und die Methoden ihrer Erreichung richtig zu bestimmen. Sie können sich irren, doch die Wahrscheinlichkeit, dass ihnen Fehler unterlaufen, ist am geringsten. Auf jeden Fall können die Revolutionäre eines jeden Landes nur dann eine richtige Linie ausarbeiten, wenn sie die Verantwortung übernehmen, wenn sie vor allem die eigenen Erfahrungen, die eigenen Erfolge und Misserfolge studieren. Das schließt natürlich einen Meinungsaustausch und in bestimmten Fällen brüderliche Ratschläge nicht aus.

Die kubanische Revolution ist ein anschaulicher Beweis dafür, wie das Leben jegliche Schemata sprengt, eine weiter Mahnung, dass man sich nicht mit der Verallgemeinerung spezifischer Züge dieser oder jener Erfahrung befassen darf. Es wäre jedoch falsch, aus diesem Grunde zu leugnen, dass sich spezifische Merkmale einer Revolution – im gegebenen Fall der kubanischen Revolution . andernorts (wenn auch nicht in ganz analoger Form) wiederholen können. Daher sind wir der Ansicht, dass die Flamme der Revolution in einigen lateinamerikanischen Ländern, wie das auf Kuba der Fall war, durch die Schaffung eines Partisanenherdes auflodern kann.

Dazu reichen natürlich der Mut und die Entschlossenheit einer Gruppe von Revolutionären allein nicht aus, obwohl dieser Faktor seine Rolle spielt und zum entscheidenden werden kann. Unbedingt notwendig sind zugleich günstige allgemeine Bedingungen. Dabei sind wir nicht der Meinung, dass sie absolut günstig und voll ausgereift sein müssen. Aber sie müssen sich auf jeden Fall im Prozess der Reife mit der Perspektive der Vollreife befinden.

Gewiss ist es gar nicht einfach, Ort und den genauen Zeitpunkt für den Beginn von Partisanenaktionen oder anderer Formen des bewaffneten Kampfes zu bestimmen, die als Ausgangspunkt zur Eroberung der Macht dienen können. Lenin warnte vor Abenteuern, die in der Regel zu nutzlosen Verlusten kostbarer Leben der Revolutionäre und zum Rückzug der Bewegung führen. Der Leninismus zeichnete sich jedoch stets durch schöpferische Kühnheit und das Bestreben aus, den revolutionären Prozess voranzubringen. Deshalb darf man eine Kampfform weder unbe- |13| gründet verwerfen noch blindlings akzeptieren. Das wichtigste ist, entschlossen den Weg des Kampfes zu beschreiten und danach zu streben, die Situation möglichst treffen einzuschätzen, den richtigen Weg zu ertasten, die Taktik anhand von Vergleichen mit den praktischen Erfahrungen ständig zu korrigieren. Man muss stets für den Vormarsch wie auch für den Rückzug vorbereitet sein und beharrlich eine günstige Situation suchen, die es ermöglichen würde, der Revolution den Weg zu bahnen.

Am Befreiungskampf Lateinamerikas nehmen Vertreter der verschiedensten Strömungen teil: Männer, Frauen und Jugendliche verschiedener politischer Richtungen und verschiedener sozialer Herkunft. Für die Sache der Revolution ist es wichtig, die antiimperialistische Front zu verbreitern und nicht einzuengen, alle Bevölkerungsschichten, die dem gemeinsamen Feind entgegentreten oder entgegenzutreten imstande sind, in dieser oder jener Form in die Front einbeziehen, auch jene, die, ohne Anhänger der kubanischen Revolution und der Revolution überhaupt zu sein, für das Recht Kubas auf den Aufbau des Sozialismus und für das Recht aller Völker des Kontinents, die von ihnen bevorzugte Ordnung zu wählen, eintreten.

Jeder Versuch der Kommunisten, ihren Standpunkt den übrigen Formationen der antiimperialistischen Kräfte aufzuzwingen, wie auch die Versuche dieser letzteren, ihre Ansichten anderen aufzudrängen, fördern weder die Herstellung der so dringend notwendigen Aktionseinheit noch die Verbreiterung des Kampfes gegen den gemeinsamen Feind. Gerade deswegen müssen Aufgaben in den Vordergrund gerückt werden, die einen und nicht trennen, d.h. konkrete Aufgaben, deren Lösung von allen als notwendig empfunden wird. Im Zusammenhang damit meinen wir, dass die Lateinamerikanische Solidaritätsbewegung (Organización Latinoamericana de Solidaridad – OLAS) und die entsprechenden nationalen Komitees eines jeden Landes ihre Tätigkeit darauf konzentrieren müssen, die internationale Solidarität zu entwickeln und zu koordinieren, im Kampf für die Lösung gemeinsamer Aufgaben die Aktionseinheit herzustellen. Unser sehnlichster Wunsch ist, dass alle Revolutionäre, alle Antiimperialisten, alle Volksbewegungen in Lateinamerika zu einer einheitlichen, revo- |14| lutionären Denkweise gelangen. Aber das ist nur in einem bestimmten Entwicklungsprozess zu erreichen. Wir können diesen Prozess beschleunigen, aber wir können ihn nicht als bereits abgeschlossen betrachten. Würden wir also versuchen, künstlich eine Denkweise von gleichem Typ durchzusetzen, so würde das zur Entstehung neuer, ganz überflüssiger Meinungsverschiedenheiten und Schwierigkeiten in der Sache führen, für die wir kämpfen. Die Linie, die den Zusammenschluss der Kräfte zur Verteidigung der kubanischen Revolution, im Kampf gegen den Imperialismus und seine Agenten am meisten fördert, besteht darin, gemeinsame Aktionen zur Lösung gemeinsamer Aufgaben zu entfalten, das uns Einende zu suchen und alles Trennende aus dem Wege zu räumen oder in den Hintergrund zu drängen.

Es ist für niemand ein Geheimnis, dass die Revolutionäre Lateinamerikas an einige Probleme der Revolution auf verschiedene Weise herangehen. Diese Tendenzen kamen auf und offenbarten sich am stärksten, nachdem sich beträchtliche Massen neuer Kämpfer, die aus politisch am weitesten zurückgebliebenen Schichten des Proletariats sowie aus dem Kleinbürgertum stammen, in die lateinamerikanische revolutionäre Bewegung eingereiht hatten und auf internationaler Ebene in den Reihen der revolutionären Kräfte Meinungsverschiedenheiten auftraten, die den an allen Enden der Welt geführten Kampf behindern.

Es geht um Probleme, die durch die Entwicklung der modernen Gesellschaft, durch die Entstehung neuer, äußerst komplizierter sozialer Erscheinungen durch die Unterschiede in den objektiven Bedingungen und durch das Wachstum der revolutionären Kräfte hervorgebracht worden sind.

Lenin sagte, dass die Entwicklung der Arbeiterbewegung, die Einbeziehung neuer Kämpfer und neuer Schichten der Werktätigen „unvermeidlich von Schwankungen in Theorie und Taktik ... begleitet sein muss“. Er machte darauf aufmerksam, dass man sich nicht vom Maß „irgendeines phantastischen Ideals“ leiten lassen darf, man muss sie vielmehr objektiv als eine „praktische Bewegung gewöhnlicher Menschen“ auffassen.

Es handelt sich folglich um Wachstumsschwierigkeiten, die man unmöglich in wenigen Tagen überwinden kann. Eine objektive Tatsache bleibt aber auch, dass der Imperialismus aus den Meinungsverschiedenheiten zwischen den revolutionären Kräften, vor |15| allem zwischen den kommunistischen Parteien, Nutzen zu ziehen sucht und auch tatsächlich zieht. Daraus ergibt sich die Pflicht, so zu handeln, dass die Meinungsverschiedenheiten in keiner Weise die Herstellung der Aktionseinheit im Kampf gegen den gemeinsamen Feind behindern, denn andernfalls würden sie nur die Verwirklichung seiner Pläne begünstigen.

Meinungsverschiedenheiten zwischen den kommunistischen Parteien sind kein unüberwindliches Hindernis für ihre Verständigung; desgleichen dürfen auch Meinungsverschiedenheiten zwischen ihnen und anderen revolutionären Kräften ihren gemeinsamen Kampf gegen den Imperialismus nicht behindern.

Die Erfahrung hat gezeigt, dass offene Polemik lediglich zu einer überflüssigen Etikettierung und zu willkürlichen Einschätzungen führt. Das Hauptergebnis einer derartigen Polemik ist die Zuspitzung, nicht aber die Überwindung der Schwierigkeiten. Zuweilen sind Parteien unter bestimmten Bedingungen gezwungen, zu diesen oder anderen Fragen öffentlich Stellung zu nehmen. Wir sind nicht dagegen. Aber wir sind überzeugt, dass die beste Methode für die Verständigung direkte Kontakte, zweiseitige und mehrseitige Treffen, die brüderliche Aussprache ohne jegliche Beleidigungen und vor allem die ununterbrochene Entfaltung gemeinsamer Aktionen ist.

Die Triebkräfte der Revolution in Lateinamerika sind die Arbeiterklasse, die Bauernschaft (die in vielen Ländern zum größten Teil aus Indianern besteht), die Studentenschaft, die Mittelschichten und einige Gruppen der nationalen Bourgeoisie. Zwischen diesen Kräften bestehen Widersprüche, aber vorherrschend sind die gemeinsamen Interessen des Kampfes gegen den nordamerikanischen Imperialismus und die Oligarchie. Folglich gibt es reale Möglichkeiten für ihre Vereinigung, immer dringender notwendig wird ihr Zusammenschluss im gemeinsamen Kampf.

Wenn wir Kommunisten die Politik der Aktionseinheit der breitesten antiimperialistischen und antioligarchischen Kräfte betrieben, gehen wir davon aus, dass das Bündnis der Arbeiterklasse mit der Bauernschaft, das Bündnis des Proletariats mit den nichtproletarischen Schichten des Volkes die beste Garantie für die Schaffung einer dauerhaften und kämpferischen Einheitsfront ist. |16| Das wichtigste für den Vormarsch in dieser Richtung ist in Lateinamerika die Verständigung zwischen den proletarischen und den kleinbürgerlichen Revolutionären.

Das Proletariat ist auf unserem Kontinent die mächtigste soziale Klasse, die sich im Prozess einer stürmischen Entwicklung befindet. Die Zahl der Lohnarbeiter auf dem Territorium vom Rio Bravo zum Kap Horn (drei Viertel davon bildet das Industrie- und Landproletariat) beträgt 40 Millionen, was mehr als 50 Prozent der gesamten erwerbstätigen Bevölkerung entspricht. In fünf Ländern – Mexiko, Brasilien, Argentinien, Uruguay und Chile –, in denen fast zwei Drittel der gesamten Bevölkerung Lateinamerikas leben, gibt es ein relativ starkes Proletariat. Und das nicht zur zahlenmäßig. In diesen Ländern sowie in Venezuela, Kolumbien und auf dem Kontinent insgesamt darf man die Existenz und die Kraft der Arbeiterklasse nicht außer acht lassen.

In allen Ländern des Kontinents bestehen kommunistische Parteien.

Unabhängig von ihrem Entwicklungsstand sind die kommunistischen Parteien Lateinamerikas – ebenso wie die Bruderparteien in aller Welt – Verkünder von Ideen, die dem Imperialismus größte Furcht einflößen, sie sind die gehasstesten Feinde des letzteren. Die kommunistischen Parteien Lateinamerikas sind die Erben und die Verkörperung der besten revolutionären Traditionen ihrer Völker.

Die kommunistischen Partien Lateinamerikas haben eine historisch hochbedeutsame Arbeit zur Propagierung des Marxismus, zur Verbreitung der Ideen des Sozialismus unter den Massen geleistet und dazu beigetragen, dass sich in jedem Lande bei den fortgeschrittensten Vertretern der Arbeiterklasse und der Intelligenz ein wissenschaftliches sozialistisches Bewusstsein entwickelte, dass die Arbeiterklasse im Geiste des proletarischen Internationalismus erzogen wurde. Gerade sie schmieden das Klassenbewusstsein des lateinamerikanischen Proletariats und das antiimperialistische Bewusstsein der Völker des Kontinents.

In den meisten Ländern Lateinamerikas sind die kommunistischen Parteien Repressalien ausgesetzt und leisten dem blutigen Terror der Henker der Arbeiterklasse tapfer Widerstand. Es gibt in Lateinamerika kein einziges Land, in dem die Kommunisten – in der Vergangenheit oder Gegenwart – nicht schwere Prüfungen |17| zu bestehen gehabt hätten: Tausende von Kommunisten gingen durch die Gefängnisse und Konzentrationslager, waren schweren Folterungen ausgesetzt, viele leitende Parteifunktionäre wurden ermordet.

In diesem Kampf schmiedeten die kommunistischen Parteien unbeugsame Kämpfer und sammelten beträchtliche Erfahrungen. In einer Reihe von Ländern des Kontinents stehen die kommunistischen Parteien in fester Verbindung zu den Massen und sind eine einflussreiche, zuweilen sogar entscheidende politische Kraft, der alle Rechnung tragen müssen.

In anderen Ländern sind die kommunistischen Parteien zahlenmäßig noch schwach und besitzen noch nicht alle Eigenschaften der Vorhut. Die internationalen Erfahrungen zeigen aber, dass sich keine kommunistische Parteien – zuweilen in sehr kurzer Frist – in große revolutionäre Formationen verwandeln können. Die Kommunistische Partei Italiens zählte am Vorabend des Zweiten Weltkrieges nur 15.000 Mitglieder. Sie war zweifellos eine sehr kleine Partei, wenn man bedenkt, dass Italien zu jener Zeit rund 50 Millionen Einwohner zählte. Doch nach Mussolinis Sturz, gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, trat die Kommunistische Partei als eine mächtige Kraft hervor und vereinte in ihren Reihen Millionen von Werktätigen. Anfang 1985, als die Diktatur Pérez Jiménez’ gestürzt wurde, zählte die Kommunistische Partei Venezuelas nur 300 Mitglieder. Doch wenige Monate später hatte sie bereits Zehntausende von Mitglieder und wurde zur größten politischen Kraft in Caracas.

Die kommunistischen Parteien organisieren Gewerkschaften, führen den Kampf für wirtschaftliche und soziale Forderungen der Werktätigen, treten für die Einheit der Arbeiter ein, schmieden den neuen, antiimperialistischen Patriotismus.

In den Reihen der kommunistischen Parteien stehen der fortgeschrittene Teil der Arbeiterklasse und die besten Vertreter der lateinamerikanischen Intelligenz.

Alle kommunistischen Parteien sind eine Schöpfung des Proletariats ihres Landes und der Oktoberrevolution, eine Frucht des Sieges des Leninismus, des Sieges der Revolutionäre über den Reformismus.

Die Schaffung und Festigung der kommunistischen Parteien La- |18| teinamerikas ist eine wertvolle Errungenschaft des revolutionären Proletariats.

Ihr Leben und ihre Entwicklung sind nicht leicht gewesen. Sie mussten sich nicht nur der Angriffe offener Feinde erwehren, sondern auch einen Kampf bis zum siegreichen Ende gegen den Anarchismus, Trotzkismus und andere kleinbürgerliche Strömungen in den eigenen Reihen führen.

Mit der Schaffung der kommunistischen Parteien erfolgt die Verschmelzung des Marxismus mit der Arbeiterbewegung, die absolut notwendig ist, damit die Arbeiterklasse, um mit den Worten von Marx zu sprechen, nicht nur eine Klasse an sich ist, sondern auch zu einer Klasse für sich wird, damit sie bewusst für die eigene Befreiung kämpfen kann.

Im Leben der legal wie auch der illegal wirkenden kommunistischen Parteien treten nicht selten schädliche Tendenzen, verschiedene Erscheinungen des Sektierertums, des Zunftgeistes, Passivität, Abenteurertum, Konformismus und Opportunismus auf. Dies Tendenzen können nur durch ständigen inneren Kampf für die Linie der Partei, durch ständige Kritik und Selbstkritik, durch tagtägliche Arbeit unter den Massen überwunden oder zerschlagen werden.

Die Möglichkeiten für die Entwicklung der kommunistischen Parteien, für die Verwandlung kleiner Parteien in große werden in dem Maße realisiert, wie die Parteien einen Platz in der Vorhut der sozialen Auseinandersetzungen einnehmen. Die proletarischen Massen sammeln verschiedenartige Erfahrungen. Letztlich schließen sie sich um die kommunistischen Parteien zusammen.

Wir möchten gern, dass die Frage absolut klar ist.

Wir stoßen jedoch auch auf eine andere objektive Erscheinung, die ständig zu berücksichtigen ist, und zwar auf die Tatsachen, dass nicht nur das bewusste Proletariat, sondern auch ein beträchtlicher Teil des Kleinbürgertums auf revolutionäre Positionen übergeht, aufopfernd für die Befreiung der lateinamerikanischen Länder kämpft und sich den Aufbau des Sozialismus als Ziel steckt. Mit |19| besonderer Kraft zeigt sich das in Lateinamerika nach dem Sieg der sozialistischen Revolution auf Kuba.

Ein Teil der kleinbürgerlichen Elemente, die sich dem revolutionären Kampf anschließen, tritt in die kommunistischen Parteien ein oder bildet um sie einen weiten Kreis von Freunden und Sympathisierenden, wobei er in beiden Fällen eine gewisse Zeitlang Einfluss auf die Parteien nimmt. Ein beträchtlicher Teil der kleinbürgerlichen Revolutionäre gründet jedoch eigene Parteien oder Bewegungen oder reiht sich – als linker Flüge – in andere Parteien oder Bewegungen ein.

Diese Tendenz wird durch das Sektierertum verstärkt. Jahrelang stellten die chilenischen Kommunisten die Losung von der unverzüglichen Errichtung der Diktatur des Proletariats, von der Schaffung einer Rätemacht auf. Eine solche sektiererische Position trug nicht zum Wachstum unsrer Partei bei. (Unter Verzicht auf diese Losung bestimmten wir die chilenische Revolution als eine bürgerlich-demokratisch. Im Jahre 1945 erkannten wir jedoch, dass auch diese, nichtsektiererische Definition angesichts der Veränderungen in der Welt, des Aufschwungs des Proletariats, des Inhalt der neuen Epoche und der Verringerung der revolutionären Potenzen der Bourgeoisie falsch war.)

Auf jeden Fall ist das Aufkommen revolutionärer Tendenzen unter dem Kleinbürgertum eine Widerspiegelung des vom Proletariat geführten Kampfes, eine Furcht langjähriger Arbeit der kommunistischen Parteien, eine Folge der gesamten neuesten historischen Entwicklung, deren Verlauf vor allem durch den Vormarsch des sozialistischen Systems bestimmt wird.

Diese Erscheinung stellt objektiv einen Erfolg, einen Fortschritt dar, und man darf sie deshalb nicht allein unter dem Blickwinkel falscher Positionen kleinbürgerlicher Revolutionäre oder der Verzweiflungsakte, die sie sich des Öfteren leisten, betrachten.

Man darf die revolutionären Potenzen breiter Schichten des ländlichen und des städtischen Kleinbürgertums nicht unterschätzen. Während die lateinamerikanische Bourgeoisie offenbar nicht mehr imstande ist, sich an die Spitze der revolutionären Prozesse zu stellen (auch wenn einige ihrer Gruppen daran teilnehmen können), hat das Kleinbürgertum, im Gegenteil, weitgehende Möglichkeiten, als revolutionäre Kraft zu wirken und in den Län- |20| dern, wo das Proletariat zahlenmäßig oder politisch relativ schwach ist, sogar die führende Rolle zu spielen.

Eine Lehre der kubanischen Revolution besteht darin, dass das Kleinbürgertum revolutionäre Reserven an Heroismus im Kampf für die nationale Befreiung und den Sozialismus besitzt.

Zwischen den revolutionären Strömungen, die sich einerseits im Proletariat und andererseits im Kleinbürgertum entwickeln, besteht das Verhältnis von Einheit und Kampf. Vieles eint sie, aber so manches trennt sie. Eine auf kleinbürgerlicher Grundlage entstehende revolutionäre Strömung unterschätzt gewöhnlich das Proletariat und die kommunistischen Parteien, sie neigt eher zum Nationalismus, Abenteurertum und Terrorismus und duldet zuweilen Antikommunismus und Antisowjetismus. Sie gerät auch leichter in Verzweiflung und Subjektivismus. Und dennoch ist sie eine revolutionäre Strömung, der gegenüber das revolutionäre Proletariat eher die Position der Einheit als die des Kampfes beziehen muss. Zwischen diesen zwei Strömungen spielt sich der Kampf um die Führung der Bewegung und in gewissem Maße der ideologische Kampf ab. Aber jeder Versuch, diesen Kampf zu verschärfen und zu eine „Kampf um die Vernichtung“ dieser oder jener revolutionären Strömung zu machen, ist nichts anderes als ein Geschenk an den Imperialismus. Als Beweis dafür dient die Tatsache, dass gerade der Imperialismus und seine Agenten bestrebt sind, diesen Kampf zu verschärfen und bis zum Bruch voranzutreiben. Um die eigenen Klassenpositionen zu behaupten oder zu erweitern, strebt auch die sogenannte nationale Bourgeoisie ihrerseits an, dass sich die revolutionäre Strömung des Proletariats und die des Kleinbürgertums immer mehr voneinander entfernen.

Verständigung, Zusammenarbeit, gemeinsame Aktionen des revolutionären Proletariats und der revolutionären Kreise des Kleinbürgertums sind heute in Lateinamerika die Hauptfrage, die allererste Pflicht.

Die kommunistischen Parteien Lateinamerikas sind sich bewusst, dass die Verständigung mit den übrigen linken Kräften, vor allem mit solchen, die ebenfalls zum Sozialismus streben, eine Notwendigkeit ist. Aber sie sind entschieden dagegen, zur Kategorie dieser Kräfte die parteifeindlichen Gruppen und Grüppchen zu zäh- |21| len, die niemanden vertreten und von Fraktionsmacherei und Spaltung leben.

Die kämpferische Zusammenarbeit zwischen den revolutionären Kräften des Proletariats und denen des Kleinbürgertums kann so weit gehen, dass dort, wo sie heute ihre eigenen Parteien besitzen, eine einheitliche revolutionäre marxistisch-leninistische Partei geschaffen wird.

In Chile offenbart sich die Zusammenarbeit zwischen den revolutionären Kräften des Proletariats und denen des Kleinbürgertums in der Einheit der Sozialisten und Kommunisten innerhalb der Front der Volksaktion (Frente de Acción Popular – FRAP). Sowohl die Kommunistische als auch die Sozialistische Partei sind im Proletariat tief verwurzelt, wobei die Wurzeln der Kommunistischen Partei tiefer greifen. Auch unter dem Kleinbürgertum haben diese beiden Parteien feste Positionen, doch hier sind die der Sozialistischen Partei fester.

In der Kommunistischen Partei bilden die kleinbürgerlichen Kräfte keine besondere Gruppe in der Mitgliederschaft und schon gar nicht in der Führung, deren meiste Mitglieder aus der Arbeiterklasse hervorgegangen sind.

Die Verständigung zwischen den Sozialisten und den Kommunisten in unserem Lande stößt auf bestimmte Schwierigkeiten, aber ihr Bündnis ist fest genug, um einen Bruch zu verhindern. Das Bündnis ist fest, weil das der Wille der Werktätigen, das Leben selbst fordern. In den Fällen, da Sozialisten und Kommunisten zusammengingen, sagte Genosse Galo Gonzáles im Jahre 1956 auf dem X. Parteitag, „errang die Arbeiterklasse Siege, während jedes Mal, wenn wir auseinander gingen oder einander bekämpften, das nur für den Feind von Nutzen war“. Geeint sind wir stärker, getrennt – schwächer. Nur auf der Grundlage eines Bündnisses der Sozialisten und Kommunisten kann das chilenische Volk die politische Macht erringen. Weder die Kommunisten noch die Sozialisten können allein Anspruch auf die Führung der Geschicke des Landes erheben. Wir brauchen einander.

Außerhalb des Bündnisses der Sozialisten und Kommunisten bleiben breite Schichten des Kleinbürgertums sowie des Proletariats, die sich revolutionären Positionen zuneigen, sie aber noch nicht ganz bezogen haben. Diese Gruppen gehören der Radikalen Par- |22| tei (Partido Radical) und der Christlich-Demokratischen Partei (Partido Demócrata Cristiano) an oder scharen sich um diese.

Seit den Munizipalwahlen am 2. April dieses Jahres festigen die am weitesten fortgeschrittenen Gruppen der Radikalen Partei ihre Positionen und treten aktiv für eine Verständigung mit der FRAP, dem Bündnis der Sozialisten und Kommunisten, ein.

Der Führer dieser Strömung, Alberto Baltra, ist der Ansicht, dass „die objektiven Interessen des Proletariats und der Mittelschichten einander nahe sind“, dass „die Welt unvermeidlich dem Sozialismus entgegengeht“, dass „man sich durchaus eine derart sozialisierte Alternative vorstellen kann, dass sie es ermöglicht, eine effektive Planung zu verwirklichen, die Ablösung des kapitalistischen Systems vorzubereiten, die Monopole zu beseitigen, den imperialistischen Einfluss zu schwächen sowie die Akkumulation und Mobilisation bedeutender Ressourcen zu fördern, die für das Wachstum des nationalen Kapitals und damit des Entwicklungstempos Chiles notwendig sind“. Baltra tritt für die Einheit des Volkes „als Prozess gemeinsamer Aktionen der Radikalen und der anderen linken Kräfte“ ein.

Andererseits betonen einige Abgeordnete und nicht weniger Mitglieder der Christlich-Demokratischen Partei die Notwendigkeit, „das Feuer auf die Oligarchie zu konzentrieren“ und dabei gemeinsam mit der FRAP vorzugehen, sprechen sich für den Sozialismus aus.

Zweifellos unterscheiden sich die sozialistischen Konzeptionen dieser Radikalen und Christlich-Demokraten in wesentlichen Zügen von den Konzeptionen, an die sich die Sozialisten und Kommunisten halten. Aber in diesem Falle ist die Tendenz der die sozialistische Perspektive akzeptierenden neuen kleinbürgerlichen Kreis zur Verständigung mit der FRAP am wichtigsten. Die bedeutsameste Besonderheit der Lage in Chile besteht in tiefem Streben nach Veränderungen. Dem Wirken der Kommunisten und Sozialisten ist es zu verdanken, wenn das Volks einzusehen beginnt, dass die alte ökonomische Struktur wesentlich verändert werden muss. Angesichts der Erfolge des revolutionären Proletariats und der Möglichkeit, dass es die Mehrheit des Volkes zur Erringung der politischen Macht um sich scharen kann, waren breite Kreise der nationalen Bourgeoisie mit der Christlich-Demokratischen Partei an der Spitze gezwungen, das Banner der Verände- |23| rungen aufzunehmen, wobei sie reformistische Lösungen im Rahmen der Politik der „Allianz für den Fortschritt“ anboten. Um dem Proletariats den Weg zu versperren, unterstützte die Oligarchie die Christliche Demokratie bei den Präsidentschaftswahlen im Jahre 1964, was der letzteren zum Sieg verhalf.

Die zweieinhalb Jahre Herrschaft der Christlich-Demokraten reichten aus, die Volksmassen, die an den bürgerlichen Reformismus geglaubt hatten, zu enttäuschen. Sie wandten sich der FRAP zu und schlugen den revolutionären Weg ein.

Das geschah natürlich nicht spontan. Es war ein Ergebnis der Taktik der Kommunisten, die auf gemeinsame Aktionen aller Anhänger von Veränderungen gerichtet war, unabhängig davon, ob sie in der Opposition zur Regierung stehen oder nicht.

Bei den erwähnten Munizipalwahlen wirkte sich die Veränderung des Kräfteverhältnisses zugunsten der Kommunisten und Sozialisten weitgehend aus. Die Kommunistische Partei erhielt 354.000 und die Sozialistische Partei 322.000 Stimmen. Für diese Parteien stimmten 120.000 Wähler, die zuvor ihre Stimme der Christlichen Demokratie gegeben hatten. Die Kommunisten und die Sozialisten vereinten 30 Prozent aller Stimmen auf sich. Die Christlich-Demokratische Partei, für die früher 42 Prozent der Wähler stimmten, erhielt nur 36 Prozent der Stimmen. Während sich die Sozialisten und Kommunisten im Aufschwung befinden, ist für die Christlich-Demokratische Partei eine Periode des Niedergangs eingetreten.

Die Zukunft der Radikalen Partei, die 16 Prozent der Stimmen erhielt und in der die Vertreter der Mittelschichten dominieren, hängt davon ab, ob sie es verstehen wird, eine Verständigung mit der FRAP herbeizuführen.

Unter diesen Umständen wird die Front der Volksaktion zum Berührungspunkt für die breitesten demokratischen Kräfte.

Die Wahlergebnisse zeugen von einer ernsten Niederlage der Christlich-Demokratischen Partei und der Regierung des Präsidenten Frei. Sie waren ein wuchtiger Schlag gegen die reformistische Variante, gegen die christlich-demokratisch Formel eines Experiments, das der amerikanische Imperialismus einigen anderen Ländern Lateinamerikas als Musterbeispiel anbietet. Diese Ergebnisse zeigten auch, wie richtig die Linie der Kommunisten war, die Volksmassen nach und nach der Christlichen Demokratie |24| abzuringen, sie dem bürgerlichen Einfluss zu entziehen und das Kleinbürgertum in Stadt und Land sowie breiteste Gruppen der Mittelschichten für die FRAP zu gewinnen. Die Verwirklichung dieser Linie ershcließt der Volksbewegung breite Perspektiven sowohl für den weiteren Vormarsch auf dem gewählten Weg als auch für den  Kampf gegen den Feind an anderen Fronten, falls Chile in irgendeiner Form von der Welle des „Gorillaismus“ (Terror und Gewalt gegen Fortschrittskräfte – d. Hrsg.) berührt werden sollte.

Die Lage in unserem Lande ist zweifellos eine besondere. Aber nicht nur Chile, sondern auch in ganz Lateinamerika gibt es bei Anwendung verschiedener Kanäle und Kampfformen Möglichkeiten für eine Verständigung des revolutionären Proletariats mit den revolutionären Gruppen des Kleinbürgertums, für die Einbeziehung der Mittelschichten in den Kampf für Veränderungen mit dem Ziel, in jedem Lande eine antiimperialistische und antifeudale Revolution zu beginnen.

Eines der Argumente, zu denen der Feind immer häufiger greift, ist die Behauptung, die unitäre Politik der Kommunisten sei taktisches Manöver zu ihrer eigenen Stärkung und diene dazu, ihre tatsächlichen oder potenziellen Verbündeten einzuverleiben, diese, nachdem sie ausgenutzt wurden, zu schlucken, fallen zu lassen oder gar physisch zu vernichten, um auf diesem Wege zum Imperium einer einzigen Partei, der Kommunisten, zu gelangen.

Wir werden nicht viele Worte verwenden – derartige Behauptungen sind nichts als Verleumdung.

Eine Festigung der Positionen der Kommunisten – bei allem Auf und Ab dieses Prozesses – ist unabwendbar, ist eine nicht mehr rückgängig zu machende Tendenz. Auch die übrigen fortschritt- |25| lichen Kräfte werden sich – je nach ihrem Beitrag zum gemeinsamen Kampf – entwickeln, da die Zeit für die Anhänger des Fortschritts und nicht für die Reaktionäre arbeitet. In Chile war die Zusammenarbeit zwischen Sozialisten und Kommunisten für beide Parteien von Nutzen. Bei den erwähnten Wahlen konnten sowohl die Kommunisten als auch die Sozialisten eine höhere Stimmenzahl auf sich vereinen, wobei die Sozialisten diesmal ihre Positionen sogar ein wenig mehr festigten als die Kommunisten.

Wir Kommunisten sprachen stets davon, dass es zwei Typen von Verbündeten der Arbeiterklasse gibt: ständige und zeitweilige Verbündete. Das ist eine objektive Tatsache. Die Geschichte bleibt nicht stehen. Nachdem die Gesellschaft diese oder jene Ziele erreicht hat, legt sie neue Schritte nach vorn fest. In diesem Augenblick entstehen neue Widersprüche und ergeben sich neue Aufgaben, und im Zusammenhang damit erfolgen Änderungen in den politischen Positionen, entsteht eine neue Gruppierung der Kräfte, von denen einige auf reaktionäre Positionen überwechseln, während die meisten voranschreiten wollen und in der Tat voranschreiten. Und unter diesen Umständen sind es nicht die Kommunisten, die aus bösem Willen oder in tückischer Absicht jene Gruppen fallen lassen, die bis zu diesem Augenblick ihre Verbündeten gewesen waren.

Man darf nicht vergessen, dass die Politik des Imperialismus, d.h. eine Politik der ständigen Bedrohung des Weltfriedens, der blutigen Unterdrückung der Rechte der Völker, des Angriffs auf Freiheit und Menschenrechte, der Schmälerung der materiellen Interessen aller sozialökonomischen Gruppen mit Ausnahme der verräterischen Monopolbourgeoisie, unter den breitesten sozialen Schichten, darunter auch unter einem beträchtlichen Teil der nichtmonopolistischen Bourgeoisie, Empörung auslöst. Andererseits gewinnen die machtvolle Entwicklung des Sozialismus, seine Erfolge auf allen Gebieten, die von ihm vollbrachten großen humanistischen Taten, seine dem Sehnen der Menschen nach Freiheit, Kultur und Wohlstand immer mehr entsprechende soziale Entwicklung sowie die Hilfe, die den nach unabhängiger Entwicklung strebenden nichtsozialistischen Ländern erwiesen wird, breiteste Masse nicht nur des Proletariats, sondern auch anderer Klassen und sozialer Schichten für den Sozialismus.

Wenden wir uns noch einmal den Erfahrungen der kubanischen |26| Revolution sowie einer Reihe zum Sozialismus strebender Länder Afrikas und des Mittleren Ostens zu. Die Verwandlung der Revolution auf Kuba in eine sozialistische Revolution und die Entwicklung einiger revolutionärer Prozesse in Afrika und im Mittleren Osten zum Sozialismus hin sind Erscheinungen, die nur entstehen konnten unter den neuen historischen, durch die Oktoberrevolution hervorgebrachten Bedingungen, unter Bedingungen, die sich aus dem Sieg der Sowjetunion über das faschistische Deutschland ergaben, zu einer Zeit, da das sozialistische System zu einem Weltsystem geworden ist und die neuen revolutionären Staaten auf allen Gebieten verteidigen, die über diese Staaten verhängte imperialistische Blockade durchkreuzen und ihnen materielle Hilfe bei der Lösung von Aufgaben der unabhängigen Entwicklung leisten kann.

In einem solchen historischen Augenblick wird das Problem des zeitweiligen Charakters der Bündnisse des Proletariats und der Kommunisten mit anderen Kräften, wenn man das so sagen darf, auf neue Art und Weise gestellt. Es gibt für unsere Verbündeten weitgehende Möglichkeiten, stetig voranzuschreiten, wenn auch mit Schwankungen und Schwierigkeiten verschiedener Art. Auf jeden Fall haben die Kommunisten nicht die Absicht, die Verbündeten in einer bestimmten Etappe auszunutzen und in der nächsten auszubooten. Im Gegenteil, Ziel der Kommunisten ist es, auf unbegrenzte Zeit mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Mit anderen Worten, die Kommunisten wollen nur den Kreis der Anhänger des Fortschritts, der Demokratie und des Sozialismus erweitern, wobei sie jedem Verbündeten das Recht auf entsprechende Mitwirkung in allen Etappen des revolutionären Prozesses und in allen Regierungen, die der Volkskampf hervorbringen wird, einräumen.

Was die letzte Frage betrifft, so halten viele kommunistischen Parteien es nicht für eine unbedingte Forderung, dass in der sozialistischen Gesellschaft nur eine einzige Partei existiert. Sie berücksichtigen die nationalen Traditionen: die Existenz verschiedener in den Massen verwurzelter demokratischer und politischer Kräfte des Volkes in vielen Ländern; die objektive soziale Wirklichkeit, die eine Vielzahl der progressiven Strömungen und Parteien bedingt. So wendet sich die Kommunistische Partei Frankreichs gegen die Idee, dass „die Existenz einer einzigen Partei eine unerläss- |27| liche Bedingung für den Übergang zum Sozialismus sei“. Das Gleiche erklären auch die italienischen Kommunisten.

Was uns chilenische Kommunisten betrifft, so unterstützten wir seit vielen Jahren die Idee von einem Mehrparteiensystem des Volkes. Wir sind der Ansicht, dass die Kommunistische und die Sozialistische Partei nicht nur gemeinsam unser Volk im Kampf für die Befreiung des Landes vom Imperialismus und von der Oligarchie führen, sondern morgen gemeinsam auch die sozialistische Gesellschaft aufbauen werden. Wir sind der Ansicht, dass andere Gruppen und Strömungen sich ebenfalls am Aufbau der neuen Gesellschaft beteiligen können.

Die Kommunistische Partei Chiles ist die Partei der Arbeiterklasse. Aber ihre Tätigkeit zur Führung des Proletariats und des ganzen Volkes leistet sie in Zusammenarbeit mit der Sozialistischen Partei, die ebenfalls, wie bereits gesagt, starke Positionen unter den Werktätigen besitzt. Viele Probleme der Abreiter- und Volksbewegung in Chile werden nach Vereinbarung zwischen den Sozialisten und den Kommunisten auf Anregung der einen oder der anderen gelöst und könne nicht anders gelöst werden. Wir nennen das gemeinsame Führung, die unter den Bedingungen Chiles eben die konkrete Form darstelle, in der die Kommunistische Partei ihrer Rolle als Avantgarde gerecht wird.

Nicht ausgeschlossen ist, dass die Kommunisten und die Sozialisten eine Einheitspartei schaffen werden. Aber diese Frage steht nicht heute, wird nicht in nächster Zukunft und möglicherweise überhaupt niemals stehen.

Wie sieht es in den übrigen Ländern Lateinamerikas aus? Man kann behaupten, dass in den meisten lateinamerikanischen Ländern nicht nur die Frage der gemeinsamen Aktion der kommunistischen Parteien und der anderen revolutionären Kräfte steht, sondern auch die Frage, dass diese Zusammenarbeit auf dem Niveau der gemeinsamen Führung der Befreiungskampf eines jeden Volkes durch die revolutionären Kräfte erfolgen muss, die sich gewissermaßen in die Funktion der Vorhut teilen.

Man kann eine Vorhut nicht willkürlich oder künstlich um einen Führer oder um Menschen schaffen, die individuell – zumindest nach ihrer Meinung – die radikalsten Positionen beziehen und sich auf diese oder jene revolutionäre Aktionen vorbereiten. Ausnahmen von dieser Regel heben sie nicht auf.

|28| Die Vorhut entsteht durch die Verschmelzung des Marxismus mit der Arbeiterbewegung, durch die Herausbildung des revolutionären Denkens (vor allem in den Reihen des Proletariats), durch die Anwendung des Marxismus-Leninismus auf die konkreten Bedingungen eines jeden Landes, d.h. als Ergebnis einer zielstrebigen Tätigkeit, eines natürlichen, aber nicht spontanen Prozesses.

Andererseits genügt es nicht, wie Lenin sagte, sich als Avantgarde und Vorhut zu bezeichnen. Man muss so handeln, dass auch die anderen Abteilungen sehen und anerkennen müssen, dass wir an der Spitze marschieren.

Die kommunistischen Parteien in Lateinamerika sind zu verschiedener Zeit entstanden. Sie wirken in verschiedenen Situationen, unter verschiedenartigen sozialen und politischen Bedingungen. Einige Parteien unternehmen Anstrengungen, um von der Etappe der Propagierung der Ideen des wissenschaftlichen Sozialismus zur Etappe der Festigung der Verbindung zu den Massen, zur Periode der Organisierung und Leitung des Massenkampfes, zur Periode der intensiven sozialen und politischen Arbeit im Volke überzugehen, was ihnen gestatten wird, den Weg zur Erringung der Macht zu bahnen. Das ist gleichzeitig der Weg zu einer raschen Entwicklung aller kommunistischen Parteinen Lateinamerikas, zu ihrer Umwandlung in die führende Kraft der revolutionären Bewegung.

Doch die Kommunisten betrachten diese Perspektive keineswegs als die einzig mögliche. Im Interesse des Proletariats, auf der Grundlage der Prinzipien des Marxismus-Leninismus sind sie bereit, die Zusammenarbeit und Einheit mit den übrigen revolutionären Kräften auf das höchste Niveau zu heben.

 

 

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