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1. Einleitung
11
1.1.
Der Sinn des Lebens
Wir werden geboren, ohne vorher
gefragt zu werden, wir müssen sterben, ob wir wollen oder nicht, und
dazwischen müssen wir dauernd irgendwelche Entscheidungen treffen. Da
soll nicht die Frage nach dem Sinn der ganzen Sache aufkommen?
Jeder von uns hat sich die Frage
nach dem Sinn des Lebens auch öfters gestellt. Und bei längerem
Nachdenken darüber wird sehr bald deutlich, dass die Frage nach dem
Sinn des Lebens, nach dem Sinn der eigenen Tätigkeit mit einer
Vielzahl weiterer Fragen verbunden ist. Geht es dabei ausschließlich
um mich und meine persönlichen Wünsche, Hoffnungen, Ziele oder
betrifft diese Frage auch andere? Habe ich überhaupt die Möglichkeit,
meine Vorstellungen zu verwirklichen oder sind mir dabei Grenzen
gesetzt? Wenn ja, was sind diese Grenzen und wer setzt sie?
Allgemein kann festgestellt
werden, dass die Frage nach dem Sinn des Lebens eng verknüpft ist mit
der Frage nach den Beziehungen zwischen der Einzelperson und ihrer
gesellschaftlichen Umwelt sowie nach den Fragen der Bedingungen der
eigenen Tätigkeit.
Unser Leben fordert dauernd von
uns irgendwelche Entscheidungen. Neben sehr kurzfristigen auch
mittelfristige und langfristige, beispielsweise die Berufswahl, die
Entscheidung für das Zusammenleben mit einem Menschen usw. Aber mit
all’ diesen Entscheidungen gebe ich meinem Leben einen bestimmten
Inhalt, eine bestimmte Richtung, egal, ob ich mir die Frage nach dem
Sinn des Lebens so konkret stelle wie hier oder nicht. Diese
Entscheidungen kann mir niemand abnehmen oder vorschreiben. Sie sind
meine persönliche Antwort auf die Sinnfrage.
Was hat das alles mit
Philosophie zu tun? Die Philosophie beschäftigt sich mit diesen
Fragen, die im Leben jedes Menschen unweigerlich auftreten –
unabhängig davon, ob er sich bewusst ist, dabei zu philosophieren.
Unsere Frage nach dem Sinn des Lebens war ein Beispiel dafür, dass das
Nachdenken über Probleme letztlich in weltanschauliche Grundfragen
mündet und damit zur Philosophie führt. Solche Gedanken spielen im
Leben gerade eines jungen Menschen eine wichtige Rolle.
Denken wir wieder an die oben
erwähnten Entscheidungen, an die Berufswahl, die persönlichen
Zukunftsvorstellungen, an die Auseinandersetzung mit politischen
Ereignissen, ebenso an Freundschaft, Sexualität, Mode, Musik usw. Das
scheinen alles nur ganz persönliche, individuelle Gedanken,
Einstellungen und Wünsche zu sein. Doch das täuscht! Sie sind alle
mehr oder weniger gesellschaftlich bedingt und wenn wir über sie
nachdenken, stoßen wir auf weitere Fragen.
Wir leben nicht allein auf einer
Insel wie Robinson Crusoe. Nehmen wir als Beispiel die Berufswahl. Die
Entscheidung, welchen Beruf du ausüben willst, ist von großer
Tragweite. Obwohl es scheint, als sei sie eine ganz persönliche
Entscheidung, wird sie nicht isoliert getroffen, sondern unter ganz
bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen. Die persönlichen Chancen
sind unterschiedlich verteilt, hängen ab von deinem Elternhaus, von
deinen Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten, von der
Arbeitsmarktsituation, den Arbeitsbedingungen, ob du ein Mann oder
eine Frau bist, usw.
Neben individuellen,
persönlichen Interessen existieren also auch gesellschaftliche
Interessen. Aber wie verhalten sich Einzelperson und Gesellschaft
zueinander, wer bestimmt wen? Gibt es hier gesetzmäßige Zusammenhänge
oder herrscht der Zufall, das Schicksal, vielleicht gar ein göttlicher
Plan?
Ganz gleich also, mit welcher
Frage (und sei es eine ganz persönliche) wir uns beschäftigen, wenn
wir ihr auf den Grund gehen, kommen wir immer zu tiefer liegenden,
allgemeinen Fragen. Immer werden wir schließlich zu Frage allgemeiner
Art gelangen, die sich auf die Welt als Ganzes, auf die Stellung des
Menschen in der Welt, auf sein Verhältnis zur Natur und zur
Gesellschaft beziehen. Ob die Menschen in der Lage sind, die Welt
zuerkennen und praktisch zu verändern, ob es Gesetzmäßigkeiten in
Natur und Gesellschaft gibt, über welche Fähigkeiten der Mensch
verfügt, wodurch das menschliche Handeln und seine Ziele bestimmt
sind, welche gesellschaftlichen Kräfte in der gegenwärtigen Epoche den
Verlauf der menschlichen Geschichte bestimmen, welche
Gesellschaftsordnung die Zukunft der Menschheit verkörpern wird – all’
das sind philosophische Fragen.
zur Übersicht:
Kapitel 1
12
1.2.
Aufgaben der Philosophie – Wozu brauchen
wir sie?
Die Philosophie befasst sich
also mit diesen Problemen und versucht, zusammenhängende Antworten auf
die genannten Fragen zu geben, indem sie die Auffassungen über die
Welt als Ganzes, über die Stellung des Menschen in dieser Welt, über
sein Verhältnis zur Natur und zur Gesellschaft, über die Erkenntnis
und die Veränderungen der Welt durch die Menschen entwickelt.
Vom Nutzen der Philosophie
Ein solche Auffassung von
der Welt und ihren allgemeinen Zusammenhängen mag sicher ganz
interessant sein, könnte man nun einwenden, aber welchen Nutzen hat
sie für unser praktisches Leben? Wäre es nicht sinnvoller, sich mit
solchen konkreten Kenntnissen über Zusammenhänge in Natur und
Gesellschaft zu befassen, die wir unmittelbar in der Arbeit und im
gesellschaftlichen Leben anwenden können?
Diese Absicht scheint viel
für sich zu haben, und mancher glaubt deshalb, dass er sich mit
weltanschaulichen Problemen nicht auseinanderzusetzen braucht. Doch er
täuscht sich. Was wir auch denken und tun, wir müssen dabei
unvermeidlich zu den allgemeinen weltanschaulichen Fragen eine
bestimmte Stellung beziehen, gleichgültig, ob wir das wissen oder
nicht, ob wir das wollen oder nicht. Auch wenn jemand meint, er
interessiere sich für nichts, was in der heutigen Welt vor sich geht
und kümmere sich nur um seine persönlichen Dinge, vertritt er damit
schon eine ganz bestimmte weltanschauliche Position. Mit
Individualismus und Egoismus weicht man weltanschaulichen
Entscheidungen nicht aus, sondern entscheidet sich für eine sehr enge
Weltsicht und Lebensauffassung, für eine politische Haltung, die sich
gegen den gesellschaftlichen Fortschritt richtet.
Die Philosophie ist nicht nur
eine bestimmte Auffassung von der Welt, zur Philosophie gehören auch
immer Wertmaßstäbe und Normen für das praktische, für das politische
und moralische Verhalten des Menschen bei der Gestaltung seines
eigenen und des gesellschaftlichen Lebens. Sie gibt den Menschen damit
eine allgemeine Orientierung für ihr gesamtes Denken und Handeln.
Dabei ersetzt sie keineswegs die konkreten Kenntnisse der
Naturwissenschaften und der technischen Wissenschaften. Sie ersetzt
auch nicht die praktischen Erfahrungen. Sie gestattet es aber, alle
diese Kenntnisse in umfassendere Zusammenhänge einzuordnen, sie in
ihrer Bedeutung richtig zu bewerten und für das praktische Handeln
fruchtbar zu machen.
Sie gibt uns die Möglichkeit,
die begrenzten Ausschnitte der Welt, mit denen wir es vorrangig zu tun
haben, in ihrem inneren Zusammenhang, als Teilbereiche des
einheitlichen Weltalls zu begreifen und unser Verhältnis zur Welt
richtig zu bestimmen.
Diese umfassende Orientierung
unseres Denkens und Verhaltens ist eine wichtige Voraussetzung nicht
nur für die bewusste Gestaltung unseres individuellen und
gesellschaftlichen Lebens, sondern auch für das richtige Herangehen an
die Probleme und Aufgaben, vor die wir bei der Arbeit im politischen
Leben gestellt werden. Deshalb ist es heute notwendig, nicht nur über
Kenntnisse in den verschiedensten Wissensgebieten zu verfügen und eine
fachliche Qualifikation zu erwerben, sondern sich zugleich auch die
Philosophie des Marxismus-Leninismus, den dialektischen und
historischen Materialismus, bewusst anzueignen. Anders ist es einfach
nicht möglich, sich in der heutigen Welt ... richtig zu orientieren
und aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. (...)
Die
wissenschaftlich-technische Revolution bringt in atemberaubendem Tempo
immer neue Kenntnisse und Wunderwerke hervor, die den Menschen das
Leben erleichtern, aber auch als Mittel zur Vernichtung missbraucht
werden können. Wie stehen wir zu allen diesen Veränderungen, was
bedeuten sie für die Menschheit? Wien können wir in der Fülle der
Ereignisse, des neuen Wissens, der Erfahrungen den Zusammenhang
finden?
Mit ihren Erkenntnissen über
die allgemeinen Gesetzmäßigkeiten der Natur, der Gesellschaft und des
Denkens, über das Wesen des Menschen und über das Verhältnis zur Welt
gibt uns die marxistisch-leninistische Philosophie eine geistige
Orientierung und hilft uns, unser Wissen und unsere Erfahrungen zu
ordnen, zu bewerten und unser praktisches Leben zu gestalten.
(aus: Hahn, E./Kosing, A.:
Marxistisch-leninistische Philosophie. Dietz-Verlag, Berlin 1985,
Seite 24 f.)
zur Übersicht:
Kapitel 1
13
1.3.
Philosophie, Wissenschaft, Weltanschauung
Jede/r von uns kennt aus
seiner/ihrer Schulzeit eine Reihe von Wissenschaften: Mathematik,
Physik, Chemie, Biologie, Geschichte, Geographie usw. Ist nun die
Philosophie eine solche Wissenschaft wie Biologie oder Mathematik? Um
diese Frage zu beantworten, müssen wir zunächst einmal klären, was
denn eine Wissenschaft überhaupt ist bzw. wozu wir sie und ihre
Forschungsergebnisse. Ihre Erkenntnisse benötigen.
Jede Wissenschaft hat die
Aufgabe, einen bestimmten Bereich der Natur oder der Gesellschaft auf
seine grundlegenden Eigenschaften, Strukturen und Gesetzmäßigkeiten
hin zu erforschen. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse dienen uns als
eine praktische Grundlage für unser tagtägliches Handeln. Ein
Beispiel: du brauchst eine Brille. Der Augenarzt stellt fest, welche
Art von Brille, der Optiker stellt sie her und du entscheidest dann
noch, welche Brillenform zu deinem Typ passt. Ein relativ simpler,
alltäglicher Vorgang. Und doch: ohne entsprechende wissenschaftliche
Kenntnisse wäre er nicht durchführbar; wir brauchen die Kenntnis von
Bau und Funktion des menschlichen Auges sowie die
medizinisch-technischen Methoden zur Feststellung von Fehlfunktionen
(Medizin), das Wissen über optische Gesetze (Physik), die Kenntnisse
zur Herstellung und Bearbeitung von Glas (Chemie, Physik) usw.
Allgemein können wir daher
formulieren: Naturwissenschaften, Gesellschafts- und technische
Wissenschaften versetzen uns durch die Erforschung von
Gesetzmäßigkeiten von Natur und Gesellschaft in die Lage, die
Naturkräfte und Naturprozesse in den Dienst des Menschen zu stellen,
die Natur immer besser zu beherrschen und die weitere Zukunft unserer
Gesellschaft bewusst zu leiten und zu planen.
Zurück zu unserer einleitenden
Frage: Hat die Philosophie auch eine solche Aufgabe? Wie ist das
Verhältnis von Philosophie zu den Einzelwissenschaften? Ohne
Beantwortung dieser Frage können wir auch nicht bestimmten, was
Philosophie eigentlich ist.
Das Wort „Philosophie“ stammt
aus dem Griechischen und bedeutet „Liebe zur Weisheit“. Im antiken
Griechenland wurde darunter zunächst die Gesamtheit des menschlichen
Wissens verstanden. Die Kenntnisse über die Natur und die
Gesellschaft, über das Denken und Verhalten des Menschen waren
Teilgebiete der Philosophie. Erst später sonderten sich die einzelnen
Wissensgebiete von der Philosophie ab und nahmen eine eigenständige
Entwicklung. Mit dem Verfall des antiken Griechenlands und ebenso des
römischen Reiches gerieten diese damaligen Kenntnisse weitgehend in
Vergessenheit. Während des gesamten Mittelalters spielte die
Wissenschaft nur eine kümmerliche Nebenrolle. Die alles beherrschende
katholische Kirche und der von ihr verkündete Glauben dominierten.
Wissenschaft als Mittel der Erkenntnis von Natur, Mensch und
Gesellschaft war nicht gefragt, den „Gottes Ratschluss“ ist ja
bekanntlich unergründlich und unerforschbar.
Erst in der Renaissance setzte
die Wissenschaft wieder verstärkt ein und teilte sich noch stärker bis
zum heutigen Tag. Was blieb aber dann noch für die Philosophie übrig,
wenn sich immer mehr Wissensgebiete von ihr trennten? Verlor sie damit
nicht ihre Existenzberechtigung? Ganz im Gegenteil: Erst dadurch wurde
deutlich, was den Gegenstand der Philosophie bildet, mit welchen
Problemen sie sich befassen muss und welche Bedeutung ihr zukommt.
Schon in der antiken Philosophie, die noch das gesamte Wissen
umfasste, gab es ein spezielles Gebiet, das sich schwerpunktmäßig mit
den allgemeinen, grundlegenden Fragen der Welt, des Menschen und des
Wissens überhaupt befasste. Hieraus ist im Laufe der Entwicklung die
Philosophie als besonderes Wissensgebiet hervorgegangen. Die
Philosophie hat die Aufgabe, eine Weltanschauung auszuarbeiten und zu
begründen.
Kann es aber ein Wissen oder
eine Anschauung vom „Weltganzen“ überhaupt geben? Der Begriff „Welt“
hat für uns sehr verschiedene Inhalte. Wir sprechen von der Welt im
Sinne der Geographie, von der Welt des Sozialismus, von der westlichen
Welt oder der kapitalistischen, ebenso wie von der Welt der Chemie,
der Seelenwelt des Menschen, der Welt der Kultur, usw. Aus diesen
vielen sehr unterschiedlichen Welten folgt aber nicht, dass eine
einheitliche Weltanschauung nicht möglich ist. Die scheinbar
verschiedenen Welten sind nur Ausschnitte aus der einen, einheitlichen
Welt, die unter bestimmten Gesichtspunkten betrachtet wird. Wie sie
betrachtet wird, hängt weitgehend von der Weltanschauung des
Betrachters bzw. der Betrachterin. Die Weltanschauung gibt dem
Menschen eine grundlegende Orientierung in allen Bereichen seines
Lebens, im Beruf, im Privatleben, in seinem politischen Leben,
überhaupt in allen sozialen Beziehungen. Sie beeinflusst in hohem Maße
sein moralisches und ästhetisches Denken, Fühlen und Verhalten. Eine
Weltanschauung enthält nicht nur Kenntnisse über die verschiedensten
Bereiche der Wirklichkeit, sie ist zugleich menschliches
Selbstbewusstsein, geistiger Ausdruck der Interessen, Bestrebungen und
Wünsche des Menschen. Daher schließt sie entsprechende Werturteile,
Normen und Ideale, das heißt verschiedene Formen gesellschaftlicher
Interessen, ein.
zur Übersicht:
Kapitel 1
14
1.4.
Zusammenfassung
-
Einzelwissenschaften erforschen jeweils einen
bestimmten Bereich der Natur oder Gesellschaft auf seine
grundlegenden Eigenschaften, Strukturen und Gesetzmäßigkeiten hin.
Sie geben jedoch keine Antworten auf die Fragen nach den allgemeinen
Gesetzen in Natur, Gesellschaft und Denken, auf allgemeine Fragen,
die sich aus der Betrachtung der Welt als Ganzes ergeben.
-
Die Philosophie betrachtet die einzelnen
Ausschnitte der Welt als Ganzes, in ihrem inneren Zusammenhang und
leitet daraus allgemeine Gesetzmäßigkeiten der Natur, der
Gesellschaft und des Denkens, über das Wesen des Menschen sowie über
das Verhältnis des Menschen zur Welt ab. Sie liefert somit eine
geistige Richtschnur und hilft uns, unser Wissen und unsere
Erfahrungen zu ordnen, zu bewerten und unser praktisches Leben zu
gestalten. Die Philosophie hat somit die Aufgabe, eine
Weltanschauung auszuarbeiten und zu begründen.
-
Eine Weltanschauung enthält nicht nur Kenntnisse
der einzelnen Bereiche der Welt, sie bewertet auch, bezieht also für
die eine oder andere gesellschaftliche Gruppe Stellung. Die
marxistische Philosophie ist der theoretische Ausdruck der
Interessen der ArbeiterInnen, sie begründet die Weltanschauung der
ArbeiterInnenklasse.
2. Kleine
Geschichte der Philosophie
21
2.1.
Warum entstanden Philosophien?
In der Urzeit des Menschen
(Urgesellschaft) gab es noch keine Philosophie und ebenso keine
Wissenschaft. Die unerklärbaren Naturvorgänge wurden dem Wirken
höherer Mächte (Gottheiten, Dämonen, Geister usw.) zugeschrieben. Sie
galt es durch Opfer und religiöse Bräuche bei Laune zu halten. Auch
die feste Ordnung des gesellschaftlichen Lebens und das Schicksal der
einzelnen Menschen wurde auf die überirdischen Kräfte zurückgeführt.
Das Denken der Menschen war noch sehr stark von mythologischen
Vorstellungen geprägt.
Mit der immer besseren
Beherrschung der Natur, der sich immer mehr entwickelnden Produktion
sowie der aufkommenden stärkeren Arbeitsteilung wurde die
Urgesellschaft aufgelöst, es entstand eine Klassengesellschaft, die
Sklavenhaltergesellschaft. Diese einschneidenden Veränderungen
erschütterten die frühere Lebens- und Denkweise der Menschen. Die
immer schärfer werdenden Gegensätze zwischen dem grundbesitzenden
Sklavenhalteradel einerseits und Handwerk, Gewerbe und Handel
treibenden Schichten andererseits führten zu heftigen Klassenkämpfen,
in deren Verlauf das gesellschaftliche und politische Leben
grundlegend verändert wurde. Die überlieferten religiösen
Vorstellungen, welche die Herrschaft des Adels rechtfertigten,
gerieten ebenso ins Wanken wie bisherige Normen, Regeln und
Gewohnheiten des Zusammenlebens. In dieser Situation entstand die
Philosophie, um Antworten auf die neuen Fragen zu geben, die die
Menschen damals bewegten. Die sich zugleich entwickelnden
Wissenschaften (als Teile der Philosophie) suchten nach Antworten auf
Vorgänge in Natur und Gesellschaft. Die Aufgabe der Philosophie war
es, diese einzelnen Erkenntnisse in einen Zusammenhang zu bringen. So
entstand die Einsicht, dass die Menschen durchaus imstande sind, die
Welt zu erkennen, zu begreifen und zu beherrschen.
zur Übersicht: Kapitel 2
22
2.2.
Die Grundfrage der Philosophie
Lange Zeit glaubten die
Menschen, die Welt sei irgendwann von Gott erschaffen worden. So heißt
es zu Beginn der „Genesis“ in der Bibel: „Im Anfang schuf Gott Himmel
und Erde. Aber die Erde war wüste und leer, und Finsternis lag über
dem Abgrund, und der Geist Gottes schwebte über den Wassern.“ Noch
Mitte des 18. Jahrhunderts schrieb John Lightfood, Vizekanzler der
berühmten Universität Cambridge in England: „Himmel und Erde sowie der
Mensch wurden von der heiligen Dreieinigkeit im selben Augenblick
erschaffen. Dies geschah am 23. Oktober viertausendvier vor Christi
Geburt um neun Uhr morgens...“
Der christliche Gott wurde als
ein geistiges Wesen angesehen, das in seiner Allmacht die Welt, die
Natur, die Erde und alle irdischen Lebewesen aus dem Nichts geschaffen
habe. Wir wollen uns nicht dabei aufhalten, das Wunder, wie eine
materielle Welt durch einen Geist aus dem Nichts gezaubert wird, ernst
zu nehmen und dagegen zu argumentieren. Uns interessiert vorrangig,
welche allgemeine philosophische Auffassung darin zum Ausdruck kommt.
Der Schöpfungsglaube stellt der
Welt und der Natur den Geist (Gott) als Ursprung gegenüber. Der Geist
ist nach dieser Auffassung der Erste, er bringt die Natur, die Welt
hervor, er erschafft sie. Freilich läge hier die Frage nahe „Und woher
kommt dann der Geist?“ – in unserem Fall „Gott“. Doch darauf antworten
die GottesanbeterInnen nur: „Gott kommt nirgends her, er ist immer!“
Über einsichtige, logische Argumente verfügen sie nicht.
Dem gegenüber steht die
wissenschaftliche begründete Tatsache, dass die Welt keinen Anfang
hat, sondern aus sich ewig bewegender Materie besteht. Weiters
bezeugen wissenschaftliche Erkenntnisse, dass das, was wir Geist
nennen, d.h. das menschliche Bewusstsein, das Denken und mit ihm auch
die Vorstellung eines Gottes, ein Produkt der Materie, der Natur und
der Gesellschaft ist (siehe dazu Kapitel 3).
Um diese Fragestellung, „Geist
oder Materie?“ und „Was war zuerst?“, ist in der ganzen Geschichte der
Philosophie ein erbitterter Kampf geführt worden, denn ihrer
Beantwortung kommt große Bedeutung zu. Sie wird deshalb auch als
„Grundfrage der Philosophie“ bezeichnet.
„Die große Grundfrage aller,
spezielle neueren Philosophie ist die nach dem Verhältnis von Denken
und Sein. (...) Je nachdem diese Frage so oder so beantwortet wurde,
spalteten sich die Philosophen in zwei große Lager. Diejenigen, die
die Ursprünglichkeit des Geistes gegenüber der Natur behaupteten, also
in letzter Instanz eine Weltschöpfung irgendeiner Art annahmen ...,
bildeten das Lager des Idealismus. Die anderen, die die Natur als das
Ursprüngliche ansahen, gehören zu den verschiedenen Schulen des
Materialismus.“ (aus: Engels Friedrich:
Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen
Philosophie. In: Marx/Engels-Werke, Bd. 21, S. 274 f.)
Wie ist das nun zu verstehen?
Warum ist es wichtig, das Verhältnis zwischen Materie und Bewusstsein,
zwischen realem Sein und Denken, richtig zu bestimmen? Ist das
vielleicht nur eine „philosophische Spinnerei“ fernab von jeder
Bedeutung für unser Handeln und Tun?
„Wenn wir hierbei aber
erfolgreich sein und angestrebten Resultate auch wirklich erreichen
wollen, müssen wir lernen, deutlich zwischen den Gegenständen der
materiellen Welt einerseits und unseren Wahrnehmungen, Vorstellungen
und Gedanken über diese Welt andererseits zu unterscheiden. Genauso
müssen wir zwischen der materiellen praktischen Tätigkeit, welche die
Gegenstände tatsächlich verändert, und den gedanklichen Operationen
des Bewusstseins unterscheiden, die allein überhaupt nicht verändern
können. Das erscheint uns ganz selbstverständlich. Doch die Menschheit
hat lange Zeit gebraucht, bis sie diesen grundlegenden Unterschied
zwischen materiellen und geistigen Erscheinungen verstand. Eine noch
längere Zeit war es erforderlich, diese Unterscheidung auch
begrifflich herauszuarbeiten, sie in Begriffen festzuhalten. Das
setzte eine bestimmte Entwicklungsstufe der gesellschaftlichen
Verhältnisse und des theoretischen Denkens voraus, weshalb diese
Unterscheidung erst in der antiken griechischen Philosophie erfolgte.
Seither spielt die Frage nach dem Verhältnis von Seele und Körper, von
Geist und Natur, von Denken und Sein, von Bewusstsein und Materie eine
bedeutende Rolle im philosophischen Denken.“
(Hahn/Kosing: Marxistisch-leninistische Philosophie. Berlin 1985, S.
40)
Erst die Beantwortung der
„Grundfrage der Philosophie“ ermöglich die Erkenntnis, was im
Wechselverhältnis von Materie und Bewusstsein das grundsätzliche,
primäre und bestimmende ist und was das daraus abgeleitete, sekundäre
und bestimmte. Die Entscheidung in dieser Frage ist von höchster
theoretischer und praktischer Bedeutung. Sie bestimmt den
materialistischen oder idealistischen Charakter einer Weltanschauung.
Sie hilft uns bei allem, was wir tun, zwischen den Dingen, wie sie
wirklich sind, und unseren Vorstellungen, Wünschen und Ideen über
diese Dinge zu unterscheiden. Sie hilft uns also, die Dinge nicht so
zu sehen, wie wir sie gerne hätten, sondern so, wie sie wirklich sind,
damit wir sie verändern können, wie es unseren Plänen entspricht.
Friedrich Engels hat diese
Grundfrage zugleich „die höchste Frage der Philosophie“ genannt.
Warum? Die philosophischen Kategorien „Materie“ und „Bewusstsein“ sind
die weitestgehenden, umfassendsten Begriffbildungen der Philosophie.
Wenn wir nun den Inhalt der Grundfrage durchdenken, so wird deutlich,
dass es nur diese zwei unterschiedlichen Antwortmöglichkeiten gibt.
Deshalb führt die Beantwortung zu den beiden möglichen Grundrichtungen
der Philosophie entweder zum Materialismus oder zum Idealismus.
zur Übersicht: Kapitel 2
23
2.3. Materialismus und
Idealismus
Der Materialismus ist die
Grundrichtung der Philosophie, die immer vom Primat der Materie
ausgeht. In all’ seinen Formen – ob als antiker, bürgerlicher oder
marxistischer Materialismus – hält er die Materie, die Natur, die
materielle Welt für primär, grundlegend und bestimmend, während er das
Bewusstsein, den Geist, das Denken und Empfinden für sekundär,
abgeleitet, von der Materie hervorgebracht und von ihre bestimmt
erklärt. Der Materialismus ist daher atheistisch (gottlos), da er zur
Erklärung der Welt keinen Gott und keine übernatürlichen Kräfte
bemühen muss.
Der Idealismus ist jene
Grundrichtung der Philosophie, die in allen ihren Varianten vom Primat
des Bewusstseins, des Geistes, des Denkens, der Idee ausgeht und die
Materie, die Natur, die materielle Welt für sekundär, für abgeleitet,
vom Geist (Gott) hervorgebracht, vom Denken oder von Ideen bestimmt
hält.
Die Beantwortung der Grundfrage
der Philosophie bildet letztendlich die Festlegung für die
Orientierung des praktischen Verhaltens, der praktischen Tätigkeit und
de theoretischen Denkens in allen Bereichen des gesellschaftlichen
Lebens. Unser praktisches Handeln wird nur dann von Erfolg gekrönt
sein, wenn unser Denken und Handeln mit der objektiven, real
existierenden Beschaffenheit unserer Umwelt übereinstimmt. Ein
Beispiel: Die bloße Einbildung, dass ich ohne Hilfsmittel fliegen
kann, wird bei der materiellen Probe aufs Exempel zu sehr materiellen
(womöglich fatalen) Ergebnissen führen. Ich würde zerschmettert am
Boden direkt unterhalb meines Startpunktes liegen bleiben, mein Denken
hätte mit den objektiven materiellen Gegebenheiten (sprich:
Schwerkraft) nicht übereingestimmt.
Ein anderes Beispiel: Die
ArbeiterInnenklasse, die im Kapitalismus gegen die Ausbeutung kämpft,
weiß sehr wohl, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse der
kapitalistischen Ausbeutung materielle Verhältnisse sind, die nicht im
Denken, sondern in der objektiven Realität existieren. Sie können
daher auch nicht durch bloße Bewusstseinsveränderung beseitigt werden,
sondern nur durch praktisches Handeln.
Wer sich also in seinem Denken
und Handeln an einer idealistischen Beantwortung der Grundfrage der
Philosophie orientiert, gerät zwangsläufig immer wieder in Konflikt
mit der materiellen, objektiven Realität und erntet Misserfolge.
Die Grundfrage der Philosophie
kann entweder materialistisch oder idealistisch beantwortet werden.
Folgt daraus, dass beide Positionen die gleich Berechtigung haben? Dass
ein Mensch sich sowohl für die eine als auch die andere Seite
entscheiden kann? Er kann. Die Entscheidung ist jedoch abhängig von
vielen Faktoren, vor allem von der gesellschaftlichen Stellung des
einzelnen Menschen und den ideologischen Einflüssen, die auf ihn
wirken.
MarxistInnen beziehen klar für
den Materialismus Position:
- Die materialistische Antwort
auf die Grundfrage der Philosophie ist die Konsequenz aus zahllosen
natur- und gesellschaftswissenschaftlichen Erkenntnissen sowie
praktischer Erfahrung des Menschen. Er ist somit wissenschaftlich
begründet. Der Idealismus hingegen befindet sich im Gegensatz zur
Wissenschaft und den Erfahrungen des Menschheit. Er ist daher eine
Glaubensentscheidung und unwissenschaftlich.
- Materie ist also zuerst,
Bewusstsein entwickelt sich später. Erst auf einer bestimmten Stufe
der Erdgeschichte, Milliarden Jahre nachdem die Erde entstanden ist,
entwickelte sich das Leben und wiederum einige Milliarden Jahre später
der Mensch und damit das Bewusstsein. Bewusstsein ist ein
Entwicklungsprodukt der Materie auf Basis der besonders hoch
organisierten Materie des Gehirns.
- Das Verhältnis zwischen
Materie und Bewusstsein ist aber kein mechanisches, das heißt, das
eine erschafft wiederum das andere. Somit ist es vielmehr ein
dialektisches Verhältnis, d.h. beide hängen voneinander ab und
beeinflussen einander wechselseitig (siehe Kapitel 4, 5 und 6).
Mit der Grundfrage der
Philosophie und ihrer konsequenten materialistischen Beantwortung
haben wir nun den Ausgangspunkt gewonnen, um das ganze Gedankengebäude
der marxistischen Philosophie besser zu verstehen. Zuvor werden wir
allerdings noch unsere kleine Wanderung durch die Geschichte der
Philosophie durchführen. Sie wird sowohl zum besseren Verständnis als
auch zum Erkennen der neuen Qualität der marxistischen Philosophie
verhelfen.
zur Übersicht: Kapitel 2
24
2.4. Die Geschichte des
Materialismus
Die ersten Materialisten waren
die antiken griechischen Philosophen Thales von Milet (624-546 v.u.Z.),
Anaximander (611-546 v.u.Z.), Anaximenes (588-525 v.u.Z.) und Heraklit
(540-480 v.u.Z.). Sie alle waren urwüchsige Materialisten, die sich
bemühten, die Gesamtheit der Welt und ihrer Erscheinungen auf eine
allem zugrunde liegende Urmaterie zurückzuführen, die Welt also ohne
Zuhilfenahme von Göttern und Göttinnen oder ähnlichem materialistisch
zu erklären. Deshalb waren sie auch geniale Naturforscher, Techniker
und Ingenieuere. Den Höhepunkt des antike Materialismus bildete die
Philosophie von Demokrit (460-370 v.u.Z.). Er war einer der größten
Gelehrten und Denker seiner Zeit. Seine geniale Lehre vom Aufbau der
Welt aus Atomen nahm den Erkenntnisstand der Naturwissenschaften von
heute vorweg. Demokrits Atome sind unteilbar (diesbezüglich hat ihn
freilich die moderne Wissenschaft nach fast 2500 Jahren doch noch
widerlegt) und unsichtbar klein, sie sind in ständiger Bewegung.
„Nichts kann aus nichts oder aus einer geistigen Wesenheit entstehen.
Alles entsteht in einer universellen Gesetzmäßigkeit aus der ständigen
Bewegung ... Die Bewegung der Atome sind ewig und ohne Anfang.“ Wie
wir sehen, entstand die materialistische Philosophie in engem
Zusammenhang mit den damals entstehenden Wissenschaften.
Im Mittelalter beherrschten
Theologie und Religion das geistige Leben der Feudalgesellschaft. Die
Philosophie wurde zur Magd der Theologie herabgedrückt. Ihre Aufgabe
bestand darin, mit den Mitteln der Philosophie die Leitsätze und
Dogmen der Kirche zu begründen sowie die Existenz Gottes zu beweisen.
Der Idealismus dominierte, doch der Materialismus ging nicht unter.
Vor allem die seit dem 15. Jahrhundert einen riesigen Aufschwung
nehmenden Naturwissenschaften schlugen Stein um Stein aus dem Haus des
Idealismus. Gelehrte, Erfinder und Entdecker wie Leonardo da Vinci
(1452-1519), Galileo Galilei (1564-1642), Nikolaus Kopernikus
(1473-1543) oder Giordano Bruno (1548-1600) brachten die kirchlich
geprägte Weltanschauung durch ihre epochenmachenden Entdeckungen nach
und nach zu Fall.
Eine neue Blüte des
Materialismus entwickelte sich auf den Grundlagen des entstehenden
Kapitalismus als geistiger Ausdruck des fortschrittlichen Bürgertums
in ihrem Kampf gegen die feudale mittelalterliche Gesellschaft. Die
bürgerliche Materialistische Philosophie war eng mit der
Naturwissenschaft verbunden und richtete sich gegen Theologie und
Religion als Stütze des Feudaladels. Die englischen Materialisten
Francis Bacon (1561-1626), Thomas Hobbes (1588-1679), John Locke
(1632-1704) und die französischen Materialisten Julien Offray de la
Mettrie (1709-1751), Paul Heinrich Dietrich von Holbach (1723-1789),
Denis Diderot (1713-1784), Claude-Adrien Helvetius (1715-1771) u.a.
begründeten die Rolle von Erfahrung, Beobachtung und Experiment als
Erkenntnismittel zur Erforschung der Natur und entwickelten die
materialistische Weltanschauung zu einem umfassenden philosophischen
System. Die Welt wurde als ein zusammenhängendes System materieller
Körper betrachtet. Diese bewegen sich in Raum und Zeit nach den
Gesetzen der Mechanik und benötigen weder zu ihrer Existenz noch zu
ihrer Bewegung irgendwelche übernatürlichen Kräfte.
Die höchste Entwicklungsstufe
des bürgerlichen Materialismus war die Philosophie von Ludwig
Feuerbach (1804-1872). Er erneuerte den Materialismus vor allem in der
Auseinandersetzung mit der klassischen deutschen Philosophie des
Idealismus, deren Vertreter Friedrich Wilhelm Joseph Schelling
(1775-1854, Johann Gottlieb Fichte (1762-1814), Immanuel Kant (1724-1804)
und Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) waren. Feuerbach schuf
das naturwissenschaftliche und erkenntnistheoretische Fundament des
Materialismus. Damit war die Voraussetzung für den Übergang zu einer
qualitativ neuen Entwicklungsstufe des Materialismus, zum
dialektischen und historischen Materialismus gegeben. Dessen
Ausarbeitung ist das historische Verdienst von Karl Marx und Friedrich
Engels.
Karl Marx (1818-1883) und
Friedrich Engels (1820-1895) knüpften dabei an die Erkenntnisse ihrer
Vorgänger an, beseitigten aber deren Unzulänglichkeiten,
Einseitigkeiten, Schranken und Inkonsequenzen. Die marxistische
Philosophie ist die Vollendung der materialistischen Philosophie.
Nicht nur die Natur, auch die Gesellschaft und das Denken werden
materialistisch erklärt. Entgegen früheren Traditionen, nach denen die
Philosophie immer mit den Interessen der besitzenden Ausbeuterklassen
verbunden war (auch das revolutionäre Bürgertum in seiner besten Zeit
war eine besitzende Ausbeuterklasse), drückte nun die marxistische
Philosophie die Interessen der ArbeiterInnenklasse aus. Sie begründete
die historische Aufgabe der ArbeiterInnenklasse, jegliche Ausbeutung
des Menschen durch den Menschen für immer abzuschaffen,
wissenschaftlich. Damit erhielt die Philosophie eine gesellschaftliche
Funktion. „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden
interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“,
formulierte Karl Marx in seinen „Thesen über Feuerbach“.
zur Übersicht: Kapitel 2
25
2.5. Zusammenfassung
-
Die Philosophie entstand in enger Verbindung mit
den Wissenschaften vor ca. 2500 Jahren im antiken Griechenland. Sie
suchte Antworten und Erklärungen auf Vorgänge in Natur und
Gesellschaft.
-
Die Grundfrage der Philosophie ist die Frage nach
dem Verhältnis von Denken und Sein: Was ist das primäre, bestimmende
– was das sekundäre, bestimmte? Je nach ihrer Beantwortung teilen
sich die Philosophien in zwei große Lager: den Materialismus und den
Idealismus.
-
Der Materialismus hält die Materie für primär,
das Denken (Bewusstsein) ist von ihr hervorgebracht und bestimmt. Er
ist atheistisch.
-
Der Idealismus hält das Denken, den Geist, die
Idee für primär, die Materie, die Natur vom Geist (Gott)
hervorgebracht.
-
MarxistInnen sind AnhängerInnen des
Materialismus, das dieser mit natur und
gesellschaftswissenschaftlichen Erkenntnissen übereinstimmt. Im
Gegensatz zum Idealismus, der eine Glaubensfrage ist, ist der
Materialismus wissenschaftlich begründet.
-
Materialismus und Idealismus stehen seit jeher in
ständiger Auseinandersetzung. Der Materialismus war in all’ seinen
Formen meist Ausdruck der Bestrebungen fortschrittlicher Klassen,
die auf eine Veränderung der Gesellschaft abzielten.
-
Die höchste Stufe des Materialismus ist der von
Marx und Engels entwickelte marxistische Materialismus, der
dialektische und der historische Materialismus. Mit ihm werden nicht
nur Natur, sondern auch die Gesellschaft und das Denken
materialistisch erklärt.
-
Die neue Qualität des marxistischen Materialismus
besteht auch darin, dass diese Philosophie erstmals mit den
Interessen der ausgebeuteten Klasse, der ArbeiterInnenklasse,
verbunden ist. Er begründet wissenschaftlich ihre historische
Aufgabe, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen
abzuschaffen.
3. Der marxistische Materialismus
31
3.1 Idealismus contra Materialismus
Materialismus und Idealismus
standen und stehen in all’ ihren Formen stets im Gegensatz zueinander.
Dieser Gegensatz ist eine wichtige Triebkraft in der Entwicklung des
philosophischen Denkens. Was ist aber die Ursache für diesen dauernden
Kampf? Sind die PhilosophInnen besonders streitsüchtig? Oder gibt es
im Streit der PhilosophInnen keine echte Erkenntnis und keinen
Erkenntnisfortschritt, sodass jeder Gedanke bestritten werden kann?
Die Ursachen dafür liegen
tiefer. Die Philosophie drückt in allgemeinster Form die Interessen,
die Bestrebungen, die Ideen von gesellschaftlichen Klassen (1) aus.
Dieser PhilosophInnenstreit ist also die geistige, ideologische
Widerspiegelung des Klassenkampfes, eine Form, in der sich die Klassen
ihrer Ziele und Bestrebungen bewusst werden. Der Materialismus war in
diesem Kampf meist Ausdruck der Bestrebungen fortschrittlicher
Klassen, die auf eine Veränderung der Gesellschaft abzielten. Der
Idealismus hingegen war häufig die Anschauung konservativer (d.h.
bewahrender) bis reaktionärer (d.h. rückschrittlicher) Klassen, die an
einer Verteidigung der bestehenden gesellschaftlichen Zustände
interessiert waren. Allerdings darf diese Regel nicht als
allgemeingültig angesehen werden. Zu bestimmten Zeiten kamen auch
fortschrittliche Bestrebungen in idealistischen Systemen zum Ausdruck.
So zum Beispiel in der klassischen deutschen Philosophie (Schelling,
Fichte, Kant, bes. Hegel), die – und hier vor allem Hegels Philosophie
– zu den theoretischen Quellen der marxistischen Philosophie zählen.
Die Definition von Idealismus
haben wir schon im vorigen Kapitel herausgearbeitet (siehe 2.2.). Und
wir haben auch festgestellt, dass die idealistischen Grundposition
sich in krassem Widerspruch zu allen praktischen Erfahrungen, zum
gesunden Menschenverstand sowie zu wissenschaftlichen Kenntnissen
befindet. Es mag daher etwas komisch erscheinen, dass der Idealismus
immer seine AnhängerInnen und VertreterInnen hatte und hat, darunter
sogar bedeutende NaturwissenschafterInnen, auch heute noch.
Es wäre falsch, im Idealismus
nur Unsinn, in seinen VertreterInnen nur Dummköpfe und IgnorantInnen
zu sehen. Wenn das so wäre, dann hätte der Materialismus diesen Streit
schon lange für sich entschieden.
Warum entsteht der Idealismus
also ständig neu? Der Idealismus ist eine philosophische Strömung, die
objektive Grundlagen bzw. Wurzeln sowohl im menschlichen
Erkenntnisprozess als auch im gesellschaftlichen Leben besitzt. Diesen
sehr komplizierten Satz hat Friedrich Engels in seiner Schrift
„Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“ sehr eindrucksvoll
und leicht verständlich bei der Beschreibung der Urmenschen erklärt.
„Durch das Zusammenwirken von
Hand, Sprachorganen und Gehirn nicht allein bei jedem einzelnen,
sondern auch in der Gesellschaft, wurden die Menschen befähigt, immer
höhere Ziele sich zu stellen und zu erreichen. Die Arbeit selbst wurde
von Geschlecht zu Geschlecht eine andere, vollkommenere,
vielseitigere. Zur Jagd und Viehzucht trat der Ackerbau, zu diesem
Spinnen und Weben, Verarbeitung der Metalle, Töpferei, Schifffahrt.
Neben Handel und Gewerbe trat endlich Kunst und Wissenschaft, aus
Stämmen wurden Nationen und Staaten. Recht und Politik entwickelten
sich und mit ihnen das phantastische Spiegelbild der menschlichen
dinge im Kopf: die Religion. Vor allen diesen Gebilden, die zunächst
Produkte des Kopfes darstellten und die die menschlichen
Gesellschaften zu beherrschen schienen, traten die bescheideneren
Erzeugnisse der arbeitenden Hand in den Hintergrund; und zwar umso
mehr, als der die Arbeit planende Kopf schon auf einer sehr frühen
Entwicklungsstufe der Gesellschaft (z.B. schon in der einfachen
Familie) die geplante Arbeit durch andere Hände ausführen lassen
konnte als die seinigen. Dem Kopf, der Entwicklung und Tätigkeit des
Gehirns, wurde alles Verdienst an der rasch fortschreitenden
Entwicklung der Zivilisation zugeschrieben; die Menschen gewöhnten
sich daran, ihr Tun aus ihrem Denken zu klären statt aus ihren
Bedürfnissen (die dabei allerdings im Kopf sich widerspiegeln, zu
Bewusstsein kommen) – und so entstand mit der Zeit jene idealistische
Weltanschauung.“
(Engels, Friedrich: Dialektik der Natur – Anteil der Arbeit an der
Menschwerdung des Menschen. In: Marx/Engels-Werke, Bd. 20, S. 450 f.)
„Unser Denken und Handeln,
unsere praktische Erfahrung sowie die wissenschaftlichen Erkenntnisse
richten sich nach der materiellen Welt. Der hartnäckigste Idealist
geht zum Zahnarzt, wenn er Zahnschmerzen hat, isst und trinkt und
vergisst dabei nicht aufs Atmen.
Mit einem Wort, er verhält
sich materiell. Und doch kann unsere Erkenntnis, unser Denken immer
wieder zu idealistischen Anschauungen kommen. Wie das?
Das theoretische Erkennen
operiert mit Begriffen .Doch was sind Begriffe, und wie kommen sie
zustande? Der Mensch hat die Fähigkeit entwickelt, aus der Vielfalt
und Verschiedenheit der Dinge, die ihn umgeben, allgemeine Merkmale,
Eigenschaften und Beziehungen zu abstrahieren (abstrahieren heißt
herausheben, gedanklich isolieren). Er kann die vielen verschiedenen
Dinge nach gemeinsamen Merkmalen in Begriffe zusammenfassen. Der
Begriff ist ein abstraktes Bild einer ganzen Klasse von Gegenständen
in ihren allgemeinen Merkmalen. In dem Begriff „Haus“ fassen wir das
Allgemeine, die allgemeinen Eigenschaften zusammen, die allen
verschiedenen Häusern zukommen, nämlich Wände, Dach, Eingang haben,
Schutz vor Wetterunbilden bieten, usw. Der eine Begriff, der das
Allgemeine und Wesentliche aller Häuser enthält, tritt damit der
unendlichen Vielzahl einzelner Häuser mit ihren zufälligen
Eigenschaften gegenüber. Wie ist ihr Verhältnis zueinander?
Jedes einzelne Haus mit
seinen zufälligen Eigenschaften wird irgendwann errichtet und
irgendwann wird es wieder zerstört. Aber der Begriff „Haus, die
allgemeine Idee des Hauses, erscheint demgegenüber beständig und
unveränderlich. Mehr noch: Wer ein Haus bauen will, geht bereits vom
Begriff, von der Idee des Hauses aus, denn er entwirft vorher ein
entsprechendes Projekt.
Legt das nicht den Gedanken
nahe, dass der Begriff, die Idee mehr Realität besitzt, als die
vergänglichen materiellen Gegenstände? Kann man nicht zu der
Schlussfolgerung kommen, dass die allgemeinen Begriffe, die Ideen, die
eigentliche Wirklichkeit sind, während die einzelnen Dinge nur
Nachbildungen dieser Ideen sind? Zu dieser verkehrten Auffassung,
welche die Welt auf den Kopf stellt, kann man tatsächlich kommen, wenn
man nicht beachtet, dass die Begriffe Produkte unseres eigenen
Denkens, unentbehrliche Instrumente zur Beherrschung unserer Umwelt
sind, wenn man sie einseitig aus dem Zusammenhang des gesamten
widerspruchsvollen Erkenntnisprozesses herauslöst, wenn man sie
verselbstständigt und schließlich verabsolutiert.
Auf diese Weise entstand der
Idealismus in der antiken griechischen Philosophie. Sokrates (469-399
v.u.Z.) und Platon gewannen die Einsicht, dass der Begriff und das
begriffliche Denken außerordentlich wichtige Werkzeuge des
menschlichen Erkennens sind. Das war ein gewaltiger Fortschritt in der
Entwicklung der Erkenntnistätigkeit. Aber sie verstanden noch nicht,
wie diese allgemeinen Begriffe zustande kommen. Deshalb
interpretierten sie ihren Zusammenhang mit den einzelnen materiellen
Dingen der Umwelt nicht richtig. Unter dem Einfluss religiöser
Anschauungen erklärte Platon die Begriffe zu einer höheren Welt der
Ideen, denen er eine selbstständige Existenz zusprach.
Platon bediente sich
bildhafter Vergleiche, um seinen Idealismus zu erläutern. So verglich
er das Leben der Menschen mit einem Aufenthalt in einer dunklen Höhle.
In dieser Höhle befinden sich gefesselte Gefangene, mit dem Rücken
gegen den Ausgang gekehrt und ohne die Möglichkeit, ihr Antlitz dem
Licht zuzuwenden. An der Höhle gehen Passanten vorbei, die Gefäße von
unterschiedlicher Gestalt tragen; die Sonnenstrahlen beleuchten diese
Gefäße, und ihre Schatten fallen auf die Rückenwand der Höhle. Die
Gefangenen können nur diese Schatten sehen. Für Platon sind die Dinge
nur die Schatten ihrer Ideen.
Da der menschliche
Erkenntnisprozess ein sehr komplizierter Vorgang ist, in dem viele
Elemente zusammenwirken, besteht die Möglichkeit, jedes einzelne
Element (die Sinnesempfindungen, die Begriffe, usw.) aus seinem
Zusammenhang herauszulösen und es zu einem selbstständigen Wesen
aufzubauschen. Der subjektive Idealismus verabsolutiert zum Beispiel
die Empfindung und Wahrnehmung. Er trennt sie von der materiellen Welt
und erklärt sie zur einzigen Realität. In ähnlicher Weise ist es auch
möglich, den Willen oder das Unbewusste zur grundlegenden Realität zu
verabsolutieren, usw. Im Ergebnis entstehen zwar verschiedene
Varianten des Idealismus, aber sie alle haben ihre Wurzeln im
menschlichen Erkenntnisprozess. Sie beruhen alle auf einer einseitigen
Betrachtung des Erkennens.“ (aus: Hahn/Kosing:
Marxistisch-leninistische Philosophie, Berlin 1985, S. 54-56).
Der Erkenntnisprozess birgt also
die Möglichkeit des Idealismus in sich. Zu einem ganz idealistischen
System allerdings wird er nur dann ausgebaut, wenn es
gesellschaftliche Kräfte gibt, die an einer idealistischen Verkehrung
ein Interesse haben. Das ist seit der Teilung der Gesellschaft in
ausbeutende und ausgebeutete Klassen der Fall. Seitdem gibt es eine
soziale Grundlage des Idealismus.
Die gleichzeitig mit der
Klassenspaltung entstehende Teilung der Arbeit in körperliche und
geistige Arbeit ist ein weiterer Grund. Die besitzenden und
herrschenden Klassen besaßen immer auch das Monopol auf Bildung und
geistige Arbeit. Es ist daher nahe liegend, dass sie ihre Tätigkeit und
deren Ergebnisse für etwas Höheres für das Bestimmende erklärten.
Der Idealismus eignet sich also
nicht nur dazu, die geistige Herrschaft zu begründen und zu sichern.
Er ist auch ein wichtiges Mittel, die bestehenden Verhältnisse zu
rechtfertigen und jede fortschrittliche Veränderung zu verdammen.
Daher wird der Idealismus immer wieder neu belebt und spielt auch
heute eine große Rolle in der Auseinandersetzung zwischen der
ArbeiterInnenklasse und den VertreterInnen des Kapitalismus.
Zur Übersicht: Kapitel 3
32
3.2. Der Materiebegriff
Im 2. Kapitel haben wir bei der
Behandlung der Grundfrage der Philosophie festgestellt, dass die
Begriffe „Materie“ und „Bewusstsein“ die weitgehendsten, umfassendsten
Begriffsbildungen der Philosophie sind. Zudem wissen wir nun auch, was
Begriffe sind und wie sie gebildet werden. Was verstehen wir also,
wenn wir „Materie“ sagen? Als MaterialistInnen müssen wir diese Frage
beantworten.
Sind darunter Körper, Gebilde zu
verstehen, mit denen wir täglich umgehen, sind es die Moleküle, aus
denen diese Körper aufgebaut sind, oder gar die Atome, aus denen die
Moleküle bestehen? Oder sind es vielleicht die Elementarteilchen, die
Elektronen, Neutronen und Neutronen, die die Bauteile der Atome sind?
Oder sind es gar die noch kleineren Quarks, die die PhysikerInnen
kürzlich entdeckt haben. Und wie ist das mit den Lebewesen, mit den
Menschen, der menschlichen Gesellschaft? Sind auch sie Materie?
Um die Definition des
Materiebegriffs bemühten sich die PhilosophInnen, vor allem die
MaterialistInnen seit der Antike. Demokrit beispielsweise erklärte die
Materie als die Gesamtheit der Atome. Sie waren für ihn die kleinsten,
unteilbaren Teilchen, aus denen auf Grund unterschiedlicher
Kombinationen die verschiedenen materiellen Gegenstände mit ihren
unterschiedlichen Eigenschaften entstehen. Dieser kühne,
vorausblickende Gedanke spielte lange in der Naturwissenschaft eine
bedeutende Rolle. Zahllose Entdeckungen schienen ihn zu bestätigen.
Mit dem Aufschwunge der
Wissenschaften in der Renaissance (ca. ab dem 15. Jh.) knüpften die
Materialisten einerseits an Demokrit und seine Atomlehre und
andererseits an die bahnbrechenden Erkenntnisse von Galileo Galilei
und Isaac Newton, die Entdeckung der Gesetze der klassischen Mechanik
(Gesetze über Bewegung von Körpern im Raum) an. Vor allem die
französischen Materialisten entwickelten dabei den mechanischen
Materialismus. Unter Materie verstanden sie die Gesamtheit aller
Körper, die aus Atomen bestehen und sich streng nach den Gesetzen der
Mechanik bewegen. Die Bewegung wurde nur als mechanische, d.h. als
Ortsveränderung verstanden. Alle Eigenschaften und die ganze Vielfalt
der Welt wurde dadurch auf quantitative Veränderungen, auf
Vergrößerung, Verkleinerung und Ortsveränderung zurückgeführt. Weder
neue physikalische Entdeckungen wie Strahlung (z.B. radioaktive
Strahlung) oder Felder (z.B. Magnetfelder) noch gesellschaftliche
Vorgänge konnten damit erklärt werden. Der Hauptmangel des
mechanischen Materiebegriffs bestand also darin, dass er eine
bestimmte Erscheinungsform der Materie – die mechanische Bewegung –
verabsolutierte, sie zur Materie schlechthin erklärte.
Materie im Sinne der
marxistischen Philosophie sind nicht nur stoffliche Körper mit
mechanischen Eigenschaften, sondern die ganze materielle Welt in all’
ihren qualitativ verschiedenen Formen mit beliebigen physikalischen,
chemischen, biologische, aber auch sozialen Eigenschaften.
Die wesentliche Eigenschaft der
Materie, die allen Erscheinungsformen der materiellen Welt trotz ihrer
ungeheuren Vielfalt gemeinsam ist, ist die Eigenschaft, objektiv-real,
d.h. unabhängig und außerhalb des menschlichen Bewusstseins zu
existieren. Dieser philosophische Materiebegriff sagt also nichts über
Eigenschaften oder Struktur der einzelnen Erscheinungsformen der
Materie. Diese zu erforschen, ist Aufgabe der Einzelwissenschaften. Er
ist nur die allgemeinste, theoretische Definition, abgeleitet aus der
Grundfrage der Philosophie. Dieser allgemeine Materiebegriff schließt
daher alle Formen mit eine, egal in welchen konkreten Formen, mit
welchen Strukturen und Eigenschaften, Elementarteilchen, Atome,
Moleküle, Körper, pflanzliche und tierische Lebewesen, Menschen,
Produktionsverhältnisse der Menschen usw. existieren. Sie sind alle
Materie, denn sie existieren außerhalb und unabhängig von unserem
Bewusstsein. Das Bewusstsein selbst – wiederholen wir es noch einmal –
ist ein Produkt der Materie, der besonders hoch organisierten Materie
des menschlichen Gehirns.
Ist auch die Gesellschaft
materiell? Wir haben bei unserer Wanderung durch die Geschichte der
Philosophie festgestellt, dass die neue Qualität der marxistischen
Philosophie darin liegt, dass sie – im Gegensatz zu ihren
Vorgängerinnen – auch die Gesellschaft materialistisch erklären kann.
Das wollen wir uns nun genauer ansehen.
Die materialistische
Geschichtsauffassung der Gesellschaft und der Geschichte hängt eng
zusammen mit der Entdeckung der Rolle der Arbeit, also der Produktion
zur Erzeugung materieller Güter für den Lebensunterhalt.
„Indem die Menschen arbeiten,
produzieren, wirken sie nicht nur auf die Natur ein und verändern
materielle Naturstoffe und Naturgegenstände. Sie wirken dabei auch
aufeinander ein, stellen Beziehungen zueinander her und schaffen auf
diese Weise gesellschaftliche Verhältnisse, die bestehen, ob sie es
wollen und wissen oder nicht.
Insofern sind diese
gesellschaftlichen Verhältnisse – die Produktionsverhältnisse –
materielle Verhältnisse, sie sind die wichtigste Form der „sozialen
Materie“, des gesellschaftlichen Seins.
Von diesem Fundament aus
können wir das ganze gesellschaftliche Leben in seiner Struktur und in
seiner Entwicklung materialistisch begreifen. Wir können auch in der
Gesellschaft das Verhältnis von Materiellem und Ideellem bestimmen und
die Wechselwirkung von materiellem gesellschaftlichen Sein und
ideellem gesellschaftlichen Bewusstsein entsprechend der
materialistischen Lösung der Grundfrage der Philosophie verstehen.
Der Materiebegriff des
dialektischen Materialismus ermöglicht eine materialistische Erklärung
der menschlichen Gesellschaft und ihrer Geschichte. Mit ihm wurden die
Prinzipien des Materialismus auch auf die Gesellschaft angewandt.“
(Hahn/Kosing: Marxistisch-leninistische
Philosophie. Berlin 1985, S. 61 f.)
Das gesellschaftliche Sein ist
also die Gesamtheit der materiellen Existenzbedingungen, der
materiellen Verhältnisse und Prozesse der Gesellschaft, die sich als
Resultat der vorangegangenen, früheren Entwicklungsprozesse
herausgebildet haben. Es existiert daher unabhängig und außerhalb von
Bewusstsein und Willen des Menschen.
Das gesellschaftliche
Bewusstsein umfasst alle geistigen Lebensprozesse der Gesellschaft,
d.h. die geistige Tätigkeit der Menschen und ihre Resultate, ihre
Anschauungen, Ideen, Theorien, Normen usw. Das gesellschaftliche Sein
bestimmt daher das gesellschaftliche Bewusstsein. Wie Karl Marx in
seinem Vorwort „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ formuliert hat:
„In der gesellschaftlichen
Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von
ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse,
die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktion
entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die
ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich
ein juristischer und politischer Überbau erhebt, und welcher bestimmte
gesellschaftliche Bewusstseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise
des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen
Lebensprozess überhaupt. Es ist nicht das Bewusstsein das Menschen,
das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr
Bewusstsein bestimmt.“ (Marx, Karl: Zur
Kritik der Politischen Ökonomie. In: Marx/Engels-Werke, Bd. 13, S. 8
f.)
„Die Tätigkeit des Menschen
ist primär materielle, praktisch-gegenständliche Tätigkeit, auf die
unmittelbare Veränderung materieller Gegenstände gerichtet. Aber sie
ist zugleich auch immer bewusste Tätigkeit, denn sie schließt die
geistige Tätigkeit des Menschen in diesem oder jenem Grad ein. Die
Menschen setzen sich in ihrer Arbeit immer bewusst Ziele, sie
verfolgen bestimmte Zwecke und lassen sich dabei von Ideen leiten. Sie
gehen in ihrer Tätigkeit stets von bestimmten Kenntnissen über die
materielle Welt, über die Arbeitsgegenstände und die Arbeitsmittel,
über technologische Prozesse usw. aus. Ihre gesamte Tätigkeit ist also
– obwohl sie insgesamt überwiegend materiell, praktisch-gegenständlich
ist – mehr oder weniger vom Bewusstsein durchdrungen und geleitet.
Daher ist das gesellschaftliche Bewusstsein nicht nur ein gesetzmäßig
entstehendes Resultat der Entwicklung des gesellschaftlichen Seins,
sondern auch eine notwendige Seite des ganzen gesellschaftlichen
Entwicklungsprozesses. Das gesellschaftliche Bewusstsein ist eine
Widerspiegelung des gesellschaftlichen Seins und ermöglicht es durch
seine verschiedenen Funktionen den Menschen, ihren gesellschaftlichen
Lebensprozess mehr oder weniger bewusst zu vollziehen und zu regeln.
Hierbei durchdringen sich materielle und ideelle Prozesse ständig,
gehen eine enge Wechselwirkung ein. Doch das materielle
gesellschaftliche Sein ist in diesem bewegten Wechselverhältnis stets
das Primäre, das Bestimmende.“ (Hahn/Kosing:
Marxistisch-leninistische Philosophie. Berlin 1985, S. 63)
Zur Übersicht: Kapitel 3
33
3.3. Zusammenfassung
-
Idealismus und Materialismus standen und stehen
in ihren Formen stets im Gegensatz. Die Ursache dafür, dass
Philosophien Ausdruck bestimmter gesellschaftlicher Klassen sind.
-
Der Materialismus war meist ideologischer
Ausdruck fortschrittlicher Klassen, der Idealismus meist
konservativer oder reaktionärer Klassen.
-
Die Wurzeln des Idealismus liegen einerseits im
menschlichen Erkenntnisprozess, anderseits in der Teilung der Arbeit
sowie der Spaltung der Gesellschaft in Klassen. Der Idealismus ist
geeignet, die Herrschaft der Besitzenden zu begründen und zu
rechtfertigen.
-
Der marxistische Materiebegriff versteht unter
Materie nicht nur alle stofflichen Körper, sondern die ganze
materielle Welt in all’ ihren qualitativ verschiedenen Formen mit
beliebigen physikalischen, chemischen, biologischen und sozialen
Eigenschaft. Damit kann auch die Gesellschaft und die Geschichte
materialistisch erklärt werden. Das gesellschaftliche Sein (die
Produktionsverhältnisse) bestimmt das gesellschaftliche Bewusstsein.
4. Materialistische Dialektik
|
4.1. Dialektik und Metaphysik |
|
4.2. Dialektik als Entwicklungstheorie |
|
4.3. Zusammenfassung |
|
4.4. Anhang |
41
4.1. Dialektik und Metaphysik
Die neue Qualität des
marxistischen Materialismus – wir haben es schon betont – liegt darin,
dass er auch die Gesellschaft und die Geschichte materialistisch
erklärt. Dies wurde erst dadurch möglich, dass der Materialismus mit
der Dialektik vereint wurde. Diese philosophische Großtat ist das
Verdienst von Marx und Engels.
Die Dialektik ist eine bestimmte
Denkweise, die im Laufe der Geschichte entwickelt und immer mehr
verbessert wurde. Die höchste Entwicklung erreicht sie als
marxistische Dialektik. Hier ist sie zugleich wissenschaftliche
Theorie und wissenschaftlich begründete Denkweise und Methode.
Wieder einmal waren es die
antiken griechischen Denker, die die Dialektik entwickelten. Für sie
war die Dialektik zunächst eine Methode, durch Rede und Gegenrede die
Wahrheit zu finden. Später entwickelten sie daraus eine allgemeine
Weltanschauung. Was verstanden sie darunter? Was war charakteristisch
für diese Denkweise? Die antiken griechischen Dialektiker betrachteten
die Welt als einheitliches Ganzes, das sich in ewiger Bewegung und
Entwicklung befindet.
„Bei den Griechen – eben weil
sie noch nicht zur Zergliederung, zur Analyse der Natur
fortgeschritten waren – wird die Natur als Ganzes, im ganzen und
großen angeschaut. Der Gesamtzusammenhang der Naturerscheinungen wird
nicht im einzelnen nachgewiesen, er ist den Griechen Resultat der
unmittelbaren Anschauung. Darin liegt die Unzulänglichkeit der
griechischen Philosophie, derentwegen sie später anderen
Anschauungsweisen hat weichen müssen. Darin liegt aber auch ihre
Überlegenheit gegenüber allen ihren späteren metaphysischen Gegnern.“
(Engels, Friedrich: Dialektik der Natur – Über die Dialektik [alte
Vorrede zum Anti-Dühring]. In: Marx/Engels-Werke, Bd. 20, S. 333)
Wie aus den Ausführungen von
Engels hervorgeht, ist die zur Dialektik gegenteilige Denkweise die
Metaphysik. Was ist das nun wieder? Die griechische Auffassung von der
Ganzheit der Welt und ihre dialektische Betrachtungsweise war zwar
richtig, aber weitgehend spekulativ. Wir wissen bereits, dass damals
die Wissenschaften noch in ihren ersten Ansätzen steckten. Die
Philosophie war daher nicht in der Lage, einzelne wissenschaftlich
gewonnene Daten zu verknüpfen und daraus die Zusammenhänge, die
Bewegungs- und Entwicklungsprozesse in Natur und Gesellschaft
abzuleiten.
„Diese Zusammenhänge wurden
erst von den später aufkommenden Naturwissenschaften und den
Gesellschaftswissenschaften untersucht. Bei der Erforschung der Natur
mussten die Naturwissenschaftler die einzelnen Gegenstände isolieren,
für sich betrachten und in einzelne Elemente zerlegen. Dieses
notwendige Vorgehen der Naturwissenschaft hat aber, wie Engels
bemerkte, auch „die Gewohnheit hinterlassen, die Naturdinge und
Naturvorgänge in ihrer Vereinzelung, außerhalb des großen
Gesamtzusammenhanges aufzufassen; daher nicht in ihrer Bewegung,
sondern in ihrem Stillstand, nicht als wesentlich veränderliche,
sondern als feste Bestände, nicht in ihrem Leben, sondern in ihrem
Tod. Und indem, wie dies durch Bacon und Locke geschah, diese
Anschauungsweise aus der Naturwissenschaft sich in die Philosophie
übertrug, schuf sie die spezifische Borniertheit der letzten
Jahrhunderte, die metaphysische Denkweise.“
Die Metaphysik, dies der
Dialektik entgegengesetzte Denkweise, entwickelte sich vor allem, als
sich die Wissenschaften noch in der sammelnden und klassifizierenden
Periode befanden, im 17. und 18. Jahrhundert. In dieser Zeit hatte die
Metaphysik ihre historische Berechtigung, denn es kam in erster Linie
darauf an, die Einzeltatsachen zu sammeln, zu analysieren und zu
ordnen (= klassifizieren). Aber in dem Maße, wie die Wissenschaften
zur Ordnung, Zusammenfassung und Verallgemeinerung des Materials
übergingen und immer klarer die Zusammenhänge und Übergänge zwischen
den verschiedenen Bereichen der Natur und des Wissens erkannte, wurde
die metaphysische Denkweise zu einem Hindernis des wissenschaftlichen
Fortschritts, sie wurde reaktionär.“
(Hahn/Kosing: Marxistisch-leninistische Philosophie. Berlin 1985, S.
57 ff.)
Doch auch in der Zeit, als die
Metaphysik dominierte, wurde die dialektische Denkweise von
Philosophen bewahrt und entwickelt. Besonders in der klassischen
deutschen bürgerlichen Philosophie erlebte die Dialektik ihre neue
Blüte. Es war vor allem Friedrich Hegel, der die Dialektik am klarsten
und umfassendsten ausarbeitete. Jedoch: Hegel war ein Vertreter des
Idealismus.
Trotz dieser Tatsache steckt in
Hegels Dialektik eine ungeheure Bedeutung für die materialistische
Dialektik. Hegel hatte die wesentlichen dialektischen Züge,
Zusammenhänge, Entwicklungsprozesse und Gesetze der Dialektik erfasst
und formuliert; allerdings nicht als solche der objektiven Realität,
sondern – in idealistischer Gestalt – als Bewegungsformen der Ideen,
als Dialektik der Begriffe.
Marx (der in seiner Jugend zu
den sogenannten „Junghegelianern“ gehörte) und Engels entwickelten
ausgehend von Hegels Dialektik die materialistische Dialektik, d.h.
sie vereinten Materialismus und Dialektik. Die idealistische
Auffassung der Dialektik wurde beseitigt. Engels schreibt:
„Wir fassten die Begriffe
unseres Kopfs wieder materialistisch als Abbilder der wirklichen
Dinge, statt die wirklichen Dinge als Abbilder dieser oder jener Stufe
des absoluten Begriffs. Damit reduzierte sich die Dialektik der
Wissenschaft von den allgemeinen Gesetzen der Bewegung, sowohl der
äußeren Welt wie des menschlichen Denkens – zwei Reihen von Gesetzen,
die der Sache nach identisch, dem Ausdruck nach aber insofern
verschieden sind, als der menschliche Kopf sie mit Bewusstsein
anwenden kann, während sie in der Natur und bis jetzt auch groß in der
Menschengeschichte sich in unbewusster Weise, in der Form der äußeren
Notwendigkeit, inmitten einer endlosen Reihe scheinbarer
Zufälligkeiten durchsetzen. Damit aber wurde die Begriffsdialektik
selbst nur der bewusste Reflex der dialektischen Bewegung der
wirklichen Welt, und damit wurde die Hegelsche Dialektik auf den Kopf,
oder vielmehr vom Kopf, auf dem sie stand, wieder auf die Füße
gestellt.“ (Engels, Friedrich: Ludwig
Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie. In:
Marx/Engels-Werke, Bd. 21, S. 292)
zur Übersicht:
Kapitel 4
42
4.2. Dialektik als allgemeine
Entwicklungstheorie
„Die materialistische
Dialektik ist die Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und
Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschengesellschaft und des
Denkens.“ (Engels, Friedrich: Herrn
Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft. In: Marx/Engels-Werke, Bd.
20, S. 131)
Die materialistische Dialektik
untersucht also die allgemeinen Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten
aller Entwicklungen der Natur, der Gesellschaft und des Denkens. Sie
ersetzt daher klarerweise nicht die Kenntnisse und Fakten der
Einzelwissenschaften, aber sie zieht daraus allgemeine Schlüsse,
stellt Verbindungen her und betrachtet vor allem Entwicklungsprozesse.
Machen letzteres nicht auch die
Einzelwissenschaften? Untersucht nicht die Biologie die Entwicklung
der Lebewesen, die Geologie die Entwicklung der Erde, die
Geschichtswissenschaft die Entwicklung der Menschheit usw.? Ist dieser
Einwand berechtigt?
Das ist er nicht. Denn um eine
Entwicklung erklären und verstehen zu können, müssen wir ihre
allgemeinen Merkmale, ihren Verlauf, ihre Ursachen und ihre
Triebkräfte herausarbeiten. Einzelwissenschaften vernachlässigen dies.
Denke wir doch zum Beispiel an den Geschichtsunterricht in der Schule:
da ein König, dort ein Papst, mal ein Krieg, dann wieder eine
Revolution und vor allem Jahreszahlen. Warum aber z.B. Revolutionen
entstehen, was ihre Ursachen und ihre Triebkräfte sind, wer sie macht
und warum – all’ das wird nicht erklärt. Stattdessen werden Fakten an
Fakten gereiht, die einfach zur Kenntnis zu nehmen sind.
Die Klärung solcher allgemeiner
und zugleich grundlegender Probleme ist die Aufgabe der Philosophie.
Die allgemeinen Entwicklungen und ihre Ursachen werden von der
materialistischen Dialektik untersucht. Sie ist daher auch eine
Entwicklungstheorie.
Die Frage, was eine Entwicklung
ist und wie sie vor sich geht, war im philosophischen Denken eine
heißumkämpfte Angelegenheit, denn aus ihr ergaben sich weitreichende
weltanschauliche Konsequenzen. Ein Beispiel: die Entstehung der Erde
und der Lebewesen. Es ist heute in allen wissenschaftlichen Kreisen
unumstritten, dass die Erde vor ca. sechs Milliarden Jahren sich aus
bewegender Materie bildete. Auch alle anderen Planeten und die Sterne
entstanden und entstehen auf die Weise. Vor etwa 2 ½ Milliarden Jahren
entstand das Leben auf der Erde. Aus ursprünglich sehr primitiven
Einzellern entwickelten sich im Laufe von weiteren Milliarden von
Jahren unterschiedliche Tier- und Pflanzenarten. Und erst vor etwas
mehr als drei Millionen Jahren entstand der Mensch. Diese knappe
Darstellung lässt schon erkennen, dass hier eine Entwicklung
stattgefunden hat.
Es ist daher kein Wunder, dass
solche Tatsachen von der Kirche und ihren Theologen bis aufs Messer
bekämpft wurden, widerlegen doch solche Fakten den Schöpferglauben in
aller Deutlichkeit ebenso wie Rechtfertigungen wie z.B. „Das war schon
immer so!“ oder „Da kann man halt nichts ändern!“ usw.
In der materialistischen
Dialektik ist unter einer Entwicklung also eine Bewegung in
aufsteigender Linie, in deren Verlauf neue Qualitäten entstanden sind
und entstehen, zu verstehen. Diese Bewegung ist nicht umkehrbar, sie
verläuft von niedrigeren zu höheren, von einfachen zu komplizierteren
Qualitäten. Diese Entwicklungen in der materiellen Welt werden nicht
durch äußere Einwirkungen wie etwa durch einen göttlichen Schöpfer
erschaffen oder beeinflusst. Sie werden in der materialistischen
Dialektik als Selbstbewegung der Materie, deren Quelle und Triebkraft
in der Materie, in ihren inneren Widersprüchen liegt, aufgefasst. Aber
alles, was seinen Anfang hat, hat auch ein Ende. Stets entstehen so
neue Formen der Materie, entwickeln sich in aufsteigender Linie und
vergehen irgendwann.
„Worin besteht nun der
Unterschied der marxistischen Dialektik zu früheren
Entwicklungslehren?
Sie vertritt die Auffassung,
dass:
-
die Entwicklung
durch innere Widersprüche ausgelöst und vorangetrieben wird, das heißt
durch das Aufeinandertreffen verschiedener Kräfte und Tendenzen, die
in einer bestimmten Erscheinung wirksam sind;
-
ein
untrennbarer Zusammenhang und eine wechselseitige Abhängigkeit aller
Seiten der Dinge und Erscheinungen besteht;
-
die Entwicklung
nicht gleichförmig und allmählich vor sich geht, sondern Umwälzungen,
Sprünge, Revolutionen aufweist; auf Etappen der Evolution, in denen
sich die Dinge und Prozesse allmählich, nur in ihrer Quantität ändern,
folgt ein Umschlag in eine neue Qualität;
-
die Entwicklung
nicht geradlinig verläuft, sondern mit einer Spirale verglichen werden
kann, weil die bereits durchlaufenen Stadien gleichsam noch einmal,
aber auch höherer Stufe durchlaufen werden;
Worin liegt der Schlüssel zum
Verständnis der „Selbstbewegung“ und „Selbstentwicklung“ der Materie?
Die letzte Ursache, die Quelle und Triebkraft aller Bewegung und
Entwicklung liegt in der Materie selbst: in den Widersprüchen, die
jedem materiellen System eigen sind.“
(Hahn/Kosing: Marxistisch-leninistische Philosophie. Berlin 1985, S.
76)
Wie nun diese Entwicklungen im
Detail vor sich gehen und nach welchen Gesetzen sie sich vollziehen,
wollen wir dann in Kapitel 5 genauer unter die Lupe nehmen.
zur Übersicht:
Kapitel 4
43
4.3. Zusammenfassung
-
Die neue Qualität des marxistischen
Materialismus, die materialistische Erklärung der Gesellschaft und
ihrer Geschichte, wurde möglich durch die Vereinigung von
Materialismus und Dialektik.
-
Die materialistische Dialektik ist die
Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und
Entwicklungstendenzen der Natur, der Gesellschaft und des Denkens.
-
Im Gegensatz zur Dialektik steht die Metaphysik.
Sie isoliert und zergliedert die Untersuchungsgegenstände,
betrachtet sie im Stillstand und als im wesentlichen unveränderlich,
also nicht in ihrer Entwicklung. Diese Denk- und Untersuchungsweise
ist charakteristisch für die Einzelwissenschaften.
-
Die materialistische Dialektik ist auch eine
Entwicklungstheorie. Sie versteht unter Entwicklung eine Bewegung in
aufsteigender Linie, in deren Verlauf neue Qualitäten entstehen,
unumkehrbar, von Niedrigerem zu Höherem, von Einfachem zu
Komplizierterem.
-
Die Entwicklungen entstehen aus den inneren
Widersprüchen der Materie. Jede Entwicklung hat einen aufsteigenden
und einen absteigenden Ast.
zur Übersicht:
Kapitel 4
44
4.4. Anhang
Auszug aus „Ludwig Feuerbach und
der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“ von Friedrich
Engels. Gedruckt zu finden ist die Stelle in: Marx/Engels-Werke, Bd.
21, S. 294 f.
„Vor allem sind es aber drei große Entdeckungen,
die unsere Kenntnis vom Zusammenhang der Naturprozesse mit
Riesenschritten vorangetrieben haben: Erstens die Entdeckung der Zelle
als der Einheit, aus deren Vervielfältigung und Differenzierung der
ganze pflanzliche und tierische Körper sich entwickelt, so dass nicht
nur die Entwicklung und das Wachstum aller höheren Organismen als nach
einem einzigen allgemeinen Gesetz vor sich gehend erkannt, sondern
auch in der Veränderungsfähigkeit der Zelle der Weg gezeigt ist, auf
dem Organismen ihre Art verändern und damit eine mehr als individuelle
Entwicklung durchmachen können. - Zweitens die Verwandlung der
Energie, die uns alle zunächst in der anorganischen Natur wirksamen
sogenannten Kräfte, die mechanische Kraft und ihre Ergänzung, die
sogenannte potentielle Energie, Wärme, Strahlung (Licht, resp.
strahlende Wärme), Elektrizität, Magnetismus, chemische Energie, als
verschiedene Erscheinungsformen der universellen Bewegung nachgewiesen
hat, die in bestimmten Maßverhältnissen die eine in die andere
übergehen, so dass für die Menge der einen, die verschwindet, eine
bestimmte Menge einer andern wiedererscheint und so dass die ganze
Bewegung der Natur sich auf diesen unaufhörlichen Prozess der
Verwandlung aus einer Form in die andre reduziert. - Endlich der
zuerst von Darwin im Zusammenhang entwickelte Nachweis, dass der heute
uns umgebende Bestand organischer Naturprodukte, die Menschen
eingeschlossen, das Erzeugnis eines langen Entwicklungsprozesses aus
wenigen ursprünglich einzelligen Keimen ist und diese wieder aus, auf
chemischem Weg entstandenem, Protoplasma oder Eiweiß hervorgegangen
sind.
Dank diesen drei großen Entdeckungen und den
übrigen gewaltigen Fortschritten der Naturwissenschaft sind wir jetzt
so weit, den Zusammenhang zwischen den Vorgängen in der Natur nicht
nur auf den einzelnen Gebieten, sondern auch den der einzelnen Gebiete
unter sich im ganzen und großen nachweisen und so ein übersichtliches
Bild des Naturzusammenhangs in annähernd systematischer Form,
vermittelst der durch die empirische Naturwissenschaft selbst
gelieferten Tatsachen darstellen zu können.“
5. Die Grundgesetze der
Dialektik
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5.1. Die drei Grundgesetze der Dialektik |
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5.2. Gesetz von der Durchdringung der Gegensätze |
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5.3. Gesetz des Umschlagens von Quantität in Qualität |
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5.4. Gesetz der Negation der Negation |
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5.5. Die dialektische Methode |
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5.1. Die drei Grundgesetzte der
Dialektik
„Es ist also die Geschichte der Natur wie der
menschlichen Gesellschaft, aus der die Gesetze der Dialek |