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Dialektischer Materialismus

 

 

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1. Einleitung

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1.1.  Der Sinn des Lebens

Wir werden geboren, ohne vorher gefragt zu werden, wir müssen sterben, ob wir wollen oder nicht, und dazwischen müssen wir dauernd irgendwelche Entscheidungen treffen. Da soll nicht die Frage nach dem Sinn der ganzen Sache aufkommen?

Jeder von uns hat sich die Frage nach dem Sinn des Lebens auch öfters gestellt. Und bei längerem Nachdenken darüber wird sehr bald deutlich, dass die Frage nach dem Sinn des Lebens, nach dem Sinn der eigenen Tätigkeit mit einer Vielzahl weiterer Fragen verbunden ist. Geht es dabei ausschließlich um mich und meine persönlichen Wünsche, Hoffnungen, Ziele oder betrifft diese Frage auch andere? Habe ich überhaupt die Möglichkeit, meine Vorstellungen zu verwirklichen oder sind mir dabei Grenzen gesetzt? Wenn ja, was sind diese Grenzen und wer setzt sie?

Allgemein kann festgestellt werden, dass die Frage nach dem Sinn des Lebens eng verknüpft ist mit der Frage nach den Beziehungen zwischen der Einzelperson und ihrer gesellschaftlichen Umwelt sowie nach den Fragen der Bedingungen der eigenen Tätigkeit.

Unser Leben fordert dauernd von uns irgendwelche Entscheidungen. Neben sehr kurzfristigen auch mittelfristige und langfristige, beispielsweise die Berufswahl, die Entscheidung für das Zusammenleben mit einem Menschen usw. Aber mit all’ diesen Entscheidungen gebe ich meinem Leben einen bestimmten Inhalt, eine bestimmte Richtung, egal, ob ich mir die Frage nach dem Sinn des Lebens so konkret stelle wie hier oder nicht. Diese Entscheidungen kann mir niemand abnehmen oder vorschreiben. Sie sind meine persönliche Antwort auf die Sinnfrage.

Was hat das alles mit Philosophie zu tun? Die Philosophie beschäftigt sich mit diesen Fragen, die im Leben jedes Menschen unweigerlich auftreten - unabhängig davon, ob er sich bewusst ist, dabei zu philosophieren. Unsere Frage nach dem Sinn des Lebens war ein Beispiel dafür, dass das Nachdenken über Probleme letztlich in weltanschauliche Grundfragen mündet und damit zur Philosophie führt. Solche Gedanken spielen im Leben gerade eines jungen Menschen eine wichtige Rolle.

Denken wir wieder an die oben erwähnten Entscheidungen, an die Berufswahl, die persönlichen Zukunftsvorstellungen, an die Auseinandersetzung mit politischen Ereignissen, ebenso an Freundschaft, Sexualität, Mode, Musik usw. Das scheinen alles nur ganz persönliche, individuelle Gedanken, Einstellungen und Wünsche zu sein. Doch das täuscht! Sie sind alle mehr oder weniger gesellschaftlich bedingt und wenn wir über sie nachdenken, stoßen wir auf weitere Fragen.

Wir leben nicht allein auf einer Insel wie Robinson Crusoe. Nehmen wir als Beispiel die Berufswahl. Die Entscheidung, welchen Beruf du ausüben willst, ist von großer Tragweite. Obwohl es scheint, als sei sie eine ganz persönliche Entscheidung, wird sie nicht isoliert getroffen, sondern unter ganz bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen. Die persönlichen Chancen sind unterschiedlich verteilt, hängen ab von deinem Elternhaus, von deinen Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten, von der Arbeitsmarktsituation, den Arbeitsbedingungen, ob du ein Mann oder eine Frau bist, usw.

Neben individuellen, persönlichen Interessen existieren also auch gesellschaftliche Interessen. Aber wie verhalten sich Einzelperson und Gesellschaft zueinander, wer bestimmt wen? Gibt es hier gesetzmäßige Zusammenhänge oder herrscht der Zufall, das Schicksal, vielleicht gar ein göttlicher Plan?

Ganz gleich also, mit welcher Frage (und sei es eine ganz persönliche) wir uns beschäftigen, wenn wir ihr auf den Grund gehen, kommen wir immer zu tiefer liegenden, allgemeinen Fragen. Immer werden wir schließlich zu Frage allgemeiner Art gelangen, die sich auf die Welt als Ganzes, auf die Stellung des Menschen in der Welt, auf sein Verhältnis zur Natur und zur Gesellschaft beziehen. Ob die Menschen in der Lage sind, die Welt zuerkennen und praktisch zu verändern, ob es Gesetzmäßigkeiten in Natur und Gesellschaft gibt, über welche Fähigkeiten der Mensch verfügt, wodurch das menschliche Handeln und seine Ziele bestimmt sind, welche gesellschaftlichen Kräfte in der gegenwärtigen Epoche den Verlauf der menschlichen Geschichte bestimmen, welche Gesellschaftsordnung die Zukunft der Menschheit verkörpern wird - all’ das sind philosophische Fragen. zur Übersicht: Kapitel 1

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1.2.  Aufgaben der Philosophie - Wozu brauchen wir sie?

 Die Philosophie befasst sich also mit diesen Problemen und versucht, zusammenhängende Antworten auf die genannten Fragen zu geben, indem sie die Auffassungen über die Welt als Ganzes, über die Stellung des Menschen in dieser Welt, über sein Verhältnis zur Natur und zur Gesellschaft, über die Erkenntnis und die Veränderungen der Welt durch die Menschen entwickelt. 

Vom Nutzen der Philosophie

 Ein solche Auffassung von der Welt und ihren allgemeinen Zusammenhängen mag sicher ganz interessant sein, könnte man nun einwenden, aber welchen Nutzen hat sie für unser praktisches Leben? Wäre es nicht sinnvoller, sich mit solchen konkreten Kenntnissen über Zusammenhänge in Natur und Gesellschaft zu befassen, die wir unmittelbar in der Arbeit und im gesellschaftlichen Leben anwenden können?

Diese Absicht scheint viel für sich zu haben, und mancher glaubt deshalb, dass er sich mit weltanschaulichen Problemen nicht auseinanderzusetzen braucht. Doch er täuscht sich. Was wir auch denken und tun, wir müssen dabei unvermeidlich zu den allgemeinen weltanschaulichen Fragen eine bestimmte Stellung beziehen, gleichgültig, ob wir das wissen oder nicht, ob wir das wollen oder nicht. Auch wenn jemand meint, er interessiere sich für nichts, was in der heutigen Welt vor sich geht und kümmere sich nur um seine persönlichen Dinge, vertritt er damit schon eine ganz bestimmte weltanschauliche Position. Mit Individualismus und Egoismus weicht man weltanschaulichen Entscheidungen nicht aus, sondern entscheidet sich für eine sehr enge Weltsicht und Lebensauffassung, für eine politische Haltung, die sich gegen den gesellschaftlichen Fortschritt richtet.

Die Philosophie ist nicht nur eine bestimmte Auffassung von der Welt, zur Philosophie gehören auch immer Wertmaßstäbe und Normen für das praktische, für das politische und moralische Verhalten des Menschen bei der Gestaltung seines eigenen und des gesellschaftlichen Lebens. Sie gibt den Menschen damit eine allgemeine Orientierung für ihr gesamtes Denken und Handeln. Dabei ersetzt sie keineswegs die konkreten Kenntnisse der Naturwissenschaften und der technischen Wissenschaften. Sie ersetzt auch nicht die praktischen Erfahrungen. Sie gestattet es aber, alle diese Kenntnisse  in umfassendere Zusammenhänge einzuordnen, sie in ihrer Bedeutung richtig zu bewerten und für das praktische Handeln fruchtbar zu machen.

Sie gibt uns die Möglichkeit, die begrenzten Ausschnitte der Welt, mit denen wir es vorrangig zu tun haben, in ihrem inneren Zusammenhang, als Teilbereiche des einheitlichen Weltalls zu begreifen und unser Verhältnis zur Welt richtig zu bestimmen.

Diese umfassende Orientierung unseres Denkens und Verhaltens ist eine wichtige Voraussetzung nicht nur für die bewusste Gestaltung unseres individuellen und gesellschaftlichen Lebens, sondern auch für das richtige Herangehen an die Probleme und Aufgaben, vor die wir bei der Arbeit im politischen Leben gestellt werden. Deshalb ist es heute notwendig, nicht nur über Kenntnisse in den verschiedensten Wissensgebieten zu verfügen und eine fachliche Qualifikation zu erwerben, sondern sich zugleich auch die Philosophie des Marxismus-Leninismus, den dialektischen und historischen Materialismus, bewusst anzueignen. Anders ist es einfach nicht möglich, sich in der heutigen Welt ... richtig zu orientieren und aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. (...)

Die wissenschaftlich-technische Revolution bringt in atemberaubendem Tempo immer neue Kenntnisse und Wunderwerke hervor, die den Menschen das Leben erleichtern, aber auch als Mittel zur Vernichtung missbraucht werden können. Wie stehen wir zu allen diesen Veränderungen, was bedeuten sie für die Menschheit? Wien können wir in der Fülle der Ereignisse, des neuen Wissens, der Erfahrungen den Zusammenhang finden?

Mit ihren Erkenntnissen über die allgemeinen Gesetzmäßigkeiten der Natur, der Gesellschaft und des Denkens, über das Wesen des Menschen und über das Verhältnis zur Welt gibt uns die marxistisch-leninistische Philosophie eine geistige Orientierung und hilft uns, unser Wissen und unsere Erfahrungen zu ordnen, zu bewerten und unser praktisches Leben zu gestalten. (aus: Hahn, E./Kosing, A.: Marxistisch-leninistische Philosophie. Dietz-Verlag, Berlin 1985, Seite 24 f.) zur Übersicht: Kapitel 1

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1.3.  Philosophie, Wissenschaft, Weltanschauung

 Jede/r von uns kennt aus seiner/ihrer Schulzeit eine Reihe von Wissenschaften: Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Geschichte, Geographie usw. Ist nun die Philosophie eine solche Wissenschaft wie Biologie oder Mathematik? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zunächst einmal klären, was denn eine Wissenschaft überhaupt ist bzw. wozu wir sie und ihre Forschungsergebnisse. Ihre Erkenntnisse benötigen.

Jede Wissenschaft hat die Aufgabe, einen bestimmten Bereich der Natur oder der Gesellschaft auf seine grundlegenden Eigenschaften, Strukturen und Gesetzmäßigkeiten hin zu erforschen. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse dienen uns als eine praktische Grundlage für unser tagtägliches Handeln. Ein Beispiel: du brauchst eine Brille. Der Augenarzt stellt fest, welche Art von Brille, der Optiker stellt sie her und du entscheidest dann noch, welche Brillenform zu deinem Typ passt. Ein relativ simpler, alltäglicher Vorgang. Und doch: ohne entsprechende wissenschaftliche Kenntnisse wäre er nicht durchführbar; wir brauchen die Kenntnis von Bau und Funktion des menschlichen Auges sowie die medizinisch-technischen Methoden zur Feststellung von Fehlfunktionen (Medizin), das Wissen über optische Gesetze (Physik), die Kenntnisse zur Herstellung und Bearbeitung von Glas (Chemie, Physik) usw.

Allgemein können wir daher formulieren: Naturwissenschaften, Gesellschafts- und technische Wissenschaften versetzen uns durch die Erforschung von Gesetzmäßigkeiten von Natur und Gesellschaft in die Lage, die Naturkräfte und Naturprozesse in den Dienst des Menschen zu stellen, die Natur immer besser zu beherrschen und die weitere Zukunft unserer Gesellschaft bewusst zu leiten und zu planen.

Zurück zu unserer einleitenden Frage: Hat die Philosophie auch eine solche Aufgabe? Wie ist das Verhältnis von Philosophie zu den Einzelwissenschaften? Ohne Beantwortung dieser Frage können wir auch nicht bestimmten, was Philosophie eigentlich ist.

Das Wort "Philosophie" stammt aus dem Griechischen und bedeutet "Liebe zur Weisheit". Im antiken Griechenland wurde darunter zunächst die Gesamtheit des menschlichen Wissens verstanden. Die Kenntnisse über die Natur und die Gesellschaft, über das Denken und Verhalten des Menschen waren Teilgebiete der Philosophie. Erst später sonderten sich die einzelnen Wissensgebiete von der Philosophie ab und nahmen eine eigenständige Entwicklung. Mit dem Verfall des antiken Griechenlands und ebenso des römischen Reiches gerieten diese damaligen Kenntnisse weitgehend in Vergessenheit. Während des gesamten Mittelalters spielte die Wissenschaft nur eine kümmerliche Nebenrolle. Die alles beherrschende katholische Kirche und der von ihr verkündete Glauben dominierten. Wissenschaft als Mittel der Erkenntnis von Natur, Mensch und Gesellschaft war nicht gefragt, den "Gottes Ratschluss" ist ja bekanntlich unergründlich und unerforschbar.

Erst in der Renaissance setzte die Wissenschaft wieder verstärkt ein und teilte sich noch stärker bis zum heutigen Tag. Was blieb aber dann noch für die Philosophie übrig, wenn sich immer mehr Wissensgebiete von ihr trennten? Verlor sie damit nicht ihre Existenzberechtigung? Ganz im Gegenteil: Erst dadurch wurde deutlich, was den Gegenstand der Philosophie bildet, mit welchen Problemen sie sich befassen muss und welche Bedeutung ihr zukommt. Schon in der antiken Philosophie, die noch das gesamte Wissen umfasste, gab es ein spezielles Gebiet, das sich schwerpunktmäßig mit den allgemeinen, grundlegenden Fragen der Welt, des Menschen und des Wissens überhaupt befasste. Hieraus ist im Laufe der Entwicklung die Philosophie als besonderes Wissensgebiet hervorgegangen. Die Philosophie hat die Aufgabe, eine Weltanschauung auszuarbeiten und zu begründen.

Kann es aber ein Wissen oder eine Anschauung vom "Weltganzen" überhaupt geben? Der Begriff "Welt" hat für uns sehr verschiedene Inhalte. Wir sprechen von der Welt im Sinne der Geographie, von der Welt des Sozialismus, von der westlichen Welt oder der kapitalistischen, ebenso wie von der Welt der Chemie, der Seelenwelt des Menschen, der Welt der Kultur, usw. Aus diesen vielen sehr unterschiedlichen Welten folgt aber nicht, dass eine einheitliche Weltanschauung nicht möglich ist. Die scheinbar verschiedenen Welten sind nur Ausschnitte aus der einen, einheitlichen Welt, die unter bestimmten Gesichtspunkten betrachtet wird. Wie sie betrachtet wird, hängt weitgehend von der Weltanschauung des Betrachters bzw. der Betrachterin. Die Weltanschauung gibt dem Menschen eine grundlegende Orientierung in allen Bereichen seines Lebens, im Beruf, im Privatleben, in seinem politischen Leben, überhaupt in allen sozialen Beziehungen. Sie beeinflusst in hohem Maße sein moralisches und ästhetisches Denken, Fühlen und Verhalten. Eine Weltanschauung enthält nicht nur Kenntnisse über die verschiedensten Bereiche der Wirklichkeit, sie ist zugleich menschliches Selbstbewusstsein, geistiger Ausdruck der Interessen, Bestrebungen und Wünsche des Menschen. Daher schließt sie entsprechende Werturteile, Normen und Ideale, das heißt verschiedene Formen gesellschaftlicher Interessen, ein. zur Übersicht: Kapitel 1

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1.4.  Zusammenfassung 

  1. Einzelwissenschaften erforschen jeweils einen bestimmten Bereich der Natur oder Gesellschaft auf seine grundlegenden Eigenschaften, Strukturen und Gesetzmäßigkeiten hin. Sie geben jedoch keine Antworten auf die Fragen nach den allgemeinen Gesetzen in Natur, Gesellschaft und Denken, auf allgemeine Fragen, die sich aus der Betrachtung der Welt als Ganzes ergeben.

  2. Die Philosophie betrachtet die einzelnen Ausschnitte der Welt als Ganzes, in ihrem inneren Zusammenhang und leitet daraus allgemeine Gesetzmäßigkeiten der Natur, der Gesellschaft und des Denkens, über das Wesen des Menschen sowie über das Verhältnis des Menschen zur Welt ab. Sie liefert somit eine geistige Richtschnur und hilft uns, unser Wissen und unsere Erfahrungen zu ordnen, zu bewerten und unser praktisches Leben zu gestalten. Die Philosophie hat somit die Aufgabe, eine Weltanschauung auszuarbeiten und zu begründen.

  3. Eine Weltanschauung enthält nicht nur Kenntnisse der einzelnen Bereiche der Welt, sie bewertet auch, bezieht also für die eine oder andere gesellschaftliche Gruppe Stellung. Die marxistische Philosophie ist der theoretische Ausdruck der Interessen der ArbeiterInnen, sie begründet die Weltanschauung der ArbeiterInnenklasse.

 

2. Kleine Geschichte der Philosophie

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2.1.  Warum entstanden Philosophien?

In der Urzeit des Menschen (Urgesellschaft) gab es noch keine Philosophie und ebenso keine Wissenschaft. Die unerklärbaren Naturvorgänge wurden dem Wirken höherer Mächte (Gottheiten, Dämonen, Geister usw.) zugeschrieben. Sie galt es durch Opfer und religiöse Bräuche bei Laune zu halten. Auch die feste Ordnung des gesellschaftlichen Lebens und das Schicksal der einzelnen Menschen wurde auf die überirdischen Kräfte zurückgeführt. Das Denken der Menschen war noch sehr stark von mythologischen Vorstellungen geprägt.

Mit der immer besseren Beherrschung der Natur, der sich immer mehr entwickelnden Produktion sowie der aufkommenden stärkeren Arbeitsteilung wurde die Urgesellschaft aufgelöst, es entstand eine Klassengesellschaft, die Sklavenhaltergesellschaft. Diese einschneidenden Veränderungen erschütterten die frühere Lebens- und Denkweise der Menschen. Die immer schärfer werdenden Gegensätze zwischen dem grundbesitzenden Sklavenhalteradel einerseits und Handwerk, Gewerbe und Handel treibenden Schichten andererseits führten zu heftigen Klassenkämpfen, in deren Verlauf das gesellschaftliche und politische Leben grundlegend verändert wurde. Die überlieferten religiösen Vorstellungen, welche die Herrschaft des Adels rechtfertigten, gerieten ebenso ins Wanken wie bisherige Normen, Regeln und Gewohnheiten des Zusammenlebens. In dieser Situation entstand die Philosophie, um Antworten auf die neuen Fragen zu geben, die die Menschen damals bewegten. Die sich zugleich entwickelnden Wissenschaften (als Teile der Philosophie) suchten nach Antworten auf Vorgänge in Natur und Gesellschaft. Die Aufgabe der Philosophie war es, diese einzelnen Erkenntnisse in einen Zusammenhang zu bringen. So entstand die Einsicht, dass die Menschen durchaus imstande sind, die Welt zu erkennen, zu begreifen und zu beherrschen. zur Übersicht: Kapitel 2

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2.2.  Die Grundfrage der Philosophie

Lange Zeit glaubten die Menschen, die Welt sei irgendwann von Gott erschaffen worden. So heißt es zu Beginn der "Genesis" in der Bibel: "Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Aber die Erde war wüste und leer, und Finsternis lag über dem Abgrund, und der Geist Gottes schwebte über den Wassern." Noch Mitte des 18. Jahrhunderts schrieb John Lightfood, Vizekanzler der berühmten Universität Cambridge in England: "Himmel und Erde sowie der Mensch wurden von der heiligen Dreieinigkeit im selben Augenblick erschaffen. Dies geschah am 23. Oktober viertausendvier vor Christi Geburt um neun Uhr morgens..."

Der christliche Gott wurde als ein geistiges Wesen angesehen, das in seiner Allmacht die Welt, die Natur, die Erde und alle irdischen Lebewesen aus dem Nichts geschaffen habe. Wir wollen uns nicht dabei aufhalten, das Wunder, wie eine materielle Welt durch einen Geist aus dem Nichts gezaubert wird, ernst zu nehmen und dagegen zu argumentieren. Uns interessiert vorrangig, welche allgemeine philosophische Auffassung darin zum Ausdruck kommt.

Der Schöpfungsglaube stellt der Welt und der Natur den Geist (Gott) als Ursprung gegenüber. Der Geist ist nach dieser Auffassung der Erste, er bringt die Natur, die Welt hervor, er erschafft sie. Freilich läge hier die Frage nahe "Und woher kommt dann der Geist?" - in unserem Fall "Gott". Doch darauf antworten die GottesanbeterInnen nur: "Gott kommt nirgends her, er ist immer!" Über einsichtige, logische Argumente verfügen sie nicht.

Dem gegenüber steht die wissenschaftliche begründete Tatsache, dass die Welt keinen Anfang hat, sondern aus sich ewig bewegender Materie besteht. Weiters bezeugen wissenschaftliche Erkenntnisse, dass das, was wir Geist nennen, d.h. das menschliche Bewusstsein, das Denken und mit ihm auch die Vorstellung eines Gottes, ein Produkt der Materie, der Natur und der Gesellschaft ist (siehe dazu Kapitel 3).

Um diese Fragestellung, "Geist oder Materie?" und "Was war zuerst?", ist in der ganzen Geschichte der Philosophie ein erbitterter Kampf geführt worden, denn ihrer Beantwortung kommt große Bedeutung zu. Sie wird deshalb auch als "Grundfrage der Philosophie" bezeichnet.

"Die große Grundfrage aller, spezielle neueren Philosophie ist die nach dem Verhältnis von Denken und Sein. (...) Je nachdem diese Frage so oder so beantwortet wurde, spalteten sich die Philosophen in zwei große Lager. Diejenigen, die die Ursprünglichkeit des Geistes gegenüber der Natur behaupteten, also in letzter Instanz eine Weltschöpfung irgendeiner Art annahmen ..., bildeten das Lager des Idealismus. Die anderen, die die Natur als das Ursprüngliche ansahen, gehören zu den verschiedenen Schulen des Materialismus." (aus: Engels Friedrich: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie. In: Marx/Engels-Werke, Bd. 21, S. 274 f.)

Wie ist das nun zu verstehen? Warum ist es wichtig, das Verhältnis zwischen Materie und Bewusstsein, zwischen realem Sein und Denken, richtig zu bestimmen? Ist das vielleicht nur eine "philosophische Spinnerei" fernab von jeder Bedeutung für unser Handeln und Tun?

"Wenn wir hierbei aber erfolgreich sein und angestrebten Resultate auch wirklich erreichen wollen, müssen wir lernen, deutlich zwischen den Gegenständen der materiellen Welt einerseits und unseren Wahrnehmungen, Vorstellungen und Gedanken über diese Welt andererseits zu unterscheiden. Genauso müssen wir zwischen der materiellen praktischen Tätigkeit, welche die Gegenstände tatsächlich verändert, und den gedanklichen Operationen des Bewusstseins unterscheiden, die allein überhaupt nicht verändern können. Das erscheint uns ganz selbstverständlich. Doch die Menschheit hat lange Zeit gebraucht, bis sie diesen grundlegenden Unterschied zwischen materiellen und geistigen Erscheinungen verstand. Eine noch längere Zeit war es erforderlich, diese Unterscheidung auch begrifflich herauszuarbeiten, sie in Begriffen festzuhalten. Das setzte eine bestimmte Entwicklungsstufe der gesellschaftlichen Verhältnisse und des theoretischen Denkens voraus, weshalb diese Unterscheidung erst in der antiken griechischen Philosophie erfolgte. Seither spielt die Frage nach dem Verhältnis von Seele und Körper, von Geist und Natur, von Denken und Sein, von Bewusstsein und Materie eine bedeutende Rolle im philosophischen Denken." (Hahn/Kosing: Marxistisch-leninistische Philosophie. Berlin 1985, S. 40)

Erst die Beantwortung der "Grundfrage der Philosophie" ermöglich die Erkenntnis, was im Wechselverhältnis von Materie und Bewusstsein das grundsätzliche, primäre und bestimmende ist und was das daraus abgeleitete, sekundäre und bestimmte. Die Entscheidung in dieser Frage ist von höchster theoretischer und praktischer Bedeutung. Sie bestimmt den materialistischen oder idealistischen Charakter einer Weltanschauung. Sie hilft uns bei allem, was wir tun, zwischen den Dingen, wie sie wirklich sind, und unseren Vorstellungen, Wünschen und Ideen über diese Dinge zu unterscheiden. Sie hilft uns also, die Dinge nicht so zu sehen, wie wir sie gerne hätten, sondern so, wie sie wirklich sind, damit wir sie verändern können, wie es unseren Plänen entspricht.

Friedrich Engels hat diese Grundfrage zugleich "die höchste Frage der Philosophie" genannt. Warum? Die philosophischen Kategorien "Materie" und "Bewusstsein" sind die weitestgehenden, umfassendsten Begriffbildungen der Philosophie. Wenn wir nun den Inhalt der Grundfrage durchdenken, so wird deutlich, dass es nur diese zwei unterschiedlichen Antwortmöglichkeiten gibt. Deshalb führt die Beantwortung zu den beiden möglichen Grundrichtungen der Philosophie entweder zum Materialismus oder zum Idealismus. zur Übersicht: Kapitel 2

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2.3. Materialismus und Idealismus 

Der Materialismus ist die Grundrichtung der Philosophie, die immer vom Primat der Materie ausgeht. In all’ seinen Formen - ob als antiker, bürgerlicher oder marxistischer Materialismus - hält er die Materie, die Natur, die materielle Welt für primär, grundlegend und bestimmend, während er das Bewusstsein, den Geist, das Denken und Empfinden für sekundär, abgeleitet, von der Materie hervorgebracht und von ihre bestimmt erklärt. Der Materialismus ist daher atheistisch (gottlos), da er zur Erklärung der Welt keinen Gott und keine übernatürlichen Kräfte bemühen muss.

Der Idealismus ist jene Grundrichtung der Philosophie, die in allen ihren Varianten vom Primat des Bewusstseins, des Geistes, des Denkens, der Idee ausgeht und die Materie, die Natur, die materielle Welt für sekundär, für abgeleitet, vom Geist (Gott) hervorgebracht, vom Denken oder von Ideen bestimmt hält.

Die Beantwortung der Grundfrage der Philosophie bildet letztendlich die Festlegung für die Orientierung des praktischen Verhaltens, der praktischen Tätigkeit und de theoretischen Denkens in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Unser praktisches Handeln wird nur dann von Erfolg gekrönt sein, wenn unser Denken und Handeln mit der objektiven, real existierenden Beschaffenheit unserer Umwelt übereinstimmt. Ein Beispiel: Die bloße Einbildung, dass ich ohne Hilfsmittel fliegen kann, wird bei der materiellen Probe aufs Exempel zu sehr materiellen (womöglich fatalen) Ergebnissen führen. Ich würde zerschmettert am Boden direkt unterhalb meines Startpunktes liegen bleiben, mein Denken hätte mit den objektiven materiellen Gegebenheiten (sprich: Schwerkraft) nicht übereingestimmt.

Ein anderes Beispiel: Die ArbeiterInnenklasse, die im Kapitalismus gegen die Ausbeutung kämpft, weiß sehr wohl, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse der kapitalistischen Ausbeutung materielle Verhältnisse sind, die nicht im Denken, sondern in der objektiven Realität existieren. Sie können daher auch nicht durch bloße Bewusstseinsveränderung beseitigt werden, sondern nur durch praktisches Handeln.

Wer sich also in seinem Denken und Handeln an einer idealistischen Beantwortung der Grundfrage der Philosophie orientiert, gerät zwangsläufig immer wieder in Konflikt mit der materiellen, objektiven Realität und erntet Misserfolge.

Die Grundfrage der Philosophie kann entweder materialistisch oder idealistisch beantwortet werden. Folgt daraus, dass beide Positionen die gleich Berechtigung haben? Dass ein Mensch sich sowohl für die eine als auch die andere Seite entscheiden kann? Er kann. Die Entscheidung ist jedoch abhängig von vielen Faktoren, vor allem von der gesellschaftlichen Stellung des einzelnen Menschen und den ideologischen Einflüssen, die auf ihn wirken.

MarxistInnen beziehen klar für den Materialismus Position:

- Die materialistische Antwort auf die Grundfrage der Philosophie ist die Konsequenz aus zahllosen natur- und gesellschaftswissenschaftlichen Erkenntnissen sowie praktischer Erfahrung des Menschen. Er ist somit wissenschaftlich begründet. Der Idealismus hingegen befindet sich im Gegensatz zur Wissenschaft und den Erfahrungen des Menschheit. Er ist daher eine Glaubensentscheidung und unwissenschaftlich.

- Materie ist also zuerst, Bewusstsein entwickelt sich später. Erst auf einer bestimmten Stufe der Erdgeschichte, Milliarden Jahre nachdem die Erde entstanden ist, entwickelte sich das Leben und wiederum einige Milliarden Jahre später der Mensch und damit das Bewusstsein. Bewusstsein ist ein Entwicklungsprodukt der Materie auf Basis der besonders hoch organisierten Materie des Gehirns.

- Das Verhältnis zwischen Materie und Bewusstsein ist aber kein mechanisches, das heißt, das eine erschafft wiederum das andere. Somit ist es vielmehr ein dialektisches Verhältnis, d.h. beide hängen voneinander ab und beeinflussen einander wechselseitig (siehe Kapitel 4, 5 und 6).

Mit der Grundfrage der Philosophie und ihrer konsequenten materialistischen Beantwortung haben wir nun den Ausgangspunkt gewonnen, um das ganze Gedankengebäude der marxistischen Philosophie besser zu verstehen. Zuvor werden wir allerdings noch unsere kleine Wanderung durch die Geschichte der Philosophie durchführen. Sie wird sowohl zum besseren Verständnis als auch zum Erkennen der neuen Qualität der marxistischen Philosophie verhelfen. zur Übersicht: Kapitel 2

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2.4. Die Geschichte des Materialismus 

Die ersten Materialisten waren die antiken griechischen Philosophen Thales von Milet (624-546 v.u.Z.), Anaximander (611-546 v.u.Z.), Anaximenes (588-525 v.u.Z.) und Heraklit (540-480 v.u.Z.). Sie alle waren urwüchsige Materialisten, die sich bemühten, die Gesamtheit der Welt und ihrer Erscheinungen auf eine allem zugrunde liegende Urmaterie zurückzuführen, die Welt also ohne Zuhilfenahme von Göttern und Göttinnen oder ähnlichem materialistisch zu erklären. Deshalb waren sie auch geniale Naturforscher, Techniker und Ingenieuere. Den Höhepunkt des antike Materialismus bildete die Philosophie von Demokrit (460-370 v.u.Z.). Er war einer der größten Gelehrten und Denker seiner Zeit. Seine geniale Lehre vom Aufbau der Welt aus Atomen nahm den Erkenntnisstand der Naturwissenschaften von heute vorweg. Demokrits Atome sind unteilbar (diesbezüglich hat ihn freilich die moderne Wissenschaft nach fast 2500 Jahren doch noch widerlegt) und unsichtbar klein, sie sind in ständiger Bewegung. "Nichts kann aus nichts oder aus einer geistigen Wesenheit entstehen. Alles entsteht in einer universellen Gesetzmäßigkeit aus der ständigen Bewegung ... Die Bewegung der Atome sind ewig und ohne Anfang." Wie wir sehen, entstand die materialistische Philosophie in engem Zusammenhang mit den damals entstehenden Wissenschaften.

Im Mittelalter beherrschten Theologie und Religion das geistige Leben der Feudalgesellschaft. Die Philosophie wurde zur Magd der Theologie herabgedrückt. Ihre Aufgabe bestand darin, mit den Mitteln der Philosophie die Leitsätze und Dogmen der Kirche zu begründen sowie die Existenz Gottes zu beweisen. Der Idealismus dominierte, doch der Materialismus ging nicht unter. Vor allem die seit dem 15. Jahrhundert einen riesigen Aufschwung nehmenden Naturwissenschaften schlugen Stein um Stein aus dem Haus des Idealismus. Gelehrte, Erfinder und Entdecker wie Leonardo da Vinci (1452-1519), Galileo Galilei (1564-1642), Nikolaus Kopernikus (1473-1543) oder Giordano Bruno (1548-1600) brachten die kirchlich geprägte Weltanschauung durch ihre epochenmachenden Entdeckungen nach und nach zu Fall.

Eine neue Blüte des Materialismus entwickelte sich auf den Grundlagen des entstehenden Kapitalismus als geistiger Ausdruck des fortschrittlichen Bürgertums in ihrem Kampf gegen die feudale mittelalterliche Gesellschaft. Die bürgerliche Materialistische Philosophie war eng mit der Naturwissenschaft verbunden und richtete sich gegen Theologie und Religion als Stütze des Feudaladels. Die englischen Materialisten Francis Bacon (1561-1626), Thomas Hobbes (1588-1679), John Locke (1632-1704) und die französischen Materialisten Julien Offray de la Mettrie (1709-1751), Paul Heinrich Dietrich von Holbach (1723-1789), Denis Diderot (1713-1784), Claude-Adrien Helvetius (1715-1771) u.a. begründeten die Rolle von Erfahrung, Beobachtung und Experiment als Erkenntnismittel zur Erforschung der Natur und entwickelten die materialistische Weltanschauung zu einem umfassenden philosophischen System. Die Welt wurde als ein zusammenhängendes System materieller Körper betrachtet. Diese bewegen sich in Raum und Zeit nach den Gesetzen der Mechanik und benötigen weder zu ihrer Existenz noch zu ihrer Bewegung irgendwelche übernatürlichen Kräfte.

Die höchste Entwicklungsstufe des bürgerlichen Materialismus war die Philosophie von Ludwig Feuerbach (1804-1872). Er erneuerte den Materialismus vor allem in der Auseinandersetzung mit der klassischen deutschen Philosophie des Idealismus, deren Vertreter Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775-1854, Johann Gottlieb Fichte (1762-1814), Immanuel Kant (1724-1804) und Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) waren. Feuerbach schuf das naturwissenschaftliche und erkenntnistheoretische Fundament des Materialismus. Damit war die Voraussetzung für den Übergang zu einer qualitativ neuen Entwicklungsstufe des Materialismus, zum dialektischen und historischen Materialismus gegeben. Dessen Ausarbeitung ist das historische Verdienst von Karl Marx und Friedrich Engels.

Karl Marx (1818-1883) und Friedrich Engels (1820-1895) knüpften dabei an die Erkenntnisse ihrer Vorgänger an, beseitigten aber deren Unzulänglichkeiten, Einseitigkeiten, Schranken und Inkonsequenzen. Die marxistische Philosophie ist die Vollendung der materialistischen Philosophie. Nicht nur die Natur, auch die Gesellschaft und das Denken werden materialistisch erklärt. Entgegen früheren Traditionen, nach denen die Philosophie immer mit den Interessen der besitzenden Ausbeuterklassen verbunden war (auch das revolutionäre Bürgertum in seiner besten Zeit war eine besitzende Ausbeuterklasse), drückte nun die marxistische Philosophie die Interessen der ArbeiterInnenklasse aus. Sie begründete die historische Aufgabe der ArbeiterInnenklasse, jegliche Ausbeutung des Menschen durch den Menschen für immer abzuschaffen, wissenschaftlich. Damit erhielt die Philosophie eine gesellschaftliche Funktion. "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.", formulierte Karl Marx in seinen "Thesen über Feuerbach". zur Übersicht: Kapitel 2

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2.5. Zusammenfassung 

  1. Die Philosophie entstand in enger Verbindung mit den Wissenschaften vor ca. 2500 Jahren im antiken Griechenland. Sie suchte Antworten und Erklärungen auf Vorgänge in Natur und Gesellschaft.

  2. Die Grundfrage der Philosophie ist die Frage nach dem Verhältnis von Denken und Sein: Was ist das primäre, bestimmende - was das sekundäre, bestimmte? Je nach ihrer Beantwortung teilen sich die Philosophien in zwei große Lager: den Materialismus und den Idealismus.

  3. Der Materialismus hält die Materie für primär, das Denken (Bewusstsein) ist von ihr hervorgebracht und bestimmt. Er ist atheistisch.

  4. Der Idealismus hält das Denken, den Geist, die Idee für primär, die Materie, die Natur vom Geist (Gott) hervorgebracht.

  5. MarxistInnen sind AnhängerInnen des Materialismus, das dieser mit natur und gesellschaftswissenschaftlichen Erkenntnissen übereinstimmt. Im Gegensatz zum Idealismus, der eine Glaubensfrage ist, ist der Materialismus wissenschaftlich begründet.

  6. Materialismus und Idealismus stehen seit jeher in ständiger Auseinandersetzung. Der Materialismus war in all’ seinen Formen meist Ausdruck der Bestrebungen fortschrittlicher Klassen, die auf eine Veränderung der Gesellschaft abzielten.

  7. Die höchste Stufe des Materialismus ist der von Marx und Engels entwickelte marxistische Materialismus, der dialektische und der historische Materialismus. Mit ihm werden nicht nur Natur, sondern auch die Gesellschaft und das Denken materialistisch erklärt.

  8. Die neue Qualität des marxistischen Materialismus besteht auch darin, dass diese Philosophie erstmals mit den Interessen der ausgebeuteten Klasse, der ArbeiterInnenklasse, verbunden ist. Er begründet wissenschaftlich ihre historische Aufgabe, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen abzuschaffen.

 

3. Der marxistische Materialismus

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3.1 Idealismus contra Materialismus

Materialismus und Idealismus standen und stehen in all’ ihren Formen stets im Gegensatz zueinander. Dieser Gegensatz ist eine wichtige Triebkraft in der Entwicklung des philosophischen Denkens. Was ist aber die Ursache für diesen dauernden Kampf? Sind die PhilosophInnen besonders streitsüchtig? Oder gibt es im Streit der PhilosophInnen keine echte Erkenntnis und keinen Erkenntnisfortschritt, sodass jeder Gedanke bestritten werden kann?

Die Ursachen dafür liegen tiefer. Die Philosophie drückt in allgemeinster Form die Interessen, die Bestrebungen, die Ideen von gesellschaftlichen Klassen (1) aus. Dieser PhilosophInnenstreit ist also die geistige, ideologische Widerspiegelung des Klassenkampfes, eine Form, in der sich die Klassen ihrer Ziele und Bestrebungen bewusst werden. Der Materialismus war in diesem Kampf meist Ausdruck der Bestrebungen fortschrittlicher Klassen, die auf eine Veränderung der Gesellschaft abzielten. Der Idealismus hingegen war häufig die Anschauung konservativer (d.h. bewahrender) bis reaktionärer (d.h. rückschrittlicher) Klassen, die an einer Verteidigung der bestehenden gesellschaftlichen Zustände interessiert waren. Allerdings darf diese Regel nicht als allgemeingültig angesehen werden. Zu bestimmten Zeiten kamen auch fortschrittliche Bestrebungen in idealistischen Systemen zum Ausdruck. So zum Beispiel in der klassischen deutschen Philosophie (Schelling, Fichte, Kant, bes. Hegel), die - und hier vor allem Hegels Philosophie - zu den theoretischen Quellen der marxistischen Philosophie zählen.

Die Definition von  Idealismus haben wir schon im vorigen Kapitel herausgearbeitet (siehe 2.2.). Und wir haben auch festgestellt, dass die idealistischen Grundposition sich in krassem Widerspruch zu allen praktischen Erfahrungen, zum gesunden Menschenverstand sowie zu wissenschaftlichen Kenntnissen befindet. Es mag daher etwas komisch erscheinen, dass der Idealismus immer seine AnhängerInnen und VertreterInnen hatte und hat, darunter sogar bedeutende NaturwissenschafterInnen, auch heute noch.

Es wäre falsch, im Idealismus nur Unsinn, in seinen VertreterInnen nur Dummköpfe und IgnorantInnen zu sehen. Wenn das so wäre, dann hätte der Materialismus diesen Streit schon lange für sich entschieden.

Warum entsteht der Idealismus also ständig neu? Der Idealismus ist eine philosophische Strömung, die objektive Grundlagen bzw. Wurzeln sowohl im menschlichen Erkenntnisprozess als auch im gesellschaftlichen Leben besitzt. Diesen sehr komplizierten Satz hat Friedrich Engels in seiner Schrift  "Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen" sehr eindrucksvoll und leicht verständlich bei der Beschreibung der Urmenschen erklärt.

"Durch das Zusammenwirken von Hand, Sprachorganen und Gehirn nicht allein bei jedem einzelnen, sondern auch in der Gesellschaft, wurden die Menschen befähigt, immer höhere Ziele sich zu stellen und zu erreichen. Die Arbeit selbst wurde von Geschlecht zu Geschlecht eine andere, vollkommenere, vielseitigere. Zur Jagd und Viehzucht trat der Ackerbau, zu diesem Spinnen und Weben, Verarbeitung der Metalle, Töpferei, Schifffahrt. Neben Handel und Gewerbe trat endlich Kunst und Wissenschaft, aus Stämmen wurden Nationen und Staaten. Recht und Politik entwickelten sich und mit ihnen das phantastische Spiegelbild der menschlichen dinge im Kopf: die Religion. Vor allen diesen Gebilden, die zunächst Produkte des Kopfes darstellten und die die menschlichen Gesellschaften zu beherrschen schienen, traten die bescheideneren Erzeugnisse der arbeitenden Hand in den Hintergrund; und zwar umso mehr, als der die Arbeit planende Kopf schon auf einer sehr frühen Entwicklungsstufe der Gesellschaft (z.B. schon in der einfachen Familie) die geplante Arbeit durch andere Hände ausführen lassen konnte als die seinigen. Dem Kopf, der Entwicklung und Tätigkeit des Gehirns, wurde alles Verdienst an der rasch fortschreitenden Entwicklung der Zivilisation zugeschrieben; die Menschen gewöhnten sich daran, ihr Tun aus ihrem Denken zu klären statt aus ihren Bedürfnissen (die dabei allerdings im Kopf sich widerspiegeln, zu Bewusstsein kommen) - und so entstand mit der Zeit jene idealistische Weltanschauung." (Engels, Friedrich: Dialektik der Natur - Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Menschen. In: Marx/Engels-Werke, Bd. 20, S. 450 f.)

"Unser Denken und Handeln, unsere praktische Erfahrung sowie die wissenschaftlichen Erkenntnisse richten sich nach der materiellen Welt. Der hartnäckigste Idealist geht zum Zahnarzt, wenn er Zahnschmerzen hat, isst und trinkt und vergisst dabei nicht aufs Atmen.

Mit einem Wort, er verhält sich materiell. Und doch kann unsere Erkenntnis, unser Denken immer wieder zu idealistischen Anschauungen kommen. Wie das?

Das theoretische Erkennen operiert mit Begriffen .Doch was sind Begriffe, und wie kommen sie zustande? Der Mensch hat die Fähigkeit entwickelt, aus der Vielfalt und Verschiedenheit der Dinge, die ihn umgeben, allgemeine Merkmale, Eigenschaften und Beziehungen zu abstrahieren (abstrahieren heißt herausheben, gedanklich isolieren). Er kann die vielen verschiedenen Dinge nach gemeinsamen Merkmalen in Begriffe zusammenfassen. Der Begriff ist ein abstraktes Bild einer ganzen Klasse von Gegenständen in ihren allgemeinen Merkmalen. In dem Begriff "Haus" fassen wir das Allgemeine, die allgemeinen Eigenschaften zusammen, die allen verschiedenen Häusern zukommen, nämlich Wände, Dach, Eingang haben, Schutz vor Wetterunbilden bieten, usw. Der eine Begriff, der das Allgemeine und Wesentliche aller Häuser enthält, tritt damit der unendlichen Vielzahl einzelner Häuser mit ihren zufälligen Eigenschaften gegenüber. Wie ist ihr Verhältnis zueinander?

Jedes einzelne Haus mit seinen zufälligen Eigenschaften wird irgendwann errichtet und irgendwann wird es wieder zerstört. Aber der Begriff "Haus, die allgemeine Idee des Hauses, erscheint demgegenüber beständig und unveränderlich. Mehr noch: Wer ein Haus bauen will, geht bereits vom Begriff, von der Idee des Hauses aus, denn er entwirft vorher ein entsprechendes Projekt.

Legt das nicht den Gedanken nahe, dass der Begriff, die Idee mehr Realität besitzt, als die vergänglichen materiellen Gegenstände? Kann man nicht zu der Schlussfolgerung kommen, dass die allgemeinen Begriffe, die Ideen, die eigentliche Wirklichkeit sind, während die einzelnen Dinge nur Nachbildungen dieser Ideen sind? Zu dieser verkehrten Auffassung, welche die Welt auf den Kopf stellt, kann man tatsächlich kommen, wenn man nicht beachtet, dass die Begriffe Produkte unseres eigenen Denkens, unentbehrliche Instrumente zur Beherrschung unserer Umwelt sind, wenn man sie einseitig aus dem Zusammenhang des gesamten widerspruchsvollen Erkenntnisprozesses herauslöst, wenn man sie verselbstständigt und schließlich verabsolutiert.

Auf diese Weise entstand der Idealismus in der antiken griechischen Philosophie. Sokrates (469-399 v.u.Z.) und Platon gewannen die Einsicht, dass der Begriff und das begriffliche Denken außerordentlich wichtige Werkzeuge des menschlichen Erkennens sind. Das war ein gewaltiger Fortschritt in der Entwicklung der Erkenntnistätigkeit. Aber sie verstanden noch nicht, wie diese allgemeinen Begriffe zustande kommen. Deshalb interpretierten sie ihren Zusammenhang mit den einzelnen materiellen Dingen der Umwelt nicht richtig. Unter dem Einfluss religiöser Anschauungen erklärte Platon die Begriffe zu einer höheren Welt der Ideen, denen er eine selbstständige Existenz zusprach.

Platon bediente sich bildhafter Vergleiche, um seinen Idealismus zu erläutern. So verglich er das Leben der Menschen mit einem Aufenthalt in einer dunklen Höhle. In dieser Höhle befinden sich gefesselte Gefangene, mit dem Rücken gegen den Ausgang gekehrt und ohne die Möglichkeit, ihr Antlitz dem Licht zuzuwenden. An der Höhle gehen Passanten vorbei, die Gefäße von unterschiedlicher Gestalt tragen; die Sonnenstrahlen beleuchten diese Gefäße, und ihre Schatten fallen auf die Rückenwand der Höhle. Die Gefangenen können nur diese Schatten sehen. Für Platon sind die Dinge nur die Schatten ihrer Ideen.

Da der menschliche Erkenntnisprozess ein sehr komplizierter Vorgang ist, in dem viele Elemente zusammenwirken, besteht die Möglichkeit, jedes einzelne Element (die Sinnesempfindungen, die Begriffe, usw.) aus seinem Zusammenhang herauszulösen und es zu einem selbstständigen Wesen aufzubauschen. Der subjektive Idealismus verabsolutiert zum Beispiel die Empfindung und Wahrnehmung. Er trennt sie von der materiellen Welt und erklärt sie zur einzigen Realität. In ähnlicher Weise ist es auch möglich, den Willen oder das Unbewusste zur grundlegenden Realität zu verabsolutieren, usw. Im Ergebnis entstehen zwar verschiedene Varianten des Idealismus, aber sie alle haben ihre Wurzeln im menschlichen Erkenntnisprozess. Sie beruhen alle auf einer einseitigen Betrachtung des Erkennens." (aus: Hahn/Kosing: Marxistisch-leninistische Philosophie, Berlin 1985, S. 54-56).

Der Erkenntnisprozess birgt also die Möglichkeit des Idealismus in sich. Zu einem ganz idealistischen System allerdings wird er nur dann ausgebaut, wenn es gesellschaftliche Kräfte gibt, die an einer idealistischen Verkehrung ein Interesse haben. Das ist seit der Teilung der Gesellschaft in ausbeutende und ausgebeutete Klassen der Fall. Seitdem gibt es eine soziale Grundlage des Idealismus.

Die gleichzeitig mit der Klassenspaltung entstehende Teilung der Arbeit in körperliche und geistige Arbeit ist ein weiterer Grund. Die besitzenden und herrschenden Klassen besaßen immer auch das Monopol auf Bildung und geistige Arbeit. Es ist daher nahe liegend, dass sie ihre Tätigkeit und deren Ergebnisse für etwas Höheres für das Bestimmende erklärten.

Der Idealismus eignet sich also nicht nur dazu, die geistige Herrschaft zu begründen und zu sichern. Er ist auch ein wichtiges Mittel, die bestehenden Verhältnisse zu rechtfertigen und jede fortschrittliche Veränderung zu verdammen. Daher wird der Idealismus immer wieder neu belebt und spielt auch heute eine große Rolle in der Auseinandersetzung zwischen der ArbeiterInnenklasse und den VertreterInnen des Kapitalismus. Zur Übersicht: Kapitel 3

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3.2. Der Materiebegriff

Im 2. Kapitel haben wir bei der Behandlung der Grundfrage der Philosophie festgestellt, dass die Begriffe "Materie" und "Bewusstsein" die weitgehendsten, umfassendsten Begriffsbildungen der Philosophie sind. Zudem wissen wir nun auch, was Begriffe sind und wie sie gebildet werden. Was verstehen wir also, wenn wir "Materie" sagen? Als MaterialistInnen müssen wir diese Frage beantworten. 

Sind darunter Körper, Gebilde zu verstehen, mit denen wir täglich umgehen, sind es die Moleküle, aus denen diese Körper aufgebaut sind, oder gar die Atome, aus denen die Moleküle bestehen? Oder sind es vielleicht die Elementarteilchen, die Elektronen, Neutronen und Neutronen, die die Bauteile der Atome sind? Oder sind es gar die noch kleineren Quarks, die die PhysikerInnen kürzlich entdeckt haben. Und wie ist das mit den Lebewesen, mit den Menschen, der menschlichen Gesellschaft? Sind auch sie Materie? 

Um die Definition des Materiebegriffs bemühten sich die PhilosophInnen, vor allem die MaterialistInnen seit der Antike. Demokrit beispielsweise erklärte die Materie als die Gesamtheit der Atome. Sie waren für ihn die kleinsten, unteilbaren Teilchen, aus denen auf Grund unterschiedlicher Kombinationen die verschiedenen materiellen Gegenstände mit ihren unterschiedlichen Eigenschaften entstehen. Dieser kühne, vorausblickende Gedanke spielte lange in der Naturwissenschaft eine bedeutende Rolle. Zahllose Entdeckungen schienen ihn zu bestätigen.

Mit dem Aufschwunge der Wissenschaften in der Renaissance (ca. ab dem 15. Jh.) knüpften die Materialisten einerseits an Demokrit und seine Atomlehre und andererseits an die bahnbrechenden Erkenntnisse von Galileo Galilei und Isaac Newton, die Entdeckung der Gesetze der klassischen Mechanik (Gesetze über Bewegung von Körpern im Raum) an. Vor allem die französischen Materialisten entwickelten dabei den mechanischen Materialismus. Unter Materie verstanden sie die Gesamtheit aller Körper, die aus Atomen bestehen und sich streng nach den Gesetzen der Mechanik bewegen. Die Bewegung wurde nur als mechanische, d.h. als Ortsveränderung verstanden. Alle Eigenschaften und die ganze Vielfalt der Welt wurde dadurch auf quantitative Veränderungen, auf Vergrößerung, Verkleinerung und Ortsveränderung zurückgeführt. Weder neue physikalische Entdeckungen wie Strahlung (z.B. radioaktive Strahlung) oder Felder (z.B. Magnetfelder) noch gesellschaftliche Vorgänge konnten damit erklärt werden. Der Hauptmangel des mechanischen Materiebegriffs bestand also darin, dass er eine bestimmte Erscheinungsform der Materie - die mechanische Bewegung - verabsolutierte, sie zur Materie schlechthin erklärte.

Materie im Sinne der marxistischen Philosophie sind nicht nur stoffliche Körper mit mechanischen Eigenschaften, sondern die ganze materielle Welt in all’ ihren qualitativ verschiedenen Formen mit beliebigen physikalischen, chemischen, biologische, aber auch sozialen Eigenschaften.

Die wesentliche Eigenschaft der Materie, die allen Erscheinungsformen der materiellen Welt trotz ihrer ungeheuren Vielfalt gemeinsam ist, ist die Eigenschaft, objektiv-real, d.h. unabhängig und außerhalb des menschlichen Bewusstseins zu existieren. Dieser philosophische Materiebegriff sagt also nichts über Eigenschaften oder Struktur der einzelnen Erscheinungsformen der Materie. Diese zu erforschen, ist Aufgabe der Einzelwissenschaften. Er ist nur die allgemeinste, theoretische Definition, abgeleitet aus der Grundfrage der Philosophie. Dieser allgemeine Materiebegriff schließt daher alle Formen mit eine, egal in welchen konkreten Formen, mit welchen Strukturen und Eigenschaften, Elementarteilchen, Atome, Moleküle, Körper, pflanzliche und tierische Lebewesen, Menschen, Produktionsverhältnisse der Menschen usw. existieren. Sie sind alle Materie, denn sie existieren außerhalb und unabhängig von unserem Bewusstsein. Das Bewusstsein selbst - wiederholen wir es noch einmal - ist ein Produkt der Materie, der besonders hoch organisierten Materie des menschlichen Gehirns.

Ist auch die Gesellschaft materiell? Wir haben bei unserer Wanderung durch die Geschichte der Philosophie festgestellt, dass die neue Qualität der marxistischen Philosophie darin liegt, dass sie - im Gegensatz zu ihren Vorgängerinnen - auch die Gesellschaft materialistisch erklären kann. Das wollen wir uns nun genauer ansehen.

Die materialistische Geschichtsauffassung der Gesellschaft und der Geschichte hängt eng zusammen mit der Entdeckung der Rolle der Arbeit, also der Produktion zur Erzeugung materieller Güter für den Lebensunterhalt.

"Indem die Menschen arbeiten, produzieren, wirken sie nicht nur auf die Natur ein und verändern materielle Naturstoffe und Naturgegenstände. Sie wirken dabei auch aufeinander ein, stellen Beziehungen zueinander her und schaffen auf diese Weise gesellschaftliche Verhältnisse, die bestehen, ob sie es wollen und wissen oder nicht.

Insofern sind diese gesellschaftlichen Verhältnisse - die Produktionsverhältnisse - materielle Verhältnisse, sie sind die wichtigste Form der "sozialen Materie", des gesellschaftlichen Seins.

Von diesem Fundament aus können wir das ganze gesellschaftliche Leben in seiner Struktur und in seiner Entwicklung materialistisch begreifen. Wir können auch in der Gesellschaft das Verhältnis von Materiellem und Ideellem bestimmen und die Wechselwirkung von materiellem gesellschaftlichen Sein und ideellem gesellschaftlichen Bewusstsein entsprechend der materialistischen Lösung der Grundfrage der Philosophie verstehen.

Der Materiebegriff des dialektischen Materialismus ermöglicht eine materialistische Erklärung der menschlichen Gesellschaft und ihrer Geschichte. Mit ihm wurden die Prinzipien des Materialismus auch auf die Gesellschaft angewandt." (Hahn/Kosing: Marxistisch-leninistische Philosophie. Berlin 1985, S. 61 f.)

Das gesellschaftliche Sein ist also die Gesamtheit der materiellen Existenzbedingungen, der materiellen Verhältnisse und Prozesse der Gesellschaft, die sich als Resultat der vorangegangenen, früheren Entwicklungsprozesse herausgebildet haben. Es existiert daher unabhängig und außerhalb von Bewusstsein und Willen des Menschen.

Das gesellschaftliche Bewusstsein umfasst alle geistigen Lebensprozesse der Gesellschaft, d.h. die geistige Tätigkeit der Menschen und ihre Resultate, ihre Anschauungen, Ideen, Theorien, Normen usw. Das gesellschaftliche Sein bestimmt daher das gesellschaftliche Bewusstsein. Wie Karl Marx in seinem Vorwort "Zur Kritik der politischen Ökonomie" formuliert hat:

"In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktion entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt, und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewusstseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess überhaupt. Es ist nicht das Bewusstsein das Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt." (Marx, Karl: Zur Kritik der Politischen Ökonomie. In: Marx/Engels-Werke, Bd. 13, S. 8 f.)

"Die Tätigkeit des Menschen ist primär materielle, praktisch-gegenständliche Tätigkeit, auf die unmittelbare Veränderung materieller Gegenstände gerichtet. Aber sie ist zugleich auch immer bewusste Tätigkeit, denn sie schließt die geistige Tätigkeit des Menschen in diesem oder jenem Grad ein. Die Menschen setzen sich in ihrer Arbeit immer bewusst Ziele, sie verfolgen bestimmte Zwecke und lassen sich dabei von Ideen leiten. Sie gehen in ihrer Tätigkeit stets von bestimmten Kenntnissen über die materielle Welt, über die Arbeitsgegenstände und die Arbeitsmittel, über technologische Prozesse usw. aus. Ihre gesamte Tätigkeit ist also - obwohl sie insgesamt überwiegend materiell, praktisch-gegenständlich ist - mehr oder weniger vom Bewusstsein durchdrungen und geleitet. Daher ist das gesellschaftliche Bewusstsein nicht nur ein gesetzmäßig entstehendes Resultat der Entwicklung des gesellschaftlichen Seins, sondern auch eine notwendige Seite des ganzen gesellschaftlichen Entwicklungsprozesses. Das gesellschaftliche Bewusstsein ist eine Widerspiegelung des gesellschaftlichen Seins und ermöglicht es durch seine verschiedenen Funktionen den Menschen, ihren gesellschaftlichen Lebensprozess mehr oder weniger bewusst zu vollziehen und zu regeln. Hierbei durchdringen sich materielle und ideelle Prozesse ständig, gehen eine enge Wechselwirkung ein. Doch das materielle gesellschaftliche Sein ist in diesem bewegten Wechselverhältnis stets das Primäre, das Bestimmende." (Hahn/Kosing: Marxistisch-leninistische Philosophie. Berlin 1985, S. 63) Zur Übersicht: Kapitel 3

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3.3. Zusammenfassung 

  1. Idealismus und Materialismus standen und stehen in ihren Formen stets im Gegensatz. Die Ursache dafür, dass Philosophien Ausdruck bestimmter gesellschaftlicher Klassen sind.

  2. Der Materialismus war meist ideologischer Ausdruck fortschrittlicher Klassen, der Idealismus meist konservativer oder reaktionärer Klassen.

  3. Die Wurzeln des Idealismus liegen einerseits im menschlichen Erkenntnisprozess, anderseits in der Teilung der Arbeit sowie der Spaltung der Gesellschaft in Klassen. Der Idealismus ist geeignet, die Herrschaft der Besitzenden zu begründen und zu rechtfertigen.

  4. Der marxistische Materiebegriff versteht unter Materie nicht nur alle stofflichen Körper, sondern die ganze materielle Welt in all’ ihren qualitativ verschiedenen Formen mit beliebigen physikalischen, chemischen, biologischen und sozialen Eigenschaft. Damit kann auch die Gesellschaft und die Geschichte materialistisch erklärt werden. Das gesellschaftliche Sein (die Produktionsverhältnisse) bestimmt das gesellschaftliche Bewusstsein.

 

4. Materialistische Dialektik

4.1. Dialektik und Metaphysik

4.2. Dialektik als Entwicklungstheorie

4.3. Zusammenfassung

4.4. Anhang

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4.1. Dialektik und Metaphysik

Die neue Qualität des marxistischen Materialismus - wir haben es schon betont - liegt darin, dass er auch die Gesellschaft und die Geschichte materialistisch erklärt. Dies wurde erst dadurch möglich, dass der Materialismus mit der Dialektik vereint wurde. Diese philosophische Großtat ist das Verdienst von Marx und Engels.

Die Dialektik ist eine bestimmte Denkweise, die im Laufe der Geschichte entwickelt und immer mehr verbessert wurde. Die höchste Entwicklung erreicht sie als marxistische Dialektik. Hier ist sie zugleich wissenschaftliche Theorie und wissenschaftlich begründete Denkweise und Methode.

Wieder einmal waren es die antiken griechischen Denker, die die Dialektik entwickelten. Für sie war die Dialektik zunächst eine Methode, durch Rede und Gegenrede die Wahrheit zu finden. Später entwickelten sie daraus eine allgemeine Weltanschauung. Was verstanden sie darunter? Was war charakteristisch für diese Denkweise? Die antiken griechischen Dialektiker betrachteten die Welt als einheitliches Ganzes, das sich in ewiger Bewegung und Entwicklung befindet.

"Bei den Griechen - eben weil sie noch nicht zur Zergliederung, zur Analyse der Natur fortgeschritten waren - wird die Natur als Ganzes, im ganzen und großen angeschaut. Der Gesamtzusammenhang der Naturerscheinungen wird nicht im einzelnen nachgewiesen, er ist den Griechen Resultat der unmittelbaren Anschauung. Darin liegt die Unzulänglichkeit der griechischen Philosophie, derentwegen sie später anderen Anschauungsweisen hat weichen müssen. Darin liegt aber auch ihre Überlegenheit gegenüber allen ihren späteren metaphysischen Gegnern." (Engels, Friedrich: Dialektik der Natur - Über die Dialektik [alte Vorrede zum Anti-Dühring]. In: Marx/Engels-Werke, Bd. 20, S. 333)

Wie aus den Ausführungen von Engels hervorgeht, ist die zur Dialektik gegenteilige Denkweise die Metaphysik. Was ist das nun wieder? Die griechische Auffassung von der Ganzheit der Welt und ihre dialektische Betrachtungsweise war zwar richtig, aber weitgehend spekulativ. Wir wissen bereits, dass damals die Wissenschaften noch in ihren ersten Ansätzen steckten. Die Philosophie war daher nicht in der Lage, einzelne wissenschaftlich gewonnene Daten zu verknüpfen und daraus die Zusammenhänge, die Bewegungs- und Entwicklungsprozesse in Natur und Gesellschaft abzuleiten.

"Diese Zusammenhänge wurden erst von den später aufkommenden Naturwissenschaften und den Gesellschaftswissenschaften untersucht. Bei der Erforschung der Natur mussten die Naturwissenschaftler die einzelnen Gegenstände isolieren, für sich betrachten und in einzelne Elemente zerlegen. Dieses notwendige Vorgehen der Naturwissenschaft hat aber, wie Engels bemerkte, auch "die Gewohnheit hinterlassen, die Naturdinge und Naturvorgänge in ihrer Vereinzelung, außerhalb des großen Gesamtzusammenhanges aufzufassen; daher nicht in ihrer Bewegung, sondern in ihrem Stillstand, nicht als wesentlich veränderliche, sondern als feste Bestände, nicht in ihrem Leben, sondern in ihrem Tod. Und indem, wie dies durch Bacon und Locke geschah, diese Anschauungsweise aus der Naturwissenschaft sich in die Philosophie übertrug, schuf sie die spezifische Borniertheit der letzten Jahrhunderte, die metaphysische Denkweise."

Die Metaphysik, dies der Dialektik entgegengesetzte Denkweise, entwickelte sich vor allem, als sich die Wissenschaften noch in der sammelnden und klassifizierenden Periode befanden, im 17. und 18. Jahrhundert. In dieser Zeit hatte die Metaphysik ihre historische Berechtigung, denn es kam in erster Linie darauf an, die Einzeltatsachen zu sammeln, zu analysieren und zu ordnen (= klassifizieren). Aber in dem Maße, wie die Wissenschaften zur Ordnung, Zusammenfassung und Verallgemeinerung des Materials übergingen und immer klarer die Zusammenhänge und Übergänge zwischen den verschiedenen Bereichen der Natur und des Wissens erkannte, wurde die metaphysische Denkweise zu einem Hindernis des wissenschaftlichen Fortschritts, sie wurde reaktionär." (Hahn/Kosing: Marxistisch-leninistische Philosophie. Berlin 1985, S. 57 ff.)

Doch auch in der Zeit, als die Metaphysik dominierte, wurde die dialektische Denkweise von Philosophen  bewahrt und entwickelt. Besonders in der klassischen deutschen bürgerlichen Philosophie erlebte die Dialektik ihre neue Blüte. Es war vor allem Friedrich Hegel, der die Dialektik am klarsten und umfassendsten ausarbeitete. Jedoch: Hegel war ein Vertreter des Idealismus.

Trotz dieser Tatsache steckt in Hegels Dialektik eine ungeheure Bedeutung für die materialistische Dialektik. Hegel hatte die wesentlichen dialektischen Züge, Zusammenhänge, Entwicklungsprozesse und Gesetze der Dialektik erfasst und formuliert; allerdings nicht als solche der objektiven Realität, sondern - in idealistischer Gestalt - als Bewegungsformen der Ideen, als Dialektik der Begriffe.

Marx (der in seiner Jugend zu den sogenannten "Junghegelianern" gehörte) und Engels entwickelten ausgehend von Hegels Dialektik die materialistische Dialektik, d.h. sie vereinten Materialismus und Dialektik. Die idealistische Auffassung der Dialektik wurde beseitigt. Engels schreibt:

"Wir fassten die Begriffe unseres Kopfs wieder materialistisch als Abbilder der wirklichen Dinge, statt die wirklichen Dinge als Abbilder dieser oder jener Stufe des absoluten Begriffs. Damit reduzierte sich die Dialektik der Wissenschaft von den allgemeinen Gesetzen der Bewegung, sowohl der äußeren Welt wie des menschlichen Denkens - zwei Reihen von Gesetzen, die der Sache nach identisch, dem Ausdruck nach aber insofern verschieden sind, als der menschliche Kopf sie mit Bewusstsein anwenden kann, während sie in der Natur und bis jetzt auch groß in der Menschengeschichte sich in unbewusster Weise, in der Form der äußeren Notwendigkeit, inmitten einer endlosen Reihe scheinbarer Zufälligkeiten durchsetzen. Damit aber wurde die Begriffsdialektik selbst nur der bewusste Reflex der dialektischen Bewegung der wirklichen Welt, und damit wurde die Hegelsche Dialektik auf den Kopf, oder vielmehr vom Kopf, auf dem sie stand, wieder auf die Füße gestellt." (Engels, Friedrich: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie. In: Marx/Engels-Werke, Bd. 21, S. 292) zur Übersicht: Kapitel 4

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4.2. Dialektik als allgemeine Entwicklungstheorie

"Die materialistische Dialektik ist die Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschengesellschaft und des Denkens." (Engels, Friedrich: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft. In: Marx/Engels-Werke, Bd. 20, S. 131)

Die materialistische Dialektik untersucht also die allgemeinen Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten aller Entwicklungen der Natur, der Gesellschaft und des Denkens. Sie ersetzt daher klarerweise nicht die Kenntnisse und Fakten der Einzelwissenschaften, aber sie zieht daraus allgemeine Schlüsse, stellt Verbindungen her und betrachtet vor allem Entwicklungsprozesse.

Machen letzteres nicht auch die Einzelwissenschaften? Untersucht nicht die Biologie die Entwicklung der Lebewesen, die Geologie die Entwicklung der Erde, die Geschichtswissenschaft die Entwicklung der Menschheit usw.? Ist dieser Einwand berechtigt?

Das ist er nicht. Denn um eine Entwicklung erklären und verstehen zu können, müssen wir ihre allgemeinen Merkmale, ihren Verlauf, ihre Ursachen und ihre Triebkräfte herausarbeiten. Einzelwissenschaften vernachlässigen dies. Denke wir doch zum Beispiel an den Geschichtsunterricht in der Schule: da ein König, dort ein Papst, mal ein Krieg, dann wieder eine Revolution und vor allem Jahreszahlen. Warum aber z.B. Revolutionen entstehen, was ihre Ursachen und ihre Triebkräfte sind, wer sie macht und warum - all’ das wird nicht erklärt. Stattdessen werden Fakten an Fakten gereiht, die einfach zur Kenntnis zu nehmen sind.

Die Klärung solcher allgemeiner und zugleich grundlegender Probleme ist die Aufgabe der Philosophie. Die allgemeinen Entwicklungen und ihre Ursachen werden von der materialistischen Dialektik untersucht. Sie ist daher auch eine Entwicklungstheorie.

Die Frage, was eine Entwicklung ist und wie sie vor sich geht, war im philosophischen Denken eine heißumkämpfte Angelegenheit, denn aus ihr ergaben sich weitreichende weltanschauliche Konsequenzen. Ein Beispiel: die Entstehung der Erde und der Lebewesen. Es ist heute in allen wissenschaftlichen Kreisen unumstritten, dass die Erde vor ca. sechs Milliarden Jahren sich aus bewegender Materie bildete. Auch alle anderen Planeten und die Sterne entstanden und entstehen auf die Weise. Vor etwa 2 ½ Milliarden Jahren entstand das Leben auf der Erde. Aus ursprünglich sehr primitiven Einzellern entwickelten sich im Laufe von weiteren Milliarden von Jahren unterschiedliche Tier- und Pflanzenarten. Und erst vor etwas mehr als drei Millionen Jahren entstand der Mensch. Diese knappe Darstellung lässt schon erkennen, dass hier eine Entwicklung stattgefunden hat.

Es ist daher kein Wunder, dass solche Tatsachen von der Kirche und ihren Theologen bis aufs Messer bekämpft wurden, widerlegen doch solche Fakten den Schöpferglauben in aller Deutlichkeit ebenso wie Rechtfertigungen wie z.B. "Das war schon immer so!" oder "Da kann man halt nichts ändern!" usw.

In der materialistischen Dialektik ist unter einer Entwicklung also eine Bewegung in aufsteigender Linie, in deren Verlauf neue Qualitäten entstanden sind und entstehen, zu verstehen. Diese Bewegung ist nicht umkehrbar, sie verläuft von niedrigeren zu höheren, von einfachen zu komplizierteren Qualitäten. Diese Entwicklungen in der materiellen Welt werden nicht durch äußere Einwirkungen wie etwa durch einen göttlichen Schöpfer erschaffen oder beeinflusst. Sie werden in der materialistischen Dialektik als Selbstbewegung der Materie, deren Quelle und Triebkraft in der Materie, in ihren inneren Widersprüchen liegt, aufgefasst. Aber alles, was seinen Anfang hat, hat auch ein Ende. Stets entstehen so neue Formen der Materie, entwickeln sich in aufsteigender Linie und vergehen irgendwann.

"Worin besteht nun der Unterschied der marxistischen Dialektik zu früheren Entwicklungslehren?

Sie vertritt die Auffassung, dass:

-         die Entwicklung durch innere Widersprüche ausgelöst und vorangetrieben wird, das heißt durch das Aufeinandertreffen verschiedener Kräfte und Tendenzen, die in einer bestimmten Erscheinung wirksam sind;

-         ein untrennbarer Zusammenhang und eine wechselseitige Abhängigkeit aller Seiten der Dinge und Erscheinungen besteht;

-         die Entwicklung nicht gleichförmig und allmählich vor sich geht, sondern Umwälzungen, Sprünge, Revolutionen aufweist; auf Etappen der Evolution, in denen sich die Dinge und Prozesse allmählich, nur in ihrer Quantität ändern, folgt ein Umschlag in eine neue Qualität;

-         die Entwicklung nicht geradlinig verläuft, sondern mit einer Spirale verglichen werden kann, weil die bereits durchlaufenen Stadien gleichsam noch einmal, aber auch höherer Stufe durchlaufen werden;

Worin liegt der Schlüssel zum Verständnis der "Selbstbewegung" und "Selbstentwicklung" der Materie? Die letzte Ursache, die Quelle und Triebkraft aller Bewegung und Entwicklung liegt in der Materie selbst: in den Widersprüchen, die jedem materiellen System eigen sind." (Hahn/Kosing: Marxistisch-leninistische Philosophie. Berlin 1985, S. 76)

Wie nun diese Entwicklungen im Detail vor sich gehen und nach welchen Gesetzen sie sich vollziehen, wollen wir dann in Kapitel 5 genauer unter die Lupe nehmen. zur Übersicht: Kapitel 4

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4.3. Zusammenfassung

  1. Die neue Qualität des marxistischen Materialismus, die materialistische Erklärung der Gesellschaft und ihrer Geschichte, wurde möglich durch die Vereinigung von Materialismus und Dialektik.

  2. Die materialistische Dialektik ist die Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungstendenzen der Natur, der Gesellschaft und des Denkens.

  3. Im Gegensatz zur Dialektik steht die Metaphysik. Sie isoliert und zergliedert die Untersuchungsgegenstände, betrachtet sie im Stillstand und als im wesentlichen unveränderlich, also nicht in ihrer Entwicklung. Diese Denk- und Untersuchungsweise ist charakteristisch für die Einzelwissenschaften.

  4. Die materialistische Dialektik ist auch eine Entwicklungstheorie. Sie versteht unter Entwicklung eine Bewegung in aufsteigender Linie, in deren Verlauf neue Qualitäten entstehen, unumkehrbar, von Niedrigerem zu Höherem, von Einfachem zu Komplizierterem.

  5. Die Entwicklungen entstehen aus den inneren Widersprüchen der Materie. Jede Entwicklung hat einen aufsteigenden und einen absteigenden Ast. zur Übersicht: Kapitel 4

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4.4. Anhang

Auszug aus "Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie" von Friedrich Engels. Gedruckt zu finden ist die Stelle in: Marx/Engels-Werke, Bd. 21, S. 294 f.

"Vor allem sind es aber drei große Entdeckungen, die unsere Kenntnis vom Zusammenhang der Naturprozesse mit Riesenschritten vorangetrieben haben: Erstens die Entdeckung der Zelle als der Einheit, aus deren Vervielfältigung und Differenzierung der ganze pflanzliche und tierische Körper sich entwickelt, so dass nicht nur die Entwicklung und das Wachstum aller höheren Organismen als nach einem einzigen allgemeinen Gesetz vor sich gehend erkannt, sondern auch in der Veränderungsfähigkeit der Zelle der Weg gezeigt ist, auf dem Organismen ihre Art verändern und damit eine mehr als individuelle Entwicklung durchmachen können. - Zweitens die Verwandlung der Energie, die uns alle zunächst in der anorganischen Natur wirksamen sogenannten Kräfte, die mechanische Kraft und ihre Ergänzung, die sogenannte potentielle Energie, Wärme, Strahlung (Licht, resp. strahlende Wärme), Elektrizität, Magnetismus, chemische Energie, als verschiedene Erscheinungsformen der universellen Bewegung nachgewiesen hat, die in bestimmten Maßverhältnissen die eine in die andere übergehen, so dass für die Menge der einen, die verschwindet, eine bestimmte Menge einer andern wiedererscheint und so dass die ganze Bewegung der Natur sich auf diesen unaufhörlichen Prozess der Verwandlung aus einer Form in die andre reduziert. - Endlich der zuerst von Darwin im Zusammenhang entwickelte Nachweis, dass der heute uns umgebende Bestand organischer Naturprodukte, die Menschen eingeschlossen, das Erzeugnis eines langen Entwicklungsprozesses aus wenigen ursprünglich einzelligen Keimen ist und diese wieder aus, auf chemischem Weg entstandenem, Protoplasma oder Eiweiß hervorgegangen sind.

Dank diesen drei großen Entdeckungen und den übrigen gewaltigen Fortschritten der Naturwissenschaft sind wir jetzt so weit, den Zusammenhang zwischen den Vorgängen in der Natur nicht nur auf den einzelnen Gebieten, sondern auch den der einzelnen Gebiete unter sich im ganzen und großen nachweisen und so ein übersichtliches Bild des Naturzusammenhangs in annähernd systematischer Form, vermittelst der durch die empirische Naturwissenschaft selbst gelieferten Tatsachen darstellen zu können."

 

5. Die Grundgesetze der Dialektik

5.1. Die drei Grundgesetze der Dialektik

5.2. Gesetz von der Durchdringung der Gegensätze

5.3. Gesetz des Umschlagens von Quantität in Qualität

5.4. Gesetz der Negation der Negation

5.5. Die dialektische Methode

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5.1. Die drei Grundgesetzte der Dialektik

"Es ist also die Geschichte der Natur wie der menschlichen Gesellschaft, aus der die Gesetze der Dialektik abstrahiert werden. Sie sind eben nichts andres als die allgemeinsten Gesetze dieser beiden Phasen der geschichtlichen Entwicklung sowie des Denkens selbst. Und zwar reduzieren sie sich der Hauptsache nach auf drei:

das Gesetz des Umschlagens von Quantität in Qualität und umgekehrt;

das Gesetz von der Durchdringung der Gegensätze;

das Gesetz von der Negation der Negation.

(...) Der Fehler liegt darin, dass diese Gesetze als Denkgesetze der Natur und Geschichte aufoktroyiert, nicht aus ihnen abgeleitet werden. Daraus entsteht dann die ganze gezwungene und oft haarsträubende Konstruktion: Die Welt, sie mag wollen oder nicht, soll sich nach einem Gedankensystem einrichten, das selbst wieder nur das Produkt einer bestimmten Entwicklungsstufe des menschlichen Denkens ist. Kehren wir die Sache um, so wird alles einfach und die in der idealistischen Philosophie äußerst geheimnisvoll aussehenden dialektischen Gesetze werden sofort einfach und sonnenklar." (Engels, Friedrich: Dialektik der Natur. In: Marx/Engels-Werke, Bd. 20, S. 348)

Diese drei Grundgesetze ermöglichen uns, die Entwicklung in Natur, Gesellschaft und Denken zu erkennen, ihre Ursachen zu finden und zu verstehen. Sie erklären uns den allgemeinen Verlauf, die inneren Wirkungsmechanismen sowie die Richtung von Entwicklungsprozessen. Im Gegensatz zur Metaphysik ist es dadurch möglich, Dinge in ihrem Fluss, ihrer Bewegung, in ihrer Entwicklung zu sehen, und vor allem auch, Zusammenhänge zu erkennen.

Die drei Grundgesetze sind objektive Gesetze, d.h. sie existieren und wirken außerhalb und unabhängig von unserem Bewusstsein, ob wie es wollen oder nicht. Ihre Kenntnis ist aber von großer Bedeutung für unser Handeln, denn nur dadurch ist es möglich, im Einklang mit objektiv-realen Gegebenheiten zu handeln und damit erfolgreich zu sein.

Die drei Grundgesetze der Dialektik hängen eng miteinander zusammen, sie wirken gleichzeitig und einheitlich. Um des besseren Verstehens willen werden wir sie im folgenden aber getrennt behandeln und erklären. Trotzdem darf diese Tatsache des engen, einander gegenseitig durchdringenden Zusammenhangs nicht außer Acht gelassen werden. zur Übersicht: Kapitel 5

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5.2. Das Gesetz von der Durchdringung der Gegensätze

Die metaphysische Denkweise leugnet die Entstehung von neuem. Wenn sie gezwungen ist - zum Beispiel aufgrund von wissenschaftlich unbestreitbaren Tatsachen - Entwicklungen als solche anzuerkennen, so lässt sie deren Ursachen im Dunkeln. Die idealistische Philosophie machte übernatürliche, geheimnisvolle, immaterielle Kräfte für die Entwicklung verantwortlich. Die religiösen Weltanschauungen leugneten über viele Jahrhunderte jede Entwicklung. Sie versuchten, Entwicklungsprozesse als Teil eines religiösen Schöpfungsplanes zu erklären. Der Dialektik als Entwicklungstheorie hingegen geht es darum, Entwicklungen aus inneren Triebkräften heraus, also als Selbstbewegung zu verstehen und zu erklären.

Was sind nun diese inneren Triebkräfte? Die entscheidende Quelle und Triebkraft der Entwicklung eines materiellen Systems sind seine inneren Widersprüche. Wie ist das nun zu verstehen?

Wenn wir einen beliebigen Körper, Organismus oder ein anderes materielles System der Natur oder der Gesellschaft untersuchen, so werden wir feststellen, dass verschiedene Bestandteile vorliegen, die in ganz bestimmter Ordnung miteinander Verbunden sind und wechselseitig aufeinander einwirken.

Solange wir nun diese einzelnen Bestandteile als ruhend und leblos, jeden für sich, neben- und nacheinander betrachten, stoßen wir auf keine Widersprüche. Wir finden eine Reihe von Eigenschaften, teils gemeinsame, teils unterschiedliche, aber keinen Widerspruch. Der Grund dafür ist, dass eine solche Betrachtungsweise die gewohnte metaphysische wäre.

Ganz anders wird die Sache hingegen, wenn wir sie in Bewegung, in ihrer Veränderung, in ihrem wechselseitig aufeinander Einwirken betrachten. Sofort geraten wir in Widersprüche.

Ein Beispiel: Nehmen wir einen 18jährigen Mann. Können wir nun eindeutig sagen, ob er jung oder alt ist? Metaphysisch betrachtet ja. Denn dann betrachten wir ihn in Ruhe. Und da bei uns die Lebenserwartung eines Mannes ca. 75 Jahre beträgt, können wir sagen, er ist noch jung. Dialektisch betrachtet ergibt sich ein Widerspruch. Jugend und Alter sind zwei gegensätzliche Lebensabschnitte. Sie schließen einander aus (wer alt ist, kann nicht zugleich jung sein) und bedingen einander gegenseitig (niemand kann alt werden, ohne vorher jung gewesen zu sein). Die Medizin hat nun festgestellt, dass das Altern gleichzeitig mit der Geburt des Menschen einsetzt, indem er lebt und aufwächst, zugleich also auch altert und insofern stirbt. Leben ist also ein Widerspruch. Es ist daher also nicht möglich, den Beginn des Lebens, den Beginn des Sterbens und auch den Zeitpunkt des Todes exakt festzustellen. Dass eine solche Betrachtung keine akademische Spielerei ist, beweisen die jahrzehntelang geführte Diskussion über die Frage des Schwangerschaftsabbruchs (Wann beginnt das Leben?) ebenso wie über Bedeutung und Definition des Hirntods, über künstliche Aufrechterhaltung von Herz- und Kreislauffunktionen oder auch über die Frage der aktiven und passiven Sterbehilfe.

Solche Widersprüche lassen sich überall in der Natur und der Gesellschaft finden. Diese dialektischen Widersprüche charakterisieren alle materiellen Systeme und Prozesse. Sie sind zugleich auch die Triebkräfte jeder Entwicklung, denn diese Gegensätze "bekämpfen" einander.

Wir können das erste Grundgesetz der Dialektik, das "Gesetz der Durchdringung der Gegensätze" oder auch als "Gesetz von Einheit und Kampf der Gegensätze" bezeichnen. Dieser "Kampf" der Gegensätze treibt die Entwicklung voran. Es ist die Aufgabe der jeweiligen Fachwissenschaften, solche dialektischen Widersprüche zu erforschen und damit die spezifische Qualität, die Struktur und die Ursachen der materiellen Systeme und Prozesse aufzudecken.

"Folgendes ist noch zu beachten:

Dialektische Widersprüche dürfen nicht mit logischen Widersprüchen verwechselt werden. Dies wird von Gegnern der materialistischen Dialektik häufig bewusst getan, um die Dialektik zu diskreditieren. Logische Widersprüche gibt es nur im Denken. Ein logischer Widerspruch liegt vor, wenn dieselbe Aussage zugleich bejaht und verneint wird. Der logische Widerspruch im Denken ist unzulässig und muss beseitigt werden, denn er führt unvermeidlich zum Verlust jeder Folgerichtigkeit und Beweiskraft des Denkens. Dialektische Widersprüche haben einen völlig anderen Charakter als logische Widersprüche. Sie existieren nicht nur im Denken, sondern in der gesamten materiellen Welt, bewegen und entwickeln sich, finden ihre Lösung und entstehen auf höherer Entwicklungsstufe neu." (Hahn/Kosing: Marxistisch-leninistische Philosophie. Berlin 1985, S. 81) zur Übersicht: Kapitel 5

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5.3. Das Gesetz des Umschlages von Quantität in Qualität

Um das zweite Grundgesetz zu verstehen, müssen wir zunächst klären, was wir unter Qualität und Quantität verstehen (wir haben ja schon öfters feststellen müssen, dass philosophische Begriffe und der umgangssprachliche Begriff nicht identisch sind). Danach untersuchen wir, ob, und wenn ja, welche Zusammenhänge zwischen Quantität und Qualität bestehen.

Wenn wir in unserem Alltag von Qualität sprechen, z.B. von der Qualität eines Produktes, so meinen wir damit seine Haltbarkeit, seine Zweckmäßigkeit, seine Formschönheit usw. Wichtig ist vor allem, dass die Qualität nicht von beliebigen Eigenschaften unseres Produktes abhängt, sondern von ganz bestimmten, für seinen Gebrauchswert entscheidenden Merkmalen. Ein Fernsehapparat wird noch lange nicht als "von guter Qualität" bezeichnet, nur weil er eine schöne Form hat. Weitaus wichtiger ist sein Bildqualität, seine Reparaturanfälligkeit usw.

Anders hingegen wird der Begriff "Qualität" in der Philosophie verwendet. Aus Kapitel 3 wissen wir, dass ein Begriff die Zusammenfassung allgemeiner Merkmale ist. Und so versteht die Philosophie unter dem Begriff "Qualität" kurz zusammengefasst folgendes: Die Qualität ist das, was einen Gegenstand genau zu diesem Gegenstand macht und von anderen unterscheidet.

Qualität existiert nie getrennt von materiellen Systemen. Durch die Anordnung und die Zusammenhänge und Wechselwirkungen der einzelnen Bestandteile entsteht die charakteristische Qualität des jeweiligen Systems. Die Qualität beschreibt uns dieses System als etwas relativ Beständiges, Selbständiges in seiner Ganzheit, in seiner Funktionsweise und in seinen wesentlichen Eigenschaften.

Aber Qualität existiert auch immer in untrennbarer Einheit mit Quantität. Der philosophische Begriff "Quantität" ist eine Messgröße. Er gibt uns Auskunft über bestimmte materielle Systeme, den Grad ihrer Ähnlichkeit in Größe, Umfang, Anzahl, Gewicht, Dauer, Ausdehnung, Intensität, Struktur usw.

Jede Qualität hat nun zugleich eine Quantität und umgekehrt ist jede quantitative Bestimmung nur durch ihre Beziehung zu einer Qualität eindeutig definiert.

Bevor es zu kompliziert wird, versuchen wir mit einem Beispiel - diesmal aus der Chemie - Klarheit zu schaffen: Kohlendioxid (CO2) ist ein Bestandteil der Luft. Ein Molekül CO2 besteht aus einem Atom Kohlenstoff (C) und zwei Atomen Sauerstoff (O). Diese ganz bestimmte Menge (Quantität) von C- und O-Atomen bestimmt nun die ganz bestimmte Qualität von CO2 (bei Raumtemperatur gasförmig, geruchlos, nicht brennbar, ungiftig). Das heißt, die Qualität (von CO) hängt ab von einer ganz bestimmten Quantität (Anzahl der C- und O-Atome) und umgekehrt. Würden wir nun aus einem CO2-Molekül ein O-Atom entfernen, so entstünde Kohlenmonoxid (CO): CO2 --> CO + O

(Aufgrund chemischer Gesetze müsste es korrekterweise eigentlich 2 CO2 --> 2 CO + O2 heißen, was aber an der relativen quantitativen Zusammensetzung ja nichts ändert und uns daher nicht weiter bemühen braucht.)

Das durch qualitative Veränderung entstandene CO hat nun eine gänzlich andere Qualität als CO2, so ist es u.a. leichter und v.a. stark giftig.

Damit habe wir auch schon den Zusammenhang zwischen Quantität und Qualität im Entwicklungsprozess angedeutet. In der Bewegung beliebiger materieller Systeme erfolgen ständig quantitative Veränderungen. Die vollziehen sich zunächst im Rahmen, innerhalb der Grenzen der Qualität. Erst an einem bestimmten Punkt führen die kontinuierlichen quantitativen Veränderungen zu einem plötzlichen Übergang in eine neue Qualität. Dann wird die allmähliche Veränderung, die sog. evolutionäre Phase der Entwicklung, durch eine sprunghafte Entwicklung abgelöst. Evolution (langsame Änderung) und Revolution (schlagartige Umänderung) machen zusammen das Wesen der Entwicklung aus.

Wiederum ein Beispiel, diesmal aus dem Bereich der Physik: Wir haben eine bestimmte Menge - sagen wir einen Liter - Wasser. Das Wasser hat Zimmertemperatur. Nun erwärmen wir dieses Wasser, d.h. wir verändern die (Quantität der) Temperatur. Eine Zeitlang wird sich nichts ändern, außer dass unser Wasser langsam aber sicher wärmer wird. Haben wir aber 100 Grad Celsius erreicht, so verdampft das Wasser. Aus dem flüssigen Zustand wird ein gasförmiger. Die Änderung der Quantität (d.h. der Temperatur) schlägt bei einem ganz bestimmten Punkt (bei 100°C) in eine neue Qualität um, von einer Flüssigkeit in ein Gas. Dasselbe passiert, wenn wir unser Wasser abkühlen, bei 0°C wird aus dem Wasser Eis. Auch hier gilt: Die Änderung der Quantität (der Temperatur - diesmal eine Verringerung) führt zu einer neuen Qualität (Festkörper).

Die neue Qualität bildet mit der sie hervorbringenden Quantität wieder eine, diesmal neue Einheit. Der weitere Entwicklungsprozess erfolgt auf der Grundlage dieser neuen Qualität zunächst wieder in Form quantitativer Veränderung, bis ein erneuter Umschlag eine wiederum neue Qualität hervorruft.

Was wir hier Beispiel von Wasser erklärt haben, vollzieht sich in den verschiedenen materiellen Systemen auf sehr unterschiedliche Weise, abhängig von der Art und den Eigenschaften der jeweiligen Systeme. Wie sie erfolgen bzw. das zu erforschen, ist wiederum Aufgabe der Fachwissenschaften.

Das 2. Grundgesetz der Dialektik, das "Gesetz des Umschlagens von Quantität in eine neue Qualität" ist nur die philosophische Verallgemeinerung, das Gemeinsame aller unterschiedlichen Entwicklungsprozesse. Abschließende Bemerkung: Die Entstehung einer neuen Qualität im Entwicklungsprozess bedeutet, dass die alte Qualität "negiert" wird. Das führt uns direkt zum dritten und letzten Grundgesetz. zur Übersicht: Kapitel 5

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5.4. Das Gesetz der Negation der Negation

Wörtlich bedeutet Negation so viel wie "Verneinung". Verneinen, "negieren" bedeutet aber in der Dialektik nicht, dass etwas Altes völlig beseitigt wird und etwas neues an seine Stelle tritt, das mit dem bisherigen in keinerlei Zusammenhang steht. Das wäre in der Logik der Fall. Dass Logik und Dialektik jedoch etwas Unterschiedliches sind, haben wir unter 5.2. bereits festgestellt.

Entwicklung heißt also, dass ständig etwas "verneint" wird. Wenn aus einem Kind ein Erwachsener wird, also durch Veränderung der Quantität eine neue Qualität entsteht, so "verneint" der Erwachsene das Kind wie z.B. auch die Pflanze den Keim, aus dem sie spross. Negieren in der Dialektik heißt also nicht einfach "Nein" sagen oder ein Ding zu zerstören. Wenn ich z.B. den Keim einer Pflanze zertrete, so ist das zwar eine Form des Negierens, aber nicht ein solches, das eine aufbauende Entwicklung ermöglicht, wie es die Dialektik meint. Das Negieren in der Dialektik ist also ein positiver Vorgang, in dem zugleich etwas beseitigt und etwas erhalten wird. Mit anderen Worten: Die alte Qualität wird nicht einfach vernichtet, sie verschwindet nicht einfach spurlos. Vielmehr wird bei dieser Negation das bisherige positive Entwicklungsresultat aufbewahrt, es wird in die neue Qualität übernommen und dient hier als Grundlage der weiteren Entwicklung, aber auf einer neuen Basis.

Nun ist aber in diesem Gesetz zweimal von der Negation die Rede. Was heißt "Negation der Negation"? Die Negation ist die Basis aller Entwicklungen als Fortschritt von Niederem zu Höherem. Was sich aus der vorigen Entwicklungsphase als störend, hemmend oder überlebt erwiesen hat, wird beim Umschlagen in eine neue Qualität beseitigt. Das Positive, Bewährte, über das Alte Hinausweisende wird bewahrt und in den Dienst der nächsthöheren Entwicklungsphase gestellt. "Negation der Negation" besagt, dass mit einer einmaligen Negation die Entwicklung nicht abgeschlossen ist, sondern diese wird wiederum negiert usw. Richtigerweise müsste dieses Gesetz also das "Gesetz der Negation der Negation der Negation der Negation..." heißen.

Bringen wir ein Beispiel aus der Biologie: Unser Ausgangspunkt ist ein Samenkorn. Aus diesem wächst eine Blume. Diese Blume negiert dialektisch unser Samenkorn. Die Blume selbst wird einer zweiten Negation durch die Samen, die sie zum Fortbestand der Art bildet, negiert. Sobald diese Samen reifen, stirbt die Pflanze ab. So ist die Negation der Negation eine Wiederherstellung des Ausgangszustandes, allerdings auf höherem, entwickelterem Niveau. Denn sie ist nur scheinbar eine Rückkehr zu Altem.

Die Blume ist die Negation des Samenkorns. Diese Blume wird nun durch die Bildung von Samen selbst negiert (Negation der Negation). Aus diesem Samen keimen unter günstigen Bedingungen neue Blumen. Diese mögen nun - rein äußerlich betrachtet - der ersten Blume hinsichtlich Form, Farbe usw. gleiche, aber seit Gregor Mendel (1822-1884), der die Gesetze der Vererbung entdeckte, und noch mehr seit der Entschlüsselung des genetischen Codes’ (1961) wissen wir, dass die zweite Blume einen neu kombinierten Chromosomensatz (je zu Hälfte von männlicher und weiblicher Pflanze) aufweist, sich also von ihrer Vorgängerin unterscheidet. In eine einfache Formel gebracht heißt das, dass die Negation einer Ausgangsmaterie, die wir A nennen wollen, wohl B ergibt, aber die wiederholte Negation von B keineswegs einfach wieder das alte A, sondern ein verändertes A (nämlich A’). Die korrekte Formel für diese Entwicklung lautet also: A à Negation à B à Negation à A’

Wir kennen nun das Wesen der Entwicklung. Innere Widersprüche sind ihre Ursache. In der evolutionären Phase verändern sich Quantitäten. Bei einem bestimmten Punkt schlägt diese Quantitätsänderung in eine neue Qualität (revolutionäre Phase) um. Diese neue Qualität ist nun kein Abschluss der Entwicklung, sie geht in der beschriebenen Weise weiter. Die Negation wird erneut negiert usw.

Die Entwicklung der materiellen Welt vollzieht sich in Zyklen, die jeweils als die Negation der Negation auftreten. Diese Entwicklungszyklen sind aber keine geradlinige Höherentwicklung, sondern gleichen eher dem Bild einer Spirale, da bei dieser Höherentwicklung scheinbar immer wieder eine Rückkehr zum Ausgangspunkt erfolgt, weil bestimmte Züge, Eigenschaften usw. der früheren Stufe auf höherer Entwicklungsstufe wiederkehren. zur Übersicht: Kapitel 5

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5.5. Die dialektische Methode

Das Wort "Methode" kommt aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie "Nachgehen" oder "einen Weg verfolgen". Eine Methode beschreibt also den Weg zu einem bestimmten Ziel, sie zeigt uns, wie wir vorgehen müssen um das Ziel zu erreichen.

Die Theorie der Dialektik (drei Grundgesetze) kennen wir schon. Sie erklärt uns, wie die objektive Realität beschaffen ist. Die dialektische Methode zeigt uns nun, wie das Denken an diese objektive Realität herangehen soll. Sie ist also eine Anleitung zum dialektischen Denken, zum Erkennen und Handeln.

Was bedeutet das? In jeder Einzelwissenschaft, in jedem Bereich der praktischen Tätigkeit gibt es spezielle Methoden zum Erkennen und Handeln, angepasst dem jeweiligen Bereich (Experimente, Untersuchungsmethoden, usw.). Die dialektische Methode hingegen ist in allen Einzelwissenschaften, in allen Bereichen gültig und anwendbar, weil sie auf allgemeinen Gesetzen und Eigenschaften der objektiven Realität beruht. Daraus folgt aber, dass die dialektische Methode nur dann erfolgreich angewendet werden kann, wenn genügend fachspezifische und praktische Kenntnisse und Erfahrungen vorhanden sind. Für sich allein ist sie kein "Universalschlüssel, der uns Zugang zu den Geheimnissen der Natur, der Gesellschaft und des Denkens liefert.

Das dialektische Denken ist die Widerspiegelung der objektiven Dialektik. Es lässt sich von der dialektischen Methode leiten und wendet die Gesetze der Dialektik bewusst an. Das dialektische Denken wird daher auch als die subjektive Dialektik bezeichnet.

Lenin hat in seiner Schrift "Konspekt zu Hegels ,Wissenschaft der Logik’" die einzelnen Grundsätze, Regeln und Anforderungen der dialektischen Methode aufgelistet. Hier die wichtigsten davon:

1. Die Forderung nach Objektivität

(Lenin "Objektivität der Betrachtung, nicht Beispiele, nicht Abschweifungen, sondern das Ding an sich"). Diese Forderung richtet sich gegen subjektiv eingefärbte Betrachtung. Die  dinge müssen gesellschaftlich so gesehen werden , wie sie objektiv sind, nicht wie wir sie uns wünschen, wie wir sie gerne hätten! Ein deutlicher Hinweis auf eine materialistische Betrachtungsweise. Dieses Prinzip ist von größter Bedeutung sowohl für die theoretische Arbeit als auch für die praktische Politik. Wollen wir beispielsweise die österreichische ArbeiterInnenbewegung im Jahre 1989 analysieren, dürfen wir dabei nicht von Wünschen, illusionären Vorstellungen phantastischen Zielen oder ähnlichem ausgehen. Wir müssen daher lernen, die Dinge zu sehen, wie sie sind, auch wenn es unangenehm, enttäuschend, schmerzhaft ist!

2. Die Allseitigkeit der Analyse

Die dialektische Methode erfordert weiters  "die ganze Totalität der mannigfachen Beziehung dieses Dinges zu den anderen" (Lenin) zu betrachten. Unsere Analysen müssen alle Seiten erfassen. Es geht also darum, die wesentlichsten Zusammenhänge eines Systems, eines Gegenstandes, eines Prozesses zu erfassen und zu beachten. Nur so können Einseitigkeiten vermieden werden. Auch wiederum hier: dieses Prinzip ist ebenfalls von größter Bedeutung für Theorie und Praxis. Jedes einseitige Herangehen lässt wesentliche Zusammenhänge und Bedingungen außer Acht und führt in der Folge zu falschen Schlüssen und Misserfolgen. 

3. Die historische Herangehensweise

Dieses Prinzip verlangt, stets zu untersuchen, wie und woraus jede Erscheinung, jeder Prozess entstanden ist, in welchem Entwicklungsstadium sie sich befinden, wie ihre weitere Entwicklung daher verlaufen wird. Um eine Sache wirklich zu verstehen, muss man ihre Entwicklung kennen.

4. Das Widerspruchsprinzip

Bereits aus der historischen Herangehensweise, aus der Betrachtung der Entwicklung folgt, "die innerlich widersprechenden Tendenzen (und Seiten) in diesem Ding (Prozess), das Ding (den Prozess) als Summe und Einheit der Gegensätze zu untersuchen und den "Kampf", resp. die Entfaltung dieser Gegensätze, dieser widersprechenden Bestrebungen,  etc." (Lenin) zu beachten. Nur dadurch wird es möglich, die Triebkräfte eines Prozesses, einer Entwicklung zu erkennen und daraus Schlüsse für das politische Handeln abzuleiten.

5. Qualitätsänderung und Umschlagen in neue Qualität

Eine weitere Regel des dialektischen Denkens ist es, Qualität und Quantität von Vorgängen in ihrer Einheit zu betrachten. Dadurch wird es möglich, den Zeitpunkt zu erkennen, an dem der Übergang zur höheren Qualität möglich und notwendig wird.

Daneben gibt es noch weitere solche Regeln und Prinzipien. Die wichtigsten haben wir angeführt. Noch zwei abschließende Bemerkungen: Friedrich Engels hat die dialektische Methode als "unser bestes Arbeitsmittel und unsere schärfste Waffe" bezeichnet (Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie. Marx/Engels-Werke, Bd. 21, S. 293). Deshalb führen die TheoretikerInnen und IdeologInnen des Kapitalismus bis heute einen wütenden Kampf gegen die materialistische Dialektik. Und das mit gutem Grund: durch sie erst wurde es möglich, Behauptungen von der Ewigkeit des Kapitalismus, von der Fähigkeit des Kapitalismus, sich durch Reformen - also nur durch quantitative, evolutionäre Veränderungen - geänderten Bedingungen anzupassen usw. als Verschleierung der Realität zu enttarnen. Für jeden Menschen, der die bestehende Gesellschaft in eine sozialistische umwandeln will, ist daher das Studium der Dialektik sowie die Anwendung der dialektischen Methode unerlässlich. Nur dadurch wird es möglich, anstehende Aufgaben richtig anzupacken.

Wir haben mehrmals betont, dass die neue Qualität des marxistischen Materialismus darin liegt, neben der Natur auch die Gesellschaft und das Denken materialistisch erklären zu können. Möglich wurde das durch die Vereinigung von Materialismus und Dialektik. Und dennoch wurden zu Erklärung der Grundgesetze der Dialektik nur Beispiele aus der Naturwissenschaft gebracht. Warum das? Unsere obige Aussage bleibt weiterhin aufrecht, aber: aus lehr- und lerntechnischen Überlegungen wurden Beispiele aus der menschlichen Gesellschaft und ihrer Geschichte bisher ausgespart. Dies deshalb, weil zum Verständnis eine Reihe von Begriffen zunächst erarbeitet, definiert und erklärt werden müssen (z.B. "Klasse", "Produktionsverhältnisse", "Produktivkräfte" usw.). Das erfolgt in dem Teil über den "historischen Materialismus", der ja nichts anderes als die Anwendung des dialektischen Materialismus auf die Gesellschaft und ihre Geschichte ist.

 

6. Materialistische Dialektik der Natur

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6.1. Die Natur und die Bewegungsformen der Materie

Bisher haben wir ganz allgemein das Wesen des Materialismus sowie die Grundzüge der Dialektik herausgearbeitet. Damit können wir nun sowohl die Natur als auch die Gesellschaft und das Denken materialistisch erklären. Nun haben aber die Entwicklungen in jedem dieser drei großen Bereiche ihre Besonderheiten, auf die Bedacht zu nehmen ist, wollen wir nicht wiederum in den Fehler des früheren, mechanischen Materialismus zurückfallen. Dieser erklärte ja bekanntlich das Entstehen aller Qualitäten aus lediglich unterschiedlichen quantitativen Veränderungen. Wir beginnen mit der Natur.

Die Gründe dafür sind folgende:

1. entstand die Natur entwicklungsgeschichtlich vor der Gesellschaft.

2. ist die Gesellschaft ein Entwicklungsprodukt der Natur.

3. bildet die Natur die Grundlage für die Entwicklung der Gesellschaft und ist die Auseinandersetzung der Gesellschaft mit der Natur der Hauptinhalt der menschlichen Geschichte.

Wie auch der Begriff Welt  (vgl. 1.3.), so ist auch der der Natur in unserem Sprachgebrauch sehr unterschiedlich in Verwendung. Die "Natur des Menschen", die "Natur einer Sache" usw., wir unterscheiden die Natur vom "Übernatürlichen", die Kulturlandschaft von der "Naturlandschaft", wir sprechen vom "Naturschutz" usw.

Der Naturbegriff der Philosophie ist wesentlich allgemeiner. Im weitesten Sinn umfasst hier die Natur die Gesamtheit aller materiellen Gegenstände, Strukturen und Prozesse, die unendliche Vielfalt der Entwicklungsformen der Materie. Dieser Begriff von Natur ist somit identisch mit solch allgemeinen Begriffen wie "Universum", "Materie", "objektive Realität".

Die Natur existiert ewig (es gibt also keinen göttlichen Schöpfer und somit keinen Beginn der Natur). Sie befindet sich in einem unendlichen Entwicklungsprozess, in dem laufend neue Formen der Materie entstehen und alte wieder zugrunde gehen. Es gibt nun unbelebte Formen der Natur, z.B. Atome, Moleküle und aus ihnen aufgebaute Sterne und Planeten. Auf manchen dieser Planeten können sich Bedingungen für die Entstehung von Leben und dessen Entwicklung bilden, also belebte (organische) Formen der Natur. So hat sich auf unserer Erde (ein Planet in einem Sonnensystem, wie es im unendlichen Universum zahllose gibt) eine belebte Natur herausgebildet, zuerst die Einzeller, dann Pflanzen- und Tierarten und schließlich der Mensch.

Die menschliche Gesellschaft ist das höchste Produkt der Entwicklung der organischen Natur. Sie geht aus der Natur hervor, bleibt aber immer Teil dieser Natur. Allerdings ist die Entstehung der menschlichen Gesellschaft der einschneidendste qualitative Sprung in der Entwicklung der Natur. Dies deshalb, weil die menschliche Gesellschaft die Fähigkeit gewinnt, sich der übrigen Natur wie eine große Naturkraft entgegenzustellen. Sie beginnt einen "Kampf" mit der Natur, von der sie selbst ein Teil ist, um ihr die materiellen Mittel zum Lebensunterhalt abzuringen (Einheit und Kampf der Gegensätze!).

In dieser Gegenüberstellung von Natur und Gesellschaft gewinnt der Begriff der Natur einen engeren Inhalt: unter Natur verstehen wir nun die gesamte materielle Welt mit Ausnahme der menschlichen Gesellschaft.

Die Natur existiert nicht als chaotische Masse, vielmehr weist sie eine bestimmte innere Ordnung und Gliederung auf. Wir können dabei Elemente, Strukturen und Systeme unterscheiden. Stets finden wir Elemente (Einzelbestandteile) durch bestimmte Strukturen zu Systemen verknüpft. Bereits ein Atom ist ein solches System, aufgebaut aus einem Atomkern und um ihn herum Elementarteilchen. Mehrere Atome zusammen bilden ein Molekül. Ein Molekül ist also bereits ein System von Systemen. Vielleicht können wir uns nun vorstellen, welch kompliziertes System schon unbelebte Naturkörper wie Steine, Kristalle, Gebirge, Planetensystem bilden. Aber noch viel mehr gilt das natürlich für die belebte Natur, für Pflanzen, Tiere und den Menschen.

Wie kommt es überhaupt, dass die Natur in so vielen verschiedenen Formen existiert? Die idealistisch-religiösen Weltanschauungen haben darauf eine sehr einfache Antwort: "Gott hat alles erschaffen!" Ihr Schöpfungsglaube ist eine "übernatürliche" Erklärung. Doch alles, was in der Natur vor sich geht, hat natürliche Ursachen und kann auch auf natürliche Weise erklärt werden.

Die Ursache für die so vielgestaltige Natur ist in der Bewegung der Materie zu sehen. Aus den qualitativ verschiedenen Bewegungsformen der Materie und ihren Wechselwirkungen geht die ganze Mannigfaltigkeit der Naturerscheinungen hervor, entsteht der ewige Kreislauf der Natur.

Lässt sich das auch verständlich erklären? Wir versuchen es: Die verschiedenen materiellen Systeme der Natur stehen miteinander in Zusammenhang und wirken aufeinander ein. Diese gegenseitige Einwirkung ist die Bewegung. Materie ist ohne Bewegung undenkbar. Mit anderen Worten: alle natürlichen System stehen in ständiger Bewegung, alles in der Natur, von den Elementarteilchen bis hin zu den galaktischen Systemen im Weltall, von den Einzellern bis zu den Menschen, ist in permanenter Bewegung, ein unaufhörliches Entstehen, Wachsen und Vergehen.

Um Missverständnissen vorzubeugen, definieren wir, was Bewegung ist: Bewegung ist nicht nur die Ortsveränderung von Körpern im Raum. Diese Form der Bewegung wäre nur die mechanische Bewegung. Darüber hinaus gibt es aber noch viel kompliziertere Bewegungsformen, die wir mit den Sinnen gar nicht direkt wahrnehmen können: Bewegung von Elementarteilchen, von Atomen, Molekularbewegungen, elektromagnetische Schwingungen usw. Das Wachsen von Pflanzen und Tieren können wir zwar beobachten, nicht aber die dabei ablaufenden komplizierten Bewegungsprozesse im Inneren der Organismen, in ihren Zellen und funktionellen Systemen.

Wir können nun feststellen, dass alle Bewegungsformen, welcher Art auch immer sie sind, zu quantitativen und qualitativen Veränderungen führen, dass ihr Wesen in der Veränderung überhaupt besteht.

Friedrich Engels unterschied vor etwas mehr als hundert Jahren folgende qualitativ verschiedene, grundlegende Bewegungsformen der Materie:

1. Die mechanische Bewegung (Ortsveränderung)

2. Die physikalische Bewegung (Bewegung der Moleküle)

3. Die chemische Bewegung (Bewegung der Atome)

4. Die biologische Bewegung (Lebensprozesse)

5. Die soziale Bewegung (gesellschaftliche Entwicklung)

Die modernen Wissenschaften haben die Aufgliederung von Engels bestätigt teilweise ergänzt und präzisiert. Denken wir hier z.B. an die Aufklärung des genetischen Codes und damit die materielle Erklärung der Vererbungslehre (1961 von Watson und Crick).

Erst die Aufklärung solcher und anderer physikalischer, chemischer und biologischer Prozesse ermöglichte es, die Gesetzmäßigkeiten der komplizierten Lebensprozesse wissenschaftlich zu begründen. Sie alle widerlegten die idealistische Auffassung irgendwelcher "übernatürlicher", geistiger "Lebenskräfte", die von den IdealistInnen als Ursache sämtlicher Lebensvorgänge angesehen wurden. Stattdessen ist die wahre Ursache die Verschiedenheit der Bewegungsformen der Materie.

Wenn sich nun die Natur in unaufhörlicher Bewegung befindet, gibt es dann überhaupt keine Ruhe? Alle Gebäude beispielsweise befinden sich Ruhe (oder sollten es zumindest sein). Bewegung würde ihr statisches Gleichgewicht bedrohen und sie zum Einsturz bringen. Aber diese Ruhe ist nicht absolut. In Bezug auf die Erdoberfläche sind sie im Ruhezustand, aber mit der Erde nehmen sie an der Bewegung um die Sonne teil. Auch die Atome und Moleküle, aus denen die einzelnen Baustoffe des Gebäudes schlussendlich bestehen, sind in ständiger Bewegung. Diese Ruhezustände sind daher nicht absolut, sondern relativ in Bezug auf ein bestimmtes System. Diese relative Ruhe ist in die absolute Bewegung der Materie eingebettet. Die Bewegung ist ja die Daseinsweise der Materie, sie ist absolut und ewig.

Ruhe ist daher immer nur ein zeitweiliger Gleichgewichtszustand in der Bewegung, sie ist daher relativ und vergänglich. Doch solche Ruhezustände sind wichtig, denn innerhalb solcher relativer Gleichgewichtszustände entstehen die Bedingungen für die qualitative Differenzierung der Materie, für die Herausbildung neuer Strukturen, neuer Wechselwirkungen, höheren Organisationsniveaus. Solche Inseln ermöglichen also die Entstehung neuer Entwicklungsformen. zur Übersicht: Kapitel 6

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6.2. Geht es auch in der Natur dialektisch zu?

Die Natur existiert nur in ewiger Bewegung und Entwicklung, das haben wir bereits festgestellt. Aber geht es dabei auch objektiv dialektisch zu? Bürgerliche PhilosophInnen behaupten: "Nein!" Sie sagen, die Menschen, vor allem solche, die dialektisch denken, tragen durch ihr Wirken, durch ihr ordnendes Denken die dialektischen Zusammenhänge in die Natur hinein. Oder anders ausgedrückt: Die Natur schert sich einen Dreck um die Gesetze der Dialektik, nur der Mensch benützt sie, um die Naturvorgänge einsichtiger erklären zu können.

Dagegen ist folgendes zu halten: In der Natur geht es dialektisch zu, unabhängig davon, ob wir das wissen oder nicht, ob wir mit der Natur in Wechselwirkung treten oder nicht. Die Natur hat vor dem Menschen und der Gesellschaft existiert - und trotzdem ist es auch schon damals dialektisch zugegangen.

Wenn unsere Behauptung stimmt, so müssen innere Widersprüche, so muss der "Kampf" der Gegensätze, die Entwicklung vorangetrieben haben, in deren Verlauf immer neue dialektische Zusammenhänge und durch quantitative Veränderungen dialektische Sprünge zu neuen Qualitäten entstanden sein mussten.

Wir wollen das im Folgenden anhand der Entstehung der Erde überprüfen.

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6.3. Die Entstehung des Kosmos, der Planeten und Sterne

"Die Entwicklung in der anorganischen Natur umfasst die Entstehung der chemischen Elemente aus Elementarteilchen und die Bildung der Sterne und Sternensysteme. Hier sind die mikrophysikalischen Prozesse und die Bildung der größten Himmelskörper untrennbar miteinander verbunden, denn die Synthese der Atomkerne und der chemischen Elemente erfolgt im Prozess der Energieumsetzung innerhalb der Sterne. Sterne bilden sich wahrscheinlich durch Konzentration von Gas- und Staubwolken im interstellaren Raum. Diese Konzentration erfolgt vor allem durch die Wirkung der Gravitation, das heißt Massenanziehung aller Materiepartikel. Sie führt zum Anwachsen der Masse, des Drucks und der Temperatur der kosmischen Gaswolken, wobei die Temperatur bis auf einige Millionen Grad ansteigt. Durch diese quantitative Veränderung entsteht eine neue Qualität: Bei einer bestimmten Temperatur könnten die Atomkerne nämlich in direkte Wechselwirkung miteinander treten und dadurch kann ein Prozess der Kernfusion einsetzen. Atomkerne des Wasserstoffs verschmelzen zu Atomkernen des Heliums und setzen dabei gewaltige Energiemengen frei, die vom Zentrum der Sonne abgestrahlt und durch die Sonne hindurch als Strahlung (Licht) in den Weltraum gelangen. Mit dem Einsetzen der Kernfusion ist aus der interstellaren Gas- und Staubwolke ein Stern, eine Sonne entstanden. In einem kosmischen Entwicklungsprozess, der Milliarden Jahre währte, haben quantitative Veränderungen zum Umschlag in eine neue Qualität geführt. Wie die modernen Erkenntnisse der Astronomie zeigen, gehen solche Sternbildungsprozesse im unendlichen Universum fortwährend vor sich.

Der Stern existiert nun im Zustand eines relativen Gleichgewichts, solange der Gasdruck und Strahlungsdruck aus dem Sterninneren dem Gravitationsdruck von außen nach innen entspricht. Die relativ stabile Daseinsweise eines Sterns ist also durch den dialektischen Widerspruch zwischen Gravitation auf der einen und Gas- und Strahlungsdruck auf der anderen Seite bedingt. In diesem Zustand befindet sich unsere Sonne schon seit mehreren Milliarden Jahren, und sie wird, wie wir heute wissen, noch viele Milliarden Jahre in diesem relativ stabilen Zustand bleiben, weil ihre Wasserstoffvorräte für eine genügend große Energiefreisetzung durch Kernfusion und Umwandlung in Helium ausreichen. Untrennbar verbunden mit der Entstehung der Sonne ist die Bildung des Planetensystems und damit auch unserer Erde. Wenn es gegenwärtig auch noch viele ungelöste Probleme der Entstehung des Planetensystems gibt, so steht doch fest, dass es in einem natürlichen Prozess im Zusammenhang mit der Sonne entstanden ist. Wahrscheinlich sind die Planeten, Planetoiden und sonstigen kleinen Himmelskörper unseres Sonnensystems aus dem riesigen Sonnennebel entstanden, der die Ursonne umgab und mit ihr zusammen rotierte. Durch Kondensation der gas- und staubförmigen Materiepartikel bildeten sich zunächst kleinere Körper, die dann durch Kollisionen, Verschmelzung und Auslagerung schließlich zu den großen Planeten wurden. Die Planeten sind demnach wahrscheinlich auf kaltem Wege entstanden. Erst die Kondensation und Kontraktion führte zu ihrer Aufheizung, zur Aufschmelzung und als Folge zu der magnetischen Differenzierung in vielen Schalen.

Unsere Erde ist einer der Planeten des Sonnensystems und hat viele Gemeinsamkeiten mit den anderen Planeten. Wie diese hat sie seit ihrer Entstehung vor etwa sechs Milliarden Jahren eine bedeutende Entwicklung durchlaufen, die zu qualitativen Veränderungen geführt hat. Sie sind vor allem an der äußeren Schale der Erde, der Erdkruste sichtbar. Die Erdoberfläche wurde zunächst wesentlich durch die Wechselwirkung der interstellaren Materie geprägt, die in dem noch jungen Sonnensystem in größerer Dichte vorhanden war. Es kam zu zahlreichen Kollisionen mit interplanetaren Kleinkörpern, welche die Oberfläche der Erde mit Kratern übersäten. Diese Bild bieten die anderen erdähnlichen Planeten (Venus, Mars) noch heute, während die irdischen Krater durch zahlreiche natürliche Prozesse abgetragen und eingeebnet wurden. Trotzdem finden wir auch heute auf der Erde noch genügend Spuren davon. Im Laufe der geologischen Entwicklung hat sich die Erdkruste wesentlich verändert. Die Verschiebung der großen Platten der Erdkruste gegeneinander führte zur Verfaltung, zur Bildung von Gebirgen, die teilweise durch neue Verschiebungen wieder abgetragen wurden. Die Wirkung des Wassers, des Windes, des Frostes führten zur Verwitterung der Gesteine der Erdoberfläche, und die Verwitterungsprodukte bildeten Ablagerungen, aus denen Sedimentgesteine hervorgingen.

Die Aufheizung und Aufschmelzung im Erdinneren hatte zur Folge, dass Gase entwichen und sich daraus eine Atmosphäre und eine Hydrosphäre bildeten. In diesem Milieu konnten sich, unter Mitwirkung der Energie elektrischer Entladungen viele chemische Verbindungen bilden, was wiederum die Voraussetzung für den Übergang von biologischer Bewegung, für die Entstehung des Lebens schuf. Eine gewaltige qualitative Veränderung der gesamten Erdoberfläche brachte das Leben hervor. Mit der Besiedlung des Festlandes durch pflanzliche und tierische Lebewesen veränderte die Erde ihr Aussehen völlig. Sie überzog sich mit einer Pflanzendecke, und es entstanden die großen natürlichen Kreisläufe des Stoff- und Energieaustausches. Die Entstehung des Lebens veränderte auch die Zusammensetzung der Atmosphäre, was von grundlegender Bedeutung für die weitere Entwicklung höherer Lebewesen wurde. Durch die Photosynthese der chlorophyllhaltigen Pflanzen wird freier Sauerstoff an die Atmosphäre abgegeben. Das ermöglichte die Bildung einer Ozonschicht in der Atmosphäre, welche die Erdoberfläche gegen die ultraviolette Strahlung der Sonne schützt, die alles höhere Leben vernichten würde. So bedeutete die quantitative Veränderung in der chemischen Zusammensetzung der Atmosphäre den Übergang in eine neue Qualität." (Aus: Hahn, Kosing, Marxistische Philosophie, Seite 133 ff.) zur Übersicht: Kapitel 6

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6.4. Die Entstehung des Lebens und der Arten

1953 gelang dem amerikanischen Wissenschaftler Stanley L. Miller ein bedeutsames Experiment. Ausgehend von unbewiesenen Hypothesen, denen zufolge sich das Leben aus einem "Urmeer" entwickelt hat, versucht er, diesen Vorgang im Labor nachzuahmen. Miller konnte über die damalige Zusammensetzung der Luft nur rätseln, aber er nahm an, dass der Sauerstoff noch fehlte, dafür Wasserstoff, Ammoniak und Kohlenwasserstoffe vorhanden waren. Diese Stoffe brachte er nun zusammen mit Wasser zum Sieden und setzte das Ganze ständigen elektrischen Entladungen (Blitzen) aus. Nach acht Tagen fanden sich in seinem Gemisch Aminosäuren, die Baustoffe jeden tierischen und Pflanzlichen Eiweißes. Bei weiteren Experimenten unter Zusatz anderer Ausgangsstoffe sowie Verwendung anderer Energiequellen (Wärme, radioaktive Strahlen, UV-Licht, usw.) entstanden eiweißähnliche Körper (aus Aminosäuren) sowie Zucker und Nukleotidbasen (die zusammen die Nukleinsäuren bilden, die Trägerinnen aller Erbanlagen!).

Diese beschriebenen Experimente dauerten nur Tage. Dieselben chemischen Prozesse liefen aber drei bis vier Milliarden Jahre lang. Wenn auch gegenwärtig noch nicht alle Fragen der Entstehung des Lebens aus unbelebter Materie restlos geklärt sind, so ist es doch wissenschaftlich unumstritten, dass es sich dabei um einen natürlichen Entwicklungsprozess gehandelt hat. Die Entstehung von Leben ist somit nichts anderes als ein Umschlagen von Quantität in Qualität, die Negation der unbelebten durch die belebte Natur.

Die ältesten Spuren von Lebewesen auf der Erde sind ca. 3 ½ Mrd. Jahre alt. Unser Sonnensystem und mit ihm die Erde entstand vor ca. 6 Mrd. Jahren. 2 ½ Mrd. Jahre in etwa dauerte es, bis die chemische Entwicklung der Materie die Vorraussetzungen für den Sprung zu den einfachsten Formen des Lebens schuf. Fast weitere drei Milliarden Jahre benötigte die Entwicklung vom einfachen Einteller hin zu primitiven Mehrzellern. Doch diese lange Phase der relativen Ruhe war bedeutend: In ihr wurden die grundlegenden biologischen Regulationsmechanismen (Stoffwechsel, Zellteilung, Vermehrung, Vererbung, Informationsverarbeitung) ausgebildet. Von den ersten Vielzellern bis zum höchst entwickelten Lebewesen, dem Menschen, brauchte es dann "nur noch" 700 Millionen Jahre. Wir sehen also, dass der Entwicklungsprozess der Natur sich in höheren Bewegungsformen der Materie beschleunigt.

Das Leben hat die Erdoberfläche grundlegend umgestaltet: Die Pflanzen bildeten in ihrem Stoffwechsel Sauerstoff, veränderten dadurch die Zusammensetzung der Atmosphäre und ermöglichten so das Leben am Lande. Die geschlossene Vegetationsdecke überzog die Erde, führte dabei zur Bildung von Kohlengestein, Erdöl und Erdgas in der Erdkruste, usw. Und schließlich  entstand eine artenreiche Tierwelt zu Wasser, zu Land und in der Luft. Mit anderen Worten: unbelebte und belebte Natur stehen in einem dialektischen Zusammenhang, sie "bekämpfen einander und bedingen sich gegenseitig.

Was aber war der Grund, dass so viele unterschiedliche Tier-  und Pflanzenarten entstanden? Etwa zur selben Zeit als Marx und Engels die materialistische Dialektik entwickelten, schrieb der englische Naturforscher Charles Darwin sein epochemachendes "Über die Entstehung der Arten durch natürliche Auslese". Darwin erbrachte darin durch ein riesiges Tatsachenmaterial den Nachweis, dass die heute bekannten Pflanzen- und Tierarten das Ergebnis eines langen Entwicklungsprozesses sind, dass sie alle aus primitiven Formen hervorgegangen und folglich miteinander verwandt sind. Mit diesem Nachweis wurde dem religiösen Schöpfungsglauben die wichtigste Grundlage entzogen.

"1. Über die Entstehung und Entwicklung der Arten gibt es verschiedene Theorien

Über die Entstehung der Erde, der Pflanzen und Tiere haben sich die Menschen schon immer Gedanken gemacht. Theologen, Philosophen und Naturwissenschaftler der Vergangenheit glaubten lange Zeit, die Erde mit ihren Lebewesen sei in einem einzigen Schöpfungsakt entstanden. Darauf beruht die Vorstellung, dass es von Anfang an so viele Pflanzen- und Tierarten gab, wie Gott sie schuf. Eine solche Auffassung liegt dem Schöpfungsbericht der Bibel zugrunde. Zwar haben in der Folgezeit viele Theologen vor einer allzu wörtlichen Interpretation des Schöpfungsberichtes gewarnt, dennoch hat sich diese Überzeugung bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts unwidersprochen gehalten.

Selbst der schwedische Arzt und Botaniker Carl von LINNE (1707 bis 1797), der als erster alle zu seiner Zeit bekannten Pflanzen und Tiere in einem übersichtlichen System zusammenstellte, glaubte, dass sich die Arten seit dem Beginn des Lebens auf der Er de nicht verändert hätten. Er vertrat wie viele seiner Zeit die Theorie von der Konstanz der Arten. (...)

Zu Linnes Zeit hielt man versteinerte Reste von Lebewesen, wie man sie zum Beispiel in Steinbrüchen fand, für Spielereien der Natur. Es wurden aber immer mehr Versteinerungen bekannt, darunter vollständige Skelette von bisher unbekannten Tieren. Man stellte weiterhin fest, dass in den verschiedenen übereinanderliegenden Erdschichten unterschiedliche Versteinerungen auftraten. Durch die Forschungen der Geologen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts häuften sich die Kenntnisse über solche Fossilien.

Aufgrund dieser erweiterten Kenntnisse von ausgestorbenen Arten bildeten sich zwischen 1810 und 1820 zwei Theorien über die Entstehung. CUVIER (1769 bis 1832) behauptete, dass mit dem Ende jedes geologischen Zeitalters das gesamte Leben durch Umwandlungen der Erdoberfläche vernichtet und in dem folgenden neu und verbessert entstanden sei.

Diese Katastrophentheorie wurde hinfällig, als man erkannte, dass die Übergänge zwischen den einzelnen erdgeschichtlichen Epochen sich in sehr langen Zeiträumen vollzogen.

LAMARCK (1744 bis 1829) vertrat in seiner 1808 veröffentlichten "Philosophie Zoologique" als erster die Ansicht, dass die Pflanzen und Tiere im Lauf der Erdgeschichte aus andersartigen Vorfahren hervorgegangen sein müssen. Er nahm an, dass sich die Arten allmählich veränderten, sich den Gegebenheiten der Umwelt anpassten und die erworbene Anpassung an die Nachkommen vererbten. Diese Theorie der Vererbung wird nach dem Begründer Lamarckismus genannt. Sie hat sich trotz vieler entsprechender Experimente bis heute noch nicht beweisen lassen. LAMARCK  erkannte jedoch als erster, dass sich die Veränderungen der Lebewesen sehr langsam vollziehen.

Der eigentliche Begründer der Abstammungslehre ist Charles DARWIN (1809 bis 1882). Im Jahre 1859 veröffentlichte er sein Buch "Über den Ursprung der Arten durch natürlich Auslese". Darin stellt er folgende Theorie auf: Jede Pflanzen- und Tierart erzeugt sehr viel mehr Nachkommen, als zur Erhaltung der Art notwendig sind. Unter einer solchen Vielzahl von Nachkommen setzt ein erbarmungsloser Konkurrenzkampf um Lebensraum, Nahrung und Fortpflanzung ein, in dem der größte Teil ohne Nachkommenschaft zugrunde geht. Für diesen Kampf ums Dasein sind aber einige Nachkommen aufgrund von erblichen Unterschieden besser gerüstet als andere, so dass sie größere Aussichten haben, ihn erfolgreich zu bestehen. Im Laufe von vielen Generationen setzen sich die Träger der "besseren Eigenschaften" durch. Bei dieser natürlichen Auslese oder Selektion überleben solche Pflanzen und Tiere, die der jeweiligen Umwelt am besten angepasst sind.

Der Erbforscher H. d. VRIES  (1848 bis 1935), einer der Wiederentdecker der Mendelschen Gesetze, erbrachte 1901 bis 1903 Beweise dafür, dass erhebliche Unterschiede zwischen den Nachkommen einer Art sprunghaft auftreten. Aus seinen Beobachtungen leitete er die Mutationstheorie ab. MÜLLER (geb. 1890, Nobelpreis 1946) konnte als erster Mutationen künstlich hervorrufen.

Selektions- und Mutationstheorie bilden die Grundlagen der heutigen Abstammungslehre. Sie erklärt die Abstammung als ein Zusammenwirken von Mutation, Selektion uns Isolation und wird als die zur Zeit am besten begründete Theorie betrachtet.

2. Neuzeitliche Forschungsergebnisse stützen und erweitern Darwins Abstammungslehre

Als die ersten Schritte zur Änderung der Arten gelten Mutationen. Sie lassen sich künstlich durch radioaktive, ultraviolette und Röntgenstrahlen sowie durch verschiedene Chemikalien hervorrufen. Man nimmt an, dass mindestens ein Teil der in der freien Natur auftretenden Erbänderungen durch ultraviolette Bestandteile des Sonnenlichts und durch kosmische Strahlen ausgelöst werden. Die weitaus meisten Mutationen sind für ihren Träger nachteilig, z.B. Chlorophyllmangel oder Albinismus. Andere wirken sich weder vorteilhaft noch nachteilig aus, zum Beispiel Überlagerung des Blattgrüns mit rotem Farbstoff, geschlitzte Form der Blätter oder die dunkle Form des Hamsters in Osteuropa. Vorteilhafte Mutationen sind selten. So tritt in Industriegebieten mit starker Verschmutzung der Luft eine dunkle Form des Birkenspanners (ein Schmetterling) auf. Sie hat die helle Ausgangsform fast völlig verdrängt, weil sie auf der verschmutzten Birkenrinde besser getarnt ist (Industriemelanismus).

Außerdem vollzieht sich in der Natur eine Selektion durch den Kampf ums Dasein. Von der Vielzahl der Nachkommen einer Art überleben die am besten angepassten und vererben ihre Eigenschaften. Die Bedeutung einer Mutation für den jeweiligen Träger hängt von den Umweltverhältnissen ab. So ist zum Beispiel Farbstoffmangel für die meisten Tiere ein Nachteil, in Polar- und Schneegebieten dagegen ein Vorteil. Eine häufige Mutation bei Insekten führt zur Verkümmerung der Flügel. Sie wirkt sich im allgemeinen nachteilig aus, da die Träger schnell von ihren natürlichen Feinden vernichtet werden können. Auf den Kerguelen-Inseln, die im Bereich der Südpolarstürme liegen, sind alle Insekten flügellos oder haben verkümmerte Flügel. Hier verlief die Selektion in umgekehrter Richtung, da die zum Verlust der Flügel führende Mutation von Vorteil war.

Mit der Mutation und Selektion allein lässt sich die Entstehung neuer Rassen oder Arten noch nicht erklären. Solange sich nämlich die mutierten Formen ungehindert mit den Ausgangsformen vermischen können, gleichen sie die Unterschiede vielfach wieder aus. Vermischungen werden durch geographische Schranken verhindert, zum Beispiel durch Meere, Gebirge, Wüsten und auch durch sehr große Entfernungen in zusammenhängenden Siedlungsgebieten einer Art. Solche durch Isolation sich entwickelten Mutanten können zur Bildung von neuen geographischen Rassen oder sogar von neuen Arten führen. Als Beispiel dafür dient die Kohlmeise, deren Unterarten sich nicht mehr kreuzen, da die Unterschiede zwischen ihnen zu groß sind. (Aus: Lange, Strauß, Dobers; Biologie, Wien, Graz 1976, Seite 244ff.)

Moderne wissenschaftliche Erkenntnisse  stützen Darwins Abstammungslehre. Drei Faktoren bewirken die Änderung der Arten:

1. Mutationen (Veränderungen im Erbmaterial)

2. Selektionen (Auswahl durch den "Kampf ums Dasein")

3. Isolation (räumliche Trennung)

 

Diese Tatsachen sind ein weiterer Beweis für die dialektischen Vorgänge in der Natur. Mutationen (Änderungen des Erbmaterials) werden weitervererbt, aber auch durch weitere Mutationen langsam verändert. Solche Veränderungen sind über lange Zeiträume nicht sichtbar, da sie sich nur auf Zellebene abspielen. Aber diese Änderung der Quantität führt über kurz oder lang zu einer neuen Qualität, die die alte dialektisch negiert. Unser obiges Beispiel von der Kohlmeise zeigt das sehr schön: Tiere der gleichen Art können sich untereinander kreuzen, die Unterarten der Kohlmeise (auf Grund der neuen Qualitäten) nicht mehr!

Wir können daher zum Schluss noch einmal wiederholen, was wir bereits gesagt haben: in der Natur, der Gesellschaft und im Denken geht es dialektisch zu, ob wir das wollen oder nicht, ob wir es wahrhaben oder nicht. Naturvorgänge wurden in diesem Teil behandelt. Gesellschaft und Denken werden im dritten Teil die Themen sein.

 

 

7. Literatur zum Thema Dialektik

 

7.1. Klassiker des Marxismus

 

Friedrich Engels: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft. In: Karl Marx/Friedrich Engels - Werke, Bd. 19

Kurzzusammenfassung  der Entwicklung des Marxismus, besonders Kapitel 2, "Die Geschichte der marxistischen Philosophie", leicht verständlich.

Friedrich Engels: Dialektik der Natur. In: Karl Marx/Friedrich Engels - Werke, Bd. 20

Eines der bedeutendsten Werke Engels, in dem er die wichtigsten naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, die sich bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts angehäuft hatten, materialistisch- dialektisch verallgemeinert und die metaphysischen sowie idealistischen Anschauungen, die damals dominierten, kritisiert. Engels entwickelt darin die Grundsätze der Dialektik von Hegel materialistisch weiter und wendet sie auf zahlreiche Naturwissenschaften an. Setzt beim Lesen zum Teil Kenntnisse der Naturwissenschaften voraus. In einigen Punkten durch neuere wissenschaftliche Erkenntnisse überholt.

Friedrich Engels: Herrn Eugen Dürings Umwälzung der Wissenschaft. In: Karl Marx/Friedrich Engels - Werke, Bd. 20

Dieses Werk, kurz "Anti-Dühring" genannt, gilt als Enzyklopädie des Marxismus. Mitte der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts propagierte der Berliner Privatdozent Eugen Dühring Ideen eines kleinbürgerlichen, reaktionären "Sozialismus", der beim rechten Flügel der deutschen Sozialdemokratie großen Anklang fand. Der wachsende Einfluss führte dazu, dass Marx und Engels zum Gegenangriff übergingen. In einer fundiert- polemischen Art widerlegt Engels im "Anti- Dühring" diesen "neuen Sozialismus". Diese Werk ist die Bilanz der Entwicklung des Marxismus von drei Jahrzehnten. Die drei Teile des "Anti-Dühring" - "Philosophie", "Politische Ökonomie" und "Sozialismus" - legen ausführlich die Quellen und Bestandteile des Marxismus dar. Eine Pflichtlektüre!

Friedrich Engels: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie. In: Karl Marx/Friedrich Engels - Werke, Bd. 21

1886 schrieb Engels über die Herausbildung, historische Entwicklung sowie die Grundlagen der marxistischen Philosophie dieses Büchlein. Kritisch würdigt er die philosophischen Quellen des dialektischen und historischen Materialismus, die dialektische Methode Hegels und den Materialismus Feuerbachs und formuliert die Grundfrage der Philosophie.

W. I. Lenin: Materialismus und Empiriokritizismus (Lenin-Werke Bd.14), Zur Frage der Dialektik (Werke, Bd.38), Konspekt zu Hegels ,Wissenschaft der Logik’ (Werke, Bd. 38).

Diese Werke sind Weiterentwicklungen der marxistischen Philosophie, zum Teil etwas schwer verständliche Spezialliteratur. Die letzte dieser drei Schriften behandelt schwerpunktmäßig die dialektische Methode.

G. W. Plechanow: Zur Frage der Entwicklung der monistischen Geschichtsauffassung. Dietz Verlag, Berlin 1975

Leicht verständlich geschriebenes Buch über die Entwicklung des Materialismus, beginnend beim französischen Materialismus des 18.Jahrhunderts über die utopischen Sozialisten und die idealistische deutsche Philosophie bis hin zum dialektischen Materialismus.

 

7.2. Lehrbücher des dialektischen und historischen Materialismus

 

Hahn/Kosing: Marxistisch-leninistische Philosophie - geschrieben für die Jugend. Dietz Verlag, Berlin 1985, Hrsg. FDJ

- Dialektischer und historischer Materialismus. Dietz Verlag, Berlin 1985

Lehrbuch für marxistisch-leninistische Grundlagenstudien, für "Fortgeschrittene".

 

7.3. Spezialliteratur

 

Georg Fuchs: Materie, Dialektik, Naturwissenschaft. Globus-Verlag, Wien 1981

An verschiedenen Beispielen aus der Naturwissenschaft (Atomphysik, Relativitätstheorie, Kybernetik, usw.) zeigt der Autor die bedeutende Rolle der marxistisch-dialektischen Philosophie beim Erkennen und begreifen von Naturprozessen. Keine besonderen Fachkenntnisse werden vorausgesetzt.

 

 

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