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Georgi Dimitroff:

Gegen die konterevolutionäre Sozialdemokratie - Rede vor österreichischen Schutzbündlern in Moskau, 6. Mai 1934

(Dimitroff, Ausgewählte Schriften, Berlin 1958, Bd. 2, S. 463-476)

 

Liebe Genossen! Ich bin glücklich, mit dieser Kampftruppe der österreichischen Arbeiter zusammenzukommen. Ich habe mich noch im Gefängnis eng verbunden gefühlt mit dem gesamten internationalen Proletariat, ganz besonders mit unseren tapferen deutschen Arbeitern und den mutigen österreichischen Kämpfern. Die Briefe, die ich aus Österreich schon erhalten habe, sind nur ein kleiner Teil meiner großen Korrespondenz, und sie haben mir außergewöhnliche Freude bereitet. Zwei von diesen Briefen sind euch bekannt. Einer stammt von einem Arbeiter aus dem Karl-Marx-Hof in Wien und ist vor den bewaffneten Kämpfen geschrieben, der andere Brief entstand erst nach den Kämpfen. Ich habe auch eine Reihe von Postkarten bekommen, die mich nur dank der Gefälligkeit einiger Beamter im Leipziger Gefängnis erreichen konnten. Auf diesen acht oder zehn Postkarten war mein Bildnis dem von Göring gegenübergestellt: jene Szene vom Leipziger Prozess mit der berühmten persönlichen Drohung Görings. Die Karten trugen viele Unterschriften von Arbeitern aus Wien, Linz, Graz und anderen Städten Österreichs. Ich habe noch im Gefängnis vermutet, dass Hunderte und aber Hunderte Exemplare dieser gedruckten Postkarte in Leipzig eingelaufen, aber so wie der größte Teil meiner Korrespondenz von der Behörde beschlagnahmt worden sind.

Für mich war klar, daß mein Auftreten vor dem Leipziger Gericht, mein Kampf gegen den Faschismus von der Anklagebank aus, auf jener großen Welttribüne, starken Widerhall unter der österreichischen Arbeiterschaft gefunden hat, und ich erinnere mich auch eines Schreibens, welches mir von einer freigewerkschaftlichen Organisation, ich glaube der Former, mit proletarischen revolutionären Grüßen zugesandt worden ist. Jetzt, nach unserer Befreiung, da ich die Möglichkeit habe, unsere und die gegnerische Presse durchzusehen, sehe ich deutlich, wie groß die Sympathie, die Solidarität, die Liebe der Proletarier in allen Ländern gewesen sind, die uns kommunistischen Angeklagten vor dem Leipziger Gerichtshof entgegengebracht wurden. Nicht einmal die feindliche Presse konnte die Tatsache verschweigen, dass vor dem Leipziger Gericht eine große Schlacht zwischen Kommunismus und Faschismus geschlagen wurde und dass in dieser Schlacht der Sieg nicht auf Seiten des Faschismus, sondern auf Seiten des Kommunismus war.

Ich habe zahlreiche Berichte und Artikel gelesen, die meine „heroische Haltung" vor dem Gericht des Klassenfeindes schilderten. Ich muss vor euch, liebe Genossen und Genossinnen, offen bekennen, dass diese Haltung vor dem Leipziger Gericht kein persönlicher Heroismus war. Dass ich entschlossen und mutig gegen Faschismus und Faschisten aufgetreten bin, das war nur eine Selbstverständlichkeit. So muss jeder Kommunist, jeder revolutionäre Proletarier vor dem faschistischen Klassengericht dastehen. Was an meinem Auftreten Bedeutung und Wert hatte, war nicht einfacher Heroismus, sondern bolschewistischer Heroismus. Es ist Tatsache, dass in meiner Person ein revolutionärer Proletarier vor dem Klassengericht stand, der unbegrenzten Glauben an die Kräfte der Arbeiterklasse in sich trägt, ein revolutionärer Proletarier, dem in seinem täglichen Leben und Kampf unsere große Lehre, der Marxismus-Leninismus, als leuchtender Stern den Weg weist, ein revolutionärer Proletarier, der das Beispiel der russischen Bolschewiki vor Augen hat und dem Feind mit bolschewistischen Waffen begegnet.

Genossen und Genossinnen! Ich habe mich vorher mehr als 22 Jahre in der revolutionären Arbeiterbewegung Bulgariens betätigt und war anfangs noch nicht Bolschewik, sondern „engherziger Sozialist", wie man unsere Partei genannt hat. Ich war revolutionärer Sozialist, revolutionärer Marxist, aber nicht Bolschewik. Ich erinnere mich, dass ich auch damals Gelegenheit hatte, Mut zu beweisen, und ich kann sagen, dass ich während meiner Tätigkeit in Bulgarien in vielen Fällen nicht weniger „Heroismus" bewiesen habe als in Leipzig, aber wenn ich vor dem Leipziger Gericht als „engherziger Sozialist" gestanden hätte, so hätte ich bei allem Mut und würdigem Auftreten doch nie solch eine bolschewistische Schlacht schlagen und solch einen bolschewistischen Sieg erringen können.

Ich wurde früher Revolutionär als die österreichischen Barrikadenkämpfer, ich habe mich 1923 führend am Septemberaufstand beteiligt, aber ich konnte damals die Aktion noch nicht so bolschewistisch organisieren und so erfolgreich durchführen, wie es damals objektiv möglich gewesen wäre. Es genügt nicht, liebe Genossen und Genossinnen, ein revolutionäres Temperament zu haben. Es genügt nicht, bereit zu sein zum Kampf auf den Barrikaden und zur Selbstaufopferung. Das ist zwar notwendig, aber nicht genug. Was unbedingt dazukommen muss, ist die bolschewistische Kampfesweise und der bolschewistische Heroismus.

Noch in Berlin, im Gefängnis der Geheimen Staatspolizei, als ich die Möglichkeit hatte, den revolutionären Kampf in Österreich zu verfolgen, habe ich an die österreichischen Arbeiter einen Brief geschickt. Ich betrachtete es als meine erste revolutionäre Pflicht, den Kampf der österreichischen Arbeiter aufmerksam zu studieren und die Ergebnisse dieses Studiums mit unseren kämpfenden Brüdern in Österreich auszutauschen. Das ist, glaube ich, einfach und klar in meinem Brief niedergelegt, mit dem sich die Genossen Schutzbündler ja vertraut gemacht haben. Ich betrachte es nicht als meine Aufgabe, hier vor euch eine kommunistische Propagandarede zu halten. Notwendig scheint mir vielmehr eine kurze Aussprache zwischen uns über die Ursachen, die zu einer Niederlage des bewaffneten Kampfes der österreichischen Proletarier geführt haben. Welche Lehren können wir aus euren Erfahrungen für Österreich und für andere Länder ziehen?

In meinem Brief habe ich diese Frage analysiert, und ich möchte nun wissen, was ihr dazu zu sagen habt. Äußert euch frei und offen, sagt alles, was euch auf dem Herzen liegt!

Euch ist bestimmt schon klar geworden, dass alle Schutzbündler, die zu uns gekommen sind, gleich und ohne Unterschied behandelt werden, ohne Rücksicht darauf, welche Meinung sie über die politische Kernfrage haben und ob sie Kommunisten oder Sozialdemokraten sind. Die Sowjetunion hat euch als Arbeiter aufgenommen und sie stellt euch nur eine Bedingung: daß ihr hier ehrliche Arbeiter seid, dass ihr als ehrliche Arbeiter mit Hingabe der Sache des Sozialismus dient, und nichts weiter, alles andere ist schon eine persönliche Angelegenheit, eine Sache der persönlichen Überzeugung. Die Frage der Parteizugehörigkeit ist eine Sache eurer freien Willensentscheidung und hat nichts mit der Frage eurer Arbeit, eures Brotes hier in der Sowjetunion zu tun. Ja, noch mehr: die Kommunistische Internationale, wie die Kommunistische Partei Österreichs, braucht keine allzuschnell gebackenen Kommunisten. Sie braucht fest überzeugte Soldaten. Wer noch Zweifel hat und von der Richtigkeit unserer kommunistischen Ziele nicht fest überzeugt ist, der soll nicht in die Kommunistische Partei eintreten, der soll sich noch gründlich prüfen, alle Fragen und Probleme der Arbeiterbewegung gründlich studieren und in seinem Kopf Klarheit schaffen. Und erst wenn er die volle Überzeugung gewonnen hat, dass der Weg der Sozialdemokratie falsch und der des Kommunismus der einzig richtige ist, erst dann soll er in unsere Kommunistische Partei eintreten und mit aller Kraft in unserer Millionenarmee für die proletarische Revolution kämpfen! (Beifall.)

Für mich ist es vollkommen klar, weshalb Hunderttausende österreichischer Arbeiter bis zum letzten bewaffneten Kampf in den Reihen der Sozialdemokratie verblieben sind. Ich habe auch einige Zeit in Österreich gelebt, habe das Glück, Wien zu kennen, auch mit den österreichischen Arbeitern habe ich persönlichen Kontakt gepflegt, und ich glaube mit Recht beurteilen zu können, weshalb die österreichische Sozialdemokratie leichter als die Sozialdemokratische Partei in anderen Ländern die Massen der Mitglieder unter ihrem Einfluss halten konnte. Erstens durch ihre großartige organisatorische Macht, das Resultat einer langjährigen Entwicklung. Zweitens durch ihre linken Manöver. Die österreichischen sozialdemokratischen Arbeiter lebten immer in dem Glauben, dass die Sozialdemokratische Partei Österreichs nicht so weit rechts stehe und nicht so opportunistisch sei wie etwa die Sozialdemokratische Partei Deutschlands oder die englische Labour Party. Die sozialdemokratischen Arbeiter Österreichs haben in ihrer Partei eine proletarische Massenpartei gesehen. Sie glaubten, dass durch diese Partei die Einheit des österreichischen Proletariats schon verwirklicht sei, dass die Schwankungen der Führer eine vorübergehende Erscheinung seien. Und wenn Otto Bauer auch manchmal nicht nach ihrem Sinn sprach, so meinten sie eben, das seien ganz besonders kluge Manöver gegen die Bourgeoisie. Sie waren überzeugt davon, dass die Partei, ihre Führer und vor allem Otto Bauer, im Interesse der Arbeiterklasse handelten.

Das hat sich aber als Missverständnis erwiesen. Die Sozialdemokratische Partei hat das Vertrauen der Arbeiterschaft missbraucht. Die Kommunistische Partei Österreichs war nach dem Krieg gegründet worden. Der größte und beste Teil der Arbeiterklasse Österreichs war schon früher von der Sozialdemokratie erfasst worden. Immerhin, einzelne Elemente des Proletariats kamen zum Kommunismus, und von ihnen ist die KPÖ gegründet worden. Man konnte natürlich nicht sagen, dass diese kleine Partei gleich in den ersten Jahren alle guten Elemente aus der Sozialdemokratie in ihre Reihen einzubeziehen vermochte. Es erforderte einen großen Kampf, dass die KPÖ sich unter solchen Umständen festigte und dem österreichischen Proletariat den richtigen Weg wies. Natürlich brauchte diese Partei eine gewisse innere Reinigung ihrer Reihen, um sich gesund fortzuentwickeln. Was aber ein wahrhafter Gesundungsprozess, eine Vorbedingung für ihr Wachstum war, erschien vielen sozialdemokratischen Arbeitern als eine Schwäche. Sie gewannen nicht das Vertrauen zu der kleinen KPÖ und behandelten sie voreingenommen. Die Stimme dieser kleinen Partei fand in den Reihen der sozialdemokratischen Arbeiterschaft nicht genug Widerhall. Die Mehrzahl schützte Angst vor der Spaltung vor: die Arbeiterklasse würde gefährlich gespalten werden, wenn die revolutionären Elemente von der SPÖ zur KPÖ übergingen.

Genossen, niemand wird euch jetzt dafür verurteilen, dass ihr so lange in der SPÖ geblieben seid. Niemand wird euch jetzt vorwerfen, dass ihr nicht früher, kritisch, mit offenen Augen den Sinn der sozialdemokratischen Politik erkannt, und eure Schlussfolgerungen daraus gezogen habt. Wie aber steht die Frage jetzt, nach dem bewaffneten Kampf und der Niederlage? Ist es nicht klar, dass, wenn nach dem Umsturz im Jahre 1918 das Proletariat Österreichs und Deutschlands nicht unter sozialdemokratischem Einfluss gestanden, sondern den Weg des Bolschewismus beschritten hätte, die Revolution wirklich zu Ende geführt worden wäre? Ist es nicht offenbar, dass damals in Deutschland, Österreich und einer Reihe anderer Länder die Diktatur des Proletariats errichtet worden wäre? Ist es nicht klar, dass, wenn damals in Deutschland und Österreich nicht die sozialdemokratische Politik der Arbeitsgemeinschaft mit der Bourgeoisie, sondern eine revolutionäre Politik, eine bolschewistische Politik durchgeführt worden wäre, jetzt in Deutschland und Österreich nicht der Faschismus zur Herrschaft gelangt wäre, sondern vielmehr in Europa die proletarische Revolution gesiegt hätte? Wer kann jetzt noch daran zweifeln? Was kam, war das Ergebnis des Verrats, war die Folge der sozialdemokratischen Politik. Damals hat die sozialdemokratische Führung gepredigt: „Auf friedlichem Wege kommen wir am sichersten zum Sozialismus... Jetzt haben wir schon die Gemeinden in unseren Händen, morgen werden wir die Regierung leiten. Schon haben wir 40 Prozent der Stimmen, morgen bekommen wir 50 Prozent, und wenn wir 51 Prozent haben, sind wir die Mehrheit und - der Sozialismus ist da!"

Wo dieser „friedliche Weg" eingeschlagen wurde, dieser scheinbar billigere Weg, der scheinbar weniger Opfer, Blut und Leiden kostete, dort regieren heute die Herren Dollfuß und Fey, Hitler und Göring. Und die Spaltung des Proletariats? Wer anders als die Sozialdemokratie, die eine Politik der Klassenzusammenarbeit mit der Bourgeoisie gegen die revolutionäre Arbeiterschaft durchführte, die Interessen der bürgerlichen Gesellschaftsordnung gegen die proletarische Revolution verteidigte, wer anders als die II. Internationale hat das Proletariat gespalten? Es kam später in Österreich der 15. Juli 1927. Damals wart ihr alle oder doch die Mehrheit von euch noch Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei. Ich habe dieses denkwürdige Ereignis in Wien miterlebt, habe diese große, gewaltige Welle von revolutionärer Energie über Wien hinbrausen sehen. Hätte damals nicht an der Spitze des Proletariats diese Partei der Verräter mit ihrer Gemeindemehrheit in Wien, in Linz und in anderen Städten - hätte an ihrer Spitze eine wirklich revolutionäre Partei gestanden, die den Kampf nicht gescheut und den Sieg der Arbeiterklasse Österreichs ehrlich gewollt hätte, so wäre damals die Macht des Faschismus für immer gebrochen und die Diktatur des Proletariats erkämpft worden. Daran kann heute wohl niemand unter euch mehr zweifeln. (Rufe: Sehr richtig!) Anstatt diese große Welle zum Sturm zu organisieren und zum Sieg zu führen, ist Herr Seitz mit der Feuerwehr angefahren, um den Brand zu löschen. Das habe ich selbst mit angesehen. Und es war nicht Seitz allein. Es war die SPÖ als Partei, die den Brand löschen half, die in diesem Kampf gegen den Willen der Arbeiterschaft Stellung nahm. Und konnte man nicht später, noch ein Jahr vor den Ereignissen, die Kräfte des österreichischen Proletariats sammeln und mobilisieren, um dem Faschismus einen vernichtenden Schlag zu versetzen? Damals, noch 1932, war die Heimwehr bei weitem nicht so durchorganisiert und gerüstet und die Arbeiterschaft noch lange nicht so entkräftet und entwaffnet wie jetzt während der Februarereignisse. Hat die SPÖ wirklich die Abwehr vorbereitet? Nicht im mindesten! Die Parteiführung, die Partei als solche hat die alte Politik der gemeinsamen Sache, des Zusammenarbeitens mit der Bourgeoisie, des Paktierens und Feilschens mit einzelnen bürgerlichen Gruppen unentwegt fortgeführt und die Arbeiterschaft noch mehr als je zuvor in ihre ideologischen, politischen und organisatorischen Fesseln verstrickt. Die Mitglieder dieser Partei von 600 000 Arbeitern und Arbeiterinnen, die Million der im reformistischen Gewerkschaftsverband stehenden Werktätigen, alle waren sie an Händen und Füßen gefesselt durch die sozialdemokratische Politik.

Glaubt mir, Genossen, der Kapitalismus kann nicht jahrelang, kann kaum monatelang bestehen, wenn heute oder morgen die revolutionäre Einheit des Proletariats in Deutschland, Frankreich, England, Österreich und Belgien, in allen entscheidenden Ländern wirklich zustande kommt. Am Tage dieses großen revolutionären Zusammenschlusses ist das Schicksal des Kapitalismus besiegelt. Und wenn der Kapitalismus heute noch besteht, wenn er durch seine neue, faschistische Herrschaftsform in Deutschland und Österreich, und morgen oder übermorgen auch in Frankreich und anderen Ländern angst- und mühevoll noch sein Dasein fristet, so ist diese Tatsache nur eine Folge davon, dass das Proletariat immer noch gespalten ist. Noch haben wir nicht die große revolutionäre Einheitsfront, noch steht das Proletariat nicht mit seiner ganzen Macht unter dem Banner des Kommunismus. Eure Sache in Österreich, euer bewaffneter Kampf gegen den Faschismus hätte zum Siege führen müssen, wenn euch nicht zwei kleine, vielmehr sehr große Dinge gefehlt hätten: eine bolschewistische Partei an eurer Spitze und eine revolutionäre Orientierung in den Massen! Das zweite hängt vom ersten ab. Wenn an Stelle der österreichischen Sozialdemokratie eine große und starke bolschewistische Partei stünde, die das gesamte österreichische Proletariat zum entschlossenen bewaffneten Aufstand gegen die Bourgeoisie führen könnte - seid überzeugt: von Dollfuß und Fey würde nichts übrigbleiben als eine klägliche Erinnerung! Hätte damals im Februar eine große kommunistische Partei eine wahrhaft bolschewistische Politik verfolgt, den Widerstand der Massen mobilisiert, den Generalstreik organisiert und konsequent durchgeführt und schließlich die bewaffnete Abwehr zum bewaffneten Kampf um die Macht gesteigert, so stünde es heute anders um Österreich!

Euer bewaffneter Kampf war ein bewaffneter Widerstand gegen den Überfall des Faschismus. „Wir verteidigen unsere Gemeindewohnungen, unsere Parteihäuser und Arbeiterheime in Ottakring, Floridsdorf und anderwärts, wir schlagen die Vorstöße des Feindes zurück..." Diesen Kampf führten nicht alle Arbeiter, nicht das ganze Proletariat nahm an ihm teil; der Schutzbund kämpfte als Formation allein. Die große Masse des Proletariats blieb Zuschauer. So kam es, dass Arbeiterfrauen und -kinder in den Gemeindewohnungen dem Artilleriefeuer ausgesetzt und der Übermacht des Feindes ausgeliefert waren. So ist denn, Genossen und Genossinnen, die große Lehre aus der Niederlage zu ziehen: Das Proletariat bleibt nur dann Sieger im revolutionären Kampf gegen den Faschismus, wenn es die revolutionäre Einheit der ganzen Klasse unter der Führung einer wirklich bolschewistischen Partei verwirklicht, die mit dem Feinde nicht verhandelt, vor seiner Übermacht nicht kapituliert, sondern entschlossen den Kampf aufnimmt, gestützt auf die Solidarität und den Heroismus des internationalen Proletariats. Das hat bei euch und in Deutschland gefehlt. Zum Unterschied von Österreich war in Deutschland die Kommunistische Partei bedeutend stärker. Sie hat bekanntlich bei den letzten Wahlen ungefähr sechs Millionen Stimmen erhalten. Nun erhielt aber zu gleicher Zeit die Sozialdemokratische Partei noch immer über sieben Millionen. Und die Gewerkschaften waren im großen und ganzen unter sozialdemokratischer Führung. Das Proletariat war gespalten. Alle Versuche der KPD, die Einheitsfront mit den sozialdemokratischen Arbeitern und den gewerkschaftlich organisierten Massen zu verwirklichen, wurden von der SPD und dem ADGB systematisch sabotiert. Und als die Kommunisten im Januar 1933 den Generalstreik gegen den Faschismus und Hitlers Machtübernahme vorschlugen, lehnte die sozialdemokratische Führung glattweg ab. Während also bedeutende Teile der deutschen Arbeiterklasse noch unter sozialdemokratischem Einfluss standen, war eine große Masse von Bauern ins Lager des Faschismus gegangen. Es war die Tragödie des deutschen Proletariats im Januar und Februar 1933, dass die KPD nicht imstande war, allein das gesamte revolutionäre Proletariat in den Kampf zu führen. Otto Bauer macht sich jetzt seine Geschichtsbetrachtung sehr leicht. „Wir haben als Sozialdemokraten in Österreich mit der Waffe in der Hand Widerstand geleistet, aber die KPD in Deutschland hat kampflos kapituliert..." Aber es ist unbestreitbare Tatsache, dass, wenn unter solchen Umständen die KPD allein zum bewaffneten Kampf aufgerufen hätte, es nur eine isolierte Aktion gewesen, nur der aktivste Vortrupp der Arbeiterklasse in den Kampf gezogen wäre. Das wäre Hitler sehr willkommen gewesen. Göring hat mit einer dankenswerten Aufrichtigkeit, die er bestimmt bald bereut hat, vor Gericht zugegeben, dass eine bewaffnete Aktion der Kommunisten ihm den erwünschten Anlass gegeben hätte, in einer einzigen Nacht Hunderte und Tausende der besten Leute, der Führer des deutschen Proletariats physisch auszurotten. Göring hat als Zeuge vor Gericht ganz offen erklärt, er bedaure, dass die Kommunisten im Februar nicht zu den Waffen gegriffen haben. So ist ihm die Gelegenheit entgangen, zehntausend gefährliche kommunistische Funktionäre an den Henker zu liefern und die kommunistische Bewegung in Deutschland für lange Zeit zu erledigen. Wären aber die sozialdemokratischen Arbeiter im Februar 1933 zusammen mit den Kommunisten marschiert, hätte nicht die SPD einen großen Teil des Proletariats gelähmt und gefesselt, dann, Genossen, wäre der Hitlerfaschismus zermalmt worden und die revolutionäre Krise hätte zum Sieg des deutschen Proletariats geführt. Dies, Genossen, ist eine ernste Lehre. Und das letzte, würdigste Denkmal für die gefallenen österreichischen Barrikadenkämpfer in Wien, Linz, Graz und überall, wo das Blut eurer Brüder geflossen ist, das beste Denkmal, das ihr ihnen errichten könnt, ist, die große Lehre aus dieser Erfahrung zu ziehen.

Wir wissen aus der Geschichte, dass es zweierlei Niederlagen gibt: solche, die zur endgültigen Vernichtung einer überlebten Klasse führen, und solche, die in sich selbst schon die Elemente und Voraussetzungen für den bevorstehenden endgültigen Sieg einer aufsteigenden Klasse tragen. Niederlagen der letzteren Art sind unvermeidliche Etappen der Entwicklung. Solcher Art war die Niederlage des Aufstandes der russischen Arbeiter 1905, solcher Art war die Niederlage unseres bulgarischen Septemberaufstandes 1923, und solcher Art war auch eure Niederlage im Februar dieses Jahres. Es war eine Niederlage im großen bewaffneten Klassenkrieg: sie hat die Kluft zwischen Proletariat und Bourgeoisie vertieft und für immer noch unüberbrückbarer gemacht. Sie hat die Augen der Massen geöffnet, ihre Illusionen zerstört und ihnen jene Erfahrungen gebracht, die eine mächtige Waffe im weiteren Kampf um die Macht und eine Voraussetzung für den bevorstehenden Sieg sind.

Ihr habt hier auf dem Roten Platz am 1. Mai die Parade der Roten Arbeiter- und Bauernarmee und die Demonstration der Werktätigen Moskaus gesehen und miterlebt. Es war eine Demonstration der revolutionären Kraft, der militärischen Macht des siegreichen Proletariats. Es war eine Demonstration ohnegleichen. Der Enthusiasmus, die Bereitschaft der Millionen zum weiteren Kampf um die Vollendung des Sozialismus und zur Verteidigung der Grenzen des Sowjetlandes lässt sich mit nichts in der Welt vergleichen. Und wer von euch diesen mächtigen Aufmarsch der Arbeiterkolonnen genauer beobachtet hat, wird bemerkt haben, dass unter den unzähligen Losungen, die auf Plakaten, Transparenten und Tafeln über der Masse wogten, drei sich am häufigsten und in mannigfacher Abwandlung wiederholten und die höchste Begeisterung auslösten: „Es lebe die bolschewistische Partei und ihr Führer, Genosse Stalin!" (Beifall, Bravorufe), ferner: „Es lebe die Rote Armee und ihr Führer, Genosse Woroschilow!" (Beifall, Rotfront-Rufe), und endlich „Hoch die Stoßarbeiter der Industrie und der kollektiven Landwirtschaft, die Kämpfer für die Erfüllung des zweiten Fünfjahrplans!"

Genossen und Genossinnen! Es ist kein Zufall, dass gerade diese drei Losungen am besten dem Kampfwillen der werktätigen Massen Ausdruck gaben. Sie drücken in der Tat das aus, was in unserem großen freien Sowjetlande Millionen führt und entflammt, wonach sie streben und worauf sie sich stützen: Das Vertrauen zur Partei und ihrem Führer, die Liebe und Hingabe zur Roten Armee und ihrem Führer und die unbeugsame Energie, der Enthusiasmus der Stoßbrigaden, die den Sozialismus bauen und verteidigen. Und ihr werdet, je länger ihr unter russischen Genossen leben und arbeiten werdet, um so mehr den erstaunlichen Mut und Opferwillen und die grenzenlose Hingabe derer kennenlernen, die hierzulande der Sache des Sozialismus dienen, eine Schwierigkeit nach der anderen überwinden lernen und unermüdlich an der Verwirklichung der klassenlosen Zukunft schaffen. Und alle diese Stoßbrigaden, all diese Stürmer und Erbauer des Sozialismus im großen Sowjetlande sind sich dessen bewusst, dass ihre Arbeit und ihr Kampf nicht nur ihnen selbst zugute kommt, sondern auch den Sieg der proletarischen Revolution in der ganzen Welt beschleunigt und sicherstellt. Diese Rote Armee, die an euch vorbeimarschiert ist und so geschult, so diszipliniert, so gut qualifiziert und technisch ausgerüstet ihre Kraft dargetan hat, sie bildet und schult sich, sie schafft und kämpft in dem Bewusstsein, dass sie eine Armee des Weltproletariats ist!

Unter den Folgen der sozialdemokratischen Verräterpolitik in Deutschland, Österreich, Frankreich, England und anderen Ländern hat nicht nur das Proletariat dieser Länder selbst gelitten, nicht nur die Millionen von Proletariern, die jetzt unter dem Joch des Faschismus leiden. Der große Verrat der Sozialdemokratie aller Länder, die konterrevolutionäre Politik der II. Internationale seit 1917/18 hat auch das siegreiche russische Proletariat, hat unseren Sowjetstaat in eine viel schwierigere Situation versetzt, uns gezwungen, jahrelang mit Schwierigkeiten und Entbehrungen zu ringen und mit großen Opfern die Errungenschaften der Revolution zu sichern. Stellt euch vor, um wieviel leichter der Weg des Sowjetproletariats gewesen wäre, um wieviel schneller der Aufbau des Sozialismus vonstatten gegangen wäre, wieviel Opfer, Nöte, Hunger und Leiden dem großen Vaterland des Weltproletariats erspart geblieben wären, wenn die proletarische Revolution in Österreich, Deutschland, Frankreich und anderen Staaten gesiegt hätte!

Ihr habt gewiss schon gesehen und werdet noch weiter beobachten können, welcher Geist der Solidarität die Stoßarbeit und den Wettbewerb in Stadt und Land beseelt. Ihr werdet mit russischen Arbeitern zusammen im Betrieb arbeiten und werdet, hoffe ich, auch in den Stoßbrigaden zeigen, wessen ihr fähig seid. Ihr werdet selbst erfahren, wie das Proletariat und die Kollektivbauernschaft dieses Landes ihre historische Aufgabe erfüllen. Währenddessen bleibt es in Österreich, in Deutschland, in Frankreich, England, in der ganzen kapitalistischen Welt unser aller gemeinsame Pflicht, so rasch wie möglich die sozialdemokratische Verräterpolitik zu liquidieren, die Massen zur revolutionären Einheitsfront zusammenzufassen und unter Führung wahrhaft bolschewistischer, geschulter und entschlossener Parteien zum entscheidenden Sturm zu rüsten - für den endgültigen Sieg der proletarischen Revolution in allen Ländern, für die Schaffung eines Sowjet-Österreichs, Sowjet-Deutschlands, Sowjet-Bulgariens, für die Schaffung eines Sowjet-Europas und der Sowjet-Welt.

 

Literatur zum Faschismus

Thema: Faschismus

 

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