Liebe Genossen! Ich bin
glücklich, mit dieser Kampftruppe der österreichischen Arbeiter
zusammenzukommen. Ich habe mich noch im Gefängnis eng verbunden
gefühlt mit dem gesamten internationalen Proletariat, ganz besonders
mit unseren tapferen deutschen Arbeitern und den mutigen
österreichischen Kämpfern. Die Briefe, die ich aus Österreich schon
erhalten habe, sind nur ein kleiner Teil meiner großen Korrespondenz,
und sie haben mir außergewöhnliche Freude bereitet. Zwei von diesen
Briefen sind euch bekannt. Einer stammt von einem Arbeiter aus dem
Karl-Marx-Hof in Wien und ist vor den bewaffneten Kämpfen geschrieben,
der andere Brief entstand erst nach den Kämpfen. Ich habe auch eine
Reihe von Postkarten bekommen, die mich nur dank der Gefälligkeit
einiger Beamter im Leipziger Gefängnis erreichen konnten. Auf diesen
acht oder zehn Postkarten war mein Bildnis dem von Göring
gegenübergestellt: jene Szene vom Leipziger Prozess mit der berühmten
persönlichen Drohung Görings. Die Karten trugen viele Unterschriften
von Arbeitern aus Wien, Linz, Graz und anderen Städten Österreichs.
Ich habe noch im Gefängnis vermutet, dass Hunderte und aber Hunderte
Exemplare dieser gedruckten Postkarte in Leipzig eingelaufen, aber so
wie der größte Teil meiner Korrespondenz von der Behörde beschlagnahmt
worden sind.
Für mich war klar, daß
mein Auftreten vor dem Leipziger Gericht, mein Kampf gegen den
Faschismus von der Anklagebank aus, auf jener großen Welttribüne,
starken Widerhall unter der österreichischen Arbeiterschaft gefunden
hat, und ich erinnere mich auch eines Schreibens, welches mir von
einer freigewerkschaftlichen Organisation, ich glaube der Former, mit
proletarischen revolutionären Grüßen zugesandt worden ist. Jetzt, nach
unserer Befreiung, da ich die Möglichkeit habe, unsere und die
gegnerische Presse durchzusehen, sehe ich deutlich, wie groß die
Sympathie, die Solidarität, die Liebe der Proletarier in allen Ländern
gewesen sind, die uns kommunistischen Angeklagten vor dem Leipziger
Gerichtshof entgegengebracht wurden. Nicht einmal die feindliche
Presse konnte die Tatsache verschweigen, dass vor dem Leipziger
Gericht eine große Schlacht zwischen Kommunismus und Faschismus
geschlagen wurde und dass in dieser Schlacht der Sieg nicht auf Seiten
des Faschismus, sondern auf Seiten des Kommunismus war.
Ich habe zahlreiche
Berichte und Artikel gelesen, die meine „heroische Haltung" vor dem
Gericht des Klassenfeindes schilderten. Ich muss vor euch, liebe
Genossen und Genossinnen, offen bekennen, dass diese Haltung vor dem
Leipziger Gericht kein persönlicher Heroismus war. Dass ich
entschlossen und mutig gegen Faschismus und Faschisten aufgetreten
bin, das war nur eine Selbstverständlichkeit. So muss jeder Kommunist,
jeder revolutionäre Proletarier vor dem faschistischen Klassengericht
dastehen. Was an meinem Auftreten Bedeutung und Wert hatte, war nicht
einfacher Heroismus, sondern bolschewistischer Heroismus. Es ist
Tatsache, dass in meiner Person ein revolutionärer Proletarier vor dem
Klassengericht stand, der unbegrenzten Glauben an die Kräfte der
Arbeiterklasse in sich trägt, ein revolutionärer Proletarier, dem in
seinem täglichen Leben und Kampf unsere große Lehre, der
Marxismus-Leninismus, als leuchtender Stern den Weg weist, ein
revolutionärer Proletarier, der das Beispiel der russischen
Bolschewiki vor Augen hat und dem Feind mit bolschewistischen Waffen
begegnet.
Genossen und Genossinnen!
Ich habe mich vorher mehr als 22 Jahre in der revolutionären
Arbeiterbewegung Bulgariens betätigt und war anfangs noch nicht
Bolschewik, sondern „engherziger Sozialist", wie man unsere Partei
genannt hat. Ich war revolutionärer Sozialist, revolutionärer Marxist,
aber nicht Bolschewik. Ich erinnere mich, dass ich auch damals
Gelegenheit hatte, Mut zu beweisen, und ich kann sagen, dass ich
während meiner Tätigkeit in Bulgarien in vielen Fällen nicht weniger
„Heroismus" bewiesen habe als in Leipzig, aber wenn ich vor dem
Leipziger Gericht als „engherziger Sozialist" gestanden hätte, so
hätte ich bei allem Mut und würdigem Auftreten doch nie solch eine
bolschewistische Schlacht schlagen und solch einen bolschewistischen
Sieg erringen können.
Ich wurde früher
Revolutionär als die österreichischen Barrikadenkämpfer, ich habe mich
1923 führend am Septemberaufstand beteiligt, aber ich konnte damals
die Aktion noch nicht so bolschewistisch organisieren und so
erfolgreich durchführen, wie es damals objektiv möglich gewesen wäre.
Es genügt nicht, liebe Genossen und Genossinnen, ein revolutionäres
Temperament zu haben. Es genügt nicht, bereit zu sein zum Kampf auf
den Barrikaden und zur Selbstaufopferung. Das ist zwar notwendig, aber
nicht genug. Was unbedingt dazukommen muss, ist die bolschewistische
Kampfesweise und der bolschewistische Heroismus.
Noch in Berlin, im
Gefängnis der Geheimen Staatspolizei, als ich die Möglichkeit hatte,
den revolutionären Kampf in Österreich zu verfolgen, habe ich an die
österreichischen Arbeiter einen Brief geschickt. Ich betrachtete es
als meine erste revolutionäre Pflicht, den Kampf der österreichischen
Arbeiter aufmerksam zu studieren und die Ergebnisse dieses Studiums
mit unseren kämpfenden Brüdern in Österreich auszutauschen. Das ist,
glaube ich, einfach und klar in meinem Brief niedergelegt, mit dem
sich die Genossen Schutzbündler ja vertraut gemacht haben. Ich
betrachte es nicht als meine Aufgabe, hier vor euch eine
kommunistische Propagandarede zu halten. Notwendig scheint mir
vielmehr eine kurze Aussprache zwischen uns über die Ursachen, die zu
einer Niederlage des bewaffneten Kampfes der österreichischen
Proletarier geführt haben. Welche Lehren können wir aus euren
Erfahrungen für Österreich und für andere Länder ziehen?
In meinem Brief habe ich
diese Frage analysiert, und ich möchte nun wissen, was ihr dazu zu
sagen habt. Äußert euch frei und offen, sagt alles, was euch auf dem
Herzen liegt!
Euch ist bestimmt schon
klar geworden, dass alle Schutzbündler, die zu uns gekommen sind,
gleich und ohne Unterschied behandelt werden, ohne Rücksicht darauf,
welche Meinung sie über die politische Kernfrage haben und ob sie
Kommunisten oder Sozialdemokraten sind. Die Sowjetunion hat euch als
Arbeiter aufgenommen und sie stellt euch nur eine Bedingung: daß ihr
hier ehrliche Arbeiter seid, dass ihr als ehrliche Arbeiter mit
Hingabe der Sache des Sozialismus dient, und nichts weiter, alles
andere ist schon eine persönliche Angelegenheit, eine Sache der
persönlichen Überzeugung. Die Frage der Parteizugehörigkeit ist eine
Sache eurer freien Willensentscheidung und hat nichts mit der Frage
eurer Arbeit, eures Brotes hier in der Sowjetunion zu tun. Ja, noch
mehr: die Kommunistische Internationale, wie die Kommunistische Partei
Österreichs, braucht keine allzuschnell gebackenen Kommunisten. Sie
braucht fest überzeugte Soldaten. Wer noch Zweifel hat und von der
Richtigkeit unserer kommunistischen Ziele nicht fest überzeugt ist,
der soll nicht in die Kommunistische Partei eintreten, der soll sich
noch gründlich prüfen, alle Fragen und Probleme der Arbeiterbewegung
gründlich studieren und in seinem Kopf Klarheit schaffen. Und erst
wenn er die volle Überzeugung gewonnen hat, dass der Weg der
Sozialdemokratie falsch und der des Kommunismus der einzig richtige
ist, erst dann soll er in unsere Kommunistische Partei eintreten und
mit aller Kraft in unserer Millionenarmee für die proletarische
Revolution kämpfen! (Beifall.)
Für mich ist es
vollkommen klar, weshalb Hunderttausende österreichischer Arbeiter bis
zum letzten bewaffneten Kampf in den Reihen der Sozialdemokratie
verblieben sind. Ich habe auch einige Zeit in Österreich gelebt, habe
das Glück, Wien zu kennen, auch mit den österreichischen Arbeitern
habe ich persönlichen Kontakt gepflegt, und ich glaube mit Recht
beurteilen zu können, weshalb die österreichische Sozialdemokratie
leichter als die Sozialdemokratische Partei in anderen Ländern die
Massen der Mitglieder unter ihrem Einfluss halten konnte. Erstens
durch ihre großartige organisatorische Macht, das Resultat einer
langjährigen Entwicklung. Zweitens durch ihre linken Manöver. Die
österreichischen sozialdemokratischen Arbeiter lebten immer in dem
Glauben, dass die Sozialdemokratische Partei Österreichs nicht so weit
rechts stehe und nicht so opportunistisch sei wie etwa die
Sozialdemokratische Partei Deutschlands oder die englische Labour
Party. Die sozialdemokratischen Arbeiter Österreichs haben in ihrer
Partei eine proletarische Massenpartei gesehen. Sie glaubten, dass
durch diese Partei die Einheit des österreichischen Proletariats schon
verwirklicht sei, dass die Schwankungen der Führer eine vorübergehende
Erscheinung seien. Und wenn Otto Bauer auch manchmal nicht nach ihrem
Sinn sprach, so meinten sie eben, das seien ganz besonders kluge
Manöver gegen die Bourgeoisie. Sie waren überzeugt davon, dass die
Partei, ihre Führer und vor allem Otto Bauer, im Interesse der
Arbeiterklasse handelten.
Das hat sich aber als
Missverständnis erwiesen. Die Sozialdemokratische Partei hat das
Vertrauen der Arbeiterschaft missbraucht. Die Kommunistische Partei
Österreichs war nach dem Krieg gegründet worden. Der größte und beste
Teil der Arbeiterklasse Österreichs war schon früher von der
Sozialdemokratie erfasst worden. Immerhin, einzelne Elemente des
Proletariats kamen zum Kommunismus, und von ihnen ist die KPÖ
gegründet worden. Man konnte natürlich nicht sagen, dass diese kleine
Partei gleich in den ersten Jahren alle guten Elemente aus der
Sozialdemokratie in ihre Reihen einzubeziehen vermochte. Es erforderte
einen großen Kampf, dass die KPÖ sich unter solchen Umständen festigte
und dem österreichischen Proletariat den richtigen Weg wies. Natürlich
brauchte diese Partei eine gewisse innere Reinigung ihrer Reihen, um
sich gesund fortzuentwickeln. Was aber ein wahrhafter
Gesundungsprozess, eine Vorbedingung für ihr Wachstum war, erschien
vielen sozialdemokratischen Arbeitern als eine Schwäche. Sie gewannen
nicht das Vertrauen zu der kleinen KPÖ und behandelten sie
voreingenommen. Die Stimme dieser kleinen Partei fand in den Reihen
der sozialdemokratischen Arbeiterschaft nicht genug Widerhall. Die
Mehrzahl schützte Angst vor der Spaltung vor: die Arbeiterklasse würde
gefährlich gespalten werden, wenn die revolutionären Elemente von der
SPÖ zur KPÖ übergingen.
Genossen, niemand wird
euch jetzt dafür verurteilen, dass ihr so lange in der SPÖ geblieben
seid. Niemand wird euch jetzt vorwerfen, dass ihr nicht früher,
kritisch, mit offenen Augen den Sinn der sozialdemokratischen Politik
erkannt, und eure Schlussfolgerungen daraus gezogen habt. Wie aber
steht die Frage jetzt, nach dem bewaffneten Kampf und der Niederlage?
Ist es nicht klar, dass, wenn nach dem Umsturz im Jahre 1918 das
Proletariat Österreichs und Deutschlands nicht unter
sozialdemokratischem Einfluss gestanden, sondern den Weg des
Bolschewismus beschritten hätte, die Revolution wirklich zu Ende
geführt worden wäre? Ist es nicht offenbar, dass damals in
Deutschland, Österreich und einer Reihe anderer Länder die Diktatur
des Proletariats errichtet worden wäre? Ist es nicht klar, dass, wenn
damals in Deutschland und Österreich nicht die sozialdemokratische
Politik der Arbeitsgemeinschaft mit der Bourgeoisie, sondern eine
revolutionäre Politik, eine bolschewistische Politik durchgeführt
worden wäre, jetzt in Deutschland und Österreich nicht der Faschismus
zur Herrschaft gelangt wäre, sondern vielmehr in Europa die
proletarische Revolution gesiegt hätte? Wer kann jetzt noch daran
zweifeln? Was kam, war das Ergebnis des Verrats, war die Folge der
sozialdemokratischen Politik. Damals hat die sozialdemokratische
Führung gepredigt: „Auf friedlichem Wege kommen wir am sichersten zum
Sozialismus... Jetzt haben wir schon die Gemeinden in unseren Händen,
morgen werden wir die Regierung leiten. Schon haben wir 40 Prozent der
Stimmen, morgen bekommen wir 50 Prozent, und wenn wir 51 Prozent
haben, sind wir die Mehrheit und - der Sozialismus ist da!"
Wo dieser „friedliche
Weg" eingeschlagen wurde, dieser scheinbar billigere Weg, der
scheinbar weniger Opfer, Blut und Leiden kostete, dort regieren heute
die Herren Dollfuß und Fey, Hitler und Göring. Und die Spaltung des
Proletariats? Wer anders als die Sozialdemokratie, die eine Politik
der Klassenzusammenarbeit mit der Bourgeoisie gegen die revolutionäre
Arbeiterschaft durchführte, die Interessen der bürgerlichen
Gesellschaftsordnung gegen die proletarische Revolution verteidigte,
wer anders als die II. Internationale hat das Proletariat gespalten?
Es kam später in Österreich der 15. Juli 1927. Damals wart ihr alle
oder doch die Mehrheit von euch noch Mitglieder der
Sozialdemokratischen Partei. Ich habe dieses denkwürdige Ereignis in
Wien miterlebt, habe diese große, gewaltige Welle von revolutionärer
Energie über Wien hinbrausen sehen. Hätte damals nicht an der Spitze
des Proletariats diese Partei der Verräter mit ihrer Gemeindemehrheit
in Wien, in Linz und in anderen Städten - hätte an ihrer Spitze eine
wirklich revolutionäre Partei gestanden, die den Kampf nicht gescheut
und den Sieg der Arbeiterklasse Österreichs ehrlich gewollt hätte, so
wäre damals die Macht des Faschismus für immer gebrochen und die
Diktatur des Proletariats erkämpft worden. Daran kann heute wohl
niemand unter euch mehr zweifeln. (Rufe: Sehr richtig!) Anstatt diese
große Welle zum Sturm zu organisieren und zum Sieg zu führen, ist Herr
Seitz mit der Feuerwehr angefahren, um den Brand zu löschen. Das habe
ich selbst mit angesehen. Und es war nicht Seitz allein. Es war die
SPÖ als Partei, die den Brand löschen half, die in diesem Kampf gegen
den Willen der Arbeiterschaft Stellung nahm. Und konnte man nicht
später, noch ein Jahr vor den Ereignissen, die Kräfte des
österreichischen Proletariats sammeln und mobilisieren, um dem
Faschismus einen vernichtenden Schlag zu versetzen? Damals, noch 1932,
war die Heimwehr bei weitem nicht so durchorganisiert und gerüstet und
die Arbeiterschaft noch lange nicht so entkräftet und entwaffnet wie
jetzt während der Februarereignisse. Hat die SPÖ wirklich die Abwehr
vorbereitet? Nicht im mindesten! Die Parteiführung, die Partei als
solche hat die alte Politik der gemeinsamen Sache, des
Zusammenarbeitens mit der Bourgeoisie, des Paktierens und Feilschens
mit einzelnen bürgerlichen Gruppen unentwegt fortgeführt und die
Arbeiterschaft noch mehr als je zuvor in ihre ideologischen,
politischen und organisatorischen Fesseln verstrickt. Die Mitglieder
dieser Partei von 600 000 Arbeitern und Arbeiterinnen, die Million der
im reformistischen Gewerkschaftsverband stehenden Werktätigen, alle
waren sie an Händen und Füßen gefesselt durch die sozialdemokratische
Politik.
Glaubt mir, Genossen, der
Kapitalismus kann nicht jahrelang, kann kaum monatelang bestehen, wenn
heute oder morgen die revolutionäre Einheit des Proletariats in
Deutschland, Frankreich, England, Österreich und Belgien, in allen
entscheidenden Ländern wirklich zustande kommt. Am Tage dieses großen
revolutionären Zusammenschlusses ist das Schicksal des Kapitalismus
besiegelt. Und wenn der Kapitalismus heute noch besteht, wenn er durch
seine neue, faschistische Herrschaftsform in Deutschland und
Österreich, und morgen oder übermorgen auch in Frankreich und anderen
Ländern angst- und mühevoll noch sein Dasein fristet, so ist diese
Tatsache nur eine Folge davon, dass das Proletariat immer noch
gespalten ist. Noch haben wir nicht die große revolutionäre
Einheitsfront, noch steht das Proletariat nicht mit seiner ganzen
Macht unter dem Banner des Kommunismus. Eure Sache in Österreich, euer
bewaffneter Kampf gegen den Faschismus hätte zum Siege führen müssen,
wenn euch nicht zwei kleine, vielmehr sehr große Dinge gefehlt hätten:
eine bolschewistische Partei an eurer Spitze und eine revolutionäre
Orientierung in den Massen! Das zweite hängt vom ersten ab. Wenn an
Stelle der österreichischen Sozialdemokratie eine große und starke
bolschewistische Partei stünde, die das gesamte österreichische
Proletariat zum entschlossenen bewaffneten Aufstand gegen die
Bourgeoisie führen könnte - seid überzeugt: von Dollfuß und Fey würde
nichts übrigbleiben als eine klägliche Erinnerung! Hätte damals im
Februar eine große kommunistische Partei eine wahrhaft
bolschewistische Politik verfolgt, den Widerstand der Massen
mobilisiert, den Generalstreik organisiert und konsequent durchgeführt
und schließlich die bewaffnete Abwehr zum bewaffneten Kampf um die
Macht gesteigert, so stünde es heute anders um Österreich!
Euer bewaffneter Kampf
war ein bewaffneter Widerstand gegen den Überfall des Faschismus. „Wir
verteidigen unsere Gemeindewohnungen, unsere Parteihäuser und
Arbeiterheime in Ottakring, Floridsdorf und anderwärts, wir schlagen
die Vorstöße des Feindes zurück..." Diesen Kampf führten nicht alle
Arbeiter, nicht das ganze Proletariat nahm an ihm teil; der Schutzbund
kämpfte als Formation allein. Die große Masse des Proletariats blieb
Zuschauer. So kam es, dass Arbeiterfrauen und -kinder in den
Gemeindewohnungen dem Artilleriefeuer ausgesetzt und der Übermacht des
Feindes ausgeliefert waren. So ist denn, Genossen und Genossinnen, die
große Lehre aus der Niederlage zu ziehen: Das Proletariat bleibt nur
dann Sieger im revolutionären Kampf gegen den Faschismus, wenn es die
revolutionäre Einheit der ganzen Klasse unter der Führung einer
wirklich bolschewistischen Partei verwirklicht, die mit dem Feinde
nicht verhandelt, vor seiner Übermacht nicht kapituliert, sondern
entschlossen den Kampf aufnimmt, gestützt auf die Solidarität und den
Heroismus des internationalen Proletariats. Das hat bei euch und in
Deutschland gefehlt. Zum Unterschied von Österreich war in Deutschland
die Kommunistische Partei bedeutend stärker. Sie hat bekanntlich bei
den letzten Wahlen ungefähr sechs Millionen Stimmen erhalten. Nun
erhielt aber zu gleicher Zeit die Sozialdemokratische Partei noch
immer über sieben Millionen. Und die Gewerkschaften waren im großen
und ganzen unter sozialdemokratischer Führung. Das Proletariat war
gespalten. Alle Versuche der KPD, die Einheitsfront mit den
sozialdemokratischen Arbeitern und den gewerkschaftlich organisierten
Massen zu verwirklichen, wurden von der SPD und dem ADGB systematisch
sabotiert. Und als die Kommunisten im Januar 1933 den Generalstreik
gegen den Faschismus und Hitlers Machtübernahme vorschlugen, lehnte
die sozialdemokratische Führung glattweg ab. Während also bedeutende
Teile der deutschen Arbeiterklasse noch unter sozialdemokratischem
Einfluss standen, war eine große Masse von Bauern ins Lager des
Faschismus gegangen. Es war die Tragödie des deutschen Proletariats im
Januar und Februar 1933, dass die KPD nicht imstande war, allein das
gesamte revolutionäre Proletariat in den Kampf zu führen. Otto Bauer
macht sich jetzt seine Geschichtsbetrachtung sehr leicht. „Wir haben
als Sozialdemokraten in Österreich mit der Waffe in der Hand
Widerstand geleistet, aber die KPD in Deutschland hat kampflos
kapituliert..." Aber es ist unbestreitbare Tatsache, dass, wenn unter
solchen Umständen die KPD allein zum bewaffneten Kampf aufgerufen
hätte, es nur eine isolierte Aktion gewesen, nur der aktivste Vortrupp
der Arbeiterklasse in den Kampf gezogen wäre. Das wäre Hitler sehr
willkommen gewesen. Göring hat mit einer dankenswerten Aufrichtigkeit,
die er bestimmt bald bereut hat, vor Gericht zugegeben, dass eine
bewaffnete Aktion der Kommunisten ihm den erwünschten Anlass gegeben
hätte, in einer einzigen Nacht Hunderte und Tausende der besten Leute,
der Führer des deutschen Proletariats physisch auszurotten. Göring hat
als Zeuge vor Gericht ganz offen erklärt, er bedaure, dass die
Kommunisten im Februar nicht zu den Waffen gegriffen haben. So ist ihm
die Gelegenheit entgangen, zehntausend gefährliche kommunistische
Funktionäre an den Henker zu liefern und die kommunistische Bewegung
in Deutschland für lange Zeit zu erledigen. Wären aber die
sozialdemokratischen Arbeiter im Februar 1933 zusammen mit den
Kommunisten marschiert, hätte nicht die SPD einen großen Teil des
Proletariats gelähmt und gefesselt, dann, Genossen, wäre der
Hitlerfaschismus zermalmt worden und die revolutionäre Krise hätte zum
Sieg des deutschen Proletariats geführt. Dies, Genossen, ist eine
ernste Lehre. Und das letzte, würdigste Denkmal für die gefallenen
österreichischen Barrikadenkämpfer in Wien, Linz, Graz und überall, wo
das Blut eurer Brüder geflossen ist, das beste Denkmal, das ihr ihnen
errichten könnt, ist, die große Lehre aus dieser Erfahrung zu ziehen.
Wir wissen aus der
Geschichte, dass es zweierlei Niederlagen gibt: solche, die zur
endgültigen Vernichtung einer überlebten Klasse führen, und solche,
die in sich selbst schon die Elemente und Voraussetzungen für den
bevorstehenden endgültigen Sieg einer aufsteigenden Klasse tragen.
Niederlagen der letzteren Art sind unvermeidliche Etappen der
Entwicklung. Solcher Art war die Niederlage des Aufstandes der
russischen Arbeiter 1905, solcher Art war die Niederlage unseres
bulgarischen Septemberaufstandes 1923, und solcher Art war auch eure
Niederlage im Februar dieses Jahres. Es war eine Niederlage im großen
bewaffneten Klassenkrieg: sie hat die Kluft zwischen Proletariat und
Bourgeoisie vertieft und für immer noch unüberbrückbarer gemacht. Sie
hat die Augen der Massen geöffnet, ihre Illusionen zerstört und ihnen
jene Erfahrungen gebracht, die eine mächtige Waffe im weiteren Kampf
um die Macht und eine Voraussetzung für den bevorstehenden Sieg sind.
Ihr habt hier auf dem
Roten Platz am 1. Mai die Parade der Roten Arbeiter- und Bauernarmee
und die Demonstration der Werktätigen Moskaus gesehen und miterlebt.
Es war eine Demonstration der revolutionären Kraft, der militärischen
Macht des siegreichen Proletariats. Es war eine Demonstration
ohnegleichen. Der Enthusiasmus, die Bereitschaft der Millionen zum
weiteren Kampf um die Vollendung des Sozialismus und zur Verteidigung
der Grenzen des Sowjetlandes lässt sich mit nichts in der Welt
vergleichen. Und wer von euch diesen mächtigen Aufmarsch der
Arbeiterkolonnen genauer beobachtet hat, wird bemerkt haben, dass
unter den unzähligen Losungen, die auf Plakaten, Transparenten und
Tafeln über der Masse wogten, drei sich am häufigsten und in
mannigfacher Abwandlung wiederholten und die höchste Begeisterung
auslösten: „Es lebe die bolschewistische Partei und ihr Führer,
Genosse Stalin!" (Beifall, Bravorufe), ferner: „Es lebe die Rote Armee
und ihr Führer, Genosse Woroschilow!" (Beifall, Rotfront-Rufe), und
endlich „Hoch die Stoßarbeiter der Industrie und der kollektiven
Landwirtschaft, die Kämpfer für die Erfüllung des zweiten
Fünfjahrplans!"
Genossen und Genossinnen!
Es ist kein Zufall, dass gerade diese drei Losungen am besten dem
Kampfwillen der werktätigen Massen Ausdruck gaben. Sie drücken in der
Tat das aus, was in unserem großen freien Sowjetlande Millionen führt
und entflammt, wonach sie streben und worauf sie sich stützen: Das
Vertrauen zur Partei und ihrem Führer, die Liebe und Hingabe zur Roten
Armee und ihrem Führer und die unbeugsame Energie, der Enthusiasmus
der Stoßbrigaden, die den Sozialismus bauen und verteidigen. Und ihr
werdet, je länger ihr unter russischen Genossen leben und arbeiten
werdet, um so mehr den erstaunlichen Mut und Opferwillen und die
grenzenlose Hingabe derer kennenlernen, die hierzulande der Sache des
Sozialismus dienen, eine Schwierigkeit nach der anderen überwinden
lernen und unermüdlich an der Verwirklichung der klassenlosen Zukunft
schaffen. Und alle diese Stoßbrigaden, all diese Stürmer und Erbauer
des Sozialismus im großen Sowjetlande sind sich dessen bewusst, dass
ihre Arbeit und ihr Kampf nicht nur ihnen selbst zugute kommt, sondern
auch den Sieg der proletarischen Revolution in der ganzen Welt
beschleunigt und sicherstellt. Diese Rote Armee, die an euch
vorbeimarschiert ist und so geschult, so diszipliniert, so gut
qualifiziert und technisch ausgerüstet ihre Kraft dargetan hat, sie
bildet und schult sich, sie schafft und kämpft in dem Bewusstsein,
dass sie eine Armee des Weltproletariats ist!
Unter den Folgen der
sozialdemokratischen Verräterpolitik in Deutschland, Österreich,
Frankreich, England und anderen Ländern hat nicht nur das Proletariat
dieser Länder selbst gelitten, nicht nur die Millionen von
Proletariern, die jetzt unter dem Joch des Faschismus leiden. Der
große Verrat der Sozialdemokratie aller Länder, die
konterrevolutionäre Politik der II. Internationale seit 1917/18 hat
auch das siegreiche russische Proletariat, hat unseren Sowjetstaat in
eine viel schwierigere Situation versetzt, uns gezwungen, jahrelang
mit Schwierigkeiten und Entbehrungen zu ringen und mit großen Opfern
die Errungenschaften der Revolution zu sichern. Stellt euch vor, um
wieviel leichter der Weg des Sowjetproletariats gewesen wäre, um
wieviel schneller der Aufbau des Sozialismus vonstatten gegangen wäre,
wieviel Opfer, Nöte, Hunger und Leiden dem großen Vaterland des
Weltproletariats erspart geblieben wären, wenn die proletarische
Revolution in Österreich, Deutschland, Frankreich und anderen Staaten
gesiegt hätte!
Ihr habt gewiss schon
gesehen und werdet noch weiter beobachten können, welcher Geist der
Solidarität die Stoßarbeit und den Wettbewerb in Stadt und Land
beseelt. Ihr werdet mit russischen Arbeitern zusammen im Betrieb
arbeiten und werdet, hoffe ich, auch in den Stoßbrigaden zeigen,
wessen ihr fähig seid. Ihr werdet selbst erfahren, wie das Proletariat
und die Kollektivbauernschaft dieses Landes ihre historische Aufgabe
erfüllen. Währenddessen bleibt es in Österreich, in Deutschland, in
Frankreich, England, in der ganzen kapitalistischen Welt unser aller
gemeinsame Pflicht, so rasch wie möglich die sozialdemokratische
Verräterpolitik zu liquidieren, die Massen zur revolutionären
Einheitsfront zusammenzufassen und unter Führung wahrhaft
bolschewistischer, geschulter und entschlossener Parteien zum
entscheidenden Sturm zu rüsten - für den endgültigen Sieg der
proletarischen Revolution in allen Ländern, für die Schaffung eines
Sowjet-Österreichs, Sowjet-Deutschlands, Sowjet-Bulgariens, für die
Schaffung eines Sowjet-Europas und der Sowjet-Welt.