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Das
Proletariat hat im Faschismus einen außerordentlich gefährlichen und
furchtbaren Feind vor sich. Der Faschismus ist der stärkste, der
konzentrierteste, er ist der klassische Ausdruck der Generaloffensive
der Weltbourgeoisie in diesem Augenblick. Ihn niederzuringen ist eine
elementare Notwendigkeit. Das aber nicht nur im Hinblick auf die
historische Existenz des Proletariats als Klasse, die mit der
Überwindung des Kapitalismus die Menschheit befreien muß; es ist auch
eine Frage der Existenz jedes schlichten Proletariers, eine Frage des
Brotes, der Arbeitsbedingungen und der Lebensgestaltung für Millionen
und Millionen von Ausgebeuteten. Deshalb muß der Kampf gegen den
Faschismus Sache des ganzen Proletariats sein. Es liegt auf der Hand,
daß wir diesen tückischen Feind um so eher überwinden, je klarer und
schärfer wir sein Wesen und die Auswirkungen seines Wesens erkennen.
Bis jetzt ist reichliche Unklarheit über den Faschismus vorhanden
gewesen. Nicht nur in den breiten Massen der Proletarier, sondern auch
innerhalb ihrer revolutionären Vorhut, unter den Kommunisten. Die
Meinung wurde vertreten und war früher wohl vorherrschend, daß der
Faschismus nichts sei als gewalttätiger bürgerlicher Terror, und er
wurde geschichtlich seinem Wesen und seiner Wirkung nach auf eine
Stufe mit dem weißen Schrecken in Horthy-Ungarn gestellt. Aber
obgleich die blutigen terroristischen Methoden des Faschismus und des
Horthy-Regimes die gleichen sind und sich gleicherweise gegen das
Proletariat kehren, ist das geschichtliche Wesen der beiden
Erscheinungen außerordentlich verschieden. Der Terror in Ungarn setzte
nach einem siegreichen, wenn auch kurzen revolutionären Kampfe des
Proletariats ein; die Bourgeoisie hatte vorübergehend vor der Macht
des Proletariats gezittert. Der Horthy-Terror kam als Rache gegen die
Revolution. Der Vollstrecker dieses Racheaktes ist die kleine Kaste
der feudalen Offiziere.
Anders
ist es beim Faschismus. Er ist keineswegs die Rache der Bourgeoisie
dafür, daß das Proletariat sich kämpfend erhob. Historisch, objektiv
betrachtet, kommt der Faschismus vielmehr als Strafe, weil das
Proletariat nicht die Revolution, die in Rußland eingeleitet worden
ist, weitergeführt und weitergetrieben hat. Und der Träger des
Faschismus ist nicht eine kleine Kaste, sondern es sind breite soziale
Schichten, große Massen, die selbst bis in das Proletariat
hineinreichen. Über diese wesentlichen Unterschiede müssen wir uns
klar sein, wenn wir mit dem Faschismus fertig werden wollen. Wir
werden ihn nicht auf militärischem Wege allein überwinden – um diesen
Ausdruck zu gebrauchen –, wir müssen ihn auch politisch und
ideologisch niederringen.
Obgleich die Auffassung, daß der Faschismus bloßer bürgerlicher Terror
sei, auch von radikalen Elementen unserer Bewegung vertreten wird,
berührt sie sich zum Teil mit der Auffassung der reformistischen
Sozialdemokraten. Für sie ist der Faschismus nichts als Terror,
Gewalt, und zwar bourgeoiser Reflex der Gewalt, die von seiten des
Proletariats gegen die bürgerliche Gesellschaft ausgegangen ist oder
die ihr angedroht wird. Für die Herren Reformisten spielt die
russische Revolution dieselbe Rolle wie für die Bibelgläubigen der
Apfelbiß im Paradies. Sie ist der Ausgangspunkt aller terroristischer
Erscheinungen der Gegenwart. Als ob kein imperialistischer Raubkrieg
gewesen wäre und keine Klassendiktatur der Bourgeoisie existierte! So
ist auch der Faschismus für die Reformisten die Auswirkung des
revolutionären Sündenfalls des russischen Proletariats. Es war kein
Geringerer als Otto Bauer, der in Hamburg die Auffassung vertreten
hat, daß die russischen Kommunisten und ihre Gesinnungsgenossen eine
ganz besondere Verantwortung für die gegenwärtige Weltreaktion der
Bourgeoisie und den Faschismus tragen. Sie haben zur Spaltung der
Parteien und Gewerkschaften getrieben. Otto Bauer vergaß bei dieser
kühnen Behauptung, daß die höchst harmlosen Unabhängigen sich noch vor
der russischen Revolution und ihrem „sittenverderbenden" Beispiel von
den Sozialdemokraten abgespalten haben. Er erklärte weiter, an der
Weltreaktion, die im Faschismus gipfelt, sei auch schuld, daß die
russische Revolution das menschewistische Paradies in Georgien und
Armenien zerstört habe. Als dritte Ursache der Weltreaktion sah er den
„bolschewistischen Terror" überhaupt an.
In
seinen Ausführungen mußte er allerdings dieses anerkennen: „In
Mitteleuropa sind wir heute gezwungen, den Gewaltorganisationen des
Faschismus Abwehrorganisationen des Proletariats gegenüberzustellen.
Denn kein Appell an die Demokratie kann gegen die direkte Gewalt
ausreichen." [1]
Man
sollte meinen, daß man aus dieser Feststellung die Schlußfolgerung
ziehen müßte: Also antworten wir mit Gewalt auf Gewalt. Eine
reformistische Logik geht aber ihre eigenen Wege, unerforschlich wie
die Wege der himmlischen Vorsehung. Otto Bauer spinnt seinen Gedanken
später so fort: „Ich spreche hier nicht von allzu großen Dingen, die
nicht immer und nicht überall durchgeführt werden können ..., nicht
von Insurrektionen, nicht einmal vom Generalstreik ... Die Kooperation
der parlamentarischen Aktionen und der Massenaktionen außerhalb des
Parlaments bietet aussichtsreiche Möglichkeiten."
[2]
Herr
Otto Bauer offenbart uns dabei nicht das Geheimnis seines keuschen
politischen Busens, welcher Art die politischen Aktionen im Parlament
und erst recht außerhalb des Parlaments sein sollen. Es gibt Aktionen
und Aktionen. Es gibt parlamentarische Aktionen und Massenaktionen,
die von unserem Standpunkte aus bürgerlicher Dreck sind – erlauben Sie
diesen Ausdruck. Andererseits kann eine Aktion innerhalb oder
außerhalb des Parlaments einen revolutionären Charakter tragen. Otto
Bauer hat sich über den Charakter der reformistischen Aktionen
ausgeschwiegen. Und so ist das Ergebnis seiner Ausführungen über den
Kampf gegen die Weltreaktion ein sehr eigenartiges. Es entpuppt sich
als ein internationales Informationsbüro, das über die Weltreaktion
genau berichtet. Bauer erklärte, der Kongreß werde vielfach mit
Skepsis betrachtet. Falls es nicht verstanden werde, ein
Nachrichtenbüro zu errichten zur Versorgung mit dem nötigen Material
über die Reaktion, so wäre diese Skepsis gerechtfertigt.
Was
steckt hinter der ganzen Auffassung? Der reformistische Glaube an die
Stärke, die Unerschütterlichkeit der kapitalistischen Ordnung, der
bürgerlichen Klassenherrschaft und das Mißtrauen, der Kleinmut
gegenüber dem Proletariat als bewußtem, unwiderstehlichem Faktor der
Weltrevolution.
Die
Reformisten sehen im Faschismus den Ausdruck der Unerschütterlichkeit,
der alles übertreffenden Kraft und Stärke der bourgeoisen
Klassenherrschaft, der das Proletariat nicht gewachsen ist, gegen die
den Kampf aufzunehmen vermessen und vergeblich ist. Es bleibt ihm so
nichts anderes übrig, als still und bescheiden zur Seite zu treten,
den Tiger oder Löwen der bürgerlichen Klassenherrschaft ja nicht durch
den Kampf für seine Befreiung, für seine Diktatur zu reizen, kurz, auf
Gegenwart und Zukunft zu verzichten und geduldig abzuwarten, ob man
auf dem Wege der Demokratie und Reform ein weniges vorwärtskommen
könne.
Ich
bin entgegengesetzter Ansicht und alle Kommunisten wohl mit mir.
Nämlich, daß der Faschismus, mag er sich noch so kraftmeierisch
gebärden, ein Ausfluß der Zerrüttung und des Zerfalls der
kapitalistischen Wirtschaft und ein Symptom der Auflösung des
bürgerlichen Staates ist. Nur wenn wir verstehen, daß der Faschismus
eine zündende, mitreißende Wirkung auf breite soziale Massen ausübt,
die die frühere Existenzsicherheit und damit häufig den Glauben an die
Ordnung von heute schon verloren haben, werden wir ihn bekämpfen
können. Die eine Wurzel des Faschismus ist in der Tat die Auflösung
der kapitalistischen Wirtschaft und des bürgerlichen Staates. Wir
finden schon Symptome für die Proletarisierung bürgerlicher Schichten
durch den Kapitalismus in der Vorkriegszeit. Der Krieg hat die
kapitalistische Wirtschaft in ihren Tiefen zerrüttet. Das zeigt sich
nicht nur in der ungeheuerlichen Verelendung des Proletariats, sondern
ebensosehr in der Proletarisierung breitester klein- und
mittelbürgerlicher Massen, in dem Notstand des Kleinbauerntums und in
dem grauen Elend der Intelligenz. Die Notlage der Intellektuellen ist
um so größer, als in der Vorkriegszeit der Kapitalismus sich angelegen
sein ließ, davon eine Überproduktion herbeizuführen. Die Kapitalisten
schufen auch auf dem Gebiete der Kopfarbeit ein Massenangebot von
Arbeitskräften, um damit Schmutzkonkurrenz zu entfesseln und die
Löhne, pardon Gehälter, zu drücken. Gerade aus diesen Kreisen
rekrutierten der Imperialismus und der imperialistische Weltkrieg
viele ihrer ideologischen Vorkämpfer. Augenblicklich erleben all diese
Schichten den Bankrott ihrer Hoffnungen auf den Krieg. Ihre Lage hat
sich außerordentlich verschlechtert. Schlimmer als alles lastet auf
ihnen das Fehlen der Existenzsicherheit, die sie in der Vorkriegszeit
noch hatten.
Ich
komme zu dieser Auffassung nicht auf Grund der Verhältnisse in
Deutschland, wo sich zumal die bürgerlichen Intellektuellen in einem
Notstande befinden, der nicht selten größer ist als das Elend der
Arbeiter. Nein, gehen Sie nach Italien! Ich werde darauf noch zu
sprechen kommen, daß die Zerrüttung der Wirtschaft auch dort maßgebend
dafür gewesen ist, daß sich soziale Massen dem Faschismus
angeschlossen haben.
Betrachten wir ein anderes Land, das im Verhältnis zu anderen
europäischen Staaten aus dem Weltkriege nicht stark erschüttert
hervorgegangen ist: England. In England ist heute in der Presse und im
öffentlichen Leben ebensoviel von dem Elend der vielen „neuen Armen"
die Rede wie von dem riesigen Luxus und Gewinn der wenigen „neuen
Reichen". In Amerika kündet die Farmerbewegung die steigende Notlage
einer großen sozialen Schicht. In allen Ländern hat sich die Lage der
Mittelschichten erheblich verschlechtert. Die Verschlechterung geht in
manchen Staaten bis zur Zerreibung, zur Vernichtung dieser sozialen
Schichten. In der Folge sind Tausende und Tausende vorhanden, die nach
neuen Lebensmöglichkeiten, nach gesichertem Brot, nach sozialer
Stellung suchen. Ihre Zahl vermehrt sich durch kleine und mittlere
Beamte des Staates, der öffentlichen Dienste. Zu ihnen gesellen sich –
auch in den Siegerstaaten – Offiziere, Unteroffiziere usw., die
berufslos und erwerbslos geworden sind. Soziale Elemente dieser Art
stellen dem Faschismus ebenfalls ein stattliches Kontingent, ein
Kontingent, das besonders dafür ausschlaggebend ist, daß dieser in
manchen Ländern einen ausgesprochen monarchistischen Charakter trägt.
Aber wir würden das Wesen des Faschismus nicht voll erfassen, wenn wir
seine Entwicklung lediglich aus dieser einen Ursache heraus
betrachteten, die durch die Finanzsituation der Staaten und ihre
schwindende Autorität nicht wenig verstärkt wird.
Der
Faschismus hat noch eine andere Wurzel: Es ist das Stocken, der
schleppende Gang der Weltrevolution infolge des Verrates der
reformistischen Führer der Arbeiterbewegung. Ein großer Teil der
proletarisierten oder von der Proletarisierung bedrohten klein- und
mittelbürgerlichen Schichten, der Beamten, bürgerlichen
Intellektuellen hatte die Kriegspsychologie durch eine gewisse
Sympathie für den reformistischen Sozialismus ersetzt. Sie erhofften
vom reformistischen Sozialismus dank der „Demokratie" eine Weltwende.
Diese Erwartungen sind bitter enttäuscht worden. Die Reformsozialisten
treiben eine sanfte Koalitionspolitik, deren Kosten zusammen mit den
Proletariern und Angestellten die Beamten, Intellektuellen, Klein- und
Mittelbürger jeder Art zahlen. Diese Schichten entbehren im
allgemeinen der theoretischen, geschichtlichen, politischen Schulung.
Ihre Sympathie für den Reformsozialismus war nicht tief verwurzelt. So
kam es, daß sie nicht bloß den Glauben an die reformistischen Führer
verloren, sondern an den Sozialismus selbst. „Uns ist von den
Sozialisten versprochen worden eine Erleichterung unserer Lasten und
Leiden, allerhand Schönes, eine Neugestaltung der Gesellschaft nach
den Grundsätzen der Gerechtigkeit, der Demokratie", so erklärten sie.
„Aber die ganz Großen und Reichen wirtschaften und herrschen noch
härter weiter als bisher." Zu den vom Sozialismus enttäuschten
Bürgerlichen stoßen auch proletarische Elemente. Und alle diese
Enttäuschten – mögen sie bürgerlicher oder proletarischer Herkunft
sein – gehen noch einer wertvollen seelischen Kraft verlustig, die
hoffnungsfreudig aus der düsteren Gegenwart in eine lichte Zukunft
blicken läßt. Es ist das Vertrauen auf das Proletariat als die
gesellschaftsumwälzende Klasse. Daß die reformistischen Führer es
verraten, wiegt für die Einstellung der enttäuschten Elemente nicht so
schwer wie die andere Tatsache, nämlich, daß die proletarischen Massen
den Verrat dulden, daß sie das kapitalistische Joch ohne Auflehnung
kampflos weitertragen, ja, sich mit härterer Pein abfinden als zuvor.
Übrigens, um gerecht zu sein, muß ich hinzufügen, daß auch die
kommunistischen Parteien – wenn ich von Rußland absehe – nicht ohne
Schuld daran sind, daß es im Proletariat Enttäuschte gibt, die sich
dem Faschismus in die Arme werfen. Ihre Aktionen sind oft genug nicht
kraftvoll genug gewesen, ihre Aktivität nicht ausreichend, und sie
erfaßten nicht tief, nicht stark genug die Massen. Ich sehe von
Fehlern der Taktik ab, die Niederlagen brachten. Kein Zweifel, daß
gerade manche der aktivsten, energischsten revolutionär gesinnten
Proletarier nicht den Weg zu uns gefunden haben oder auf diesem Wege
umgekehrt sind, weil wir ihrer Empfindung nach nicht tatkräftig, nicht
aggressiv genug aufgetreten sind und weil wir nicht verstanden haben,
ihnen genügend klar zum Bewußtsein zu bringen, weshalb wir unter
Umständen auch eine gerechtfertigte unfreiwillige Zurückhaltung üben
mußten.
Tausendköpfige Massen strömten dem Faschismus zu. Er wurde ein Asyl
für politisch Obdachlose, für sozial Entwurzelte, für Existenzlose und
Enttäuschte. Und was sie alle nicht erhofften von der revolutionären
Klasse des Proletariats und vom Sozialismus, das erhoffen sie als Werk
der tüchtigsten, stärksten, entschlossensten, kühnsten Elemente" aller
Klassen, die zu einer Gemeinschaft zusammengefaßt werden müssen. Diese
Gemeinschaft ist für die Faschisten die Nation. Sie wähnen, daß der
ernste Wille, sozial ein Neues, Besseres zu schaffen, machtvoll genug
sei, alle Klassengegensätze zu überbrücken, Das Mittel für die
Verwirklichung des faschistischen Ideals ist ihnen der Staat. Ein
starker, ein autoritärer Staat, der gleichzeitig ihr ureigenstes
Geschöpf und ihr williges Werkzeug sein soll.
Hoch
über allen Parteiunterschieden und Klassengegensätzen wird er thronen
und die soziale Welt nach ihrer Ideologie, ihrem Programm gestalten.
Es
liegt auf der Hand, daß nach der sozialen Zusammensetzung seiner
Truppen der Faschismus auch Elemente einschließt, die der bürgerlichen
Gesellschaft außerordentlich unbequem, ja gefährlich werden können.
Ich gehe weiter, ich behaupte, die der bürgerlichen Gesellschaft
gefährlich werden müssen, wenn sie ihr ureigenes Interesse verstehen.
In der Tat! Ist dies der Fall, so müssen sie das ihrige dazu
beitragen, daß die bürgerliche Gesellschaft so bald als möglich
zerschmettert und der Kommunismus verwirklicht wird. Aber die
Tatsachen haben trotzdem bis jetzt bewiesen, daß die revolutionären
Elemente im Faschismus von den reaktionären Elementen überflügelt und
gefesselt worden sind. Es wiederholt sich eine analoge Erscheinung zu
anderen Revolutionen. Die kleinbürgerlichen und mittleren Schichten
der Gesellschaft schwanken zuerst zwischen den gewaltigen historischen
Heerlagern des Proletariats und der Bourgeoisie unschlüssig hin und
her. Die Nöte ihres Lebens, zum Teil auch die beste Sehnsucht, die
höchsten Ideale ihrer Seele lassen sie mit dem Proletariat
sympathisieren, solange dieses nicht nur revolutionär vorgeht, sondern
Aussichten auf den Sieg zu haben scheint. Gezwungen von den Massen und
ihren Bedürfnissen, müssen unter dem Einflusse dieser Situation sogar
die faschistischen Führer mit dem revolutionären Proletariat
wenigstens kokettieren – wenn sie auch innerlich nicht mit ihm
sympathisieren. Aber sobald sich zeigt, daß das Proletariat selbst
darauf verzichtet, die Revolution weiterzuführen, daß es unter dem
Einfluß der reformistischen Führer revolutionsscheu und
kapitalistenfromm vom Kampfplatz zurücktritt, haben sich die breiten
Massen der Faschisten dahin geschlagen, wo die meisten ihrer Führer
von Anfang an – bewußt oder unbewußt – standen: auf die Seite der
Bourgeoisie.
Die
Bourgeoisie begrüßt selbstverständlich die neuen Bundesgenossen mit
Freude. Sie erblickt in ihnen einen starken Machtzuwachs, einen in
ihrem Dienste zu allem entschlossenen Gewalthaufen. Die
herrschgewohnte Bourgeoisie ist leider in der Beurteilung der Lage und
in der Verfechtung ihrer Klasseninteressen bei weitem klüger und
erfahrener als das jochgewohnte Proletariat. Sie hat von Anfang an die
Situation sehr klar erfaßt und damit den Vorteil, den sie aus dem
Faschismus zu ziehen vermag. Was will die Bourgeoisie? Sie erstrebt
den Wiederaufbau der kapitalistischen Wirtschaft, das heißt die
Erhaltung ihrer Klassenherrschaft. Unter den gegebenen Umständen hat
die Verwirklichung ihres Zieles eine erhebliche Steigerung und
Verschärfung der Ausbeutung und Unterdrückung des Proletariats zur
Voraussetzung. Die Bourgeoisie weiß sehr wohl, daß sie allein nicht
über die Machtmittel verfügt, um den Ausgebeuteten solches Los
aufzuzwingen. Mit den Skorpionen des hereinbrechenden Elends
gezüchtigt, fangen zuletzt auch die dickfelligsten Proletarier an,
gegen den Kapitalismus zu rebellieren. Die Bourgeoisie muß sich sagen,
daß unter diesen Verhältnissen auf die Dauer auch die milde,
burgfriedliche Predigt der Reformsozialisten ihre einschläfernde
Wirkung auf das Proletariat verlieren wird. Sie rechnet damit, daß sie
das Proletariat nur noch mit Hilfe von Gewaltmitteln unterwerfen und
ausbeuten kann. Aber die Machtmittel des bürgerlichen Staates beginnen
teilweise zu versagen. Er büßt immer mehr die Finanzkraft und die
moralische Autorität ein, seine spezifischen Sklaven in blinder Treue
und Unterwürfigkeit zu binden. Die Bourgeoisie kann die Sicherheit
ihrer Klassenherrschaft nicht mehr von den regulären Machtmitteln
ihres Staates allein erwarten. Sie braucht dafür eine außerlegale,
außerstaatliche Machtorganisation. Eine solche wird ihr gestellt durch
den bunt zusammengewürfelten Gewalthaufen des Faschismus. Deshalb
nimmt die Bourgeoisie nicht nur mit Kußhand die Dienste des Faschismus
an und gewährt ihm weiteste Bewegungsfreiheit im Gegensatz zu all
ihren geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen. Sie geht weiter, sie
nährt und erhält ihn und fördert seine Entwicklung mit allen ihr zu
Gebote stehenden Mitteln des Geldschranks und der politischen Macht.
Es
liegt auf der Hand, daß der Faschismus in den einzelnen Ländern
verschiedene Charakterzüge trägt, je nach den vorliegenden konkreten
Verhältnissen. Jedoch zwei Wesenszüge sind ihm in allen Ländern eigen:
ein scheinrevolutionäres Programm, das außerordentlich geschickt an
die Stimmungen, Interessen und Forderungen breitester sozialer Massen
anknüpft, dazu die Anwendung des brutalsten, gewalttätigsten Terrors.
Das
klassische Beispiel für die Entwicklung und das Wesen des Faschismus
ist bis heute Italien. In Italien hat der Faschismus seinen Nährboden
gefunden in der Zersetzung und Schwäche der Wirtschaft. Das scheint
nicht zutreffend, weil ja Italien zu den Siegerstaaten gehört.
Nichtsdestoweniger hatte der Krieg auch Italiens Wirtschaft aufs
schwerste getroffen. Die Bourgeoisie war als Siegerin, jedoch
geschlagen, aus ihm zurückgekehrt. Dafür war die wirtschaftliche
Struktur und Entwicklung des Landes bestimmend. Nur in Norditalien war
ein moderner Industriekapitalismus emporgekommen. In Mittelitalien und
erst recht in Süditalien herrschte das Agrarkapital zum Teil noch
unter feudalen Verhältnissen, mit ihm verbündet ein
Finanzkapitalismus, der nicht die Höhe moderner Entfaltung und
Bedeutung erklommen hatte. Beide waren nicht imperialistisch
eingestellt, waten kriegsfeindlich und hatten von dem Völkermorden
nichts oder nur wenig profitiert. Die nichtkapitalistische
Bauernschaft hatte unter ihm furchtbar gelitten und mit ihr das
städtische Kleinbürgertum und Proletariat. Wohl haben die Kapitalisten
der norditalienischen künstlich aufgepäppelten Schwerindustrie
fabelhafte Profite eingesäckelt. Da jedoch diese Industrie nicht
bodenständig war – Italien hat weder Kohle noch Erz –, so welkte ihre
Blüte bald dahin.
Alle
schlimmen Auswirkungen des Krieges brachen über Italiens Wirtschaft
und Staatsfinanzen herein. Eine furchtbare Krise entwickelte sich.
Industrie, Handwerk und Handel stockten, Bankrott folgte auf Bankrott,
die „Banca di Sconto" und die „Ansaldowerke" – Schöpfungen des
Imperialismus und des Krieges – krachten zusammen. Der Krieg
hinterließ Hunderttausende Beschäftigung- und Brotsuchender,
Hunderttausende versorgungsbedürftiger Krüppel, Witwen und Waisen. Die
Krise vermehrte das Heer der Arbeit und Posten heischenden Heimkehrer
durch Scharen von entlassenen Arbeitern, Arbeiterinnen und
Angestellten. Eine riesige Elendswelle flutete über Italien und
erreichte in der Zeit vom Sommer 1920 bis zum Frühjahr 1921 ihren
Höhepunkt. Die norditalienische Industriebourgeoisie – die
gewissenloseste Kriegshetzerin – war außerstande, die ruinierte
Wirtschaft aufzurichten; sie verfügte nicht über die politische Macht,
den Staat für ihre Zwecke zu mobilisieren. Die Regierung war aus ihrer
Hand wieder an die Agrar- und Finanzkapitalisten unter Giolittis
Führung zurückgefallen. Allein, auch wenn dem nicht so gewesen wäre,
würde der in allen Fugen krachende Staat nicht über die Mittel und
Möglichkeiten verfügt haben, Krise und Elend zu beschwören.
Dank
dieser Situation und Schritt für Schritt mit ihr konnte der Faschismus
in die Halme schießen. In der Person Mussolinis wartete der
prädestinierte Führer auf ihn. Mussolini war im Herbst 1914 Renegat
des pazifistischen Sozialismus und mit der Losung: „Krieg oder
Republik" fanatischster Kriegstreiber geworden. In einem mit
Ententegeld gegründeten Tageblatt, Popolo d’Italia, hatte er dem
schaffenden Volk als Frucht des Krieges das Himmelreich auf Erden
versprochen. Mit der industriellen Bourgeoisie zusammen war er durch
das Blutmeer des Weltkrieges gewatet, mit ihr zusammen wollte er
Italien zu einem modernen Kapitalistenstaat gestalten. Mussolini mußte
Massen zu sammeln suchen, um handelnd, aktiv in die Situation
einzugreifen, die seinen Prophezeiungen ins Gesicht schlug, die seinem
Ziel widersprach. Nach dem Kriege, 1919, gründete er in Mailand den
ersten „fascio di combattimento", Verein von Frontkämpfern, mit dem
Programm, die Existenz, das Auf- blühen der Nation zu sichern, den
„Helden der Schützengräben und den Werktätigen die revolutionären
Früchte des revolutionären Krieges zu sichern". In einigen Städten
entstanden Fasci. Die junge Bewegung führte von Anfang an einen
erbitterten Kampf gegen die revolutionären Arbeiterorganisationen,
weil diese nach Mussolinis Behauptung durch die Vertretung des
Klassenkampfstandpunktes „die Nation spalteten und schwächten". Der
Faschismus kehrte seine Speere auch gegen die Regierung Giolitti, die
er mit der ganzen Verantwortung für das schwarze Elend der
Nachkriegszeit belud. Seine Entwicklung war zunächst langsam und
schwach. Noch stemmte sich ihm das Vertrauen breiter Volksmassen zum
Sozialismus entgegen. Im Mai 1920 gab es in ganz Italien erst gegen
100 Fasci, von denen kein Verein mehr als 20 bis 30 Mitglieder zählte.
Bald
konnte der Faschismus aus einer zweiten Hauptwurzel Nahrung und Kraft
saugen. Die objektiv revolutionäre Lage ließ im italienischen
Proletariat eine revolutionäre Stimmung entstehen. Das glorreiche
Beispiel der russischen Arbeiter und Bauern war von starkem Einfluß
darauf. Im Sommer 1920 kam es zur Fabrikbesetzung durch die
Metallarbeiter. Hier und da, bis nach Süditalien, besetzten
landwirtschaftliche Proletarier, Kleinbauern und Kleinpächter Güter
oder lehnten sich in anderer Form gegen die großen Agrarier auf. Aber
die große geschichtliche Stunde fand in den Arbeiterführern ein
kleines Geschlecht. Die reformistischen Führer der Sozialistischen
Partei schreckten revolutionsfeig davor zurück, die Fabrikbesetzung
zum politischen Machtkampf auszuweiten. Sie drängten den Kampf der
Arbeiter in das enge Bett einer nichts als wirtschaftlichen Bewegung,
deren Führung Sache der Gewerkschaften sei, und verrieten in
Seelenharmonie mit d’Aragona und anderen Autoritäten des Allgemeinen
Gewerkschaftsverbandes die rebellierenden Lohnsklaven in einem
schmählichen Kompromiß mit den Unternehmern, das unter hervorragender
Mitwirkung der Regierung, insbesondere Giolittis, zustande kam. Die
Führer des linken Flügels der Sozialistischen Partei – aus dem sich
später die Kommunistische Partei herauskristallisierte – waren
politisch noch zuwenig erfahren und geschult, um die Situation
gedanklich und praktisch zu meistern und den Dingen eine andere
Wendung zu geben. Gleichzeitig erwies sich die Unfähigkeit der
proletarischen Massen, über die Führer hinauszugehen und sie
vorwärtszutreiben in der Richtung der Revolution.
Die
Fabrikbesetzung endete mit einer schweren Niederlage des Proletariats,
die Entmutigung, Zweifel, Kleinmütigkeit in dessen Reihen trug.
Tausende Arbeiter kehrten den Partei- und Gewerkschaftsorganisationen
den Rücken. Viele von ihnen sanken in Gleichgültigkeit und Stumpfsinn
zurück, andere schlossen sich bürgerlichen Vereinigungen an. Der
Faschismus gewann unter den Enttäuschten eine wachsende Anhängerschaft
wie auch unter dem Kleinbürgertum der Städte und der bürgerlichen
Bevölkerung. Er hatte ideologisch und politisch über die reformistisch
verseuchte Arbeiterschaft gesiegt. Im Februar 1921 zählte man rund
1.000 Fasci. Der Faschismus gewann Massen durch scheinrevolutionäre
Forderungen, die er in einer skrupellos demagogischen Agitation
verfocht. Sein geschwollener Wortradikalismus wendete sich vor allem
gegen die Regierung Giolittis, des „Verräters der Nation". Gegen den
zweiten „Feind", die internationalen „vaterlandsfeindlichen"
Arbeiterorganisationen, zog der Faschismus dagegen mit Feuer und
Schwert zu Felde. Mussolini forderte – seiner republikanischen,
antimonarchistischen und imperialistischen Einstellung gemäß – die
Absetzung der Dynastie und die Enthauptung Giolittis im buchstäblichen
Sinne. Seine Gefolgschaft begann, die „antinationalen", das heißt die
klassenbewußten Arbeiterorganisationen mit aktivem, blutigem Terror zu
„züchtigen". Im Frühjahr 1921 erfolgten die ersten faschistischen
„Strafexpeditionen". Sie trafen die Landproletarier, deren
Organisationssitze verwüstet und verbrannt, deren Führer ermordet
wurden. Erst später dehnte sich der faschistische Terror auch auf die
Proletarier der großen Städte aus. Die Staatsgewalten ließen gewähren
und geschehen, ohne Rücksicht auf Recht und Gesetz. Die Bourgeoisie,
ob industriell oder agrarisch, begönnerte offen den terroristischen
Faschismus und unterstützte ihn mit Geld und anderen Mitteln. Trotz
der Niederlage der Arbeiter bei der Fabrikbesetzung fürchtete sie die
künftige Machterstarkung des Proletariats. Bei den Gemeinderatswahlen
hatten die Sozialisten ungefähr ein Drittel der 8.000
Kommunalverwaltungen erobert. Es galt, vorzubeugen.
Gewiß!
Die Regierung hätte damals Gründe und Machtmittel gehabt, um den
Faschismus, der ihr bedrohlich auf den Leib zu rücken schien, mit
Gewalt niederzuschlagen. Aber das wäre in der obwaltenden Lage auf
eine Stärkung der Arbeiterbewegung hinausgelaufen. Lieber Faschisten
als Sozialisten, Revolutionäre, dachte Giolitti. Der alte, schlaue
Fuchs löste die Kammer auf und schrieb für Mai 1921 Neuwahlen aus. Er
gründete einen „Ordnungsblock" aller bürgerlichen Parteien und nahm
die faschistischen Organisationen in diesen auf. Dem Faschismus gingen
während der Wahlkampagne die wilden, republikanischen Locken aus. Die
antidynastische und antimonarchistische Agitation verstummte in dem
Maße, wie sieh ihm agrarische Führer und agrarische Massen
anschlossen. Ihnen waren zum großen Teil die faschistischen
Wahlerfolge zu danken wie die Ausdehnung und das Erstarken der Fasci,
deren Zahl bis zum Mai 1921 auf rund 2.000 stieg.
Mussolini empfand unstreitig die Gefahr, die für ihn und seine Ziele
in der Überflutung des Faschismus mit agrarischen Elementen lag. Er
erkannte, daß mit dem Aufhören der scheinrevolutionären,
antimonarchistischen Agitation ein großer Anreiz für breite Massen
verlorenging, sich dem Faschismus anzuschließen. Als die Wahlschlacht
vorüber war, wollte er zu seinen Losungen von 1919 zurückkehren. In
einem Interview mit dem Vertreter der Zeitung Giornale d’Italia – sie
vertritt schwerindustrielle Tendenzen – erklärte er, die gewählten
Faschisten würden der Eröffnung der Kammer nicht beiwohnen, denn es
sei für sie unmöglich, nach der Thronrede zu rufen: „Es lebe der
König!" Die Veröffentlichung hatte die Wirkung, die Stärke des
agrarischen Flügels im Faschismus zu zeigen. Einige mit Unterstützung
der Fasci gewählte Abgeordnete traten den Monarchisten und
Nationalisten bei. Eine Sitzung der faschistischen Abgeordneten
zusammen mit den Bezirksdelegierten der Fasci sollte Stellung zu der
Streitfrage nehmen. Mussolini unterlag mit seiner Forderung. Er
zügelte seinen Republikanismus mit der Erklärung, wegen dieser Frage
den Faschismus nicht spalten zu wollen. Seine Niederlage gab ihm den
Anlaß, auf die Konstituierung des Faschismus als einer organisierten
zentralisierten Partei hinzuwirken, während dieser bis dahin eine lose
Bewegung gewesen war. Die Umwandlung erfolgte auf dem ersten
faschistischen Kongreß im November 1921. Hatte Mussolini in der Sache
gesiegt, so unter- lag er bei der Wahl der Parteileitung. Er bekam
diese nicht ganz in seine Hand. Sie wurde nur zur Hälfte mit seinen
persönlichen Anhängern besetzt, zur anderen Hälfte aber mit
monarchistisch gesinnten Agrariern. Dieser Umstand hat seine
Bedeutung. Er deutet auf jenen Gegensatz hin, der bis heute in
wachsendem Maße im Faschismus besteht und zu seiner Zersetzung
beitragen wird. Es ist der Gegensatz zwischen Agrar- und
Industriekapital, politisch ausgedrückt: zwischen Monarchisten und
Republikanern. Die Partei soll jetzt 500.000 Mitglieder zählen.
Die
Konstituierung des Faschismus als Partei genügte allein nicht, um ihm
die Kraft zu verleihen, der Arbeiterklasse Herr zu werden, sie in
wüsterer Fron als vorher zum Wiederaufbau und zur Fortentwicklung der
kapitalistischen Wirtschaft zu zwingen. Zu diesem Zwecke bedurfte er
eines zwiefachen Apparates. Eines Apparates zur Korrumpierung der
Arbeiter und eines Apparates zu ihrer Niederwerfung mit bewaffneter
Macht, mit terroristischen Mitteln. Der Apparat zur Korrumpierung der
Arbeiterbewegung wurde geschaffen durch die Gründung der
faschistischen Gewerkschaften, „nationale Korporationen" genannt. Sie
sollten planmäßig durchführen, was der Faschismus von Anfang an getan
hatte: die revolutionäre Arbeiterbewegung, ja jede selbständige,
eigene Arbeiterbewegung bekämpfen. Mussolini wehrt sich stets gegen
die Anklage, daß er den Kampf gegen die Arbeiterklasse führt. Er
versichert immer wieder und wieder, daß er die Arbeiterklasse
materiell und kulturell heben und nicht zurückführen wolle „in die
qualvollen Bedingungen einer sklavenhaften Existenz". Aber all das im
Rahmen der „Nation" und, untergeordnet unter ihre Interessen, in
schärfster Ablehnung des Klassenkampfes. Die faschistischen
Gewerkschaften wurden zu dem ausgesprochenen Zweck gegründet, als
Gegengift nicht nur gegen die revolutionären Organisationen des
Proletariats zu wirken, sondern gegen jede Klassenorganisation der
Proletarier überhaupt. Jede proletarische Klassenorganisation ist
Mussolini und seinen Trabanten von vornherein verdächtig, eine
revolutionäre Organisation zu sein. Er schuf sich seine eigenen
Gewerkschaftsorganisationen. Sie vereinigen die Arbeiter, Angestellten
und Unternehmer eines Berufes, einer Industrie. Die organisierten
Unternehmer haben zum Teil abgelehnt, den Gewerkschaften Mussolinis
beizutreten. So der Landwirtschaftsverband und der Verband der
Industriellen. Sie sind jedoch ob ihrer Ketzerei von keiner
faschistischen Strafexpedition zur Rechenschaft gezogen worden. Die
faschistischen Strafexpeditionen erfolgen nur, wenn es sich um
Proletarier handelt, die vielleicht nicht einmal in der revolutionären
Bewegung stehen, aber doch kämpfen, wie ihr Klasseninteresse gebeut.
Zehntausende von Arbeitern sind so gezwungen, den faschistischen
Gewerkschaften beizutreten, die gegen eine Million Mitglieder
umschließen sollen.
Das
faschistische Organ zur terroristischen Niederwerfung der
Arbeiterklasse in Italien sind die sogenannten Geschwader. Es sind
dies militärische Organisationen, die sich aus den agrarischen
Strafexpeditionen heraus entwickelt haben. Die Trupps von
„Strafvollziehenden", die sich gelegentlich frei zusammenfanden,
wurden zu ständigen „Organisationen" von Unterhaltenen und Söldnern,
die berufsmäßig den Terror ausüben. Die „Geschwader" sind im Laufe der
Zeit zu einer rein militärischen Macht geworden, die den Staatsstreich
durchführte und auf die Mussolini als Diktator sich stützt. Nach der
Machtergreifung und der Aufrichtung des faschistischen Staates wurden
sie als „nationale Landesmiliz", als Organ des bürgerlichen Staates
legalisiert. Sie stehen, wie offiziell erklärt wurde, „im Dienste
Gottes, der Nation und des Ministerpräsidenten" – man beachte: nicht
des Königs. Ihre Stärke wird sehr verschieden angegeben. Im Augenblick
des Staatsstreiches zwischen 100.000 und 300.000 Mann, jetzt mit einer
halben Million.
Wie an
der Wiege des Faschismus das Versagen, der Verrat der reformistischen
Führer standen, so steht auch vor der Eroberung der Staatsgewalt durch
den Faschismus ein neuer Verrat der Reformisten und damit eine neue
Niederlage des italienischen Proletariats. Am 31. Juli fand eine
geheime Sitzung der italienischen reformistischen Arbeiterführer statt
– der gewerkschaftlichen wie der politischen, d’Aragona war dabei wie
Turati –, die beschloß, durch den Allgemeinen Gewerkschaftsverband am
1. August den Generalstreik proklamieren zu lassen; einen
Generalstreik, der nicht vorbereitet und nicht organisiert war. Wie
die Dinge lagen, mußte er natürlich mit einer furchtbaren Niederlage
des Proletariats enden. In manchen Orten setzte der Streik erst ein,
als er in anderen bereits zusammengebrochen war. Es war dies eine
Niederlage, ebenso groß, ebenso verhängnisvoll wie die bei der
Fabrikbesetzung. Sie ermutigte die Faschisten zum Staatsstreich und
entmutigte und demoralisierte die Arbeiter, so daß sie auf jeden
Widerstand verzichteten, passiv, hoffnungslos alles geschehen ließen.
Besiegelt wurde der Verrat der reformistischen Führer nach dem
Staatsstreiche dadurch, daß Baldesi, einer der einflußreichsten Führer
des italienischen Gewerkschaftsbundes und der Sozialistischen Partei,
sich im Auftrage Mussolinis bereit erklärte, in die faschistische
Regierung einzutreten. Der schändliche Pakt scheiterte – welche
Schmach! – nicht am reformistischen Widerspruch und Protest, vielmehr
am Widerstand der faschistischen Agrarier.
Genossinnen und Genossen! Sie erkennen an diesem kurzen Überblick die
Zusammenhänge, die in Italien bestehen zwischen der Entwicklung des
Faschismus und der wirtschaftlichen Zerrüttung des Landes, die breite
verelendete und verblendete Massen schuf; zwischen der Entwicklung des
Faschismus und dem Verrat der reformistischen Führer, der die
Proletarier auf den Kampf verzichten ließ. Auch die Schwäche der
Kommunistischen Partei ist nicht ohne Einfluß darauf geblieben.
Abgesehen von ihrer numerischen Schwäche hat sie wohl auch einen
taktischen Fehler begangen, indem sie den Faschismus lediglich als
eine militärische Erscheinung betrachtete und seine ideologische und
politische Seite übersah. Vergessen wir nicht; daß der Faschismus in
Italien, ehe er durch Akte des Terrors das Proletariat niederschlug,
einen ideologischen und politischen Sieg über die Arbeiterbewegung
errungen hatte und welches die Ursachen dieses Sieges waren. Es wäre
sehr gefährlich, wenn wir außer acht lassen wollten, von welcher
Bedeutung gerade die ideologische und politische Überwindung des
Faschismus ist.
Es
liegt auf der Hand, daß der Faschismus organisatorisch und seiner
äußeren Machtstellung nach nur die hier kurz skizzierte Entwicklung
nehmen konnte, weil er ein Programm hatte, das von großer
Anziehungskraft auf breite Massen war. Die Frage steht vor uns – und
sie ist wichtig für die Proletarier aller Länder –: Was hat der
Faschismus in Italien nach der Eroberung der Staatsmacht getan, um
sein Programm zu verwirklichen? Welches ist der Staat, der sein
Werkzeug sein soll? Hat er sich erwiesen als der verheißende partei-
und klassenlose Staat, der jeder Schicht der Gesellschaft ihr Recht
werden läßt, oder hat auch er sich erwiesen als ein Organ der
besitzenden Minderheit und insbesondere der industriellen Bourgeoisie?
Das zeigt sich am besten, wenn wir die wichtigsten Forderungen des
faschistischen Programms und ihre Erfüllung einander gegenüberstellen.
Was
hatte der Faschismus politisch versprochen, als er mit wild wehendem
Lockenhaar wie Simson einherstürmte?
Eine
Reform des Wahlrechts, ein konsequent durchgeführtes
Proportionalwahlrecht. Was sehen wir? Das alte, unvollkommene
Proportionalwahlrecht, das 1919 eingeführt wurde, soll abgeschafft und
durch ein Wahlrecht ersetzt werden, das ein Spott, das blutiger Hohn
auf die Idee des Proporzes ist. Die Partei, die absolut die meisten
Wählerstimmen erhält, soll zwei Drittel aller Sitze In der Kammer
erhalten. Es ist erst darüber gestritten worden, ob es Zwei Drittel
oder gar drei Viertel der Mandate sein sollten. Nach den letzten
Zeitungsnachrichten will sich der Faschismus damit begnügen, daß die
stärkste Partei – das ist die faschistische – zwei Drittel erhält, das
bleibende Drittel soll proportional auf die verschiedenen anderen
Parteien verteilt werden. Eine nette Reform des Wahlrechtes!
Mussolini hatte Wählbarkeit und Wahlrecht für die Frauen verheißen.
Kürzlich tagte in Rom ein internationaler bürgerlicher
Frauenstimmrechtskongreß. Mussolini machte den Damen ritterlich seine
Aufwartung und erklärte ihnen mit süßem Lächeln, die Frauen würden das
Wahlrecht erhalten, und zwar das Wahlrecht zu den Gemeinderäten. Das
politische Recht soll ihnen also vorenthalten bleiben. Auch sollen bei
weitem nicht alle Frauen das kommunale Wahlrecht erhalten, sondern nur
die, die eine gewisse Bildungsstufe nachweisen können, ferner die „kriegsdekorierten"
Frauen und die Frauen, deren Männer einen entsprechend großen Geldsack
besitzen, um bestimmte Steuern zu zahlen. So sieht die Einlösung des
Versprechens aus, die Gleichberechtigung der Frauen betreffend.
Der
Faschismus hatte in seinem Programm die Abschaffung des Senats und die
Schaffung eines Wirtschaftsparlaments, das neben dem politischen
Parlament stehen sollte. Von einem Wirtschaftsparlament ist nicht mehr
die Rede. In der ersten Ansprache aber, die Mussolini vor dem Senat
hielt, dieser Rumpelkammer aller Reaktionäre, feierte er gewaltig
dessen Verdienste in der Vergangenheit und erklärte, er verbürge hohe
Leistungen in der Gegenwart und diese müßten maßgebend dafür sein, daß
der Einfluß des Senats auf die Gesetzgebung gestärkt werde.
Die
Faschisten forderten in ihrem Programm die sofortige Einberufung einer
Nationalversammlung zum Zwecke einer Verfassungsreform. Wie steht es
damit? Von der Nationalversammlung wird kein Ton geredet, dagegen
sieht die Verfassungsreform so aus: Die Kammer, so zusammengesetzt,
wie ich hier ausgeführt habe, das heißt die Mehrheitspartei in ihr,
schlägt den Ministerpräsidenten vor. Der vorgeschlagene
Ministerpräsident – also solange der Faschismus die Mehrheit hat, der
faschistische Ministerpräsident – muß vom König ernannt werden. Er
setzt nach Belieben die Regierung zusammen, stellt sich und sein
Kabinett der Kammer vor und erhält von dieser ein Vertrauensvotum,
wonach das Parlament sich trollt, sich auf vier Jahre vertagt, für die
ganze Zeit, für die es gewählt worden ist.
Konfrontieren wir auch einige Versprechungen des Faschismus auf
sozialem Gebiete mit der Verwirklichung. Der Faschismus hatte die
gesetzliche Sicherung des Achtstundentages versprochen und die
Festlegung eines Lohnminimums sowohl für die industriellen als auch
die landwirtschaftlichen Arbeiter. Beantragt ist ein Gesetz über den
Achtstundentag, das hundert Ausnahmen vorsieht und zum Schluß noch die
Bestimmung enthält, der Achtstundentag könne auch in anderen Fällen
außer Kraft gesetzt werden. Dazu besteht der Achtstundentag praktisch
heute schon für breite Schichten des Proletariats nicht mehr,
besonders nicht für die Eisenbahner, die Postbeamten und andere
Verkehrsbeamten, für die genau nach dem Muster der Dienstordnung des „Hundsfott"-Groener
[3] an Stelle der
Dienstbereitschaft von acht Stunden die abgeleisteten acht Stunden
tatsächlicher Arbeit stehen sollen.
Zur
Festlegung eines Lohnminimums ist zu sagen, daß dank der
terroristischen Fesselung und Zerstörung der Gewerkschaften, dank des
Verhaltens der burgfriedlichen faschistischen „Korporationen" die
Unternehmer in ihrem Widerstand gegen jede Lohnforderung so gekräftigt
wurden, daß die Arbeiter nicht einmal imstande gewesen sind, bei der
schlechten Wirtschaftskonjunktur auch nur ihre alte Entlohnung zu
verteidigen. Lohnsenkungen sind erfolgt von durchschnittlich 20 bis 30
Prozent, bei sehr vielen Arbeitern aber von 50 Prozent, ja, es fehlt
nicht an Fällen, wo die Lohnherabsetzung 60 Prozent beträgt.
Es
waren vom Faschismus Alters- und Invalidenversicherungen versprochen
worden, die gegen die schlimmste Verelendung, die schlimmste Pein
schützen sollten. Und wie wurde das Versprechen erfüllt? Es ist jener
schwache Ansatz zur sozialen Fürsorge für Alte, Gebrechliche und
Kranke aufgehoben worden, der in Gestalt eines Fonds von 50 Millionen
Lire für diese Zwecke vorhanden war. Diese 50 Millionen Lire sind „aus
Sparsamkeit" glatt aus dem Budget gestrichen worden, so daß also jetzt
die Notleidenden der Arbeit in Italien auf gar keine Fürsorge mehr zu
rechnen haben. Gestrichen wurden auch im Budget die 50 Millionen Lire
für Arbeitsvermittlung beziehungsweise Arbeitslosenunterstützung und
60 Millionen Lire für die Kreditinstitutionen der Genossenschaften.
Der
Faschismus hatte die Forderung erhoben, daß die Arbeiter an der
technischen Leitung der Betriebe beteiligt werden sollen. Also mit
anderen Worten: die Kontrolle der Produktion. Es war verheißen worden,
der Faschismus werde die öffentlichen Unternehmungen der technischen
Kontrolle der Betriebsräte unterstellen. Heute wird ein Gesetz
erwogen, das die Institutionen der Betriebsräte überhaupt aufhebt.
Außerdem sollen die öffentlichen Unternehmungen vom Staat den
Privatunternehmern zur Ausbeutung ausgeliefert werden, zum Teil sind
sie schon ausgeliefert worden. Die Zündholzfabrikation, bisher Monopol
des Staates, ist jetzt zur Sache der privaten Profitpresserei
geworden, ebenso sollen der Postpaketverkehr, der Telefonverkehr, der
Radio-Telegramm-Betrieb und auch die Eisenbahnen in die Hände des
Privatkapitals übergehen. Mussolini hat erklärt, daß die Faschisten
„Liberale im klassischen Sinne des Wortes seien".
Betrachten wir einige Früchte des Faschismus auf finanziellem Gebiet.
Der Faschismus wollte eine gründliche Steuerreform. Sein „autoritärer"
Staat sollte seine Macht brauchen, um eine allgemeine, progressiv
stark steigende Steuer auf das Kapital durchzuführen, die teilweise
sogar den Charakter der „Expropriation des Kapitals" tragen sollte.
Jetzt ist die Aufhebung verschiedener Luxussteuern erfolgt, so der
Equipagensteuer, der Autosteuer usw., und das mit der Motivierung,
durch eine solche Steuer werde „die nationale Produktion gehemmt und
das Eigentum und die Familie zerstört". Ferner ist eine Erweiterung
der indirekten Steuern vorgesehen mit einer gleich geistreichen
Begründung, nämlich, daß durch die Ausdehnung der indirekten Steuer
der Konsum zurückgehen und infolgedessen der Export nach dem Auslande
gefördert werde. Die Bestimmung ist aufgehoben worden, daß die
Wertpapiere auf den Besitzer lauten müssen, die sogenannte Nominalität
der Wertpapiere, wodurch den Steuerhinterziehern Tür und Tor offen
stehen.
Mussolini und seine Garde heischten die Beschlagnahme der
Kirchengüter. Statt dessen hat die faschistische Regierung
verschiedene alte, schon beseitigte Konzessionen an den Klerus wieder
in Kraft treten lassen. Nachdem der Religionsunterricht seit 50 Jahren
abgeschafft war, ist er durch Mussolini wieder eingeführt worden, und
ein Kruzifix muß in jeder Schule hängen. So sieht der Kampf gegen den
Klerus aus.
Der
Faschismus hatte gefordert, daß die Verträge des Staates über
Kriegslieferungen revidiert und die Kriegsgewinne bis zu 85 Prozent
für den Staat erfaßt werden müßten. Was ist geschehen? Das Parlament
hatte eine Kommission eingesetzt, die die Verträge über
Kriegslieferungen zu prüfen hatte. Sie sollte öffentlich in der Kammer
Bericht erstatten. Hätte sie dies getan, so würden wohl die meisten
Schwerindustriellen, die Gönner und Nährväter der Faschisten, auf das
schwerste kompromittiert worden sein. Eine der ersten Entscheidungen
Mussolinis bestand darin, daß diese Kommission nur ihm persönlich
Bericht zu erstatten hat und daß mit sechs Monaten Gefängnis bestraft
wird, wer etwas aus dem Bericht in die Öffentlichkeit bringt. Von der
Erfassung der Kriegsgewinne schweigen alle faschistischen Flöten,
dagegen wurden der Schwerindustrie bereits Milliarden für Lieferungen
der verschiedensten Art bewilligt.
Auch
militärisch wollte der Faschismus ein grundlegender Neuerer sein. Er
verlangte die Abschaffung des stehenden Heeres, eine kurze
Dienstdauer, Einstellung des Heeres nur auf Landesverteidigung und
nicht auf imperialistische Kriege usw. Wie führte er sein Programm
durch? Das stehende Heer wurde nicht abgeschafft, die Dienstzeit ist
von 8 Monaten auf 18 Monate erhöht worden, was einer Vermehrung des
Heeres von 240.000 auf 340.000 Mann gleichkommt. Gewiß, die Guardia
Regia, eine Art militärisch gerüstete und organisierte Polizei, ist
abgeschafft worden. Etwa weil sie infolge ihres Eingreifens bei
Kundgebungen, Streiks usw. beim Volk, zumal den Arbeitern, keineswegs
beliebt war? Im Gegenteil! Sie schien Mussolini zu „demokratisch",
denn sie unterstand nicht dem Kommando des Generalstabs, sondern dem
Ministerium des Innern, und Mussolini fürchtete, daß diese Truppe
einmal in Konflikt mit seinen Geschwadern kommen, gegen ihn auftreten
könne. Die Stärke der Guardia Regia betrug 35.000 Mann. Dafür wurde
die Zahl der Carabinieri von 65.000 auf 90.000 Mann erhöht, außerdem
ist die Zahl der Polizisten verdoppelt worden, sogar die der Detektiv-
und Zollpolizisten.
Außerdem hat die Regierung der Faschisten die Geschwader der
„Schwarzhemden" in eine nationale Miliz verwandelt. Ihre Stärke wurde
zuerst auf 100.000 geschätzt und soll nach einer neuesten Entscheidung
im Lager des Faschismus künftig sogar eine halbe Million betragen. Da
in die Geschwader namentlich mit den nationalistischen „Blauhemden"
zahlreiche agrarisch-monarchistische Elemente eingedrungen sind, mußte
Mussolini vor Auflehnung gegen seine Diktatur zittern. Er war vom
ersten Augenblick der Entstehung der Geschwader bemüht, diese unter
die politische Herrschaft der Partei, das ist unter seine Oberhoheit,
zu bekommen. Er glaubte, das dadurch erreicht zu haben, daß man die
Geschwader einem nationalen Generaloberkommando unterstellte, das von
der Parteileitung bestimmt wurde. Aber die politische Leitung konnte
die Gegensätze innerhalb der Geschwader nicht verhindern, Gegensätze,
die stärker und stärker wurden, als die Nationalisten, die
„Blauhemden", in die Geschwader eintraten. Um ihren Einfluß dort zu
brechen, ließ Mussolini beschließen, daß jedes Parteimitglied
verpflichtet sei, in die nationale Miliz einzutreten, so daß deren
Stärke jetzt gleich jener der Partei sein soll. Mussolini hoffte, auf
diese Weise die ihm widerstrebenden agrarischen Elemente politisch
überwinden zu können. Jedoch, indem die Parteimitglieder sich in die
Miliz einreihen, werden gerade auch die politischen Gegensätze in
diese hineingetragen, und sie müssen sich dort weiter entwickeln, bis
sie zur Zersetzung führen.
Die
bewaffnete Macht sollte lediglich zur Verteidigung des Vaterlandes
verwendet werden, so hatte es geheißen. Aber die Vermehrung des Heeres
und ungeheure Rüstungen sind auf große imperialistische Abenteuer
eingestellt. Die Artillerie wird außerordentlich ausgebaut, die Zahl
der Berufsoffiziere wird vermehrt, eine ganz besondere Förderung
erfährt die Flotte. Eine große Anzahl von Kreuzern, Torpedozerstörern,
Unterseebooten usw. sind in Auftrag gegeben. Eine ganz besonders
auffällige Entwicklung erfährt die Luftflotte. Es sind bereits 1.000
neue Flugzeuge in Auftrag gegeben worden, viele Flugzeugstationen
wurden gegründet. Eine eigene Kommission ist eingesetzt, und Hunderte
Millionen Lire sind bereits der Schwerindustrie für den Bau der
allermodernsten Flugapparate und militärischen Mordwerkzeuge bewilligt
worden.
Wenn
man das Programm des Faschismus in Italien mit der Erfüllung
vergleicht, so tritt heute schon eines zutage: der vollständige
ideologische Bankrott der Bewegung. Es ist der krasseste Widerspruch
vorhanden zwischen dem, was der Faschismus verheißen hat, und dem, was
er den Massen bringt. Gleich einer Seifenblase ist in der Luft der
Wirklichkeit das Gerede zerstoben, daß im faschistischen Staat das
Interesse der Nation über allem steht. Die „Nation" hat sich als die
Bourgeoisie enthüllt, der faschistische Idealstaat als vulgärer,
skrupelloser bürgerlicher Klassenstaat. Diesem ideologischen Bankrott
muß früher oder später auch der politische Bankrott folgen. Und er ist
bereits im Anzuge. Der Faschismus ist außerstande, auch nur die
verschiedenen bürgerlichen Kräfte zusammenzuhalten, mit deren stiller,
wohlwollender Gönnerschaft er zur Macht gekommen ist. Der Faschismus
wollte sich die Macht zur sozialen Neuschöpfung sichern, indem er die
Herrschaft im Staate an sich riß und dessen Machtapparat seinen Zielen
dienstbar machen wollte. Es ist ihm noch nicht gelungen, sich auch nur
den bürokratischen Apparat voll untertänig zu machen.
Ein
scharfes Ringen ist ausgebrochen zwischen der alten, eingesessenen
Bürokratie und der neuen, faschistischen Beamtenschaft. Der gleiche
Gegensatz besteht zwischen dem alten, regulären Heere mit seinen
Berufsoffizieren und der faschistischen Landesmiliz mit ihren neuen
Führern. Es wächst der Gegensatz zwischen dem Faschismus und den
bürgerlichen Parteien. Mussolini hatte den Plan, in Gestalt der
faschistischen Partei eine einheitliche bürgerliche
Klassenorganisation zu schaffen, ein Gegenstück zum revolutionären
Proletariat. Deshalb war sein Streben darauf gerichtet, alle
bürgerlichen Parteien zu zerschmettern oder zu absorbieren. Es ist ihm
gelungen, eine einzige Partei zu absorbieren: die der Nationalisten.
Wie wiederholt angedeutet, hat die Verschmelzung ihre zwei Seiten. Der
Versuch, die bürgerlichen, liberalen, republikanischen und
demokratischen Gruppen auf konservativer Grundlage zu einer Partei
zusammenzufassen, endete kläglich. Umgekehrt, die faschistische
Politik hat dazu geführt, daß die Überreste der bürgerlichen
Demokratie sich auf ihre alte Ideologie besonnen haben. Angesichts
Mussolinis Macht- und Gewaltpolitik haben sie den Kampf aufgenommen
„für die Verteidigung der Verfassung und die Wiederherstellung der
alten, bürgerlichen Freiheit".
Besonders charakteristisch für die Unfähigkeit des Faschismus, seine
politische Machtposition zu behaupten und zu erweitern, ist das
Verhältnis zur katholischen Volkspartei, unstreitig die größte und
einflußreichste bürgerliche Partei in Italien. Mussolini hatte darauf
gerechnet, es werde ihm gelingen, den rechten, agrarischen Flügel
dieser Partei abzusprengen und zur Vereinigung mit den Faschisten zu
bestimmen, den linken Flügel aber dadurch zu schwächen und der
Auflösung preiszugeben. Es ist anders gekommen. Auf dem letzten
Kongreß der popolari [4] zu Turin
hat sich ein wahrer Protest gegen den Faschismus erhoben. Wer auf dem
rechten Flügel den Faschismus mit Wohlwollen und Schonung behandeln
wollte, wurde niedergeschrien. Dagegen fand die schärfste Kritik
seiner Politik stürmische Zustimmung.
Hinter
den aufgezeigten Gegensätzen und anderen noch steht der Gegensatz der
Klassen, der durch keine burgfriedliche Predigt und Organisation aus
der Welt geschafft werden kann. Die Klassengegensätze sind mächtiger
als alle sie leugnenden Ideologien, und diese Klassengegensätze setzen
sich durch trotz des Faschismus, ja gerade dank dieses Faschismus und
gegen ihn. In dem Verhalten der popolari kommt zum Ausdruck die
Selbstbesinnung der größten Schichten der städtischen Kleinbürger und
des Kleinbauerntums auf ihre Klassenlage und ihren Gegensatz zum
Großkapital, und das ist außerordentlich wichtig für die
Machtpositionen, die der Faschismus in Italien behaupten kann, mit
anderen Worten, für die Auflösung, der er entgegengeht. Diese
Schichten – zumal die Frauen darin – sind tief katholisch, kirchlich
gesinnt. Mussolini hat deshalb alles getan, um den Vatikan zu
gewinnen. Aber auch der Vatikan hat nicht gewagt, der beginnenden
Rebellion der Bauernmassen in der Volkspartei gegen den Faschismus
entgegenzuwirken.
Während die Kleinbauern sehen, daß der Faschismus für die Bourgeoisie
Steuererleichterung, Steuerdrückebergerei und fette Aufträge bringt,
müssen sie erfahren, daß ihnen härtere Steuerlasten auferlegt werden
durch indirekte Abgaben und namentlich durch eine neue Berechnung des
ländlichen Einkommens. Das gleiche gilt für eile kleinbürgerlichen
Massen in der Stadt. Ihre schärfste Opposition wird außerdem dadurch
hervorgerufen, daß der triumphierende Faschismus den geringen
Mieterschutz aufgehoben hat; der Hausbesitzer hat wieder unbeschränkte
Macht, durch hohe Mieten auszubeuten. Die wachsende Rebellion der
Kleinbauern und Landarbeiter kommt drastisch zum Ausdruck gerade auch
dort, wo der Faschismus wähnte, durch seine Geschwader jeden
Widerstand gebrochen zu haben. In Boscoreale bei Neapel zum Beispiel
haben mehr als tausend Bauern das Gemeindehaus gestürmt, als Protest
gegen die drückenden Steuern. In drei Orten der Provinz Novara haben
die Landarbeiter ihre alten Löhne und Arbeitsbedingungen mit Erfolg
gegen die Großagrarier verteidigen können, und zwar nur dadurch, daß
sie mehrere Güter besetzten, und das mit Unterstützung faschistischer
Geschwader. Es zeigt sich, daß der Klassenkampfgedanke in den Reihen
des Faschismus selbst anfängt, Wurzel zu schlagen.
Ganz
besonders wichtig ist das Erwachen der Teile des Proletariats, die vom
Faschismus berauscht und vergiftet worden waren. Dieser ist
außerstande, die Interessen der Arbeiter gegen die Bourgeoisie zu
verteidigen, außerstande, die Versprechen zu halten, die er namentlich
den faschistischen Gewerkschaften gegeben hat. Je mehr er siegt, um so
unfähiger ist er, sich als Schützer der Proletarier zu erweisen. Er
kann nicht einmal die Unternehmer zwingen, die Versprechungen von den
Vorteilen der gemeinsamen Organisation zu halten. Wenn in den
faschistischen Gewerkschaften nur wenig Arbeiter organisiert sind, so
mag es möglich sein, daß der Kapitalist diese wenigen besser stellt
betreffs der Löhne. Aber dort, wo Massen in den faschistischen
Organisationen zusammengeschlossen sind, wird das Unternehmertum keine
Rücksichten auf den „Bruder Faschist" nehmen, weil das zu kostspielig
werden würde, und in Sachen des Geldbeutels, des Profits, hört bei den
Herren Kapitalisten die Gemütlichkeit auf.
Ganz
besonders hat zu dem Erwachen der Proletarier beigetragen, daß in
großem Umfange Arbeiter brotlos aufs Pflaster geflogen sind – nicht
nur in Privatbetrieben, sondern auch in Staatsbetrieben. 17.000
Eisenbahner wurden bald nach dem faschistischen Staatsstreich
entlassen. Weitere Entlassungen sind gefolgt und stehen in sicherer
Aussicht. Die staatlichen Heereswerkstätten wurden geschlossen. 24.000
Arbeiter sind dadurch brotlos geworden, wurden den Privatbetrieben zu
schrankenloser Ausbeutung ausgeliefert.
Die
leidenschaftliche Auflehnung gegen die faschistische
Wirtschaftspolitik kommt gerade aus den Kreisen der faschistisch
organisierten Arbeiter selbst. In Turin, in Neapel, in Triest, in
Venedig, in einer großen Anzahl anderer Städte waren es die
faschistischen Gewerkschaften, die allen voran sich ausnahmslos mit
den Arbeitern aller Parteien, aller Organisationen zusammentaten – die
kommunistischen und syndikalistischen Arbeiter inbegriffen –, um in
einer großen öffentlichen Kundgebung gegen die Schließung der
Werkstätten und die Entlassungen zu protestieren. Von Neapel fuhren
mehrere hundert Kriegsinvaliden, die ebenfalls aus den
Heereswerkstätten entlassen worden waren, nach Rom, um gegen das ihnen
angetane Unrecht Einspruch zu erheben. Sie erhofften von Mussolini
selbst Recht und Schutz und bekamen die Quittung für ihre Gläubigkeit
in Gestalt der Verhaftung, sobald sie in Rom aus dem Zuge stiegen. Die
Werftarbeiter von Monfalcone, Triest, die Arbeiter vieler Orte und
Industrien, die faschistischen Organisationen angehören, sind in
Bewegung geraten. Es ist in einzelnen Orten wieder zur Besetzung von
Betrieben, von Fabriken gekommen, und zwar gerade durch faschistisch
organisierte Arbeiter und mit wohlwollender Duldung oder Unterstützung
von Geschwadern.
Diese
Tatsachen zeigen, daß dem ideologischen Bankrott der politische
Bankrott folgen wird und daß es zumal die Arbeiter sein werden, die
sieh rasch wieder auf ihr Klasseninteresse und ihre Klassenpflicht
zurückbesinnen.
Wir
haben daraus mancherlei Schlüsse zu ziehen. Zunächst, daß wir den
Faschismus nicht als eine einheitliche Erscheinung betrachten dürfen,
nicht als einen „Block von Granit", an dem all unsere Anstrengungen
abprallen werden. Der Faschismus ist ein zwiespältiges Gebilde, das
verschiedene gegensätzliche Elemente umschließt und sich deshalb von
innen heraus zersetzen und auflösen wird. Wir müssen mit größter
Energie den Kampf aufnehmen nicht nur um die Seelen der Proletarier,
die dem Faschismus verfallen sind, sondern auch um die Seelen der
Klein- und Mittelbürger, der Kleinbauern und der Intellektuellen,
kurz, all der Schichten, die heute durch ihre wirtschaftliche und
soziale Stellung in wachsenden Gegensatz zum Großkapitalismus kommen
und damit zum scharfen Kampf gegen ihn.
Es
wäre aber außerordentlich gefährlich anzunehmen, daß in Italien, dem
ideologischen und politischen Verfall entsprechend, rasch der
militärische Zusammenbruch folgen müsse. Gewiß, – auch der
militärische Zerfall und Zusammenbruch des Faschismus wird, muß
kommen, aber er kann noch lange durch das Schwergewicht der
verfügbaren Machtmittel hinausgezogen werden. Und während in Italien
das Proletariat sich vom Faschismus loslöst und wieder bewußt,
stärker, zielsicher den Kampf für seine Interessen, den revolutionären
Klassenkampf für seine Freiheit aufnimmt, müssen die italienischen
Genossen, die Proletarier damit rechnen, daß der ideologisch und
politisch verendende Faschismus sich militärisch-terroristisch, mit
der allerschonungslosesten und skrupellosesten Gewalt auf sie stürzen
wird. Es gilt, bereit zu sein! Ein Ungeheuer vermag oft noch im
Todeskampf vernichtende Schläge auszuteilen. Deshalb müssen die
revolutionären Proletarier, die Kommunisten und die Sozialisten, die
den Weg des Klassenkampfes mit ihnen gehen, noch auf schwere Kämpfe
gerüstet und vorbereitet sein.
Es
wäre verkehrt, wollten wir uns durch das historische Begreifen des
Faschismus zur Untätigkeit, zum Abwarten, zur Einstellung des Rüstens
und des Kampfes wider ihn bestimmen lassen. Sicherlich, der Faschismus
ist verurteilt, sich von innen heraus zu zersetzen, zu zerfallen. Er
vermag nur vorübergehend ein Klassenkampfinstrument der Bourgeoisie zu
sein, nur vorübergehend die Macht des bürgerlichen Staates gegen das
Proletariat illegal oder auch legal zu stärken. Es wäre jedoch sehr
verhängnisvoll, wollten wir in der Rolle von klugen und ästhetischen
Zuschauern seinen Verwesungsprozeß abwarten. Umgekehrt, es ist unsere
verdammte Pflicht und Schuldigkeit, diesen Prozeß mit allen Mitteln
vorwärtszutreiben und zu beschleunigen.
Das
ist nicht nur die besondere Pflicht des Proletariats in Italien, wo
sich dieser Prozeß wahrscheinlich zuerst vollziehen
wird,
sondern namentlich auch des deutschen Proletariats. Der Faschismus ist
eine internationale Erscheinung, darüber sind wir uns alle einig. Nach
Italien hat er bis jetzt wohl seine stärkste und festeste Position in
Deutschland errungen. Hier haben der Ausgang des Krieges und das
Versagen der Revolution seine Entwicklung begünstigt. Das ist
erklärlich, wenn wir uns bewußt bleiben, welches die letzten Wurzeln
des Faschismus sind.
In
Deutschland ist die Wirtschaft infolge des verlorenen Krieges, der
Reparationslasten, des Versailler Vertrages außerordentlich zerrüttet.
Der Staat ist in seinen Grundlagen erschüttert. Die Regierung ist
schwach, ohne Autorität, ein Spielball in den Händen der Stinnes und
Konsorten. In keinem Lande – das ist wenigstens meine Auffassung – ist
der Gegensatz so groß wie in Deutschland zwischen der objektiven Reife
für die Revolution und der subjektiven Unreife des Proletariats für
sie infolge des Verrates, der Auffassung, des Verhaltens der
reformistischen Führer. In keinem Lande hat seit Kriegsausbruch die
Sozialdemokratie so schmachvoll versagt wie in Deutschland. Hier gab
es eine hochentwickelte kapitalistische Industrie, hier durfte das
Proletariat sich rühmen, eine gute Organisation, eine langjährige
marxistische Schulung zu besitzen.
Die
englische, die französische, die österreichische sozialdemokratische
Partei, alle proletarischen Organisationen, die in der II.
Internationale vereinigt waren, hatten ihre Vorzüge – das können wir
anerkennen. Aber die führende Partei, die Musterpartei, war die
deutsche Sozialdemokratie. Ihr Versagen ist deshalb ein
unverzeihlicheres, schändlicheres Verbrechen als das Versagen jeder
anderen Arbeiterpartei. Jede andere kann mehr entschuldigt werden,
kann mehr Gründe für ihren Bankrott bei Kriegsausbruch geltend machen
als gerade die deutsche Sozialdemokratie. Der Rückschlag auf die
proletarischen Massen mußte besonders stark, verhängnisvoll sein. In
Verbindung mit der militärischen Zerschmetterung des deutschen
Imperialismus durch den Ententeimperialismus sind deshalb hier sehr
günstige Vorbedingungen dafür gegeben, daß der Faschismus stark in das
Kraut schießen konnte.
Aber
es ist trotz alledem meine Überzeugung, daß der Versailler Frieden,
daß die Besetzung des Ruhrgebietes mit all ihren Gewalttaten den
Faschismus in Deutschland nicht so gefördert haben wie der
Staatsstreich Mussolinis. Er ist solch starker Anreiz für die
deutschen Faschisten gewesen wie kein anderes Ereignis. Er gab ihnen
Selbstvertrauen und Siegeszuversicht. Die Überwindung, der
Zusammenbruch des Faschismus in Italien würde unmittelbar die größte
Entmutigung für den Faschismus in Deutschland und die größte
Ermutigung für das Proletariat sein. Ganz besonders dann, wenn das
Proletariat sich sagen darf: Der Faschismus in Italien, der siegreich
war, der zeitweilig in der Fülle der Macht stand, ist nicht mehr,
nicht nur, weil er an seinen inneren Gegensätzen zusammenbrechen mußte,
nein, auch weil er verschwinden mußte kraft der starken, zielbewußten
Aktion der proletarischen Massen in Italien. Diese Erkenntnis würde
sich international auswirken, wie immer die Dinge in den einzelnen
Ländern liegen.
Wenn
es so unsere Pflicht ist, international an die Überwindung des
Faschismus in Italien unsere ganze Kraft zu setzen, so dürfen wir
dabei nicht vergessen, daß die erfolgreichste Überwindung des
Faschismus im Auslande immer zur Voraussetzung hat, daß wir auch den
sich organisierenden Faschismus in unserem eigenen Lande mit aller
Macht bekämpfen und gründlich besiegen.
Ich
habe etwas ausführlicher, wenn auch bei weitem nicht vollständig
genug, die Entwicklung des Faschismus in Italien aufgezeigt, weil
diese am reifsten, am klarsten und abgeschlossensten vor uns steht.
Die italienischen Genossen werden meine Ausführungen vervollständigen.
Ich sehe davon ab, eine Darstellung des Faschismus in anderen Ländern
zu geben; sie soll Vertretern unserer Parteien aus diesen Ländern
vorbehalten sein. In der Resolution, die ich vorgelegt habe, sind
verschiedene Mittel dargelegt, die wir anzuwenden, verschiedene
Aufgaben, die wir zu erfüllen haben, um des Faschismus Herr zu werden.
Ich will nicht im einzelnen auf sie eingehen, ich glaube, sie
begründen sich selbst. Ich will nur hervorheben, daß sie alle nach
zwei Richtungen hingehen. Die eine Gruppe von Aufgaben zielt auf die
ideologische und politische Überwindung des Faschismus ab. Diese
Aufgabe ist von ungeheurer Wichtigkeit. Sie verlangt bis zu einem
gewissen Grade eine Umstellung oder eine präzisere Einstellung zu
bestimmten sozialen Erscheinungen, die dem Faschismus
wesenseigentümlich sind, und sie verlangt höchste Aktivität. Wir
müssen uns bewußt bleiben, daß, wie ich eingangs sagte, der Faschismus
eine Bewegung von Hungrigen, Notleidenden, Existenzlosen und
Enttäuschten ist. Wir müssen danach trachten, daß wir die sozialen
Schichten, die jetzt dem Faschismus verfallen, entweder unserem Kampfe
eingliedern oder sie zum mindesten für den Kampf neutralisieren. Mit
aller Klarheit und Kraft müssen wir verhindern, daß sie Mannschaften
stellen für die Gegenrevolution der Bourgeoisie. Soweit wir jene
Schichten nicht für unsere Partei, unsere Ideale gewinnen, nicht in
Reih und Glied der revolutionären proletarischen Kampfheere ziehen
können, muß es uns gelingen, sie zu neutralisieren, zu sterilisieren,
oder wie man sich sonst ausdrücken mag. Sie dürfen uns nicht mehr als
Landsknechte der Bourgeoisie gefährlich werden. Die Voraussetzungen
für unseren Erfolg sind in den Lebensbedingungen gegeben, die die
Klassenherrschaft der Bourgeoisie in diesem Stadium der
geschichtlichen Entwicklung für sie schafft.
Ich
lege dem die allergrößte Bedeutung bei, daß wir mit allem
Zielbewußtsein, mit aller Konsequenz den ideologischen und politischen
Kampf um die Seelen der Angehörigen dieser Schichten aufnehmen, die
bürgerliche Intelligenz mit einbegriffen. Wir müssen uns darüber klar
sein, daß hier unstreitig wachsende Massen einen Ausweg aus den
furchtbaren Nöten der Zeit suchen. Dabei geht es keineswegs nur darum,
den Magen zu füllen, nein, die besten Elemente von ihnen suchen einen
Ausweg aus tiefer Seelennot. Sie begehren neue feste Hoffnungen, neue
unerschütterliche Ideale, eine Weltanschauung, auf Grund deren sie die
Natur, die Gesellschaft, ihr eigenes Leben begreifen, eine
Weltanschauung, die nicht unfruchtbare Formel ist, sondern
schöpferisch, gestaltend wirkt. Wir dürfen nicht vergessen, daß die
Gewalthaufen der Faschisten nicht ausschließlich zusammengesetzt sind
aus Kriegsrohlingen, aus Landsknechtsnaturen, denen der Terror Genuß
ist, aus käuflichen Lumpen. Wir finden in ihnen auch die
energischsten, entwicklungsfähigsten Elemente der betreffenden Kreise.
Wir müssen mit Ernst und mit Verständnis für ihre Lage und ihre
brennende Sehnsucht darangehen, unter ihnen zu arbeiten und ihnen zu
zeigen, daß der Ausweg für sie nicht rückwärts führt, vielmehr
vorwärts, zum Kommunismus. Die gewaltige Größe des Kommunismus als
Weltanschauung wird ihre Sympathien für uns gewinnen.
Die
III. Internationale ist im Gegensatz zur II. Internationale nicht nur
eine Internationale für die Elite der weißen Proletarier Europas und
Amerikas, sie ist die Internationale der Ausgebeuteten aller Rassen.
So muß nun die Kommunistische Partei jedes Landes nicht nur die
Vorkämpferin der Lohnarbeiter im engen Sinne des Wortes sein, nicht
nur die Verfechterin der Interessen des Proletariats der Handarbeit,
sondern auch die Vorkämpferin der Kopfarbeiter, die Führerin aller
sozialen Schichten, die durch ihre Lebensinteressen, die durch ihre
Sehnsucht nach einem Empor zu höherer Kultur in steigenden Gegensatz
zur kapitalistischen Ordnung geraten. Ich begrüße es deshalb freudigst,
daß unsere Tagung beschlossen hat, den Kampf für die
Arbeiter-und-Bauern-Regierung aufzunehmen. Diese neue Losung ist nicht
nur unabweisbar für die überwiegend agrarischen Länder auf dem Balkan,
wie Bulgarien, Rumänien usw., sondern sie ist auch von großer
Bedeutung für Italien, für Frankreich, für Deutschland und besonders
für Amerika. Sie ist geradezu eine Notwendigkeit im Kampfe zur
Besiegung des Faschismus. Es heißt, unter die breitesten Schichten der
ausgebeuteten, schaffenden Bauern und landwirtschaftlichen Arbeiter
gehen und ihnen die frohe Botschaft von dem erlösenden Kommunismus
bringen. Es heißt, all den gesellschaftlichen Schichten, in denen der
Faschismus Massengefolgschaft wirbt, zu zeigen, daß wir Kommunisten
mit höchster Aktivität ihre Interessen im Kampfe gegen die bürgerliche
Klassenherrschaft verteidigen.
Und
wir müssen noch etwas anderes tun. Wir dürfen uns nicht darauf
beschränken, mit den Massen und für die Massen lediglich für unser
politisches und wirtschaftliches Programm zu kämpfen. Gewiß, die
politischen und wirtschaftlichen Forderungen drängen sich vor. Aber
wie den Massen mehr bieten als die Verteidigung ihres Brotes? Wir
müssen ihnen gleichzeitig den gesamten hehren, inneren Gehalt des
Kommunismus als Weltanschauung bringen. Geschieht das, so wird unsere
Bewegung Wurzeln fassen in allen sozialen Schichten, zumal auch unter
den bürgerlichen Intellektuellen, die zufolge der geschichtlichen
Entwicklung der letzten Jahre unsicher geworden sind in ihrem Denken
und wollen, die die alte Weltanschauung verloren, ohne im Wirbelsturm
der Zeit bereits eine neue, feste Weltanschauung gefunden zu haben.
Lassen wir die suchenden nicht zu Irrenden werden.
Wenn
ich im Sinne dieser Gedankengänge sage: „Heran an die Massen!", so sei
betont, was eine Voraussetzung des Erfolges ist. Wir dürfen das Wort
Goethes nicht vergessen: „Getretener Quark wird breit, nicht stark."
Wir müssen unsere kommunistische Ideologie ganz stark, ganz klar
erhalten. Je mehr wir an die Massen herantreten, um so notwendiger ist
es, daß die kommunistische Partei eine organisatorisch und ideologisch
festgeschlossene Einheit ist. Wir dürfen uns nicht breit, quallenartig
zerfließend in die Massen aus- gießen. Das würde zum schädlichsten
Opportunismus führen, und wir würden außerdem einen schimpflichen
Bankrott unserer Bemühungen um die Massen erleiden. Von dem
Augenblicke an, wo wir durch Konzessionen an den „Unverstand der
Massen" – neuer und alter Massen – unsere wahre Existenz als Partei
aufgeben, verlieren wir das, was für die Suchenden das Wichtigste, das
Bindende ist: die Flamme des neuen geschichtlichen Lebens, die
leuchtet und wärmt, Hoffnung gibt und Kampfkraft.
Was
not tut, ist, daß wir unsere Methoden der Agitation und Propaganda wie
unsere Literatur entsprechend den neuen Aufgaben gestalten. Wenn der
Berg nicht zu Mohammed kommt, bleibt Mohammed nichts anderes übrig,
als zum Berge zu gehen. Wenn jene neuen Massen, um die wir werben
müssen, nicht zu uns kommen, müssen wir sie aufsuchen, müssen mit
ihnen in einer Sprache reden, die ihrer Einstellung entspricht, ohne
daß wir dabei das Geringste von unserer kommunistischen Auffassung
preisgeben. Wir brauchen eine besondere Literatur für die Agitation
unter den Bauern, wir brauchen eine besondere Literatur für die
Beamten, Angestellten, Klein- und Mittelbürger jeder Art und wieder
eine eigene Literatur für die Arbeit unter den Intellektuellen.
Unterschätzen wir nicht, welche Rolle die Intellektuellen nicht nur in
der Revolution, sondern auch nach der Revolution spielen können.
Denken wir an die außerordentlich schädliche Sabotage der
Intellektuellen in Rußland nach der Oktoberrevolution. Wir wollen von
den Erfahrungen unserer russischen Brüder lernen. Deshalb müssen wir
uns klar darüber sein, daß es nicht gleichgültig ist, sowohl im
Augenblick der Revolution als nach ihr, ob die Intellektuellen bei uns
oder gegen uns stehen.
So
legt uns der Kampf gegen den Faschismus eine außerordentliche Fülle
neuer Aufgaben auf. Es ist die Pflicht jeder einzelnen Sektion der
Kommunistischen Internationale, entsprechend den gegebenen konkreten
Verhältnissen in ihrem Lande diese Aufgaben in Angriff zu nehmen und
durchzuführen.
Uns
muß jedoch bewußt bleiben, daß die ideologische und politische
Überwindung des Faschismus allein nicht genügt, um das kämpfende
Proletariat vor der Gewalt und Tücke dieses Feindes zu schützen. Das
Proletariat steht augenblicklich dem Faschismus gegenüber unter dem
Zwang der Notwehr. Sein Selbstschutz, seine Selbstverteidigung gegen
den faschistischen Terror darf nicht eine Minute vernachlässigt
werden. Es geht um Leib und Leben der Proletarier, um die Existenz
ihrer Organisationen. Selbstschutz der Proletarier, lautet ein Gebot
der Stunde. Wir dürfen den Faschismus nicht nach dem Muster der
Reformisten in Italien bekämpfen, die ihn anflehten: „Tu mir nichts,
ich tue dir auch nichts!" Nein! Gewalt gegen Gewalt! Nicht etwa Gewalt
als individueller Terror – das bliebe erfolglos. Aber Gewalt als die
Macht des revolutionären organisierten proletarischen Klassenkampfes.
Den
Anfang zum organisierten Selbstschutz des Proletariats gegen den
Faschismus haben wir in Deutschland gemacht mit der Organisierung der
Betriebshundertschaften. Wenn diese Hundertschaften ausgebaut werden
und in anderen Ländern Nachahmung finden, so wird die internationale
Überwindung des Faschismus gelingen. Aber proletarischer Kampf und
Selbstschutz gegen den Faschismus, das besagt: Proletarische
Einheitsfront ...
Der
Selbstschutz des Proletariats gegen den Faschismus ist eine der
stärksten Triebkräfte, die zum Zusammenschluß und zur Stärkung der
proletarischen Einheitsfront führen muß. Ohne Einheitsfront ist es
unmöglich, daß das Proletariat die Selbstverteidigung mit Erfolg
durchführt. Daher ist es notwendig, unsere Agitation in den Betrieben
immer mehr auszubauen und zu vertiefen. Sie muß vor allem auch jene
Gleichgültigkeit, den Mangel an Klassenbewußtsein und Solidarität in
der Seele der Arbeiter überwinden, die meinen: „Die anderen mögen
kämpfen und sich rühren, auf mich kommt es nicht an."
Wir
müssen jedem einzelnen Proletarier die Überzeugung einhämmern: Auf
mich kommt es auch an. Ohne mich geht es nicht. Ich muß dabei sein.
Mir winkt der Sieg. – Jeder einzelne Proletarier muß fühlen, daß er
mehr ist als ein Lohnsklave, mit dem die Wolken und Winde des
Kapitalismus der herrschenden Gewalten spielen. Er muß fühlen, klar
darüber sein, daß er ein Glied der revolutionären Klasse ist, die den
alten Staat der Besitzenden umhämmert in den Staat der Räteordnung.
Nur wenn wir in jedem einzelnen Arbeiter das revolutionäre
Klassenbewußtsein entzünden und zur Flamme des Klassenwillens
anblasen, wird es uns gelingen, auch militärisch die notwendige
Überwindung des Faschismus vorzubereiten und durchzuführen. Dann mag
die Offensive des Weltkapitals gegen das Weltproletariat, gestärkt
durch den Faschismus, vorübergehend noch so brutal, noch so heftig
sein, das Proletariat wird sie schließlich doch zurückschlagen. Mit
der kapitalistischen Wirtschaft, mit dem bürgerlichen Staat, mit der
Klassenherrschaft der Bourgeoisie ist es trotz des Faschismus Matthäi
am letzten. Laut, eindringlich redet uns die faschistische
Zerrüttungs- und Zerfallserscheinung der bürgerlichen Gesellschaft vom
künftigen Sieg, wenn das Proletariat wissend und wollend in
Einheitsfront kämpft. Es muß! Über dem Chaos der heutigen Zustände
wird sich die Riesengestalt des Proletariats mit dem Rufe aufrecken:
Ich bin der Wille! Ich bin die Kraft! Ich bin der Kampf, der Sieg! Mir
gehört die Zukunft!
(nach dem Protokoll der Konferenz der
Erweiterten Exekutive der Kommunistischen Internationale, Moskau,
12.-23. Juni 1923; gedruckt aufzufinden in: Clara Zetkin, Ausgewählte
Reden und Schriften, Berlin 1960, Bd. 2, S. 689-729)
Anmerkungen:
[1] Protokoll des Internationalen
Sozialistischen Arbeiterkongresses in Hamburg vom 21. bis 25. Mai
1923, Berlin 1923, S. 26
[2] ebenda, S.29
[3] „Hundsfott"-Groener – Wilhelm
Groener (1867-1939), General, 1916 stellvertretender Kriegsminister
und Chef des Kriegsamtes in Preußen. Verfasser des
„Hilfsdienstgesetzes". Erließ im April 1917 einen Aufruf zur
Unterdrückung der Streikbewegung, in dem er jeden Streikenden als
„Hundsfott" beschimpfte. In der Weimarer Republik
Reichsverkehrsminister (1920-1923), Reichswehrminister (1928-1932) und
Reichsinnenminister (1931-1932). Als Reichsverkehrsminister war er für
die am 5. August 1922 herausgegebenen „Dienstdauervorschriften"
verantwortlich, die die Durchsetzung der 48-Stunden-Woche bei der
Deutschen Reichsbahn verhinderten.
[4] Bezeichnung der Mitglieder der
Italienischen Volkspartei (Partito popolare italiana)
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