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Am Morgen jenes Tages, um
6.20 Uhr, erhielt der Präsident in seiner Residenz einen
Telefonanruf, in dem er über den Militärputsch unterrichtet
wurde. Er versetzt seinen Persönlichen Schutz unverzüglich in
Alarmbereitschaft und fasst den Entschluss, sich in den
Regierungspalast „La Moneda“ zu begeben, um die Regierung der
Unidad Popular von seinem Posten als Präsident der Republik
aus zu verteidigen. Ihn begleitete eine Eskorte von 23
Männern, die mit 23 Maschinenpistolen, 2 MGs mit 30er Kaliber
und 3 Panzerbüchsen bewaffnet sind. In 4 PKWs und einem
kleinen LKW fahren sie mit dem Präsidenten zum
Präsidentenpalast, wo sie um 7.30 Uhr ankommen.
Mit seiner Maschinenpistole
bewaffnet und in Begleitung seiner Eskorte betritt der
Präsident die Moneda durch das Haupttor. Zu dieser Stunde
verhält sich die ständige Garde der Carabineros im Palast
normal.
Im Palast informiert er über
den Ernst der Lage und über seine Entschlossenheit, bis zum
Tode zur Verteidigung der verfassungsmäßigen und legitimen
Regierung des Volkes von Chile vor dem faschistischen Putsch
zu kämpfen. Er analysiert die zur Verfügung stehenden Mittel
und erteilt die ersten Befehle zur Verteidigung des
Regierungspalastes.
Innerhalb einer Stunde wendet
sich der Präsident dreimal über den Rundfunk an das Volk.
Um 8.15 Uhr fordert die
faschistische Junta den Präsidenten auf, sich zu ergeben. Sie
bietet ihm an, in Begleitung seiner Familienangehörigen und
seiner Mitarbeiter auf dem Luftwege das Land zu verlassen. Der
Präsident antwortet ihnen, dass „sie als Verrätergeneräle
nicht wissen, was Ehrenmänner sind“, und weist das Ultimatum
empört zurück.
Der Präsident hält in seinem
Büro eine kurze Zusammenkunft mit mehreren hohen Offizieren
des Korps der Carabineros ab, die sich zu diesem Zeitpunkt in
feiger Weise weigern, die Regierung zu verteidigen. Der
Präsident macht ihnen schwere Vorwürfe und entlässt sie mit
Verachtung. Er fordert sie auf, den Ort unverzüglich zu
verlassen. Während diese Zusammenkunft mit den Chefs der
Carabineros stattfindet, treffen die drei Militäradjutanten
ein; der Präsident bringt zum Ausdruck, dass es nicht an der
Zeit sei, Uniformierten Vertrauen zu schenken, und bittet sie,
die Moneda zu verlassen. Dennoch verabschiedet sich der
Präsident herzlich von Comandante Sánchez, der jahrelang sein
tüchtiger Adjutant für die Luftwaffe gewesen ist.
Während dieser Ereignisse
treffen zahlreiche Minister, Staatssekretäre, Assessoren, die
Töchter des Präsidenten, Beatriz und Isabel, sowie weitere
Genossen der Unidad Popular im Regierungspalast ein, um in
diesen kritischen Stunden in der Nähe des Präsidenten zu sein.
Gegen 9.15 Uhr werden die
ersten Geschützsalven gegen den Palast abgefeuert. Über
zweihundert Infanteriesoldaten rücken durch die Teatinos- und
die Morandé-Straße zu beiden Seiten des Platzes der Verfassung
gegen den Präsidentenpalast vor und geben Schüsse auf das
Arbeitszimmer des Präsidenten ab. Die Kräfte, die den Palast
verteidigen, zählen nicht mehr als vierzig Personen. Der
Präsident befiehlt, gegen die Angreifer das Feuer zu eröffnen,
und schießt selbst auf die Faschisten, die sich unter
zahlreichen Verlusten ungeordnet zurückziehen.
Daraufhin lassen die
Faschisten Panzer in den Kampf eingreifen. Direkt vom
Arbeitszimmer des Präsidenten aus wird eine Panzerfaust auf
den dem Haupttor am nächsten befindlichen Panzer abgefeuert,
die diesen völlig zerstört. Zwei weitere Panzer konzentrieren
ihr Feuer auf das Arbeitszimmer des Präsidenten, und ein
Schützenpanzerwagen entlädt seine Maschinengewehre gegen das
Privatsekretariat und das Büro des Persönlichen Schutzes.
Mehrere Artilleriegeschütze eröffnen von der anderen Seite des
Platzes der Verfassung ebenfalls ihr Feuer auf den Palast.
Der Präsident eilt von
Kampfposten zu Kampfposten und ermutigt die Verteidiger. Der
heftige Kampf dauert über eine Stunde, ohne dass die
Faschisten einen einzigen Zoll Boden gewinnen.
Um 10.45 Uhr versammelt der
Präsident die zu seiner Hilfe in den Palast geeilten Minister,
Staatssekretäre und Adjutanten im Toesca-Salon. Er sagt, dass
auch der zukünftige Kampf Führer und Kader erfordere, dass
alle Unbewaffneten bei der erstbesten Gelegenheit die Moneda
verlassen, und alle diejenigen, die im Besitz von Waffen
seien, auf ihrem Kampfposten ausharren sollten. Natürlich ist
keiner der Mitarbeiter des Präsidenten, die keine Waffen
haben, mit dessen Vorschlag einverstanden; auch nicht die
Töchter des Präsidenten und die anderen Frauen, die sich in
der Moneda befinden. Sie alle weigern sich, den Palast zu
verlassen.
Der Kampf wird immer
heftiger. Die Faschisten stellen wütend neue Ultimaten und
kündigen den unverzüglichen Einsatz der Luftwaffe an, sollten
sich die Verteidiger nicht ergeben.
Um 11.45 Uhr versammelt der
Präsident seine Töchter und die Frauen um sich und befiehlt
ihnen mit aller Entschlossenheit, die Moneda zu verlassen,
denn er hält es für sinnlos, wenn sie dort ohne jede
Verteidigung sterben sollten. Und er erbittet von den
Belagerern unverzüglich eine Feuerpause von drei Minuten, um
das weibliche Personal zu evakuieren. Die Faschisten gestehen
die Feuerpause nicht zu, aber in diesem Augenblick beginnen
sich ihre Truppen aus der Umgebung des Palastes
zurückzuziehen, um den Luftangriff vortragen zu können. Der
Kampf wird dadurch unterbrochen, und die Frauen können den
Palast verlassen.
Gegen 12.00 Uhr beginnt der
Luftangriff. Die ersten Raketen fallen auf den Wintergarten
der Moneda, durchlöchern das Dach und explodieren. Neue
Geschwader jagen heran, und ein Angriff folgt dem anderen. Das
ganze Gebäude ist von Rauch und giftiger Luft verpestet.
Der Munitionsvorrat für die
Maschinengewehre des Persönlichen Schutzes des Präsidenten ist
nach nunmehr drei Kampfstunden aufgebraucht. Der Präsident
ordnet deshalb an, unverzüglich die Tür zur Waffenkammer der
Carabinero-Garnison des Palastes zu sprengen, wo sich ein Teil
ihrer Bewaffnung befinden könnte. Aus der Kammer entnimmt man
vier MGs mit 30er Kaliber und zahlreiche SiK-Gewehre, eine
große Menge Munition, Schutzmasken und Schutzhelme. Der
Präsident ordnet an, alles unverzüglich auf die Kampfposten zu
bringen, und er läuft selbst durch die Schlafsäle der
Carabineros, um SiK-Gewehre und andere Waffen, die dort
zurückgeblieben sind, zusammenzutragen.
Er trägt auf seinen Schultern
zahlreiche Waffen zur Verstärkung der Kampfposten herbei und
ruft: „So wird die erste Seite dieser Geschichte geschrieben.
Mein Volk und Amerika werden den Rest schreiben.“ Diese Worte
machen auf alle seine Mitstreiter einen tiefen Eindruck.
Während der Präsident aus der
Waffenkammer Ausrüstungen herbeiträgt, wird der Luftangriff
mit aller Heftigkeit wieder aufgenommen. Eine Explosion
zerschlägt in der Nähe des Präsidenten Fensterscheiben, und
Glassplitter verwunden ihn an der Schulter. Es ist dies seine
erste Verletzung. Während er ärztlich behandelt wird, befiehlt
er, den Waffentransport fortzuführen, und er wird nicht müde,
sich um das Schicksal eines jeden einzelnen der Genossen zu
sorgen.
Minuten später greifen die
Faschisten erneut heftig an und kombinieren den Einsatz der
Luftwaffe mit der Artillerie, den Panzern und der Infanterie.
Nach Augenzeugenberichten machen der Lärm, das
Maschinengewehrfeuer, die Explosionen und der Qualm den Palast
zur Hölle. Obwohl der Präsident den Befehl gegeben hat, alle
Wasserhähne zu öffnen, um einen Brand im Erdgeschoß zu
vermeiden, beginnt der Palast vom linken Flügel aus zu
brennen, und die Flammen breiten sich zum Adjutanten-Saal und
zum Roten Salon hin aus. Aber der Präsident, der keinen
Augenblick, auch nicht in den kritischsten Situationen,
aufgibt, befiehlt, dem massiven Angriff mit allen zur
Verfügung stehenden Mitteln zu begegnen.
Nun kriecht er unter dem
Maschinengewehrfeuer hindurch zu seinem Arbeitszimmer, dessen
Fenster auf den Platz der Verfassung hinausgeht, nimmt selbst
eine Panzerbüchse, richtet sie auf einen Panzer in der
Morandé-Straße – der wild auf den Palast losfeuert – und setzt
diesen schlagartig außer Gefecht. Wenige Augenblicke später
vernichtet ein anderer Kämpfer einen weiteren Panzer.
Die Faschisten führen durch
die Morandé-Straße weitere Schützenpanzerwagen, Soldaten und
Panzer heran und intensivieren das Feuer durch das Eingangstor
der Moneda. Der Präsident steigt mit mehreren Mitstreitern ins
Erdgeschoß hinunter, um die Faschisten daran zu hindern, von
der Morandé-Straße aus in den Palast einzudringen. Sein
Vorhaben gelingt.
Daraufhin stellen die
Faschisten das Feuer in diesem Bereich ein und verlangen nach
zwei parlamentarischen Vertretern der Regierung. Der Präsident
entsendet Fernando Flores, Generalssekretär der Regierung, und
Danile Vergara, Staatssekretär im Innenministerium, die das
Gebäude durch die Tür zur Morandé-Straße verlassen und auf
einen Jeep zugehen, der sich auf der gegenüberliegenden Seite
befindet. Das ereignet sich gegen ein Uhr mittags. Flores und
Vergara sprechen mit einem hohen Offizier. Als sie zum Palast
zurückkehren und bereits nahe dem Eingang sind, werden sie aus
diesem Jeep in verräterischer Weise beschossen, wobei Flores
einen Schuss ins rechte Bein und Daniel Vergara mehrere
Schüsse in die Schulter erhält. Beide sinken zu Boden und
werden von ihren Genossen unter dem Feuerschutz der anderen
Verteidiger ins Gebäude gezogen.
Gegen 13.30 Uhr bemächtigen
sich die Faschisten des Erdgeschosses des Palastes; die
Verteidigung organisiert sich im Obergeschoß, und der Kampf
geht weiter. Die Faschisten versuchen, über die Haupttreppe
nach oben zu gelangen. Gegen 14.00 Uhr gelingt ihnen die
Besetzung eines Teiles des Obergeschosses. Der Präsident hat
sich mit mehreren seiner Genossen in einer Ecke des Roten
Salons verschanzt. Als er bis zu der Stelle vordringt, an der
die Faschisten hereinbrechen, erhält er einen Bauchschuss, der
ihn vor Schmerz vornüber sinken lässt, aber er hört nicht auf
zu kämpfen. Auf einen Sessel gestützt, schießt er weiter auf
die nur wenige Meter entfernten Faschisten, bis ihn ein
zweiter Schuss in die Brust niederreißt, und bereits im
Sterben wird er von Kugeln durchlöchert.
Als sie den Präsidenten
fallen sehen, gehen die Angehörigen seines Persönlichen
Schutzes energisch zum Gegenangriff über und treiben die
Faschisten erneut bis zur Haupttreppe zurück.
Inmitten des Kampfes
vollbringt man nun einen Akt außergewöhnlicher Würde: Man hebt
den leblosen Körper des Präsidenten auf, trägt ihn in sein
Arbeitszimmer, setzt ihn in den Präsidentensessel, legt ihm
seine Schärpe um und hüllt ihn in eine chilenische Fahne ein.
Selbst
nach dem Tode ihres heroischen Präsidenten leisten die
Verteidiger des Palastes noch zwei Stunden lang Widerstand
gegenüber den angreifenden faschistischen Barbaren. Erst um 16
Uhr, nachdem der Präsidentenpalast bereits mehrere Stunden
gebrannt hat, wird der letzte Widerstand gebrochen. |