|
Ehrenwerte Richter! Noch nie musste ein
Rechtsanwalt seine Tätigkeit unter derart schwierigen
Bedingungen ausüben; noch nie gab es eine derartig große
Anzahl gravierender Unregelmäßigkeiten gegenüber einem
Angeklagten. In diesem Fall sind der Verteidiger und der
Angeklagte ein und derselbe Mensch. Als Verteidiger war er
nicht einmal in der Lage, einen Blick auf die Anklageschrift
zu werfen. Als Angeklagter war in den vergangenen 76 Tagen in
Einzelhaft isoliert, ohne jede Kommunikationsmöglichkeit, in
Verletzung aller Menschen- und Bürgerrechte.
Er, der nun zu Ihnen spricht, hasst
Eitelkeiten mit seinem ganzen Wesen, genauso wenig verlangen
sein Temperament oder sein Geist nach pathetischen Tricks im
Gerichtssaal oder irgendeiner Art von Sensationslust. Wenn ich
meine Verteidigung vor diesem Gericht vorbringe, dann hat dies
zweierlei Gründe. Erstens, weil mir jede Rechtshilfe fast
vollständig verweigert wurde, und zweitens: nur jemand, der so
tief verletzt wurde, der gesehen hat, wie sein Land im Stich
gelassen und seine Gesetze mit Füßen getreten wurden, kann in
diesem Moment Worte finden, die aus der Tiefe seines Herzens
und seiner innersten Wahrheit kommen.
Es gab keinen Mangel an wohlmeinenden
Genossen, die mich verteidigen wollten, und die
Anwaltsvereinigung von Havanna hat sogar einen couragierten
und kompetenten Juristen, Dr. Jorge Pagliery, den Vorstand der
Vereinigung in dieser Stadt, benannt, um mich in diesem Fall
zu verteidigen. Dennoch wurde ihm nicht gestattet, seine
Aufgabe zu erfüllen. Immer, wenn er versuchte, mich in der
Haft zu besuchen, blieben die Gefängnistore für ihn
verschlossen. Erst nach eineinhalb Monaten und aufgrund der
Intervention durch das Gericht wurde ihm schließlich
gestattet, ein zehnminütiges Gespräch mit mir zu führen – in
Gegenwart eines Offiziers des Militärgeheimdienstes. Man
möchte doch annehmen, dass ein Anwalt das Recht hat, mit
seinem Mandanten unter vier Augen zu sprechen – dieses Recht
wird auf der ganzen Welt respektiert, außer in den Fällen der
kubanischen Kriegsgefangenen, die in die Hände der
unerbittlichen Tyrannei gefallen sind, für die keinerlei
Gesetze gelten, seien es Menschen- oder Bürgerrechte. Weder
Dr. Pagliery noch ich wollten eine derart schmutzige Spionage
gegenüber unserer Verteidigungsstrategie bezüglich der
anstehenden Verhandlung dulden. Wollten sie vielleicht vorab
wissen, welche Methoden wir anwenden würden, um den Schmutz zu
beseitigen, die ihre unglaublichen Lügenfabriken rund um die
Ereignisse vor der Moncada-Kaserne produziert hatten? Wie
sollten wir vorgehen, um die furchtbare Wahrheit zu enthüllen,
zu deren Verschleierung sie so große Anstrengungen
unternahmen? Wir haben schließlich aufgrund meines Vorteils
der beruflichen Befähigung als Anwalt entschieden, dass ich
meine Verteidigung selbst übernehmen solle.
Diese Entscheidung, die der
Geheimdienstspion mitgehört und seinem Vorgesetzten berichtet
hat, sorgte für Panik. Es sah so aus, als ob ein kleines
spöttisches Teufelchen ihnen geflüstert hätte, dass ich all
ihre Pläne ruinieren würde. Sie wissen sehr gut, hoch verehrte
Richter, wie viel Druck auf mich ausgeübt wurde und ich
ertragen musste, der allein dazu dienen sollte, mich selbst
dieses Rechtes zu berauben, das durch eine lange Tradition in
Kuba garantiert ist. Das Gericht konnte dieser Vorgehensweise
nicht nachgeben, durch die der Angeklagte ohne jede
Verteidigung geblieben wäre. Der Angeklagte, der nun dieses
Recht, seinen eigenen Fall vorzubringen, ausübt, wird
keinesfalls damit aufhören, genau das zu sagen, was gesagt
werden muss. Ich halte es für äußerst wichtig, dass ich die
Gründe darlege, warum ich in dieser furchtbaren Isolation
gehalten wurde; was der Zeck war, mich ruhig zu stellen; was
hinter den Plänen steckte, mich zu ermorden – Pläne, die dem
Gericht bekannt sind; welche schwerwiegende Vorgänge vor der
Bevölkerung verborgen wurden und werden; und die Wahrheit
hinter all den eigenartigen Dingen, die sich während dieses
Prozesses ereigneten. Ich beabsichtige, dies alles mit größter
Klarheit zu tun.
Sie haben in der Öffentlichkeit davon
gesprochen, dass dieser Fall der wichtigste in der Geschichte
der Republik sei. Wenn Sie das wirklich glauben, dann hätten
Sie es nicht erlauben sollen, dass Ihre Autorität beschmutzt
und entwertet wird. Der erste
Verhandlungstag war der 21. September. Zwischen
einhundert Maschinengewehren und Bajonetten, die in
skandalöser Weise in die Hallen der Justiz eindrangen, wurden
mehr als hundert Menschen auf die Anklagebank gesetzt. Die
große Mehrheit von ihnen hatte nichts zu tun mit den
Geschehnissen. Sie wurden für viele Tage präventiv inhaftiert
und litten unter allen möglichen Angriffen und Misshandlungen
in den Kammern der Unterdrückungseinheiten. Doch der Rest der
Angeklagten, der tapfer und entschlossen war, war bereit,
stolz zu bestätigen, dass sie teilgenommen hatten am Kampf für
die Freiheit, bereit, ein Beispiel einzigartiger
Selbstaufopferung zu liefern und den Klauen der Gefängnisse
jene zu entreißen, die vorsätzlich und in böser Absicht in den
Prozess verwickelt wurden. Jene, die sich bereits im Kampf
getroffen hatten, standen einander abermals gegenüber.
Abermals würden wir im Dienste der Gerechtigkeit den
furchtbaren Kampf der Wahrheit gegen die Niedertracht führen!
Gewiss war das Regime nicht vorbereitet auf die moralische
Katastrophe, die noch auf es wartete!
Wie sollten all die falschen
Anschuldigungen aufrechterhalten werden? Wie sollte geheim
gehalten werden, was tatsächlich geschehen war, wenn so viele
junge Menschen den Willen hatten, alles zu riskieren –
Gefängnis, Folter und Tod, falls nötig –, damit vor diesem
Gericht die Wahrheit erzählt wird?
Ich wurde am ersten Verhandlungstag als
Zeuge aufgerufen. Zwei Stunden lang wurde ich sowohl durch den
Staatsanwalt als auch durch zwanzig Verteidiger befragt. Ich
war in der Lage, mit exakten Daten und Fakten die Summen des
aufgewendeten Geldes zu belegen, zu berichten, wie dieses Geld
gesammelt worden war und welche Waffen wir uns beschaffen
konnten. Ich hatte nichts zu verbergen, denn es war die
Wahrheit: all dies wurde bewerkstelligt durch in der
Geschichte unserer Republik beispiellose Opfer. Ich sprach
über die Ziele, die uns im Kampf inspiriert hatten, und über
die menschliche und großzügige Behandlung, die wir zu jedem
Zeitpunkt unseren Gegnern zukommen ließen. Wenn es mir
gelungen ist, zu beweisen, dass jene, die fälschlich in dieses
Verfahren hineingezogen wurden, in Wirklichkeit aber weder
direkt noch indirekt involviert waren, so verdanke ich dies
der umfassenden Hilfe und Unterstützung durch meine heroischen
Genossen. Da, wie ich bereits sagte, die drohenden
Konsequenzen zu keinem Zeitpunkt ihre Verfasstheit als
Revolutionäre und Patrioten infrage zu stellen vermochten, war
es mir kein einziges Mal während der Haft gestattet, mit
diesen Genossen zu sprechen – und trotzdem haben wir geplant,
exakt dasselbe zu tun. Tatsache ist, dass, wenn Menschen
dieselben Ideale im Herzen tragen, nichts sie voneinander
isolieren kann – weder Gefängnismauern noch die Grasnarbe der
Friedhöfe. Denn ein gemeinsames Gedächtnis, ein Geist, eine
Idee, ein Bewusstsein, eine Würde wird sie alle tragen.
Von dem Moment an begann das Lügengebäude,
das das Regime rund um die Ereignisse bei der Moncada-Kaserne
errichtet hat, einzustürzen wie ein Kartenhaus. Folgerichtig
realisierte der Staatsanwalt, dass es völlig absurd war, all
diese Menschen als angebliche Anstifter im Gefängnis zu
behalten, und er veranlasste ihre provisorische Freilassung.
Am Ende meine Befragung am ersten
Verhandlungstag bat ich das Gericht, mir zu erlauben, die
Anklagebank zu verlassen und auf den Sitz des Verteidigers zu
wechseln. Diese Erlaubnis wurde mir erteilt. An diesem Punkt
begann die meiner Meinung nach wichtigste Aufgabe für mich in
diesem Verfahren: die feigen, elenden und hinterhältigen
Lügen, die das Regime gegen unsere Kämpfer geschleudert hatte,
als unglaubwürdig zu entlarven; mit unwiderlegbaren Beweisen
zu enthüllen, welch furchtbare und abstoßende Verbrechen an
den Gefangenen verübt wurden; und der Nation und der Welt das
unendliche Unglück des kubanischen Volkes zu zeigen, das unter
der brutalsten und unmenschlichsten Unterdrückung seiner
Geschichte leidet.
Der zweite Verhandlungstag war Dienstag,
der 22. September. Zu diesem Zeitpunkt waren erst zehn Zeugen
befragt worden, und doch hatten sie bereits die Morde im
Gebiet von Manzanillo aufgeklärt, insbesondere indem sie die
direkte Verantwortung des kommandierenden Kapitäns des Postens
zu Protokoll gaben. Es gab 300 weitere Zeugen, die befragt
werden sollten. Was würde passieren, wenn ich – bei weiterhin
steigenden Mengen an Fakten und Beweisen – in weiterer Folge
die ehrenwerten Armeeangehörigen ins Kreuzverhör nehmen
sollte, die direkt verantwortlich für diese Verbrechen waren?
Könnte es das Regime mir erlauben, vor diesem großen
Auditorium, das den Prozess verfolgt, fort zu fahren? Vor
Journalisten und Juristen von überall auf der Insel? Und vor
den Parteiführern der Opposition, die sie dummerweise direkt
zur Anklagebank gesetzt hatten, so dass sie problemlos alles
mitbekommen konnten, was dort besprochen wurde? Sie hätten
eher das Gerichtsgebäude mitsamt all seiner Richter in die
Luft gejagt, als dass sie dies erlaubt hätten!
Und daher haben sie einen Plan entworfen,
durch den sie mich aus dem Prozessverlauf eliminieren konnten
– und sie gingen daran ihn umzusetzen, mit militärischen
Mitteln. Freitag-Abend, am 25. September, am Vorabend des
dritten Verhandlungstages, besuchten mich zwei Gefängnisärzte
in meiner Zelle. Sie waren offensichtlich verlegen. „Wir sind
gekommen, um Sie zu untersuchen“, sagten sie. Ich fragte sie:
„Wer ist so besorgt um meine Gesundheit?“ Eigentlich war mir
vom ersten Moment an, als ich sie sah, klar, wozu sie gekommen
waren. Sie haben mich mit äußerstem Respekt behandelt und
haben mir ihre missliche Lage erklärt. Am Nachmittag war
Oberst Chaviano im Gefängnis erschienen und hatte ihnen
gesagt, dass ich mit diesem Prozess der Regierung fürchterlich
schaden würde. Er hat den Ärzten gesagt, sie müssten ein
Zertifikat unterzeichnen, dass bestätigte, dass ich krank wäre
und daher nicht zur Verhandlung erscheinen könnte. Die Ärzte
meinten mir gegenüber, sie seien bereit, von ihren Ämtern
zurückzutreten und sich einer etwaigen Verfolgung auszusetzen.
Sie legten die Angelegenheit in meine Hände, damit ich
entscheiden könnte. Ich fand es schwer, diese Menschen darum
zu bitten, ohne zu zögern sich selbst zu zerstören. Aber
ebenso wenig konnten ich – egal unter welchen Umständen –
zulassen, dass der Befehl ausgeführt würde. Ich überließ die
Angelegenheit ihrem Gewissen und sagte ihnen nur: „Ihr müsst
wissen, was eure Aufgabe ist; ich kenne meine.“
Nachdem sie meine Zelle verlassen hatten,
unterzeichneten sie das Zertifikat. Ich weiß, dass sie es
deshalb taten, weil sie im guten Glauben waren, dass nur so
mein Leben gerettet werden könnte, von dem sie dachten, es
wäre in größter Gefahr. Ich wurde nicht verpflichtet, unsere
Konversation geheim zu halten, zumal ich nur der Wahrheit
verpflichtet bin. In diesem Fall die Wahrheit zu sagen,
bedeutet, die materiellen Interessen dieser guten Ärzte aufs
Spiel zu setzen, doch gleichzeitig beseitige ich alle Zweifel
über ihre Ehrenhaftigkeit, die viel mehr wert ist. In
derselben Nacht schrieb ich dem Gericht einen Brief, in dem
ich den Plan aufdeckte; und ich bat um die Entsendung zweier
gerichtlicher Ärzte, die meinen exzellenten Gesundheitszustand
bestätigen sollten und außerdem Sie zu informieren, dass ich
es tausendmal vorziehen würde, mein Leben zu verlieren, wenn
ich an solch einem Betrug teilnehmen müsste, um es zu retten.
Um meine Entschlossenheit zu zeigen, gegen dieses gesamte
verkommene Komplott zu kämpfen, ergänzte ich meine eigenen
Worte noch um eine Zeile des Meisters [gemeint ist José Martí,
1853-1895, kubanischer Dichter, Freiheitskämpfer und
Nationalheld; Anm. d. Übers.]: „Eine gerechte Sache kann
selbst aus den Tiefen einer Höhle mehr zuwege bringen als eine
Armee.“ Wie das Gericht weiß, war dies ein Brief, den Dr.
Melba Hernández am dritten Verhandlungstag des Prozesses am
26. September vorgelegt hat. Es gelang mir
trotz der schweren Bewachung, ihn ihr zu übergeben.
Dieser Brief zog selbstverständlich unmittelbar
Vergeltungsmaßnahmen nach sich. Dr. Hernández wurde zur
Einzelhaft verurteilt und ich – nachdem ich ohnedies schon
ohne Außenkontakte war – wurde in den unzugänglichsten Teil
des Gefängnisgebäudes überstellt. Von da an wurden alle
Angeklagten immer von Kopf bis Fuß genau durchsucht, bevor sie
in den Gerichtssaal gebracht wurden.
Zwei gerichtliche Ärzte bestätigten am 27.
September, dass ich mich tatsächlich perfekter Gesundheit
erfreute. Und doch, den wiederholten Anordnungen des Gerichtes
zum Trotz, wurde ich nicht wieder zu den Anhörungen gebracht.
Darüber hinaus ließen anonyme Leute täglich hunderte falsche
Flugblätter zirkulieren, die meine Befreiung aus dem Gefängnis
ankündigten. Diese dummen Fälschungen wurden erfunden, damit
sie mich vollständig physisch eliminieren und dann behaupten
könnten, ich hätte einen Fluchtversuch unternommen. Nachdem
dieses Pläne misslangen aufgrund rechtzeitiger Aufdeckung
durch immer wachsame Freunde und nachdem die erste beeidigte
Erklärung als Fälschung entlarvt worden war, konnte mich das
Regime nur noch durch die offene und schamlose Missachtung des
Gerichts vom Prozess fernhalten.
Das war eine unglaubliche Situation,
verehrte Richter: hier hatte ein Regime tatsächlich Angst
davor, einen Angeklagten vor Gericht zu bringen; ein Regime,
das in Blut gebadet ist und auf Terror basiert, schrak zurück
vor der moralischen Überzeugung eines verteidigungslosen
Menschen – unbewaffnet, verleumdet und isoliert. Und auf diese
Weise, nachdem ich bereits um alles andere betrogen worden
war, betrogen sie mich zu guter letzt auch noch um das
Gerichtsverfahren, in dem ich der Hauptangeklagte war.
Erinnern Sie sich, dass dies alles in der Zeit geschah, in der
die individuellen Rechte suspendiert waren, während der Akt
über die öffentliche Ordnung und die Zensur über Rundfunk und
Presse in Kraft waren. Welch unglaubliche Verbrechen muss
dieses Regime begangen haben, wenn es die Stimme eines
einzelnen angeklagten Menschen derart fürchtet!
Ich muss näher eingehen auf die
Unverschämtheit und den fehlenden Respekt seitens der
Armeeführer gegenüber dem Gericht. So oft dieses Gericht das
Ende meiner unmenschlichen Isolationshaft angeordnet hat; so
oft es angeordnet hat, dass meine elementarsten Rechte
respektiert werden müssten; so oft es darum ersucht hat, dass
ich vor Gericht gebracht würde – so oft wurde den Anordnungen
dieses Gerichts nicht Folge geleistet! Noch schlimmer: in
Gegenwart des Gerichts, während der ersten und zweiten
Anhörung, wurden links und rechts von mir Wachmänner
aufgestellt, die mich unter allen Umständen davon abhalten
sollten, mit irgendjemandem zu sprechen, selbst während der
kurzen Unterbrechungen. Mit anderen Worten, nicht nur im
Gefängnis, sondern auch im Gerichtssaal und in Ihrer Gegenwart
haben sie Ihre Anordnungen ignoriert. Ich hatte vor, diese
Angelegenheit in der darauf folgenden Anhörung als Frage des
elementaren Respekts vor dem Gericht zu erwähnen, aber – ich
wurde nie wieder zurückgebracht. Und falls sie, im Austausch
für soviel Missachtung, uns vor Sie bringen, damit wir
eingesperrt werden im Namen einer Gesetzlichkeit, die sie und
nur sie seit dem 10. März verletzt haben, dann wäre die Rolle,
die sie Ihnen aufgezwungen hätten, wahrlich eine traurige. Die
lateinische Maxime „Cedant arma togae!“ [„Die Waffen mögen der
Toga weichen!“, Cicero; soll bedeuten: „Die Gewalt möge dem
Gesetz weichen!“; Anm. d. Übers.] wurde freilich nicht zu
einem einzigen Anlass während dieses Prozesses erfüllt. Ich
bitte Sie, diesen Umstand gut im Gedächtnis zu behalten.
Darüber hinaus waren diese Mittel in allen
Fällen eher nutzlos; meine tapferen Genossen erfüllten mit
beispiellosem Patriotismus ihre Aufgabe nach besten Kräften.
„Ja, wir haben uns vorgenommen, für Kubas
Freiheit zu kämpfen, und wir schämen uns nicht dafür, so
gehandelt zu haben“, erklärten sie, einer nach dem anderen, im
Zeugenstand. Dann klagten sie mit beeindruckendem Mut
gegenüber dem Gericht die abscheulichen Verbrechen an, die den
Körpern unserer Freunde angetan worden waren. In meiner Zelle
war ich trotz meiner Absenz in der Lage, den Prozess in allen
seinen Details zu verfolgen. Und ich habe den Inhaftierten im
Gefängnis Boniato dafür zu danken. Trotz aller Bedrohungen
fanden diese Menschen bemerkenswerte Mittel, um mir
Zeitungsartikel und allerlei andere Informationen zukommen zu
lassen. Auf diese Weise rächten sie die Misshandlungen und
Unmenschlichkeiten, die an ihnen verübt wurden, sei es durch
Taboada, den Gefängnisdirektor, oder durch den
Verwaltungsinspektor, Leutnant Rozabal, der sie von
Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zwang, seine private Villa
zu bauen, und sie hungern ließ, als er das
Nahrungsmittelbudget des Gefängnisses veruntreute.
Mit Fortlauf des Prozesses verkehrten sich
die Rollen ins Gegenteil: jene, die gekommen waren, um
anzuklagen, fanden sich selbst als Angeklagte, und die
Angeklagten wurden zu den Anklägern! Es waren nicht mehr die
Revolutionäre, die hier verurteilt werden sollten; verurteilt
wurde nun und für alle Ewigkeit ein Mann namens Batista – ein
schreckliches Ungeheuer – und es macht wenig aus, dass diese
mutigen und wertvollen jungen Männer verurteilt wurden, wenn
die Menschen morgen den Diktator und seine Handlanger
verurteilen werden! Unsere Männer wurden überstellt ins
Gefängnis der Insel Pines, in dessen Rundgängen der Burggeist
noch fortlebt und wo die Schreie unzähliger Opfer nachhallen;
dorthin wurden unsere jungen Männer geschickt, damit sie für
ihre Liebe zur Freiheit büßen, in bitterer Gefangenschaft,
verbannt aus der Gesellschaft, herausgerissen aus ihrer Heimat
und ausgewiesen aus ihrem Land. Ist es für Sie nicht
offensichtlich, wie ich zuvor sagte, dass es unter solchen
Umständen für diesen Anwalt schwierig und unangenehm ist,
seine Aufgabe zu erfüllen?
Als Ergebnis so vieler undurchsichtiger und
illegaler Machenschaften, aufgrund des Wunsches jener, die
regieren, und aufgrund der Schwäche jener, die urteilen,
befinde ich mich nun hier in diesem kleinen Raum im
Bürgerspital, wohin ich gebracht wurde, damit ich im Geheimen
abgeurteilt werde, damit ich nicht gehört werde und meine
Stimme erstickt wird, damit niemand von den Dingen erfährt,
die ich zu sagen habe. Warum benötigen wir dann eigentlich
diesen imponierenden Justizpalast, den die ehrenwerten Richter
zweifellos weitaus komfortabler finden würden? Ich muss Sie
warnen: es ist unklug, die Rechtsprechung von einem
Krankenhausraum aus auszuüben, umgeben von Wächtern mit
fixierten Bajonetten; die Bürger könnten annehmen, dass unsere
Justiz krank sei – und dass sie gefangen genommen sei.
Lassen Sie mich die Tatsache in Erinnerung
bringen, dass unser Verfahrensrecht vorgibt, dass
Gerichtsprozesse öffentliche Anhörungen zu sein haben;
Nichtsdestotrotz wurde das gesamte Volk von dieser Anhörung
ausgesperrt. Die einzigen Zivilisten, denen es erlaubt war,
hierher zu kommen, sind zwei Anwälte und sechs Reporter, in
deren Zeitungen die Zensur dafür sorgen wird, dass nicht ein
einziges meiner Worte abgedruckt werden wird. Ich sehe, meine
einzigen Zuhörer in dieser Kammer und in den Gängen davor sind
die annähernd einhundert Soldaten und Offiziere. Ich bin
dankbar für die höfliche und ernsthafte Aufmerksamkeit, die
sie mir schenken. Ich wünschte nur, ich könnte gleich die
gesamte Armee vor mir haben! Ich weiß, eines Tages wird diese
Armee vor Wut kochend die schrecklichen und schmachvollen
Blutflecken von ihren Uniformen waschen, Blutflecken, die die
gegenwärtige skrupellose Führungsclique in ihrer
Herrschaftssucht zu verantworten hat. Was für ein tiefer Fall
wird an diesem Tag jene auf ihren hohen Rössern erwarten,
deren Arroganz ins Unermessliche gestiegen ist! –
vorausgesetzt, dass das Volk sie nicht schon viel früher
stürzt!
Abschließend sollte ich wohl hinzufügen,
dass mir in meiner Zelle keine Ausgabe des Strafgesetzbuches
erlaubt war. Ich habe zu meiner Verfügung nur dieses winzige
Gesetzbuch, das mir mein Beistand geliehen hat, Dr. Baudillo
Castellanos, der mutige Verteidiger meiner Genossen. Auf
dieselbe Weise verhinderten sie, dass ich die Bücher von Martí
bekommen konnte; offenbar hat die Gefängniszensur sie als zu
subversiv eingestuft. Oder war dies der Fall, weil ich sagte,
dass Martí uns am 26. Juli inspiriert hat? Referenzliteratur
zu jedem anderen Bereich wurde mir ebenfalls während dieses
Prozesses verweigert. Aber das macht keinen Unterschied! Denn
ich trage die Lehren des Meisters [Martí] in meinem Herzen,
und in meinem Gedächtnis die großen Ideen aller Menschen, die
überall die Freiheit des Volkes verteidigt haben!
Ich werden dieses Gericht nur um eines
ersuchen; ich bin sicher, diesem Gesuch wird stattgegeben
werden als Kompensation für die die vielen Verbrechen und
Misshandlungen, die der Angeklagte ohne Schutz durch das
Gesetz zu ertragen hatte. Ich ersuche darum, dass mein Recht,
mich hier vor Gericht zu äußern und zu erklären, ohne
Einschränkungen respektiert wird. Anders könnte selbst der
geringste Anschein von Gerechtigkeit nicht gewahrt bleiben,
sonst wäre die letzte Episode dieses Verfahrens sogar noch
mehr als alle vorherigen eine der Schändlichkeit und der
Feigheit.
Ich muss gestehen, dass ich etwas
enttäuscht bin. Ich hätte erwartet, dass der ehrenwerte
Staatsanwalt mit gravierenden Anschuldigungen gegen mich
auftreten würde. Ich dachte, er wäre darauf vorbereitet, bis
aufs Äußerste seine Ansicht zu rechtfertigen, warum ich im
Namen des Gesetzes und der Gerechtigkeit – welches Gesetzes
und welcher Gerechtigkeit? – zu 26 Jahren im Gefängnis
verurteilt werden sollte. Doch nein. Er hat sich darauf
beschränkt, den Artikel 148 des Gesetzes zur Verteidigung der
gesellschaftlichen Ordnung zu rezitieren. Auf dieser Basis und
durch die fälschliche Überbewertung der Umstände verlangte er,
dass ich für die übermäßig lange Zeit von 26 Jahren
eingesperrt werden sollte! Zwei Minuten scheinen doch eine
sehr kurze Zeit zu sein, um zu verlangen und zu rechtfertigen,
dass ein Mensch für mehr als ein Vierteljahrhundert hinter
Gittern verschwinden soll. Kann es sein, dass der ehrenwerte
Staatsanwalt vielleicht etwas verärgert ist über das Gericht?
Denn so wie ich es sehe, steht seine lakonische Haltung in
diesem Fall doch dem feierlichen Ernst entgegen, mit dem die
ehrenwerten Richter ziemlich stolz erklärt haben, dass dieser
Prozess von größter Wichtigkeit sei! Ich habe Staatsanwälte
gehört, die zehnmal länger gesprochen haben – in einfachen
Drogenprozessen, bei denen sie eine Freiheitsstrafe von bloß
sechs Monaten verlangten. Der ehrenwerte Staatsanwalt hat
nicht ein einziges Wort vorgebracht, um sein Gesuch zu
unterstützen. Ich bin ein aufrichtiger Mann. Ich sehe ein,
dass es schwierig ist für einen Staatsanwalt, der gegenüber
der Verfassung der Republik seine Loyalität beeidet hat,
hierher zu kommen, um im Namen einer verfassungswidrigen
de-facto-Regierung ohne gesetzlicher oder moralischer Basis zu
verlangen, dass ein junger Kubaner, ein Anwalt wie er selbst –
vielleicht sogar ebenso ehrenwert wie er selbst –, für 26
Jahre ins Gefängnis gesteckt werden soll. Aber der ehrenwerte
Staatsanwalt ist ein begabter Mann und ich habe schon sehr
viel weniger talentierte Personen gesehen, die überlange
Hetzschriften zur Verteidigung dieses Regimes verfasst haben.
Wie kann es dann sein, dass ich annehme, dass ihm die Gründe
fehlen, es zu verteidigen, zumindest für 15 Minuten, wie sehr
verachtenswert dies auch für jede anständige Person wäre? Es
ist offensichtlich, dass es hier eine große Verschwörung
hinter all dem gibt.
Ehrenwerte Richter! Warum dieses Interesse,
mich zum Schweigen zu bringen? Warum ist jede Art eines
Arguments vorhersehbar, womit verhindert werden soll, dass
irgendeine Zielfläche präsentiert wird, gegen die ich meine
eigene Darstellung des Sachverhalts richten könnte? Ist es,
weil sie jeder gesetzlichen, moralischen und politischen Basis
entbehren, auf der eine ernsthafte Hinterfragung möglich wäre?
Haben sie Angst vor der Wahrheit? Hoffen sie vielleicht, dass
auch ich nur zwei Minuten sprechen und dabei keine jener
Punkte berühren werde, die gewissen Leuten seit dem 26. Juli
schlaflose Nächte bereitet haben? Nachdem der Antrag des
Staatsanwaltes drauf beschränkt war, bloß fünf Zeilen eines
Artikels des Gesetzes zur Verteidigung der gesellschaftlichen
Ordnung vorzulesen – haben sie angenommen, ich würde mich
ebenfalls auf dieselben Zeilen beschränken und um sie kreisen,
wie ein Sklave einen Mühlstein dreht? Ich kann unter keinen
Umständen eine derartige Knebelung akzeptieren, zumal in
diesem Verfahren weit mehr als die Freiheit eines einzelnen
Individuums auf dem Spiel steht. Fundamentale Prinzipien
werden hier besprochen, das Recht des Menschen, frei zu sein,
wird verhandelt, die tiefsten Fundamente unserer Existenz als
zivilisierte und demokratische Nation sind auf der Waage. Wenn
dieser Prozess vorbei ist, möchte ich mir nicht vorwerfen, ich
hätte irgendein Prinzip nicht verteidigt, ich hätte irgendeine
Wahrheit nicht ausgesprochen, ich hätte irgendein Verbrechen
nicht angeprangert.
Der kurze Artikel des ehrenwerten
Staatsanwaltes verdient kaum eine Minute meiner Zeit. Ich muss
mich selbst für den Moment auf ein kurzes gesetzliches
Geplänkel gegen ihn beschränken, denn ich möchte das Feld
aufbereiten für einen Angriff gegen all die endlosen Lügen und
Betrügereien, die Heuchelei, Trägheit und moralische Feigheit,
die die Bühne bieten für die unfeine Komödie, die seit dem 10.
März – und auch schon davor – in Kuba Gerechtigkeit genannt
wird.
Es ist ein fundamentales Prinzip des
Strafgesetzbuches, dass eine zur Last gelegte Tat exakt mit
der Tat übereinstimmen muss, wie sie das Gesetz beschreibt.
Wenn kein Gesetz für eine genaue Anwendung in Frage kommt,
dann gibt es keine potenzielle Straftat.
Der fragliche Artikel lautet wörtlich: „Zu
einer Gefängnisstrafe von drei bis zehn Jahren ist zu
verurteilen, wer einen Akt vollzieht, dessen Ziel ein
bewaffneter Aufstand gegen die verfassungsrechtlichen Gewalten
des Staates ist. Die Strafe soll zwischen fünf und zwanzig
Jahren betragen, wenn der Akt des Aufstandes tatsächlich
umgesetzt wird.“
In welchem Land lebt der ehrenwerte
Staatsanwalt? Wer hat ihm gesagt, wir hätten einen Aufstand
gegen die verfassungsgemäßen Gewalten des Staates im Sinn
gehabt? Zwei Dinge sind von selbst offensichtlich. Als
allererstes ist klar, dass eine Diktatur, die die Nation
unterdrückt, keine verfassungsgemäße Gewalt ist, sondern eine
verfassungswidrige: sie wurde errichtet gegen die Verfassung,
über den Kopf der Verfassung hinweg, indem die legitime
Verfassung der Republik vergewaltigt wurde. Die legitime
Verfassung ist jene, die direkt von einem souveränen Volk
ausgeht. Ich werde diesen Punkt später genauer ausführen,
ungeachtet all der Ausflüchte, die die Feiglinge und Verräter
erfinden, um das Unrechtmäßige doch noch zu rechtfertigen.
Zweitens bezieht sich der Artikel auf Gewalten im Plural, wie
es im Fall einer Republik zutrifft, wo eine legislative
Gewalt, eine exekutive Gewalt und die Gerichtsbarkeit
voneinander unabhängig sind und einander kontrollieren. Wir
haben eine Rebellion angefacht gegen eine einzige Gewalt,
gegen eine illegale, die widerrechtlich die Macht ergriffen
hat und verschmolzen ist zu einer einzigen sowohl legislativen
als auch exekutiven Gewalt des Staates, wodurch sie das ganze
System zerstört hat, das gerade durch jenes Gesetz, das wir
jetzt analysieren, geschützt war. Bezüglich der Unabhängigkeit
der Rechtsprechung seit dem 10. März werde ich mich aller
Kommentare enthalten, denn mir ist momentan nicht zum Scherzen
zumute… – Egal wie der Artikel 148 gedehnt, verkürzt oder
erweitert wird – nicht ein einziger Beistrich korreliert mit
den Ereignissen vom 26. Juli. Lassen Sie uns diesen Artikel
vorerst zurücklassen und warten wir auf die Möglichkeit, ihn
gegen jene anzuwenden, die wirklich einen Aufstand gegen die
verfassungsgemäßen Gewalten des Staates zu verantworten haben.
Ich werde später zurückkommen zu diesem Gesetz, um das
Gedächtnis des ehrenwerten Staatsanwalts etwas aufzufrischen
bezüglich gewisser Umstände, die er bedauerlicherweise
übersehen hat.
Ich warne Sie, ich bin gerade erst am
Anfang! Wenn es in Ihren Herzen einen kleinen Überrest gibt
von Liebe zu Ihrem Land, von Liebe für die Menschlichkeit, von
Liebe zur Gerechtigkeit, dann hören Sie sorgfältig zu. Ich
weiß, dass ich für viele Jahre zum Schweigen gebracht werden
soll; ich weiß, dass das Regime mit allen möglichen Mitteln
versuchen wird, die Wahrheit zu unterdrücken; ich weiß, dass
es eine Verschwörung geben wird, um mich in Vergessenheit zu
begraben. Aber meine Stimme wird nicht erstickt werden – sie
wird von meinem Innersten auch dann immer wieder auferstehen,
wenn ich mich alleine fühle, und mein Herz wird ihr all das
Feuer geben, das ihr die abgestumpften Feiglinge verweigern.
In einer Hütte in den Bergen hörte ich am
Montag, den 27. Juli, im Radio die Stimme des Diktators, als
immer noch 18 unserer Männer in Waffen standen gegen die
Regierung. Jene, die nie ähnliche Momente erlebt haben, werden
nie diese Art der Bitterkeit und Empörung kennen. Während die
lang gehegte Hoffnung, unser Volk zu befreien, zerstört war,
hörten wir die hämische Freude des Tyrannen über diese
zerstörte Hoffnung, nunmehr noch bösartiger und arroganter als
je zuvor. Der schier endlose Strom von Lügen und
Verleumdungen, fortlaufend ausgeschüttet durch seine
ungeschminkte, hasserfüllte, abstoßende Sprache, kann nur
verglichen werden mit dem endlosen Strom jungen Blutes, das
seit der vorherigen Nacht vergossen worden war – mit seinem
Wissen, seiner Zustimmung, Mittäterschaft und Genehmigung –,
vergossen durch die unmenschlichste Bande von Mördern, die
vorstellbar ist. Ihm auch nur für einen einzigen Moment zu
glauben, würde ausreichen, um einen gewissenhaften Menschen
für den Rest seines Lebens mit Reue und Schmach zu erfüllen.
Ich konnte nicht einmal hoffen, seine elende Stirn mit dem
Brandzeichen der Wahrheit zu versehen, was ihn für den Rest
seiner Tage und für alle Zeiten verdammen würde. Bereits
kreisten uns mehr als eintausend Männer ein, ausgestattet mit
Waffen, die weitaus besser waren als unsere, mit dem
entschiedenen Auftrag, unsere Körper zurückzubringen. Nun, da
die Wahrheit ans Tageslicht kommt, nun – vor Ihnen sprechend –
erfülle ich die Mission, die ich mir selbst gesetzt habe, ich
kann friedlich und zufrieden sterben. Ich werde mir kein Blatt
vor den Mund nehmen, wenn ich über diese grausamen Mörder
spreche.
Ich muss kurz unterbrechen, um einen Moment
lang über die Fakten nachzudenken. Die Regierung selbst
behauptete, dass der Angriff mit einer solchen Präzision und
Perfektion vorgetragen wurde, dass er zweifelsfrei von
Militärstrategen geplant gewesen sein musste. Nichts könnte
weiter von der Wahrheit entfernt sein! Der Plan wurde von
einer Gruppe junger Männer konzipiert – und kein einziger von
ihnen hatte irgendwelche militärischen Erfahrungen. Ich werden
ihre Namen nennen, wobei ich zwei übergehe, die weder tot noch
im Gefängnis sind: Abel Santamaría, José Luis Tasende, Renato
Guitart Rosell, Pedro Miret, Jesús Montané und ich selbst. Die
Hälfte von ihnen ist tot, und ich kann im ehrenvollen Gedenken
an sie sagen, dass auch sie keine militärischen Experten
waren, sie hatten genug Patriotismus zu geben; wären wir nicht
von Anbeginn an in einem derartigen Nachteil gewesen, so hätte
es eine Tracht Prügel gegeben für all die Generäle, diese
Generäle des 10. März, die weder Soldaten noch Patrioten sind.
Weitaus schwieriger als die Planung des Angriffs gestalteten
sich für uns die Organisierung, das Training, die
Mobilisierung und die Bewaffnung der Männer unter diesem
repressiven Regime, das Millionen Dollar ausgibt für Spionage,
Bestechung und Geheimdienste. Trotzdem wurde alles von diesen
Männern und vielen anderen wie ihnen mit unglaublicher
Ernsthaftigkeit, Diskretion und Disziplin ausgeführt. Noch
mehr bemerkenswert ist die Tatsache, dass sie bereit waren,
für diese Aufgabe alles zu geben, was sie hatten;
schlussendlich auch ihr Leben.
Die letzte Mobilisierung der Männer, die in
diese Provinz aus den entferntesten Städten der ganzen Insel
kamen, wurde bewerkstelligt mit bewundernswerter Präzision und
unter absoluter Geheimhaltung. Es ist ebenso wahr, dass der
Angriff mit einer großartigen Koordination durchgeführt wurde.
Er begann gleichzeitig um 5 Uhr 15 am Morgen sowohl in Bayamo
als auch in Santiago de Cuba. Und einer wie der andere, mit
einer Exaktheit von Minuten und Sekunden, bereitete sich auf
den Angriff vor, die Gebäude der Umgebung wurden von unseren
Kräften eingenommen. Nichtsdestotrotz werde ich im Interesse
der Wahrheit, und selbst wenn es unsere Verdienste schmälert,
auch erstmals eine Tatsache aufdecken, die für uns fatal war:
durch einen äußerst unglücklichen Fehler bewegte sich die
Hälfte unserer Kräfte, und zwar die besser bewaffnete Hälfte,
weg zum Stadttor und konnte uns im entscheidenden Augenblick
nicht helfen. Abel Santamaría, ein Mann von 21 Jahren, hatte
das Bürgerspital besetzt; mit ihm gingen ein Arzt und zwei
unserer weiblichen Genossinnen, um sich der Verwundeten
anzunehmen. Raúl Castro, begleitet von zehn Männern, besetzte
den Justizpalast, und meine Verantwortung war es, die Kaserne
anzugreifen mit den restlichen 95 Männern. Unterstützt durch
eine Vorhut von acht Mann, die Tor 3 angriffen, kam ich mit
der ersten Gruppe von 45 Männern an. Genau hier begann die
eigentliche Schlacht, als mein Wagen in eine Außenpatrouille
mit Maschinengewehren fuhr. Die Reserveeinheit, die, die
beinahe alle schweren Waffen bei sich hatte (die leichten
Waffen waren bei der Vorhut), nahm eine falsche Abzweigung und
verirrte sich schlichtweg in einer ihr unbekannten Stadt. Ich
möchte aber festhalten, dass ich nicht einen Augenblick den
Mut dieser Männer in Zweifel ziehen möchte; sie fühlten
Schmerz und Verzweiflung, als sie realisierten, dass sie sich
verirrt hatten. Aufgrund der Art der Aktion und auch deshalb,
weil die gegnerischen Truppen annähernd gleich gefärbte
Uniformen trugen, war es nicht leicht für die Verlorenen,
wieder mit uns in Kontakt zu kommen. Viele von ihnen, die
später gefangen genommen wurden, traten dem Tod mit wahrem
Heldenmut gegenüber.
Alle hatten als wichtigste Instruktionen,
im Kampf human zu sein. Niemals war eine Gruppe bewaffneter
Männer großzügiger gegenüber dem Feind. Von Anfang an nahmen
wir zahlreiche Gefangene – ungefähr zwanzig – und dann gab es
einen Moment, in dem es drei unserer Männer, Ramiro Valdés,
José Suárez und Jesús Montané, gelang, eine Militärbaracke zu
stürmen und beinahe 50 Gefangene für eine kurze Zeit in Schach
zu halten. Diese Soldaten haben vor dem Gericht ausgesagt und
sie haben ausnahmslos anerkannt, dass wir sie mit größtem
Respekt behandelt haben, dass wir sie nicht einmal einer
einzigen abwertenden Bemerkung ausgesetzt haben. In dieser
Hinsicht möchte ich mich für diese eine Sache im Laufe des
Prozesses auch herzlich beim Staatsanwalt bedanken: als er
seinen Bericht vortrug, war er fair genug, es als
unumstößliche Tatsache anzuerkennen, dass wir während des
ganzen Kampfes im Geiste der Ritterlichkeit verblieben.
Die Disziplin der Soldaten hingegen hat
sehr zu wünschen übrig gelassen. Sie haben uns schließlich
besiegt, weil sie zahlenmäßig weit überlegen waren – fünfzehn
zu eins – und weil sie unterstützt wurden durch die
Verteidigungsmöglichkeiten der Festung. Unsere Männer erwiesen
sich als die weitaus besseren Schützen, wie selbst unsere
Feinde einräumten. Es gab auf beiden Seiten einen hohen Grad
an Tapferkeit.
Wenn ich versuche, unsere taktischen Fehler
zu analysieren – abgesehen von dem einen bereits erwähnten
bedauerlichen Zwischenfall –, so glaube ich, dass die
Aufteilung unserer Kommandoeinheit, die wir sie so sorgfältig
ausgebildet hatten, eine Fehler war. Von unseren besten Männer
und unseren kühnsten Anführern waren 27 in Bayamo, 21 beim
Bürgerspital und 10 beim Justizpalast. Wenn wir unsere Kräfte
anders eingeteilt hätten, dann wäre das Ergebnis der Schlacht
vielleicht ein anderes gewesen. Der Zusammenstoß mit der
Patrouille (der rein zufällig war, denn die Einheit hätte auch
zwanzig Sekunden früher oder später an diesem Punkt sein
können) alarmierte das Lager und gab den Soldaten Zeit für die
Mobilisierung. Ansonsten wäre es ohne einen einzigen
abgefeuerten Schuss in unsere Hände gefallen, da wir bereits
die Wachposten kontrollierten. Außerdem – abgesehen von den
Kaliber-22-Waffen, für die wir Unmengen an Patronen hatten –
verfügten wir einfach über zu wenig Munition. Wenn wir
Handgranaten gehabt hätten, dann hätte uns die Armee keine
fünfzehn Minuten Widerstand leisten können.
Als ich schließlich überzeugt war, dass
alle weiteren Versuche, die Kaserne einzunehmen, unnütz waren,
begann ich mit dem Rückzug unserer Männer in Gruppen von
jeweils acht oder zehn Männern. Unser Rückzug wurde
abgesichert durch sechs exzellente Scharfschützen, kommandiert
von Pedro Miret und Fidel Labrador; sie haben ein Vorrücken
der Armee heroisch verhindert. Unsere Verluste im Kampf waren
gering; 95% unserer Toten sind der Unmenschlichkeit der Armee
nach dem Ende der Schlacht zuzuschreiben. Die Gruppe beim
Krankenhaus hatte gar nur einen Gefallenen zu verzeichnen; der
Rest der Gruppe war gefangen, als die Truppen den einzigen
Ausgang versperrten; aber unsere Jungen legten nicht die
Waffen nieder, bevor nicht ihre letzte Kugel verschossen war.
Unter ihnen war Abel Santamaría, der großherzigste, hoch
geschätzte und furchtloseste unserer jungen Männer, dessen
glorreicher Widerstand ihn in der Geschichte Kubas unsterblich
macht. Wir müssen uns vor Augen führen, welches Schicksal sie
erlitten haben und wie Batista den Heroismus unserer Jugend
bestrafte.
Wir hatten geplant, den Kampf in den Bergen
fortzuführen, falls der Angriff auf das Regiment fehlschlagen
sollte. In Siboney war es mir möglich, ein Drittel unserer
Kräfte zu sammeln; aber viele von ihnen waren nun entmutigt.
Ungefähr 20 von ihnen entschieden sich für die Aufgabe des
Kampfes; wir werden später sehen, was aus ihnen geworden ist.
Die übrigen 18 Männer folgten mir mit der restlichen Munition
und den Waffen in die Berge. Das Terrain war uns völlig
unbekannt. Für ungefähr eine Woche hielten wir die Höhen von
Gran Piedra, während die Armee die umliegenden Hügel besetzte.
Wir konnten nicht hinunter; sie wollten nicht riskieren,
herauf zu kommen. Es war nicht Waffengewalt, sondern es waren
Hunger und Durst, was schlussendlich unseren Widerstand brach.
Ich musste die Männer in kleinere Gruppen unterteilen. Manchen
von ihnen gelang es, durch die Armeelinien zu schlüpfen;
andere wurden durch Monsignor Pérez Serantes der Armee
übergeben. Am Ende blieben nur zwei Genossen bei mir – José
Suárez und Oscar Alcalde. Während wir drei immer schwächer und
schwächer wurden, überraschte uns eine Armeeeinheit geführt
von Leutnant Sarría im Morgengrauen im Schlaf.
Das war am Samstag, am 1. August. Zu
diesem Zeitpunkt hatte das Abschlachten der Gefangenen
aufgrund des Protests der Bevölkerung bereits geendet. Dieser
Offizier, ein Mann der Ehre, schützte uns davor, dass wir auf
der Stelle mit unseren Händen gefesselt ermordet würden.
Ich muss hier die dummen Behauptungen von
Ugalde Carrillo & Co. nicht widerlegen, die versucht haben,
meinen Namen zu beschmutzen, um ihre eigene Feigheit,
Inkompetenz und ihr verbrecherisches Vorgehen zu maskieren.
Die Fakten sind klar genug.
Es ist nicht meine Absicht, das Gericht mit
epischen Erzählungen zu langweilen. Alles, was ich gesagt
habe, ist essentiell für das genauere Verständnis dessen, was
jetzt folgt.
Lassen Sie mich zwei wichtige Tatsachen
erwähnen, die eine objektive Einschätzung unserer Einstellung
erleichtern werden. Erstens: wir hätten das Regiment einfach
übernehmen können, indem wir die hochrangigen Offiziere in
ihren privaten Häusern festnehmen. Diese Möglichkeit wurde von
uns nicht in Betracht gezogen aufgrund des äußerst
menschlichen Gedankens, dass wir Szenen von Tragik oder Gewalt
in Gegenwart ihrer Familien vermeiden wollten. Zweitens: wir
haben beschlossen, keine Radiostation zu besetzen, solange das
Armeecamp nicht in unserer Gewalt wäre. Diese Einstellung, in
unüblicherweise großmütig und rücksichtsvoll, ersparte der
Bevölkerung jedes größere Blutvergießen. Mit nur zehn Männern
hätte ich eine Radiostation besetzen und die Bevölkerung zur
Revolte aufrufen können. Es gibt keinen Zweifel am Willen des
Volkes zum Kampf. Ich hatte Aufnahmen von Eduardo Chibás’
letzter Nachricht über Radio CMQ [E. Chibás, Führer der
bürgerlich-reformistischen „Orthodoxen Partei“, 1907-1951,
erschoss sich im Anschluss an diese Radioansprache; Anm. d.
Übers.], patriotische Gedichte und Kampflieder, die geeignet
gewesen wären, selbst die am wenigsten empfindsamen Menschen
zu bewegen, insbesondere angesichts des Lärms des
tatsächlichen und gegenwärtigen Kampfes in ihren Ohren. Aber
ich wollte diese Aufnahmen nicht benützen, obwohl unsere
Situation verzweifelt war.
Das Regime hat immer wieder wiederholt,
dass unsere Bewegung keine Unterstützung in der Bevölkerung
hätte. Ich habe nie eine Behauptung gehört, die derart naiv
und gleichzeitig so voll von böser Absicht war. Das Regime
versucht zu zeigen, dass es auf Seiten des Volkes
Unterwürfigkeit und Feigheit gäbe. Sie fordern nicht, dass das
Volk die Diktatur unterstützt; sie wissen nicht, wie
beleidigend dies wäre für die mutigen Menschen im Osten der
Insel. In Santiago glaubten manche zunächst, unser Angriff
wäre nur eine lokale Auseinandersetzung zwischen zwei
Fraktionen in der Armee; erst viele Stunden später erkannten
die Menschen, was wirklich geschehen war. Wer kann die
Tapferkeit, den öffentliche Stolz und die unbegrenzte Courage
der aufständischen und patriotischen Menschen von Santiago de
Cuba anzweifeln? Wenn die Moncada-Kaserne in unsere Hände
gefallen wäre, dann hätten selbst die Frauen von Santiago
triumphierend ihre Arme in die Höhe gestreckt. Viele unserer
Waffen wurden geladen durch die Krankenschwestern im
Bürgerspital. Sie kämpften mit uns, an unserer Seite. Das ist
etwas, das wir nie vergessen werden.
Es war nie unser Ansinnen, die Soldaten des
Regiments in einen Kampf zu zwingen. Wir wollten die Kontrolle
über sie und ihre Waffen durch einen Überraschungsangriff
erlangen, die Bevölkerung aufrütteln und die Soldaten
aufrufen, der verhassten Fahne der Tyrannei abzuschwören und
das Banner der Freiheit zu umarmen; die höchsten Interessen
der Nation zu verteidigen – und nicht die Interessen einer
kleinen Clique; ihre Waffen zu wenden und gegen die Feinde des
Volkes zu kehren anstatt gegen das Volk, unter dem sich ihre
eigenen Väter und Söhne befinden; sich mit dem Volk als die
Brüder zu vereinigen, die sie sind, anstatt das Volk
anzugreifen als die Feinde, zu denen das Regime es machen
will; zu marschieren hintern dem einzigen schönen Ideal, das
es wert ist, das Leben zu opfern – die Erhabenheit und das
Glück unseres Landes. Jene, die anzweifeln möchten, dass uns
viele Soldaten gefolgt wären, möchte ich fragen: Welcher
Kubaner schätzt nicht Ruhm und Ehre? Welches Herz wird nicht
entflammt durch die Aussicht auf Freiheit?
Die Marine hat nicht gegen uns gekämpft und
zweifellos hätte sie sich später offen auf unsere Seite
gestellt. Es ist allgemein bekannt, dass dieser Teil der
Streitkräfte am wenigsten durch die Diktatur dominiert ist und
dass es unter seinen Mitgliedern ein intensives
Bürgerbewusstsein gibt. Aber hätten sie, so wie der Rest
nationalen Streitkräfte, gegen das aufständische Volk
gekämpft? Ich sage, sie hätten das nicht getan. Ein Soldat ist
aus Fleisch und Blut; er denkt, beobachtet, fühlt. Er ist
empfänglich für Meinungen, Gedanken, Sympathien und
Antipathien des Volkes. Wenn Sie ihn nach seiner Meinung
fragen, so wird er womöglich sagen, er könne sich nicht
äußern; aber das bedeutet ja nicht, dass er keine Meinung hat.
Er ist betroffen durch genau die gleichen Probleme, die andere
Bürger betreffen – Lebensunterhalt, Rente, Ausbildung seiner
Kinder, deren Zukunft etc. Alle diese Dinge sind
unausweichlich Kontaktpunkte zwischen ihm und dem Volk und
alle diese Dinge stellen ihn in eine Beziehung zur Gegenwart
und zur Zukunft der Gesellschaft, in der er lebt. Es wäre
töricht zu glauben, dass das Einkommen, das er vom Staat
bezieht – ein eher bescheidenes Einkommen –, seine
Lebensprobleme lösen würde, denen er ausgesetzt ist durch
seine Bedürfnisse, Verpflichtungen und Gefühle als Mitglied
seiner Gemeinschaft.
Diese kurze Erklärung war notwendig, weil
sie grundlegend ist für eine Überlegung, der bislang nur
wenige Menschen Aufmerksamkeit geschenkt haben – Soldaten
haben tiefen Respekt für die Gefühle der Mehrheit des Volkes!
Während des Machado-Regimes nahm die Loyalität der Armee
offensichtlich in jenem Verhältnis ab, wie die öffentliche
Antipathie anstieg. Dies war so wahrhaftig, dass eine Gruppe
von Frauen mit ihren subversiven Versuchen im Lager Columbia
beinahe erfolgreich gewesen wäre. Doch darüber hinaus wird
dies sogar durch gegenwärtige Entwicklungen bestätigt. Während
das Regime Grau San Martín fähig war, größte Popularität in
der Bevölkerung zu genießen, starteten skrupellose Offiziere
und machthungrige Zivilisten zahllose Verschwörungen in der
Armee.
Der Putsch vom 10.
März fand in einem Moment statt, an dem das Prestige
der zivilen Regierung auf das Niedrigste abgenommen hatte, ein
Umstand, aus dem Batista und seine Clique Kapital schlagen
konnten. Warum führten sie ihren Schlag nicht nach dem 1. Juni
[geplanter Wahltermin; Anm. D. Übers.] aus? Einfach deshalb,
weil die Truppen für die Verschwörung nicht einsetzbar gewesen
wären, wenn sie darauf gewartet hätten, dass die Mehrheit der
Nation ihren Willen bei den Wahlen zum Ausdruck gebracht
hätte!
Folgerichtig kann eine zweite Behauptung
aufgestellt werden: die Armee hat niemals gegen ein Regime
revoltiert, das die Mehrheit der Öffentlichkeit hinter sich
hatte. Das sind historische Wahrheiten und wenn Batista darauf
besteht, um jeden Preis gegen den Willen der Mehrheit der
Kubaner an der Macht zu bleiben, dann wird sein Ende weitaus
mehr tragisch sein als das von Gerardo Machado [1871-1939;
kubanischer Diktator 1925-1933; Anm. d. Übers.].
Ich habe das Recht, meine Meinung über die
bewaffneten Kräfte auszudrücken, weil ich sie verteidigt habe,
als alle anderen geschwiegen haben. Und ich tat dies weder als
Verschwörer noch aufgrund persönlicher Interessen – damit wir
dann volle verfassungsgemäße Rechte genießen würden. Ich wurde
nur angetrieben durch menschliche Instinkte und
Bürgerpflichten. In diesen Tagen war die Zeitung „Alerta“
aufgrund ihrer Position zu nationalen politischen Fragen eine
der am meisten gelesenen. Sie führte eine Kampagne gegen die
Zwangsarbeiten, zu denen die Soldaten auf den
Privatgrundstücken von hohen zivilen Persönlichkeiten und
Offizieren der Armee verpflichtet wurden. Am 3. März 1952
unterstützte ich das Gericht mit Daten, Fotografien, Filmen
und anderen Beweisen, die diese Affäre aufdeckten. Ich habe in
diesen Artikeln auch hervor gestrichen, dass es elementarste
Anstandsformen gebieten, die Soldatengehälter anzuheben. Ich
würde gerne wissen, wer sonst noch seine Stimme erhoben hat,
um gegen diese ganze Ungerechtigkeit gegenüber den Soldaten zu
protestieren. Batista & Co. natürlich nicht, die gut geschützt
auf ihren luxuriösen Gütern lebten, umgeben von allen
möglichen Sicherheitseinrichtung, während ich ohne Bodyguards
oder Waffen stetiger Gefahr ausgesetzt war.
Ebenso wie ich die Soldaten damals
verteidigt habe, so sage ich ihnen jetzt – wo wieder alle
anderen schweigen –, dass sie furchtbar getäuscht worden sind;
und zur Täuschung und der Schmach vom 10. März kommt die
Schande, die tausendmal größere Schande, der furchtbaren und
nicht zu rechtfertigen Verbrechen von Santiago de Cuba. Seit
dieser Zeit ist die Uniform der Armee mit Blut befleckt. Und
so wie ich letztes Jahr den Menschen gesagt und vor dem
Gericht verkündet habe, dass Soldaten auf Privatgrundstücken
wie Sklaven arbeiten, so klage ich heute an, dass es Soldaten
gibt, die von Kopf bis Fuß mit dem Blut junger Kubaner
befleckt sind, die sie gefoltert und ermordet haben. Und ich
sage ebenso, dass, wenn die Armee der Republik dient, die
Nation verteidigt, das Volk respektiert und die Bürger
beschützt, es nur fair wäre, wenn ein Soldat mindestens 100
Pesos im Monat verdient. Aber wenn die Soldaten das Volk
unterdrücken und ermorden, die Nation betrügen und nur die
Interessen einer kleinen Gruppe verteidigen, dann verdient die
Armee nicht einen Cent vom Geld der Republik, und das Lager
Columbia sollte umgewandelt werden in eine Schule mit
zehntausenden Waisenkindern, die dort anstatt der Soldaten
eine Unterkunft finden könnten.
Ich möchte gerecht gegenüber allen sein,
daher kann ich nicht alle Soldaten für die abscheulichen
Verbrechen verantwortlich machen, derer einige wenige üble und
hinterhältige Armeeangehörige schuldig sind. Aber jeder
ehrenhafte und aufrechte Soldat, der seine Berufung und seine
Uniform liebt, ist verpflichtet, diese Schuld zu thematisieren
und für ihre Tilgung zu kämpfen, diesen Betrug zu rächen und
die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen. Sonst wird die
Soldatenuniform für immer ein Zeichen der Schande sein anstatt
eine Quelle des Stolzes.
Natürlich hatte das Regime vom 10. März
keine andere Wahl, als die Soldaten von den Privatgrundstücken
zurückzuziehen. Aber das tat es bloß, um sie sie sodann als
Türsteher, Chauffeure, Diener und Bodyguards einzusetzen für
den ganzen Haufen jener Politiker, die auf der Seite der
Diktatur stehen. Jeder viert- oder fünftklassige offizielle
Vertreter des Regimes sieht sich selbst als Nutznießer dieser
Dienste der Soldaten, die ihre Autos fahren sollen und auf
sich achten, so als ob sie permanent Angst hätten, sie würden
irgendwann den Tritt in den Hintern bekommen, den sie gewiss
verdienen.
Wenn sie doch irgendwie an wirklichen
Reformen interessiert gewesen wären, warum hat das Regime dann
nicht die Ländereien und die Millionen von Männern wie
Genovevo Pérez Dámera konfisziert, die ihren Wohlstand der
Ausbeutung von Soldaten verdanken, indem sie sie wie Sklaven
angetrieben haben und finanzielle Mittel der Armee
unterschlagen haben? Aber nein: Genovevo Pérez und andere wie
er werden fraglos immer noch mitsamt ihrer Besitzungen von
Soldaten beschützt, da die Generäle vom 10. März tief in ihren
Herzen natürlich dieselbe Zukunft anstreben und keinerlei
diesbezüglichen Präzedenzfall erlauben können.
Der 10, März war ein schlimmer Betrug, ja…
– Nachdem Batista und seine Bande korrupter und schändlicher
Politiker mit ihren Plänen, mittels der Wahlen an die Macht zu
kommen, gescheitert waren, nützten sie die Unzufriedenheit in
der Armee, um über die Rücken der Soldaten hinauf zur Macht zu
klettern. Und ich weiß, dass es viele Armeeangehörige gibt,
die angewidert sind, weil sie enttäuscht wurden. Zunächst
wurde ihre Bezahlung erhöht, dann jedoch wurde sie durch
diverse Abzüge und Reduktionen wieder hinabgesetzt. Viele der
alten Elemente, die bereits die Armee verlassen hatten, kamen
wieder zurück in ihre alten Ränge, wo sie den Weg für junge,
tüchtige und wertvolle Männer blockieren, die sonst vielleicht
aufgestiegen wären. Gute Soldaten wurden übergangen, während
ein geradezu skandalöser Nepotismus weit verbreitet ist. Viele
ehrliche Militärangehörige fragen sich nun, welche
Veranlassung die Armee hatte, diese schwerwiegende historische
Verantwortung der Zerstörung unserer Verfassung auf sich zu
nehmen, nur um eine Gruppe unmoralischer Männer an die Macht
zu bringen, Männer mit schlechter Reputation, korrupt,
politisch hoffnungslos degeneriert, Männer, die ohne
Unterstützung der Bajonette niemals wieder politische Ämter
besetzen hätten können; und sie selbst waren nicht einmal jene
mit den Bajonetten in ihren Händen…
Auf der anderen Seite erleiden die Soldaten
eine schlimmere Tyrannei als die Zivilisten. Sie befinden sich
unter ständiger Überwachung und nicht ein einziger genießt die
geringste Sicherheit in seinem Job. Jeder ungerechtfertigte
Verdacht, jedes Gerücht, jede Intrige oder Denunzierung kann
die Versetzung, die unehrenhafte Entlassung oder die
Einkerkerung bedeuten. Hat nicht Tabernilla in einem
Memorandum den Soldaten verboten, mit irgendjemandem zu
sprechen, der nicht auf der Seite der Regierung steht, also –
kurz gesagt – mit 99% der Bevölkerung? Was für ein Misstrauen!
Nicht einmal die vestalischen Jungfrauen von Rom mussten
derartige Bestimmungen einhalten! Und was die viel gepriesenen
kleinen Häuser für neue Rekruten betrifft, so gibt es in
Wahrheit nicht einmal 300 auf der ganzen Insel; mit dem Geld,
dass für Panzer, Gewehre und andere Waffen ausgegeben wurde,
hätte jeder Soldat einen Platz zum Leben haben können. Batista
ist nicht daran interessiert, für die Armee Sorge zu tragen,
sondern daran, dass die Armee für ihn sorgt! Er verbessert die
Mittel der Armee zum Unterdrücken und Töten, aber er
verbessert nicht die Lebensbedingungen der Soldaten.
Verdreifachte Dienstzeiten, permanente Unterkunft in Kasernen,
andauernde Beklemmung, die Feindschaft des Volkes,
Unsicherheit über die Zukunft – das ist es, was die Soldaten
bekommen haben. Mit anderen Worten: „Stirb für das Regime,
Soldat, gib ihm deinen Schweiß und dein Blut. Wir werden dir
eine Rede widmen und dich posthum auszeichnen (wenn es nichts
mehr bedeutet) und danach… leben wir weiterhin im Luxus,
werden uns weiterhin bereichern. Töte, missbrauche,
unterdrücke das Volk. Wenn das Volk genug hat und all diesem
ein Ende bereitet wird, dann kannst du für unsere Verbrechen
bezahlen, während wir ins Ausland gehen und wie Könige leben.
Und falls wir eines Tages zurückkehren, dann klopfe nicht an
die Türen unserer Villen, denn wir werden Millionäre sein und
Millionäre geben sich nicht mit den Armen ab. Töte, Soldat,
unterdrücke das Volk, stirb für das Regime, gibt deinen
Schweiß und dein Blut…“
Aber falls eine Minderheit blind für diese
traurige Wahrheit sich dafür entschieden hat, das Volk zu
bekämpfen, das dabei war, sie von der Tyrannei zu befreien,
würde immer noch das Volk siegen. Der ehrenwerte Staatsanwalt
hat sich sehr interessiert gezeigt bezüglich unserer
Erfolgsaussichten. Diese Chancen basierten auf Überlegungen
bezüglich technischer, militärischer und sozialer
Begebenheiten. Sie haben versucht, den Mythos zu verbreiten,
dass moderne Armeen dem Volk keine Möglichkeit mehr ließen,
einen Tyrannen zu stürzen. Militärparaden und die pompöse
Vorführung der Kriegsmaschinerie dienen dazu, diesen Mythos am
Leben zu halten und dem Volk das Gefühl völliger
Machtlosigkeit zu geben. Doch keine Waffen, keine Gewalt kann
das Volk niederhalten, wenn es einmal seiner Bestimmung gewiss
ist, seine Rechte wiederzugewinnen. Sowohl die Vergangenheit
als auch die Zukunft sind voll von Beispielen dafür. Das
letzte ist die Revolte in Bolivien, wo Bergarbeiter mit
Dynamitstangen reguläre Armeeregimenter besiegt haben.
Glücklicherweise müssen wir Kubaner nicht
nach Beispielen aus dem Ausland suchen. Kein Beispiel ist so
inspirierend wie jenes unseres eigenen Landes. Während des
Krieges von 1895 gab es beinahe eine halbe Million bewaffneter
spanischer Soldaten in Kuba, viel mehr als der Diktator heute
hat, um eine fünfmal größere Bevölkerung niederzuhalten. Die
Waffen der Spanier waren unvergleichlich moderner und besser
als die unserer Guerillakämpfer. Häufig waren die Spanier mit
Feldartillerie ausgerüstet und die Infanterie benutzte
Hinterlader ähnlich zu solchen, wie sie auch heute noch bei
Infanterieeinheiten in Verwendung sind. Die Kubaner waren
zumeist mit nicht mehr bewaffnet als ihren Macheten, denn die
Patronengurte waren fast immer leer. Es gibt eine
unvergessliche Passage in der Geschichte unseres
Unabhängigkeitskrieges, erzählt von General Miró Argenter,
Chef von Antonio Maceos Generalstab. Es ist mir gelungen, es
hier kopiert auf diesen Zettel mitzubringen, damit ich nicht
von meinem Gedächtnis abhängig sein würde:
„Ungeübte Männer unter dem Kommando von
Pedro Delgado, die meisten nur mit Macheten ausgerüstet,
wurden regelrecht aufgerieben, als sie sich den soliden Linien
der Spanier entgegen warfen. Es ist keine Übertreibung, wenn
man sagt, dass von jeweils 50 Männern 25 getötet wurden.
Manche griffen die Spanier sogar mit ihren bloßen Fäusten an,
ohne Macheten, selbst ohne Messer. Als wir das Schilf am Fluss
Hondo durchsuchten, fanden wir 15 weitere tote Kubaner, und es
war nicht sofort klar, zu welcher Gruppe sie gehörten. Es sah
so aus, als hätten sie keine Gewehre gehabt, ihre Kleider
waren in Ordnung und bloß Trinkbecher aus Zinn hingen an ihren
Gürteln; ein Stück weiter lag das tote Pferd, das Equipment
intakt. Wir rekonstruierten den Ablauf der Tragödie. Diese
Männer, die ihrem wagemutigen Anführer, Leutnant Pedro
Delgado, folgten, hatten wahrlich Heldenlorbeeren verdient:
sie hatten sich den spanischen Bajonetten mit bloßen Händen
entgegen geworfen, das Aneinanderschlage von Metal, das wir
zuvor gehört hatten, war der Lärm ihrer Trinkbecher, die gegen
die Sättel der Pferde schlugen. Maceo war tief bewegt. Dieser
Mann, der es gewohnt war, den Tod in all seinen Formen zu
sehen, murmelte den Satz: ‚Ich habe so etwas noch nie gesehen,
ungeübte und unbewaffnete Männer, die die Spanier nur mit
ihren Trinkbechern als Waffen angreifen. Und ich habe es als
Belastung bezeichnet!’“
So kämpfen Menschen, wenn sie ihre Freiheit
gewinnen möchten; sie werfen Steine nach Flugzeugen und
besiegen Panzer!
Sobald Santiago de Cuba in unserer Hand
gewesen wäre, hätten wir sofort die Menschen in der Provinz
Oriente auf den Kampf vorbereitet. Bayamo wurde gezielt
angegriffen, um unsere Vorhut entlang des Flusses Cauto
aufzustellen. Vergessen Sie nie, dass diese Provinz, die heute
eineinhalb Millionen Einwohner hat, die rebellischste und
patriotischste in Kuba ist. Es war diese Provinz, die über 30
Jahre den Unabhängigkeitskampf am Leben hielt, die den
höchsten Preis bezüglich Blut, Opfer und Heroismus bezahlte.
In Oriente kann man immer noch die Luft dieses glorreichen
Epos’ einatmen. In der Morgendämmerung, wenn der Hahn kräht,
um wie ein Horn für die Soldaten zum Angriff zu blasen, und
wenn die Sonne aufgeht über den Bergen, dann scheint es, als
würden wir noch einmal die Tage von Yara und Baire durchleben!
Ich habe gesagt, dass die zweite
Überlegung, auf der unsere Erfolgschancen basierten, die Frage
der sozialen Ordnung war. Warum waren wir uns der
Unterstützung durch das Volk sicher? Wenn wir über das Volk
sprechen, dann sprechen wir nicht über jene Menschen, die in
Wohlstand leben, die konservativen Elemente in unserer Nation,
die jedes repressive Regime begrüßen, jede Diktatur, jeden
Despotismus, die sich vor den Herrschern des Augenblicks in
den Staub werfen, bis sie mit ihrer Stirn den Boden aufgraben.
Wenn wir vom Kampf sprechen und das Volk erwähnen, dann meinen
wir die großen unerlösten Massen, jene, denen alle
Versprechungen machen, die aber von allen betrogen werden; wir
meinen das Volk, das sich nach einer besseren, würdigeren und
gerechteren Nation sehnt; die bewegt werden durch das vererbte
Streben nach Gerechtigkeit, weil sie unter Ungerechtigkeit und
Spott über Generationen hinweg gelitten haben; jene, die sich
nach bedeutenden und weisen Veränderungen bezüglich aller
ihrer Lebensaspekte sehnen; Menschen, die, um diese
Veränderungen zu erreichen, bereit sind, ihren letzten Atemzug
zu geben, wenn sie an eine Sache glauben, insbesondere wenn
sie an sich selbst glauben. Die erste Bedingung der
Aufrichtigkeit und des guten Willens bei jeder Anstrengung
ist, ganz genau das zu tun, was sonst niemand tut, nämlich
klar und deutlich ohne Angst zu sprechen. Die Demagogen und
Berufspolitiker, die das Kunststück zuwege bringen, immer
recht zu haben und es jedem recht zu machen, betrügen
notwendigerweise jeden in jeder Angelegenheit. Die
Revolutionäre müssen ihre Ideen couragiert vorbringen, ihre
Prinzipien definieren und ihre Absichten erklären, damit
niemand getäuscht wird, weder Freund noch Feind.
Wenn wir in Fragen des Kampfes über das
Volk sprechen, so sprechen wir über die 600.000 Kubaner ohne
Arbeit, die ihr tägliches Brot ehrlich verdienen möchten, ohne
auf der Suche nach Lebensunterhalt zur Emigration gezwungen zu
sein; wir sprechen über die 500.000 Landarbeiter, die in
miserablen Hütten leben, die vier Monate im Jahr arbeiten und
den Rest hungern, die diese Misere mit ihren Kindern teilen,
die keinen einzigen Quadratmeter Land zum Bestellen haben und
deren Schicksal jedes Herz, das nicht aus Stein ist, bewegen
muss; wir sprechen über die 400.000 Industriearbeiter, deren
Fonds zur Altersvorsorge veruntreut wurden, deren soziale
Zuwendungen gestrichen wurden, deren Heimat erbärmliche
Elendsviertel sind, deren Löhne quasi direkt von der Hand
ihres Bosses in die Hand des Geldverleihers wechseln, deren
Zukunft in Lohnkürzungen und Entlassungen besteht, deren Leben
Arbeit ohne Ende bedeutet und die erst am Friedhof zur Ruhe
kommen werden; wir sprechen von den 100.000 Kleinbauern, die
leben und sterben unter Bedingungen, wo sie Land bearbeiten,
das ihnen nicht gehört, die dieses Land mit der Traurigkeit
betrachten, mit der sich Moses nach dem gelobten Land sehnte,
die dazu verurteilt sind, ohne diese Land jemals zu besitzen,
zu sterben, die wie Feudalbauern dafür bezahlen müssen, ihre
Parzelle zu bewirtschaften, indem sie einen Teil ihrer
Produkte abgeben, die ihre Parzelle nicht lieben, nicht
verbessern, nicht verschönern oder auf ihrem Land eine Zeder
oder einen Orangenbaum pflanzen können, weil sie nie wissen,
ob nicht ein Wachmann mit der Landpolizei kommen wird, um sie
von diesem Fleck zu vertreiben; wir sprechen über die 30.000
Lehrer und Professoren, die ihr Leben der besseren Bestimmung
künftiger Generation widmen, sich diesem Ziel unterordnen und
dafür auch so notwendig sind, die aber so schlecht behandelt
und bezahlt werden; wir sprechen von den 20.000 kleinen
Gewerbetreibenden, die durch Schulden belastet sind, die
ruiniert werden durch die Krisen und die beschwatzt werden
durch die Plage der korrupten und käuflichen Beamten; wir
sprechen von den 10.000 jungen Menschen mit höherer
Ausbildung: Ärzte, Ingenieure, Anwälte, Tierärzte, Lehrer,
Zahnärzte, Apotheker, Journalisten, Maler, Bildhauer etc., die
ihre Ausbildung mit einem Diplom beendet haben, die voller
Hoffnung begierig darauf sind, endlich zu arbeiten, sich dann
aber in einer Sackgasse wieder finden, wo alle Türen für sie
verschlossen bleiben und niemand ihre Klagen oder Bitten hört.
Das ist das Volk, das sind die Menschen, die das Unglück
kennen und daher bereits sind, mit unlimitierter Courage zu
kämpfen! Zu diesen Menschen, deren verzweifelter Lebensweg mit
Betrug und falschen Versprechungen gepflastert worden ist,
werden wir nicht sagen: „Wir werden euch dies oder jenes
geben.“ Wir werden ihnen sagen: „So sieht es aus, jetzt kämpft
für eure Bedürfnisse und Wünsche mit allem, was ihr habt,
damit ihr eure Freiheit und euer Glück gewinnt!“
Die fünf revolutionären Gesetze, die
unmittelbar nach der Einnahme der Moncada-Kaserne erlassen und
über die Radiostationen verlautbart worden wären, müssen in
die Prozessakten aufgenommen werden. Es ist möglich, dass
Oberst Chaviano diese Dokumente vorsätzlich zerstört hat, aber
selbst dann habe ich sie noch in meinem Gedächtnis.
Das erste revolutionäre Gesetz hätte die
Macht wieder dem Volk zurückgegeben und hätte die Verfassung
von 1940 als höchstes Staatsgesetz proklamiert bis zu der
Zeit, wenn das Volk sich entscheiden sollte, die Verfassung zu
ändern. Und um diese Verfassung wieder in Kraft zu setzen und
um jene zu bestrafen, die sie verletzt haben, müsste die
revolutionäre Bewegung – solange es noch keine gewählten
Staatsorgane gäbe – als unmittelbarer Ausdruck dieser
Volkssouveränität die einzige Quelle legitimer Gewalt sein,
müsste alle somit implizierten Möglichkeiten konzentrieren,
ausgenommen die Möglichkeit, die Verfassung selbst zu ändern:
mit anderen Worten, sie würde die legislative, exekutive und
gerichtliche Gewalt ausüben.
Diese Einstellung könnte nicht klarer sein,
nicht freier von Unschlüssigkeiten und Scharlatanerie. Eine
Regierung, befugt durch die Masse des aufständischen Volkes,
würde mit jeder Macht ausgestattet sein, mit allem, was nötig
ist, um dem Volkswillen und wirklicher Gerechtigkeit wieder zu
effektiver Geltung zu verhelfen. Von diesem Moment an würde
die bisherige gerichtliche Gewalt – die sich seit dem 10. März
selbst gegen die und außerhalb der Verfassung gestellt hat –
aufhören zu bestehen, und wir würden voranschreiten zu ihrer
sofortigen und totalen Reform, bevor sie dann wieder die
Aufgaben übernehmen könnte, die ihr das höchste Gesetz der
Republik zuschreibt. Ohne diese vorherigen Mittel, eine
Rückkehr zur Legalität durch die Übergabe dieser Aufgaben in
genau jene Hände, die das System zuvor so unehrenhaft zerstört
haben, das wäre eine Täuschung, ein weiterer Betrug.
Das zweite revolutionäre Gesetz würde nicht
pfändbares und nicht übertragbares Land zuweisen – und zwar
allen Pächtern und Subpächtern, allen Kleinstbauern und
Siedlern, die weniger als fünf Caballerías [kubanisches
Flächenmaß: 1 caballíera = 13,5 Hektar; Anm. d. Übers.] Land
haben, und der Staat würde die vormaligen Eigentümer mit einem
Betrag auf Basis jener Grundrente, die sie in zehn Jahren
erlangt hätten, entschädigen.
Das dritte revolutionäre Gesetz würde den
Arbeitern und Angestellten das Recht zugestehen, 30% der
Gewinne aller großen Industrie, Handels, und
Bergbauunternehmen aufzuteilen, inklusive der
Zuckerrohrbetriebe. Die rein landwirtschaftlichen Unternehmen
wären davon ausgenommen, da für sie andere spezielle Gesetze
vorgesehen wären.
Das vierte revolutionäre Gesetz hätte allen
Zuckerrohrfarmern das Recht zugestanden, 55% der Gewinne
aufzuteilen, den kleinen Pachtbauern, die bereits mindestens
drei Jahre ihr Land bestellen, eine Mindestquote von 40.000
Arroba [kubanisches Gewicht: 1 arroba = 25 Pfund; Anm.].
Das fünfte revolutionäre Gesetz hätte
angeordnet, dass alle Güter und unrechtmäßig erworbenen
Einnahmen jener Menschen konfisziert werden, die unter den
vorherigen Regimes für Betrügereien verantwortlich waren, und
ebenso die Güter und unrechtmäßig erworbenen Einnahmen ihrer
Nachfolger und Erben. Um dies zu ermöglichen, müssten
Sondergerichte mit allen Vollmachten ausgestattet werden, um
Zugang zu allen Aufzeichnungen aller in diesem Land
eingetragenen oder operierenden Unternehmen zu haben, um
versteckte Gelder illegaler Herkunft zu untersuchen und um
darum zu ersuchen, dass ausländische Regierungen die
verantwortlichen Personen ausliefern sowie deren Geldbestände
zurückhalten, die rechtmäßig dem kubanischen Volk gehören. Die
eine Hälfte des somit wiedererlangten Vermögens würde dazu
verwendet, die Pensionskassen der Arbeiter zu subventionieren,
die andere Hälfte würde Krankenhäusern, Heimen und karitativen
Einrichtungen zugute kommen.
Darüber hinaus wurde erklärt, dass die
kubanische Politik in den Amerikas eine der engen Solidarität
mit den demokratischen Völkern dieses Kontinents wäre, und
dass alle politisch verfolgten Menschen, die durch blutige
Tyranneien in unseren Schwesternationen unterdrückt werden,
großzügig Asyl, Geschwisterlichkeit und Brot im Lande von
Martí finden sollten; nicht die Verfolgung, den Hunger und den
Verrat, die sie heute bei uns finden. Kuba sollte ein Bollwerk
der Freiheit sein – und nicht ein beschämendes Glied in der
Kette des Despotismus.
Diese Gesetze wären sofort verlautbart
worden und in Kraft getreten. Sobald dieser Umbruch erfolgt
gewesen wäre und noch vor einer detaillierten und
weitreichenden Untersuchung, wären diesen Gesetzen eine
weitere Reihe von Gesetzen sowie Angelegenheiten von
fundamentaler Relevanz gefolgt, so die Landreform, die
integrale Bildungsreform, die Nationalisierung des
Elektrizitätstrusts und des Telefontrusts, die Summen aus
illegalen und repressiven Tarifen, die diese Gesellschaften
der Bevölkerung verrechnet hatten, müssten refundiert,
Schulden aufgrund von Steuern, die sie in der Vergangenheit in
unverschämter Weise umgangen haben, würden eingehoben werden.
Alle diese Gesetze und auch die weiteren
würden grundlegend und exakt den Vorgaben zweier essentieller
Artikel unserer Verfassung entsprechen: der eine verordnet das
Verbot großer Anwesen – mittels Angabe eines Maximums, wie
viel Land eine Einzelperson oder eine Einheit besitzen darf
für jede Art einer landwirtschaftlichen Unternehmung –, sodass
gegebenenfalls Maßnahmen ergriffen werden können, die dafür
sorgen würden, dass das Land wieder an die Kubaner
zurückfällt. Der andere gebietet dem Staat kategorisch, alle
zur Verfügung stehenden Mittel anzuwenden, um allen Menschen
eine Beschäftigung zu bieten, die keine haben, sowie um
annehmbare Lebensumstände für alle körperlich oder geistig
werktätigen Menschen zu sichern. Keines dieser Gesetze kann
als verfassungswidrig bezeichnet werden. Die erste durch das
Volk gewählte Regierung hätte sie zu respektieren gehabt –
nicht nur aufgrund moralischer Verpflichtungen gegenüber der
Nation, sondern weil, wenn die Menschen etwas erreichen,
wonach sich bereits Generationen gesehnt haben, keine Kraft
der Welt befugt ist, es ihnen wieder wegzunehmen.
Das Problem des Landes, das Problem der
Industrialisierung, das Problem des Wohnens, das Problem der
Arbeitslosigkeit, das Problem der Bildung und das Problem der
Volksgesundheit: dies sind die sechs Probleme, für deren
Lösung wir unmittelbar Schritte eingeleitet hätten –
gleichzeitig mit der Restaurierung der bürgerlichen Freiheiten
und der politischen Demokratie.
Diese Ausführungen mögen kühl und
theoretisch erscheinen für jemanden, der die schockierenden
und tragischen Bedingungen unseres Landes bezüglich dieser
sechs Probleme nicht kennt – neben der erniedrigenden
politischen Unterdrückung.
85% der Kleinbauern in Kuba zahlen
Grundrenten und leben unter der ständigen Bedrohung, von dem
Land, das sie bebauen, vertrieben zu werden. Mehr als die
Hälfte unseres produktivsten Bodens ist in den Händen von
Ausländern. In Oriente, der größten Provinz Kubas, reichen die
Ländereien der United Fruit Company und der West Indian
Company durchgehend von der Nord- bis zur Südküste. Es gibt
200.000 Landbewohnerfamilien, die nicht einen Quadratmeter
Land zum Bebauen haben, um ihre hungernden Kinder mit
Nahrungsmitteln zu versorgen. Auf der anderen Seite bleiben
beinahe 300.000 Caballerías fruchtbaren Landes, das den
Mächtigen gehört, unbebaut und liegen brach. Wenn Kuba
schlussendlich doch ein landwirtschaftlich geprägter Staat
ist, wenn seine Bevölkerung großteils auf dem Land lebt, wenn
die Städte von diesen ländlichen Gebieten abhängig sind, wenn
die Menschen der Landbevölkerung unseren Unabhängigkeitskampf
gewonnen haben, wenn die Größe und die Prosperität unserer
Nation abhängig ist von einer gesunden und vitalen
Bevölkerung, die das Land liebt und weiß, wie es zu bebauen
ist, wenn diese Bevölkerung abhängig ist von einem Staat, der
sie beschützt und leitet – wie kann dann geduldet werden, dass
die gegenwärtige Staatsführung im Amt bleibt und weitermacht
wie bisher?
Abgesehen von einer kleinen
Nahrungsmittel-, Holzverarbeitungs- und Textilindustrie bleibt
Kuba ein Land, das hauptsächlich Roh- und Grundstoffe
produziert. Wir exportieren Zucker, um sodann Süßigkeiten zu
importieren, wir exportieren Tierhäute, um sodann Schuhe zu
importieren, wir exportieren Eisen, um sodann Pflüge zu
importieren… – Jeder wird dem Grundbedürfnis zustimmen, dass
unsere Nation dringend industrialisiert werden muss, dass wir
eine eigene Stahlindustrie brauchen, eine Papierindustrie,
eine chemische Industrie, dass wir unsere landwirtschaftliche
Produktion sowohl bei Rindern als auch Getreide verbessern
müssen, dass wir Technologie und Verarbeitung in unserer
Nahrungsmittelindustrie verbessern müssen, um uns zu
verteidigen gegen den ruinösen Wettbewerb aus Europa bezüglich
der Käseprodukte, Kondensmilch, Spirituosen und Speiseöle
einerseits, andererseits aus den USA vor allem bezüglich der
Konservenprodukte; dass wir Frachtschiffe benötigen; dass der
Tourismus zu einer enormen Einnahmequelle werden sollte. Doch
die Kapitalisten bestehen darauf, dass die Arbeiter unter dem
Joch bleiben. Und der Staat lehnt sich mit verschränkten Armen
zurück und die Industrialisierung kann für immer und ewig
warten.
Ein ebenso ernsthaftes, wenn nicht gar ein
schlimmeres Problem ist die Frage des Wohnens. Es gibt in Kuba
200.000 elende Hütten und Schuppen, in denen Menschen leben
müssen; 400.000 Familien auf dem Land und in den Städten leben
zusammengepfercht in Hütten und Mietskasernen, ohne dort auch
nur grundlegendste sanitäre Einrichtungen zu haben; 2,2
Millionen Menschen unserer Stadtbevölkerung zahlen Mieten, die
zwischen einem Fünftel und einem Drittel ihres Einkommen
auffressen; und 2,8 Millionen Menschen unserer Bevölkerung auf
dem Land und in den Vororten haben keinen elektrischen Strom.
Wir haben hier wieder dieselbe Situation: wenn der Staat eine
Herabsetzung der Mieten vorschlägt, dann drohen die
Hausbesitzer damit, sämtliche Neubauten einzustellen; wenn der
Staat nicht eingreift, dann gibt es Neubauten, solange die
Hausbesitzer hohe Mieten kassieren können; sonst würden sie
nicht einen einzigen Ziegelstein irgendwo hinlegen lassen,
selbst wenn der Rest der Bevölkerung völlig den Naturelementen
ausgeliefert leben müsste. Das Versorgungsmonopol ist um
nichts besser; sie bauen das Stromnetz aus, soweit es
profitabel ist, doch über diesen Punkt hinaus kümmert es sie
nicht, ob Menschen den Rest ihres Lebens in Dunkelheit
verbringen müssen. Der Staat lehnt sich mit verschränkten
Armen zurück und die Menschen haben weder Wohnungen noch
elektrischen Strom.
Unser Bildungssystem ist perfekt kompatibel
mit allem, was ich bislang erwähnt habe. Wo die Landbewohner
kein Land besitzen, wer benötigt da Landwirtschaftsschulen? Wo
es keine Industrie gibt, wer benötigt da technische Schulen
oder Berufsschulen? Alles folgt derselben absurden Logik; wenn
wir das eine nicht haben, können wir auch das andere nicht
haben. In jedem kleinen europäischen Land gibt es mehr als 200
technische Schulen und Berufsschulen; in Kuba existieren nur
sechs solcher Schulen und ihre Absolventen finden keine Jobs
für ihre Befähigungen. Die kleinen ländlichen Schulhäuser
werden bloß von der Hälfte der Kinder im Schulalter besucht –
barfüßig, halbnackt und unterernährt – und regelmäßig müssen
die Lehrer die notwendigen Schulmaterialien von ihren eigenen
Gehältern kaufen. Ist das die Methode, eine große Nation zu
schaffen?
Nur der Tod kann einen von soviel Unglück
befreien. In dieser Hinsicht – immerhin! – ist der Staat
äußerst hilfreich: er ermöglicht für die Menschen einen frühen
Tod. 90% der Kinder der Landbevölkerung sind von Parasiten
befallen, die sich durch ihre nackten Füße gefressen haben und
in sich in ihren Körpern ausbreiten. Die Gesellschaft ist von
tiefem Mitgefühl ergriffen, wenn sie von Kidnapping oder dem
Mord an einem Kind hört, aber sie bleibt gleichgültig
gegenüber dem Massenmord an so vielen tausenden Kindern, die
jedes Jahr aufgrund mangelnder Versorgung sterben, die einem
Todeskampf voller Schmerzen ausgeliefert sind. Ihre
unschuldigen Augen, in denen man bereits den allgegenwärtigen
Tod sehen kann, scheinen in eine vage Unendlichkeit zu
blicken, so als würden sie um Vergebung für den menschlichen
Egoismus flehen, so als würden sie Gott bitten, seinen Zorn
zurückzuhalten. Und wenn das Familienoberhaupt nur vier Monate
im Jahr Arbeit hat, wie soll er sich Kleidung und Medizin für
seine Kinder leisten können? Sie werden mit Rachitis
aufwachsen, sie werden, wenn sie 30 Jahr alt sind, nicht einen
einzigen gesunden Zahn mehr im Mund haben; sie werden zehn
Millionen großartige Reden gehört haben und schließlich
aufgrund von Elend und Betrug sterben. Öffentliche
Krankenhäuser, die immer gefüllt sind, akzeptieren nur
Patienten, die „empfohlen“ wurden von einigen mächtigen
Politikern, die wiederum im Gegenzug die Stimmen und die
Unterstützung des unglücklichen Betroffenen und seiner Familie
verlangen, sodass Kuba für immer in derselben oder einer noch
schlechteren Verfassung bleibt.
Mit diesem Hintergrund, ist es da nicht
verständlich, dass zwischen Mai und Dezember über eine Million
Menschen arbeitslos bleiben und dass Kuba, mit einer
Einwohnerzahl von fünfeinhalb Millionen, eine größere Zahl
Arbeitsloser hat als Frankreich oder Italien, die jeweils eine
Einwohnerzahl von 40 Millionen haben?
Ehrenwerte Richter! Wenn Sie einen Menschen
befragen, der des Raubes angeklagt ist, fragen Sie ihn dann,
wie lange er arbeitslos war? Fragen Sie ihn, wie viele Kinder
er hat, an wie vielen Tagen pro Woche er etwas zu essen hatte
und an wie vielen nicht, untersuchen Sie überhaupt seinen
sozialen Hintergrund? Sie schicken ihn einfach ins Gefängnis,
ohne weiter darüber nachzudenken. Aber jene, die Warenhäuser
und Geschäfte niederbrennen, um illegal Versicherungssummen zu
kassieren, gehen nie ins Gefängnis, selbst dann nicht, wenn
mitsamt den Gebäuden auch ein paar Menschen verbrannt sind.
Der Versicherte hat Geld, um Anwälte zu engagieren und Richter
zu bestechen. Sie werfen den armen Kerl in Gefängnis, der nur
gestohlen hat, weil er hungrig war; aber keine einziger der
hunderten Menschen, die Millionen von der Regierung stehlen,
hat jemals auch nur einen Nacht im Gefängnis verbracht. Sie
dinieren mit diesen Menschen sogar am Ende des Jahres in einem
eleganten Klub und sie genießen Ihren Respekt. Wenn in Kuba
ein Regierungsvertreter über Nacht zum Millionär wird und in
die Bruderschaft der Reichen eintritt, dann könnte er
trefflich begrüßt werden mit den Worten von Taillefer, dieses
opulenten Charakters aus der Feder von Balzac, der in seinem
würdigenden Trinkspruch für den jungen Erben eines enormen
Vermögens sagt: „Meine Herren, lassen Sie uns trinken auf die
Macht des Goldes! Herr Valentine, ein sechsfacher Millionär,
hat soeben den Thron bestiegen. Er ist König, kann alles tun,
steht über allen – so wie alle Reichen. Daher wird die
Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz, die von der
Verfassung vorgegeben wird, für ihn ein Mythos bleiben; denn
er wird niemals irgendwelchen Gesetzen gehorchen müssen: die
Gesetze werden ihm zu gehorchen haben. Es gibt weder Gerichte
noch Strafen für Millionäre.“
Die Zukunft der Nation und die Lösung ihrer
Probleme können nicht weiterhin von den Interessen eines
Dutzends großer Geschäftsmänner abhängen, ebenso wenig von den
kalten Profitkalkulationen, die zehn oder zwölft Magnaten in
ihren mit Klimaanlagen ausgestatteten Büros berechnen. Das
Land kann nicht weiterhin auf seinen Knien bitten um Wunder
einiger goldener Kälber, wie jenes biblischen, das der Zorn
des Propheten [Moses; Anm.] zerstört hat. Goldene Kälber
können keinerlei Wunder erschaffen. Die Probleme der Republik
können nur dann gelöst werden, wenn wir dafür mit derselben
Energie und Ehrlichkeit und demselben Patriotismus kämpfen wie
unsere Freiheitskämpfer, als sie die Republik begründet haben.
Hingegen „Staatsmänner“ wie Carlos Saladrigas, dessen
staatstragende Tätigkeit darin besteht, den Status quo zu
erhalten und Phrasen zu verwenden wie „absolute Freiheit des
Unternehmertums“, „Garantien für das Investitionskapital“ und
„Gesetz von Angebot und Nachfrage“, werden diese Probleme
nicht lösen. Diese Minister werden immer noch in ihren
Appartements in der Fifth Avenue schwatzen, wenn die Knochen
derjenigen Menschen, deren Probleme sofortiger Lösungen
bedürfen, bereits zu Staub zerfallen sind. In dieser heutigen
Welt werden sich soziale Probleme nicht von alleine, quasi aus
sich selbst heraus lösen.
Eine revolutionäre Regierung, die
unterstützt wird durch das Volk und den Respekt der Nation
hat, würde sofort voranschreiten, nachdem sie die
verschiedenen Institutionen von allen korrupten und
bestechlichen Beamten gereinigt hat, um das Land zu
industrialisieren, um das ganze inaktive Kapital zu
mobilisieren – gegenwärtig etwa geschätzte 1,5 Milliarden
Pesos – mit Hilfe der Nationalbank, der Landwirtschafts- und
industriellen Entwicklungsbank, und sie würde die
Mammutaufgabe der Untersuchung, Planung, Leitung und
Realisierung nur Experten und Menschen übertragen, die absolut
kompetent und völlig fern von allen politischen Apparaten
sind.
Nachdem die 100.000 Kleinbauern als
Eigentümer des Landes, das sie zuvor gepachtet hatten,
eingesetzt sind, würde sich eine revolutionäre Regierung
sofort den weiteren Problemen der Landreform widmen. Zuerst,
als Bekanntmachung in der Verfassung, würde sie ein Maximum
festlegen für die Größe des Landes, die jede Art
landwirtschaftlicher Unternehmung halten darf, sie würde den
Überschuss durch Enteignung sammeln, sie würde Sumpfland
bebaubar machen, sie würde Pflanzschulen errichten und sie
würde Zonen zur Wiederaufforstung unter Schutz stellen.
Zweitens würde sie das restliche Land aufteilen unter den
Landfamilien, wobei die größeren zu bevorzugen wären, und
würde landwirtschaftliche Kooperativen unterstützen zur
gemeinsamen Nutzung teurer Geräte und um ein gemeinsames
professionelles technisches Management in der Landwirtschaft
zu ermöglichen. Schlussendlich würde sie Ressourcen, Geräte,
Schutz und nützliche Leitlinien für die Landbevölkerung zur
Verfügung stellen.
Eine revolutionäre Regierung würde das
Wohnproblem lösen, indem alle Mieten auf die Hälfte
herabgesetzt würden, indem Wohnungen, die von ihren
Eigentümern bewohnt werden, von der Steuer ausgenommen würden;
indem die Steuern für Mietshäuser verdreifacht würden; indem
die Hütten abgetragen würden und durch moderne
Appartementhäuser ersetzt würden; und indem die Finanzierung
des Wohnens auf eine neue Ebene gehoben wird, die hierzulande
noch nie da gewesen ist, die nach dem Kriterium ausgerichtet
ist, dass – ebenso wie jede Landfamilie sein eigenes Stück
Land besitzen soll – auch jede Stadtfamilie ihr eigenes Haus
oder ihre eigene Wohnung besitzen soll. Es gibt ausreichend
Baumaterial und ebenso genug Arbeitskraft, um eine würdige
Unterkunft für jeden Kubaner zu ermöglichen. Aber wenn wir
weiter auf das goldene Kalb vertrauen und auf es warten, dann
werden tausend Jahre vergehen und die Probleme werden immer
noch dieselben sein. Darüber hinaus sind die Möglichkeiten,
den elektrischen Strom sogar in die am meisten isolierten
Gebiete auf der Insel zu bringen, größer denn je. Die Nutzung
der Nuklearenergie ist in diesem Bereich mittlerweile Realität
und sie wird die Kosten der Stromproduktion bedeutend
reduzieren.
Mit diesen drei Projekten und Reformen
würde das Problem der Arbeitslosigkeit automatisch
verschwinden und die Aufgabe der Verbesserung des öffentlichen
Gesundheitswesens und der Kampf gegen Krankheiten würden viel
einfacher werden.
Und zu guter letzt würde eine revolutionäre
Regierung die Reform des Bildungssystems in Angriff nehmen,
indem es mit den Anforderungen der genannten Projekte in
Übereinstimmung gebracht wird und der Idee untergeordnet ist,
jene Generationen auszubilden und zu erziehen, die das
Privileg haben werden, in einem glücklicheren Land zu leben.
Vergessen Sie nicht die Worte des Apostels [gemeint ist José
Martí; Anm.]: „Ein schlimmer Fehler wird in Lateinamerika
gemacht: in Ländern, die fast zur Gänze von den Produkten der
Landwirtschaft leben, werden die Menschen ausschließlich für
das Leben in der Stadt erzogen und sind nicht vorbereitet für
ein Leben in der Landwirtschaft.“ „Das glücklichste Land ist
jenes, das seine Kinder richtig erzogen hat – sowohl
intellektuell wie emotional.“ „Ein
gebildetes Land wird immer stark und frei sein.“
Die Seele der Erziehung ist der Lehrer und
in Kuba ist der Beruf des Lehrers furchtbar unterbezahlt.
Nichtsdestotrotz ist in Kuba kaum jemand in seiner Tätigkeit
aufopfernder als die Lehrer. Wer von uns hat nicht seine
Grundkenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen im kleinen
öffentlichen Schulhaus gelernt? Es ist an der Zeit, damit
aufzuhören, jenen jungen Frauen und Männern Hungerlöhne zu
zahlen, die mit der bedeutenden Aufgabe betraut sind, unsere
Jugend zu unterrichten. Kein Lehrer sollte weniger als 200
Pesos verdienen, kein Lehrer der Sekundärstufe sollte weniger
als 350 Pesos verdienen, damit sie sich ohne Entbehrungen
ihrer großen Aufgabe widmen können. Darüber hinaus sollten
alle Landlehrer gratis alle Transportmöglichkeiten benützen
können; und zumindest alle fünf Jahre sollte allen Lehrer eine
arbeitsfreie Zeit von sechs Monaten bei voller
Gehaltsfortzahlung zustehen, damit sie sich zu Hause oder auch
im Ausland weiterbilden können und im Kontakt mit den neuesten
Entwicklungen ihrer Fachbereiche bleiben. Auf diese Weise
könnte das Bildungs- und Lehrsystem einfach verbessert werden.
Woher wird das Geld für all dies kommen? Wenn endlich Schluss
ist mit der Veruntreuung von Regierungsgeldern, wenn die
Beamten aufhören, Bestechungsgelder zu nehmen von jenen großen
Firmen, die dem Staat Steuern schulden, wenn die Nutzung der
enormen Ressourcen unseres Landes optimiert werden, wenn wir
keinen Panzer, Kampfflugzeuge und Gewehre mehr kaufen für
dieses Land (das keine Grenzen zu verteidigen hat, wofür
dieses Kriegsgerät benötigt wird, das nun gegen die
Bevölkerung eingesetzt wird), wenn es ein größeres Interesse
gibt, die Menschen zu bilden anstatt zu töten, dann wird es
mehr als genug Geld geben.
Kuba könnte problemlos auch für eine
Bevölkerung sorgen, die dreimal so groß ist wie die
gegenwärtige, daher gibt es keine Entschuldigung dafür, dass
auch nur ein einziger seiner jetzigen Einwohner von Armut
betroffen ist. Die Märkte sollten mit Gütern überfüllt sein,
die Vorratskammern ebenso, alle Hände sollten Arbeit haben.
Das ist kein unmöglicher Gedanke. Unbegreiflich ist vielmehr,
dass irgendjemand hungrig zu Bett gehen sollte, solange es nur
einen Quadratmeter unproduktiven Landes gibt; unbegreiflich
ist, dass Kinder aufgrund mangelnder medizinischer Betreuung
sterben sollen; unbegreiflich ist die Tatsache, dass 30%
unserer bäuerlichen Bevölkerung nicht einmal ihre Namen
schreiben können und 99% nichts über die Geschichte Kubas
wissen. Was wirklich unbegreiflich ist, ist die Tatsache, dass
die Mehrheit unserer Landbevölkerung heute unter schlechteren
Bedingungen lebt als jene indigene Urbevölkerung, die
Christoph Kolumbus seinerzeit vorfand in dem unschuldigsten
Land, das menschliche Augen jemals zu Gesicht bekommen haben.
Für jene, die mich einen Träumer nennen,
möchte die Worte von Martí zitieren: „Ein wahrer Mann sucht
nicht den Weg, wo der Vorteil zu finden ist, sondern vielmehr
den Weg, wo die Verantwortung liegt, und nur dies ist der
wirklich realistische Mann, dessen Träume von heute die
Gesetze von morgen sein werden, denn er, der zurückblickte auf
den bedeutenden Weg der Geschichte und blutende Völker im
großen Kessel der Zeit sieden sah, der weiß, dass die Zukunft
ausnahmslos auf Seiten der Verantwortung liegt.“
Nur wenn wir verstehen, dass ein solch
hohes Ideal sie inspiriert hat, dann können wir den Heroismus
der Männer begreifen, die in Santiago de Cuba gefallen sind.
Die geringen materiellen Mittel, die uns zur Verfügung
standen, waren das einzige, was unseren sicheren Erfolg
verhindert hat. Wenn den Soldaten erzählt worden ist, dass
Carlos Prío [bürgerlicher Präsident 1948-1952, von Batistas
Putsch gestürzt; Anm. d. Übers.] uns eine Million Pesos
gegeben hätte, dann geschah das im Sinne des Versuchs des
Regimes, die wichtigste Tatsache zu entstellen: die Tatsache,
das unsere Bewegung keinerlei Verbindung zu früheren
Politikern hatte; dass diese unsere Bewegung die einer neuen
kubanischen Generation mit eigenen Ideen ist, die sich gegen
die Tyrannei erhebt; dass diese Bewegung von jungen Menschen
|