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Fidel Castro:

"Die Geschichte wird mich freisprechen"

(abschließende Verteidigungsrede im "Moncada"-Prozess, September/Oktober 1953, Santiago de Cuba; eigene Übersetzung)

 

 

Ehrenwerte Richter! Noch nie musste ein Rechtsanwalt seine Tätigkeit unter derart schwierigen Bedingungen ausüben; noch nie gab es eine derartig große Anzahl gravierender Unregelmäßigkeiten gegenüber einem Angeklagten. In diesem Fall sind der Verteidiger und der Angeklagte ein und derselbe Mensch. Als Verteidiger war er nicht einmal in der Lage, einen Blick auf die Anklageschrift zu werfen. Als Angeklagter war in den vergangenen 76 Tagen in Einzelhaft isoliert, ohne jede Kommunikationsmöglichkeit, in Verletzung aller Menschen- und Bürgerrechte.

Er, der nun zu Ihnen spricht, hasst Eitelkeiten mit seinem ganzen Wesen, genauso wenig verlangen sein Temperament oder sein Geist nach pathetischen Tricks im Gerichtssaal oder irgendeiner Art von Sensationslust. Wenn ich meine Verteidigung vor diesem Gericht vorbringe, dann hat dies zweierlei Gründe. Erstens, weil mir jede Rechtshilfe fast vollständig verweigert wurde, und zweitens: nur jemand, der so tief verletzt wurde, der gesehen hat, wie sein Land im Stich gelassen und seine Gesetze mit Füßen getreten wurden, kann in diesem Moment Worte finden, die aus der Tiefe seines Herzens und seiner innersten Wahrheit kommen.

Es gab keinen Mangel an wohlmeinenden Genossen, die mich verteidigen wollten, und die Anwaltsvereinigung von Havanna hat sogar einen couragierten und kompetenten Juristen, Dr. Jorge Pagliery, den Vorstand der Vereinigung in dieser Stadt, benannt, um mich in diesem Fall zu verteidigen. Dennoch wurde ihm nicht gestattet, seine Aufgabe zu erfüllen. Immer, wenn er versuchte, mich in  der Haft zu besuchen, blieben die Gefängnistore für ihn verschlossen. Erst nach eineinhalb Monaten und aufgrund der Intervention durch das Gericht wurde ihm schließlich gestattet, ein zehnminütiges Gespräch mit mir zu führen – in Gegenwart eines Offiziers des Militärgeheimdienstes. Man möchte doch annehmen, dass ein Anwalt das Recht hat, mit seinem Mandanten unter vier Augen zu sprechen – dieses Recht wird auf der ganzen Welt respektiert, außer in den Fällen der kubanischen Kriegsgefangenen, die in die Hände der unerbittlichen Tyrannei gefallen sind, für die keinerlei Gesetze gelten, seien es Menschen- oder Bürgerrechte. Weder Dr. Pagliery noch ich wollten eine derart schmutzige Spionage gegenüber unserer Verteidigungsstrategie bezüglich der anstehenden Verhandlung dulden. Wollten sie vielleicht vorab wissen, welche Methoden wir anwenden würden, um den Schmutz zu beseitigen, die ihre unglaublichen Lügenfabriken rund um die Ereignisse vor der Moncada-Kaserne produziert hatten? Wie sollten wir vorgehen, um die furchtbare Wahrheit zu enthüllen, zu deren Verschleierung sie so große Anstrengungen unternahmen? Wir haben schließlich aufgrund meines Vorteils der beruflichen Befähigung als Anwalt entschieden, dass ich meine Verteidigung selbst übernehmen solle.

Diese Entscheidung, die der Geheimdienstspion mitgehört und seinem Vorgesetzten berichtet hat, sorgte für Panik. Es sah so aus, als ob ein kleines spöttisches Teufelchen ihnen geflüstert hätte, dass ich all ihre Pläne ruinieren würde. Sie wissen sehr gut, hoch verehrte Richter, wie viel Druck auf mich ausgeübt wurde und ich ertragen musste, der allein dazu dienen sollte, mich selbst dieses Rechtes zu berauben, das durch eine lange Tradition in Kuba garantiert ist. Das Gericht konnte dieser Vorgehensweise nicht nachgeben, durch die der Angeklagte ohne jede Verteidigung geblieben wäre. Der Angeklagte, der nun dieses Recht, seinen eigenen Fall vorzubringen, ausübt, wird keinesfalls damit aufhören, genau das zu sagen, was gesagt werden muss. Ich halte es für äußerst wichtig, dass ich die Gründe darlege, warum ich in dieser furchtbaren Isolation gehalten wurde; was der Zeck war, mich ruhig zu stellen; was hinter den Plänen steckte, mich zu ermorden – Pläne, die dem Gericht bekannt sind; welche schwerwiegende Vorgänge vor der Bevölkerung verborgen wurden und werden; und die Wahrheit hinter all den eigenartigen Dingen, die sich während dieses Prozesses ereigneten. Ich beabsichtige, dies alles mit größter Klarheit zu tun.

Sie haben in der Öffentlichkeit davon gesprochen, dass dieser Fall der wichtigste in der Geschichte der Republik sei. Wenn Sie das wirklich glauben, dann hätten Sie es nicht erlauben sollen, dass Ihre Autorität beschmutzt und entwertet wird. Der erste Verhandlungstag war der 21. September. Zwischen einhundert Maschinengewehren und Bajonetten, die in skandalöser Weise in die Hallen der Justiz eindrangen, wurden mehr als hundert Menschen auf die Anklagebank gesetzt. Die große Mehrheit von ihnen hatte nichts zu tun mit den Geschehnissen. Sie wurden für viele Tage präventiv inhaftiert und litten unter allen möglichen Angriffen und Misshandlungen in den Kammern der Unterdrückungseinheiten. Doch der Rest der Angeklagten, der tapfer und entschlossen war, war bereit, stolz zu bestätigen, dass sie teilgenommen hatten am Kampf für die Freiheit, bereit, ein Beispiel einzigartiger Selbstaufopferung zu liefern und den Klauen der Gefängnisse jene zu entreißen, die vorsätzlich und in böser Absicht in den Prozess verwickelt wurden. Jene, die sich bereits im Kampf getroffen hatten, standen einander abermals gegenüber. Abermals würden wir im Dienste der Gerechtigkeit den furchtbaren Kampf der Wahrheit gegen die Niedertracht führen! Gewiss war das Regime nicht vorbereitet auf die moralische Katastrophe, die noch auf es wartete!

Wie sollten all die falschen Anschuldigungen aufrechterhalten werden? Wie sollte geheim gehalten werden, was tatsächlich geschehen war, wenn so viele junge Menschen den Willen hatten, alles zu riskieren – Gefängnis, Folter und Tod, falls nötig –, damit vor diesem Gericht die Wahrheit erzählt wird?

Ich wurde am ersten Verhandlungstag als Zeuge aufgerufen. Zwei Stunden lang wurde ich sowohl durch den Staatsanwalt als auch durch zwanzig Verteidiger befragt. Ich war in der Lage, mit exakten Daten und Fakten die Summen des aufgewendeten Geldes zu belegen, zu berichten, wie dieses Geld gesammelt worden war und welche Waffen wir uns beschaffen konnten. Ich hatte nichts zu verbergen, denn es war die Wahrheit: all dies wurde bewerkstelligt durch in der Geschichte unserer Republik beispiellose Opfer. Ich sprach über die Ziele, die uns im Kampf inspiriert hatten, und über die menschliche und großzügige Behandlung, die wir zu jedem Zeitpunkt unseren Gegnern zukommen ließen. Wenn es mir gelungen ist, zu beweisen, dass jene, die fälschlich in dieses Verfahren hineingezogen wurden, in Wirklichkeit aber weder direkt noch indirekt involviert waren, so verdanke ich dies der umfassenden Hilfe und Unterstützung durch meine heroischen Genossen. Da, wie ich bereits sagte, die drohenden Konsequenzen zu keinem Zeitpunkt ihre Verfasstheit als Revolutionäre und Patrioten infrage zu stellen vermochten, war es mir kein einziges Mal während der Haft gestattet, mit diesen Genossen zu sprechen – und trotzdem haben wir geplant, exakt dasselbe zu tun. Tatsache ist, dass, wenn Menschen dieselben Ideale im Herzen tragen, nichts sie voneinander isolieren kann – weder Gefängnismauern noch die Grasnarbe der Friedhöfe. Denn ein gemeinsames Gedächtnis, ein Geist, eine Idee, ein Bewusstsein, eine Würde wird sie alle tragen.

Von dem Moment an begann das Lügengebäude, das das Regime rund um die Ereignisse bei der Moncada-Kaserne errichtet hat, einzustürzen wie ein Kartenhaus. Folgerichtig realisierte der Staatsanwalt, dass es völlig absurd war, all diese Menschen als angebliche Anstifter im Gefängnis zu behalten, und er veranlasste ihre provisorische Freilassung.

Am Ende meine Befragung am ersten Verhandlungstag bat ich das Gericht, mir zu erlauben, die Anklagebank zu verlassen und auf den Sitz des Verteidigers zu wechseln. Diese Erlaubnis wurde mir erteilt. An diesem Punkt begann die meiner Meinung nach wichtigste Aufgabe für mich in diesem Verfahren: die feigen, elenden und hinterhältigen Lügen, die das Regime gegen unsere Kämpfer geschleudert hatte, als unglaubwürdig zu entlarven; mit unwiderlegbaren Beweisen zu enthüllen, welch furchtbare und abstoßende Verbrechen an den Gefangenen verübt wurden; und der Nation und der Welt das unendliche Unglück des kubanischen Volkes zu zeigen, das unter der brutalsten und unmenschlichsten Unterdrückung seiner Geschichte leidet.

Der zweite Verhandlungstag war Dienstag, der 22. September. Zu diesem Zeitpunkt waren erst zehn Zeugen befragt worden, und doch hatten sie bereits die Morde im Gebiet von Manzanillo aufgeklärt, insbesondere indem sie die direkte Verantwortung des kommandierenden Kapitäns des Postens zu Protokoll gaben. Es gab 300 weitere Zeugen, die befragt werden sollten. Was würde passieren, wenn ich – bei weiterhin steigenden Mengen an Fakten und Beweisen – in weiterer Folge die ehrenwerten Armeeangehörigen ins Kreuzverhör nehmen sollte, die direkt verantwortlich für diese Verbrechen waren? Könnte es das Regime mir erlauben, vor diesem großen Auditorium, das den Prozess verfolgt, fort zu fahren? Vor Journalisten und Juristen von überall auf der Insel? Und vor den Parteiführern der Opposition, die sie dummerweise direkt zur Anklagebank gesetzt hatten, so dass sie problemlos alles mitbekommen konnten, was dort besprochen wurde? Sie hätten eher das Gerichtsgebäude mitsamt all seiner Richter in die Luft gejagt, als dass sie dies erlaubt hätten!

Und daher haben sie einen Plan entworfen, durch den sie mich aus dem Prozessverlauf eliminieren konnten – und sie gingen daran ihn umzusetzen, mit militärischen Mitteln. Freitag-Abend, am 25. September, am Vorabend des dritten Verhandlungstages, besuchten mich zwei Gefängnisärzte in meiner Zelle. Sie waren offensichtlich verlegen. „Wir sind gekommen, um Sie zu untersuchen“, sagten sie. Ich fragte sie: „Wer ist so besorgt um meine Gesundheit?“ Eigentlich war mir vom ersten Moment an, als ich sie sah, klar, wozu sie gekommen waren. Sie haben mich mit äußerstem Respekt behandelt und haben mir ihre missliche Lage erklärt. Am Nachmittag war Oberst Chaviano im Gefängnis erschienen und hatte ihnen gesagt, dass ich mit diesem Prozess der Regierung fürchterlich schaden würde. Er hat den Ärzten gesagt, sie müssten ein Zertifikat unterzeichnen, dass bestätigte, dass ich krank wäre und daher nicht zur Verhandlung erscheinen könnte. Die Ärzte meinten mir gegenüber, sie seien bereit, von ihren Ämtern zurückzutreten und sich einer etwaigen Verfolgung auszusetzen. Sie legten die Angelegenheit in meine Hände, damit ich entscheiden könnte. Ich fand es schwer, diese Menschen darum zu bitten, ohne zu zögern sich selbst zu zerstören. Aber ebenso wenig konnten ich – egal unter welchen Umständen – zulassen, dass der Befehl ausgeführt würde. Ich überließ die Angelegenheit ihrem Gewissen und sagte ihnen nur: „Ihr müsst wissen, was eure Aufgabe ist; ich kenne meine.“

Nachdem sie meine Zelle verlassen hatten, unterzeichneten sie das Zertifikat. Ich weiß, dass sie es deshalb taten, weil sie im guten Glauben waren, dass nur so mein Leben gerettet werden könnte, von dem sie dachten, es wäre in größter Gefahr. Ich wurde nicht verpflichtet, unsere Konversation geheim zu halten, zumal ich nur der Wahrheit verpflichtet bin. In diesem Fall die Wahrheit zu sagen, bedeutet, die materiellen Interessen dieser guten Ärzte aufs Spiel zu setzen, doch gleichzeitig beseitige ich alle Zweifel über ihre Ehrenhaftigkeit, die viel mehr wert ist. In derselben Nacht schrieb ich dem Gericht einen Brief, in dem ich den Plan aufdeckte; und ich bat um die Entsendung zweier gerichtlicher Ärzte, die meinen exzellenten Gesundheitszustand bestätigen sollten und außerdem Sie zu informieren, dass ich es tausendmal vorziehen würde, mein Leben zu verlieren, wenn ich an solch einem Betrug teilnehmen müsste, um es zu retten. Um meine Entschlossenheit zu zeigen, gegen dieses gesamte verkommene Komplott zu kämpfen, ergänzte ich meine eigenen Worte noch um eine Zeile des Meisters [gemeint ist José Martí, 1853-1895, kubanischer Dichter, Freiheitskämpfer und Nationalheld; Anm. d. Übers.]: „Eine gerechte Sache kann selbst aus den Tiefen einer Höhle mehr zuwege bringen als eine Armee.“ Wie das Gericht weiß, war dies ein Brief, den Dr. Melba Hernández am dritten Verhandlungstag des Prozesses am 26. September vorgelegt hat. Es gelang mir trotz der schweren Bewachung, ihn ihr zu übergeben. Dieser Brief zog selbstverständlich unmittelbar Vergeltungsmaßnahmen nach sich. Dr. Hernández wurde zur Einzelhaft verurteilt und ich – nachdem ich ohnedies schon ohne Außenkontakte war – wurde in den unzugänglichsten Teil des Gefängnisgebäudes überstellt. Von da an wurden alle Angeklagten immer von Kopf bis Fuß genau durchsucht, bevor sie in den Gerichtssaal gebracht wurden.

Zwei gerichtliche Ärzte bestätigten am 27. September, dass ich mich tatsächlich perfekter Gesundheit erfreute. Und doch, den wiederholten Anordnungen des Gerichtes zum Trotz, wurde ich nicht wieder zu den Anhörungen gebracht. Darüber hinaus ließen anonyme Leute täglich hunderte falsche Flugblätter zirkulieren, die meine Befreiung aus dem Gefängnis ankündigten. Diese dummen Fälschungen wurden erfunden, damit sie mich vollständig physisch eliminieren und dann behaupten könnten, ich hätte einen Fluchtversuch unternommen. Nachdem dieses Pläne misslangen aufgrund rechtzeitiger Aufdeckung durch immer wachsame Freunde und nachdem die erste beeidigte Erklärung als Fälschung entlarvt worden war, konnte mich das Regime nur noch durch die offene und schamlose Missachtung des Gerichts vom Prozess fernhalten.

Das war eine unglaubliche Situation, verehrte Richter: hier hatte ein Regime tatsächlich Angst davor, einen Angeklagten vor Gericht zu bringen; ein Regime, das in Blut gebadet ist und auf Terror basiert, schrak zurück vor der moralischen Überzeugung eines verteidigungslosen Menschen – unbewaffnet, verleumdet und isoliert. Und auf diese Weise, nachdem ich bereits um alles andere betrogen worden war, betrogen sie mich zu guter letzt auch noch um das Gerichtsverfahren, in dem ich der Hauptangeklagte war. Erinnern Sie sich, dass dies alles in der Zeit geschah, in der die individuellen Rechte suspendiert waren, während der Akt über die öffentliche Ordnung und die Zensur über Rundfunk und Presse in Kraft waren. Welch unglaubliche Verbrechen muss dieses Regime begangen haben, wenn es die Stimme eines einzelnen angeklagten Menschen derart fürchtet!

Ich muss näher eingehen auf die Unverschämtheit und den fehlenden Respekt seitens der Armeeführer gegenüber dem Gericht. So oft dieses Gericht das Ende meiner unmenschlichen Isolationshaft angeordnet hat; so oft es angeordnet hat, dass meine elementarsten Rechte respektiert werden müssten; so oft es darum ersucht hat, dass ich vor Gericht gebracht würde – so oft wurde den Anordnungen dieses Gerichts nicht Folge geleistet! Noch schlimmer: in Gegenwart des Gerichts, während der ersten und zweiten Anhörung, wurden links und rechts von mir Wachmänner aufgestellt, die mich unter allen Umständen davon abhalten sollten, mit irgendjemandem zu sprechen, selbst während der kurzen Unterbrechungen. Mit anderen Worten, nicht nur im Gefängnis, sondern auch im Gerichtssaal und in Ihrer Gegenwart haben sie Ihre Anordnungen ignoriert. Ich hatte vor, diese Angelegenheit in der darauf folgenden Anhörung als Frage des elementaren Respekts vor dem Gericht zu erwähnen, aber – ich wurde nie wieder zurückgebracht. Und falls sie, im Austausch für soviel Missachtung, uns vor Sie bringen, damit wir eingesperrt werden im Namen einer Gesetzlichkeit, die sie und nur sie seit dem 10. März verletzt haben, dann wäre die Rolle, die sie Ihnen aufgezwungen hätten, wahrlich eine traurige. Die lateinische Maxime „Cedant arma togae!“ [„Die Waffen mögen der Toga weichen!“, Cicero; soll bedeuten: „Die Gewalt möge dem Gesetz weichen!“; Anm. d. Übers.] wurde freilich nicht zu einem einzigen Anlass während dieses Prozesses erfüllt. Ich bitte Sie, diesen Umstand gut im Gedächtnis zu behalten.

Darüber hinaus waren diese Mittel in allen Fällen eher nutzlos; meine tapferen Genossen erfüllten mit beispiellosem Patriotismus ihre Aufgabe nach besten Kräften.

„Ja, wir haben uns vorgenommen, für Kubas Freiheit zu kämpfen, und wir schämen uns nicht dafür, so gehandelt zu haben“, erklärten sie, einer nach dem anderen, im Zeugenstand. Dann klagten sie mit beeindruckendem Mut gegenüber dem Gericht die abscheulichen Verbrechen an, die den Körpern unserer Freunde angetan worden waren. In meiner Zelle war ich trotz meiner Absenz in der Lage, den Prozess in allen seinen Details zu verfolgen. Und ich habe den Inhaftierten im Gefängnis Boniato dafür zu danken. Trotz aller Bedrohungen fanden diese Menschen bemerkenswerte Mittel, um mir Zeitungsartikel und allerlei andere Informationen zukommen zu lassen. Auf diese Weise rächten sie die Misshandlungen und Unmenschlichkeiten, die an ihnen verübt wurden, sei es durch Taboada, den Gefängnisdirektor, oder durch den Verwaltungsinspektor, Leutnant Rozabal, der sie von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zwang, seine private Villa zu bauen, und sie hungern ließ, als er das Nahrungsmittelbudget des Gefängnisses veruntreute.

Mit Fortlauf des Prozesses verkehrten sich die Rollen ins Gegenteil: jene, die gekommen waren, um anzuklagen, fanden sich selbst als Angeklagte, und die Angeklagten wurden zu den Anklägern! Es waren nicht mehr die Revolutionäre, die hier verurteilt werden sollten; verurteilt wurde nun und für alle Ewigkeit ein Mann namens Batista – ein schreckliches Ungeheuer – und es macht wenig aus, dass diese mutigen und wertvollen jungen Männer verurteilt wurden, wenn die Menschen morgen den Diktator und seine Handlanger verurteilen werden! Unsere Männer wurden überstellt ins Gefängnis der Insel Pines, in dessen Rundgängen der Burggeist noch fortlebt und wo die Schreie unzähliger Opfer nachhallen; dorthin wurden unsere jungen Männer geschickt, damit sie für ihre Liebe zur Freiheit büßen, in bitterer Gefangenschaft, verbannt aus der Gesellschaft, herausgerissen aus ihrer Heimat und ausgewiesen aus ihrem Land. Ist es für Sie nicht offensichtlich, wie ich zuvor sagte, dass es unter solchen Umständen für diesen Anwalt schwierig und unangenehm ist, seine Aufgabe zu erfüllen?

Als Ergebnis so vieler undurchsichtiger und illegaler Machenschaften, aufgrund des Wunsches jener, die regieren, und aufgrund der Schwäche jener, die urteilen, befinde ich mich nun hier in diesem kleinen Raum im Bürgerspital, wohin ich gebracht wurde, damit ich im Geheimen abgeurteilt werde, damit ich nicht gehört werde und meine Stimme erstickt wird, damit niemand von den Dingen erfährt, die ich zu sagen habe. Warum benötigen wir dann eigentlich diesen imponierenden Justizpalast, den die ehrenwerten Richter zweifellos weitaus komfortabler finden würden? Ich muss Sie warnen: es ist unklug, die Rechtsprechung von einem Krankenhausraum aus auszuüben, umgeben von Wächtern mit fixierten Bajonetten; die Bürger könnten annehmen, dass unsere Justiz krank sei – und dass sie gefangen genommen sei.

Lassen Sie mich die Tatsache in Erinnerung bringen, dass unser Verfahrensrecht vorgibt, dass Gerichtsprozesse öffentliche Anhörungen zu sein haben; Nichtsdestotrotz wurde das gesamte Volk von dieser Anhörung ausgesperrt. Die einzigen Zivilisten, denen es erlaubt war, hierher zu kommen, sind zwei Anwälte und sechs Reporter, in deren Zeitungen die Zensur dafür sorgen wird, dass nicht ein einziges meiner Worte abgedruckt werden wird. Ich sehe, meine einzigen Zuhörer in dieser Kammer und in den Gängen davor sind die annähernd einhundert Soldaten und Offiziere. Ich bin dankbar für die höfliche und ernsthafte Aufmerksamkeit, die sie mir schenken. Ich wünschte nur, ich könnte gleich die gesamte Armee vor mir haben! Ich weiß, eines Tages wird diese Armee vor Wut kochend die schrecklichen und schmachvollen Blutflecken von ihren Uniformen waschen, Blutflecken, die die gegenwärtige skrupellose Führungsclique in ihrer Herrschaftssucht zu verantworten hat. Was für ein tiefer Fall wird an diesem Tag jene auf ihren hohen Rössern erwarten, deren Arroganz ins Unermessliche gestiegen ist! – vorausgesetzt, dass das Volk sie nicht schon viel früher stürzt!

Abschließend sollte ich wohl hinzufügen, dass mir in meiner Zelle keine Ausgabe des Strafgesetzbuches erlaubt war. Ich habe zu meiner Verfügung nur dieses winzige Gesetzbuch, das mir mein Beistand geliehen hat, Dr. Baudillo Castellanos, der mutige Verteidiger meiner Genossen. Auf dieselbe Weise verhinderten sie, dass ich die Bücher von Martí bekommen konnte; offenbar hat die Gefängniszensur sie als zu subversiv eingestuft. Oder war dies der Fall, weil ich sagte, dass Martí uns am 26. Juli inspiriert hat? Referenzliteratur zu jedem anderen Bereich wurde mir ebenfalls während dieses Prozesses verweigert. Aber das macht keinen Unterschied! Denn ich trage die Lehren des Meisters [Martí] in meinem Herzen, und in meinem Gedächtnis die großen Ideen aller Menschen, die überall die Freiheit des Volkes verteidigt haben!

Ich werden dieses Gericht nur um eines ersuchen; ich bin sicher, diesem Gesuch wird stattgegeben werden als Kompensation für die die vielen Verbrechen und Misshandlungen, die der Angeklagte ohne Schutz durch das Gesetz zu ertragen hatte. Ich ersuche darum, dass mein Recht, mich hier vor Gericht zu äußern und zu erklären, ohne Einschränkungen respektiert wird. Anders könnte selbst der geringste Anschein von Gerechtigkeit nicht gewahrt bleiben, sonst wäre die letzte Episode dieses Verfahrens sogar noch mehr als alle vorherigen eine der Schändlichkeit und der Feigheit.

Ich muss gestehen, dass ich etwas enttäuscht bin. Ich hätte erwartet, dass der ehrenwerte Staatsanwalt mit gravierenden Anschuldigungen gegen mich auftreten würde. Ich dachte, er wäre darauf vorbereitet, bis aufs Äußerste seine Ansicht zu rechtfertigen, warum ich im Namen des Gesetzes und der Gerechtigkeit – welches Gesetzes und welcher Gerechtigkeit? – zu 26 Jahren im Gefängnis verurteilt werden sollte. Doch nein. Er hat sich darauf beschränkt, den Artikel 148 des Gesetzes zur Verteidigung der gesellschaftlichen Ordnung zu rezitieren. Auf dieser Basis und durch die fälschliche Überbewertung der Umstände verlangte er, dass ich für die übermäßig lange Zeit von 26 Jahren eingesperrt werden sollte! Zwei Minuten scheinen doch eine sehr kurze Zeit zu sein, um zu verlangen und zu rechtfertigen, dass ein Mensch für mehr als ein Vierteljahrhundert hinter Gittern verschwinden soll. Kann es sein, dass der ehrenwerte Staatsanwalt vielleicht etwas verärgert ist über das Gericht? Denn so wie ich es sehe, steht seine lakonische Haltung in diesem Fall doch dem feierlichen Ernst entgegen, mit dem die ehrenwerten Richter ziemlich stolz erklärt haben, dass dieser Prozess von größter Wichtigkeit sei! Ich habe Staatsanwälte gehört, die zehnmal länger gesprochen haben – in einfachen Drogenprozessen, bei denen sie eine Freiheitsstrafe von bloß sechs Monaten verlangten. Der ehrenwerte Staatsanwalt hat nicht ein einziges Wort vorgebracht, um sein Gesuch zu unterstützen. Ich bin ein aufrichtiger Mann. Ich sehe ein, dass es schwierig ist für einen Staatsanwalt, der gegenüber der Verfassung der Republik seine Loyalität beeidet hat, hierher zu kommen, um im Namen einer verfassungswidrigen de-facto-Regierung ohne gesetzlicher oder moralischer Basis zu verlangen, dass ein junger Kubaner, ein Anwalt wie er selbst – vielleicht sogar ebenso ehrenwert wie er selbst –, für 26 Jahre ins Gefängnis gesteckt werden soll. Aber der ehrenwerte Staatsanwalt ist ein begabter Mann und ich habe schon sehr viel weniger talentierte Personen gesehen, die überlange Hetzschriften zur Verteidigung dieses Regimes verfasst haben. Wie kann es dann sein, dass ich annehme, dass ihm die Gründe fehlen, es zu verteidigen, zumindest für 15 Minuten, wie sehr verachtenswert dies auch für jede anständige Person wäre? Es ist offensichtlich, dass es hier eine große Verschwörung hinter all dem gibt.

Ehrenwerte Richter! Warum dieses Interesse, mich zum Schweigen zu bringen? Warum ist jede Art eines Arguments vorhersehbar, womit verhindert werden soll, dass irgendeine Zielfläche präsentiert wird, gegen die ich meine eigene Darstellung des Sachverhalts richten könnte? Ist es, weil sie jeder gesetzlichen, moralischen und politischen Basis entbehren, auf der eine ernsthafte Hinterfragung möglich wäre? Haben sie Angst vor der Wahrheit? Hoffen sie vielleicht, dass auch ich nur zwei Minuten sprechen und dabei keine jener Punkte berühren werde, die gewissen Leuten seit dem 26. Juli schlaflose Nächte bereitet haben? Nachdem der Antrag des Staatsanwaltes drauf beschränkt war, bloß fünf Zeilen eines Artikels des Gesetzes zur Verteidigung der gesellschaftlichen Ordnung vorzulesen – haben sie angenommen, ich würde mich ebenfalls auf dieselben Zeilen beschränken und um sie kreisen, wie ein Sklave einen Mühlstein dreht? Ich kann unter keinen Umständen eine derartige Knebelung akzeptieren, zumal in diesem Verfahren weit mehr als die Freiheit eines einzelnen Individuums auf dem Spiel steht. Fundamentale Prinzipien werden hier besprochen, das Recht des Menschen, frei zu sein, wird verhandelt, die tiefsten Fundamente unserer Existenz als zivilisierte und demokratische Nation sind auf der Waage. Wenn dieser Prozess vorbei ist, möchte ich mir nicht vorwerfen, ich hätte irgendein Prinzip nicht verteidigt, ich hätte irgendeine Wahrheit nicht ausgesprochen, ich hätte irgendein Verbrechen nicht angeprangert.

Der kurze Artikel des ehrenwerten Staatsanwaltes verdient kaum eine Minute meiner Zeit. Ich muss mich selbst für den Moment auf ein kurzes gesetzliches Geplänkel gegen ihn beschränken, denn ich möchte das Feld aufbereiten für einen Angriff gegen all die endlosen Lügen und Betrügereien, die Heuchelei, Trägheit und moralische Feigheit, die die Bühne bieten für die unfeine Komödie, die seit dem 10. März – und auch schon davor – in Kuba Gerechtigkeit genannt wird.

Es ist ein fundamentales Prinzip des Strafgesetzbuches, dass eine zur Last gelegte Tat exakt mit der Tat übereinstimmen muss, wie sie das Gesetz beschreibt. Wenn kein Gesetz für eine  genaue Anwendung in Frage kommt, dann gibt es keine potenzielle Straftat.

Der fragliche Artikel lautet wörtlich: „Zu einer Gefängnisstrafe von drei bis zehn Jahren ist zu verurteilen, wer einen Akt vollzieht, dessen Ziel ein bewaffneter Aufstand gegen die verfassungsrechtlichen Gewalten des Staates ist. Die Strafe soll zwischen fünf und zwanzig Jahren betragen, wenn der Akt des Aufstandes tatsächlich umgesetzt wird.“

In welchem Land lebt der ehrenwerte Staatsanwalt? Wer hat ihm gesagt, wir hätten einen Aufstand gegen die verfassungsgemäßen Gewalten des Staates im Sinn gehabt? Zwei Dinge sind von selbst offensichtlich. Als allererstes ist klar, dass eine Diktatur, die die Nation unterdrückt, keine verfassungsgemäße Gewalt ist, sondern eine verfassungswidrige: sie wurde errichtet gegen die Verfassung, über den Kopf der Verfassung hinweg, indem die legitime Verfassung der Republik vergewaltigt wurde. Die legitime Verfassung ist jene, die direkt von einem souveränen Volk ausgeht. Ich werde diesen Punkt später genauer ausführen, ungeachtet all der Ausflüchte, die die Feiglinge und Verräter erfinden, um das Unrechtmäßige doch noch zu rechtfertigen. Zweitens bezieht sich der Artikel auf Gewalten im Plural, wie es im Fall einer Republik zutrifft, wo eine legislative Gewalt, eine exekutive Gewalt und die Gerichtsbarkeit voneinander unabhängig sind und einander kontrollieren. Wir haben eine Rebellion angefacht gegen eine einzige Gewalt, gegen eine illegale, die widerrechtlich die Macht ergriffen hat und verschmolzen ist zu einer einzigen sowohl legislativen als auch exekutiven Gewalt des Staates, wodurch sie das ganze System zerstört hat, das gerade durch jenes Gesetz, das wir jetzt analysieren, geschützt war. Bezüglich der Unabhängigkeit der Rechtsprechung seit dem 10. März werde ich mich aller Kommentare enthalten, denn mir ist momentan nicht zum Scherzen zumute… –  Egal wie der Artikel 148 gedehnt, verkürzt oder erweitert wird – nicht ein einziger Beistrich korreliert mit den Ereignissen vom 26. Juli. Lassen Sie uns diesen Artikel vorerst zurücklassen und warten wir auf die Möglichkeit, ihn gegen jene anzuwenden, die wirklich einen Aufstand gegen die verfassungsgemäßen Gewalten des Staates zu verantworten haben. Ich werde später zurückkommen zu diesem Gesetz, um das Gedächtnis des ehrenwerten Staatsanwalts etwas aufzufrischen bezüglich gewisser Umstände, die er bedauerlicherweise übersehen hat.

Ich warne Sie, ich bin gerade erst am Anfang! Wenn es in Ihren Herzen einen kleinen Überrest gibt von Liebe zu Ihrem Land, von Liebe für die Menschlichkeit, von Liebe zur Gerechtigkeit, dann hören Sie sorgfältig zu. Ich weiß, dass ich für viele Jahre zum Schweigen gebracht werden soll; ich weiß, dass das Regime mit allen möglichen Mitteln versuchen wird, die Wahrheit zu unterdrücken; ich weiß, dass es eine Verschwörung geben wird, um mich in Vergessenheit zu begraben. Aber meine Stimme wird nicht erstickt werden – sie wird von meinem Innersten auch dann immer wieder auferstehen, wenn ich mich alleine fühle, und mein Herz wird ihr all das Feuer geben, das ihr die abgestumpften Feiglinge verweigern.

In einer Hütte in den Bergen hörte ich am Montag, den 27. Juli, im Radio die Stimme des Diktators, als immer noch 18 unserer Männer in Waffen standen gegen die Regierung. Jene, die nie ähnliche Momente erlebt haben, werden nie diese Art der Bitterkeit und Empörung kennen. Während die lang gehegte Hoffnung, unser Volk zu befreien, zerstört war, hörten wir die hämische Freude des Tyrannen über diese zerstörte Hoffnung, nunmehr noch bösartiger und arroganter als je zuvor. Der schier endlose Strom von Lügen und Verleumdungen, fortlaufend ausgeschüttet durch seine ungeschminkte, hasserfüllte, abstoßende Sprache, kann nur verglichen werden mit dem endlosen Strom jungen Blutes, das seit der vorherigen Nacht vergossen worden war – mit seinem Wissen, seiner Zustimmung, Mittäterschaft und Genehmigung –, vergossen durch die unmenschlichste Bande von Mördern, die vorstellbar ist. Ihm auch nur für einen einzigen Moment zu glauben, würde ausreichen, um einen gewissenhaften Menschen für den Rest seines Lebens mit Reue und Schmach zu erfüllen. Ich konnte nicht einmal hoffen, seine elende Stirn mit dem Brandzeichen der Wahrheit zu versehen, was ihn für den Rest seiner Tage und für alle Zeiten verdammen würde. Bereits kreisten uns mehr als eintausend Männer ein, ausgestattet mit Waffen, die weitaus besser waren als unsere, mit dem entschiedenen Auftrag, unsere Körper zurückzubringen. Nun, da die Wahrheit ans Tageslicht kommt, nun – vor Ihnen sprechend – erfülle ich die Mission, die ich mir selbst gesetzt habe, ich kann friedlich und zufrieden sterben. Ich werde mir kein Blatt vor den Mund nehmen, wenn ich über diese grausamen Mörder spreche.

Ich muss kurz unterbrechen, um einen Moment lang über die Fakten nachzudenken. Die Regierung selbst behauptete, dass der Angriff mit einer solchen Präzision und Perfektion vorgetragen wurde, dass er zweifelsfrei von Militärstrategen geplant gewesen sein musste. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein! Der Plan wurde von einer Gruppe junger Männer konzipiert – und kein einziger von ihnen hatte irgendwelche militärischen Erfahrungen. Ich werden ihre Namen nennen, wobei ich zwei übergehe, die weder tot noch im Gefängnis sind: Abel Santamaría, José Luis Tasende, Renato Guitart Rosell, Pedro Miret, Jesús Montané und ich selbst. Die Hälfte von ihnen ist tot, und ich kann im ehrenvollen Gedenken an sie sagen, dass auch sie keine militärischen Experten waren, sie hatten genug Patriotismus zu geben; wären wir nicht von Anbeginn an in einem derartigen Nachteil gewesen, so hätte es eine Tracht Prügel gegeben für all die Generäle, diese Generäle des 10. März, die weder Soldaten noch Patrioten sind. Weitaus schwieriger als die Planung des Angriffs gestalteten sich für uns die Organisierung, das Training, die Mobilisierung und die Bewaffnung der Männer unter diesem repressiven Regime, das Millionen Dollar ausgibt für Spionage, Bestechung und Geheimdienste. Trotzdem wurde alles von diesen Männern und vielen anderen wie ihnen mit unglaublicher Ernsthaftigkeit, Diskretion und Disziplin ausgeführt. Noch mehr bemerkenswert ist die Tatsache, dass sie bereit waren, für diese Aufgabe alles zu geben, was sie hatten; schlussendlich auch ihr Leben.

Die letzte Mobilisierung der Männer, die in diese Provinz aus den entferntesten Städten der ganzen Insel kamen, wurde bewerkstelligt mit bewundernswerter Präzision und unter absoluter Geheimhaltung. Es ist ebenso wahr, dass der Angriff mit einer großartigen Koordination durchgeführt wurde. Er begann gleichzeitig um 5 Uhr 15 am Morgen sowohl in Bayamo als auch in Santiago de Cuba. Und einer wie der andere, mit einer Exaktheit von Minuten und Sekunden, bereitete sich auf den Angriff vor, die Gebäude der Umgebung wurden von unseren Kräften eingenommen. Nichtsdestotrotz werde ich im Interesse der Wahrheit, und selbst wenn es unsere Verdienste schmälert, auch erstmals eine Tatsache aufdecken, die für uns fatal war: durch einen äußerst unglücklichen Fehler bewegte sich die Hälfte unserer Kräfte, und zwar die besser bewaffnete Hälfte, weg zum Stadttor und konnte uns im entscheidenden Augenblick nicht helfen. Abel Santamaría, ein Mann von 21 Jahren, hatte das Bürgerspital besetzt; mit ihm gingen ein Arzt und zwei unserer weiblichen Genossinnen, um sich der Verwundeten anzunehmen. Raúl Castro, begleitet von zehn Männern, besetzte den Justizpalast, und meine Verantwortung war es, die Kaserne anzugreifen mit den restlichen 95 Männern. Unterstützt durch eine Vorhut von acht Mann, die Tor 3 angriffen, kam ich mit der ersten Gruppe von 45 Männern an. Genau hier begann die eigentliche Schlacht, als mein Wagen in eine Außenpatrouille mit Maschinengewehren fuhr. Die Reserveeinheit, die, die beinahe alle schweren Waffen bei sich hatte (die leichten Waffen waren bei der Vorhut), nahm eine falsche Abzweigung und verirrte sich schlichtweg in einer ihr unbekannten Stadt. Ich möchte aber festhalten, dass ich nicht einen Augenblick den Mut dieser Männer in Zweifel ziehen möchte; sie fühlten Schmerz und Verzweiflung, als sie realisierten, dass sie sich verirrt hatten. Aufgrund der Art der Aktion und auch deshalb, weil die gegnerischen Truppen annähernd gleich gefärbte Uniformen trugen, war es nicht leicht für die Verlorenen, wieder mit uns in Kontakt zu kommen. Viele von ihnen, die später gefangen genommen wurden, traten dem Tod mit wahrem Heldenmut gegenüber.

Alle hatten als wichtigste Instruktionen, im Kampf human zu sein. Niemals war eine Gruppe bewaffneter Männer großzügiger gegenüber dem Feind. Von Anfang an nahmen wir zahlreiche Gefangene – ungefähr zwanzig – und dann gab es einen Moment, in dem es drei unserer Männer, Ramiro Valdés, José Suárez und Jesús Montané, gelang, eine Militärbaracke zu stürmen und beinahe 50 Gefangene für eine kurze Zeit in Schach zu halten. Diese Soldaten haben vor dem Gericht ausgesagt und sie haben ausnahmslos anerkannt, dass wir sie mit größtem Respekt behandelt haben, dass wir sie nicht einmal einer einzigen abwertenden Bemerkung ausgesetzt haben. In dieser Hinsicht möchte ich mich für diese eine Sache im Laufe des Prozesses auch herzlich beim Staatsanwalt bedanken: als er seinen Bericht vortrug, war er fair genug, es als unumstößliche Tatsache anzuerkennen, dass wir während des ganzen Kampfes im Geiste der Ritterlichkeit verblieben.

Die Disziplin der Soldaten hingegen hat sehr zu wünschen übrig gelassen. Sie haben uns schließlich besiegt, weil sie zahlenmäßig weit überlegen waren – fünfzehn zu eins – und weil sie unterstützt wurden durch die Verteidigungsmöglichkeiten der Festung. Unsere Männer erwiesen sich als die weitaus besseren Schützen, wie selbst unsere Feinde einräumten. Es gab auf beiden Seiten einen hohen Grad an Tapferkeit.

Wenn ich versuche, unsere taktischen Fehler zu analysieren – abgesehen von dem einen bereits erwähnten bedauerlichen Zwischenfall –, so glaube ich, dass die Aufteilung unserer Kommandoeinheit, die wir sie so sorgfältig ausgebildet hatten, eine Fehler war. Von unseren besten Männer und unseren kühnsten Anführern waren 27 in Bayamo, 21 beim Bürgerspital und 10 beim Justizpalast. Wenn wir unsere Kräfte anders eingeteilt hätten, dann wäre das Ergebnis der Schlacht vielleicht ein anderes gewesen. Der Zusammenstoß mit der Patrouille (der rein zufällig war, denn die Einheit hätte auch zwanzig Sekunden früher oder später an diesem Punkt sein können) alarmierte das Lager und gab den Soldaten Zeit für die Mobilisierung. Ansonsten wäre es ohne einen einzigen abgefeuerten Schuss in unsere Hände gefallen, da wir bereits die Wachposten kontrollierten. Außerdem – abgesehen von den Kaliber-22-Waffen, für die wir Unmengen an Patronen hatten – verfügten wir einfach über zu wenig Munition. Wenn wir Handgranaten gehabt hätten, dann hätte uns die Armee keine fünfzehn Minuten Widerstand leisten können.

Als ich schließlich überzeugt war, dass alle weiteren Versuche, die Kaserne einzunehmen, unnütz waren, begann ich mit dem Rückzug unserer Männer in Gruppen von jeweils acht oder zehn Männern. Unser Rückzug wurde abgesichert durch sechs exzellente Scharfschützen, kommandiert von Pedro Miret und Fidel Labrador; sie haben ein Vorrücken der Armee heroisch verhindert. Unsere Verluste im Kampf waren gering; 95% unserer Toten sind der Unmenschlichkeit der Armee nach dem Ende der Schlacht zuzuschreiben. Die Gruppe beim Krankenhaus hatte gar nur einen Gefallenen zu verzeichnen; der Rest der Gruppe war gefangen, als die Truppen den einzigen Ausgang versperrten; aber unsere Jungen legten nicht die Waffen nieder, bevor nicht ihre letzte Kugel verschossen war. Unter ihnen war Abel Santamaría, der großherzigste, hoch geschätzte und furchtloseste unserer jungen Männer, dessen glorreicher Widerstand ihn in der Geschichte Kubas unsterblich macht. Wir müssen uns vor Augen führen, welches Schicksal sie erlitten haben und wie Batista den Heroismus unserer Jugend bestrafte.

Wir hatten geplant, den Kampf in den Bergen fortzuführen, falls der Angriff auf das Regiment fehlschlagen sollte. In Siboney war es mir möglich, ein Drittel unserer Kräfte zu sammeln; aber viele von ihnen waren nun entmutigt. Ungefähr 20 von ihnen entschieden sich für die Aufgabe des Kampfes; wir werden später sehen, was aus ihnen geworden ist. Die übrigen 18 Männer folgten mir mit der restlichen Munition und den Waffen in die Berge. Das Terrain war uns völlig unbekannt. Für ungefähr eine Woche hielten wir die Höhen von Gran Piedra, während die Armee die umliegenden Hügel besetzte. Wir konnten nicht hinunter; sie wollten nicht riskieren, herauf zu kommen. Es war nicht Waffengewalt, sondern es waren Hunger und Durst, was schlussendlich unseren Widerstand brach. Ich musste die Männer in kleinere Gruppen unterteilen. Manchen von ihnen gelang es, durch die Armeelinien zu schlüpfen; andere wurden durch Monsignor Pérez Serantes der Armee übergeben. Am Ende blieben nur zwei Genossen bei mir – José Suárez und Oscar Alcalde. Während wir drei immer schwächer und schwächer wurden, überraschte uns eine Armeeeinheit geführt von Leutnant Sarría im Morgengrauen im Schlaf. Das war am Samstag, am 1. August. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Abschlachten der Gefangenen aufgrund des Protests der Bevölkerung bereits geendet. Dieser Offizier, ein Mann der Ehre, schützte uns davor, dass wir auf der Stelle mit unseren Händen gefesselt ermordet würden.

Ich muss hier die dummen Behauptungen von Ugalde Carrillo & Co. nicht widerlegen, die versucht haben, meinen Namen zu beschmutzen, um ihre eigene Feigheit, Inkompetenz und ihr verbrecherisches Vorgehen zu maskieren. Die Fakten sind klar genug.

Es ist nicht meine Absicht, das Gericht mit epischen Erzählungen zu langweilen. Alles, was ich gesagt habe, ist essentiell für das genauere Verständnis dessen, was jetzt folgt.

Lassen Sie mich zwei wichtige Tatsachen erwähnen, die eine objektive Einschätzung unserer Einstellung erleichtern werden. Erstens: wir hätten das Regiment einfach übernehmen können, indem wir die hochrangigen Offiziere in ihren privaten Häusern festnehmen. Diese Möglichkeit wurde von uns nicht in Betracht gezogen aufgrund des äußerst menschlichen Gedankens, dass wir Szenen von Tragik oder Gewalt in Gegenwart ihrer Familien vermeiden wollten. Zweitens: wir haben beschlossen, keine Radiostation zu besetzen, solange das Armeecamp nicht in unserer Gewalt wäre. Diese Einstellung, in unüblicherweise großmütig und rücksichtsvoll, ersparte der Bevölkerung jedes größere Blutvergießen. Mit nur zehn Männern hätte ich eine Radiostation besetzen und die Bevölkerung zur Revolte aufrufen können. Es gibt keinen Zweifel am Willen des Volkes zum Kampf. Ich hatte Aufnahmen von Eduardo Chibás’ letzter Nachricht über Radio CMQ [E. Chibás, Führer der bürgerlich-reformistischen „Orthodoxen Partei“, 1907-1951, erschoss sich im Anschluss an diese Radioansprache; Anm. d. Übers.], patriotische Gedichte und Kampflieder, die geeignet gewesen wären, selbst die am wenigsten empfindsamen Menschen zu bewegen, insbesondere angesichts des Lärms des tatsächlichen und gegenwärtigen Kampfes in ihren Ohren. Aber ich wollte diese Aufnahmen nicht benützen, obwohl unsere Situation verzweifelt war.

Das Regime hat immer wieder wiederholt, dass unsere Bewegung keine Unterstützung in der Bevölkerung hätte. Ich habe nie eine Behauptung gehört, die derart naiv und gleichzeitig so voll von böser Absicht war. Das Regime versucht zu zeigen, dass es auf Seiten des Volkes Unterwürfigkeit und Feigheit gäbe. Sie fordern nicht, dass das Volk die Diktatur unterstützt; sie wissen nicht, wie beleidigend dies wäre für die mutigen Menschen im Osten der Insel. In Santiago glaubten manche zunächst, unser Angriff wäre nur eine lokale Auseinandersetzung zwischen zwei Fraktionen in der Armee; erst viele Stunden später erkannten die Menschen, was wirklich geschehen war. Wer kann die Tapferkeit, den öffentliche Stolz und die unbegrenzte Courage der aufständischen und patriotischen Menschen von Santiago de Cuba anzweifeln? Wenn die Moncada-Kaserne  in unsere Hände gefallen wäre, dann hätten selbst die Frauen von Santiago triumphierend ihre Arme in die Höhe gestreckt. Viele unserer Waffen wurden geladen durch die Krankenschwestern im Bürgerspital. Sie kämpften mit uns, an unserer Seite. Das ist etwas, das wir nie vergessen werden.

Es war nie unser Ansinnen, die Soldaten des Regiments in einen Kampf zu zwingen. Wir wollten die Kontrolle über sie und ihre Waffen durch einen Überraschungsangriff erlangen, die Bevölkerung aufrütteln und die Soldaten aufrufen, der verhassten Fahne der Tyrannei abzuschwören und das Banner der Freiheit zu umarmen; die höchsten Interessen der Nation zu verteidigen – und nicht die Interessen einer kleinen Clique; ihre Waffen zu wenden und gegen die Feinde des Volkes zu kehren anstatt gegen das Volk, unter dem sich ihre eigenen Väter und Söhne befinden; sich mit dem Volk als die Brüder zu vereinigen, die sie sind, anstatt das Volk anzugreifen als die Feinde, zu denen das Regime es machen will; zu marschieren hintern dem einzigen schönen Ideal, das es wert ist, das Leben zu opfern – die Erhabenheit und das Glück unseres Landes. Jene, die anzweifeln möchten, dass uns viele Soldaten gefolgt wären, möchte ich fragen: Welcher Kubaner schätzt nicht Ruhm und Ehre? Welches Herz wird nicht entflammt durch die Aussicht auf Freiheit?

Die Marine hat nicht gegen uns gekämpft und zweifellos hätte sie sich später offen auf unsere Seite gestellt. Es ist allgemein bekannt, dass dieser Teil der Streitkräfte am wenigsten durch die Diktatur dominiert ist und dass es unter seinen Mitgliedern ein intensives Bürgerbewusstsein gibt. Aber hätten sie, so wie der Rest nationalen Streitkräfte, gegen das aufständische Volk gekämpft? Ich sage, sie hätten das nicht getan. Ein Soldat ist aus Fleisch und Blut; er denkt, beobachtet, fühlt. Er ist empfänglich für Meinungen, Gedanken, Sympathien und Antipathien des Volkes. Wenn Sie ihn nach seiner Meinung fragen, so wird er womöglich sagen, er könne sich nicht äußern; aber das bedeutet ja nicht, dass er keine Meinung hat. Er ist betroffen durch genau die gleichen Probleme, die andere Bürger betreffen – Lebensunterhalt, Rente, Ausbildung seiner Kinder, deren Zukunft etc. Alle diese Dinge sind unausweichlich Kontaktpunkte zwischen ihm und dem Volk und alle diese Dinge stellen ihn in eine Beziehung zur Gegenwart und zur Zukunft der Gesellschaft, in der er lebt. Es wäre töricht zu glauben, dass das Einkommen, das er vom Staat bezieht – ein eher bescheidenes Einkommen –, seine Lebensprobleme lösen würde, denen er ausgesetzt ist durch seine Bedürfnisse, Verpflichtungen und Gefühle als Mitglied seiner Gemeinschaft.

Diese kurze Erklärung war notwendig, weil sie grundlegend ist für eine Überlegung, der bislang nur wenige Menschen Aufmerksamkeit geschenkt haben – Soldaten haben tiefen Respekt für die Gefühle der Mehrheit des Volkes! Während des Machado-Regimes nahm die Loyalität der Armee offensichtlich in jenem Verhältnis ab, wie die öffentliche Antipathie anstieg. Dies war so wahrhaftig, dass eine Gruppe von Frauen mit ihren subversiven Versuchen im Lager Columbia beinahe erfolgreich gewesen wäre. Doch darüber hinaus wird dies sogar durch gegenwärtige Entwicklungen bestätigt. Während das Regime Grau San Martín fähig war, größte Popularität in der Bevölkerung zu genießen, starteten skrupellose Offiziere und machthungrige Zivilisten zahllose Verschwörungen in der Armee.

Der Putsch vom 10. März fand in einem Moment statt, an dem das Prestige der zivilen Regierung auf das Niedrigste abgenommen hatte, ein Umstand, aus dem Batista und seine Clique Kapital schlagen konnten. Warum führten sie ihren Schlag nicht nach dem 1. Juni [geplanter Wahltermin; Anm. D. Übers.] aus? Einfach deshalb, weil die Truppen für die Verschwörung nicht einsetzbar gewesen wären, wenn sie darauf gewartet hätten, dass die Mehrheit der Nation ihren Willen bei den Wahlen zum Ausdruck gebracht hätte!

Folgerichtig kann eine zweite Behauptung aufgestellt werden: die Armee hat niemals gegen ein Regime revoltiert, das die Mehrheit der Öffentlichkeit hinter sich hatte. Das sind historische Wahrheiten und wenn Batista darauf besteht, um jeden Preis gegen den Willen der Mehrheit der Kubaner an der Macht zu bleiben, dann wird sein Ende weitaus mehr tragisch sein als das von Gerardo Machado [1871-1939; kubanischer Diktator 1925-1933; Anm. d. Übers.].

Ich habe das Recht, meine Meinung über die bewaffneten Kräfte auszudrücken, weil ich sie verteidigt habe, als alle anderen geschwiegen haben. Und ich tat dies weder als Verschwörer noch aufgrund persönlicher Interessen – damit wir dann volle verfassungsgemäße Rechte genießen würden. Ich wurde nur angetrieben durch menschliche Instinkte und Bürgerpflichten. In diesen Tagen war die Zeitung „Alerta“ aufgrund ihrer Position zu nationalen politischen Fragen eine der am meisten gelesenen. Sie führte eine Kampagne gegen die Zwangsarbeiten, zu denen die Soldaten auf den Privatgrundstücken von hohen zivilen Persönlichkeiten und Offizieren der Armee verpflichtet wurden. Am 3. März 1952 unterstützte ich das Gericht mit Daten, Fotografien, Filmen und anderen Beweisen, die diese Affäre aufdeckten. Ich habe in diesen Artikeln auch hervor gestrichen, dass es elementarste Anstandsformen gebieten, die Soldatengehälter anzuheben. Ich würde gerne wissen, wer sonst noch seine Stimme erhoben hat, um gegen diese ganze Ungerechtigkeit gegenüber den Soldaten zu protestieren. Batista & Co. natürlich nicht, die gut geschützt auf ihren luxuriösen Gütern lebten, umgeben von allen möglichen Sicherheitseinrichtung, während ich ohne Bodyguards oder Waffen stetiger Gefahr ausgesetzt war.

Ebenso wie ich die Soldaten damals verteidigt habe, so sage ich ihnen jetzt – wo wieder alle anderen schweigen –, dass sie furchtbar getäuscht worden sind; und zur Täuschung und der Schmach vom 10. März kommt die Schande, die tausendmal größere Schande, der furchtbaren und nicht zu rechtfertigen Verbrechen von Santiago de Cuba. Seit dieser Zeit ist die Uniform der Armee mit Blut befleckt. Und so wie ich letztes Jahr den Menschen gesagt und vor dem Gericht verkündet habe, dass Soldaten auf Privatgrundstücken wie Sklaven arbeiten, so klage ich heute an, dass es Soldaten gibt, die von Kopf bis Fuß mit dem Blut junger Kubaner befleckt sind, die sie gefoltert und ermordet haben. Und ich sage ebenso, dass, wenn die Armee der Republik dient, die Nation verteidigt, das Volk respektiert und die Bürger beschützt, es nur fair wäre, wenn ein Soldat mindestens 100 Pesos im Monat verdient. Aber wenn die Soldaten das Volk unterdrücken und ermorden, die Nation betrügen und nur die Interessen einer kleinen Gruppe verteidigen, dann verdient die Armee nicht einen Cent vom Geld der Republik, und das Lager Columbia sollte umgewandelt werden in eine Schule mit zehntausenden Waisenkindern, die dort anstatt der Soldaten eine Unterkunft finden könnten.

Ich möchte gerecht gegenüber allen sein, daher kann ich nicht alle Soldaten für die abscheulichen Verbrechen verantwortlich machen, derer einige wenige üble und hinterhältige Armeeangehörige schuldig sind. Aber jeder ehrenhafte und aufrechte Soldat, der seine Berufung und seine Uniform liebt, ist verpflichtet, diese Schuld zu thematisieren und für ihre Tilgung zu kämpfen, diesen Betrug zu rächen und die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen. Sonst wird die Soldatenuniform für immer ein Zeichen der Schande sein anstatt eine Quelle des Stolzes.

Natürlich hatte das Regime vom 10. März keine andere Wahl, als die Soldaten von den Privatgrundstücken zurückzuziehen. Aber das tat es bloß, um sie sie sodann als Türsteher, Chauffeure, Diener und Bodyguards einzusetzen für den ganzen Haufen jener Politiker, die auf der Seite der Diktatur stehen. Jeder viert- oder fünftklassige offizielle Vertreter des Regimes sieht sich selbst als Nutznießer dieser Dienste der Soldaten, die ihre Autos fahren sollen und auf sich achten, so als ob sie permanent Angst hätten, sie würden irgendwann den Tritt in den Hintern bekommen, den sie gewiss verdienen.

Wenn sie doch irgendwie an wirklichen Reformen interessiert gewesen wären, warum hat das Regime dann nicht die Ländereien und die Millionen von Männern wie Genovevo Pérez Dámera konfisziert, die ihren Wohlstand der Ausbeutung von Soldaten verdanken, indem sie sie wie Sklaven angetrieben haben und finanzielle Mittel der Armee unterschlagen haben? Aber nein: Genovevo Pérez und andere wie er werden fraglos immer noch mitsamt ihrer Besitzungen von Soldaten beschützt, da die Generäle vom 10. März tief in ihren Herzen natürlich dieselbe Zukunft anstreben und keinerlei diesbezüglichen Präzedenzfall erlauben können.

Der 10, März war ein schlimmer Betrug, ja… – Nachdem Batista und seine Bande korrupter und schändlicher Politiker mit ihren Plänen, mittels der Wahlen an die Macht zu kommen, gescheitert waren, nützten sie die Unzufriedenheit in der Armee, um über die Rücken der Soldaten hinauf zur Macht zu klettern. Und ich weiß, dass es viele Armeeangehörige gibt, die angewidert sind, weil sie enttäuscht wurden. Zunächst wurde ihre Bezahlung erhöht, dann jedoch wurde sie durch diverse Abzüge und Reduktionen wieder hinabgesetzt. Viele der alten Elemente, die bereits die Armee verlassen hatten, kamen wieder zurück in ihre alten Ränge, wo sie den Weg für junge, tüchtige und wertvolle Männer blockieren, die sonst vielleicht aufgestiegen wären. Gute Soldaten wurden übergangen, während ein geradezu skandalöser Nepotismus weit verbreitet ist. Viele ehrliche Militärangehörige fragen sich nun, welche Veranlassung die Armee hatte, diese schwerwiegende historische Verantwortung der Zerstörung unserer Verfassung auf sich zu nehmen, nur um eine Gruppe unmoralischer Männer an die Macht zu bringen, Männer mit schlechter Reputation, korrupt, politisch hoffnungslos degeneriert, Männer, die ohne Unterstützung der Bajonette niemals wieder politische Ämter besetzen hätten können; und sie selbst waren nicht einmal jene mit den Bajonetten in ihren Händen…

Auf der anderen Seite erleiden die Soldaten eine schlimmere Tyrannei als die Zivilisten. Sie befinden sich unter ständiger Überwachung und nicht ein einziger genießt die geringste Sicherheit in seinem Job. Jeder ungerechtfertigte Verdacht, jedes Gerücht, jede Intrige oder Denunzierung kann die Versetzung, die unehrenhafte Entlassung oder die Einkerkerung bedeuten. Hat nicht Tabernilla in einem Memorandum den Soldaten verboten, mit irgendjemandem zu sprechen, der nicht auf der Seite der Regierung steht, also – kurz gesagt – mit 99% der Bevölkerung? Was für ein Misstrauen! Nicht einmal die vestalischen Jungfrauen von Rom mussten derartige Bestimmungen einhalten! Und was die viel gepriesenen kleinen Häuser für neue Rekruten betrifft, so gibt es in Wahrheit nicht einmal 300 auf der ganzen Insel; mit dem Geld, dass für Panzer, Gewehre und andere Waffen ausgegeben wurde, hätte jeder Soldat einen Platz zum Leben haben können. Batista ist nicht daran interessiert, für die Armee Sorge zu tragen, sondern daran, dass die Armee für ihn sorgt! Er verbessert die Mittel der Armee zum Unterdrücken und Töten, aber er verbessert nicht die Lebensbedingungen der Soldaten. Verdreifachte Dienstzeiten, permanente Unterkunft in Kasernen, andauernde Beklemmung, die Feindschaft des Volkes, Unsicherheit über die Zukunft – das ist es, was die Soldaten bekommen haben. Mit anderen Worten: „Stirb für das Regime, Soldat, gib ihm deinen Schweiß und dein Blut. Wir werden dir eine Rede widmen und dich posthum auszeichnen (wenn es nichts mehr bedeutet) und danach… leben wir weiterhin im Luxus, werden uns weiterhin bereichern. Töte, missbrauche, unterdrücke das Volk. Wenn das Volk genug hat und all diesem ein Ende bereitet wird, dann kannst du für unsere Verbrechen bezahlen, während wir ins Ausland gehen und wie Könige leben. Und falls wir eines Tages zurückkehren, dann klopfe nicht an die Türen unserer Villen, denn wir werden Millionäre sein und Millionäre geben sich nicht mit den Armen ab. Töte, Soldat, unterdrücke das Volk, stirb für das Regime, gibt deinen Schweiß und dein Blut…“

Aber falls eine Minderheit blind für diese traurige Wahrheit sich dafür entschieden hat, das Volk zu bekämpfen, das dabei war, sie von der Tyrannei zu befreien, würde immer noch das Volk siegen. Der ehrenwerte Staatsanwalt hat sich sehr interessiert gezeigt bezüglich unserer Erfolgsaussichten. Diese Chancen basierten auf Überlegungen bezüglich technischer, militärischer und sozialer Begebenheiten. Sie haben versucht, den Mythos zu verbreiten, dass moderne Armeen dem Volk keine Möglichkeit mehr ließen, einen Tyrannen zu stürzen. Militärparaden und die pompöse Vorführung der Kriegsmaschinerie dienen dazu, diesen Mythos am Leben zu halten und dem Volk das Gefühl völliger Machtlosigkeit zu geben. Doch keine Waffen, keine Gewalt kann das Volk niederhalten, wenn es einmal seiner Bestimmung gewiss ist, seine Rechte wiederzugewinnen. Sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft sind voll von Beispielen dafür. Das letzte ist die Revolte in Bolivien, wo Bergarbeiter mit Dynamitstangen reguläre Armeeregimenter besiegt haben.

Glücklicherweise müssen wir Kubaner nicht nach Beispielen aus dem Ausland suchen. Kein Beispiel ist so inspirierend wie jenes unseres eigenen Landes. Während des Krieges von 1895 gab es beinahe eine halbe Million bewaffneter spanischer Soldaten in Kuba, viel mehr als der Diktator heute hat, um eine fünfmal größere Bevölkerung niederzuhalten. Die Waffen der Spanier waren unvergleichlich moderner und besser als die unserer Guerillakämpfer. Häufig waren die Spanier mit Feldartillerie ausgerüstet und die Infanterie benutzte Hinterlader ähnlich zu solchen, wie sie auch heute noch bei Infanterieeinheiten in Verwendung sind. Die Kubaner waren zumeist mit nicht mehr bewaffnet als ihren Macheten, denn die Patronengurte waren fast immer leer. Es gibt eine unvergessliche Passage in der Geschichte unseres Unabhängigkeitskrieges, erzählt von General Miró Argenter, Chef von Antonio Maceos Generalstab. Es ist mir gelungen, es hier kopiert auf diesen Zettel mitzubringen, damit ich nicht von meinem Gedächtnis abhängig sein würde:

„Ungeübte Männer unter dem Kommando von Pedro Delgado, die meisten nur mit Macheten ausgerüstet, wurden regelrecht aufgerieben, als sie sich den soliden Linien der Spanier entgegen warfen. Es ist keine Übertreibung, wenn man sagt, dass von jeweils 50 Männern 25 getötet wurden. Manche griffen die Spanier sogar mit ihren bloßen Fäusten an, ohne Macheten, selbst ohne Messer. Als wir das Schilf am Fluss Hondo durchsuchten, fanden wir 15 weitere tote Kubaner, und es war nicht sofort klar, zu welcher Gruppe sie gehörten. Es sah so aus, als hätten sie keine Gewehre gehabt, ihre Kleider waren in Ordnung und bloß Trinkbecher aus Zinn hingen an ihren Gürteln; ein Stück weiter lag das tote Pferd, das Equipment intakt. Wir rekonstruierten den Ablauf der Tragödie. Diese Männer, die ihrem wagemutigen Anführer, Leutnant Pedro Delgado, folgten, hatten wahrlich Heldenlorbeeren verdient: sie hatten sich den spanischen Bajonetten mit bloßen Händen entgegen geworfen, das Aneinanderschlage von Metal, das wir zuvor gehört hatten, war der Lärm ihrer Trinkbecher, die gegen die Sättel der Pferde schlugen. Maceo war tief bewegt. Dieser Mann, der es gewohnt war, den Tod in all seinen Formen zu sehen, murmelte den Satz: ‚Ich habe so etwas noch nie gesehen, ungeübte und unbewaffnete Männer, die die Spanier nur mit ihren Trinkbechern als Waffen angreifen. Und ich habe es als Belastung bezeichnet!’“

So kämpfen Menschen, wenn sie ihre Freiheit gewinnen möchten; sie werfen Steine nach Flugzeugen und besiegen Panzer!

Sobald Santiago de Cuba in unserer Hand gewesen wäre, hätten wir sofort die Menschen in der Provinz Oriente auf den Kampf vorbereitet. Bayamo wurde gezielt angegriffen, um unsere Vorhut entlang des Flusses Cauto aufzustellen. Vergessen Sie nie, dass diese Provinz, die heute eineinhalb Millionen Einwohner hat, die rebellischste und patriotischste in Kuba ist. Es war diese Provinz, die über 30 Jahre den Unabhängigkeitskampf am Leben hielt, die den höchsten Preis bezüglich Blut, Opfer und Heroismus bezahlte. In Oriente kann man immer noch die Luft dieses glorreichen Epos’ einatmen. In der Morgendämmerung, wenn der Hahn kräht, um wie ein Horn für die Soldaten zum Angriff zu blasen, und wenn die Sonne aufgeht über den Bergen, dann scheint es, als würden wir noch einmal die Tage von Yara und Baire durchleben!

Ich habe gesagt, dass die zweite Überlegung, auf der unsere Erfolgschancen basierten, die Frage der sozialen Ordnung war. Warum waren wir uns der Unterstützung durch das Volk sicher? Wenn wir über das Volk sprechen, dann sprechen wir nicht über jene Menschen, die in Wohlstand leben, die konservativen Elemente in unserer Nation, die jedes repressive Regime begrüßen, jede Diktatur, jeden Despotismus, die sich vor den Herrschern des Augenblicks in den Staub werfen, bis sie mit ihrer Stirn den Boden aufgraben. Wenn wir vom Kampf sprechen und das Volk erwähnen, dann meinen wir die großen unerlösten Massen, jene, denen alle Versprechungen machen, die aber von allen betrogen werden; wir meinen das Volk, das sich nach einer besseren, würdigeren und gerechteren Nation sehnt; die bewegt werden durch das vererbte Streben nach Gerechtigkeit, weil sie unter Ungerechtigkeit und Spott über Generationen hinweg gelitten haben; jene, die sich nach bedeutenden und weisen Veränderungen bezüglich aller ihrer Lebensaspekte sehnen; Menschen, die, um diese Veränderungen zu erreichen, bereit sind, ihren letzten Atemzug zu geben, wenn sie an eine Sache glauben, insbesondere wenn sie an sich selbst glauben. Die erste Bedingung der Aufrichtigkeit und des guten Willens bei jeder Anstrengung ist, ganz genau das zu tun, was sonst niemand tut, nämlich klar und deutlich ohne Angst zu sprechen. Die Demagogen und Berufspolitiker, die das Kunststück zuwege bringen, immer recht zu haben und es jedem recht zu machen, betrügen notwendigerweise jeden in jeder Angelegenheit. Die Revolutionäre müssen ihre Ideen couragiert vorbringen, ihre Prinzipien definieren und ihre Absichten erklären, damit niemand getäuscht wird, weder Freund noch Feind.

Wenn wir in Fragen des Kampfes über das Volk sprechen, so sprechen wir über die 600.000 Kubaner ohne Arbeit, die ihr tägliches Brot ehrlich verdienen möchten, ohne auf der Suche nach Lebensunterhalt zur Emigration gezwungen zu sein; wir sprechen über die 500.000 Landarbeiter, die in miserablen Hütten leben, die vier Monate im Jahr arbeiten und den Rest hungern, die diese Misere mit ihren Kindern teilen, die keinen einzigen Quadratmeter Land zum Bestellen haben und deren Schicksal jedes Herz, das nicht aus Stein ist, bewegen muss; wir sprechen über die 400.000 Industriearbeiter, deren Fonds zur Altersvorsorge veruntreut wurden, deren soziale Zuwendungen gestrichen wurden, deren Heimat erbärmliche Elendsviertel sind, deren Löhne quasi direkt von der Hand ihres Bosses in die Hand des Geldverleihers wechseln, deren Zukunft in Lohnkürzungen und Entlassungen besteht, deren Leben Arbeit ohne Ende bedeutet und die erst am Friedhof zur Ruhe kommen werden; wir sprechen von den 100.000 Kleinbauern, die leben und sterben unter Bedingungen, wo sie Land bearbeiten, das ihnen nicht gehört, die dieses Land mit der Traurigkeit betrachten, mit der sich Moses nach dem gelobten Land sehnte, die dazu verurteilt sind, ohne diese Land jemals zu besitzen, zu sterben, die wie Feudalbauern dafür bezahlen müssen, ihre Parzelle zu bewirtschaften, indem sie einen Teil ihrer Produkte abgeben, die ihre Parzelle nicht lieben, nicht verbessern, nicht verschönern oder auf ihrem Land eine Zeder oder einen Orangenbaum pflanzen können, weil sie nie wissen, ob nicht ein Wachmann mit der Landpolizei kommen wird, um sie von diesem Fleck zu vertreiben; wir sprechen über die 30.000 Lehrer und Professoren, die ihr Leben der besseren Bestimmung künftiger Generation widmen, sich diesem Ziel unterordnen und dafür auch so notwendig sind, die aber so schlecht behandelt und bezahlt werden; wir sprechen von den 20.000 kleinen Gewerbetreibenden, die durch Schulden belastet sind, die ruiniert werden durch die Krisen und die beschwatzt werden durch die Plage der korrupten und käuflichen Beamten; wir sprechen von den 10.000 jungen Menschen mit höherer Ausbildung: Ärzte, Ingenieure, Anwälte, Tierärzte, Lehrer, Zahnärzte, Apotheker, Journalisten, Maler, Bildhauer etc., die ihre Ausbildung mit einem Diplom beendet haben, die voller Hoffnung begierig darauf sind, endlich zu arbeiten, sich dann aber in einer Sackgasse wieder finden, wo alle Türen für sie verschlossen bleiben und niemand ihre Klagen oder Bitten hört. Das ist das Volk, das sind die Menschen, die das Unglück kennen und daher bereits sind, mit unlimitierter Courage zu kämpfen! Zu diesen Menschen, deren verzweifelter Lebensweg mit Betrug und falschen Versprechungen gepflastert worden ist, werden wir nicht sagen: „Wir werden euch dies oder jenes geben.“ Wir werden ihnen sagen: „So sieht es aus, jetzt kämpft für eure Bedürfnisse und Wünsche mit allem, was ihr habt, damit ihr eure Freiheit und euer Glück gewinnt!“

Die fünf revolutionären Gesetze, die unmittelbar nach der Einnahme der Moncada-Kaserne erlassen und über die Radiostationen verlautbart worden wären, müssen in die Prozessakten aufgenommen werden. Es ist möglich, dass Oberst Chaviano diese Dokumente vorsätzlich zerstört hat, aber selbst dann habe ich sie noch in meinem Gedächtnis.

Das erste revolutionäre Gesetz hätte die Macht wieder dem Volk zurückgegeben und hätte die Verfassung von 1940 als höchstes Staatsgesetz proklamiert bis zu der Zeit, wenn das Volk sich entscheiden sollte, die Verfassung zu ändern. Und um diese Verfassung wieder in Kraft zu setzen und um jene zu bestrafen, die sie verletzt haben, müsste die revolutionäre Bewegung – solange es noch keine gewählten Staatsorgane gäbe – als unmittelbarer Ausdruck dieser Volkssouveränität die einzige Quelle legitimer Gewalt sein, müsste alle somit implizierten Möglichkeiten konzentrieren, ausgenommen die Möglichkeit, die Verfassung selbst zu ändern: mit anderen Worten, sie würde die legislative, exekutive und gerichtliche Gewalt ausüben.

Diese Einstellung könnte nicht klarer sein, nicht freier von Unschlüssigkeiten und Scharlatanerie. Eine Regierung, befugt durch die Masse des aufständischen Volkes, würde mit jeder Macht ausgestattet sein, mit allem, was nötig ist, um dem Volkswillen und wirklicher Gerechtigkeit wieder zu effektiver Geltung zu verhelfen. Von diesem Moment an würde die bisherige gerichtliche Gewalt – die sich seit dem 10. März selbst gegen die und außerhalb der Verfassung gestellt hat – aufhören zu bestehen, und wir würden voranschreiten zu ihrer sofortigen und totalen Reform, bevor sie dann wieder die Aufgaben übernehmen könnte, die ihr das höchste Gesetz der Republik zuschreibt. Ohne diese vorherigen Mittel, eine Rückkehr zur Legalität durch die Übergabe dieser Aufgaben in genau jene Hände, die das System zuvor so unehrenhaft zerstört haben, das wäre eine Täuschung, ein weiterer Betrug.

Das zweite revolutionäre Gesetz würde nicht pfändbares und nicht übertragbares Land zuweisen – und zwar allen Pächtern und Subpächtern, allen Kleinstbauern und Siedlern, die weniger als fünf Caballerías [kubanisches Flächenmaß: 1 caballíera = 13,5 Hektar; Anm. d. Übers.] Land haben, und der Staat würde die vormaligen Eigentümer mit einem Betrag auf Basis jener Grundrente, die sie in zehn Jahren erlangt hätten, entschädigen.

Das dritte revolutionäre Gesetz würde den Arbeitern und Angestellten das Recht zugestehen, 30% der Gewinne aller großen Industrie, Handels, und Bergbauunternehmen aufzuteilen, inklusive der Zuckerrohrbetriebe. Die rein landwirtschaftlichen Unternehmen wären davon ausgenommen, da für sie andere spezielle Gesetze vorgesehen wären.

Das vierte revolutionäre Gesetz hätte allen Zuckerrohrfarmern das Recht zugestanden, 55% der Gewinne aufzuteilen, den kleinen Pachtbauern, die bereits mindestens drei Jahre ihr Land bestellen, eine Mindestquote von 40.000 Arroba [kubanisches Gewicht: 1 arroba = 25 Pfund; Anm.].

Das fünfte revolutionäre Gesetz hätte angeordnet, dass alle Güter und unrechtmäßig erworbenen Einnahmen jener Menschen konfisziert werden, die unter den vorherigen Regimes für Betrügereien verantwortlich waren, und ebenso die Güter und unrechtmäßig erworbenen Einnahmen ihrer Nachfolger und Erben. Um dies zu ermöglichen, müssten Sondergerichte mit allen Vollmachten ausgestattet werden, um Zugang zu allen Aufzeichnungen aller in diesem Land eingetragenen oder operierenden Unternehmen zu haben, um versteckte Gelder illegaler Herkunft zu untersuchen und um darum zu ersuchen, dass ausländische Regierungen die verantwortlichen Personen ausliefern sowie deren  Geldbestände zurückhalten, die rechtmäßig dem kubanischen Volk gehören. Die eine Hälfte des somit wiedererlangten Vermögens würde dazu verwendet, die Pensionskassen der Arbeiter zu subventionieren, die andere Hälfte würde Krankenhäusern, Heimen und karitativen Einrichtungen zugute kommen.

Darüber hinaus wurde erklärt, dass die kubanische Politik in den Amerikas eine der engen Solidarität mit den demokratischen Völkern dieses Kontinents wäre, und dass alle politisch verfolgten Menschen, die durch blutige Tyranneien in unseren Schwesternationen unterdrückt werden, großzügig Asyl, Geschwisterlichkeit und Brot im Lande von Martí finden sollten; nicht die Verfolgung, den Hunger und den Verrat, die sie heute bei uns finden. Kuba sollte ein Bollwerk der Freiheit sein – und nicht ein beschämendes Glied in der Kette des Despotismus.

Diese Gesetze wären sofort verlautbart worden und in Kraft getreten. Sobald dieser Umbruch erfolgt gewesen wäre und noch vor einer detaillierten und weitreichenden Untersuchung, wären diesen Gesetzen eine weitere Reihe von Gesetzen sowie Angelegenheiten von fundamentaler Relevanz gefolgt, so die Landreform, die integrale Bildungsreform, die Nationalisierung des Elektrizitätstrusts und des Telefontrusts, die Summen aus illegalen und repressiven Tarifen, die diese Gesellschaften der Bevölkerung verrechnet hatten, müssten refundiert, Schulden aufgrund von Steuern, die sie in der Vergangenheit in unverschämter Weise umgangen haben, würden eingehoben werden.

Alle diese Gesetze und auch die weiteren würden grundlegend und exakt den Vorgaben zweier essentieller Artikel unserer Verfassung entsprechen: der eine verordnet das Verbot großer Anwesen – mittels Angabe eines Maximums, wie viel Land eine Einzelperson oder eine Einheit besitzen darf für jede Art einer landwirtschaftlichen Unternehmung –, sodass gegebenenfalls Maßnahmen ergriffen werden können, die dafür sorgen würden, dass das Land wieder an die Kubaner zurückfällt. Der andere gebietet dem Staat kategorisch, alle zur Verfügung stehenden Mittel anzuwenden, um allen Menschen eine Beschäftigung zu bieten, die keine haben, sowie um annehmbare Lebensumstände für alle körperlich oder geistig werktätigen Menschen zu sichern. Keines dieser Gesetze kann als verfassungswidrig bezeichnet werden. Die erste durch das Volk gewählte Regierung hätte sie zu respektieren gehabt – nicht nur aufgrund moralischer Verpflichtungen gegenüber der Nation, sondern weil,  wenn die Menschen etwas erreichen, wonach sich bereits Generationen gesehnt haben, keine Kraft der Welt befugt ist, es ihnen wieder wegzunehmen.

Das Problem des Landes, das Problem der Industrialisierung, das Problem des Wohnens, das Problem der Arbeitslosigkeit, das Problem der Bildung und das Problem der Volksgesundheit: dies sind die sechs Probleme, für deren Lösung wir unmittelbar Schritte eingeleitet hätten – gleichzeitig mit der Restaurierung der bürgerlichen Freiheiten und der politischen Demokratie.

Diese Ausführungen mögen kühl und theoretisch erscheinen für jemanden, der die schockierenden und tragischen Bedingungen unseres Landes bezüglich dieser sechs Probleme nicht kennt – neben der erniedrigenden politischen Unterdrückung.

85% der Kleinbauern in Kuba zahlen Grundrenten und leben unter der ständigen Bedrohung, von dem Land, das sie bebauen, vertrieben zu werden. Mehr als die Hälfte unseres produktivsten Bodens ist in den Händen von Ausländern. In Oriente, der größten Provinz Kubas, reichen die Ländereien der United Fruit Company und der West Indian Company durchgehend von der Nord- bis zur Südküste. Es gibt 200.000 Landbewohnerfamilien, die nicht einen Quadratmeter Land zum Bebauen haben, um ihre hungernden Kinder mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Auf der anderen Seite bleiben beinahe 300.000 Caballerías fruchtbaren Landes, das den Mächtigen gehört, unbebaut und liegen brach. Wenn Kuba schlussendlich doch ein landwirtschaftlich geprägter Staat ist, wenn seine Bevölkerung großteils auf dem Land lebt, wenn die Städte von diesen ländlichen Gebieten abhängig sind, wenn die Menschen der Landbevölkerung unseren Unabhängigkeitskampf gewonnen haben, wenn die Größe und die Prosperität unserer Nation abhängig ist von einer gesunden und vitalen Bevölkerung, die das Land liebt und weiß, wie es zu bebauen ist, wenn diese Bevölkerung abhängig ist von einem Staat, der sie beschützt und leitet – wie kann dann geduldet werden, dass die gegenwärtige Staatsführung im Amt bleibt und weitermacht wie bisher?

Abgesehen von einer kleinen Nahrungsmittel-, Holzverarbeitungs- und Textilindustrie bleibt Kuba ein Land, das hauptsächlich Roh- und Grundstoffe produziert. Wir exportieren Zucker, um sodann Süßigkeiten zu importieren, wir exportieren Tierhäute, um sodann Schuhe zu importieren, wir exportieren Eisen, um sodann Pflüge zu importieren… – Jeder wird dem Grundbedürfnis zustimmen, dass unsere Nation dringend industrialisiert werden muss, dass wir eine eigene Stahlindustrie brauchen, eine Papierindustrie, eine chemische Industrie, dass wir unsere landwirtschaftliche Produktion sowohl bei Rindern als auch Getreide verbessern müssen, dass wir Technologie und Verarbeitung in unserer Nahrungsmittelindustrie verbessern müssen, um uns zu verteidigen gegen den ruinösen Wettbewerb aus Europa bezüglich der Käseprodukte, Kondensmilch, Spirituosen und Speiseöle einerseits, andererseits aus den USA vor allem bezüglich der Konservenprodukte; dass wir Frachtschiffe benötigen; dass der Tourismus zu einer enormen Einnahmequelle werden sollte. Doch die Kapitalisten bestehen darauf, dass die Arbeiter unter dem Joch bleiben. Und der Staat lehnt sich mit verschränkten Armen zurück und die Industrialisierung kann für immer und ewig warten.

Ein ebenso ernsthaftes, wenn nicht gar ein schlimmeres Problem ist die Frage des Wohnens. Es gibt in Kuba 200.000 elende Hütten und Schuppen, in denen Menschen leben müssen; 400.000 Familien auf dem Land und in den Städten leben zusammengepfercht in Hütten und Mietskasernen, ohne dort auch nur grundlegendste sanitäre Einrichtungen zu haben; 2,2 Millionen Menschen unserer Stadtbevölkerung zahlen Mieten, die zwischen einem Fünftel und einem Drittel ihres Einkommen auffressen; und 2,8 Millionen Menschen unserer Bevölkerung auf dem Land und in den Vororten haben keinen elektrischen Strom. Wir haben hier wieder dieselbe Situation: wenn der Staat eine Herabsetzung der Mieten vorschlägt, dann drohen die Hausbesitzer damit, sämtliche Neubauten einzustellen; wenn der Staat nicht eingreift, dann gibt es Neubauten, solange die Hausbesitzer hohe Mieten kassieren können; sonst würden sie nicht einen einzigen Ziegelstein irgendwo hinlegen lassen, selbst wenn der Rest der Bevölkerung völlig den Naturelementen ausgeliefert leben müsste. Das Versorgungsmonopol ist um nichts besser; sie bauen das Stromnetz aus, soweit es profitabel ist, doch über diesen Punkt hinaus kümmert es sie nicht, ob Menschen den Rest ihres Lebens in Dunkelheit verbringen müssen. Der Staat lehnt sich mit verschränkten Armen zurück und die Menschen haben weder Wohnungen noch elektrischen Strom.

Unser Bildungssystem ist perfekt kompatibel mit allem, was ich bislang erwähnt habe. Wo die Landbewohner kein Land besitzen, wer benötigt da Landwirtschaftsschulen? Wo es keine Industrie gibt, wer benötigt da technische Schulen oder Berufsschulen? Alles folgt derselben absurden Logik; wenn wir das eine nicht haben, können wir auch das andere nicht haben. In jedem kleinen europäischen Land gibt es mehr als 200 technische Schulen und Berufsschulen; in Kuba existieren nur sechs solcher Schulen und ihre Absolventen finden keine Jobs für ihre Befähigungen. Die kleinen ländlichen Schulhäuser werden bloß von der Hälfte der Kinder im Schulalter besucht – barfüßig, halbnackt und unterernährt – und regelmäßig müssen die Lehrer die notwendigen Schulmaterialien von ihren eigenen Gehältern kaufen. Ist das die Methode, eine große Nation zu schaffen?

Nur der Tod kann einen von soviel Unglück befreien. In dieser Hinsicht – immerhin! – ist der Staat äußerst hilfreich: er ermöglicht für die Menschen einen frühen Tod. 90% der Kinder der Landbevölkerung sind von Parasiten befallen, die sich durch ihre nackten Füße gefressen haben und in sich in ihren Körpern ausbreiten. Die Gesellschaft ist von tiefem Mitgefühl ergriffen, wenn sie von Kidnapping oder dem Mord an einem Kind hört, aber sie bleibt gleichgültig gegenüber dem Massenmord an so vielen tausenden Kindern, die jedes Jahr aufgrund mangelnder Versorgung sterben, die einem Todeskampf voller Schmerzen ausgeliefert sind. Ihre unschuldigen Augen, in denen man bereits den allgegenwärtigen Tod sehen kann, scheinen in eine vage Unendlichkeit zu blicken, so als würden sie um Vergebung für den menschlichen Egoismus flehen, so als würden sie Gott bitten, seinen Zorn zurückzuhalten. Und wenn das Familienoberhaupt nur vier Monate im Jahr Arbeit hat, wie soll er sich Kleidung und Medizin für seine Kinder leisten können? Sie werden mit Rachitis aufwachsen, sie werden, wenn sie 30 Jahr alt sind, nicht einen einzigen gesunden Zahn mehr im Mund haben; sie werden zehn Millionen großartige Reden gehört haben und schließlich aufgrund von Elend und Betrug sterben. Öffentliche Krankenhäuser, die immer gefüllt sind, akzeptieren nur Patienten, die „empfohlen“ wurden von einigen mächtigen Politikern, die wiederum im Gegenzug die Stimmen und die Unterstützung des unglücklichen Betroffenen und seiner Familie verlangen, sodass Kuba für immer in derselben oder einer noch schlechteren Verfassung bleibt.

Mit diesem Hintergrund, ist es da nicht verständlich, dass zwischen Mai und Dezember über eine Million Menschen arbeitslos bleiben und dass Kuba, mit einer Einwohnerzahl von fünfeinhalb Millionen, eine größere Zahl Arbeitsloser hat als Frankreich oder Italien, die jeweils eine Einwohnerzahl von 40 Millionen haben?

Ehrenwerte Richter! Wenn Sie einen Menschen befragen, der des Raubes angeklagt ist, fragen Sie ihn dann, wie lange er arbeitslos war? Fragen Sie ihn, wie viele Kinder er hat, an wie vielen Tagen pro Woche er etwas zu essen hatte und an wie vielen nicht, untersuchen Sie überhaupt seinen sozialen Hintergrund? Sie schicken ihn einfach ins Gefängnis, ohne weiter darüber nachzudenken. Aber jene, die Warenhäuser und Geschäfte niederbrennen, um illegal Versicherungssummen zu kassieren, gehen nie ins Gefängnis, selbst dann nicht, wenn mitsamt den Gebäuden auch ein paar Menschen verbrannt sind. Der Versicherte hat Geld, um Anwälte zu engagieren und Richter zu bestechen. Sie werfen den armen Kerl in Gefängnis, der nur gestohlen hat, weil er hungrig war; aber keine einziger der hunderten Menschen, die Millionen von der Regierung stehlen, hat jemals auch nur einen Nacht im Gefängnis verbracht. Sie dinieren mit diesen Menschen sogar am Ende des Jahres in einem eleganten Klub und sie genießen Ihren Respekt. Wenn in Kuba ein Regierungsvertreter über Nacht zum Millionär wird und in die Bruderschaft der Reichen eintritt, dann könnte er trefflich begrüßt werden mit den Worten von Taillefer, dieses opulenten Charakters aus der Feder von Balzac, der in seinem würdigenden Trinkspruch für den jungen Erben eines enormen Vermögens sagt: „Meine Herren, lassen Sie uns trinken auf die Macht des Goldes! Herr Valentine, ein sechsfacher Millionär, hat soeben den Thron bestiegen. Er ist König, kann alles tun, steht über allen – so wie alle Reichen. Daher wird die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz, die von der Verfassung vorgegeben wird, für ihn ein Mythos bleiben; denn er wird niemals irgendwelchen Gesetzen gehorchen müssen: die Gesetze werden ihm zu gehorchen haben. Es gibt weder Gerichte noch Strafen für Millionäre.“

Die Zukunft der Nation und die Lösung ihrer Probleme können nicht weiterhin von den Interessen eines Dutzends großer Geschäftsmänner abhängen, ebenso wenig von den kalten Profitkalkulationen, die zehn oder zwölft Magnaten in ihren mit Klimaanlagen ausgestatteten Büros berechnen. Das Land kann nicht weiterhin auf seinen Knien bitten um Wunder einiger goldener Kälber, wie jenes biblischen, das der Zorn des Propheten [Moses; Anm.] zerstört hat. Goldene Kälber können keinerlei Wunder erschaffen. Die Probleme der Republik können nur dann gelöst werden, wenn wir dafür mit derselben Energie und Ehrlichkeit und demselben Patriotismus kämpfen wie unsere Freiheitskämpfer, als sie die Republik begründet haben. Hingegen „Staatsmänner“ wie Carlos Saladrigas, dessen staatstragende Tätigkeit darin besteht, den Status quo zu erhalten und Phrasen zu verwenden wie „absolute Freiheit des Unternehmertums“, „Garantien für das Investitionskapital“ und „Gesetz von Angebot und Nachfrage“, werden diese Probleme nicht lösen. Diese Minister werden immer noch in ihren Appartements in der Fifth Avenue schwatzen, wenn die Knochen derjenigen Menschen, deren Probleme sofortiger Lösungen bedürfen, bereits zu Staub zerfallen sind. In dieser heutigen Welt werden sich soziale Probleme nicht von alleine, quasi aus sich selbst heraus lösen.

Eine revolutionäre Regierung, die unterstützt wird durch das Volk und den Respekt der Nation hat, würde sofort voranschreiten, nachdem sie die verschiedenen Institutionen von allen korrupten und bestechlichen Beamten gereinigt hat, um das Land zu industrialisieren, um das ganze inaktive Kapital zu mobilisieren – gegenwärtig etwa geschätzte 1,5 Milliarden Pesos – mit Hilfe der Nationalbank, der Landwirtschafts- und industriellen Entwicklungsbank, und sie würde die Mammutaufgabe der Untersuchung, Planung, Leitung und Realisierung nur Experten und Menschen übertragen, die absolut kompetent und völlig fern von allen politischen Apparaten sind.

Nachdem die 100.000 Kleinbauern als Eigentümer des Landes, das sie zuvor gepachtet hatten, eingesetzt sind, würde sich eine revolutionäre Regierung sofort den weiteren Problemen der Landreform widmen. Zuerst, als Bekanntmachung in der Verfassung, würde sie ein Maximum festlegen für die Größe des Landes, die jede Art landwirtschaftlicher Unternehmung halten darf, sie würde den Überschuss durch Enteignung sammeln, sie würde Sumpfland bebaubar machen, sie würde Pflanzschulen errichten und sie würde Zonen zur Wiederaufforstung unter Schutz stellen. Zweitens würde sie das restliche Land aufteilen unter den Landfamilien, wobei die größeren zu bevorzugen wären, und würde landwirtschaftliche Kooperativen unterstützen zur gemeinsamen Nutzung teurer Geräte und um ein gemeinsames professionelles technisches Management in der Landwirtschaft zu ermöglichen. Schlussendlich würde sie Ressourcen, Geräte, Schutz und nützliche Leitlinien für die Landbevölkerung zur Verfügung stellen.

Eine revolutionäre Regierung würde das Wohnproblem lösen, indem alle Mieten auf die Hälfte herabgesetzt würden, indem Wohnungen, die von ihren Eigentümern bewohnt werden, von der Steuer ausgenommen würden; indem die Steuern für Mietshäuser verdreifacht würden; indem die Hütten abgetragen würden und durch moderne Appartementhäuser ersetzt würden; und indem die Finanzierung des Wohnens auf eine neue Ebene gehoben wird, die hierzulande noch nie da gewesen ist, die nach dem Kriterium ausgerichtet ist, dass – ebenso wie jede Landfamilie sein eigenes Stück Land besitzen soll – auch jede Stadtfamilie ihr eigenes Haus oder ihre eigene Wohnung besitzen soll. Es gibt ausreichend Baumaterial und ebenso genug Arbeitskraft, um eine würdige Unterkunft für jeden Kubaner zu ermöglichen. Aber wenn wir weiter auf das goldene Kalb vertrauen und auf es warten, dann werden tausend Jahre vergehen und die Probleme werden immer noch dieselben sein. Darüber hinaus sind die Möglichkeiten, den elektrischen Strom sogar in die am meisten isolierten Gebiete auf der Insel zu bringen, größer denn je. Die Nutzung der Nuklearenergie ist in diesem Bereich mittlerweile Realität und sie wird die Kosten der Stromproduktion bedeutend reduzieren.

Mit diesen drei Projekten und Reformen würde das Problem der Arbeitslosigkeit automatisch verschwinden und die Aufgabe der Verbesserung des öffentlichen Gesundheitswesens und der Kampf gegen Krankheiten würden viel einfacher werden.

Und zu guter letzt würde eine revolutionäre Regierung die Reform des Bildungssystems in Angriff nehmen, indem es mit den Anforderungen der genannten Projekte in Übereinstimmung gebracht wird und der Idee untergeordnet ist, jene Generationen auszubilden und zu erziehen, die das Privileg haben werden, in einem glücklicheren Land zu leben. Vergessen Sie nicht die Worte des Apostels [gemeint ist José Martí; Anm.]: „Ein schlimmer Fehler wird in Lateinamerika gemacht: in Ländern, die fast zur Gänze von den Produkten der Landwirtschaft leben, werden die Menschen ausschließlich für das Leben in der Stadt erzogen und sind nicht vorbereitet für ein Leben in der Landwirtschaft.“ „Das glücklichste Land ist jenes, das seine Kinder richtig erzogen hat – sowohl intellektuell wie emotional.“ „Ein gebildetes Land wird immer stark und frei sein.“

Die Seele der Erziehung ist der Lehrer und in Kuba ist der Beruf des Lehrers furchtbar unterbezahlt. Nichtsdestotrotz ist in Kuba kaum jemand in seiner Tätigkeit aufopfernder als die Lehrer. Wer von uns hat nicht seine Grundkenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen im kleinen öffentlichen Schulhaus gelernt? Es ist an der Zeit, damit aufzuhören, jenen jungen Frauen und Männern Hungerlöhne zu zahlen, die mit der bedeutenden Aufgabe betraut sind, unsere Jugend zu unterrichten. Kein Lehrer sollte weniger als 200 Pesos verdienen, kein Lehrer der Sekundärstufe sollte weniger als 350 Pesos verdienen, damit sie sich ohne Entbehrungen ihrer großen Aufgabe widmen können. Darüber hinaus sollten alle Landlehrer gratis alle Transportmöglichkeiten benützen können; und zumindest alle fünf Jahre sollte allen Lehrer eine arbeitsfreie Zeit von sechs Monaten bei voller Gehaltsfortzahlung zustehen, damit sie sich zu Hause oder auch im Ausland weiterbilden können und im Kontakt mit den neuesten Entwicklungen ihrer Fachbereiche bleiben. Auf diese Weise könnte das Bildungs- und Lehrsystem einfach verbessert werden. Woher wird das Geld für all dies kommen? Wenn endlich Schluss ist mit der Veruntreuung von Regierungsgeldern, wenn die Beamten aufhören, Bestechungsgelder zu nehmen von jenen großen Firmen, die dem Staat Steuern schulden, wenn die Nutzung der enormen Ressourcen unseres Landes optimiert werden, wenn wir keinen Panzer, Kampfflugzeuge und Gewehre mehr kaufen für dieses Land (das keine Grenzen zu verteidigen hat, wofür dieses Kriegsgerät benötigt wird, das nun gegen die Bevölkerung eingesetzt wird), wenn es ein größeres Interesse gibt, die Menschen zu bilden anstatt zu töten, dann wird es mehr als genug Geld geben.

Kuba könnte problemlos auch für eine Bevölkerung sorgen, die dreimal so groß ist wie die gegenwärtige, daher gibt es keine Entschuldigung dafür, dass auch nur ein einziger seiner jetzigen Einwohner von Armut betroffen ist. Die Märkte sollten mit Gütern überfüllt sein, die Vorratskammern ebenso, alle Hände sollten Arbeit haben. Das ist kein unmöglicher Gedanke. Unbegreiflich ist vielmehr, dass irgendjemand hungrig zu Bett gehen sollte, solange es nur einen Quadratmeter unproduktiven Landes gibt; unbegreiflich ist, dass Kinder aufgrund mangelnder medizinischer Betreuung sterben sollen; unbegreiflich ist die Tatsache, dass 30% unserer bäuerlichen Bevölkerung nicht einmal ihre Namen schreiben können und 99% nichts über die Geschichte Kubas wissen. Was wirklich unbegreiflich ist, ist die Tatsache, dass die Mehrheit unserer Landbevölkerung heute unter schlechteren Bedingungen lebt als jene indigene Urbevölkerung, die Christoph Kolumbus seinerzeit vorfand in dem unschuldigsten Land, das menschliche Augen jemals zu Gesicht bekommen haben.

Für jene, die mich einen Träumer nennen, möchte die Worte von Martí zitieren: „Ein wahrer Mann sucht nicht den Weg, wo der Vorteil zu finden ist, sondern vielmehr den Weg, wo die Verantwortung liegt, und nur dies ist der wirklich realistische Mann, dessen Träume von heute die Gesetze von morgen sein werden, denn er, der zurückblickte auf den bedeutenden Weg der Geschichte und blutende Völker im großen Kessel der Zeit sieden sah, der weiß, dass die Zukunft ausnahmslos auf Seiten der Verantwortung liegt.“

Nur wenn wir verstehen, dass ein solch hohes Ideal sie inspiriert hat, dann können wir den Heroismus der Männer begreifen, die in Santiago de Cuba gefallen sind. Die geringen materiellen Mittel, die uns zur Verfügung standen, waren das einzige, was unseren sicheren Erfolg verhindert hat. Wenn den Soldaten erzählt worden ist, dass Carlos Prío [bürgerlicher Präsident 1948-1952, von Batistas Putsch gestürzt; Anm. d. Übers.] uns eine Million Pesos gegeben hätte, dann geschah das im Sinne des Versuchs des Regimes, die wichtigste Tatsache zu entstellen: die Tatsache, das unsere Bewegung keinerlei Verbindung zu früheren Politikern hatte; dass diese unsere Bewegung die einer neuen kubanischen Generation mit eigenen Ideen ist, die sich gegen die Tyrannei erhebt; dass diese Bewegung von jungen Menschen