|
Bürgerin Zetkin, Abgeordnete der Arbeiterinnen von
Berlin, ergreift unter lebhaftem Beifall das Wort über die Frage der
Frauenarbeit. Sie erklärt, sie wolle keinen Bericht erstatten über die
Lage der Arbeiterinnen, da diese die gleiche ist wie die der
männlichen Arbeiter. Aber im Einverständnis mit ihren
Auftraggeberinnen werde sie die Frage der Frauenarbeit vom
prinzipiellen Standpunkt beleuchten. Da über diese Frage keine
Klarheit herrsche, sei es durchaus notwendig, daß ein internationaler
Arbeiterkongreß sich klipp und klar über diesen Gegenstand ausspreche,
indem er die Prinzipienfrage behandelt.
Es ist
– führt die Rednerin aus – nicht zu verwundern, daß die reaktionären
Elemente eine reaktionäre Auffassung haben über die Frauenarbeit. Im
höchsten Grade überraschend aber ist es, daß man auch im
sozialistischen Lager einer irrtümlichen Auffassung begegnet, indem
man die Abschaffung der Frauenarbeit verlangt. Die Frage der
Frauenemanzipation, das heißt in letzter Instanz die Frage der
Frauenarbeit, ist eine wirtschaftliche, und mit Recht erwartet man bei
den Sozialisten ein höheres Verständnis für wirtschaftliche Fragen als
das, welches sich in der eben angeführten Forderung kundgibt.
Die
Sozialisten müssen wissen, daß bei der gegenwärtigen wirtschaftlichen
Entwicklung die Frauenarbeit eine Notwendigkeit ist; daß die
natürliche Tendenz der Frauenarbeit entweder darauf hinausgeht, daß
die Arbeitszeit, welche jedes Individuum der Gesellschaft widmen muß,
vermindert wird oder daß die Reichtümer der Gesellschaft wachsen; daß
es nicht die Frauenarbeit an sich ist, welche durch Konkurrenz mit den
männlichen Arbeitskräften die Löhne herabdrückt, sondern die
Ausbeutung der Frauenarbeit durch den Kapitalisten, der sich dieselbe
aneignet.
Die
Sozialisten müssen vor allem wissen, daß auf der ökonomischen
Abhängigkeit oder Unabhängigkeit die soziale Sklaverei oder Freiheit
beruht.
Diejenigen, welche auf ihr Banner die Befreiung alles dessen, was
Menschenantlitz trägt, geschrieben haben, dürfen nicht eine ganze
Hälfte des Menschengeschlechtes durch wirtschaftliche Abhängigkeit zu
politischer und sozialer Sklaverei verurteilen. Wie der Arbeiter vom
Kapitalisten unterjocht wird, so die Frau vom Manne; und sie wird
unterjocht bleiben, so- lange sie nicht wirtschaftlich unabhängig
dasteht. Die Unerläßliche Bedingung für diese ihre wirtschaftliche
Unabhängigkeit ist die Arbeit. Will man die Frauen zu freien
menschlichen Wesen, zu gleichberechtigten Mitgliedern der Gesellschaft
machen wie die Männer, nun, so braucht man die Frauenarbeit weder
abzuschaffen noch zu beschränken, außer in gewissen, ganz vereinzelten
Ausnahmefällen.
Die
Arbeiterinnen, welche nach sozialer Gleichheit streben, erwarten für
ihre Emanzipation nichts von der Frauenbewegung der Bourgeoisie,
welche angeblich für die Frauenrechte kämpft. Dieses Gebäude ist auf
Sand gebaut und hat keine reelle Grundlage. Die Arbeiterinnen sind
durchaus davon überzeugt, daß die Frage der Frauenemanzipation keine
isoliert für sich bestehende ist, sondern ein Teil der großen sozialen
Frage. Sie gehen sich vollkommen klare Rechenschaft darüber, daß diese
Frage in der heutigen Gesellschaft nun und nimmermehr gelost werden
wird, sondern erst nach einer gründlichen Umgestaltung der
Gesellschaft. Die Frauenemanzipationsfrage ist ein Kind der Neuzeit,
und die Maschine hat dieselbe geboren.
Emanzipation der Frau heißt die vollständige Veränderung ihrer
sozialen Stellung von Grund aus, eine Revolution ihrer Rolle im
Wirtschaftsleben. Die alte Form der Produktion mit ihren
unvollkommenen Arbeitsmitteln fesselte die Frau an die Familie und
beschränkte ihren Wirkungskreis auf das Innere ihres Hauses. Im Schoß
der Familie stellte die Frau eine außerordentlich produktive
Arbeitskraft dar. Sie erzeugte fast alle Gebrauchsgegenstände der
Familie. Beim Stande der Produktion und des Handels von ehedem wäre es
sehr schwer, wenn nicht unmöglich gewesen, diese Artikel außerhalb der
Familie zu produzieren. Solange diese älteren Produktionsverhältnisse
in Kraft waren, solange war die Frau wirtschaftlich produktiv ...
Die
maschinelle Produktion hat die wirtschaftliche Tätigkeit der Frau in
der Familie getötet. Die Großindustrie erzeugt alle Artikel billiger,
schneller und massenhafter, als dies bei der Einzelindustrie möglich
war, die nur mit den unvollkommenen Werkzeugen einer Zwergproduktion
arbeitete. Die Frau mußte oft den Rohstoff, den sie im ldeinen
einkaufte, teurer bezahlen als das fertige Produkt der maschinellen
Großindustrie. Sie mußte außer dem Kaufpreis (des Rohstoffes) noch
ihre Zeit und ihre Arbeit dreingeben. Infolgedessen wurde die
produktive Tätigkeit innerhalb der Familie ein ökonomischer Unsinn,
eine Vergeudung an Kraft und Zeit. Obgleich ja einzelnen Individuen
die im Schoß der Familie produzierende Frau von Nutzen sein mag,
bedeutet diese Art der Tätigkeit nichtsdestoweniger für die
Gesellschaft einen Verlust.
Das
ist der Grund, warum die gute Wirtschafterin aus der guten alten Zeit
fast gänzlich verschwunden ist. Die Großindustrie hat die
Warenerzeugung im Hause und für die Familie unnütz gemacht, sie hat
der häuslichen Tätigkeit der Frau den Boden entzogen. Zugleich hat sie
eben auch den Boden für die Tätigkeit der Frau in der Gesellschaft
geschaffen. Die mechanische Produktion, welche der Muskelkraft und
qualifizierten Arbeit entraten kann, machte es möglich, auf einem
großen Arbeitsgebiete Frauen einzustellen. Die Frau trat in die
Industrie ein mit dem Wunsche, die Einkünfte in der Familie zu
vermehren. Die Frauenarbeit in der Industrie wurde mit der Entwicklung
der modernen Industrie eine Notwendigkeit. Und mit jeder Verbesserung
der Neuzeit ward Männerarbeit auf diese Weise überflüssig, Tausende
von Arbeitern wurden aufs Pflaster geworfen, eine Reservearmee der
Armen wurde geschaffen, und die Löhne sanken fortwährend immer tiefer.
Ehemals hatte der Verdienst des Mannes unter gleichzeitiger
produktiver Tätigkeit der Frau im Hause ausgereicht, um die Existenz
der Familie zu sichern; jetzt reicht er kaum hin, um den
unverheirateten Arbeiter durchzubringen. Der verheiratete Arbeiter muß
notwendigerweise mit auf die bezahlte Arbeit der Frau rechnen.
Durch
diese Tatsache wurde die Frau von der ökonomischen Abhängigkeit vorn
Manne befreit. Die in der Industrie tätige Frau, die unmöglicherweise
ausschließlich in der Familie sein kann als ein bloßes
wirtschaftliches Anhängsel des Mannes – sie lernte als ökonomische
Kraft, die vom Manne unabhängig ist, sich selbst genügen. Wenn aber
die Frau wirtschaftlich nicht mehr vom Manne abhängt, so gibt es
keinen vernünftigen Grund für ihre soziale Abhängigkeit von ihm.
Gleichwohl kommt diese wirtschaftliche Unabhängigkeit allerdings im
Augenblick nicht der Frau selbst zugute, sondern dem Kapitalisten.
Kraft seines Monopols der Produktionsmittel bemächtigte sich der
Kapitalist des neuen ökonomischen Faktors und ließ ihn zu seinem
ausschließlichen Vorteil in Tätigkeit treten. Die von ihrer
ökonomischen Abhängigkeit dem Manne gegenüber befreite Frau ward der
ökonomischen Herrschaft des Kapitalisten unterworfen; aus einer
Sklavin des Mannes ward sie die des Arbeitgebers: Sie hatte nur den
Herrn gewechselt. Immerhin gewann sie bei diesem Wechsel; sie ist
nicht länger mehr dem Mann gegenüber wirtschaftlich minderwertig und
ihm untergeordnet, sondern seinesgleichen. Der Kapitalist aber begnügt
sich nicht damit, die Frau selbst auszubeuten, er macht sich dieselbe
außerdem noch dadurch nutzbar, daß er die männlichen Arbeiter mit
ihrer Hilfe noch gründlicher ausbeutet.
Die
Frauenarbeit war von vornherein billiger als die männliche Arbeit. Der
Lohn des Mannes war ursprünglich darauf berechnet, den Unterhalt einer
ganzen Familie zu decken; der Lohn der Frau stellte von Anfang an nur
die Kosten für den Unterhalt einer einzigen Person dar, und selbst
diese nur zum Teil, weil man darauf rechnete, daß die Frau auch zu
Hause weiterarbeitet außer ihrer Arbeit in der Fabrik. Ferner
entsprachen die von der Frau im Hause mit primitiven
Arbeitsinstrumenten hergestellten Produkte, verglichen mit den
Produkten der Großindustrie, nur einem kleinen Quantum mittlerer
gesellschaftlicher Arbeit. Man ward also darauf geführt, eine
geringere Arbeitsfähigkeit bei der Frau zu folgern, und diese Erwägung
ließ der Frau eine geringere Bezahlung zuteil werden für ihre
Arbeitskraft. Zu diesen Gründen für billige Bezahlung kam noch der
Umstand, daß im ganzen die Frau weniger Bedürfnisse hat als der Mann.
Was
aber dem Kapitalisten die weibliche Arbeitskraft ganz besonders
wertvoll machte, das war nicht nur der geringe Preis, sondern auch die
größere Unterwürfigkeit der Frau. Der Kapitalist spekulierte auf diese
beiden Momente: die Arbeiterin so schlecht wie möglich zu entlohnen
und den Lohn der Männer durch diese Konkurrenz so stark wie möglich
herabzudrücken. In gleicher Weise machte er sich die Kinderarbeit
zunutze, um die Löhne der Frauen herabzudrücken; und die Arbeit der
Maschinen, um die menschliche Arbeitskraft überhaupt herabzudrücken.
Das kapitalistische System allein ist die Ursache, daß die
Frauenarbeit die ihrer natürlichen Tendenz gerade entgegengesetzten
Resultate hat; daß sie zu einer längeren Dauer des Arbeitstages führt,
anstatt eine wesentliche Verkürzung zu bewirken; daß sie nicht
gleichbedeutend ist mit einer Vermehrung der Reichtümer der
Gesellschaft, das heißt mit einem größeren Wohlstand jedes einzelnen
Mitgliedes der Gesellschaft, sondern nur mit einer Erhöhung des
Profites einer Handvoll Kapitalisten und zugleich mit einer immer
größeren Massenverarmung. Die unheilvollen Folgen der Frauenarbeit,
die sich heute so schmerzlich bemerkbar machen, werden erst mit dem
kapitalistischen Produktionssystem verschwinden.
Der
Kapitalist muß, um der Konkurrenz nicht zu unterliegen, sich bemühen,
die Differenz zwischen Einkaufs-(Herstellungs-)preis und Verkaufspreis
seiner Waren so groß wie möglich zu machen; et sucht also so billig
wie möglich zu produzieren und so teuer wie möglich zu verkaufen. Der
Kapitalist hat folglich alles Interesse daran, den Arbeitstag ins
Endlose zu verlängern und die Arbeiter mit so lächerlich geringfügigem
Lohn abzuspeisen wie nur irgend möglich. Dieses Bestreben steht in
geradem Gegensatz zu den Interessen der Arbeiterinnen, ebenso wie zu
denen der männlichen Arbeiter. Es gibt also einen wirklichen Gegensatz
zwischen den Interessen der Arbeitet und der Arbeiterinnen nicht; sehr
wohl aber existiert ein unversöhnlicher Gegensatz zwischen den
Interessen des Kapitals und denen der Arbeit.
Wirtschaftliche Gründe sprechen dagegen, das Verbot der Frauenarbeit
zu fordern. Die gegenwärtige wirtschaftliche Lage ist so, daß weder
der Kapitalist noch der Mann auf die Frauenarbeit verzichten können.
Der Kapitalist muß sie aufrechterhalten, um konkurrenzfähig zu
bleiben, und der Mann muß auf sie rechnen, wenn er eine Familie
gründen will. Wollten wir selbst den Fall setzen, daß die Frauenarbeit
auf gesetzgeberischem Wege beseitigt werde, so würden dadurch die
Löhne der Männer nicht verbessert werden. Der Kapitalist würde den
Ausfall an billigen weiblichen Arbeitskräften sehr bald durch
Verwendung vervollkommneter Maschinen in umfangreicherem Maße decken –
und in kurzer Zeit würde alles wieder sein wie vorher.
Nach
großen Arbeitseinstellungen, deren Ausgang für die Arbeitet günstig
war, hat man gesehen, daß die Kapitalisten mit Hilfe vervollkommneter
Maschinen die errungenen Erfolge der Arbeiter zunichte gemacht haben.
Wenn
man Verbot oder Beschränkung der Frauenarbeit auf Grund der aus ihr
erwachsenden Konkurrenz fordert, dann ist es ebenso logisch begründet,
Abschaffung der Maschinen und Wiederherstellung des mittelalterlichen
Zunftrechts zu fordern, welches die Zahl der in jedem Gewerbebetriebe
zu beschäftigenden Arbeiter festsetzte.
Allein, abgesehen von den ökonomischen Gründen sind es vor allem
prinzipielle Gründe, welche gegen ein Verbot der Frauenarbeit
sprechen. Eben auf Grund der prinzipiellen Seite der Frage müssen die
Frauen darauf bedacht sein, mit aller Kraft zu protestieren gegen
jeden derartigen Versuch; sie müssen ihm den lebhaftesten und zugleich
berechtigtsten Widerstand entgegensetzen, weil sie wissen, daß ihre
soziale und politische Gleichstellung mit den Männern einzig und
allein von ihrer ökonomischen Selbständigkeit abhängt, welche ihnen
ihre Arbeit außerhalb der Familie in der Gesellschaft ermöglicht.
Vom
Standpunkt des Prinzips aus protestieren wir Frauen nachdrücklichst
gegen eine Beschränkung der Frauenarbeit. Da wir unsere Sache durchaus
nicht von der Arbeitersache im allgemeinen trennen wollen, werden wir
also keine besonderen Forderungen formulieren; wir verlangen keinen
anderen Schutz als den, welchen die Arbeit im allgemeinen gegen das
Kapital fordert.
Nur
eine einzige Ausnahme lassen wir zugunsten schwangerer Frauen zu,
deren Zustand besondere Schutzmaßregeln im Interesse der Frau selbst
und der Nachkommenschaft erheischt. Wir erkennen gar keine besondere
Frauenfrage an – wir erkennen keine besondere Arbeiterinnenfrage an!
Wir erwarten unsere volle Emanzipation weder von der Zulassung der
Frau zu dem, was man freie Gewerbe nennt, und von einem dem männlichen
gleichen Unterricht – obgleich die Forderung dieser beiden Rechte nur
natürlich und gerecht ist – noch von der Gewährung politischer Rechte.
Die Länder, in denen das angeblich allgemeine, freie und direkte
Wahlrecht existiert, zeigen uns, wie gering der wirkliche Wert
desselben ist. Das Stimmrecht ohne ökonomische Freiheit ist nicht mehr
und nicht weniger als ein Wechsel, der keinen Kurs hat. Wenn die
soziale Emanzipation von den politischen Rechten abhinge, würde in den
Ländern mit allgemeinem Stimmrecht keine soziale Frage existieren. Die
Emanzipation der Frau wie die des ganzen Menschengeschlechtes wird
ausschließlich das Werk der Emanzipation der Arbeit vom Kapital sein.
Nur in der sozialistischen Gesellschaft werden die Frauen wie die
Arbeitet in den Vollbesitz ihrer Rechte gelangen.
In
Erwägung dieser Tatsachen bleibt den Frauen, denen es mit dem Wunsche
ihrer Befreiung ernst ist, nichts anderes übrig, als sich der
sozialistischen Arbeiterpartei anzuschließen, der einzigen, welche die
Emanzipation der Arbeiter anstrebt.
Ohne
Beihilfe der Männer, ja, oft sogar gegen den Willen der Männer, sind
die Frauen unter das sozialistische Banner getreten; man muß sogar
zugestehen, daß sie in gewissen Fallen selbst gegen ihre eigene
Absicht unwiderstehlich dahin getrieben worden sind, einfach durch
eine klare Erfassung der ökonomischen Lage.
Aber
sie stehen nun unter diesem Banner, und sie werden unter ihm bleiben!
Sie werden unter ihm kämpfen für ihre Emanzipation, für ihre
Anerkennung als gleichberechtigte Menschen.
Indern
sie Hand in Hand gehen mit der sozialistischen Arbeiterpartei, sind
sie bereit, an allen Mühen und Opfern des Kampfes teilzunehmen, aber
sie sind auch fest entschlossen, mit gutem Fug und Recht nach dem
Siege alle ihnen zukommenden Rechte zu fordern. In bezug auf Opfer und
Pflichten sowohl wie auf Rechte wollen sie nicht mehr und nicht
weniger sein als Waffengenossen, die unter gleichen Bedingungen in die
Reihen der Kämpfer aufgenommen worden sind.
(Lebhafter Beifall, der sich wiederholt, nachdem
Bürgerin Aveling diese Auseinandersetzung ins Englische und
Französische übersetzt hat.)
|