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Die Generation, zu der Josef Gerl
gehörte
Spannungen zwischen den
Generationen hat es in den sozialistischen Bewegungen immer gegeben.
Sie nahmen in verschiedenen Geschichtsperioden unterschiedliche Formen
an. In der Ersten Republik hat sich der große Denker des
Austromarxismus, Otto Bauer, in Reden und Artikeln mit dem
Generationenproblem auseinandergesetzt. Er trat den Jungen nicht als
tadelnder, Zensuren erteilender Schulmeister gegenüber, sondern
bemühte sich, sie zu verstehen. Jede Generation hat ihre eigenen
Probleme, macht ihre eigenen Erfahrungen. Daher ist auch, bei aller
Übereinstimmung im Kampf gegen den bürgerlichen Gegner, das
Sozialismusbild der Generationen verschieden. Das, verkürzt
wiedergegeben, die Meinung Otto Bauers, der selbst einmal zu den
kritischen Jungen in der Partei gehört hatte.
In den zwanziger Jahren waren in
der österreichischen Sozialdemokratie noch jene Generationen stark
vertreten, die in der Donaumonarchie an den opferreichen Kämpfen um
den Achtstundentag und das allgemeine Wahlrecht teilgenommen hatten.
Viele waren damals Verfolgungen ausgesetzt, fanden keinen
Arbeitsplatz, weil sie als "Rote" abgestempelt wurden. Für die Jungen
waren diese Kämpfe, die eng verbunden waren mit der großen
Persönlichkeit Victor Adlers, bereits Geschichte. Und sie fühlten sich
als Nachgeborene zurückgesetzt, wenn "die Alten" an das erinnerten,
was in der Vergangenheit geleistet worden war. Welche Leistungen
konnten sie, die Jungen, vorweisen?
Otto Bauer hat in einem Artikel,
der unter der Überschrift "Das Problem unserer Jungen" am 11. April
1926 in der "Arbeiter-Zeitung" erschien, diese Spannung zwischen den
Alten und den Jungen meisterhaft dargestellt. Er schrieb unter
anderem:
"An den Sektionsabenden, wenn die
Kleinarbeit getan ist, dann fangen unsere alten Genossen manchmal zu
erzählen an: wie es einmal war. Damals, als es noch gefährlich war,
Sozialdemokrat zu sein. Damals, als einen ein heimlich kolportiertes,
durch hundert Hände gegangenes Zeitungsblatt noch auf die schwarze
Liste bringen konnte: aufs Pflaster geworfen, mit Weib und Kind zum
Hungertod verurteilt oder zu Auswanderung gezwungen.
Damals, als jeder 1. Mai noch
bedeutete, in der Früh Abschied nehmen und nicht wissen, ab man unter
die Hufe der Ulanenpferde geraten oder den Abend im Polizeiarrest
verbringen werde. Damals, als es noch Abenteuer war und Ehre, bei der
Partei der Verfolgten zu sein.
Unsere Jungen sitzen da und
lauschen. Und die Besten unter ihnen erfüllt brennender Neid. Ach,
auch einmal so etwas erleben können, wo es hart auf hart hergeht,
einmal kämpfen, einmal zeigen können, dass man auch bereit ist, Opfer
zu bringen, fähig und würdig, einer von der kleinen Schar, einer mit
dem göttlichen Gefühl der Auserwählten zu sein...
Auch, es ist nicht leicht, ein
Nachgeborener zu sein, einer, der begeistert sein soll, nun, da die
Partei mächtig und vorsichtig geworden ist, einer, der kämpfen soll,
heute, da die Heldenzeit vorbei ist. Das ist das Schicksal der
heutigen Generation. Kämpfen zu sollen im Schatten der Heroenzeit: das
ist das Problem unserer Jungen."
Otto Bauer führte dann weiter aus,
dass der Klassenkampf andere Formen angenommen hat, es aber auch in
der Gegenwart große Aufgaben für junge Sozialisten gibt. Sie könnten,
dies war seine Hoffnung, zur "Generation der Vollendung" werden.
Wir wissen - Otto Bauer hat später
selbstkritisch darauf hingewiesen -, dass sich diese Hoffnung nicht
erfüllte. Die Jungen von damals haben das Elend der Wirtschaftskrise,
die Zerstörung der Demokratie, das Grauen des Faschismus erlebt. Zu
dieser Generation gehörte Genosse Josef Gerl, dem diese Schrift
gewidmet ist. Wie allen Angehörigen dieser Generation hat er als
Sozialist begeisternde Ereignisse erlebt, aber auch bittere
Enttäuschungen.
Kein Geld für die Straßenbahn
Die Geschichte seines kurzen Lebens
kann hier nur skizziert werden: Die Eltern kommen noch in der
Donaumonarchie aus Böhmen nach Wien. Er war tschechoslowakischer
Staatsbürger und hatte eine enge Beziehung zur benachbarten
Tschechoslowakei. Die Familienverhältnisse waren trist: Den Vater hat
er nicht gekannt. Die Ehe der Eltern zerbrach noch vor seiner Geburt
als Folge des zermürbenden Elends. Die Mutter, häufig krank und
monatelang im Spital, arbeitete als Wäscherin. Sie verdiente wenig und
konnte den Sohn, als dieser arbeitslos wurde, kaum unterstützen. Wie
seine Freunde berichten, war er oft hungrig, schlecht angezogen und
lief mit zerrissenen Schuhen herum.
Josef Gerl erlernte den Beruf eines
Goldschmiedes, wurde aber nach der Lehre und der gesetzlichen
Behaltefrist arbeitslos. Er hat nie wieder, trotz verzweifelter Suche,
Arbeit gefunden. Als ihm die Arbeitslosenunterstützung entzogen wurde,
gehörte er zu den Ausgesteuerten, den Ärmsten der Armen, die den
Bettel von der Wohlfahrt erhielten.
Als Josef Gerl Sozialist wurde, hat
er die Ursachen seines Elends begriffen. Er gehörte nicht zu den
theoretisch Gebildeten, die den Mechanismus der kapitalistischen
Wirtschaftsordnung tiefschürfend analysieren. Aber er verstand, dass
die Krise kein Naturereignis, sondern die Folge kapitalistischer
Profitwirtschaft ist.
Dennoch hat er, wie seine Freunde
berichten, unter der materiellen Not auch seelisch gelitten. Er stand
dem eigenen Elend oft fassungslos gegenüber. Seine Freunde berichteten
eine Episode, die auch in der Broschüre, die über ihn 1935 in der
Tschechoslowakei erschien, erzählt wird:
Er vereinbarte mit einem Mädel, in
das er sich verliebt hatte, ein Rendezvous. Sie wollten einen größeren
Ausflug in den Wienerwald machen. Das Mädel wartete vergeblich. Josef
Gerl war pünktlich gekommen, aber er hatte sich in einem Haustor
versteckt, weil er sich nicht entschließen konnte, dem Mädel zu sagen,
dass ihm das Geld für die Straßenbahn fehlt...
Jenny Strasser, die mit Josef Gerl
auch über seine privaten Probleme sprach, erinnerte sich, wie
unglücklich er war, als ein Mädel, das er gern hatte, einen anderen
Burschen kennenlernte, der einen Fotoapparat besaß. Ein Fotoapparat -
das war für ihn ein Eigentum, das er nie erwerben konnte.
Josef Gerl war damals nicht der
einzige junge Mensch, der unter der Geißel der Arbeitslosigkeit zu
leiden hatte. Aber nach der Aussage seiner Freunde gehörte er selbst
untern den jugendlichen Arbeitslosen zu den ärmsten.
SAJ - Jugendbewegung und
Gesinnungsgemeinschaft
1929 kam Josef Gerl von den Roten
Falken zur Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ). Zwei Jahre zuvor
hatte es den blutigen 15. Juli 1927 gegeben: Unbewaffnete Arbeiter
hatten in Wien gegen den Freispruch faschistischer Arbeitermörder
protestiert. Die Polizei schoss in die Menge, es gab 90 Tote und viele
Verwundete. Der Bundeskanzler des konservativen Regierung, Prälat
Ignaz Seipel, sprach angesichts der Toten des 15. Juli, die vorwiegend
junge Sozialisten waren, die unvergesslichen Worte: "Keine Milde."
Das war die Atmosphäre, in der
Josef Gerl, wie er später zu Freunden sagte, ein "anderer Mensch"
wurde, geformt durch die Mitarbeit in der SAJ. Er litt weiter
bitterste Not, hatte oft Hunger, war schlecht gekleidet, lief mit
zerrissenen Schuhen herum. Äußerlich hatte sich nichts geändert. Aber
sein Leben bekam einen Sinn: Die Gemeinschaft der Jugendlichen
vermittelte ihm das beglückende Gefühl, nicht allein zu sein, sondern
zu jenem Bauvolk zu gehören, das eine neue Welt bauen wird, wie es in
einem der Lieder der jungen Sozialisten hieß.
Er hörte Vorträge, las Bücher und
Broschüren, nahm an politischen Diskussionen teil, wurde mit den
Grundbegriffen des sozialistischen Denkens vertraut. Aber für Josef
Gerl, und das galt auch für andere SAJler, war Sozialismus mehr als
eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die jene Probleme, wie das
der Arbeitslosigkeit, lösen wird, die das kapitalistische System nicht
zu lösen vermag. Sozialismus, das war für sie: eine neue Kultur, eine
neues Lebensgefühl, einen Gegengesellschaft, in der, wie der
austromarxistische Ideologe Max Adler lehrte, "neue Menschen"
heranwachsen sollten. Die sozialistischen Lieder, der Gruß
"Freundschaft!", das Gemeinschaftserlebnis am Lagerfeuer, die
Demonstrationen und Fackelzüge - das alles war ein Stück jener neuen
Welt, die es noch nicht gab, die aber erkämpft werden sollte.
Zu den größten Erlebnissen Josef
Gerls gehörte, gleich zu Beginn seiner Tätigkeit in der SAJ, das
Internationale Jugendtreffen 1929. In der Broschüre, die nach Josef
Gerls Hinrichtung 1935 in der Tschechoslowakei unter dem Titel "Die
Idee steht mit höher als das Leben" erschien, gibt es eine Schilderung
des Internationalen Jugendtreffens und der Wirkung, die es auf Josef
Gerl hatte. Wir beschränken uns auf die Wiedergabe weniger Sätze:
"Vom Nordbahnhof war er dann mit
den Genossen des Empfangskomitees zum Landungsplatz bei der
Reichsbrücke gelaufen, denn schon sollten dort die Jugendgenossen aus
Ungarn und Bulgarien ankommen. Gerade legte der Dampfer an, die Ufer
waren dicht besetzt, auf der Reichsbrücke blieben die Straßenbahnen
stehen, und brausend wie ein mächtiger Orkan ertönte der Gruß der
Wiener: ‚Freundschaft!’
Nur da trat Schweigen tiefster
Rührung ein - und heut’ noch packt es ihn, heut’ noch mehr, erfüllt
von der tiefen Symbolik dieser Handlung -, als ein stämmiger
bulgarischer Jugendgenosse zur roten Fahne hintrat und das heilige
Zeichen des internationalen Sozialismus küsste.
Damals grüßte die rote Fahne des
roten Wien stolz die Freunde aus den Ländern, in denen sie zu zeigen
verboten war.
Bis vier Uhr morgens war er von
einem Empfang zum anderen gegangen, und fast hätte er die
Eröffnungsfeier am Heldenplatz verschlafen. Und doch hat gerade sie
ihm das große Bild der alles vereinenden Internationale gegeben.
Als er zur Kundgebung kam, hörte er
noch, wie der Bürgermeister der Stadt Wien, der Vorsitzende der
Sozialdemokratischen Partei Österreichs, der Versammlung zurief: ‚Die
sozialistische Jugend der Welt hat sich hier zusammengefunden auf dem
Heldenplatz der alten Zeit - möge sie ihn zum Heldenplatz der neuen
Zeit machen.’"
Wie wir aus der Broschüre erfahren,
hat Josef Gerl dieses große Erlebnis des Internationalen
Jugendtreffens im Jahre 1929 oft in Gesprächen erwähnt, wobei seine
Augen vor Begeisterung leuchteten. Als nach der Befreiung Österreichs
der erste Verbandsobmann der Sozialistischen Jugend (SJ), Peter
Strasser, der mit Josef Gerl in der illegalen Jugendorganisation der
Revolutionären Sozialisten tätig war, in einem Referat den Satz
prägte: "Der Sozialismus wird international sein oder er wird nicht
sein", sprach er das aus, was damals, 1929, die sozialistischen
Jugendlichen zutiefst bewegte: Die solidarische Verbundenheit mit den
Sozialisten aller Länder, ohne Unterschied der Nationalität und der
Staatszugehörigkeit.
Josef Gerl war, das bestätigen
alle, die ihn kannten, durchdrungen von der faszinierenden Idee des
sozialistischen Internationalismus. Jenny Strasser, die noch am Tage
vor der Tat, die ihn an den Galgen bringen sollte, mit Josef Gerl ein
langes Gespräch hatte, beschreibt ihn als einen SAJler, der sich in
der Gruppe zu jeder, auch zur unangenehmsten Arbeit gedrängt hatte,
dem die sozialistische Jugendorganisation zur Heimat, zur Familie
geworden war. Und sie fügt hinzu: Wir alle waren begeisterte
Sozialisten. Aber nur wenige waren so begeistert wie Josef Gerl.
Die Zerschlagung aller
sozialistischen Organisationen, auch der SAJ, durch den
Austrofaschismus im Februar 1934 war daher für diesen jungen
Arbeitslosen ein Schlag, den er nicht überwinden konnte. Die
faschistischen Sieger hatten ihm alles geraubt, was sein Leben
lebenswert machte. Die SAJ war für ihn nicht eine Jugendorganisation
neben anderen Jugendorganisationen, wo man spielt, singt, lacht, Sport
treibt, Mädchen kennenlernt. Alles das gab es natürlich in der SAJ.
Aber darüber hinaus war sie Kampf- und Gesinnungsgemeinschaft, ein
Stück jener neuen Gesellschaft, die es noch nicht gab, die aber
erkämpft werden sollte.
Die Zeit des Vorfaschismus
Die Zerstörung der Demokratie durch
den Austrofaschismus wurde im Februar 1934 nicht begonnen, sondern
vollendet. Den blutigen Kämpfen gingen die Ereignisse im Jahre 1933
voraus, die später als vorfaschistisch bezeichnet wurden: Die Partei
und die freien Gewerkschaften waren noch erlaubt, aber sie konnten
sich mehr legal betätigen. Die sozialistische Presse erschien, aber
unter demütigender Vorzensur. Versammlungen, Kundgebungen,
Demonstrationen waren verboten, es gab Verhaftungen und
Hausdurchsuchungen. Die Auflösung des Republikanischen Schutzbundes
war ein Alarmzeichen, da gleichzeitig die faschistischen
Wehrorganisationen ihre Waffen offen zur Schau trugen und bei
Überfällen auf Angehörige und Einrichtungen der Arbeiterbewegung
einsetzten.
Diese vorfaschistische Zeit hat der
sozialistische Jugendfunktionär Josef Gerl, der inzwischen auch dem
Republikanischen Schutzbund beigetreten war, in einem Zustand
ständiger Erregung erlebt, wie seine Freunde berichten. Er gehörte zu
jenen zornigen Jungsozialisten, die das ständige Zurückweichen vor dem
immer aggressiver werdenden Faschismus heftig kritisierten und dafür
den Parteivorstand verantwortlich machten. Autoritätsgläubigkeit war
diesen Jungsozialisten fremd. Daher wurde auch Otto Bauer heftig
kritisiert, gleichzeitig aber als Lehrer und Freund der Jungen
geliebt. Diese widerspruchsvolle Beziehung zu Otto Bauer war vor und
nach dem 12. Februar 1934 typisch für diese Jungsozialistengeneration,
zu deren Symbol Josef Gerl nach seiner Hinrichtung wurde.
In der Broschüre "Die Idee steht
mir höher als das Leben" wird jene Jugendkonferenz beschrieben, die
zwei Tage nach der gewaltsamen, verfassungswidrigen Auflösung des
Parlaments durch Dollfuß am 15. März 1933 stattfand. Josef Gerl, der
an dieser Konferenz teilnahm, gehörte zu jenen, die empört waren über
das kampflose Zurückweichen der Partei, aber nicht resignierten. Wir
lesen über diese Konferenz unter anderem:
"Über fünf Stunden ging die Debatte
hin und her. Die Bezirke verlangten Aufklärung, warum der Kampf
abgeblasen worden war. Viele waren missmutig geworden und wollten
alles hinwerfen. Und gerade in dieser Situation, gerade nach diesem
Versagen war es notwendig, die Organisation in Ordnung zu halten. Das
Große an dieser Aussprache war der Geist, in dem sie geführt wurde. Es
wurde nichts beschönigt, alles offen kritisiert, jeder Unzufriedenheit
Ausdruck gegeben. Aber die Konsequenz aus alle dem war doch die einzig
mögliche für Vertrauensleute, die durch Schulung und Überzeugung
wussten, dass die Sache richtig ist, auch wenn Fehler gemacht werden.
So wurde beschlossen, die
Organisation auszubauen und von der Partei erhöhte Aktivität zu
verlangen, als Ausdruck ihres entschlossenen Kampfeswillens, damit ja
niemand im Zweifel sein könnte, dass es der Sozialdemokratie ernst,
bitter ernst mit der Verteidigung der Rechte des Volkes sei."
Die jungen Sozialisten wollten beim
Fackelzug am 30. April und bei der Demonstration am 1. Mai ihre
Kampfentschlossenheit zum Ausdruck bringen. Aber die Regierung Dollfuß
verbot beide Kundgebungen, die aus der Tradition der österreichischen,
insbesondere der Wiener Arbeiterbewegung nicht wegzudenken waren.
Josef Gerl gehörte zu den
Zehntausenden Wiener Jungsozialisten, die am 30. April 1933 im
Wienerwald große Demonstrationen mit brennenden Fackeln - trotz Verbot
- veranstalteten. Das Feuer, das sie auf dem Dreimarkstein
entzündeten, wurde auch in Wien gesehen. Es galt als Fanal des
antifaschistischen Widerstands.
Als die sozialistischen
Jugendlichen nach Wien zurückmarschierten, singend und Kampfparolen
rufend, wurden sie von der Polizei mit beispielloser Brutalität
geprügelt. Josef Gerl war Zeuge, wie einige bewusstlose geschlagen
wurden. Er wurde verhaftet, kam aber bald wieder frei. Am nächsten Tag
nahm er an den "Spaziergängen" teil, die an Stelle der verbotenen
1.-Mai-Kundgebung stattfanden. Auch Polizei und Militär konnten nicht
verhindern, dass die "Spaziergänger", die rote Nelken trugen, sich
lautstark mit "Freundschaft!" und "Freiheit!" grüßten.
In diesen letzten Monaten vor dem
12. Februar 1934 hat Josef Gerl an vielen Wanderungen und Heimabenden
der SAJ teilgenommen, die mit politischen Diskussionen verbunden
waren. Und im Mittelpunkt aller Diskussionen stand stets die gleiche
Frage: Wie lange sollen wir noch zurückweichen, statt den
unvermeidlich gewordenen Kampf auszunehmen, ehe es dafür zu spät ist?
Josef Gerl war zutiefst enttäuscht,
dass sich der Standpunkt der sozialistischen Jugendlichen, der auch
von Älteren in der Partei und im Republikanischen Schutzbund geteilt
wurde, nicht durchsetzen konnte. Er spürte und hat es seinen Freunden
oft gesagt, dass in den eigenen Reihen als Folge des Zurückweichens
Verzweiflung und Resignation an Stelle der früheren
Kampfentschlossenheit treten. Was sich dann am 12. Februar 1934
ereignete, vor allem das Misslingen des Generalstreiks, das haben
junge Sozialisten wie Josef Gerl vorausgesehen. Sie hatten den engen
Kontakt zu den Menschen in den Betrieben und auf den Stempelstellen
der Arbeitsämter. Daher wussten sie - besser als mancher
Spitzenfunktionär -, was in den Massen vorgeht, wie die Stimmung unter
den Arbeitern und Arbeitslosen wirklich ist.
12. Februar 1934
Josef Gerl schlug sich, wie seine
Freunde berichteten, am 12. Februar 1934 unter großen Schwierigkeiten
zum Goethehof durch, wo er versuchte, so gut es ging, den kämpfenden
Schutzbündlern zu helfen. Darüber heißt es in der wiederholt zitierten
Broschüre:
"Die ganze Nacht lagen sie auf dem
kalten Pflaster, die meisten ohne Überröcke und hungrig, da sie den
ganzen Tag nichts gegessen hatten. Viele hatten zum ersten Male eine
Waffe in der Hand. Ein Jugendlicher aus der Gartenstadt, den er von
der Arbeitslosenjugendschule her kannte, hatte vier Zähne
eingeschlagen, durch den Rückstoß der ersten Schüsse seines Gewehres.
Von Rückstoß, Laden, Zielen und Abdrücken hatte er früher nie etwas
gehört. Jetzt lag er neben den anderen und wusste schon ganz gut mit
der Waffe umzugehen. So wie ihm ging es Hunderten junger Kämpfer in
diesen Tagen.
Ihr Mut, ihre Kampfkraft lag nicht
im vertrauten Umgang mit der Waffe, er war begründet in der
Begeisterung für die Idee, geschöpft aus der Entschlossenheit, alles
zu tun für die heilige Sache des Proletariats; das Leben einzusetzen
im Kampf und nicht weniger als dies, auch die tödliche Waffe zu führen
gegen Menschen, weil sie die Waffen erhoben, um Recht und Freiheit zu
vernichten!
Drei Tage hielt sich der Goethehof
gegen Kanonen und Minenwerfer. Doch der schlimmste Feind waren nicht
diese, das war das Radio gewesen. Immer Gräuelnachrichten, immer
Siegsnachrichten der Regierung. Wenn’s nach dem Radio gegangen wäre,
so wäre auch schon der Goethehof im Besitz der Faschisten gewesen. An
dieser Nachricht und am Kanonendonner von allen Seiten erkannten sie
die Lügen. Verachtung und Wut und unerhörte Empörung weckte die
Schlagermusik, die immer wieder durchs Mikrophon gesendet wurde,
während in ganz Österreich blutiger Kampf tobte und Menschen sich in
Schmerzen wanden.
Das bleibt Euch unvergessen, ewig
unvergessen, als Ihr, nach der Hinrichtung unseres Weissel, unter
anderen Nachrichten gleichgültig verkünden ließet: ‚Nach Mitternacht
wurde das Urteil vollstreckt’, und kaum dreißig Sekunden nachher im
gleichen Tonfall die Mitteilung, dass irgendein Verein sein
Tanzkränzchen verschoben habe. Und gleich darauf wieder
Schlagermusik."
Nach der Niederlage flüchtet Josef
Gerl mit anderen Schutzbündlern in die Tschechoslowakei. Viele reisten
von dort in die Sowjetunion. Aber Josef Gerl entschloss sich, wieder
nach Österreich zurückzukehren, um am illegalen Kampf gegen den
Faschismus teilzunehmen. Er stand mit mehreren Gruppen im Untergrund
in Verbindung, war aber vor allem in der Jugendorganisation der
Revolutionären Sozialisten (RS) aktiv.
In der Illegalität
Es fiel ihm nicht schwer, die
Einhaltung der konspirativen Regeln zu erlernen und die Arbeit zu
leisten, die damals von einem illegalen Kämpfer erwartet wurde: die
Namen der Freunde zu vergessen und nur mehr Decknamen zu benützen,
pünktlich zu jedem "Treff", wie die verbotenen Zusammenkünfte genannt
wurden, zu erscheinen und sich vorher zu vergewissern, nicht von
Polizeispitzeln beobachtet zu werden. Illegale Flugblätter, die kein
Aktivist in der eigenen Wohnung aufbewahren durfte, wurden verbreitet,
"Pickerln" mit kämpferischen Parolen geklebt. Von wesentlicher
Bedeutung war der Vertrieb der illegalen Literatur, wobei die in Brünn
hergestellte, von Otto Bauer redigierte, im Kleinformat erscheinende
"Arbeiter-Zeitung" die höchste Auflage hatte und auch Schichten
ehemaliger Sozialdemokraten erreichte, die am illegalen Kampf nicht
teilnahmen, aber ihrer Gesinnung treu geblieben waren. Josef Gerl
fühlte sich vor allem mit der Zeitung "Rote Jugend" verbunden, dem
Organ der RSJ.
Aber die illegale Arbeit
befriedigte ihn nicht, wie wir von seinen Freunden wissen. Er hielt
offensive, die Massen mobilisierende Aktionen für notwendig. Vor allem
beunruhigte ihn die Aktivität der illegalen Nazis. Nach dem Verbot der
Nazipartei waren die Nazis, die über unbeschränkte Geld- und
Propagandamittel aus Hitlerdeutschland verfügten, in den Untergrund
gegangen. Sie verübten ständig Sprengstoffattentate und hatten in
Deutschland aus geflüchteten Nazis eine "Österreichische Legion"
gebildet, die sich auf den Einmarsch in Österreich vorbereitete.
Josef Gerl, der bereits früher an
mehreren Aktionen gegen die Nazifaschisten teilgenommen hatte und
deshalb auch gerichtliche verurteilt worden war, fürchtete, dass es
den Brauen gelingen könnte, verzweifelte Arbeitslose aus dem
sozialistischen Lager zu gewinnen, vor allem enttäuschte ehemalige
Schutzbündler und Wehrturner.
Der blutige 15. Juli 1934
Um diese Gefahr wirksam abwehren zu
können, schien ihm eine verstärkte, auf den Massenkampf orientierte
Aktivität der illegalen Arbeiterbewegung unerlässlich zu sein. Er war
daher begeistert, als er erfuhr, dass am 15. Juli 1934 in großen,
kämpferischen Veranstaltungen der Toten vom 15. Juli 1927 gedacht
werden soll.
Über das, was er bei einer dieser
Kundgebungen erlebte, berichtet die ihm gewidmete Broschüre, die aus
der Tschechoslowakei nach Österreich geschmuggelt wurde.
"Oben am Abhang standen drei junge
Genossen mit großen roten Sturmfahnen, und feierlich klang es über die
Wiese: ‚Einst aber, wenn Freiheit den Menschen erstand und all Euer
Sehnen Erfüllung fand, dann werden wir künden, wie Ihr einst gelebt,
zum Höchsten der Menschheit empor nur gestrebt.’
Und nun begann eine junge Genossin
zu sprechen. Da krachten plötzlich, ohne jede Warnung, Schüsse auf die
Versammlung Wehrloser, und aus dem Wald stürmten Gendarmen und
Ortwehrleute. Freund Fröhlich, einer der drei Fahnenträger, mit dem er
zusammen im ‚Victor-Adler-Heim’ gearbeitet hatte, brach zusammen, und
ein Blutstrom aus seiner Brust färbte die große rote Sturmfahne. Neben
ihm fiel Lehmann tödlich getroffen: ‚Unsterbliche Opfer, ihr sanket
dahin’, hatten sie gerade gesungen, und waren nun selbst zu Opfern für
ihre Idee geworden."
Die jungen Genossin, deren Name die
Broschüre aus verständlichen Gründen damals nicht nennen konnte, war
Rosa Jochmann, die später auch das Grauen des Nazikonzentrationslagers
erlebt. Für Josef Gerl handelte es sich um ein Erlebnis, das ihn
aufwühlte. Er wurde nicht müde, zu erklären: Diesen Mord an zwei
Jugendfunktionären dürfen wir nicht tatenlos hinnehmen. Es gilt,
zurückzuschlagen, Signale zu setzen, den Kampf gegen die
faschistischen Mörder zu verschärfen, ihn härter, konsequenter als
bisher zu führen.
Es bedarf keiner psychologischen
Studie, um zu erkennen, dass das Bild von den beiden jungen Trägern
der roten Sturmfahnen, die blutüberströmt unter den Schüssen der
Austrofaschisten zusammenbrachen, wesentlich zu jener Tat beigetragen
hat, die Josef Gerl wenige Tage später beging. Dass einer der beiden
Toten ein persönlicher Freund war, mit dem er gemeinsam in einem Heim
gewirkt hatte, machte seinen Schmerz noch größer, seine Verzweiflung
unerträglich.
Dem Schreiber dieser Zeilen
bestätigte später Rudolf Anzböck, der gemeinsam mit Josef Gerl zum
Tode verurteilt, aber begnadigt wurde: Er hat bei unseren
Spaziergängen vor der Tat immer wieder von dem blutigen 15. Juli 1934,
von den erschossenen Jugendgenossen Fröhlich und Lehmann gesprochen.
Die Tat des Josef Gerl
Am 20. Juli 1934 hat Josef Gerl in
Begleitung seines Freundes Rudolf Anzböck, ebenfalls ein junger
Sozialist, einen Sprengstoffanschlag auf einen Pfosten der
Donauuferautobahn verübt, der nur geringen Sachschaden anrichtete und
als misslungen bezeichnet werden musste. Außer dem Sprengstoff hatte
er auch eine Pistole bei sich, die Anzböck gehörte. Auf der Flucht
verletzte er durch Schüsse einen Polizeibeamten, der ihn festnehmen
wollte.
Die Tat war das Werk von Josef Gerl.
Rudolf Anzböck war zwar nicht völlig unbeteiligt, wie dies von ihm und
insbesondere von Gerl selbst vor Gericht dargestellt wurde, aber die
Initiative ging nicht von ihm aus. Warum hat Josef Gerl diesen
Sprengstoffanschlag begangen? Er hatte doch bei vielen Schulungen in
der SAJ und später auch in der illegalen Jugendorganisation der RS
gehört, warum die Sozialisten - im Unterschied zu den Anarchisten -
die Methode des Terrors ablehnen.
Auf diese Frage, die noch lange
nach der Hinrichtung Josef Gerls in allen Organisationen der illegalen
Arbeiterbewegung und auch in der Emigration lebhaft diskutiert wurde,
gibt es mehrere Antworten. Wir wollen drei anführen:
Da ist zunächst die Antwort Otto
Bauers. Er hatte gleich nach dem Todesurteil des Standgerichtes in der
illegalen "Arbeiter-Zeitung" zu der Tat Stellung genommen. Etwas
überarbeitet findet sich sein Standpunkt im literarischen Nachlass,
der unter dem Titel "Die illegale Partei", mit einem Vorwort von
Friedrich Adler, nach Otto Bauers Tod 1939 in Paris erschien. Es heißt
da unter anderem:
"Auch in Österreich fehlt es nicht
an Beispielen individueller Selbstaufopferung im Kampfe gegen den
Faschismus. Als die Nazis Österreich zwischen dem Februar und dem Juli
1934 die klerikofaschistische Diktatur mit Sprengstoffattentaten auf
Eisenbahnbrücken, Stromleitungen, Amtsgebäuden bekämpften, unternahmen
es Gruppen von Arbeitern, über die blutige Niederwerfung ihrer Klasse
im Februar erbittert, dieselben Kampfmittel anzuwenden.
Aus ihnen ragt die Gestalt des
jungen Arbeitslosen Josef Gerl hervor, der von der Polizei schwer
misshandelt, angesichts des Galgens dem Vorsitzenden des Standgerichts
zurief: ‚Mein Ideal stand mir höher als mein Leben.’ Er wurde am 24.
Juli 1934 auf Befehl Dollfuß’ gehenkt.
Kein Revolutionär wird den Helden
der Narodna Wolja und der Sozialisten-Revolutionäre, von Scheljapow
und Sophia Perowskaja bis Sasanow und Balwaschew, auch kein Marxist
wird den Kämpfern gegen den Faschismus, die ihre Leben hingegeben
haben, um durch eine individuelle Tat die faschistische Tyrannei zu
erschüttern, seine Bewunderung, seine Ehrfurcht versagen.
Auch der Marxist braucht keineswegs
bestreiten, dass individuelle heroische Taten in besonderen
geschichtlichen Situationen den revolutionären Kampf mächtig gefördert
haben. Die geschichtliche Wirkung von Attentaten hängt von der
konkreten Situation ab. Zumeist bieten Attentate nur der Reaktion den
willkommenen Vorwand, die Arbeiterbewegung zu unterdrücken."
Otto Bauer, der immer in
historischen Kategorien dachte, sah die Tat des Josef Gerl nicht
isoliert, sondern im Zusammenhang mit früheren revolutionären
Bewegungen gegen tyrannische Regime, wie den russischen Zarismus. Er
lehnte den individuellen Terror, wie alle Marxisten, zwar prinzipiell
ab, versagte aber jenen, die ihn anwendeten, um sich in extremen
Situationen für die Bewegung zu opfern, nicht seinen Respekt.
In der Broschüre "Die Idee steht
mit näher als das Leben" haben die Freunde von Josef Gerl seine Tat so
erklärt und kommentiert:
"Nein, nein, nicht Aug um Aug, Zahn
um Zahn! Nein, nein, nicht Menschenleben für Menschenleben! Aber
harter, unerbittlicher Kampf gegen diese Gesellschaft der Ausbeutung,
des Mordes, der Unterdrückung, harter, unerbittlicher Kampf allem, was
ihr dient und ihrer Ruhe und ihrem faulen Frieden. Nein, nein, er
wollte sich nicht trennen von denen, die in richtiger Erkenntnis das
Proletariat wieder sammeln wollen, um seine Masse im Kampf
einzusetzen. Nein, nein, er wollte sich nicht trennen von denen, die
Aufklärung und Wissen hinaustrugen zu denen, die begierig auf die
Befreiung warteten.
Aber er konnte nicht mehr mit. Er
wollte ihnen allen eine Tat setzen, die zeigen sollte, dass die
Kämpfer für den Sozialismus weiter für ihre Idee kämpfen, mit allen
Mitteln, dass grausame Verfolgungen und auch der Tod keinen schreckt.
Nicht die Tat war entscheidend; entscheidend war das Bekenntnis zu
Sache, bereit zu sein und alles dafür einzusetzen, und sei’s das
eigene Leben."
Viele Jahre später sagte der große
Volksbildner Josef Luitpold Stern in einer Diskussion über die
geistige und moralische Bedeutung des illegalen Kampfes gegen den
Faschismus zur Tat Josef Gerls sinngemäß:
Der Sprengstoffanschlag auf einen
Pfosten der Donauuferbahn hat der Sache des antifaschistischen Kampfes
nicht genützt, es war ein Akt der grenzenlosen Verzweiflung. Aber das
mutige Auftreten des jungen Sozialisten vor dem austrofaschistischen
Standgericht war eine großartige Tat. Sie hat alle, die im Dunkel der
Illegalität den Kampf gegen den Austro- und Nazifaschismus führten,
Mut und Zuversicht gegeben. Sie begriffen: Eine Idee, für die jungen
Menschen bereit sind zu sterben, wird letztlich über die Henker
triumphieren.
Alle, die damals am illegalen Kampf
teilnahmen, werden die Worte Josef Luitpold Sterns bestätigen: Josef
Gerls mutiges Auftreten vor dem Standgericht hat diesem Kampf neue
Impulse gegeben. Sein Opfer war daher - wie immer man die Tat selbst
beurteilen mag - nicht vergeblich. Es ist aus der Geschichte des
Freiheitskampfes nicht wegzudenken.
Gefolterte vor dem
Standgericht
Die Polizei- und Gerichtsakten über
den "Fall Josef Gerl - Rudolf Anzböck" können im Dokumentationsarchiv
des österreichischen Widerstands studiert werden. Hier soll lediglich
das Wesentliche über die Hauptverhandlung, die am 24. Juli 1934 im
Landesgericht für Strafsachen in Wien stattfand, zusammengefasst
werden.
Der Vorsitzende des Standgerichts
war jener Oberlandesgerichtsrat Osio, der auch 1936 den großen Prozess
gegen die Funktionäre der Revolutionären Sozialisten leitete.
Angeklagt waren: Der zweiundzwanzigjährige arbeitslose
Goldschmiedegehilfe Josef Gerl und der einundzwanzigjährige
arbeitslose Hutmachergehilfe Rudolf Anzböck. Ihnen wurde der
Sprengstoffanschlag auf einen Pfosten der Donauuferbahn zur Last
gelegt, Josef Gerl hatte sich auch wegen der Verletzung eines
Polizeibeamten zu verantworten.
Verteidigt wurden die Angeklagten
von Max Scheffenegger und Hugo Sperber. Die beiden Verteidiger
stellten den Antrag, den Prozess nicht vor einem Standgericht, sondern
vor einem gewöhnlichen Gericht zu führen. Der Antrag wurde abgelehnt.
Rudolf Anzböck erklärte sich für nichtschuldig. Er habe den
Sprengsoffanschlag nicht gewollt und sei auch an der Durchführung
nicht beteiligt gewesen. Bei seinen Angaben konnte er sich auf die
Aussagen Josef Gerls stützen, der während des ganzen Prozesses bemüht
war, seinen Freund vor dem Galgen zu retten und sich selbst zu
belasten.
Bei den Angaben zur Person wurde
festgestellt, dass Anzböck unbescholten, Gerl vorbestraft sei. Er
selbst nahm zu seiner Vorstrafe, die ihm bereits bei der Polizei
vorgehalten wurde, Stellung: Er habe an einer Aktion gegen die Nazis
teilgenommen und sei wegen Misshandlung eines Nationalsozialisten
verurteilt worden. Dieser hatte, wie in der Voruntersuchung
festgestellt wurde, "ein Abzeichen getragen, das damals in Österreich
noch erlaubt war". Natürlich handelte es sich bei diesem Abzeichen um
das Hakenkreuz, in dessen Zeichen Österreich vier Jahre später von der
europäischen Landkarte gelöscht wurde.
Während der Zeugenaussagen seiner
Mutter und seiner Freundin durfte Josef Gerl auf eigenen Wunsch den
Verhandlungssaal verlassen. Ergreifend war die Aussage von Frau Marie
Gerl. Sie schilderte mit eindachen Worten das Leben ihres Sohnes. Der
Pepi, so sagte sie, sei immer ein braves Kind gewesen. Aber er war oft
traurig, weil er keine Arbeit finden konnte. Ihr war es unmöglich, ihm
Geld zu geben, sie konnte ihn nur mit Essen versorgen, das nicht
ausreichend war.
Die siebzehnjährige Freundin, die
sich vor Gericht als Braut bezeichnete, gibt an, ihn bei der
Sozialistischen Arbeiterjugend vor eineinhalb Jahren kennengelernt zu
haben. Es bestand die Absicht, zu heiraten, sobald der Bräutigam
Arbeit gefunden habe. Über den Sprengstoffanschlag kann sie keine
Angaben machen. Zur Persönlichkeit Gerls meinte sie unter anderem: "Er
war oft lustig, oft wieder traurig, weil er keine Arbeit hatte. Auch
jähzornig war er, und da konnte man nur mit Güte bei ihm etwas
ausrichten, dann war er sofort wieder gut."
Das Ideal stand ihm höher als das
Leben
Höhepunkte der Hauptverhandlung
waren die politischen Bekenntnisse Josef Gerls. Über Befragen des
Vorsitzenden weigert sich der Angeklagte, anzugeben, von wem er die
Amonitpatronen für den Anschlag erhalten hat. Er sagte lediglich:
"Ich habe das Amonit für ein
Terrorattentat gegen die Regierung erhalten, weil sei das Volk
versklavt durch die Unterdrückung der Arbeiterschaft. Auch ich bin
unterdrückt worden. Wenn man ein freies Wort sagt, bekommt man den
Gummiknüppel der Polizei zu spüren."
Der Staatsanwalt stellte Josef Gerl
die Frage, ob er sich gar keine Gedanken über sein Schicksal gemacht
habe, er sei doch ein jungen Mensch. Die Antwort des jungen
Sozialisten lautete:
"Ich habe das Leben in dieser Art
nicht mehr ertragen. Es ist unwürdig, in einem solchen Staat zu leben,
wo man unterdrückt wird."
Der Verteidiger stellte ihm die
Frage: "Wussten Sie, dass auf solche Verbrechen der Tod steht?" Gerl
antwortete mit einem klaren Ja. Und als er weiter gefragt wird: "Wie
konnten Sie sich trotzdem entschließen, Ihr Leben zu riskieren?",
entgegnet er:
"Ich hatte es mir trotzdem in den
Kopf gesetzt. Und mein Ideal stand mir höher als mein Leben."
Josef Gerl und Rudolf Anzböck
erklärten mehrmals, dass sie auf der Polizei nicht nur geschlagen,
sondern auch gefoltert wurden. Das Schlagen von Gefangenen, vor allem
Jugendlichen, war in den austrofaschistischen Gefängnissen üblich.
Aber Folterungen, die nach der Annexion Österreichs durch
Hitlerdeutschland bei der Gestapo zum Alltag gehörten, kamen äußerst
selten vor. Dennoch nahm das Gericht zu diesen Anklagen nicht
Stellung. Vorsitzender und Staatsanwalt schwiegen, als Josef Gerl
erklärte:
"Mein polizeiliche Angabe, dass ich
die Pistole anlässlich der Februarunruhen erhalten hätte, wurde mir
durch Folterung erpresst. Ich wurde nämlich bei der Polizei an den
Händen aufgezogen und auf den Kopf geschlagen."
Der Vorsitzende Osio wagte es
nicht, die Richtigkeit dieser Angaben zu bestreiten. Waren doch die
Folgen der brutalen Verhörmethoden bei beiden Angeklagten deutlich zu
sehen. Rosa Jochmann erhielt später von einem Justizfunktionär, der
die Möglichkeit hatte, Josef Gerl in der Todeszelle aufzusuchen, einen
Bericht über den Zustand, in dem sich der Häftling vor seiner
Hinrichtung befand. Rosa Jochmann hat das Gespräch mit diesem
Justizfunktionär aus der Erinnerung wiedergegeben:
"Ich habe den Genossen Josef Gerl
und seinen Freund Rudolf Anzböck persönlich nicht gekannt. In der
Zeit, als die beiden Jugendfunktionäre vor Gericht standen, wurde ich
vom Kreisgericht Wiener Neustadt zu drei Monaten Polizeistrafe
verurteilt und dann dem Landesgericht überstellt, wo ich auf meinen
Prozess wartete. Vorher lebte ich illegal, wurde steckbrieflich
verfolgt, aber von einem Radfahrer, der mich erkannte, denunziert. Im
Landesgericht lernte ich den damaligen Kommandanten des LG I, Josef
Doppler, kennen und schätzen. Von ihm habe ich vieles erfahren über
die Zeit, die Genosse Josef Gerl dort vor seiner Hinrichtung
verbrachte.
Josef Gerl und sein Freund Anzböck
wurden ins Landesgericht I eingeliefert. Vorher aber waren sie in den
Händen der Polizei, und diese Leute hatten sich an den beiden
ausgetobt, so dass ihre Gesichter blutunterlaufen, verschwollen waren,
Josef Gerl hatte kaum aus den Augen sehen können.
Der Kommandant Josef Doppler hatte
viele Stunden in der Zelle von Genossen Josef Gerl verbracht. Als er
das erste Mal zu Gerl in die Zelle ging, traf er ihn dabei an, als er
versuchte, seinen von Blut verkrusteten Rock zu reinigen. Der
Kommandant fragte ihn, warum er das täte. "No ja, ich komm’ ja vors
Gericht, und da will ich so anständig, als es möglich ist, aussehen."
Und im Verlauf der Zeit vor und nach der Verhandlung, als er bereits
wusste, dass er sterben werde, da erzählte er dem Kommandanten aus
seinem armseligen Leben. "Ich war arbeitslose, meine arme Mutter
musste die schwersten Arbeiten machen, sie ging in die Waschküchen der
reichen Leute waschen, sie trug Brennmaterial zu den Leuten, sie hatte
ganz zerschundene Hände von der Arbeit. Sie hat mir nie vorgeworfen,
dass ich nichts verdiene, sondern sagte: ‚Komm nur essen, du wirst
schon wieder Arbeit bekommen!’" Aber der junge Gerl ging selten zum
Essen nach Hause. Er schämte sich vor der Mutter. Und er sagte zu
Josef Doppler:
"Glauben Sie mir, ich fürchte mich
nicht vor dem Sterben. Ich habe in meinem Leben wenig Gutes erfahren,
wir waren arm, ich hatte immer Hungern, und dann werde ich keinen
Hunger mehr haben. Ich werde mich auch nicht mehr schämen müssen,
nein, bitte glauben Sie es mir, ich fürchte mich nicht vor dem
Sterben!"
Und weiter sagte er: "Es ist nicht
schön in der Welt, es mussten so viele Genossen sterben, die für die
Freiheit gekämpft haben. So werde auch ich sterben, denn meine Idee
steht mit höher als mein Leben."
Die Hinrichtung
Josef Doppler fügte hinzu: "Josef
Gerl war nicht gebrochen in der Armensünderzelle, er war nicht
enttäuscht, als die Frist abgelaufen war und keine Begnadigung
ausgesprochen wurde. Das Leben hatte ihm keine Freuden geschenkt, und
daher fiel ihm das Sterben leicht, und in ihm war der Gedanke, der ihn
trug: ‚Ich sterbe für meine Idee!’
Aber inzwischen war es der bekannte
Verteidiger Dr. Hugo Sperber, der mit seiner Sekretärin unzählige Wege
ging, immer wieder ins Bundeskanzleramt vordrang und erreichen wollte,
dass Dollfuß den jungen Gerl begnadigt. Aber der in diesem Fall
Maßgebende, der das junge Leben hätte retten können, ließ sich
verleugnen.
Durch die Besuche im LG I, wenn für
die Gefangenen Besuchszeit war - ich war damals noch frei -, lernte
ich Dr. Hugo Sperber kennen. Er wurde mein väterlicher Freund, er
lehrte mich, viele Dinge anders zu sehen und zu erkennen, dass
Menschen schuldig werden und schuldig werden müssen, weil sie kein
Elternhaus haben, weil die Gesellschaft ihnen gegenüber versagt. Und
von Dr. Hugo Sperber erfuhr ich, wie sehr er sich bemüht hatte, Josef
Gerl zu retten. Über Dr. Hugo Sperber gibt es viele tatsächliche, aber
auch erfundene Geschichten und Begebenheiten. Wer das Glück hatte, ihn
zu kennen, wusste, dass er der humanste Mensch ist, den die jemals
getragen hat. Nach 1945 erfuhr ich, dass auch Dr. Hugo Sperber in der
Gaskammer erstickt worden ist.
Aber zurück zu dem Kommandanten
Josef Doppler. Er musste bei der Hinrichtung anwesend sein. Das musste
auch ein Geistlicher, eine Abordnung des Bundesheeres, und anwesend
sein musste das Gericht, welches das Urteil gesprochen hatte. Und das
schilderte mit Josef Doppler so:
"Alle waren schon anwesend, der
junge Josef Gerl stand unter dem Galgen mit einem Lächeln auf den
Lippen, er sah mich an, als wollte er sagen: ‚Habt keine Angst, ich
werde bald erlöst sein!’ Ganz zum Schluss, verspätet um einige
Minuten, kamen die Herren des Gerichtes. Es war so, als ob sie sich
vor dem Augenblick fürchteten, der der Ausdruck ihres Urteils war."
Nach 1945 haben Genossin Rudolfine
Muhr und ich, gemeinsam mit Funktionären der Bezirksorganisation
Leopoldstadt und der sozialistischen Frauenorganisation, uns um die
Mutter des unvergesslichen Genossen Josef Gerl gekümmert. Sie lebte
bescheiden mit ihrem Lebensgefährten in einer Gemeindewohnung. Sie war
ein Wrack, eine von allen Sorgen des Lebens gezeichnete Proletarierin.
Wir sprachen nur ein einziges Mal über ihren Sohn. Da wurde die Mutter
totenbleich, über das verhärmte Gesicht flossen Tränen, aber von ihren
Lippen kam kein Laut.
Seit wir wussten, dass Genosse
Josef Gerl erwürgt wird, haben wir uns vorgenommen: Wir werden darüber
reden, nicht schweigen. Es ist unsere Aufgaben, der Jugend
nahezubringen, was aus einer Welt wird, in der an der Stelle der
Demokratie die Diktatur des Faschismus herrscht."
Welche Rolle spielte
Dollfuß?
Josef Gerl und Rudolf Anzböck
wurden vom Standgericht zum Tode durch den Strang verurteilt. Gegen
diese Urteile gab es kein Rechtsmittel. Nur die Begnadigung konnte das
Leben der beiden jungen Menschen retten.
Nach der Urteilsverkündung gab
Josef Gerl folgende Erklärung ab: "Ich bitte, dass mein
Mitangeklagter weniger bestraft werden als ich, weil er sich gegen
mein Unternehmen gesträubt hat."
Um das eigene Leben war Josef Gerl
nicht bereit, zu bitten. Aber sein Verteidiger war entschlossen, alles
zu tun, um ihn, der mit dem Leben abgeschlossen hatte, vor dem Galgen
zu bewahren. Der Verteidiger bat mehrere Persönlichkeiten, auch solche
aus dem katholischen Lager, um Intervention. Das Urteil hätte zwei
Stunden nach der Verkündung vollstreckt werden sollen. Den
Verteidigern gelang es, eine dritte Stunde zu erwirken, um mehr Zeit
für das Bemühen um die Begnadigung zu haben. Mehr konnten sie für ihre
Mandanten nicht tun.
Wer entschied im
austrofaschistischen Österreich über die Begandigung von zum Tode
Verurteilten? Formal der Bundespräsident, faktisch der Bundeskanzler.
So war es auch in den Februartagen gewesen. Bundespräsident Miklas
hatte nur jene Begnadigungen ausgesprochen, die ihm Dollfuß empfohlen
hatte. Da der schwer verwundete Hietzinger Schutzbündler Karl
Münichreiter von Dollfuß nicht zur Begnadigung vorgeschlagen wurde,
brachte man ihn auf der Tragbahre zum Galgen.
Diesmal entschied sich
Bundeskanzler Engelbert Dollfuß für die Begnadigung von Anzböck,
lehnte aber die Begnadigung Gerls kategorisch ab. Rudolf Anzböck wurde
zu lebenslänglicher Haft begnadigt, ist später durch eine Amnestie
freigekommen und in die Emigration gegangen. Josef Gerl musste mit
zweiundzwanzig Jahren auf dem Galgen sterben.
Die illegale "Arbeiter-Zeitung"
berichtete am 12. August 1934 über seine letzten Stunden in der
Todeszelle. Sein Wunsch, noch einmal mit Rudolf Anzböck sprechen zu
dürfen, wurde nicht erfüllt. Geistlichen Beistand lehnte er ab. Die
Mutter und die Freundin durften ihn knapp vor der Hinrichtung
besuchen. Wie die "Arbeiter-Zeitung" berichtete, sagte er dem jungen
Mädel: "Du bist doch Sozialistin. Und ich sterbe einen schönen Tod,
ich sterbe für mein Ideal." Seine letzten Worte waren: "Die Genossen
sollen nicht vergessen, wofür ich mein Leben gelassen habe."
Die Intervention Ernst Karl Winters
Der amerikanischen Historiker
Charles A. Gulick beschäftigt sich in seinem Werk "Österreich von
Habsburg zu Hitler" auch mit der so genannten "Winter-Aktion": Der
katholische Gelehrte Ernst Karl Winter, der eine Zeitlang auch
Vizebürgermeister in Wien war und zum Freundeskreis von Engelbert
Dollfuß gehörte, hatte den Versuch unternommen, die im Februar 1934
niedergeschlagene und entrechtete Arbeiterbewegung mit dem
austrofaschistischen Regime zu versöhnen. Natürlich war dieser Versuch
zum Scheitern verurteilt. Aber Ernst Karl Winter meinte es ehrlich; er
sah vor allem die drohende Gefahr der Nazibarbarei, gegen die eine
Front aller österreichischen Patrioten gebildet werden sollte.
Der amerikanische Historiker
berichtet auch über den Versuch Ernst Karl Winters, bei Bundeskanzler
Engelbert Dollfuß die Begnadigung Josef Gerls zu erwirken: Winter
hielt die Hinrichtung des jungen Sozialisten nicht nur für einen Akt
der Unmenschlichkeit, sondern auch für politisch falsch. Österreich
Todfeinde, so betonte er, sind doch die Nazis. Wir lesen dazu bei
Charles A. Gulick:
"Winter versuchte Gerls Hinrichtung
zu verhindern, denn er wusste, wie die politische Reaktion darauf sein
würde. Er sagte darüber: ‚Es ist wirklich kein Zufall, dass seit
Monaten Hunderte und Tausende von braunen Kriminellen nicht gefunden
oder pardoniert worden sind, während der erste rote Sünder gehängt
wurde.’
Von Anhängern Dollfuß’ wurde
vorgebracht, dass das Dekret vom 12. Juli die Todesstrafe für solche
Verbrechen, wie sie Gerl begangen hatte, obligatorisch machte. Sogar
ein ordentliches Gericht hätte, wenn der Angeklagte 20 Jahre alt war,
nicht anders urteilen können. Es sei also ein bloßer historischer
Zufall, dass der erste Übertreter des Dekrets ein Sozialist war.
Im technischen Sinn ist diese
Argument richtig; aber realistisch und praktisch gesehen war es, um
Winters Worte zu gebrauchen, ‚kein Zufall’.
Es war eine weitere Demonstration
jener von Fey Ende Oktober 1933 kundgegebenen Auffassung, dass der
Kampf gegen links ein ‚wirkliches Vergnügen für seine Gruppe’, der
gegen rechts hingegen eine ‚schmerzliche Verpflichtung’ sei, die nur
so lange beobachtet werden solle, bis es den Nationalsozialisten zum
Bewusstsein kommen werde, dass es von Anfang an besser gewesen wäre,
gemeinsam gegen den ‚Bolschewismus’ zu kämpfen."
Ernst Karl Winter hat in dem Buch
"Christentum und Zivilisation" seinen Versuch, Josef Gerl zu retten -
was nur mit Hilfe von Bundeskanzler Dollfuß möglich war -, ausführlich
beschrieben. Hier die wichtigste Stelle dieses zeitgeschichtlichen
Dokuments im Wortlaut:
"Ich war gerade auf einem
verlängerten Wochenende mit meiner Familie in Klein Zell, als am 24.
Juli einige Freunde hinauskamen, um mich dringendst zur sofortigen
Rückkehr nach Wien und Intervention beim Bundeskanzler wegen der
wahrscheinlichen standgerichtlichen Verurteilung des ehemaligen
Schutzbündlers Josef Gerl, der wegen eines Sprengstoffdeliktes die
Todesstrafe zu gewärtigen hatte, aufzufordern.
In Wien hörte ich bereits von dem
gefällten Todesurteil, dessen Vollzug oder Nichtvollzug in Dollfuß’
Hand lag. Ich ging in seine Privatwohnung und begegnete ihm auf der
Stiege. Er erfasste sofort, warum ich gekommen war, und hatte offenbar
keine Absicht, mit mir darüber zu diskutieren. Er vereinbarte jedoch
mit mir eine Besprechung im Bundeskanzleramt zu einer Stunden, die
noch vor der anberaumten Exekution lag.
Obwohl ich es hätte infolge der
Erfahrungen der letzten Monate besser wissen müssen, ging ich in die
Falle: Während ich im Bundeskanzleramt auf den Bundeskanzler wartete,
und draußen vor dem Gebäude die Angehörigen Gerls auf mich warteten,
wurde die Exekution durchgeführt. Dollfuß kam, wie immer, um ein paar
Stunden zu spät zur vereinbarten Besprechung, Als ich bei ihm vorkam,
empfing ich ihn mit bitteren und heftigen Vorwürfen, die ihn in die
Defensive drängten und eines der seltsamsten Gespräche einleiteten,
das ich jemals hatte.
Er verteidigte die staatspolitische
Notwendigkeit nicht nur des Sprengstoffgesetzes, das gegen die Nazis
gerichtet war, im allgemeinen, sondern such diese seine erste
Anwendung gegen einen harmlosen und verwirrten ehemaligen
Schutzbündler, dessen Hauptdelikt der Besitz von Sprengstoff war, im
besonderen. Er ließ sich hinreißen bis zur Verteidigung der
Nichtbegnadigung aus simplen Gründen der politischen Taktik. Er sagte
mir wörtlich: ‚Wir können Gott danken, dass es ein Rote und kein Nazi
war, gegen den wir das neue Gesetz zuerst anwenden mussten.’"
Engelbert Dollfuß hat also nicht
nur die Begnadigung Josef Gerls abgelehnt, sondern auch Gott dafür
gedankt, dass es ein Roter und kein Nazi war, der auf dem Galgen
sterben musste. Einen Tag später haben ihn die Nazis im
Bundeskanzleramt bestialisch ermordet. Österreichs Sozialisten sind
Hass- und Rachegefühle fremd. Aber sie werden den Märtyrertod Josef
Gerls und die Rolle, die Engelbert Dollfuß dabei spielte, niemals
vergessen.
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