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Stefan Zweig:

Maxim Gorki und seine Bedeutung für die proletarische Literatur

 

Alexander Puschkin, der Ahnherr der russischen Literatur, stammt aus fürstlichem Blut, Leo Tolstoi aus uraltem gräflichen Geschlecht, Turgenjeff ist Gutsherr, Dostojewski Beamtensohn, aber adelig, adelig sind sie alle. Denn die Literatur, die Kunst, alle Formen geistiger Leistung gehören im neunzehnten Jahrhundert innerhalb des russischen Reiches ebenso dem Adel zu wie alle anderen Privilegien, wie das Land und die Schlösser, die Flüsse und die Erzgruben, die Wälder und Felder und die lebendigen Menschen, wie die leibeigenen Bauern, die sie mit ihrem Schweiße pflügen. Alle Macht, aller Reichtum, alle Repräsentation, alles Wissen und Werten ist einzig hundert Adelsgeschlechtern, zehntausend Menschen inmitten der Millionen, vorbehalten. Sie allein stellen vor den Augen der Welt Russland dar, seinen Reichtum, seine Rassen, seine Kraft und seinen Geist.

Hundert Geschlechter, zehntausend Menschen. Aber unter dieser dünnen Oberschicht wirkt und werkt eine unendliche, unübersehbare Millionenmasse, ein ungestaltes, riesiges Wesen: das russische Volk. In Millionen Körnern hingestreut über die gigantische Fläche der moskowitischen Erde, schafft es mit Millionen Händen Tag und Nacht am Reichtum des riesigen Landes. Es rodet Wälder, es glättet die Straßen, es keltert den Wein und hebt die Erze aus den Gruben. Es sät und erntet auf der schwarzen und schneeschweren Erde, es schlägt dem Zaren seine Schlachten, es dient und dient und dient seinen Fürsten in hingebungsvoller Arbeit und beharrlicher Fron. Aber eines unterscheidet dieses eine russische Volk von seinen Brudervölkern: es ist noch stumm, es hat keine Sprache. Längst haben die anderen Völker schon Dichter entsandt aus ihrer Mitte, Redner und Gelehrte, sprechende Zungen – diese Millionen aber, sie können ihre Wünsche noch immer nicht ausdrücken in geschriebenem Wort, sie dürfen ihre Gedanken nicht sagen in den Ratschlüssen ihres Landes, sie können sich nicht erklären, jene weite und wilde Seele nicht aussprechen, die in ihnen waltet. Dumpf, ohne Stimme, bei gespanntester Brust, ohne Macht bei ungeheuerlichster Kraft wirkt und werkt dieses ozeanisch weite, geheimnisvolle Wesen Volk auf seiner russischen Erde, Seele ohne Sprache, Dasein ohne selbstgestaltenden Sinn. Immer sprechen für die Schweigenden nur ihre Herren, die Adeligen, die Mächtigen. Bis zum zwanzigsten Jahrhundert haben wir vom russischen Volk einzig dank der Stimme seiner Adelsdichter, dank Puschkins, dank Tolstois, Turgenjeffs und Dostojewskis, gewusst.

Dies aber wird für alle Zeiten der Ruhm und die Ehre der russischen Adelsdichter bleiben, dass sie trotz seines Stummseins, seines erzwungenen Schweigens das russische Volk, seinen Bauern und Arbeiter, den „geringen Menschen“, niemals verachtet haben, sondern dass im Gegenteil, wie aus dem Gefühl einer mystischen Schuld, jeder von ihnen die Größe und seelische Gewalt der erniedrigten Massen leidenschaftlich geehrt hat. Dostojewski, der Visionär, erhebt den Begriff des Volkes zum russischen Heiland, Symbol des ewig wiederkehrenden Christus, und der sich erbittert gegen die Bürgerrevolutionäre und Adelsanarchisten wehrt, beugt vor dem letzten Sträfling, als dem Repräsentanten einer göttlichen Macht, ehrfürchtig das Haupt bis hinab auf die russische Erde. Und noch leidenschaftlicher demütigt sich der andere Adelsdichter, Tolstoi, vor der schweigenden Masse, krampfig erniedrigt er sich, nur um sie, die Bedrückten, zu erheben – „wie wir leben, ist falsch, wie sie leben, ist es richtig“ – er zieht seinen Adelsrock aus und die Muschikbluse an, er müht sich, ihre einfache bildliche Sprache, ihre dumpfe gottgläubige Demut nachzuahmen, unterzugehen, sich auszulösen in dieser ungeheuren, furchtbaren Kraft. All die großen Dichter Russlands haben einhellig ihre Ehrfurcht vor der großen Gesamtheit bezeugt, alle haben sie die Wehrlosigkeit, die Sprachlosigkeit der brüderlichen Millionen im Schatten ihres hellen und lichten Lebens als eine ungeheure und mystische Seelenschuld empfunden. Alle haben sie den höchsten Sinn ihrer Sendung in der Aufgabe gesehen, für dieses stumme, ungestalte, sprachlose Wesen Volk zu sprechen und seine Gedanken und Ideen der Welt zu vermitteln.

Aber da geschieht auf einmal das Wunderbare, das Unerwartete und Unverhoffte: mit einmal hebt dieses seit tausend Jahren stumme Wesen selbst zu sprechen an. Es hat sich eine Lippe erschaffen aus seinem eigenen Fleische, einen Sprecher aus seiner eigenen Sprache, einen Menschen aus seiner Mitte, und diesen einen Menschen, den Dichter, seinen Dichter und Zeugen, hat es mit einmal herausgestoßen aus seinem riesigen Leibe, dass er der ganzen Menschheit Botschaft gebe vom russischen Volk, von dem russischen Proletariat, von den Niederen, Bedrückten und Bedrängten. Dieser Mann, dieser Mensch, dieser Bote, dieser Dichter, er ist plötzlich da; seit mehr als dreißig Jahren ist er der Sprecher und Bildner einer ganzen tragischen Generation von Enterbten und Unterdrückten. Seine Eltern nennen ihn Maxim Peschkow [in Wirklichkeit nannten sie ihn Alexej Maximowitsch Peschkow; Anm.], er selbst nenne sich Maxim Gorki, den Bittern; mit diesem seinem selbstgeschaffenen Namen grüßt ihn dankbar die geistige Welt und alles, was sich wahrhaft als Volk fühlt unter den Völkern, weil seine Bitternis heilkräftig geworden ist für ein ganzes Geschlecht, seine Stimme worttragend für eine ganze Nation und seine Erscheinung ein Glück und eine Gnade unserer geistigen Gegenwart. Diesen einen unbekannten Menschen, Maxim Gorki, hat sich das Schicksal aus dem Abhub und der Spreu der Volksfülle genommen, um ihn zum Zeugen zu formen für das Leben der Zurückgestoßenen, zum Darsteller alles Leidens der russischen und der allmenschlichen Armut. Und damit er recht und redlich zeugen könne, hat es ihm jeden Beruf, jede Qual, jede Entbehrung und jede Prüfung mitten ins eigenen Dasein hinein zugeteilt, damit er sie schmerzhaft erfahren lerne und erfühlen am eigenen Leibe, ehe er sie gestalte und weiter entfalte im dichterischen Wort. Es hat ihn entsandt in jede proletarische Provinz der Berufe, damit er sie redlich vor dem unsichtbaren Parlament der Menschheit vertrete, es hat ihn lange zum Lehrling und Knecht alles Leidens gemacht, ehe er Herr werden darf des Wortes und Meister der Gestaltung. Alle Wandlungen und Verwandlungen ein und desselben proletarischen Schicksals duldend durchzumachen, ist ihm auferlegt, ehe er sieghaft der Allverwandelnde wird, der Künstler. So hat seine reiches und gewaltiges Werk zu seiner bildnerischen Größe noch die besondere, dass diesem Dichter nichts geschenkt ward vom Leben, sondern alles errungen, alles erkämpft war aus einer mühseligen Existenz und das reine und ruhmvolle Resultat nur mit Bitternis und Erbitterung einer feindseligen Wirklichkeit abgezwungen erscheint.

Welch ein Leben! Welche Tiefe vor diesem Aufstieg! Eine schmutzige, graue Vorstadtgasse in Nishnij Nowgorod hat diesen großen Künstler geboren, Armut schaukelt seine Wiege, Armut stößt ihn aus der Schule, Armut wirft ihn auf die Walze und in die Welt. In zwei Kellerstuben haust die ganze Familie, und um etwas Geld, um ein paar jämmerliche Kopeken einzubringen, muss er, Schulknabe noch, in Kloaken und Müllhaufen herumkriechen, Lumpen und Knochen aus dem stinkenden Qualm heraussammeln, so dass die Klassenkameraden sich weigern, neben dem Mistsammler und Kloakenschliefer, wegen des angeblich schlechten Geruches, zu sitzen. Obwohl wissbegierig, darf er nicht einmal die niedrigste Schule zu Ende absolvieren, muss mit schmaler Kinderbrust schon als Helfer in ein Schuhgeschäft, dann Hausknecht werden bei einem Zeichner, Geschirrwäscher auf einem Wolgadampfer, Lastträger an den Landungsplätzen, Nachtwächter in einer Fischerei, Semmelbäcker, Austräger, Eisenbahner, Landarbeiter, Druckereigehilfe, ein ewig gehetzter Taglöhner, rechtlos, glücklos, heimatlos – Vagabund auf allen Straßen, bald in der Ukraine und am Don, bald in Bessarabien, bald in Tiflis und in der Krim. Nirgends kann er sich halten, nirgends hält man ihn fest, immer peitscht, wie ein böser Wind, das Schicksal ihn wieder auf, wenn er sich kaum unter ein schmutziges Dach geduckt hat, und wieder fegt er winters und sommers mit brennenden Sohlen die Straßen, hungrig, zerlumpt, krank und immer, immer von der Armut gehetzt. Ununterbrochen wechselt er die Berufe, aber es ist, als hätte das Schicksal mit Absicht diese Verwandlung gewollt, damit er alle Vielfalt des proletarischen Lebens, damit er das russische Land in seiner ganzen Weite, das russische Volk in seiner unüberschaubaren Verschiedenheit und Vielfältigkeit einmal so wissend und erfahrungsgemäß bezeugen könne. Auferlegt war ihm – und er hat großartig diese Prüfung getragen –, alle Formen der Armut zu kennen, um einmal der rechte und gemäße Anwalt alles Elends zu werden, auferlegt auch das Schicksal all jener in Russland, die sich wider die Unrechtmäßigkeit dieser Weltordnung empörten: in den Gefängnissen zu sitzen, überwacht zu werden von der Polizei, umschnüffelt, umstellt, beargwöhnt und von den Gendarmen wie ein bissiger Wolf gehetzt. Auch die Knute der geistigen Hörigkeit, die Meinungsentrechtung, muss dieser Dichter des russischen Proletariats mitdulden in der auftrotzenden Seele, denn mitzuleiden alle und alle Leiden seiner Klasse und Rasse, ist er berufen. Er muss alle Formen des Entrechtetseins und Verzweifelns erfahren, und jene allerletzte, allerfurchtbarste sogar, diese tiefste und unüberbietbare des Menschen, wenn er das eigenen Leben nicht mehr erträgt und es von sich speit wie einen bitteren Auswurf. Auch dieser letzte Abgrund der Verzweiflung ist ihm nicht erspart geblieben: im Dezember 1887 kauft sich Maxim Gorki von seinem letzten Geld einen erbärmlichen Trommelrevolver und schießt sich selbstmörderisch eine Kugel in die Brust. Sie bleibt in der Lunge stecken und hat vierzig Jahre sein Leben bedroht, aber doch – glücklicherweise! – ward er gerettet für jenes ungeheure Werk der Zeugenschaft zugunsten seines Volkes, die er dann einzig eindrucksvoll vor dem Tribunal der Menschheit geleistet hat.

Wann dieser Vagabund, dieser proletarische Taglöhner, dieser Straßenstrolch und Habenichts zum Dichter geworden ist, wird kein Philologe jemals errechnen können. Denn Dichter, dies war Maxim Gorki immer, dank der Augenwachheit und Seelenhelle seiner großartig aufnehmenden Natur. Aber um dies Dichterische auszudrücken, musste er erst die Sprache erlernen, die Schrift und die Schreibe, und wie mühsam war dies seiner Notdurft! Niemand hat ihm dabei geholfen als sein eigener zäher Wille und die unnachgiebig in ihm drängende, die unerschütterliche Urkraft des Volkes. Als Bäcker und Straßenarbeiter rafft er nachts mit einer großartigen Gier alles an Büchern, Zeitungen, an Gedrucktem wahllos zusammen, was ihm in die Hände kommt. Aber sein wahres Lesebuch ist die Landstraße, sein wahrer Führer der innere Genius, denn Gorki war Dichter längst, ehe er etwas gelesen hat, und Künstler, ehe er orthographisch schreiben gelernt. Mit vierundzwanzig Jahren veröffentlicht er dann seine erste Novelle, mit dreißig ist er plötzlich entdeckt und schon der bekannteste, vom Volk am meisten geliebte Künstler Russlands, der Stolz des Proletariats und ein Ruhm der europäischen Welt.

Unbeschreiblich elementar war diese Wirkung gleich bei Gorkis ersten Werken, gleichsam ein Aufzucken, ein Aufschrecken, ein Ruck, ein Riss: ein anderes Russland als bisher, so fühlte jeder, hatte hier zum erstenmal gesprochen, diese eine Stimme kam aus der riesenhaft eingeengten Brust des ganzen Volkes. Dostojewski, Tolstoi, Turgenjeff, allerdings, sie hatten längst schon in großartigen Visionen die russische Seele in ihrer Weite und Gewaltsamkeit uns ahnen lassen: hier aber war mit einmal dasselbe anders, gleichsam wirklicher dargestellt, nicht die Seele bloß, sondern der ganze, der nackte russische Mensch selbst, die grausam klare, dokumentarisch wahre russische Wirklichkeit.

Bei jenen wogte noch im geistigen Element, in der gewitterhaften Sphäre des Gewissens das russische Schicksal, dies Leiden an der eigenen Weite, das Zerspanntsein ins Extreme, das tragische Bewusstsein der historischen Weltwende – bei Gorki aber erstand der russische Mensch nicht im Geiste, sondern in Fleisch und Bein, der dunkle anonyme Mensch formte sich zur Masse, er wurde zwingend Realität. Gorki hat im Gegensatz zu Tolstoi und Dostojewski und Gortscharew keine zusammenfassenden symbolischen Gestalten der Weltliteratur, wie etwa die vier Karamasoff, wie den Oblomow, wie Ljewin und Karatejew, niemals – diese Einschränkung vermindert nicht seine Größe – hat Gorki ein einziges Symbol des Russischen, der Russenseele zu formen gesucht, aber er hat dafür Zehntausende von leibhaftigen Figuren einzelner erlebter Menschen mit einer Sinnlichkeit und Sachlichkeit, einer unerhörten Wahrheit und Atemnähe greifbar, fassbar vor uns gestellt; aus dem Volk geboren, hat er selbst ein ganzes Volk mit sich sichtbar gemacht. Aus allen Stufen des Elends, aus allen Ständen hat er Gestalten herangeholt, jede von unübertrefflicher Lebensechtheit, Dutzende, Hunderte, Tausende, eine Armee der Armen und Gekränkten: statt einer Vision, einer umfassenden, gab dieses herrliche Auge in tausend Einzelgestalten jeden Menschen, der ihm im Leben begegnet, wieder dem Lebendigen zurück. Darum gehört dieses erinnerungsmächtige Auge Gorkis zu den wenigen wahrhaften Wundern unserer gegenwärtigen Welt, und ich weiß nicht, was in der Künstlerschaft unserer Zeit sich an Natürlichkeit und Exaktheit seiner Art des Schauens auch nur annähernd vergleichen ließe. Kein Schatten von Mystik trübt dieses Auge, kein Bläschen Lüge sitzt in dieser wunderbaren, kristallenen Linse, die nicht vergrößert und verkleinert, die niemals schief und verstellend sieht oder falsch zusammenfasst, die nie erhellt oder verdunkelt: dieses Auge sieht nur wahr und sieht nur klar, aber in einer unübertroffenen Wahrheit und einer unübertrefflichen Klarheit. Was einmal vor diese redliche und rechtschaffenen Pupille, dieses lauterste und ehrlichste Instrument unserer neueren Kunst getreten ist, das bleibt unentstellt erhalten, denn dieses Auge vergisst nichts und verklärt nichts und verändert nichts, es gibt reinste und redlichste Wirklichkeit. Wenn Maxim Gorki einen Menschen schildert, so darf man beschwören: so war er, genau so, wie er ihn sieht und schildert, genau so, nicht größer und nicht geringer ist er gewesen, hier ist nicht dazugedacht und nichts hinweggenommen, nichts verschönert und nichts verkleinert, hier ist rein und unentstellt die Einmaligkeit eines Menschen gefasst, durchdrungen und ins Bildnis hinübergezwungen. Es gibt kein Bild Leo Tolstois unter seinen Zehntausenden seiner Freunde und Besucher, der so sinnfällig und lebendig und seelenwahr sein Wesen durchleuchtete wie die knappen sechzig Seiten, die ihm Maxim Gorki in seinen „Erinnerungen“ gewidmet hat. Und genau so, wie diesen größten aller russischen Menschen, dem er begegnet ist, hat Maxim Gorki mit gleicher Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit den erbärmlichsten Vagabunden, den letzten Zigeuner gezeichnet, den er einmal als Pennbruder auf der Straße getroffen hat. Das Genie des Gorkischen Auges hat nur einen Namen: Wahrhaftigkeit.

Diesem unbestechlichen, herrliche redlichen Blick Maxim Gorkis dankt Europa das wahrhaftigste Bild der gegenwärtigen russischen Welt – und wann hätte Wahrhaftigkeit zwischen den Nationen mehr Not getan als in der gegenwärtigen Stunde, und welches Volk unter den Völkern bedarf ihrer so sehr wie das russische in diesem seinem welthistorischen Augenblick? Welches Ereignis, welche Schickung darum, welche Schicksalsschenkung für diese Nation, jetzt in ihrer entscheidenden Minute einen Darsteller aus eigenem Blute zu besitzen, der allen dokumentarisch das eigene Bildnis zeigt, der nicht verschönt, nicht ungläubig verhöhnt, der mit der unbeirrbaren und unverwirrbaren Gerechtigkeit des Künstlers Not und Hoffnung, Gefahr und Größe einer Volksunendlichkeit der ganzen Menschheit sinnlich näher bringt? Tolstoi und Dostojewski, sie hatten in ihrer gewaltsamen, ihrer von außen andringenden, ihrer werbenden und wirren, aber doch noch nationalistischen Liebe das russische Volk zu einer Art Heiland gemacht, so dass trotz aller Bewunderung uns der russische Mensch noch irgendwie anderweltig erschien, fremdartig groß und gefährlich, aber doch fremd, anders geartet, anders gerichtet. Gorki aber zeigt – und dies ist sein unsterbliches Verdienst – das russische Volk nicht nur darin, wo es russisch ist, sondern vor allem, wo es Volk ist, ein und dasselbe Volk aller Armen und Gedrückten, das Volk als Proletariat. Er ist mehr menschlich als national eingestellt, er ist mehr human als politisch, Revolutionär aus mitfühlender Volksliebe und nicht aus missgestaltetem Hass. Er hat die kommende Revolution nicht wie Dostojewski und Turgenjeff gesehen, als Produkt einiger überreizter und anarchistischer, also russisch überhitzter Intellektueller, als Verwirklichung exakt durchgedachter Theorien, sondern in ihm und ihm allein wird die künftige Geschichte dokumentarisch ablesen können, dass jener Aufstand und Aufstieg in Russland ein organisch Volksgeschaffenes war. Er hat gezeigt, wie in der Masse, bei den Millionen Mal Einzelnen die Spannung bis zur Unerträglichkeit gewachsen war: in seinem Roman „Die Mutter“, diesem Meisterwerk seiner Werke, sieht man, wie gerade aus den geringsten Menschen, aus den Bauern, Arbeitern, aus den Ungebildeten und Unbelehrten in zahllosen, namenlosen Opfertaten der Wille sich sammelt und strafft, ehe er dann im ungeheuren Gewitter sich gewaltsam entlädt. Kein einzelner Mensch, immer die Vielzahl, immer die Masse erscheint in seinen Werken als Träger der Kraft – denn weil selbst aus einer Vielheit gestaltet, aus der Fülle des Volkes, aus der Breite des Schicksals, empfindet dieser einzelne Mann alles Geschehnis als Gemeinsamkeit. Eben wegen dieses Verwachsenseins mit dem Volke wusste Gorki auch immer und unerschütterlich um diese seines Volkes unbesiegbaren Kräfte: er hat ihm vertraut, wie das Volk ihm vertraute. Während die großen Seher Dostojewski und Tolstoi vor der Revolution noch zurückschauern wie vor einer Krankheit, weiß er, dass die unzerbrechliche Gesundheit seiner Nation sie überdauern wird. Gerade weil er die Massen kannte, und gerade weil er das russische Volk wie ein Sohn seine Mutter von nahem und aus dem Blute verstand, hat Gorki niemals die furchtbaren apokalyptischen Angstschauer der großen russischen Dichterpropheten mitgelitten – er wusste sein Volk und jedes Volk stark genug, alle Krisen zu überwinden, alle Gefahren zu durchschreiten. So hat seine Gegenwart den großen Massen in den Zarenjahren mehr Gläubigkeit zu sich selbst gegeben als alle Schreie Dostojewskis nach dem russischen Christus, als alle Bußrufe und Demutspredigten Tolstois. In seiner Gestalt hat das Volk sich selbst Mut gemacht und Zuversicht seines Willens gegeben: Maxim Gorkis unaufhaltsamer Aufstieg aus der Volkstiefe ist ein Symbol geworden für Millionen, und sein Werk bezeugt den Willen des ganzen Volkes, sich zu erheben und in Geistige zu gestalten.

Wir aber wollen es bekennen: großartig hat Maxim Gorki diesen Zeugendienst geleistet, ein reiner, redlicher Mensch, ein großer, gestaltender Künstler, nie sich zum Führer erhebend, nie sich zum Richter aufwerfend und zum Propheten drapierend, sondern immer nur beharrlicher Zeuge für das Recht seines Volkes, für seine seelische Vielfalt und seine sittliche Kraft. Wie es einem ehrlichen Zeugen gebührt, hat er die Wahrheit nie verschönert und nie verleugnet, er hat nie geredet, sondern berichtet, nicht proklamiert, sondern gestaltet. Ohne Pessimismus in den dunklen Jahren und ohne Überschwang in jenen des Erfolges, stark in der Stunde der Gefahr und ohne Hochmut im Gelingen, hat er Menschen neben Menschen in sein Werk gerufen, bis sie selbst eine Schar bildeten, ein Volk und Bildnis des ewigen Volkes, dieses Urstoffes aller Gestaltung und aller schöpferischen Kraft. So ist sein großes Epos kein schwankender Mythos von der russischen Seele geworden, sondern unverrückbar wahr, die russische Wirklichkeit selbst. Wir können dank seiner Werke Russland brüderlich begreifen, nahe und nachbarlich unserer Welt, ohne Fremdheit, ohne Widerstand. Wer das Werk Gorkis kennt, der kennt das russische Volk von heute und in ihm Not und Entbehrung aller Gedrückten, er weiß aus miterkennender Seele ebenso ihr letztes, seltenstes und leidenschaftliches Gefühl wie ihr tägliches ärmliches Dasein: alle ihre Qualen und Prüfungen in den Jahren des Übergangs konnten wie erschütternd wie in keinen andern durch Gorkis Bücher miterleben. Welchem Künstler aber sollen wir dankbar sein, wenn nicht dem, der uns Wahrheit und Klarheit gibt in diesen Zeiten der Verwirrung und der durch die Darstellung des gemeinsam Menschlichen die Nationen erzieht zu ihrer notwendigsten Pflicht: zu Verständnis und damit zur Liebe?

 

 

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