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Alexander Puschkin, der Ahnherr der
russischen Literatur, stammt aus fürstlichem Blut, Leo Tolstoi aus
uraltem gräflichen Geschlecht, Turgenjeff ist Gutsherr, Dostojewski
Beamtensohn, aber adelig, adelig sind sie alle. Denn die Literatur,
die Kunst, alle Formen geistiger Leistung gehören im neunzehnten
Jahrhundert innerhalb des russischen Reiches ebenso dem Adel zu wie
alle anderen Privilegien, wie das Land und die Schlösser, die Flüsse
und die Erzgruben, die Wälder und Felder und die lebendigen Menschen,
wie die leibeigenen Bauern, die sie mit ihrem Schweiße pflügen. Alle
Macht, aller Reichtum, alle Repräsentation, alles Wissen und Werten
ist einzig hundert Adelsgeschlechtern, zehntausend Menschen inmitten
der Millionen, vorbehalten. Sie allein stellen vor den Augen der Welt
Russland dar, seinen Reichtum, seine Rassen, seine Kraft und seinen
Geist.
Hundert Geschlechter, zehntausend
Menschen. Aber unter dieser dünnen Oberschicht wirkt und werkt eine
unendliche, unübersehbare Millionenmasse, ein ungestaltes, riesiges
Wesen: das russische Volk. In Millionen Körnern hingestreut über die
gigantische Fläche der moskowitischen Erde, schafft es mit Millionen
Händen Tag und Nacht am Reichtum des riesigen Landes. Es rodet Wälder,
es glättet die Straßen, es keltert den Wein und hebt die Erze aus den
Gruben. Es sät und erntet auf der schwarzen und schneeschweren Erde,
es schlägt dem Zaren seine Schlachten, es dient und dient und dient
seinen Fürsten in hingebungsvoller Arbeit und beharrlicher Fron. Aber
eines unterscheidet dieses eine russische Volk von seinen
Brudervölkern: es ist noch stumm, es hat keine Sprache. Längst haben
die anderen Völker schon Dichter entsandt aus ihrer Mitte, Redner und
Gelehrte, sprechende Zungen – diese Millionen aber, sie können ihre
Wünsche noch immer nicht ausdrücken in geschriebenem Wort, sie dürfen
ihre Gedanken nicht sagen in den Ratschlüssen ihres Landes, sie können
sich nicht erklären, jene weite und wilde Seele nicht aussprechen, die
in ihnen waltet. Dumpf, ohne Stimme, bei gespanntester Brust, ohne
Macht bei ungeheuerlichster Kraft wirkt und werkt dieses ozeanisch
weite, geheimnisvolle Wesen Volk auf seiner russischen Erde, Seele
ohne Sprache, Dasein ohne selbstgestaltenden Sinn. Immer sprechen für
die Schweigenden nur ihre Herren, die Adeligen, die Mächtigen. Bis zum
zwanzigsten Jahrhundert haben wir vom russischen Volk einzig dank der
Stimme seiner Adelsdichter, dank Puschkins, dank Tolstois, Turgenjeffs
und Dostojewskis, gewusst.
Dies aber wird für alle Zeiten der
Ruhm und die Ehre der russischen Adelsdichter bleiben, dass sie trotz
seines Stummseins, seines erzwungenen Schweigens das russische Volk,
seinen Bauern und Arbeiter, den „geringen Menschen“, niemals verachtet
haben, sondern dass im Gegenteil, wie aus dem Gefühl einer mystischen
Schuld, jeder von ihnen die Größe und seelische Gewalt der
erniedrigten Massen leidenschaftlich geehrt hat. Dostojewski, der
Visionär, erhebt den Begriff des Volkes zum russischen Heiland, Symbol
des ewig wiederkehrenden Christus, und der sich erbittert gegen die
Bürgerrevolutionäre und Adelsanarchisten wehrt, beugt vor dem letzten
Sträfling, als dem Repräsentanten einer göttlichen Macht, ehrfürchtig
das Haupt bis hinab auf die russische Erde. Und noch
leidenschaftlicher demütigt sich der andere Adelsdichter, Tolstoi, vor
der schweigenden Masse, krampfig erniedrigt er sich, nur um sie, die
Bedrückten, zu erheben – „wie wir leben, ist falsch, wie sie leben,
ist es richtig“ – er zieht seinen Adelsrock aus und die Muschikbluse
an, er müht sich, ihre einfache bildliche Sprache, ihre dumpfe
gottgläubige Demut nachzuahmen, unterzugehen, sich auszulösen in
dieser ungeheuren, furchtbaren Kraft. All die großen Dichter Russlands
haben einhellig ihre Ehrfurcht vor der großen Gesamtheit bezeugt, alle
haben sie die Wehrlosigkeit, die Sprachlosigkeit der brüderlichen
Millionen im Schatten ihres hellen und lichten Lebens als eine
ungeheure und mystische Seelenschuld empfunden. Alle haben sie den
höchsten Sinn ihrer Sendung in der Aufgabe gesehen, für dieses stumme,
ungestalte, sprachlose Wesen Volk zu sprechen und seine Gedanken und
Ideen der Welt zu vermitteln.
Aber da geschieht auf einmal das
Wunderbare, das Unerwartete und Unverhoffte: mit einmal hebt dieses
seit tausend Jahren stumme Wesen selbst zu sprechen an. Es hat sich
eine Lippe erschaffen aus seinem eigenen Fleische, einen Sprecher aus
seiner eigenen Sprache, einen Menschen aus seiner Mitte, und diesen
einen Menschen, den Dichter, seinen Dichter und Zeugen, hat es mit
einmal herausgestoßen aus seinem riesigen Leibe, dass er der ganzen
Menschheit Botschaft gebe vom russischen Volk, von dem russischen
Proletariat, von den Niederen, Bedrückten und Bedrängten. Dieser Mann,
dieser Mensch, dieser Bote, dieser Dichter, er ist plötzlich da; seit
mehr als dreißig Jahren ist er der Sprecher und Bildner einer ganzen
tragischen Generation von Enterbten und Unterdrückten. Seine Eltern
nennen ihn Maxim Peschkow [in Wirklichkeit nannten sie ihn Alexej
Maximowitsch Peschkow; Anm.], er selbst nenne sich Maxim Gorki, den
Bittern; mit diesem seinem selbstgeschaffenen Namen grüßt ihn dankbar
die geistige Welt und alles, was sich wahrhaft als Volk fühlt unter
den Völkern, weil seine Bitternis heilkräftig geworden ist für ein
ganzes Geschlecht, seine Stimme worttragend für eine ganze Nation und
seine Erscheinung ein Glück und eine Gnade unserer geistigen
Gegenwart. Diesen einen unbekannten Menschen, Maxim Gorki, hat sich
das Schicksal aus dem Abhub und der Spreu der Volksfülle genommen, um
ihn zum Zeugen zu formen für das Leben der Zurückgestoßenen, zum
Darsteller alles Leidens der russischen und der allmenschlichen Armut.
Und damit er recht und redlich zeugen könne, hat es ihm jeden Beruf,
jede Qual, jede Entbehrung und jede Prüfung mitten ins eigenen Dasein
hinein zugeteilt, damit er sie schmerzhaft erfahren lerne und erfühlen
am eigenen Leibe, ehe er sie gestalte und weiter entfalte im
dichterischen Wort. Es hat ihn entsandt in jede proletarische Provinz
der Berufe, damit er sie redlich vor dem unsichtbaren Parlament der
Menschheit vertrete, es hat ihn lange zum Lehrling und Knecht alles
Leidens gemacht, ehe er Herr werden darf des Wortes und Meister der
Gestaltung. Alle Wandlungen und Verwandlungen ein und desselben
proletarischen Schicksals duldend durchzumachen, ist ihm auferlegt,
ehe er sieghaft der Allverwandelnde wird, der Künstler. So hat seine
reiches und gewaltiges Werk zu seiner bildnerischen Größe noch die
besondere, dass diesem Dichter nichts geschenkt ward vom Leben,
sondern alles errungen, alles erkämpft war aus einer mühseligen
Existenz und das reine und ruhmvolle Resultat nur mit Bitternis und
Erbitterung einer feindseligen Wirklichkeit abgezwungen erscheint.
Welch ein Leben! Welche Tiefe vor
diesem Aufstieg! Eine schmutzige, graue Vorstadtgasse in Nishnij
Nowgorod hat diesen großen Künstler geboren, Armut schaukelt seine
Wiege, Armut stößt ihn aus der Schule, Armut wirft ihn auf die Walze
und in die Welt. In zwei Kellerstuben haust die ganze Familie, und um
etwas Geld, um ein paar jämmerliche Kopeken einzubringen, muss er,
Schulknabe noch, in Kloaken und Müllhaufen herumkriechen, Lumpen und
Knochen aus dem stinkenden Qualm heraussammeln, so dass die
Klassenkameraden sich weigern, neben dem Mistsammler und
Kloakenschliefer, wegen des angeblich schlechten Geruches, zu sitzen.
Obwohl wissbegierig, darf er nicht einmal die niedrigste Schule zu
Ende absolvieren, muss mit schmaler Kinderbrust schon als Helfer in
ein Schuhgeschäft, dann Hausknecht werden bei einem Zeichner,
Geschirrwäscher auf einem Wolgadampfer, Lastträger an den
Landungsplätzen, Nachtwächter in einer Fischerei, Semmelbäcker,
Austräger, Eisenbahner, Landarbeiter, Druckereigehilfe, ein ewig
gehetzter Taglöhner, rechtlos, glücklos, heimatlos – Vagabund auf
allen Straßen, bald in der Ukraine und am Don, bald in Bessarabien,
bald in Tiflis und in der Krim. Nirgends kann er sich halten, nirgends
hält man ihn fest, immer peitscht, wie ein böser Wind, das Schicksal
ihn wieder auf, wenn er sich kaum unter ein schmutziges Dach geduckt
hat, und wieder fegt er winters und sommers mit brennenden Sohlen die
Straßen, hungrig, zerlumpt, krank und immer, immer von der Armut
gehetzt. Ununterbrochen wechselt er die Berufe, aber es ist, als hätte
das Schicksal mit Absicht diese Verwandlung gewollt, damit er alle
Vielfalt des proletarischen Lebens, damit er das russische Land in
seiner ganzen Weite, das russische Volk in seiner unüberschaubaren
Verschiedenheit und Vielfältigkeit einmal so wissend und
erfahrungsgemäß bezeugen könne. Auferlegt war ihm – und er hat
großartig diese Prüfung getragen –, alle Formen der Armut zu kennen,
um einmal der rechte und gemäße Anwalt alles Elends zu werden,
auferlegt auch das Schicksal all jener in Russland, die sich wider die
Unrechtmäßigkeit dieser Weltordnung empörten: in den Gefängnissen zu
sitzen, überwacht zu werden von der Polizei, umschnüffelt, umstellt,
beargwöhnt und von den Gendarmen wie ein bissiger Wolf gehetzt. Auch
die Knute der geistigen Hörigkeit, die Meinungsentrechtung, muss
dieser Dichter des russischen Proletariats mitdulden in der
auftrotzenden Seele, denn mitzuleiden alle und alle Leiden seiner
Klasse und Rasse, ist er berufen. Er muss alle Formen des
Entrechtetseins und Verzweifelns erfahren, und jene allerletzte,
allerfurchtbarste sogar, diese tiefste und unüberbietbare des
Menschen, wenn er das eigenen Leben nicht mehr erträgt und es von sich
speit wie einen bitteren Auswurf. Auch dieser letzte Abgrund der
Verzweiflung ist ihm nicht erspart geblieben: im Dezember 1887 kauft
sich Maxim Gorki von seinem letzten Geld einen erbärmlichen
Trommelrevolver und schießt sich selbstmörderisch eine Kugel in die
Brust. Sie bleibt in der Lunge stecken und hat vierzig Jahre sein
Leben bedroht, aber doch – glücklicherweise! – ward er gerettet für
jenes ungeheure Werk der Zeugenschaft zugunsten seines Volkes, die er
dann einzig eindrucksvoll vor dem Tribunal der Menschheit geleistet
hat.
Wann dieser Vagabund, dieser
proletarische Taglöhner, dieser Straßenstrolch und Habenichts zum
Dichter geworden ist, wird kein Philologe jemals errechnen können.
Denn Dichter, dies war Maxim Gorki immer, dank der Augenwachheit und
Seelenhelle seiner großartig aufnehmenden Natur. Aber um dies
Dichterische auszudrücken, musste er erst die Sprache erlernen, die
Schrift und die Schreibe, und wie mühsam war dies seiner Notdurft!
Niemand hat ihm dabei geholfen als sein eigener zäher Wille und die
unnachgiebig in ihm drängende, die unerschütterliche Urkraft des
Volkes. Als Bäcker und Straßenarbeiter rafft er nachts mit einer
großartigen Gier alles an Büchern, Zeitungen, an Gedrucktem wahllos
zusammen, was ihm in die Hände kommt. Aber sein wahres Lesebuch ist
die Landstraße, sein wahrer Führer der innere Genius, denn Gorki war
Dichter längst, ehe er etwas gelesen hat, und Künstler, ehe er
orthographisch schreiben gelernt. Mit vierundzwanzig Jahren
veröffentlicht er dann seine erste Novelle, mit dreißig ist er
plötzlich entdeckt und schon der bekannteste, vom Volk am meisten
geliebte Künstler Russlands, der Stolz des Proletariats und ein Ruhm
der europäischen Welt.
Unbeschreiblich elementar war diese
Wirkung gleich bei Gorkis ersten Werken, gleichsam ein Aufzucken, ein
Aufschrecken, ein Ruck, ein Riss: ein anderes Russland als bisher, so
fühlte jeder, hatte hier zum erstenmal gesprochen, diese eine Stimme
kam aus der riesenhaft eingeengten Brust des ganzen Volkes.
Dostojewski, Tolstoi, Turgenjeff, allerdings, sie hatten längst schon
in großartigen Visionen die russische Seele in ihrer Weite und
Gewaltsamkeit uns ahnen lassen: hier aber war mit einmal dasselbe
anders, gleichsam wirklicher dargestellt, nicht die Seele bloß,
sondern der ganze, der nackte russische Mensch selbst, die grausam
klare, dokumentarisch wahre russische Wirklichkeit.
Bei jenen wogte noch im geistigen
Element, in der gewitterhaften Sphäre des Gewissens das russische
Schicksal, dies Leiden an der eigenen Weite, das Zerspanntsein ins
Extreme, das tragische Bewusstsein der historischen Weltwende – bei
Gorki aber erstand der russische Mensch nicht im Geiste, sondern in
Fleisch und Bein, der dunkle anonyme Mensch formte sich zur Masse, er
wurde zwingend Realität. Gorki hat im Gegensatz zu Tolstoi und
Dostojewski und Gortscharew keine zusammenfassenden symbolischen
Gestalten der Weltliteratur, wie etwa die vier Karamasoff, wie den
Oblomow, wie Ljewin und Karatejew, niemals – diese Einschränkung
vermindert nicht seine Größe – hat Gorki ein einziges Symbol des
Russischen, der Russenseele zu formen gesucht, aber er hat dafür
Zehntausende von leibhaftigen Figuren einzelner erlebter Menschen mit
einer Sinnlichkeit und Sachlichkeit, einer unerhörten Wahrheit und
Atemnähe greifbar, fassbar vor uns gestellt; aus dem Volk geboren, hat
er selbst ein ganzes Volk mit sich sichtbar gemacht. Aus allen Stufen
des Elends, aus allen Ständen hat er Gestalten herangeholt, jede von
unübertrefflicher Lebensechtheit, Dutzende, Hunderte, Tausende, eine
Armee der Armen und Gekränkten: statt einer Vision, einer umfassenden,
gab dieses herrliche Auge in tausend Einzelgestalten jeden Menschen,
der ihm im Leben begegnet, wieder dem Lebendigen zurück. Darum gehört
dieses erinnerungsmächtige Auge Gorkis zu den wenigen wahrhaften
Wundern unserer gegenwärtigen Welt, und ich weiß nicht, was in der
Künstlerschaft unserer Zeit sich an Natürlichkeit und Exaktheit seiner
Art des Schauens auch nur annähernd vergleichen ließe. Kein Schatten
von Mystik trübt dieses Auge, kein Bläschen Lüge sitzt in dieser
wunderbaren, kristallenen Linse, die nicht vergrößert und verkleinert,
die niemals schief und verstellend sieht oder falsch zusammenfasst,
die nie erhellt oder verdunkelt: dieses Auge sieht nur wahr und sieht
nur klar, aber in einer unübertroffenen Wahrheit und einer
unübertrefflichen Klarheit. Was einmal vor diese redliche und
rechtschaffenen Pupille, dieses lauterste und ehrlichste Instrument
unserer neueren Kunst getreten ist, das bleibt unentstellt erhalten,
denn dieses Auge vergisst nichts und verklärt nichts und verändert
nichts, es gibt reinste und redlichste Wirklichkeit. Wenn Maxim Gorki
einen Menschen schildert, so darf man beschwören: so war er, genau so,
wie er ihn sieht und schildert, genau so, nicht größer und nicht
geringer ist er gewesen, hier ist nicht dazugedacht und nichts
hinweggenommen, nichts verschönert und nichts verkleinert, hier ist
rein und unentstellt die Einmaligkeit eines Menschen gefasst,
durchdrungen und ins Bildnis hinübergezwungen. Es gibt kein Bild Leo
Tolstois unter seinen Zehntausenden seiner Freunde und Besucher, der
so sinnfällig und lebendig und seelenwahr sein Wesen durchleuchtete
wie die knappen sechzig Seiten, die ihm Maxim Gorki in seinen
„Erinnerungen“ gewidmet hat. Und genau so, wie diesen größten aller
russischen Menschen, dem er begegnet ist, hat Maxim Gorki mit gleicher
Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit den erbärmlichsten Vagabunden, den
letzten Zigeuner gezeichnet, den er einmal als Pennbruder auf der
Straße getroffen hat. Das Genie des Gorkischen Auges hat nur einen
Namen: Wahrhaftigkeit.
Diesem unbestechlichen, herrliche
redlichen Blick Maxim Gorkis dankt Europa das wahrhaftigste Bild der
gegenwärtigen russischen Welt – und wann hätte Wahrhaftigkeit zwischen
den Nationen mehr Not getan als in der gegenwärtigen Stunde, und
welches Volk unter den Völkern bedarf ihrer so sehr wie das russische
in diesem seinem welthistorischen Augenblick? Welches Ereignis, welche
Schickung darum, welche Schicksalsschenkung für diese Nation, jetzt in
ihrer entscheidenden Minute einen Darsteller aus eigenem Blute zu
besitzen, der allen dokumentarisch das eigene Bildnis zeigt, der nicht
verschönt, nicht ungläubig verhöhnt, der mit der unbeirrbaren und
unverwirrbaren Gerechtigkeit des Künstlers Not und Hoffnung, Gefahr
und Größe einer Volksunendlichkeit der ganzen Menschheit sinnlich
näher bringt? Tolstoi und Dostojewski, sie hatten in ihrer
gewaltsamen, ihrer von außen andringenden, ihrer werbenden und wirren,
aber doch noch nationalistischen Liebe das russische Volk zu einer Art
Heiland gemacht, so dass trotz aller Bewunderung uns der russische
Mensch noch irgendwie anderweltig erschien, fremdartig groß und
gefährlich, aber doch fremd, anders geartet, anders gerichtet. Gorki
aber zeigt – und dies ist sein unsterbliches Verdienst – das russische
Volk nicht nur darin, wo es russisch ist, sondern vor allem, wo es
Volk ist, ein und dasselbe Volk aller Armen und Gedrückten, das Volk
als Proletariat. Er ist mehr menschlich als national eingestellt, er
ist mehr human als politisch, Revolutionär aus mitfühlender Volksliebe
und nicht aus missgestaltetem Hass. Er hat die kommende Revolution
nicht wie Dostojewski und Turgenjeff gesehen, als Produkt einiger
überreizter und anarchistischer, also russisch überhitzter
Intellektueller, als Verwirklichung exakt durchgedachter Theorien,
sondern in ihm und ihm allein wird die künftige Geschichte
dokumentarisch ablesen können, dass jener Aufstand und Aufstieg in
Russland ein organisch Volksgeschaffenes war. Er hat gezeigt, wie in
der Masse, bei den Millionen Mal Einzelnen die Spannung bis zur
Unerträglichkeit gewachsen war: in seinem Roman „Die Mutter“, diesem
Meisterwerk seiner Werke, sieht man, wie gerade aus den geringsten
Menschen, aus den Bauern, Arbeitern, aus den Ungebildeten und
Unbelehrten in zahllosen, namenlosen Opfertaten der Wille sich sammelt
und strafft, ehe er dann im ungeheuren Gewitter sich gewaltsam
entlädt. Kein einzelner Mensch, immer die Vielzahl, immer die Masse
erscheint in seinen Werken als Träger der Kraft – denn weil selbst aus
einer Vielheit gestaltet, aus der Fülle des Volkes, aus der Breite des
Schicksals, empfindet dieser einzelne Mann alles Geschehnis als
Gemeinsamkeit. Eben wegen dieses Verwachsenseins mit dem Volke wusste
Gorki auch immer und unerschütterlich um diese seines Volkes
unbesiegbaren Kräfte: er hat ihm vertraut, wie das Volk ihm vertraute.
Während die großen Seher Dostojewski und Tolstoi vor der Revolution
noch zurückschauern wie vor einer Krankheit, weiß er, dass die
unzerbrechliche Gesundheit seiner Nation sie überdauern wird. Gerade
weil er die Massen kannte, und gerade weil er das russische Volk wie
ein Sohn seine Mutter von nahem und aus dem Blute verstand, hat Gorki
niemals die furchtbaren apokalyptischen Angstschauer der großen
russischen Dichterpropheten mitgelitten – er wusste sein Volk und
jedes Volk stark genug, alle Krisen zu überwinden, alle Gefahren zu
durchschreiten. So hat seine Gegenwart den großen Massen in den
Zarenjahren mehr Gläubigkeit zu sich selbst gegeben als alle Schreie
Dostojewskis nach dem russischen Christus, als alle Bußrufe und
Demutspredigten Tolstois. In seiner Gestalt hat das Volk sich selbst
Mut gemacht und Zuversicht seines Willens gegeben: Maxim Gorkis
unaufhaltsamer Aufstieg aus der Volkstiefe ist ein Symbol geworden für
Millionen, und sein Werk bezeugt den Willen des ganzen Volkes, sich zu
erheben und in Geistige zu gestalten.
Wir aber wollen es bekennen: großartig
hat Maxim Gorki diesen Zeugendienst geleistet, ein reiner, redlicher
Mensch, ein großer, gestaltender Künstler, nie sich zum Führer
erhebend, nie sich zum Richter aufwerfend und zum Propheten
drapierend, sondern immer nur beharrlicher Zeuge für das Recht seines
Volkes, für seine seelische Vielfalt und seine sittliche Kraft. Wie es
einem ehrlichen Zeugen gebührt, hat er die Wahrheit nie verschönert
und nie verleugnet, er hat nie geredet, sondern berichtet, nicht
proklamiert, sondern gestaltet. Ohne Pessimismus in den dunklen Jahren
und ohne Überschwang in jenen des Erfolges, stark in der Stunde der
Gefahr und ohne Hochmut im Gelingen, hat er Menschen neben Menschen in
sein Werk gerufen, bis sie selbst eine Schar bildeten, ein Volk und
Bildnis des ewigen Volkes, dieses Urstoffes aller Gestaltung und aller
schöpferischen Kraft. So ist sein großes Epos kein schwankender Mythos
von der russischen Seele geworden, sondern unverrückbar wahr, die
russische Wirklichkeit selbst. Wir können dank seiner Werke Russland
brüderlich begreifen, nahe und nachbarlich unserer Welt, ohne
Fremdheit, ohne Widerstand. Wer das Werk Gorkis kennt, der kennt das
russische Volk von heute und in ihm Not und Entbehrung aller
Gedrückten, er weiß aus miterkennender Seele ebenso ihr letztes,
seltenstes und leidenschaftliches Gefühl wie ihr tägliches ärmliches
Dasein: alle ihre Qualen und Prüfungen in den Jahren des Übergangs
konnten wie erschütternd wie in keinen andern durch Gorkis Bücher
miterleben. Welchem Künstler aber sollen wir dankbar sein, wenn nicht
dem, der uns Wahrheit und Klarheit gibt in diesen Zeiten der
Verwirrung und der durch die Darstellung des gemeinsam Menschlichen
die Nationen erzieht zu ihrer notwendigsten Pflicht: zu Verständnis
und damit zur Liebe?
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