Die Frage nach dem
Verhältnis des Faschismus zur Arbeiterklasse in der Phase seiner
Herausbildung hat in letzter Zeit im Zuge der ideologischen
Auseinandersetzung mit bürgerlichen Faschismustheorien - wie etwa der
pseudomarxistischen Bonapartismustheorie und der Deutung des
Faschismus als einer originären kleinbürgerlichen Protestbewegung -
sehr an Bedeutung gewonnen. In meinem Beitrag wird diese Frage am
deutschen Beispiel untersucht.
Vor dem ersten
Weltkrieg bildeten sich in der imperialistischen Bourgeoisie zwei
entgegen gesetzte Haltungen der Arbeiterklasse gegenüber heraus, denen
die von Lenin beschriebenen beiden unterschiedlichen Methoden des
Regierens entsprachen. Die "modernen" Vertreter der imperialistischen
Bourgeoisie - sie waren vorwiegend in den neuen Industriezweigen
Elektro- und Chemieindustrie zu finden - und ihre Ideologen und
politischen Interessenvertreter hatten in Deutschland bereits um die
Jahrhundertwende erkannt, dass die Abstützung der kapitalistischen
Ordnung lediglich durch das Bürger- und Kleinbürgertum nicht länger
ausreichte, dass man sich vielmehr auch um eine Massenbasis in der
Arbeiterklasse bemühen musste. Die Möglichkeit einer solchen
Abstützung erblicken sie in dem bereits im Gange befindlichen Prozess
der Umwandlung der revolutionären Sozialdemokratie in eine
sozial-liberale Reformbewegung. Im Übergang der Führung der deutschen
Sozialdemokratie und der von ihr geleiteten Gewerkschaften am
4. August 1914 auf die Position der Vaterlandsverteidigung erblickten
diese Vertreter der deutschen Monopolbourgeoisie eine durchschlagende
Bestätigung der Richtigkeit ihres Kurses.
Ihnen standen die
Vertreter des "harten Kurses", der Gewaltpolitik und der Verweigerung
aller Zugeständnisse an die Organisationen der Arbeiterklasse
gegenüber, die vor allem in der Schwerindustrie und natürlich bei den
Junkern zu Hause waren. Die einzigen Organisationen, die sie den
Arbeitern zugestanden, waren die unter dem Patronat der Unternehmer
stehenden "Werkvereine". Diese Haltung hatte ökonomische und
politische Ursachen. Ökonomische: Es handelte sich dabei in der Regel
um Vertreter solcher Industriezweige, die nicht im gleichen Maße
gewinnträchtig waren wie die neuen Industrien und einem schärferen
Konkurrenzkampf auf dem Weitmarkt ausgesetzt waren. Politisch: Die
Vertreter dieser Richtung wurden zumeist auch durch ihre politische
Borniertheit daran gehindert, die vor sich gegangenen Veränderungen im
Klassenkräfteverhältnis, das rasche Wachstum des Gewichtes der
Arbeiterklasse, gebührend einzuschätzen. Sie hielten nach wie vor die
Schaffung einer Massenbasis für die bürgerliche Ordnung in der
Arbeiterklasse nicht nur für unmöglich, sondern auch für unnötig.
Daran änderte sich erst
etwas - dann aber verhältnismäßig rasch - in den Jahren des ersten
Weltkrieges, vor allem aber nach dem Sieg der Oktoberrevolution in
Russland und nach der Novemberrevolution in Deutschland, also nach dem
Eintritt des Kapitalismus in das Stadium seiner allgemeinen Krise. Der
Krieg machte es auch den borniertesten Junkern und Militaristen klar,
dass die Herrschenden ohne die Unterstützung wenigstens durch einen
beträchtlichen Teil der Arbeiterklasse unfähig waren, ihren
imperialistischen Zielen näher zu kommen. Die Oktoberrevolution
schreckte die deutsche Bourgeoisie auf durch den Beweis, dass das
Proletariat nicht nur die zahlenmäßige Stärke, sondern - zumindest in
Russland - auch die politische Reife erlangt hatte, um der Bourgeoisie
"das letzte Gefecht" zu liefern.
In die Jahre des ersten
Weltkrieges fallen somit nicht zufällig die ersten Versuche von
Vertretern des "harten" Kurses, auch in der Arbeiterschaft eine Basis
für ihre Politik zu gewinnen. Diese Versuche hatten mit der bisherigen
Politik dieser Kreise gemeinsam, dass sie nach wie vor auf die
Ausschaltung der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften gerichtet
waren. Während die Vertreter der "wendigen" imperialistischen Politik
die Arbeiter mit Hilfe der sozialdemokratischen und
Gewerkschaftsführer vor den imperialistischen Karren spannen wollten,
war das ausgesprochene Ziel der anderen bourgeoisen Fraktion die sog.
"Nationalisierung" der deutschen Arbeiter und ihre "Befreiung" von
ihren bisherigen sozialdemokratischen Führern, wie das in ihrer
Terminologie hieß. Unverändert, jedoch bis zum äußersten
Vernichtungswillen gesteigert, blieb der Hass gegenüber der
organisierten Arbeiterbewegung. Der alte Wunsch nach Zerschlagung der
Arbeiterbewegung verschmolz jetzt mit dem Wunsch nach einer starken
Stütze in der Arbeiterschaft zu einem neuartigen Bedürfnis, dem
Bedürfnis nach Erfüllung der zweieinigen Aufgabe des
Vernichtungskampfes gegen die Arbeiterbewegung bei gleichzeitiger
Gewinnung breiter Kreise der Arbeiter.
Zur Lösung einer
solchen Doppelaufgabe war jedoch keine der vorhandenen Organisationen
auf der politischen Rechten geeignet. Dieser Umstand rief das
Bedürfnis nach einer neuen Organisation hervor, die fähig sein würde,
diese Doppelaufgabe zu lösen. Im Kapitalismus hat das Gesetz von
Nachfrage und Angebot auch im Bereich der Politik Geltung. Die
neuartige Organisation entstand mit Notwendigkeit, nachdem die
Nachfrage nach ihr sich stark und deutlich genug auf dem Markt der
Politik bemerkbar gemacht hatte. Sie entstand jedoch nicht als
fertiges Gebilde, sondern entwickelte sich aus verschiedenen
Organisationskeimen.
Die meisten solcher
Keime wurden von Mitgliedern des Alldeutschen Verbandes gepflanzt;
dieser Verband besaß bekanntlich enge Beziehungen zu Vertretern der
Schwerindustrie (Emil Kirdorf, Albert Vögler, Alfred Hugenberg, Paul
Reusch u.a.) und des Großgrundbesitzes (Graf Arnim-Muskau, Udo Graf zu
Stolberg-Wernigerode, Gertzlaff von Hertzberg-Lottin, Baron von
Manteuffel-Katzdangen u. a.). Die faschistische Partei als
schließliches Ergebnis dieser Bemühungen wurde nicht erfunden, sondern
als die am besten den neuen Bedürfnissen der reaktionärsten Kreise der
imperialistischen Bourgeoisie entsprechende Organisation in einer Art
Ausleseprozess gefunden. Dieser Prozess war besonders deshalb
langwierig, weil gerade die genannten Kreise der Bourgeoisie erst dann
bereit waren, die Gründung einer nach außen hin vor ihr unabhängigen
"nationalen Arbeiterpartei" zu unterstützen, nachdem sie erwiesen
hatte, dass alle anderen Organisationsformen nicht zum Ziele führten.
Am Anfang stand der
Versuch, die Arbeiter im Rahmen der als "Volkspartei" deklarierten, am
3. September 1917 gegründeten extrem nationalistischen "Deutschen
Vaterlandspartei" an die Seite des "nationalen" Bürgertums zu ziehen.
Hinter dieser Gründung standen maßgebliche Kreise der
Monopolbourgeoisie, des Junkertums und der Militaristen. Vorsitzender
war der Großadmiral Alfred v. Tirpitz, zweiter Vorsitzender der
Vertrauensmann der ostpreußischen Junker Wolfgang Kapp, führender
Alldeutscher und seit 1912 Mitglied des Aufsichtsrates der Deutschen
Bank.
Trotz großer Bemühungen
- so wurde z. B. in der Parteileitung eine "Arbeiterabteilung" mit der
Aufgabe der Werbung und "nationalpolitischen Aufklärung" unter den
Arbeitern eingerichtet - erwies sich der Versuch als glatter
Fehlschlag. Die Masse der Arbeiter erkannte in dieser Vaterlandspartei
die Interessenvertretung ihrer schlimmsten Feinde. Bei den
Hintermännern der Vaterlandspartei setzte sich die Erkenntnis durch,
dass es ein vergebliches Unterfangen war, größere Massen von Arbeitern
durch Organisationen gewinnen zu wollen, die von Vertretern der
Bourgeoisie geführt wurden. Aus diesem Grunde wurde an alte Pläne
angeknüpft, die "Gelben" - die wirtschaftsfriedlichen
Werkvereinsverbände - zum Ausgangspunkt für die Schaffung einer
"nationalen" Arbeiterorganisation zu machen, die nach außen hin
organisatorisch selbständig war.
Schon im Sommer 1917
hatte der Leiter eines Werkvereins in einem Kruppschen Betrieb in
Bremen, Wilhelm Wahl, in enger Zusammenarbeit mit dem 1916 von der
Alldeutschen lancierten "Unabhängigen Ausschuss für einen deutschen
Frieden" einen "Freien Ausschuss für einen Deutschen Arbeiterfrieden"
gegründet, der zum Ausgangspunkt für die Gründung entsprechender
Ausschüsse in anderen Orten Deutschlands wurde. So begann z. B. Anton
Drexler, Gründer der DAP, aus der bekanntlich die NSDAP hervorging,
seine politische Laufbahn als Gründer eines "Freien Arbeiterausschuss
für einen guten Frieden" in München. Wilhelm Wahl wie auch Drexler
beabsichtigten, durch eine sozialimperialistische Propaganda, die sich
einer antikapitalistischen Demagogie - allerdings nur gegenüber dem
Kapitalismus der Ententemächte, insbesondere gegenüber England -
bediente, Einbrüche in die Reihen der sozialdemokratischen Arbeiter zu
erzielen. Drexler trat um dieses Zieles willen aus der
Vaterlandspartei aus und wurde Mitglied im freigewerkschaftlichen
Eisenbahnerverband, um eine größere Agitationsbasis zu erhalten.
Nach dem Januarstreik
von 1918 wurden von schwerindustrieller Seite und von der
militärischen Spitze verstärkt Bemühungen unternommen, die "Gelben"
noch in anderer Weise als organisatorische Basis in der Arbeiterschaft
für die Abstützung der Expansionspolitik des deutschen Imperialismus
zu benutzen. Paul Reusch, Generaldirektor des Hanielkonzerns, aber
auch Hindenburg und Ludendorff betrieben den Zusammenschluss aller
"gelben" Vereine zu einer "Arbeitsgemeinschaft". Sie hofften, dadurch
eine Organisation mit mindestens einer halben Million
Arbeitermitgliedern als eine "geschlossene Macht" zu erhalten, stark
genug, auf die Regierung Druck auszuüben bzw. ihr als Stutze zu
dienen.
Andere Kreise, voran
Wolfgang Kapp, gelangten zu der Überzeugung, dass man noch weitergehen
müsse, bis zur Gründung einer "nationalen Arbeiterpartei". Kapp
gehörte zu denjenigen, die schon relativ früh auch in der
sozialdemokratisch und gewerkschaftlich organisierten Arbeiterschaft
ideologische Eroberungen machen wollten. Als ihm Anfang November 1917
Wilhelm Gellert, ein Angestellter des Kalisyndikats, der schon längere
Zeit in der Angestelltenbewegung tätig war, den Plan der Gründung eine
Arbeiter- und Angestelltenpartei unterbreitete, lieh er ihm seine
volle Unterstützung.
Die Argumente Gellerts,
die Kapp offenkundig einleuchteten, zeigten, wie viel die Kreise, die
von Kapp repräsentiert wurden, im Verlaufe des Krieges hinsichtlich
der Massenbehandlung, insbesondere der Behandlung von Arbeitern,
dazugelernt hatten; sie zeigten aber zugleich auch die Grenzen ihrer
Lernfähigkeit. Gellert führte Kapp gegenüber aus, die "Rettung von der
sozialdemokratischen Verseuchung" könne nur durch eine nationale
Bewegung kommen, die sich die Arbeiter und Angestellten selbst
schüfen. Er denke sich "die Deutsche Arbeiterpartei nicht als ein
Anhängsel der Vaterlandspartei, sondern als völlig selbständige
Partei, weil sie nur als solche Aussicht hätte, gegen die
Sozialdemokratie aufkommen zu können". Die Vaterlandspartei dürfte, so
Gellert, "kaum tief in die Arbeiterschaft eindringen, wohl aber vermag
das eine reine Arbeiterpartei, die zunächst fast die gleichen Ziele
hat."
Mit Unterstützung Kapps
und der Führung der Vaterlandspartei gründete Gellert im Februar 1918
die "Deutsche Arbeiter- und Angestellten-Partei" (DAAP); durch Kapps
Fürsprache wurde er im Sommer 1918 vom Kalisyndikat für seine
Tätigkeit als Vorsitzender der Partei freigestellt.
Die Gründung dieser
Partei war nicht nur für den Augenblick gedacht, sondern erfolgte vor
allem in Hinblick auf die Zeit nach dem Kriege. Mit dieser Gründung
sollte, so wieder Gellert, eine dauerhafte "Wendung in der
Arbeiterbewegung nach der vaterländischen Seite hin" herbeigeführt
werden. Falls eine solche Partei nicht geschaffen werde und die
Arbeiterschaft nach ihrer Rückkehr aus dem Felde nur die alten
Organisationen vorfinde, bleibe ihr gar nichts anderes übrig, als
diesen wieder beizutreten "so dass sich für den Sozialismus wieder
Gelegenheit bietet, Triumphe zu feiern." Wenn eine Wendung
herbeigeführt werden solle, dann dürfe nicht neuer Wein in alte
Schläuche, d. h. in schon bestehende Organisationen, gegossen werden,
sondern "man muss etwas Neues schaffen". Nur dann habe man die
Möglichkeit, "die Arbeiterbewegung in eine bestimmte Richtung, wie man
sie für richtig und den Arbeitern wie dem Reiche für nützlich hält, zu
lenken."
Mit aller Deutlichkeit
ist hier zum Ausdruck gebracht, worum es den reaktionärsten Kreisen
der herrschenden Klasse ging: nicht nur um ein Gegengewicht gegen die
bisherige Arbeiterbewegung, sondern um deren Beseitigung und Ersetzung
durch eine von jenen Kreisen gelenkte nationalistische
Pseudo-Arbeiterbewegung.
So deutlich Gellert das
Ziel zu formulieren verstand, so sehr fehlte ihm die Fähigkeit eines
massenwirksamen Agitators. Zwar unterschied sich der Gründungsaufruf
seiner Partei kaum von dem späterer ähnlicher Gründungen, darunter
auch der Drexlerschen Deutschen Arbeiterpartei; vielmehr enthielt er
schon deren antikapitalistische Demagogie und antisemitische
Hetzparolen. Doch gingen diese mehr auf das Konto seiner Hintermänner
aus der Vaterlandspartei als auf sein eigenes. Gellert selbst war von
lächerlichem Stolz darüber erfüllt, dass ihm der "Aufstieg" vom
Arbeiter zum Angestellten gelungen war, und er war beschränkt genug,
diesen seinen persönlichen "Erfolg" als Modell des Aufstiegs für alle
Arbeiter zu betrachten und zu propagieren. In einem
antigewerkschaftlichen Flugblatt seiner Partei aus dem April 1919 gab
er auf die Frage, wie der "Arbeitnehmer" seine Lage verbessern könne,
zur Antwort: "So, wie es immer gewesen ist, ehe es Gewerkschaften gab,
und wie es auch heute noch der Strebsame tut: durch Emporsteigen des
Einzelnen von Stufe zu, durch Stellenwechsel, durch Selbständigmachung...
Die Stellung als Arbeitnehmer muss gleichsam nur eine Übergangszeit
sein für den, der emporstrebt."
Es nimmt nicht wunder,
dass die DAAP bei einem solchen Programm ihres Vorsitzenden weder bei
den Arbeitermasse noch bei jenen kleinbürgerlichen Elementen Anklang
fand, deren Sorge nicht darin bestand, auf der sozialen Stufenleiter
weiter voranzukommen, sondern darin, nicht auf die untersten Sprossen
hinab gestoßen zu werden. Im August 1920 hörte sie zu existieren auf.
Aber ihre Gründung war
ein wichtiger Markstein auf dem Wege der Herausbildung einer Partei
faschistischen Typs. Sie war entstanden als Folge der Einsicht der
Hintermänner der Vaterlandspartei, "dass die Parolen Nationalismus und
Wirtschaftsfrieden durch neue ideologische Versatzstücke ergänzt
werden müssten ebenso wie das praktizierte Organisationsmodell durch
parteipolitische Neubildungen", wollte man Arbeiter und Angestellte
"links von den Gelben" mobilisieren."
Dass nunmehr auch diese
reaktionärsten Kreise der herrschenden Klasse Deutschlands dies
wollten, war eine bedeutsame Neuorientierung. Sie war eine Folge des
Eintritts des Kapitalismus in das Stadium seiner allgemeinen Krise und
gab den unmittelbaren Anstoß für die Bereicherung des Feldes der
bürgerlichen Parteien durch Parteigebilde faschistischen Typs.
Zunächst allerdings
zwang die Novemberrevolution die Vertreter aller Fraktionen und Flügel
der Monopolbourgeoisie auf die Linie derjenigen, die in der
"Arbeitsgemeinschaft" mit der Sozialdemokratie, mit den
reformistischen Gewerkschaften, das geeignetste Mittel zur Rettung vor
dem Bolschewismus und zur Rekonsolidierung der bürgerlichen Ordnung
sahen.
Kaum war jedoch die
akute Gefahr für die kapitalistische Ordnung in Deutschland gebannt,
als auch schon die scharfmacherischsten Kräfte der Monopolbourgeoisie
und ihre politischen Handlanger auf ihre alte Linie zurückschwenkten
und darangingen, die politischen, ideologischen und organisatorischen
Voraussetzungen für den Kampf zum Sturz der aus der Revolution
hervorgegangenen Republik zu schaffen.
Eine von den vielen
Organisationen, die diesen Bemühungen ihr Entstehen verdankten, war
die von Anton Drexler mit tatkräftiger Unterstützung seiner
alldeutschen Hintermänner am 5. Januar 1919 gegründete "Deutsche
Arbeiterpartei". Bereits der Name dieser Gründung weist darauf hin,
dass Drexler und seine Mentoren mit dieser Partei die schon mit dem
"Arbeiterausschuss für einen guten Frieden" begonnenen Versuche
fortzusetzen gedachten, vor allem in der Arbeiterschaft eine breite
Basis für die extrem nationalistische und reaktionäre Politik der
Alldeutschen und der hinter ihnen stehenden monopolistischen Kreise zu
schaffen.
Drexler hatte vieles
mit seinem Vorläufer Gellert gemeinsam. Wie diesem schwebte ihm als
Ziel seiner Gründung vor, die Masse der Arbeiter dem Einfluss der
Sozialdemokratie und der "Spartakisten" - die KPD war gerade erst
gegründet worden - zu entziehen. Wie Gellert ging er davon aus, dass
dieses Ziel nicht mit einer offen bürgerlichen Partei zu erreichen
war, sondern nur mit einer Partei, die sich als Arbeiterpartei
deklarierte. Wie Gellert war er bei dieser seiner Gründung nur eine
Figur im politischen Spiel seiner großbürgerlichen Hintermänner. Und
schließlich war er auch darin Gellert ähnlich, dass sein
kleinbürgerliches Aufstiegsdenken es ihm ganz unmöglich machte, seiner
Partei Anziehungskraft auf andere als bereits im kleinbürgerlichen
Denken befindliche Arbeiter zu verschaffen; wie Gellert fand er nicht
einmal wirksame Parolen für jene Kleinbürgermassen, die später von der
NSDAP unter seinem Nachfolger Hitler mobilisiert wurden. In den
Richtlinien, die er auf der Gründungsversammlung der DAP bekannt gab,
hatte er zwar seine Partei als eine "sozialistische Organisation"
bezeichnet, im übrigen aber Gedanken zu Papier gebracht, die seine
mangelnde Qualifikation für die Lösung der Aufgabe, die er sich selbst
gestellt hatte, deutlich zutage treten ließen. Da hieß es
beispielsweise, die DAP wolle "die Adelung des deutschen Arbeiters";
jeder ansässige Arbeiter habe ein Recht, zum Mittelstand gerechnet zu
werden; es müsse ein scharfer Trennungsstrich zwischen Arbeiter und
Proletarier gezogen werden. Kein Zweifel, unter Drexlers Führung war
die DAP auf die Dauer zum gleichen Schicksal verurteilt wie die
Gellertsche DAAP.
Wenn sie davor bewahrt
blieb, dann verdankte sie das vor allem einigen Offizieren des in
München stationierten bayerischen Reichswehr-Gruppenkommandos,
insbesondere dem Leiter der Nachrichtenabteilung, Hauptmann Karl Mayr,
und Hauptmann Ernst Röhm, Stabsoffizier des Infanterieführers der
bayerischen Division, Ritter von Epp.
Die deutschen Militärs
hatten nicht weniger, sondern eher noch mehr als die Monopolherren im
Kriege die Erfahrung machen müssen, dass ohne einen starken Rückhalt
in der Arbeiterschaft kein Krieg zu führen, geschweige denn zu
gewinnen ist. Diesen Rückhalt zu erlangen, war deshalb eine ihrer
dringlichsten Sorgen geworden. Dabei trat in ihren Reihen die gleiche
Differenz über den Lösungsweg zutage wie innerhalb der
Monopolbourgeoisie: während der überwiegende Teil zunächst keine
andere Möglichkeit sah, als diesen Rückhalt in der Sozialdemokratie
und den reformistischen Gewerkschaften zu suchen - diese Richtung
wurde vor allem von General Wilhelm Groener und seinem engen
Mitarbeiter, dem damaligen Oberleutnant Kurt von Schleicher,
zeitweilig auch von General Hans von Seeckt repräsentiert -, strebten
andere, an ihrer Spitze General Erich Ludendorff - für das "nationale"
Deutschland der "größte Feldherr" des Weltkrieges - nach möglichst
rascher und gründlicher Vernichtung der Sozialdemokratie (und
natürlich erst recht der Kommunistischen Partei) und nach Schaffung
einer "nationalen" Arbeiterbewegung. Darum nahm er sich nach seiner
Übersiedlung nach München auch der NSDAP und ihres Führers Hitler an.
In ihr sah er die Organisation, die geeignet war, "den international
denkenden Arbeiter wieder national" zu machen; das aber war nach
seiner Überzeugung die Voraussetzung für ein Wiedererstarken des
deutschen Imperialismus und Militarismus.
Auf der Suche nach
brauchbaren Ansätzen für eine "nationale" Arbeiterpartei hatte schon
vorher die Drexlersche DAP das Interesse von Hauptmann Mayr erweckt.
Er entschloss sich, den Versuch zu unternehmen, aus dieser Partei eine
Organisation zu machen, die sich für den militanten Einsatz gegen die
Arbeiterparteien und die Republik wie für die "Nationalisierung" der
Arbeiterschaft gleichermaßen eignen sollte. Aus diesem Grunde schickte
er einige seiner Schützlinge, darunter auch den damals noch der Truppe
angehörenden Adolf Hitler, zur Beobachtung und Berichterstattung in
Versammlungen dieser Partei. Er wollte aus der "nationalen
Arbeiterpartei" einen "starken Stoßtrupp" machen für den Kampf gegen
die Republik, wie er an den nach dem Scheitern seines Putsches nach
Schweden geflohenen Wolfgang Kapp im September 1920 schrieb. In diesem
Brief berichtete er, dass er sich bereits seit Juli 1919 mit der
Stärkung der DAP beschäftige, für die er schon "sehr tüchtige junge
Leute auf die Beine gebracht" habe, darunter einen "Herr Hitler", der
"eine bewegende Kraft geworden" und "ein Volksredner 1. Ranges" sei.
In einer Denkschrift
des Ritters von Epp vom Dezember 1922 wurde über die NSDAP ausgeführt:
"Die unter der Regierung Kahr in den bürgerlichen und bäuerlichen
Kreisen geweckten nationalen Kräfte haben durch die
nationalsozialistische Bewegung Hitlers in den Arbeiterkreisen starke
Bundesgenossen gefunden." Epp war mit dieser Einschätzung zwar Opfer
einer übertreibenden Information geworden; aber sie zeigt doch, worin
diese Kreise den spezifischen Auftrag für die Nazipartei erblickten.
Das wird noch erhärtet durch die Ausführungen des deutschnationalen
Abgeordneten Friedrich Hilpert im bayerischen Landtag; er gab dort im
Juli 1920 seiner Erwartung und Hoffnung Ausdruck, dass die NSDAP den
"nationalen Gedanken" in die deutsche Arbeiterschaft tragen werde;
denn solange dieser Gedanke nur die bürgerlichen Parteien erfasse,
könne er die Gesundung nicht herbeiführen.
Dies blieb während der
gesamten Dauer der Weimarer Republik eine der beiden hauptsächlichen
Erwartungen gegenüber der NSDAP. Das soll an einigen wenigen
Beispielen nachgewiesen werden. Am 20. Juni 1926 schrieb die
Rheinisch-Westfälische Zeitung, ein Sprachrohr des Ruhrberghaus, in
ihrem Bericht über einen Auftritt Hitlers vor Ruhrindustriellen: "Die
Tatsache, dass man der Einladung zu diesem Vortrag seitens der ersten
Wirtschaftskreise so zahlreich gefolgt war, beweist am besten, zu
welcher Bedeutung die nationalsozialistische Bewegung unter der
Führung Adolf Hitlers bereits gelangt ist. Sie muss um so mehr auch
von der Wirtschaft beachtet werden, als sie sich ja in erster Linie
auf den Arbeiter erstreckt und um dessen deutsche Seele ringt."
Im August 1930
kennzeichnete das Mitteilungsblatt der Parteiführung der DNVP die von
ihr gewünschte Arbeitsteilung zwischen Nazipartei und DNVP
folgendermaßen: "Das Ziel einer möglichst beschleunigten politischen
Entwicklung im Sinne der nationalen Rechten ist aber nur dann zu
erreichen, wenn die Deutschnationale Volkspartei in möglichst
weitgehendem Maße alle entschieden national, aber zugleich auch
privatwirtschaftlich eingestellten Bevölkerungskreise zusammenfasst,
und wenn der Nationalsozialismus die Aufgabe übernimmt und durchführt,
Sozialisten internationaler Denkungsart zu Sozialisten nationaler
Denkungsart zu machen."
Voller Enttäuschung
vermerkte die großbürgerliche Berliner Börsenzeitung in einer
Betrachtung zum Wahlergebnis des 14. September 1930: "Die Tatsache
besteht dass die rote Burg des Marxismus in der gegenwärtigen
Wellenbewegung dieser Wahl sich als unerschütterlich erwiesen hat...
Es ist den Nationalsozialisten nicht gelungen, die Idee zu
verwirklichen, ...die deutsche Arbeiterschaft dem Internationalismus
zu entreißen und den deutschen sozialistischen Arbeiter zum
Nationalismus zu erziehen."
Die Naziführer waren
sich des Auftrages zur "Nationalisierung der Arbeiterschaft" voll
bewusst und unternahmen nicht geringe Anstrengungen, ihm gerecht zu
werden. Hitler selbst pries sich und seine Partei in allen Reden, die
er an die Adresse seiner monopolistischen Gönner, Finanziers und
Auftraggeber richtete, als die einzige Kraft an, die einen solchen
Auftrag zu erfüllen fähig sei.
1922 richtete Hitler
einen Bettelbrief an Unternehmerkreise, dessen Argumentation zeigt,
dass er ausgezeichnet begriffen hatte, worauf es den Kräften der
herrschenden Klasse, denen er sich anbot, ankam. In dem Schreiben gab
er nämlich eine ziemlich exakte Formulierung für die Doppelaufgabe der
Vernichtung der Arbeiterbewegung und der Gewinnung der Arbeiterschaft.
Er schrieb: "Ihr (der NSDAP - K. G.) Ziel heißt ganz kurz: Vernichtung
und Ausrottung der marxistischen Weltanschauung. Mittel hierzu sollen
sein 1. eine unvergleichliche, genial aufgezogene Propaganda- und
Aufklärungsorganisation, alle Möglichkeiten menschlicher Beeinflussung
erfassend, 2. eine Organisation rücksichtsloser Kraft und brutalster
Entschlossenheit, bereit, jedem Terror des Marxismus einen noch
zehnfach größeren entgegenzusetzen, die so genannte ´Sturmabteilung´
der Bewegung." Und weiter: "Solange auch nur bei einem Drittel unseres
Volkes diese Verneinung des Staates und des eigenen Volkstums
vorhanden ist, ist jeder Wiederaufstieg... unmöglich... Tatsächlich
stellt die Summe der ´international-marxistisch´ eingestellten
Angehörigen unseres Volkes über 40 % unserer Gesamtbevölkerung dar.
Eine entsetzliche Wahrheit besonders deshalb, weil in diesen 40 % die
aktivsten, tatkräftigsten Elemente der Nation zur Zeit vereinigt
sind." Hier haben wir das Grundmuster der Argumentation nahezu aller
Hitlerreden vor Vertretern des Monopolkapitals: den Hinweis darauf,
dass die Hälfte des deutschen Volkes internationalistisch-marxistisch
eingestellt sei; die Feststellung, solange das so sei, könne es keinen
"Wiederaufstieg" geben, und die Behauptung, nur die NSDAP sei
imstande, erstens den Marxismus auszurotten, zweitens die
Arbeiterschaft für die "Nation" wiederzugewinnen. Auch dafür einige
wenige Beispiele.
Am 28. Februar 1926
sprach Hitler vor den Großindustriellen und Großkaufleuten Hamburgs.
Dabei führte er aus: "Mehr als die Hälfte aller erwachsenen männlichen
und weiblichen Einwohner ist bewusst antideutsch eingestellt... Die
Frage der deutschen Wiedererhebung ist eine Frage der Vernichtung der
marxistischen Weltanschauung in Deutschland. Wenn diese Weltanschauung
nicht ausgerottet wird, wird Deutschland niemals wieder emporsteigen.
Wir haben 15 Millionen, die bewusst und gewollt antinational
eingestellt sind, und solange diese 15 Millionen, die den lebendigsten
und kräftigsten Teil repräsentieren, nicht in den Schoß des
gemeinsamen Nationalgefühls und Empfindens zurückgeführt werden, ist
jede Rede von Wiederaufstieg und Wiedererhebung Geschwätz und ohne
jede Bedeutung. ...Die Zertrümmerung und Vernichtung (der
marxistischen Weltanschauung), das ist etwas wesentlich anderes, als
das, was die bürgerlichen Parteien als Ziel vor Augen haben. Den
bürgerlichen Parteien schwebt als Ziel nicht die Vernichtung vor,
sondern nur ein Wahlsieg."
Als Hitler im
Jahre 1927 Kirdorf persönlich seine Gedanken vortragen durfte (die er
später auf Wunsch Kirdorfs in einer Broschüre schriftlich
niederlegte), führte er aus: "Das deutsche Volk zerfällt immer stärker
in zwei sich todfeindlich gegenüberstehende Lager... die Voraussetzung
zu einer wirklichen Wiedererhebung der deutschen Nation ist... die
Wiedergewinnung der inneren Kraft der Nation, die in einer allgemeinen
solidarischen Erkenntnis über die Notwendigkeit ihres Bestandes und
der daraus sich ergebenden Verbundenheit liegt... Die
nationalsozialistische Bewegung erkennt... als wesentlichste
Voraussetzung für die Bildung eines einheitlichen Nationalkörpers die
restlose Eingliederung des so genannten vierten Standes in die
Volksgemeinschaft. ...Sie wünscht, dass diese Millionenmassen unseres
Volks gutes aus den Händen ihrer derzeitigen internationalen, meist
undeutschen Verführer und Leiter genommen wird und ihre volle
Eingliederung in den Rahmen der Nation und des Staates finden. Sie
vollzieht zunächst diesen Prozess vorbildlich in ihren eigenen Reihen
und liefert damit den Beweis für die Möglichkeit der Durchführung des
Entschlusses." Nachdrücklich betonte Hitler, dass die NSDAP sich die
Vernichtung der Weimarer Republik zum Ziele setze: sie sei, so führte
er aus, "kein Wehrverband zum Schutze des heutigen Staates, sondern
eine Kampforganisation zur Überwindung desselben und zur Schaffung
eines neuen Reiches."
In seiner
berühmt-berüchtigten Rede vor den führenden Monopolisten am
26.Januar 1932 griff Hitler wieder auf die gleichen Leitmotive zurück:
"Wie soll ein Volk überhaupt noch einen Faktor nach außen darstellen,
wenn 50 Prozent am Ende bolschewistisch orientiert sind und 50 Prozent
nationalistisch oder antibolschewistisch? ...es ist undenkbar, ein
starkes und gesundes Deutschland zu schaffen, wenn 50 Prozent seiner
Angehörigen bolschewistisch und 50 Prozent national orientiert sind!"
Und: "Der Marxismus muss ausgerottet werden! Und wenn man uns unsere
Unduldsamkeit vorwirft, so bekennen wir uns stolz zu ihr - ja, wir
haben den unerbittlichen Entschluss gefasst, den Marxismus bis zur
letzten Wurzel in Deutschland auszurotten. ...70 Jahre lang haben die
bürgerlichen Parteien Zeit zum Arbeiten gehabt. Wo ist die
Organisation, die sich mit der unsrigen vergleichen könnte? Wo ist die
Organisation, die so wie die unsrige, ...wenn notwendig,
400.000 Männer auf die Straße hinausbringt, die blinden Gehorsam in
sich tragen, die jeden Befehl vollziehen...?
Aber nicht nur Hitler,
auch andere Naziführer ließen sich ganz ähnlich oder noch pointierter
zu diesem Thema aus. So schrieb etwa Reinhold Muchow, der spätere
Reichsorganisationsleiter der Nationalsozialistischen
Betriebszellen-Organisation (NSBO), im November 1928 in der Berliner
Arbeiter-Zeitung des Strasserschen Kampf-VerIages: "Viele Energien der
Nationalsozialistischen Partei werden nutzlos verschwendet für die
Gewinnung von Volksgenossen aus den Wehrverbänden, Bünden, sogar
bürgerlich-nationalen Parteien... Die Gefahr ist sehr groß, dass wir
durch diesen Opportunismus auf die Ebene einer radikalisierten
Nur-Antisemiten- und Kleinbürgerpartei abrutschen." Die eigentliche
Mission sei jedoch, wie es Hitler klargestellt habe, die Gewinnung des
deutschen Arbeiters.
Einer der adligen
Naziführer, der allerdings immer eine Sonderrolle spielte, Ernst Graf
zu Reventlow, schrieb gar im Mai 1930: "Die Gewinnung eines einzigen
Arbeiters für die nationalsozialistische Bewegung ist unendlich
wertvoller als Beitrittserklärungen von einem Dutzend Exzellenzen,
überhaupt von ´gehobenen´ Persönlichkeiten."
Alle diese
Ausführungen, besonders aber die Hitlerschen, machen deutlich, dass
die Naziführer sich der Rolle und Bedeutung ihrer Partei als einer
Spezialorganisation der herrschenden Klasse zur Lösung der neuartigen
Doppelaufgabe völlig bewusst waren. Sie machen auch deutlich, dass die
Kombination von Terror und Sozialdemagogie von den Naziführern ganz
bewusst für die Lösung dieser Aufgabe eingesetzt wurde.
Damit kommen wir zur
Beantwortung einer weiteren Frage: Welche Auswirkungen hatten diese
Bemühungen auf die Herausbildung der spezifischen Besonderheiten des
deutschen Faschismus?
Entgegen der weit
verbreiteten Ansicht, dass die Kombination von radikalstem Terrorismus
mit Sozialdemagogie aus dem Bestreben der Faschisten hervorging, im
Kleinbürgertum eine Massenbasis gegen die Arbeiterbewegung zu
schaffen, ist diese Kombination in erster Linie das unvermeidliche,
gewissermaßen organisch gewachsene Ergebnis des Bemühens um die Lösung
der Doppelaufgabe, die Arbeiterbewegung zu vernichten, aber die in ihr
organisierten Arbeiter zu gewinnen.
Hitler selber hat das
in seiner Rede vor den Hamburger Honoratioren deutlich ausgesprochen,
als er formulierte: "Wenn man begriffen hat, dass die Schicksalsfrage
darin besteht, dass der Marxismus gebrochen wird, dann muss auch jedes
Mittel recht sein, das zum Erfolg führen kann. Das ist das erste: eine
Bewegung, die das durchführen will, muss sich an die breite Masse
wenden, an die Masse, mit der der Marxismus selber kämpft... In der
Masse liegt die Quelle aller Kraft... Diese breite, sture Masse, die
vernarrt, verbohrt für den Marxismus kämpft, ist die einzige Waffe für
die Bewegung, die den Marxismus brechen will. Wenn eine Bewegung aber
an die breite Masse appellieren will, in der Erkenntnis, dass man nur
mit ihr allein das machen kann, und wenn die gestellte Frage die
Lebensfrage der Nation an sich ist, tritt das große Recht in
Erscheinung, dass dann jedes Mittel zu verantworten ist, das zum Ziele
fuhrt... Wenn ich die breite Masse in den Schoß der deutschen Nation
zurückzuführen vermag, wer wird mir da später Vorwürfe über die Mittel
machen? ... Wenn wir siegen, wird der Marxismus vernichtet, und zwar
restlos."
Natürlich bedeuteten
diese Ausführungen nicht, dass die Nazis ihre gesamte Demagogie nur
auf dieses eine Ziel der Gewinnung von Arbeitern richteten. Von Anfang
an gaben sie sich für die Interessenvertreter aller Deutschen, vor
allem aller benachteiligten Schichten, besonders auch des so genannten
Mittelstandes, aus. Aber in diesem Punkte unterschieden sie sich von
den anderen bürgerlichen Parteien einschließlich der DNVP, nur
graduell durch eine radikalere Tonart, mit der sie die "Mittelstands"forderungen
vortrugen. Jedoch setzte sich keine andere bürgerliche Rechtspartei -
von faschistischen Konkurrenzunternehmen abgesehen - die Eroberung der
organisierten Arbeiterschaft zum Ziel.
Obwohl Hitler- wie
seine Ausführungen zeigten - bereit war, jedes Erfolg versprechende
Mittel zur Erreichung dieses Zieles anzuwenden, fehlte ihm die
notwendige Kenntnis und das Einfühlungsvermögen in die geistige Welt,
in das Denken und Fühlen der sozialistisch organisierten Arbeiter, um
ermessen zu können, welche Konsequenzen ein solches Vorhaben nach sich
ziehen wurde. Wenngleich Hitler den Gellert und Drexler die Schulung
durch den Militärdienst und die Reichswehrkurse voraus hatte - sie
hatten ihm geholfen, sich von altmodischen Skrupeln zu befreien,
sofern er solche vor dem Kriege gehabt haben sollte; sie hatten ihm
den festen Glauben an die unbegrenzte Wirkung der Gewalt eingeflößt,
hatten ihm die Bedeutung der straffen Organisiertheit und Disziplin
für den Erfolg einer politischen Bewegung und noch manches andere
bewusst gemacht -, war er ihnen doch insofern ähnlich geblieben, als
er zunächst glaubte, er brauche den Arbeitern nur sein eigenes,
abstruses Weltbild vorzuführen, um sie von ihrem bisherigen
"Irrglauben" zu befreien. Er vertraute der manipulativen Wirkung der
Argumente, die ihm selbst eingeleuchtet hatten: dass die
Weltgeschichte nicht ein Kampf der Klassen, sondern der Rassen sei;
dass die Besserstellung des Arbeiters nur durch Befreiung vom
Versailler Vertrag und Eroberung von "Lebensraum" möglich sei; dass
die Wurzel aller sozialen Ungerechtigkeit in der "Zinsknechtschaft"
liege, und dass diese eine jüdische Erfindung sei wie überhaupt alle
Übel in dieser Welt, deren allerschlimmste der Marxismus und der
Sowjetstaat seien. Es war dies genau die Argumentationslinie, die
solche Förderer Hitlers wie der Ruhrmagnat Kirdorf für zulässig
hielten.
Dementsprechend war
auch das Programm der NSDAP sehr zurückhaltend in der Formulierung
"sozialistischer" Forderungen. Immerhin konnten seine Verfasser -
Anton Drexler, Gottfried Feder und Hitler - nicht umhin, einige Punkte
aufzunehmen, in denen Arbeiter Forderungen sehen sollten, die ihnen
als "Arbeiterforderungen" vertraut waren. So konnte man den Punkt 7
("Wir fordern, dass sich der Staat verpflichtet, in erster Linie für
die Erwerbs- und Lebensmöglichkeit der Staatsbürger zu sorgen") als
Umschreibung der Forderung nach dem Recht auf Arbeit ansehen; ganz
besonders "sozialistisch" sollte aber Punkt 11 klingen, der da
forderte: "Abschaffung des arbeits- und mühelosen Einkommens." Das
klang doch ganz so, wie der Grundsatz der Arbeiterparteien: "Wer nicht
arbeitet, soll auch nicht essen." Allerdings lautet der zweite Satz
des Punktes 11: "Brechung der Zinsknechtschaft", und das war nun eine
Forderung, mit der ein Arbeiter überhaupt keine reale Vorstellung
verbinden konnte, umso mehr jedoch die selbständigen Handwerker,
Ladenbesitzer, Kleinunternehmer, Bauern usw. Für die Wirkung vor allem
auf Arbeiter berechnet war wiederum Punkt 12: "Wir fordern restlose
Einziehung aller Kriegsgewinne", sowie die folgenden Punkte: "Wir
fordern die Verstaatlichung aller (bisher) bereits vergesellschafteten
(Trusts) Betriebe"; "Wir fordern Gewinnbeteiligung an Großbetrieben";
"Wir fordern einen großzügigen Ausbau der Alters-Versorgung". Auch der
Punkt 17 ("Wir fordern eine unseren nationalen Bedürfnissen angepasste
Bodenreform, Schaffung eines Gesetzes zur unentgeltlichen Enteignung
von Boden für gemeinnützige Zwecke") war aus den Programmen der
Arbeiterparteien entlehnt und zielte vor allem auf Landarbeiter und
landarme Bauern.
Es stellte sich jedoch
schnell heraus, dass die Hitlersche Argumentation und diese
Programmpunkte nicht ausreichten, dass man - besonders in den
Industriegebieten und den "roten Hochburgen" - zu stärkeren Mitteln
und Parolen greifen musste, wollte man wenigstens bei kleinen Gruppen
von Arbeitern Fuß fassen und aus der geschlossenen Mauer von
Verachtung und Feindseligkeit wenigstens einige Steine herausbrechen.
So war es kein Zufall,
dass gerade im Ruhrgebiet die Sozialdemagogie der Nazis bereits in der
zweiten Hälfte der zwanziger Jahre weit über das hinausging, was in
München auf diesem Gebiet üblich war. Vor allem taten sich dabei
Gregor Strasser und Joseph Goebbels hervor.
Strasser führte z. B.
im Juli 1927 in einem Artikel "Ziele und Wege" folgendes aus: "Wir
sind Sozialisten, sind Feinde, Todfeinde des heutigen kapitalistischen
Wirtschaftssystems mit seiner Ausbeute der wirtschaftlich Schwachen,
mit seiner Ungerechtigkeit der Entlohnung, mit seiner unsittlichen
Wertung der Menschen nach Vermögen und Geld statt nach Verantwortung
und Leistung, und wir sind entschlossen, dieses System unter allen
Umständen zu vernichten!"
Goebbels gebärdete sich
nicht weniger radikal und "sozialistisch" als Strasser. So schrieb er
etwa in seiner Werbebroschüre "Der Nazi-Sozi" Sätze wie diesen: "Wenn
auf der linken Seite 17 Millionen Proletarier im Klassenkampf die
letzte Rettung sehen, so nur deshalb, weil man es sie auf der rechten
Seite 60 Jahre lang durch die Praxis lehrte. Woher wollen wir die
sittliche Berechtigung nehmen, gegen den proletarischen
Klassenkampfgedanken anzurennen, wenn nicht zuerst der bürgerliche
Klassenstaat grundsätzlich zertrümmert und abgelöst wird durch eine
neue sozialistische Gliederung der deutschen Gemeinschaft."
Aber solche
"klassenkämpferischen" Kraftübungen reichten zwar aus, um bei
verschiedenen Unternehmern Zweifel in die Zuverlässigkeit und
Brauchbarkeit der Nazis zu erwecken, nicht jedoch dafür,
klassenbewusste kommunistische und sozialdemokratische Arbeiter zu
beeindrucken.
Die entscheidende
Frage, der die Naziführer lange auswichen, der sie aber auf die Dauer
nicht ausweichen konnten, war die praktische Stellung der NSDAP im
Klassenkampf zwischen Unternehmern und Arbeitern, ihr Verhalten
gegenüber den Gewerkschaften, in Tarifauseinandersetzungen und bei
Streiks.
Hatte die NSDAP in den
Jahren der relativen Stabilisierung gegenüber diesen Fragen sich noch
relativ abstinent verhalten und ihre Werbung um Arbeiterstimmen auf
Aktivitäten in den Wohnvierteln beschränken können, so wurde es mit
Beginn der Weltwirtschaftskrise notwendig, um der Intensivierung des
"Kampfes um die Seele des deutschen Arbeiters" willen diese Werbung in
die Betriebe selbst zu verlegen. Das lag auch im Interesse der
Unternehmer, die sich von einer Nazizelle im Betrieb ein "nationales"
Gegengewicht gegen die freien Gewerkschaften und die Revolutionäre
Gewerkschaftsopposition (RGO) versprechen konnten, das gegebenenfalls
auch für Streikbrecherarbeit einsetzbar wäre.
Auf Druck verschiedener
Funktionäre aus den Industriegebieten beschloss 1929 eine Sondertagung
des Nürnberger Parteitages der NSDAP, zum Ausbau der
Betriebszellenorganisation überzugehen.
Im gleichen Beschluss
wurde ebenfalls erklärt, Streikbrecher würden "mit Schimpf und Schande
aus der NSDAP entfernt." Dieser Teil des Beschlusses blieb natürlich
ohne jegliche praktische Folgen, war doch die gesamte
Betriebszellenorganisation der NSDAP ihrem innersten Wesen nach nichts
anderes als eine Streikbrecherorganisation im Dienste des
Unternehmertums. Der Beschluss wurde aber überdies faktisch
zurückgenommen durch eine spätere ergänzende Auslegung, die besagte,
Streikbruch liege nur dann vor, wenn es sich um einen von der NSBO
geführten Streik handele. Bis August 1932 war jedoch die Haltung der
NSBO gegenüber Streiks dadurch festgelegt, dass sie keine
Streikunterstützung zahlen durfte. Zu ihrer Hauptaufgabe wurde der
Kampf gegen den "Betriebsmarxismus", also vor allem gegen die
Gewerkschaften, erklärt. So hieß es in "Richtlinien für die Arbeit der
NSDAP-Betriebsfunktionäre" aus dem Herbst 1930: "Der
nationalsozialistische Betriebsfunktionär hat die Aufgabe, 1.
den Marxismus in seinen stärksten
Bollwerken - den Betrieben - zu schlagen, 2.
die Betriebe zu Hochburgen des
Nationalsozialismus auszubauen ...
Im Vordergrund der
Propaganda hat zu stehen: a.
Aufklärung über den Verrat ihrer politischen Führer; b. Wesen und
Ziele des nationalen Sozialismus."
Über die
sozialpolitische Tätigkeit der NSBO hieß es dort: "Sie umfasst: I.
Beratung der Belegschaft 1. in
Tariffragen, 2. im Arbeitsrecht, 3. in der Sozialversicherung. II.
Vertretung der Belegschaft 1. gegenüber der Firma, 2. beim
Arbeitsgericht 3. gegen rote Funktionäre und deren Terror. III.
Vorbereitung und Durchführung von Betriebsratswahlen."
Bedeuteten diese
Richtlinien mit ihrer Orientierung auf den Kampf gegen die Funktionäre
der Arbeiterorganisationen bereits eine deutliche Hilfeleistung für
die Unternehmer, so wurden sie durch Richtlinien der Reichsleitung der
NSDAP, die im Mai 1932 bekannt wurden, noch drastisch verschärft.
In der Einleitung zu
diesen "Vertraulichen Richtlinien zur Durchführung unseres Kampfes im
Entscheidungsjahr 1932 gegen Betriebsmarxismus" wurde ausgeführt, es
sei wiederholt betont worden", dass die NSBO keine Gewerkschaft ist,
auch nicht der Vorläufer einer solchen. Die NSBO ist nichts weiter als
die spezifische Waffe zur Eroberung der Betriebe durch Niederringung
des Betriebsmarxismus. Nationalsozialisten schließen sich nur zu dem
Zweck in der NSBO zusammen, um Idee und Weltanschauung in die Betriebe
zu tragen. Als Gewerkschaft ist die NSBO schon durch die Feststellung
des Reichsarbeitsgerichtes nicht anerkannt. Es kann also auch
logischerweise keine Amtsgerichtsvertretung durch die NSBO
stattfinden. Ebenfalls können bei Streiks keine Unterstützungen
gezahlt werden. Allerdings kommen ja Streikfälle wenig oder fast gar
nicht in Betracht. Bedenken sind dieserhalb bei den Herren Pg.
Arbeitgebern zu zerstreuen".
In den Ausführungen
über die Aufgaben der Nazi-Betriebsräte wurde in diesen Richtlinien
die Rolle der NSBO als Spitzel- und Terrororganisation im Dienste der
Kapitalisten mit folgenden Sätzen unverblümt dargelegt: "Die
vornehmste Aufgabe des Nationalsozialisten im Betrieb ist der Kampf
für unsere Bewegung und die Vernichtung des Feindes. In welcher
Gestalt der Feind uns gegenübertritt, ob KPD, RGO oder die
sozialdemokratischen Gewerkschaften und die in ihrem Schlepptau
befindlichen halbmarxistischen christlichen Gewerkschaften, unser
Kampf gilt allen diesen Gebilden. ...Jeder Nationalsozialist ist
ferner verpflichtet, im Betrieb jeden marxistischen Funktionär,
gleichgültig welcher Schattierung, festzustellen mit genauer Adresse.
Wenn irgend möglich, muss versucht werden, von jedem dieser Leute eine
Fotografie zu beschaffen.... Ist der Arbeitgeber Pg., so steht
demselben das Recht zu, fortwährend auf dem laufenden gehalten zu
werden. Auf diese Weise ist es möglich, dass die einzelnen Betriebe
nach und nach von schädlichen Elementen gesäubert werden und eine
große Anzahl unserer Pg. in dem Betrieb Arbeit finden wird. Auch
dürfte solches Adressenmaterial nach unserer Machtergreifung von
großer Bedeutung sein. ...Wichtig ist noch, die Herren Pg. Arbeitgeber
darauf hinzuweisen, dass bei evtl. unerlässlichen Lohnsenkungsaktionen
eine nationalsozialistische Belegschaft der wirtschaftlichen Lage
immer ein anderes Verständnis entgegenbrächte als eine marxistisch
verhetzte".
Die Praxis der NSBO
entsprach weitgehend diesen Streikbrecher-Richtlinien.
Die Nazipropaganda war
jedoch mit großem Aufwand bemüht, die Gründung der NSBO und die
Einrichtung einer Reichs-Betriebszellen-Abteilung bei der
Reichsleitung der NSDAP als einen Schritt zu verstärktem Kampf für
Arbeiterinteressen durch die NSDAP auszugeben.
Die Verschärfung des
Klassenkampfes, vor allem in der zweiten Hälfte des Jahres 1932, zwang
auch die Naziführung gegen ihren Willen dazu, nicht nur ihre
sozialdemagogischen Parolen zu verschärfen, sondern darüber hinaus der
NSBO zu gestatten, in bestimmten Fallen sich an Streiks zu beteiligen
und sogar zu versuchen, sich an die Spitze zu stellen, um endlich
einen Einbruch in die "marxistische Front" zu erzielen.
Mit Wirkung ab
1. August 1932 gab die Leitung der NSBO
Streikunterstützungsbestimmungen heraus. In den einleitenden
allgemeinen Bemerkungen wurde ausgeführt: "Der politische Kampf der
NSBO in den Betrieben bringt es mit sich, dass wir bei
wirtschaftlichen Kämpfen (Streiks, Aussperrungen, Maßregelungen usw.)
unseren Mitgliedern Unterstützung (Barbeträge und Lebensmittel)
gewähren müssen. ...Ganz allgemein ist zu beachten: Die NSBO ist keine
Gewerkschaft, noch nicht einmal ein gewerkschaftsähnliches Gebilde,
sondern sie war und ist die politische Kampfform der NSDAP in den
Betrieben, um Adolf Hitlers Idee zu verbreiten, den Betriebsmarxismus
zu zerschlagen und brauchbare deutsche Arbeiterelemente für den
Nationalsozialismus zu gewinnen... Die Zielsetzung der NSBO ist eine
ausgesprochen politische; sie will die Befreiung der deutschen
Arbeiterschaft aus den Fängen des internationalen jüdischen Marxismus.
Diese Arbeit verrichtet sie vor allem in den Betrieben, den
Brutstätten des Marxismus. Sie kämpft genau so wie die NSDAP in ihrer
Gesamtheit, für die soziale Besserstellung des deutschen Arbeiters.
Dabei bleibt es nicht aus, dass sie positiv zu den gegenwärtigen
Wirtschaftskämpfen Stellung nehmen muss."
Dieser recht gequälten
Feststellung, der deutlich anzumerken ist, wie widerstrebend sich die
Naziführer zu einer solchen "positiven Stellungnahme" entschlossen,
folgte ein Versuch, diese Stellungnahme zu rechtfertigen, indem die
"gegenwärtigen Wirtschaftskämpfe" aus Klassenkämpfen in einen
Rassenkampf umgedeutet wurden: "Der Arbeiter ist politisch unfrei und
sozial versklavt dank der langjährigen marxistischen Herrschaft, die
heutige Wirtschaft ist ihrem Wesen nach liberal-kapitalistisch dank
der Vorherrschaft des jüdischen internationalen Finanzkapitals und des
mangelnden Volksgenossenschaftsgefühls. Zwischen beiden Hauptgruppen
spielen sich heute die wirtschaftlichen Kämpfe ab. Bei keiner
gütlichen, tariflichen oder sonstigen Einigung ist die schärfste Waffe
des Arbeiters der Streik. Diesen Streik, sofern er eindeutig
wirtschaftlich gerechtfertigt ist und wenn die soziale Lage des
Arbeiters noch mehr menschenunwürdig gestaltet werden soll, dass er
kaum noch leben kann (! - K. G.), bejahen wir. Ausgesprochen
politische Streiks, die lediglich mit dem Deckmantel wirtschaftlicher
Forderungen umgeben sind, lehnen wir in vollster Verantwortlichkeit
vor unausbleiblichen Maßregelungen und fristlosen Entlassungen der
Belegschaft rundweg ab. Die Entscheidung, ob ein Streik politisch oder
wirtschaftlich gerechtfertigt ist, liegt nach Vorprüfung durch die
Gauhauptabteilungsleiter VI beim Hauptabteilungsleiter VI der
Reichsorganisationsleitung oder dessen Stellvertreter."
Also nur bei Streiks,
bei denen die Arbeiter ums nackte Überleben kämpften, sollte die NSBO
mitstreiken dürfen! Damit dieses Kriterium aber ja auch eingehalten
würde, wurde die Erlaubnis zum Streiken an die Bedingung geknüpft,
dass zunächst der Gauhauptabteilungsleiter VI gewissenhaft prüfe,
"welche Ursache zum Streik führte". Nach "verantwortungsvoller
Prüfung" hatte er einen Bericht an die Hauptabteilung VI nach München
zu schicken. Die ganze Furcht der Nazi-"Arbeiterführer", eine
Streikbeteiligung könnte einmal in einem "falschen" Betrieb, nämlich
dem eines der Forderer und Finanziers der NSDAP, erlaubt werden,
spricht aus der folgenden Instruktion:
"Der Bericht ist
deshalb außerordentlich wichtig, weil er erstens die Grundlage zur
endgültigen Entscheidung ist, ob der Streik geführt werden soll oder
nicht, und zweitens die Hauptabteilung VI u. a. politisch belasten
kann, falls er Ungenauigkeiten oder glatte Unwahrheiten enthalt.
Daher: Genaueste Präzision der Angaben!" Unangemeldete Streiks würden
nicht anerkannt, folglich auch keine Unterstützungsgelder bezahlt.
Großes Gewicht wurde
auf die propagandistische Ausschlachtung von Streikbeteiligungen
gelegt: "Besser als die umlangreichste Propaganda wirkt die Tatsache
auf die Arbeiterschaft, dass die NSBO sich bei wirtschaftlich
berechtigten Streiks an die Spitze der Streikenden stellt. Deshalb ist
die Popularisierung eines Streiks unter nationalsozialistischer
Führung äußerst wichtig." Vor allem wurde Wert darauf gelegt, "die
Tatsache allgemein bekannt zu machen, dass die NSBO bei Streiks
Unterstützungen zahlt, deren Höhe der Gewerkschaftsunterstützung
gleichkommt, sie meistens noch übertrifft". Dies gebe auch
Gelegenheit, "darauf hinzuweisen, dass hinter jedem NSBO-Mitglied
nicht nur die gesamte NSBO steht, sondern die Macht und die
Solidarität einer Millionenpartei!"
Ihren absoluten
Höhepunkt erreichte die faschistische Sozialdemagogie gegenüber der
Arbeiterklasse im Zusammenhang mit der Streikwelle, die sich - zumeist
unter Führung der RGO - gegen die Papensche Lohnraubnotverordnung vom
September 1932 erhob. Im Oktober verbreitete die NSBO ein Flugblatt
mit der fettgedruckten Schlagzeile: "Bekenntnis zum Streik als
Kampfmittel gegen die Verelendungspolitik." In dem Flugblatt hieß es:
"Jede Gegenwehr der durch die letzte Notverordnung des Herrn von Papen
aufs tiefste verelendeten Volksgenossen ist nicht nur moralisch,
sondern auch wirtschaftlich berechtigt. Darum stellt sich die
Nationalsozialistische Betriebszellen-Organisation in diesem Kampfe an
die Spitze der deutschen Arbeiterschaft... Bei dieser Abwehr
verzichten wir auch nicht auf den Streik!... Das ist unser Streik
gegen Papen und seine Hochfinanz!... Jeder berechtigte Streik gegen
den Elendskurs des Systems findet unsere Unterstützung in jeder Form.
Angesichts des Versagens der Gewerkschaften haben wir die Führung im
Kampfe übernommen."
Angesichts solcher
Großmäuligkeit konnten es die Nazis nicht wagen, offenen Streikbruch
zu begehen, als Anfang November 1932 die Berliner Verkehrsarbeiter
unter Führung der RGO in den Streik traten. Sie erklärten offiziell
ihre Teilnahme am Streik und entfachten darüber einen riesigen
Propagandalärm. Goebbels als Gauleiter und die Berliner NSBO-Führer
Muchow und Engel taten indessen alles, um die Streikfront der
BVG-Arbeiter zu desorganisieren.
Immerhin hatten die
Naziführer mit der Beteiligung am BVG-Streik die Grenze dessen
überschritten, was auch ihnen wohl gesonnene Vertreter der
Monopolkreise zu gestatten oder wenigstens nachzusehen bereit waren,
und die Nazis waren sich dessen wohl bewusst. Aber sie befanden sich
in einer Zwangslage. Neue Reichstagswahlen standen am 6. November 1932
vor der Tür. Die letzten Wahlen im Juli hatten gezeigt, dass das
bisherige Wählerreservoir der Nazipartei erschöpft war und die Partei
seit Frühjahr 1932 stagnierte; aus dem bürgerlichen Lager war kein
weiterer Zuwachs mehr zu erwarten. Aber die Nazipartei musste einen
neuerlichen Wahlsieg erringen, sie musste endlich den Beweis
erbringen, dass sie fähig war, ihre Wählerstimmen nicht nur aus dem
bürgerlichen Lager, sondern auch aus dem Lager der Arbeiterparteien zu
holen. Sonst würde es sehr schwer, wenn nicht aussichtslos sein, den
Widerstand des Reichspräsidenten Hindenburg und der hinter ihm
stehenden Kreise aus der Finanzoligarchie und dem Junkertum gegen eine
Übertragung der Kanzlerschaft an den Naziführer zu überwinden. Hinzu
kam der wachsende Druck der eigenen Anhänger, denen die Not im Nacken
saß, deren Tatendrang durch die Nazipropaganda zur Siedehitze
aufgepeitscht worden war und die nun der vielen Verheißungen müde
waren und nur noch durch Aktionen bei der Stange gehalten werden
konnten.
So war die im August
vollzogene taktische Wendung der Nazipartei zur Streikbeteiligung das
Manöver einer krisengeschüttelten Partei, die alles auf eine letzte
Karte setzte, um einer Wahlniederlage zu entgehen.
Als Hitler am
19. November von Hindenburg zu einer Unterredung empfangen wurde,
wusste er auf Hindenburgs Frage, weshalb die Nazis sich am BVG-Streik
beteiligt hätten, nur zu antworten: "Die Leute sind sehr erbittert.
Wenn ich meine Leute von der Beteiligung abgehalten hätte, hätte der
Streik doch stattgefunden, aber ich hätte meine Anhänger in der
Arbeiterschaft verloren."
Mit den angeführten
Beispielen dürfte hinlänglich bewiesen worden sein, dass die Spezifik
der faschistischen Kampfesweise - die untrennbare Verbindung von
brutalstem Terror und skrupellosester Sozialdemagogie - gewissermaßen
naturnotwendig aus der Übernahme des Auftrages zur Lösung der eingangs
mehrfach genannten Doppelaufgabe gegenüber der Arbeiterklasse und
ihren Organisationen durch die faschistischen Führer erwuchs.
Mit besonderer
Deutlichkeit wurde das erkennbar am tatsächlichen Charakter der NSBO
und dem, wofür sie in der Nazipropaganda den Arbeitern gegenüber
ausgegeben wurde.
Es bleibt schließlich
die Frage nach dem Ergebnis der faschistischen Bemühungen um die
Arbeiterschaft. Auf eine kurze Formel gebracht, könnte man sagen:
Diese Bemühungen blieben - jedenfalls bis 1933 und noch lange danach -
erfolglos, aber nicht ergebnislos.
Sie blieben erfolglos,
weil es nicht gelang, das Hauptziel zu erreichen, nämlich den
ideologischen Einbruch in die sozialistische Arbeiterbewegung
(worunter hier die sozialdemokratische und die kommunistische Bewegung
verstanden wird). Mehr noch: Es gelang den Faschisten ebenfalls nicht,
die Masse der dem katholischen Zentrum folgenden Arbeiter von dieser
Partei und den christlichen Gewerkschaften zu lösen. Der Kampf der
Nazis und ihrer NSBO um die Betriebe, die "Brutstätten des Marxismus",
endete mit einer eklatanten Niederlage der Faschisten.
Im Jahre 1929 hasten
sie den Startschuss für die Gründung der NS-Betriebszellen gegeben.
Nach zwei Jahren, im März 1931 hatte die NSBO ganze 4131 Mitglieder.
Um hier einen gründlichen Umschwung zu erreichen, wurden alle
NSDAP-Mitglieder, soweit sie Lohn- oder Gehaltsempfänger waren,
verpflichtet, der NSBO beizutreten. Im September 1931 wurde eine große
Aktion "Hinein in die Betriebe" (die so genannte "HiB-Aktion")
gestartet, mit der großspurigen Losung "Jeder Betrieb eine Burg des
Nationalsozialismus", und dem Werbevers "Keine Arbeitsstelle ohne
Nazizelle!" Im Ergebnis dieser Maßnahmen erhöhte sich die
Mitgliederzahl bis zum Ende des Jahres 1931 auf 39.316. Parallel zur
raschen Zunahme der Parteimitgliedschaft im Jahre 1932 wuchs die
Mitgliederzahl der NSBO bis Ende 1939 auf 300.000 an. Wie gering
dieser Erfolg war, wird deutlich, wenn man berücksichtigt, dass ein
sehr Großer Teil dieser Zahl auf Angestellte entfiel, und wenn man dem
außerdem einige andere Zahlen gegenüberstellt: Ende 1932 betrug die
Mitgliederzahl der NSDAP über 800.000, die Zahl der Naziwähler am
6. November 1932 11,7 Millionen. Die freien Gewerkschaften hatten 1931
4,1 Millionen Mitglieder (Zahlen über 1932 liegen nicht vor), die
christlichen Gewerkschaften rund 700.000 (bei 4,2 Millionen Wählern
des Zentrums bei den Novemberwahlen).
Ein weiterer Maßstab
für den Misserfolg der Werbeanstrengungen der NSBO waren die
Ergebnisse der Betriebsrätewahlen im Frühjahr 1931. Die NSBO stellte
erstmals eigene Listen auf und fiel glatt durch. Von der Gesamtzahl
der gewählten Betriebsräte entfielen auf die freien Gewerkschaften
83,6 Prozent, auf die Roten Einheitslisten 3,4 Prozent, auf die Nazis
0,5 Prozent. (Im Jahr 1932 wurden keine Betriebsratswahlen
durchgeführt.) Wo die Nazis Betriebsräte durchbrachten, handelte es
sich überwiegend um Betriebe, in denen sie sich auf der
Angestelltenliste aufstellen ließen, bzw. um Banken und Verwaltungen.
Bekannt ist schließlich
auch, dass die Arbeiter die einzige Bevölkerungsgruppe waren, deren
Anteil an der Mitgliedschaft der Nationalsozialistischen
Arbeiterpartei geringer war als ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung.
Der Anteil der Arbeiter an der Mitgliedschaft der NSDAP lag 1932 um
38,8 Prozent unter ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung. (28,1 %
Anteil NSDAP, 45,8 % Anteil an Bevölkerung.)
Die entsprechenden
Zahlen für die anderen Bevölkerungsgruppen lauteten:
Angestellte:
113,5 Prozent über dem Anteil a. d. Gesamtbev. (25,6:12,0)
Selbständige:
130,0 Prozent über dem Anteil a. d. Gesamtbev. (20,7:9,0)
Beamte: 62,7 Prozent
über dem Anteil a. d. Gesamtbev. (8,3:5,1)
Bauern: 32,0 Prozent
über dem Anteil a. d. Gesamtbev. (14,0:10,6)
Alle angegebenen Daten
lassen erkennen, weshalb wir davon sprachen, dass die Werbebemühungen
der Nazis um die Arbeiter erfolglos, aber nicht ergebnislos blieben.
Was ihnen bei den Arbeitern nicht gelang, gelang ihnen nämlich umso
gründlicher bei den Mittelschichten in Stadt und Land.
Zur Massenpartei
entwickelte sich die faschistische Partei also nicht als "rationale
Arbeiterpartei", sondern als Kleinbürgerpartei, genauer gesagt: als
imperialistische Partei mit vorwiegend kleinbürgerlicher Gefolgschaft.
Wo die Ursachen dafür
lagen, dass bestimmte Schichten des Kleinbürgertums sich einer
Bewegung anschlossen, die nicht nur die Fahne des Nationalismus
schwenkte, der diese Schichten schon immer gefolgt waren, sondern die
sich auch als sozialistisch ausgab, ist eine Frage für sich. Hier soll
nur so viel gesagt werden, dass der Verlust des Vertrauens breiter
kleinbürgerlicher Kreise in den Kapitalismus als beste aller
Ordnungen, das Verlangen nach einer neuen, sozial gerechteren, die
Mittelschichten vor der Ausplünderung durch das große Kapital
schützenden Ordnung, deren Herstellung sie von den Faschisten
erwarteten, gleichfalls eine Folge und zugleich ein Symptom der
allgemeinen Krise des Kapitalismus war. Aber die faschistische Partei
war nicht entstanden als eine originäre Partei des radikalisierten
Kleinbürgertums, das etwa mit Hilfe dieser Partei und im
Zweifrontenkampf gegen die Arbeiterbewegung und das Großkapital die
Macht erobern wollte, wie dies die Verfechter der Theorie vom
Faschismus als einer "sozialen Bewegung", und die "Bonapartismus"-Theoretiker
behaupten.
Die Geschichte der
Faschistenpartei hat den Beweis erbracht für die Unlösbarkeit der
"Doppelaufgabe", der Mobilisierung der Arbeiterklasse gegen die
Arbeiterbewegung insgesamt. Sie hatte aber auch die unvorhergesehene
Möglichkeit aufgezeigt, gestützt auf eine aus dem Kleinbürgertum
rekrutierte militante und terroristische Massenbewegung faschistischen
Typs im Zusammenwirken mit dem staatlichen Gewaltapparat den Sieg über
die gesamte Arbeiterbewegung und alle demokratischen Kräfte zu
erringen und auf formal legalem Wege, d. h. ohne riskanten Putsch, zu
der von den reaktionärsten Elementen des Finanzkapitals erstrebten
offenen Diktatur zu gelangen.
Nachdem diese
Möglichkeit einmal gefunden und erprobt war, bedurfte es zur
Motivation für die Gründung faschistischer Parteien in anderen Ländern
nicht mehr der "Doppelaufgabe", das Motiv des Vernichtungskampfes
gegen die Arbeiterbewegung reichte vollständig aus. Ob und in welchem
Maße dabei jeweils doch auch das Motiv der Schaffung einer Massenbasis
in der Arbeiterklasse mitspielte - und noch heute mitspielt-, das muss
in jedem einzelnen Falle untersucht werden.
Die Geschichte der
faschistischen Bewegungen hat aber auch noch ein anderes gezeigt: dass
nämlich auch eine faschistische Partei der imperialistischen
Bourgeoisie keine Gewähr dafür bietet, die gewünschte Massenbasis zu
gewinnen. Zwar ist das stets ihr Ziel. Aber es wäre verfehlt, der
faschistischen Bewegung von vornherein die Fähigkeit zuzuschreiben,
dieses Ziel zu erreichen. Es hängt nicht zuletzt von der
Arbeiterklasse und ihrer revolutionären Vorhut, von ihrer richtigen
Bündnispolitik ab, alle dahin zielenden Bemühungen zu durchkreuzen.