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Antonio Gramsci

von Martin Müller

 

Antonio Gramsci wurde 1891 in Sardinien geboren. Er war zeitlebens körperlich behindert und von schlechter Gesundheit, jedoch bereits als Kind äußerst intelligent und begabt. Ein Stipendium ermöglichte Gramsci 1912 ein Studium der Sprachwissenschaften in Turin. 1913 trat er der Sozialistischen Partei Italiens (PSI) bei. 1915 kam er in die Redaktion der Parteizeitung „Avanti". Er schrieb nicht nur tagespolitische Artikel, sondern oft auch kultur- und zivilisationskritische Beiträge für seine Zeitung. Ab 1917 war er Leiter der Turiner Sektion der PSI.

Gamsci und die Rätebewegung

Turin war nach dem Krieg Zentrum von Massenunruhen. Gramsci wurde Mitglied einer linken Strömung der PSI, der „unversöhnlichen revolutionären Fraktion". Im April 1920 setzte in Turin ein Generalstreik ein, an dem 200.000 Turiner ArbeiterInnen teilnahmen und im September kam es unter seiner Führung zur Besetzung der Turiner Betriebe, wie etwa FIAT, die trotz der Abwesenheit der meisten IngenieurInnen unter ArbeiterInnenkontrolle weiterproduzierten. Gramsci übernahm auch den Aufbau einer proletarischen Miliz, die als Gegenkraft zu dem immer häufiger werdenden Überfällen der italienischen FaschistInnen dienen sollte. Typisch für ihn war, dass er neben der politischen und militärischen Seite des Kampfes auch kulturelle Aktivitäten organisierte. Der ursprünglich als linke Kulturzeitschrift geplante „Ordine Nuovo" wurde unter Gramscis Einfluss zum politischen Organ der Räte, ohne seine kulturellen Ziele aufzugeben.

Die faschistische Machtergreifung 1922

Die Nachkriegserhebungen endeten in Mittel- und Westeuropa mit Niederlagen der revolutionären Kräfte. Die Besonderheit der italienischen Situation lag darin, dass der Sieg des Kapitals durch eine Kombination von legalen und illegalen Mitteln herbeigeführt worden war. Die Faschisten, deren Terrorgarden von den GroßgrundbesitzerInnen zur Niederhaltung von Bauernunruhen finanziert worden waren, wurden ab 1920 immer mehr auch von der Industrie unterstützt, damit sie gegen die ArbeiterInnen in den Städten vorgingen. Die Gefahr, die nicht nur für die Linke, sondern für die Demokratie überhaupt in Italien heraufzog, erkannte Gramsci schon 1921: „Der reaktionärste Teil der führenden Klasse wird seine blutige Diktatur errichten, die Arbeiterorganisationen auflösen und alle Machtfunktionen in die Hand der Militärkasten geben." Gramscis frühe Erkenntnisse waren jedoch nicht die in der PSI und zunächst auch nicht in der unter der Führung Amadeo Bordigas gegründeten Kommunistischen Partei (PCI) herrschenden. Gramsci selbst wurde ebenfalls Mitglied der PCI. Bordiga hielt jede bürgerliche Klassenherrschaft für Diktatur und sah im Faschismus weder eine besondere Gefahr noch die Notwendigkeit, die bürgerlichen „Freiheiten" zu verteidigen. Er konzipierte die PCI als Kaderpartei, die eine staatsstreichartige Revolution vorbereiten sollte. Gramsci hingegen war davon überzeugt, dass der Kampf gegen den Faschismus nur durch die Mobilisierung großer Menschenmassen eine Chance hätte. Dementsprechend verfolgte er auch eine breite Bündnispolitik. Die christliche Bauernpartei Popolari zählten genauso wie die Kriegheimkehrer aus dem Ersten Weltkrieg und die Massen der PSI-Mitglieder zu Gramscis angedachten Bündnispartnern. 1922 wurde er Repräsentant der PCI in der Komintern. Dort fand er mit seiner Einschätzung das Faschismus ebenfalls wenig Gehör. Einzig Dimitroff, der bulgarische KP-Chef, sah die Dinge ähnlich. 1922 fand der „Marsch auf Rom" der italienischen FaschistInnen statt, der Mussolinis Machtübernahme ermöglichen sollte. Der Parlamentarismus blieb zwar bis 1926 erhalten, die PCI wurde aber in die Halblegalität gedrängt, Bordiga wurde verhaftet. Gramsci kehrte 1924 nach Italien zurück und begann als neuer PCI-Vorsitzender die Partei umzubauen. Er versuchte auch ein antifaschistisches Gegenparlament zu gründen, dieses wurde allerdings nie funktionsfähig. Im Gegensatz zu den Weltrevolutionshoffnungen in linken Kreisen hatte Gramsci um 1924 erkannt, dass „die Phase, die wir durchmachen, nicht vom direkten Kampf um die Macht bestimmt" sei, sondern eine „Phase der Vorbereitung, des Übergangs zum Kampf um die Macht, insgesamt eine Phase der Agitation, der Propaganda, der Organisation. Wenn in unserer Partei Gruppen und Tendenzen existieren, die aus Fanatismus die Situation anheizen wollen, so werden wir gegen sie im Namen der ganzen Partei kämpfen müssen." Ende 1926 wurde Gramsci verhaftet und 1928 zu 20 Jahren Haft verurteilt. Im Gefängnis verfasste er die berühmten „Gefängnishefte", die er selbst fragmentarisch empfand. Seiner Schwägerin Tatiana Schucht gelang es, dieses Werk zu retten. Zweifelsohne gehören sie zu den bedeutendsten Werken der ArbeiterInnenbewegung des 20. Jahrhunderts. Gramsci erlebte weder das von ihm angestrebte antifaschistische Bündnis, die Resistenza, noch den von ihm theoretisch vorherbestimmten demokratischen Aufschwung der italienischen Kultur, den Neorealismus. 1937 erlag er im Alter von 46 Jahren den schweren Haftbedingungen.

Gramscis Theorie

Die Aktualität der Gefängnishefte liegt vor allem darin, dass Gramsci erkannte, dass in den mittel – und westeuropäischen Ländern keine staatsstreichartige Revolution wie 1917 in Russland möglich sei. Denn in den industrialisierten Ländern sichert nicht allein das Gewaltinstrument des bürgerlichen Staates die Aufrechterhaltung des Systems, sondern auch ein quantitativ und qualitativ neuartiges Netz von kulturellen Bedingungen, die ein kompliziertes System von sozialen Gruppierungen hervorgebracht haben. Dies verschleiere die Klassengegensätze und schafft ein sozialpsychologisches Klima, das nicht zur Revolution drängt. Gramsci analysierte, dass die herrschende Klasse der kapitalistischen Ländern über „organisatorische und politische Reserven" verfügen würde. Das bedeutet, dass die ökonomischen Krisen keine sofortigen Rückwirkungen auf politischen Gebiet haben. „Die Politik folgt immer mit erheblicher Verspätung der Ökonomie. Der Staatsapparat ist viel resistenter als man glauben könnt e, und es gelingt ihm, in Krisenperioden viel mehr regimetreue Kräfte zu mobilisieren, als es die Krise ahnen lassen würde." Solche Reserven seien u.a. die „religiöse Freiheit" oder die „legale politische Freiheit". Diese theoretischen Aspekte reflektiert Gramsci in seinem Konzept der Zivilgesellschaft (società civile). Diese war in Russland 1917 „unterentwickelt" und der dort allmächtige Staat konnte hinweggefegt werden. Im Westen hingegen „sah man im Erzittern des Staates sofort eine robuste Struktur der zivilen Gesellschaft. Der Staat war nur ein (...) Schützengraben, hinter dem eine robuste Kette von Festungen (...) lag." Dazu zählte Gramsci nicht nur die politischen Freiheiten, wie das Wahlrecht, sondern auch jene Aktivitäten, die ohne Sanktionen und Verpflichtungen der zivilen Gesellschaft entstehen, die aber einen kollektiven Druck ausübt und so Denken, Sitten und Moral definiert. Zur zivilen Gesellschaft zählt Gramsci z.B. die Kirche, die Schulen, die Gewerkschaften, die Presse, die Clubs, sowie die Architektur und die Auswahl der Straßenbezeichnungen. So hatte die Zivilgesellschaft den Auftrag, den Konsens zwischen den Klassen zu finden. Daher ist hier ein „Bewegungskrieg" wie in Russland nicht möglich, sondern die Revolution müsse ein „Stellungskrieg" mittels strategischer Bündnisse sein. Leider ist nicht genügend Platz, um Gramscis gesamte theoretische Leistung zu behandeln. Das Stichwort „kulturelle Hegemonie" prägte seinen Kampf um die Vorherrschaft in den Köpfen, des „Alltagsverstands", die notwendig ist, um das nötige psychosoziale Klima für revolutionäre Umstürze zu schaffen. Für uns als SJ bleibt die Erkenntnis Gramscis, dass es nur mittels breit angelegter strategischer Bündnisse möglich sein kann, die Volksmassen zu mobilisieren.

 

 

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