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Der
Februar 1934 nimmt in der Geschichte der Auseinandersetzungen zwischen
den Gesellschaftsklassen in Österreich einen besonderen Platz dadurch
ein, dass er in der denkbar schärfsten Form, als bewaffneter Kampf,
als Bürgerkrieg ausgetragen wurde. Und das ausgerechnet bei uns, in
einem Land, das das Image hat, dass sich hier die politischen
Auseinandersetzungen grundsätzlich in friedlichen, auf Kompromiss
ausgerichteten, konsensgeprägten, sozialpartnerschaftlichen,
gemütlichen Formen abspielen. Dieser krasse Widerspruch ruft
berechtigterweise die Frage nach den Ursachen hervor; und um sie
beantworten zu können, ist es notwendig, auf der einen Seite die
Situation der Arbeiterbewegung zu betrachten und auf der anderen Seite
die Haltung der herrschenden Klassen des bürgerlichen Lagers, jener
beiden Kontrahenten, die im Februar 1934 bewaffnet zusammenstießen.
I.
Möglich wurde die äußerste Zuspitzung in Form des Bürgerkrieges
dadurch, dass in Österreich eine sonst nirgends vorhandene
Voraussetzung gegeben war: eine bewaffnete Arbeiterschaft, etwas in
der Geschichte sehr seltenes und ungewöhnliches. Bewaffnete Arbeiter
gibt es ansonsten nur in Perioden revolutionärer Umwälzungen. So war
es, als es im Verlauf der revolutionären Welle nach dem Ersten
Weltkrieg in einer Reihe europäischer Länder zur Bewaffnung der
Werktätigen kam. Während diese jedoch spätestens 1923 allesamt wieder
entwaffnet wurden, blieb der Arbeiterschaft in Österreich auch über
das Ende der revolutionären Nachkriegskrise hinaus, bis zum Februar
1934, der Besitz an Waffen erhalten. Im April 1923 gründete sich bei
uns der „Republikanische Schutzbund“, eine aus den Ordnerschaften des
Arbeiterrats und den Arbeiter- und Fabrikswehren der Jahre 1918 und
1919 hervorgegangene proletarische Militärorganisation. Der
Schutzbund, der am Höhepunkt seiner Entwicklung, im Jahr 1928, 80.000
Mitglieder hatte, hat seine Angehörigen im Waffengebrauch unterwiesen,
er hat an den Wochenenden militärische Übungen durchgeführt und hat in
geheimen Depots über eine große Zahl an Infanteriegewehren, Pistolen,
Maschinengewehren, selbstgefertigten Handgranaten, Munition sowie über
reichliche Mengen an Sprengstoff verfügt. Eine dem Schutzbund
vergleichbare bewaffnete Formation besaß die Arbeiterklasse zur selben
Zeit in keinem anderen Land der kapitalistischen Welt.
Eine
weitere Eigenheit der Situation in Österreich war, dass der
proletarische Militärverband des Republikanischen Schutzbundes von
einer nichtrevolutionären Partei ins Leben gerufen wurde und dass
dessen Angehörige Mitglieder der österreichischen Sozialdemokratie
waren. Die Tatsache, dass der Schutzbund von einer Partei geführt
wurde, die auf reformistischen, den Maximen der bürgerlichen
parlamentarischen Demokratie verpflichteten Positionen stand, hat der
Vorgeschichte, dem Ausbruch und dem Verlauf der Februarkämpfe in jeder
Hinsicht ihren Stempel aufgedrückt. Für die sozialdemokratischen
Führer war der Schutzbund primär ein politisches Druckmittel gegenüber
dem bürgerlichen Lager, nicht aber eine Organisation, die offensiv,
als Speerspitze eines Kampfes für den Sozialismus in Aktion treten
sollte. Die Parteiführung verpflichtete die Arbeiter und Schutzbündler
zur Taktik des „Gewehr bei Fuß“, zum Abwarten der Weisungen von oben,
was sich angesichts der Politik der dauernden Rückzüge des
sozialdemokratischen Parteivorstandes gegenüber den Pressionen der
Bundesregierung negativ, geradezu katastrophal auswirkte. Im
Legalismus befangen war die Sozialdemokratie unfähig, die Attacken
eines Feindes, der ihr den „erprobten“, „normalen“ Boden der
bürgerlichen parlamentarischen Demokratie sukzessive unter den Füßen
fortzog, mit adäquaten, wirkungsvollen Gegenmethoden zu parieren. Sie
gab gegenüber den seit 1927 von Jahr zu Jahr und nach der Ausschaltung
des Parlaments durch die Dollfuß-Regierung im März 1933 von Monat zu
Monat effektiver werdenden Faschisierungsmaßnahmen eine entscheidende
Machtposition nach der anderen kampflos auf. Damit manövrierte sie die
österreichische Arbeiterbewegung am 12. Februar 1934 in eine Situation
hinein, in der die Aussichten auf eine erfolgreiche Abwehr der
faschistischen Offensive nur noch als sehr gering zu veranschlagen
waren. Karl Renner, Otto Bauer und andere führende Funktionäre haben
bis in die letzten Tage vor den Februarereignissen der Regierung
Dollfuß Beschwichtigungsangebote unterbreitet, die die Grenze der
Selbstverleugnung der sozialdemokratischen Bewegung als eigenständiger
politischer Kraft bereits überschritten. Wäre es also allein nach dem
Willen der sozialdemokratischen Führer gegangen, dann hätte ein 12.
Februar 1934 in der Form nie stattgefunden.
Dass
es zu ihm kam, war das Verdienst jenes klassenbewussten Kerns der
österreichischen Arbeiter, der der Stimmung der Resignation
widerstand, die durch die dauernden Rückzugsmanöver der Parteiführung
hervorgerufen wurde und unter den Werktätigen immer mehr um sich
griff. Er gelangte in den Monaten zwischen dem März 1933 und dem
Februar 1934 zur Erkenntnis, dass ein wirklicher Kampf gegen die
verfassungsbrechende und demokratieaushöhlende Staatsmacht nur dann
möglich sein würde, wenn man die Fesseln einer selbstmörderisch
gewordenen Parteidisziplin abwarf. Zum Wortführer dieser
sozialdemokratischen Linksopposition wurde der oberösterreichische
Landesparteisekretär und Schutzbundobmann Richard Bernaschek. Er war
es, der am 12. Februar 1934 gegen den Willen Otto Bauers und der
anderen sozialdemokratischen Parteiführer das Signal zum Kampf setzte;
und wenn nicht er, hätte es in jedem Fall auch ein anderer getan, denn
die Überzeugung „Bis hierher und nicht weiter, lieber kämpfend
untergehen als kampflos kapitulieren“ war bereits weit verbreitet. Die
Februarkämpfe in Österreich sind daher nicht nur als große
antifaschistische Abwehraktion, sondern ebenso sehr als Auflehnung
klassenbewusster sozialdemokratischer Arbeiter gegen die
demoralisierende Rückzugspolitik der eigenen Parteiführung zu sehen,
als Akt der Emanzipation von einer reformistischen Politik, die die
historische Prüfung in der Auseinandersetzung mit dem Faschismus nicht
bestanden und die Arbeiterklasse in eine verzweifelte Situation
geführt hatte.
II.
Als
logische Folge dieser Entwicklung traten nach dem Februar 1934 der
KPÖ, die damals ungefähr 3000 Mitglieder hatte, in wenigen Monaten
etwa 13.000 ehemalige Sozialdemokraten bei. Und hier muss etwas über
die Bedeutung dieses Vorgangs für die kommunistische Bewegung in
Österreich eingeflochten werden.
Wenn
wir die Geschichte der KPÖ im Ganzen betrachten, von ihrer Gründung
vor 85 Jahren, im November 1918, bis heute, so kommt man nicht umhin
festzustellen, dass sie nur ungefähr zwanzig Jahre lang eine größere
und wichtige politische Rolle in Österreich gespielt hat. Das waren
einerseits die Jahre des Widerstandskampfes gegen den Faschismus
grüner und brauner Provenienz, in dem Kommunistinnen und Kommunisten
an vorderster Front standen und die größten Opfer brachten,
andererseits das erste Jahrzehnt der 2. Republik, in dem die KPÖ über
100.000 Mitglieder hatte, im Nationalrat und anfangs auch in der
Regierung vertreten war, starke Positionen in der
Betriebsarbeiterschaft besaß, in Landtagen und faktisch allen
Gemeinderäten wichtiger Städte und Industrieorte Mandatare sitzen
hatte, ein weit verbreitetes Netz an Organisationen besaß,
Ausstrahlungskraft hatte auf Bereiche wie Kultur und Sport – mit einem
Wort: ein relevanter politischer Faktor in Österreich war. Der
Ausgangspunkt für diesen Aufstieg der KPÖ zu einer Kraft mit
Massenwirksamkeit, der bis Mitte der fünfziger Jahre anhielt, war eben
dieser Februar 1934. Durch ihn wurde die KPÖ unter den Bedingungen der
Illegalität mit einem Schlag zu einer Partei, die das erlangte, was
sie vorher nicht besaß, nämlich realen Einfluss unter den
Arbeitermassen in Österreich – ein Phänomen, das in dieser Form in der
Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung einzig dasteht. Denn
die KPÖ ist das weltweit einzige Beispiel dafür, dass eine
beträchtliche Anzahl von Mitgliedern der sozialdemokratischen Partei
plötzlich die Stellung wechselte und sich bei den Kommunisten
einreihte – und das aus freiem Entschluss und eigener Erkenntnis
heraus. Und der Beitritt dieser ehemaligen Sozialdemokraten war keine
vorübergehende Episode, entsprungen aus Gefühlen der Verbitterung,
Enttäuschung, Verärgerung, sondern ein bewusster politischer Schritt
auf Dauer. Diese ehemaligen sozialdemokratischen Arbeiter und
Arbeiterinnen, Schutzbündler, Februarkämpfer waren es, die in der
Folge das Rückgrat der Partei bildeten und der kommunistischen Sache
über alle Fährnisse hinweg die Treue hielten.
Diese
den Februar 1934 begleitenden Vorgänge hatten auch gewaltige Bedeutung
für die kommunistische Weltbewegung insgesamt und ihr Verhältnis zur
Sozialdemokratie. Es ist richtig, dass die KPÖ die
sozialdemokratischen Arbeiter schon Jahre vor den Februarereignissen
vor der Entwicklung gewarnt hat und es Warnungen waren, die durch den
12. Februar 1934 bestätigt wurden. Es steht aber auch fest, dass die
KPÖ und die Mitglieder der KPÖ an den Kampfhandlungen keinen, und
wenn, nur einen kleinen Anteil hatten, dass die Träger des bewaffneten
Widerstandes in den Februartagen sozialdemokratische Arbeiter und
Schutzbündler waren. Anders konnte es auch gar nicht sein, weil die
Kommunisten keinen Zugang zu den Waffenbeständen des Schutzbundes
hatten und am 12. Februar, wenn sie mitkämpfen wollten, darauf
angewiesen waren, Gewehre vom Schutzbund ausgefolgt zu bekommen. Bei
weitem nicht überall ist das geschehen.
Es waren also Sozialdemokraten, die mit der Waffe in der Hand gegen
den Austrofaschismus kämpften. Und wichtige Parteiführer wie Otto
Bauer und Julius Deutsch haben sich am 12. Februar 1934 so verhalten,
dass man ihnen den Vorwurf der Würdelosigkeit und schmählichen
Kapitulantentums nicht machen konnte. Das hat entscheidend dazu
beigetragen, dass die kommunistische Weltbewegung sektiererische
Positionen gegenüber der Sozialdemokratie – Stichwort:
Sozialfaschismus – überwand und eine strategische Neuorientierung
vollzog, die auf dem VII. Weltkongress der Kommunistischen
Internationale 1935 systematisiert wurde. Das hat die
Ausstrahlungskraft der kommunistischen Parteien in allen Ländern
erhöht, eine Einheitsfront- und Volksfrontpolitik ermöglicht und eine
historische Wende im antifaschistischen Kampf der Arbeiterklasse
herbeigeführt. In diesem Zusammenhang lenkte der VII. Weltkongress der
Komintern und ihr Generalsekretär Georgi Dimitroff die Aufmerksamkeit
der österreichischen Kommunisten auf die Notwendigkeit, die nationale
Frage als Schlüsselfrage und Haupthebel für eine erfolgreiche
Volksfrontpolitik gründlicher als bisher zu studieren. Es war Alfred
Klahr, dem das große Verdienst zukommt, aufgrund einer exakten
marxistischen Analyse die eigenständige Existenz der österreichischen
Nation herausgearbeitet zu haben. Damit konnten dem Kampf für die
Unabhängigkeit Österreichs gegenüber dem deutschen Imperialismus schon
vor, vor allem aber nach der Okkupation des März 1938 neue und
wesentliche Impulse gegeben werden.
III.
Als am
frühen Morgen des 12. Februar 1934 sich in Linz Schutzbündler unter
der Führung Richard Bernascheks einer Waffensuche der Polizei in der
Landesparteizentrale im Hotel Schiff auf der Landstraße bewaffnet
entgegenstellten, begann ein vier Tage währender blutiger Bürgerkrieg.
Der Kampf stand durch die Schuld und Versäumnisse der
sozialdemokratischen Führung von Beginn an unter äußerst ungünstigen
Voraussetzungen: Die meisten höheren Schutzbundkommandanten waren
schon vorher verhaftet worden, wodurch viele geheime Waffendepots
unzugänglich blieben; der unbedingt notwendige Generalstreik der Masse
der Werktätigen kam nicht oder nur lückenhaft zustande; das Bundesheer
konnte über die Eisenbahn ungehindert ihre Truppen in die Kampfzentren
verlegen; wo man sich an den Sammelpunkten bewaffnete, wurde in der
Regel der Befehl befolgt, von den Waffen erst dann Gebrauch zu machen,
wenn die Exekutive angreifen sollte; diese Orientierung überließ die
Initiative dem Gegner, und es gelang deshalb den Aufständischen
nirgends, größere geschlossene Verbände zum Angriff zu führen. Trotz
dieser denkbar schlechten Umstände lieferten die Arbeiter und
Schutzbündler den an Zahl und Ausrüstung überlegenen
Regierungsstreitkräften erbitterten Widerstand. Brennpunkte der
Kampfhandlungen waren die Arbeiterbezirke Wiens, in Oberösterreich
Linz, Steyr und das Kohlenrevier des Hausruckviertels, in der
Steiermark die Vororte von Graz und das obersteirische Industriegebiet
mit Bruck an der Mur.
IV.
Der
eigentlich entscheidende Faktor, der im Februar 1934 die äußerste
Zuspitzung bis zum bewaffneten Kampf, bis zum Bürgerkrieg
herbeiführte, war aber der absolute Vernichtungswille der herrschenden
Klasse, der österreichischen Großbourgeoisie. In dem Zusammenhang kann
man oft die Redewendung hören: diese scharfe, unerbittliche Haltung
sei doch nur ein Resultat und eine Antwort auf die Radikalität der
Sozialdemokratie gewesen, die mit der Losung von der Diktatur des
Proletariats, formuliert im Linzer Programm von 1926 das Bürgertum so
bedroht und erschreckt hat. Ausdruck findet diese Argumentation in der
These von der „geteilten Schuld“, die immer noch im Schwange ist. Es
ist das eine Kritik von rechts, die dem konträr entgegensteht, was an
Schuld und Versäumnissen der Sozialdemokratie tatsächlich zur Last
gelegt werden kann und von denen einige angesprochen wurden. Folgt man
ihr, dann hat das zur Konsequenz, dass sich unterdrückte Schichten
prinzipiell nicht zur Wehr setzen dürfen, weil das Gegenreaktionen der
Herrschenden hervorruft und damit katastrophale, blutige Entwicklungen
eintreten. Eine solche Argumentation ist dazu angetan, die
Niederhaltungsmethoden der Herrschenden in der Geschichte prinzipiell
zu beschönigen und zu rechtfertigen. In Wahrheit war bei der
österreichischen Bourgeoisie der Vernichtungswille vom ersten Moment
der 1. Republik an, seit dem November 1918, vorhanden. Er war nur
deshalb zeitweise verdeckt, weil es dazu an Kräften und Möglichkeiten
mangelte. Als diese endlich zur Verfügung standen und auch auf
internationaler Ebene die Zeit des Aufwinds des Faschismus begonnen
hatte, war von irgendwelchen auf friedlichen Konsens und Kompromiss
abzielenden Haltungen und bürgerlich-zivilisierten Umgangsformen
nichts mehr zu bemerken.
V.
Führen
wir zwei Beispiele an. Im Heft der „Fackel“ mit dem Titel „Der Hort
der Republik“, das die Ereignisse des 15. Juli 1927 in Wien behandelt,
zitiert Karl Kraus eine Äußerung des damaligen Präsidenten der
Journalistenvereinigung „Concordia“, Dr. Edmund Wengraf,
veröffentlicht im bürgerlichen „Neuen Wiener Journal“. Wengraf
schrieb:
„Was
ist denn nun aber eigentlich diese Ordnung, für die wir mit Treue und
Opfermut und angeblich auch mit ‚Bestialität' einstehen? Sie ist für
die große Mehrzahl der Menschen im Grunde eine recht geringfügige
Sache: ein klein wenig Hab und Gut, kaum der Rede wert, in Wertziffern
ausgedrückt meist eine Bagatellsumme; dazu eine Anzahl von
Freundschafts-, Familien- und Geschäftsverbindungen, in die wir seit
so und so viel Jahren eingesponnen sind; ein bescheidenes Maß von
Erwerbssicherheit und von Lebensgewohnheiten, die damit zusammenhängen
(...) Unser Stück Welt, auf dem wir leben und sterben wollen (...) Das
ist unsere Ordnung! Und gegen jeden Versuch, sie uns zu rauben, wollen
wir uns wehren, bis aufs Äußerste, wenn’s sein muss, auch bis zur
Bestialität“.1
Der
Publizist „Sozius“ (Eli Rubin) brachte 1930 eine Broschüre mit dem
Titel „Lenin in Wien“ heraus, in der folgende Passagen zu finden sind:
S. 3: „Die asiatische Pest des Marxismus hat Österreich ergriffen
(...) Asiatische Gehirne haben einen wüsten Götzendienst aus
Menschenhass und Gier ausgebrütet, wie aus beklemmend riechenden
Opiumhöhlen dunstet Übles aus dem Raubburgen (Sozius meinte die
Gemeindebauten des Roten Wien, H.H.) des österreichischen Marxismus“;
S. 9: In Wien „türmen sich, zyklopenhaft aufgeschichtet, die
Würfelkolosse der marxistischen Wohnbauten, zumeist blutigrot,
dunkelrot wie frisch vergossenes Blut (...) Diese ganze Stadt ist eine
einzige furchtbare Festung!“; S. 11: Wien ist das „Bollwerk der
sozialistischen Internationale“, eine „Rote Festung, die an
Bedrohlichkeit für Europa das ferne Leningrad, das entlegene Moskau
weit in den Schatten stellt“; die „Österreichische Rote Armee“ (Sozius
meint den Republikanischen Schutzbund, H.H.) will Staatsgewalt,
Bürger- und Bauerntum „vernichten“, ihr „Feldruf“ lautet: „Alle Macht
den Räten!“; S. 60: In Österreich fehle deshalb eine starke
kommunistische Partei, weil die „so genannten Sozialdemokraten“
Österreichs in der Praxis „radikaler, konsequenter und fast brutaler
sind als die russischen Bolschewiken“.
So
geht es über 76 Seiten bis zu folgendem Schluss: „Der einzige
Machtfaktor in Österreich, der sich aktiv dieser bolschewistischen
Lawine entgegenstellt, ist die österreichische Heimwehr, geführt von
Dr. Richard Steidle und Dr. Pfrimer. Die österreichische Heimwehr
kämpft, wie die Dinge liegen, nicht nur für Österreich, sie verteidigt
die Kultur Europas“.2
VI.
Vier
Jahre später zeigte sich, wie man die Kultur Europas verteidigte. Der
bewaffnete Arm der bürgerlichen Staatsmacht, das Bundesheer, die
Polizei, die Gendarmerie und die als Hilfstruppe eingesetzten
austrofaschistischen Heimwehren gingen im Februar 1934 gegen die
Arbeiter mit äußerster Härte und Brutalität vor. Die Wohnhäuser der
Arbeiter in Wien, Linz, Steyr, Bruck an der Mur standen unter
stunden-, oft tagelangen Artilleriebeschuss, der auch Frauen und
Kinder in Mitleidenschaft zog. Auf die Wiener Gemeindebauten sind im
Verlauf der drei Kampftage nicht weniger als 613 Granaten abgefeuert
worden, die schwere Schäden anrichteten. In Holzleiten im Hausruck
sind sechs an den Kämpfen unbeteiligte Arbeitersanitäter auf die Bühne
des Arbeiterheims getrieben und von einem Peloton des Bundesheeres
niedergeschossen worden. Gefallene Schutzbündler ließ man zur
Abschreckung tagelang auf den Straßen liegen. Gefangengenommene
Arbeiter wurden von Heimwehrlern und Polizisten oft halbtot geprügelt.
Im standrechtlichen Verfahren wurden vom 14. bis zum 21. Februar 1934
21 Todesurteile verhängt und an neun Personen durch Erhängen
vollstreckt. Einer davon, der Wiener Schutzbündler Karl Münichreiter,
der der Exekutive schwerverletzt in die Hände gefallen war, wurde auf
einer Tragbahre zum Galgen geschleppt und gehenkt. Über 10.000
Februarkämpfer, Schutzbündler und Arbeiterfunktionäre wurden
verhaftet; von diesen hat man 1200 Personen zu schweren Kerkerstrafen
in der Höhe von 1400 Jahren verurteilt. Die zivilisierte Welt war
starr vor Erstaunen und Entsetzen, was im Land der angeblichen
Walzerseligkeit und Heurigenverbrüderungsstimmung möglich war.
Zu
solchen Exzessen waren die Herrschenden bei uns vor siebzig Jahren
fähig, und nach ihrem Sieg errichteten sie eine
autoritär-faschistische ständestaatliche Diktatur, in der ihr Wesen
zum Ausdruck kam. Den Februar 1934 und die Diktatur der Jahre 1934 bis
1938 kann die österreichische Bourgeoisie nicht auf andere, auf Hitler
und die Nationalsozialisten abwälzen, wie man es mit der „Opferthese“
für die Zeit der deutschen Besetzung getan hat und tut. Beide waren
das ureigenste Produkt der spezifisch
österreichisch-katholisch-donaukonföderationsorientierten- monarchie-
und habsburgnostalgischen Kreise des Kapitals bei uns, und die Ära des
Ständestaates war die einzige Periode im Rahmen der österreichischen
Geschichte, in der es diesen Kreisen gelang, ihre unumschränkte
Alleinherrschaft zu erlangen und auszuüben. Das Resultat hat auch
danach ausgesehen.
VII.
Hat
uns der Februar 1934 auch heute noch etwas zu sagen und uns
Erfahrungen zu vermitteln? Ich glaube, ja. Die Geschichte ist keine
Einbahnstraße, auch nicht nach dem Sieg des Weltkapitalismus über das
sozialistische Staatensystem vor vierzehn Jahren, sondern eine
Ebbe-und-Flut-Bewegung, eine Abfolge von Siegen und Niederlagen,
Defensiven und Offensiven. Die Bedeutung des 12. Februar 1934 heute,
in der für die Linke so misslichen Situation, besteht darin, dass
durch die Niederlage, die damals die österreichische Arbeiterbewegung
erlitt, der letztliche Sieg bereits durchschimmerte. Durch diesen
Kampf wurde der Welt gezeigt, dass der Faschismus und die Reaktion bei
ihrem Vormarsch nicht darauf hoffen durften, überall auf
Kapitulationsbereitschaft und ein resignatives Streichen der Segel zu
stoßen. Denn trotz der Niederlage erfüllte sich die Erwartung der
Dollfuß- und Schuschnigg-Regierung, dass breite Arbeiterschichten aus
Enttäuschung und Verzweiflung in Passivität verfallen würden, nicht.
Im Gegenteil: gerade dadurch, dass die Februarereignisse bewiesen,
dass es eine Alternative gegen die kampflose Kapitulation vor
reaktionären Anschlägen gibt, wurde in Österreich und weit über
Österreich hinaus neuer Mut in die Reihen der Arbeiterklasse getragen
und ihre Entschlossenheit zur antifaschistischen Gegenwehr gestärkt.
Der Februar 1934, der zu den besten revolutionär-demokratischen
Traditionen des österreichischen Volkes gehört, stellt daher einen
Wendepunkt in der Entwicklung der internationalen Arbeiterbewegung
dar. Er wurde zum Vorboten des nationalrevolutionären Krieges in
Spanien 1936 bis 1939 und des Kampfes der Völker gegen den Faschismus
im Zweiten Weltkrieg, der mit dessen völliger Niederlage endete.
Anmerkungen
1/ Die Fackel, Nr. 766-770, Wien, Oktober 1927, S. 8
2/ Sozius, Lenin in Wien = Wiener Volksschriften, Nr. 4, Wien 1930
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