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Wenn man über die Oktoberrevolution und ihre
Auswirkungen auf Österreich spricht, dann ist es
neben der Darstellung der unmittelbaren
Zusammenhänge notwendig, zunächst den Blick zu
weiten und den Geschichtsablauf gewissermaßen aus
der Vogelperspektive zu betrachten. Nur so, fernab
von der Enttäuschung der einen und der Freude der
anderen über das Verschwinden des Erbes der
sozialistischen Umwälzung des Jahres 1917, kann ein
Phänomen wie die Oktoberrevolution heute angemessen
bewertet und historisch eingeordnet werden.
I.
Revolutionen sind seltene Erscheinungen in der
Menschheitsgeschichte, und erfolgreiche Revolutionen
noch seltenere. Niemand, ausgenommen Ignoranten,
wird aber zu bestreiten wagen, dass sie es sind, die
die Historie entscheidend prägen. Ihre Wirkungen
haben sich in den Jahrhunderten seit dem Beginn der
Neuzeit, angefangen mit der frühbürgerlichen
Revolution des deutschen Bauernkrieges, in stetig
wachsendem Maße verstärkt, und die Abstände, in
denen sie aufeinander folgten, sind immer kürzer
geworden. Wir müssen uns bewusst sein, dass wir uns
nach wie vor in einem weltgeschichtlichen Zeitalter
revolutionärer Umwälzungen befinden. Und wir als
Marxisten sind davon überzeugt, dass die Perioden
des Rückschlags, wie wir jetzt eine erleben, Zeiten,
in denen die Herrschenden, die Kräfte der Beharrung
scheinbar wieder triumphieren und sich fest im
Sattel sitzend wähnen, auch dann, wenn sie
Generationen dauern mögen, nur Zwischenspiele sind
auf dem Weg neuer Anläufe, den Epochenübergang vom
Kapitalismus zum Sozialismus zu vollenden.
Optimistisch können wir trotz allem sein, weil die
Geschichte gezeigt hat, dass Revolutionen die
notwendige und unvermeidliche Folge von bestimmten
Gesellschaftsstrukturen sind, die ihrerseits in
ökonomischen Verhältnissen, im Kern in den
Eigentumsverhältnissen, wurzeln. Revolutionen sind
folglich keine „Betriebsunfälle“ der Geschichte,
sondern sozusagen „normale“ Vorgänge, da durch sie
und nur durch sie die grundlegenden Widersprüche
gelöst werden können und der Übergang zu höheren
Gesellschaftsformationen bewirkt werden kann.
II.
Der
Preußenkönig Friedrich II hat einmal bei einem
Parademanöver seiner Truppen dem kommandierenden
General, als der die bewundernswerte Exaktheit der
Bewegungen der Soldaten und das marionettenhafte
Befolgen aller Befehle herausstrich, zur Antwort
gegeben: „Nicht dies, sondern dass die Kerle uns
nicht totschießen, ist das Merkwürdigste.“ Das
Rätsel ist also nicht, warum Revolutionen
ausbrechen, sondern warum Menschen generationenlang
die Zustände ertragen, gegen die sie schließlich
aufstehen. Eine Erklärung dafür findet sich
unvermutet in Umberto Ecos Roman „Der Name der
Rose“, in dem es an einer Stelle heißt: „Denn nur
die Mächtigen wissen immer genau, wer ihre wahren
Feinde sind.“ Der Satz enthält eine tiefe Wahrheit.
Er gibt uns Antwort darauf, warum erfolgreiche
Revolutionen so selten sind, warum so viele
Aufstände, Empörungen, Revolten in der Vergangenheit
verpufften und scheiterten, ihre Träger sich
täuschen und übertölpeln ließen, warum auch die
meisten Revolutionen nicht bis zum Ende, bis zur
letzten Konsequenz durchgefochten wurden und auf
halbem Weg stehenblieben. Nur in wenigen Fällen
paarte sich der objektive Faktor mit dem
subjektiven, erwiesen sich die Revolutionäre als
stärker, entschlossener, schlauer und unerbittlicher
als ihr Widerpart und bereiteten ihm eine
vernichtende Niederlage: 1789 in Frankreich und 1917
in Russland, Revolutionen, denen deshalb zu Recht
das Attribut „groß“ verliehen wird.
Die
Revolution, die am 7. November 1917 in Russland
siegte, war eine sozialistische Revolution. Ihre
Ursachen sind nicht erklärbar, wenn man sich nicht
vor Augen hält, was vorher geschah und wogegen sie
sich wandte. Die imperialistischen Bourgeoisien der
Großmächte, für die es - wie Karl Kraus es einmal
ausdrückte - „zuzeiten notwendig ist, Absatzgebiete
in Schlachtfelder zu verwandeln, damit aus diesen
wieder Absatzgebiete werden“, hatten im August 1914
die Menschheit in eine noch nie dagewesene
Katastrophe gestürzt. Es war ein Krieg im Interesse
der nach Expansion gierenden ökonomischen Eliten
gegen die Interessen der Volksmassen, in dem der dem
Imperialismus inhärente Drang nach Gewalt, seine
Brutalität und Menschenverachtung orgiastisch zum
Ausbruch kam. Die Oktoberrevolution war der Versuch,
diesen Zustand zu beenden, den Teufelskreis von
Ausbeutung, Imperialismus und Krieg zu durchbrechen
und die Grundlagen einer gesellschaftlichen Ordnung,
die Derartiges hervorgebracht hatte, aus der Welt zu
schaffen. Gerade darin bestand ihre internationale
Bedeutung. Gerade dadurch blieb ihre Wirkung nicht
auf Russland beschränkt, sondern strahlte über die
Grenzen hinweg in andere Länder aus. Eines dieser
Länder war Österreich, und es wurde besonders tief
und nachhaltig von den Ereignissen in Russland
beeinflusst.
III.
Bekanntlich hat Russland zwischen 1905 und 1917
nicht weniger als drei Revolutionen erlebt. Schon
die erste Revolution des Jahres 1905 hatte auf
Österreich eine stärkere Wirkung ausgeübt als auf
andere europäische Länder. Das war so, weil die
innere Lage im Zarenreich der in der
Habsburgermonarchie ähnelte. Beide waren
Vielvölkerstaaten, in denen das herrschende Volk,
das „Staatsvolk“, ökonomische wie politische
Privilegien genoss und die nationalen
Unabhängigkeitsbestrebungen der anderen
Völkerschaften niederhielt. In beiden Ländern
behaupteten sich hartnäckig überkommene feudale
Strukturen, war der obrigkeitsstaatliche Charakter
des Regimes besonders ausgeprägt. Der revolutionäre
Funke aus Russland sprang daher auf einen Boden, der
sich hier leichter entzündete als anderswo. Eine
große Massenbewegung der Arbeiterschaft, ausgelöst
von der russischen Revolution, erzwang damals in
Österreich die Einführung des allgemeinen
Wahlrechts.
Größer
und tiefgreifender war der Einfluss der zweiten
russischen Revolution des Februar (März) 1917, die
die zaristische Selbstherrschaft stürzte. Auch sie
traf in Österreich erneut auf Bedingungen, die ihre
revolutionierende Wirkung ermöglichten und besonders
verstärkten.
Der
erste Weltkrieg hatte alle Gegensätze, die im
Habsburgerreich seit langem bestanden, extrem
verschärft. Die Massen litten im dritten Kriegsjahr
an katastrophalem Lebensmittelmangel, Teuerung und
Desorganisation der Versorgung sowie an der
Knebelung ihrer Rechte, die sich in der Beseitigung
des Parlaments, der Unterstellung kriegswichtiger
Betriebe unter militärisches Kommando und Ausdehnung
der Militärgerichtsbarkeit auf alle politischen
Delikte äußerte. Die nationalen und sozialen
Spannungen spitzten sich im berüchtigten
Hungerwinter 1916/17 immer mehr zu. Aus dem Krieg,
in dem die herrschenden Klassen in Österreich die
Möglichkeit gesehen hatten, einen Ausweg aus ihren
wachsenden Schwierigkeiten zu finden und sozial- wie
nationalrevolutionäre Bestrebungen ein für allemal
zu unterdrücken, war für Österreich-Ungarn ein Kampf
auf Leben und Tod geworden, in dem nicht nur der
Thron der Habsburger und die Existenz des
multinationalen Staates selbst schon auf dem Spiel
stand, sondern darüber hinaus bereits der Bestand
des Systems imperialistischer Herrschaft
schlechthin.
In
diese Situation platzte die Nachricht vom Sturz des
Zaren und vom Sieg der bürgerlich-demokratischen
Revolution in Russland, der die den Krieg bereits
gründlich hassenden werktätigen Massen aufhorchen
ließ. Zeigte ihnen das russische Beispiel doch, dass
es auch unter den Bedingungen eines
kriegsdiktatorischen Regimes möglich war, die
Dynasten zu verjagen und demokratische Freiheiten zu
erkämpfen, wenn man sich auf seine eigenen Kräfte
besann. Es war daher nur folgerichtig, dass die seit
Kriegsbeginn durch die verlogenen Losungen von der
„Vaterlandsverteidigung“ und vom „Burgfrieden“
desorientierten österreichischen Arbeiter in
Bewegung kamen und im Gefolge der nun einsetzenden
großen Streikaktionen ihr Selbstbewusstsein zurück
gewannen. Die Parolen „Machen wir es so wie in
Russland!“ und „Wir müssen mit unseren Herrschenden
auch ‘russisch’ reden!“ wurden unter ihnen populär.
IV.
Lehrreich ist nun, wie die herrschenden Schichten in
Österreich auf die Zusammenballung der Widersprüche
zu einer revolutionären Krise reagierten. Bis dahin
hatte sich das Proletariat gegenüber der Bourgeoisie
in einer äußerst ungünstigen Lage befunden. Das
Kapital übte auf der ganzen Welt die Macht aus, in
seinen Händen befanden sich die durch
jahrhundertelange Traditionen geheiligten
Instrumente zur Durchsetzung und Behauptung der
Herrschaft. Das Proletariat hingegen war nicht nur
eine ökonomisch ausgebeutete, sondern auch eine
erniedrigte, materiell und geistig benachteiligte
Klasse gewesen. Damit war es schon mit der
russischen Februarrevolution des Jahres 1917 vorbei.
Jetzt begann sich das Kräfteverhältnis zwischen den
einander feindlich gegenüberstehenden Hauptklassen
zugunsten des Proletariats zu verändern. Es ging zum
Angriff über und drängte die Bourgeoisie in die
Defensive. Die kaiserliche Regierung sah sich somit
im Frühjahr 1917 gezwungen, zu lavieren, die Linie
des „harten“ Kriegsabsolutismus zu verlassen, einen
flexibleren Kurs einzuschlagen und den Massen eine
Reihe von Zugeständnissen zu machen. Das
österreichische Parlament wurde nach dreijähriger
Zwangspause wieder einberufen und eine Amnestie für
politische Häftlinge verkündet. Man gestand den
Arbeitern in den militarisierten Betrieben der
Rüstungs- und Schwerindustrie die Bildung von
„Beschwerdekommissionen“ zu, gewährte Lohnerhöhungen
und soziale Verbesserungen. Dazu zählten der
Mieterschutz, das Verbot der Nachtarbeit im
Bäckergewerbe, die Erhöhung der Krankengelder und
Unterhaltsbeiträge u.a.m. In einzelnen Betrieben
gründeten die Arbeiter im Frühjahr 1917 spontan
„Fabrikausschüsse“ mit dem Ziel, eine gerechtere
Verteilung der Lebensmittel zu erreichen. Das war
der erste Versuch, nach dem Vorbild der russischen
Sowjets den Rätegedanken - so wie ihn die Arbeiter
mangels genauer Information damals verstanden - auf
österreichische Verhältnisse zu übertragen, auf
einem Teilgebiet, dem der Lebensmittelversorgung,
die unfähigen und durch Korruption schon zersetzten
staatlichen Organe durch Organe der Arbeiter zu
ersetzen.
V.
Am
größten war jedoch die Wirkung der dritten
russischen Revolution, der sozialistischen
Oktoberrevolution. Denn sie zeigte, dass es der
Arbeiterklasse möglich war, die Macht zu erobern.
Sie erst hat den von den Volksmassen in allen
kriegführenden Ländern so heiß ersehnten
Friedensschluss in den Bereich des Realisierbaren
gerückt. Und sie hat schließlich demonstriert, dass
die Sowjets, dass Arbeiter- und Soldatenräte nicht
nur Kampforgane zur Erringung vermehrter
Mitspracherechte sein können, sondern auch
Machtorgane, Träger einer proletarischen
Staatsmacht.
Die
Revolution der Bolschewiki hatte in Österreich die
Sympathie der Werktätigen, weil sie die Losung
„Frieden“ auf ihren Fahnen trug, die in der
damaligen Situation die weitaus stärkste Triebkraft
für jede Massenbewegung war. Gleichzeitig spornte
sie innerhalb der klassenbewussten Arbeiterschaft
den revolutionären, sozialistischen Kampfgeist enorm
an. Das äußerte sich bereits auf der großen
Friedenskundgebung der österreichischen
Sozialdemokratie, die am 11. November 1917 im Wiener
Konzerthaus und auf dem benachbarten Platz des
Eislaufvereins stattfand. Die Arbeiter waren mit
Transparenten zum Konzerthaus gezogen, mit
Aufschriften wie: „Gebt uns den Frieden wieder,
sonst legen wir die Arbeit nieder“, „Wir wollen
Frieden und Brot“, „Nieder mit den Kriegshetzern“
und „Wir wollen den sozialistischen
Verständigungsfrieden“. Die Versammlung selbst lief
in erregter Atmosphäre ab. So oft die
sozialdemokratischen Redner das Wort „russische
Revolution“ auch nur in den Mund nahmen, ertönten
brausende Hochrufe, und sie wurden mit Beifall und
Rufen wie „Revolution!“, „Wir kommen wieder!“ und
„Generalstreik!“ überschüttet. Nach Schluss der
Kundgebung zogen Gruppen von Arbeitern durch die
Innere Stadt und riefen „Nieder mit dem Krieg!“,
„Nieder mit dem Militarismus!“, „Heraus mit dem
demokratischen Frieden!“ und „Hoch die russische
Revolution!“
Die
Begeisterung der österreichischen Arbeiter über den
Sieg ihrer russischen Klassengenossen, ihr
wiedergewonnenes Selbstbewusstsein, ihre
Mobilisierung und Aktivierung brachte neben den
vorhandenen Widersprüchen ein neues gegensätzliches
Moment aufs Tapet. Weil die sozialdemokratische
Parteiführung auch nach der russischen
Oktoberrevolution der kaiserlichen Regierung ihre
Unterstützung lieh und damit außerstande war, die
Hoffnung der Arbeiter nach Ingangsetzen kraftvoller
Antikriegsaktionen einzulösen, kam es zwischen ihr
und den nun in Aufbruchstimmung befindlichen
Arbeitermassen zur Kollision. Die innere Krise in
Österreich verschärfte sich rapide und ging Ende
Dezember 1917 unter dem Eindruck der
Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk in eine akut
revolutionäre Situation über. Da sich die
Verhandlungen von Brest, die in der
„Arbeiter-Zeitung“ im Wortlaut nachzulesen waren und
die von den österreichischen Arbeitern mit höchster
Spannung verfolgt wurden, durch die erpresserischen
annexionistischen Aspirationen Deutschlands noch
dazu unerwartet in die Länge zogen, stieg in
Österreich die Unruhe von Tag zu Tag.
VI.
Am 14.
Jänner 1918 kam es zur Explosion. In Wiener Neustadt
legte die Belegschaft der Daimler-Motoren-Werke die
Arbeit nieder. Binnen weniger Tage weitete sich der
Streik auf ganz Österreich aus. Am Höhepunkt der
Bewegung, am 19. Jänner, befanden sich in der
Habsburgermonarchie 750.000 Arbeiter im Ausstand (in
Österreich einschließlich Krakau, Brünn,
Mährisch-Ostrau und Triest 550.000, in Budapest und
anderen ungarischen Städten 200.000). Der
Jännerstreik war nicht nur die bedeutendste
revolutionäre Streikaktion in der gesamten
Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung,
nicht nur ein durch und durch politischer Streik,
ein Streik für den Frieden, sondern darüber hinaus
der Höhepunkt der sozialen und politischen
Konfrontation zwischen den herrschenden Klassen und
den Volksmassen in Österreich. Bis zum Ende des
ersten Weltkrieges war er neben der russischen
Revolution die größte Erhebung der Arbeiterschaft in
ganz Europa. Überall bildeten sich nach russischem
Vorbild Arbeiterräte zur Führung des Ausstandes. Im
Jänner 1918 waren die objektiven Bedingungen für
eine revolutionäre Veränderung herangereift, der
kaiserliche Herrschaftsapparat, ja das gesamte
Gesellschaftssystem standen am Rande des Abgrundes.
In einem von Kaiser Karl an Außenminister Graf
Czernin am 17. Jänner nach Brest-Litowsk gesandten
Telegramm hieß es: „Ich muss nochmals eindringlichst
versichern, dass das ganze Schicksal der Monarchie
und der Dynastie von dem möglichst baldigen
Friedensschluss in Brest-Litowsk abhängt ... Kommt
der Friede nicht zustande, so ist hier die
Revolution, auch wenn noch so viel zu essen ist.
Dies ist eine ernste Warnung in ernster Zeit.“ Nur
aufgrund der intensiven Bemühungen der
sozialdemokratischen Parteispitze, gegen deren
Willen der Ausstand ausgebrochen war und die den
Kampf um die Staatsmacht nicht zu führen gewillt
war, gelang es entgegen heftigen Protesten der
Arbeiter, die grandiose Streikbewegung beizulegen
und sie auf papierene Kompromissergebnisse zu
begrenzen. Diese ernüchternde Erfahrung war für die
revolutionären Kräfte der entscheidende Anstoß, mit
dem Reformismus zu brechen und eine neue, eine
kommunistische Partei zu gründen, die am 3. November
1918 ins Leben trat.
VII.
Das
Fanal der Oktoberrevolution fand auch in den
Streitkräften Österreich-Ungarns tiefen Widerhall.
Die Soldaten an der Ostfront weigerten sich,
weiterzukämpfen, und verbrüderten sich mit ihren
russischen Kameraden. Österreichische
Kriegsgefangene in Russland erklärten sich bereit,
die Sowjetmacht in ihrem Kampf gegen die innere und
äußere Konterrevolution zu unterstützen und wurden
Kommunisten. Zu ihnen zählten Persönlichkeiten wie
Johann Koplenig, Gottlieb Fiala, Karl Tomann,
Heinrich Brodnig, Gregor Kersche, Josef und Anna
Grün, die nach ihrer Heimkehr in der KPÖ an
führender Stelle tätig waren. Im Februar 1918 kam es
zum Aufstand der Matrosen von Cattaro, deren Ziele
von den Prinzipien der Oktoberrevolution
(demokratischer Frieden ohne Annexionen und
Kontributionen, Erklärung des
Selbstbestimmungsrechts der Völker bis zum Recht auf
Bildung eigener, unabhängiger Staaten) stark
beeinflusst waren. Im Mai 1918 meuterten in mehreren
Garnisonen Österreich-Ungarns Ersatztruppenkörper
der kaiserlichen Armee, deren Träger, fast durchwegs
aus Russland heimgekehrte Kriegsgefangene und - wie
es in einer Kundmachung des Generalobersten Rhemen
hieß - „von den bolschewikischen Ideen so besessen,
dass sie den seiner Majestät geleisteten Treueid
schmählich vergaßen“, standrechtlich erschossen
wurden.
VIII.
Wenn
man von den Auswirkungen der Oktoberrevolution auf
Österreich spricht, so wäre es primitiv und falsch,
sich darunter einen „Export der Revolution“ in Form
von „Zersetzungsarbeit“ irgendwelcher Agitatoren
vorzustellen. Der revolutionäre Aufschwung in
Österreich in den Jahren 1917 und 1918 war das
Ergebnis der Zuspitzung aller Widersprüche im
Inneren unseres Landes, die unabhängig vom Wunsch
oder Willen einzelner Personen, Parteien oder
Klassen erfolgte. Die Wirkung der sozialistischen
Oktoberrevolution bestand darin, dass sie die
bereits vorhandene Krise in Österreich verstärkte
und den Kampf der Arbeiter auf eine neue, qualitativ
höhere Stufe hob. Der Einfluss blieb daher nicht auf
die Tage und Wochen nach dem 7. November 1917
beschränkt, sondern erstreckte sich über einen
längeren Zeitraum, im Grunde genommen und
unmittelbar ablesbar bis zum Ende der revolutionären
Nachkriegskrise in Österreich im Herbst 1920. Ohne
das russische Revolutionsbeispiel und die ebenso vom
sozialrevolutionären Impetus getragenen
Räterepubliken in Ungarn und München des Frühjahrs
1919, die wie Damoklesschwerter über den besitzenden
Klassen schwebten und sie zu Zugeständnissen
zwangen, wären die wesentlichen politischen und
sozialen Errungenschaften der Umwälzung in
Österreich in dem Umfang und der Tiefe nicht möglich
gewesen - als da waren: Ausrufung der Republik,
Erweiterung der demokratischen Rechte für die
Volksmassen, starke Stellung der Arbeiter- und
Soldatenräte, Achtstundentag,
Arbeitslosenunterstützung, Arbeiterurlaubsgesetz,
Betriebsrätegesetz, Gründung der Arbeiterkammern.
IX.
Es ist
in dem Rahmen nicht möglich, auf jene Wirkungen
einzugehen, die in der Epoche danach der zum Staat
und nach 1945 zum Staatensystem gewordene
Sozialismus auf die Welt und auf Österreich ausübte.
Sie waren höchst bedeutsam, und ihr Gewicht wird
einem umso mehr bewusst, seit dieses System als
gesellschaftliche Alternative, die die Gegenwelt des
Kapitals ernst nehmen musste, nicht mehr existiert.
Es eröffnete den arbeitenden Menschen bei uns
umfangreiche, bis dahin nicht dagewesene und nicht
gekannte Möglichkeiten für die Verteidigung ihrer
Lebensinteressen und ließ ihnen soziale
Errungenschaften zukommen, die ohne diese
Systemkonkurrenz undenkbar gewesen wären. Was seit
einigen Jahren zu verzeichnen ist, gegenwärtig
geschieht und künftig bei uns sich fortsetzen wird,
die immer vehementer und dreister betriebene
Demontage dieser ökonomisch-materiellen
Zugeständnisse, der Rückbau des so genannten
„Sozialstaates“, bliebe unverständlich ohne den
Fortfall des realen Sozialismus.
Wenn
wir uns heute eingestehen müssen, dass der erste
Anlauf einer sozialistischen Umwälzung letztlich
scheiterte, dann heißt das nicht, dass er der letzte
war. Der Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus
dauerte Jahrhunderte und benötigte mehrere
revolutionäre Anläufe. Alles spricht dafür, dass es
sich beim Übergang zum Sozialismus genauso verhält,
und nichts spricht dagegen, warum es ausgerechnet
hier ein „einmal und nie wieder“ geben soll. Die
Perpetuierung des jetzigen Zustandes wird früher
oder später die Suche nach einem grundsätzlichen
Systemwechsel wieder auf die Tagesordnung setzen,
wobei klar ist, dass sich die Methoden, Strukturen
und Abfolgen revolutionärer Veränderungen künftig im
Vergleich zu früher beträchtlich unterscheiden
werden. Der 7. November 1917 in Russland als
Ergebnis einer konkreten historischen Situation wie
politischen Konstellation ist in der Art, wie er
über die Bühne ging, nicht wiederholbar. Sein Inhalt
wird aber weiterhin historischen Bestand haben, weil
ohne einen politischen Machtwechsel, ohne die
Überführung der Schlüsselpositionen der Wirtschaft
aus dem privatkapitalistischen Besitz in das
Eigentum des Volkes, der Produzenten, an eine echte
antikapitalistische Alternative, eine Überwindung
der Klassenteilung nicht zu denken ist.
Die
Oktoberrevolution von 1917 war der erste und bisher
bedeutendste Anstoß für eine antikapitalistische,
eine sozialistische Alternative. Eine Würdigung
ihrer epochalen Bedeutung muss die Kritik ihrer
Mängel, Unterlassungen und Deformationserscheinungen
einschließen, sie muss aber auch ihren gewaltigen
Schatz an Erfahrungen und positiven Errungenschaften
für ein künftiges Ringen um eine sozialistische
Perspektive auswerten. Nur durch deren Aneignung und
Einfließen in das Traditionsverständnis wird es
heute und in Zukunft linken, emanzipatorischen,
fortschrittsbewussten Kräften möglich sein, das
fortzuführen, wofür vor achtzig Jahren der
Grundstein gelegt wurde.
(Referat auf dem Symposium der Alfred
Klahr Gesellschaft „80 Jahre Oktoberrevolution“, 8.
November 1997; Mitteilungen der Alfred Klahr
Gesellschaft, Nr. 4/1997)
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