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1. Die Menschwerdung
Wenn es in der Natur
dialektisch zugeht, so müssen diese Gesetze auch auf die menschliche
Gesellschaft anwendbar sein und für sie Gültigkeit haben. Denn die
Gesellschaft ist ein Produkt der Natur. Im Folgenden werden wir uns
das genauer ansehen, zuerst bei der Menschwerdung, dann bei der
Entstehung der menschlichen Gesellschaft und schließlich bei der
geschichtlichen Entwicklung ebendieser.
1.1.
Der
Menschwerdungsprozess
Auch nachdem sich
Darwins Lehre von der Entstehung der Arten schon durchgesetzt hatte,
stieß noch ein Punkt auf heftigsten Widerstand: dass der Mensch aus
dem Tierreich kommt, dass Menschen und Affen einen gemeinsamen
Vorfahren haben (bzw. wie fälschlich immer behauptet wurde, dass der
Mensch vom Affen abstammt). „der Mensch ist doch etwas Besonderes,
etwas, das weit über das Tier hinausragt!“, lautete das Gegenargument.
Und doch: der Mensch hat sich aus dem Tierreich heraus entwickelt.
Diese Entwicklung verlief dialektisch, nicht mechanisch; die neue
Qualität dieser Entwicklung (d.h. das Umschlagen von Quantität in eine
neue Qualität) hat zu einer Sonderstellung des Menschen in der Natur
geführt, die oberflächlich betrachtet diese Entwicklung verschleiert.
Gehen wir aber zurück zu den Anfängen der Menschheit und untersuchen
wir die Menschwerdung materialistisch- dialektisch, so werden diese
Zusammenhänge klar erhellt. Genau das wollen wir im folgenden tun.
Die Stammesgeschichte
des Menschen reicht etwa 30 Millionen Jahre zurück. In dieser Zeit
teilte sich die Entwicklung der Primaten (= die höchst entwickelten
Säugetiere) in zwei Linien: Die eine führte zu den heutigen
Menschenaffen (Schimpanse, Gorilla, Orang-Utan), die andere führte zum
Menschen. Genau wie bei der Herausbildung aller anderen Tierarten, so
bewirkten auch hier Mutation und Selektion diese Trennung. (1) In
einem langen biologischen Evolutionsprozess entwickelten sich bei den
tierischen Vorfahren des Menschen solche Fähigkeiten und Eigenschaften
wie de aufrechte Gang, die größere Beweglichkeit der Hände (vor allem
des Daumens) und ein ständig wachsendes Gehirn als Instrument zur
Steuerung komplizierter Bewegungen. Damit entstanden wichtige
biologische Voraussetzungen für die Menschwerdung.
Der späte
Australopithecus, insbesondere der Homo habilis (so nennen
Wissenschaftler diese „Urmenschen“) wird als der unmittelbare
Vorläufer des Menschen angesehen. Er lebte ca. 2 Millionen bis etwa
400.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung in Horden, benutzte bereits
regelmäßig primitive Werkzeuge aus Holz, Knochen und Stein und kannte
bereits Ansätze einer Arbeitsteilung sowie soziales Verhalten.
Aus ihm entwickelte sich
der Homo erectus, der Urmensch, der sich in Teilen Afrikas, Europas
und Asiens ausbreitete (ca. 800.000 bis 250.000 v. u. Z.). Die von ihm
benutzten Werkzeuge weisen größere Vielfalt, bessere
Herstellungstechnik und differenziertere Anwendungsmöglichkeiten auf.
Seine größte Errungenschaft war, dass er bereits das Feuer benutzte,
also eine Naturkraft in seinen Dienst stellte.
Etwa um 250.000 v. u. Z
. taucht eine weitere, höhere Entwicklungsstufe auf, nach ihrem ersten
Fundort benannt: der Neandertaler. Er weist schon viele gemeinsame
Züge mit dem heutigen Menschen auf und wird als Altmensch bezeichnet.
Aus ihm entstand in einem weiteren langen Entwicklungsprozess vor ca.
50.000 Jahren der heutige Mensch.
Die Menschwerdung ist
also ein Prozess der allmählichen Umwandlung eines noch tierischen
Lebewesens in ein qualitativ neues Lebewesen, den Menschen. Dessen
neue Qualität entstand im Ergebnis zahlreicher quantitativer
Veränderungen und führte schließlich zu einem qualitativen Umschlag:
Zur Entstehung der Gesellschaft und der sozialen Bewegungsformen der
Materie. Dieser entscheidende Qualitätsumschlag führte über die
biologischen Bewegungsformen der Materie hinaus. Das Soziale kann
nicht mehr aus biologischen Gesetzmäßigkeiten heraus erklärt werden,
obwohl das viele bürgerliche Verhaltensforscher (z.B. der
Nobelpreisträger Konrad Lorenz) tun. Hier werden qualitativ neue
Triebkräfte wirksam, die es in der biologischen Evolution nicht gibt.
In dem hier nur flüchtig
skizzierten Menschwerdungsprozess ist vor allem eine Frage
entscheidend: Was war der bestimmende Faktor, der den Übergang vom
noch tierischen Vorfahren zum Menschen, vom Biologischen zum Sozialen
bewirkte?
12
1.2.
Der
Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen
Wir verfügen aus der
Zeit der Menschwerdung über keine schriftlichen Dokumente, die Schrift
wurde ja erst vor ca. 4000 Jahren entwickelt, erfunden. Wie können die
Wissenschafter also sagen, dass es sich bei einem Knochenfund noch um
einen Affen oder schon um einen Menschen handelt? Damit landen wir
unweigerlich bei der Frage „Was unterscheidet den Menschen vom Tier?“.
Drei Merkmale können wir hier anführen:
1.
die Herstellung von
Werkzeugen (Arbeit)
2.
die Sprache und
3.
das Denken
Nachdem sich Denken und
Sprache bei Knochenfunden nun mal nicht nachweisen lassen, ist also
der Fund von Werkzeugen eines der wichtigsten Bestimmungsmerkmale.
Ein Einwand: aber Affen
gebrauchen doch auch „Werkzeuge“. Viele von uns kennen das Beispiel
vom Schimpansen, der vor einem Termitenhaufen hockt und nicht an seine
Lieblingsspeise – die Termiten – herankommt. Es ist nun beobachtet
worden, dass Schimpansen in solchen Situationen Grashalme oder Zweige
entblättern, sorgfältig zurechtbeißen und damit in den Öffnungen der
Bauten herumstochern. Termiten, die sich an den Pflanzenteilen
festgebissen haben, können so herausgezogen und verspeist werden. Ist
das nicht auch Werkzeuggebrauch?
Nein! Die Wissenschafter
unterscheiden zwischen „tool-user“ (Werkzeugbenutzer) und „tool-maker“
(Werkzeugmacher). Ein zufällig aufgelesener Stock, ein Zweig, ein
Grashalm ist kein Werkzeug. So bemerkenswert die Leistung unseres
Schimpansen ist, so ist Werkzeugherstellung doch ein qualitativ neuer
Vorgang. Die zunächst zufällige, dann zeitweilige, schließlich immer
häufigere Benutzung von Naturgegenständen stellt nur quantitative
Änderungen dar. Erst der Umschlag in eine neue Qualität führt zu einer
neuen Form der Auseinandersetzung mit der Natur: zur Arbeit! Diese
neue Qualität wird dadurch erreicht, dass nun gezielt (!) Werkzeuge
zur Naturaneignung unter gesellschaftlichen Bedingungen hergestellt
werden. Die Dialektik dieses Vorgangs liegt darin, dass durch die
Werkzeugproduktion und die Arbeit der Mensch entsteht. Die Arbeit
wiederum wirkt auf den Menschen zurück: durch die Arbeit entsteht die
menschliche Gesellschaft, erst dadurch wird der Mensch zum Menschen.
Dieser Prozess verlief in mehreren Etappen:
1. Zunächst entsteht
durch Werkzeugherstellung und Arbeit der Homo habilis. Er ist kein
Affe mehr, denn er ernährt sich auf eine neue Weise: durch die
Ergebnisse seiner Arbeit. Aber er ist auch noch weitab vom fertigen
Menschen, denn Sprache, Bewusstsein und Denken waren bestenfalls im
Ansatz vorhanden.
2.
Die
weitere Entwicklung führt zur Herausbildung der menschlichen
Gesellschaft. Die Arbeit wird zur Existenzgrundlage und macht zum
Überleben das Zusammenwirken mehrerer zu einem gemeinsamen Ziel nötig.
Sprache ist eine der Voraussetzungen dafür (Homo erectus).
3. Schließlich
entwickelt sich die Urgesellschaft auf Basis dieser
Produktionsverhältnisse. Die biologischen Gesetzmäßigkeiten treten
endgültig gegenüber den sozialen und historischen Gesetzmäßigkeiten in
der Entwicklung der Menschheit zurück.
Durch die Arbeit wurde
also der Affe zum Menschen. Religiös-idealistische Philosophen haben
dagegen einen Einwand: Sie erkenne zwar die entscheidende Rolle der
Arbeit bei der Menschwerdung an, behaupten aber: das Denken hat sich
schon vor der Arbeit herausgebildet, denn Arbeit ist ja bewusste
Tätigkeit, in der gedanklich vorweggenommene Ziele verwirklicht
werden. Und das Denken kann nicht materiell erklärt werden. Es wurde
durch ein höheres Wesen (Gott) dem Menschen verliehen. Was stimmt nun
wirklich? Richtig ist, dass die zunächst noch instinktmäßige Tätigkeit
sich in einem langen Entwicklungsprozess in bewusste menschliche
Arbeit gewandelt hat. Dabei entstanden auf der Grundlage der sich
entwickelnden Arbeit auch das menschliche Denken und die menschliche
Sprache. Friedrich Engels war der erste, der diese Erkenntnis durch
die Anwendung der materialistischen Dialektik formulierte. Zahllose
wissenschaftliche Untersuchungen und Entdeckungen haben Jahrzehnte
nach ihm diese Theorie bestätigt. Engels schreibt in seiner Schrift
„Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“:
„Wenn der aufrechte Gang bei unseren behaarten Vorfahren zuerst Regel
und mit der Zeit Notwendigkeit werden sollte, so setzt dies voraus,
dass den Händen inzwischen mehr und mehr anderweitige Tätigkeiten
zufielen. (...) Die Verrichtungen, denen unsere Vorfahren im Übergang
vom Affen zum Menschen im Lauf vieler Jahrtausende allmählich ihre
Hand anpassen lernten, können daher anfangs nur sehr einfache gewesen
sein. Die niedrigsten Wilden, selbst diejenigen, bei denen ein
Rückfall in einen mehr tierähnlichen Zustand mit gleichzeitiger
körperlicher Rückbildung anzunehmen ist, stehen immer noch weit höher
als jene Übergangsgeschöpfe. Bis der erste Kiesel durch Menschenhand
zum Messer verarbeitet wurde, darüber mögen Zeiträume verflossen sein,
gegen die die uns bekannte geschichtliche Zeit unbedeutend erscheint.
Aber der entscheidende Schritt war getan: Die Hand war frei geworden
und konnte sich nun immer neue Geschicklichkeiten erwerben, und die
damit erworbene größere Biegsamkeit vererbte und vermehrte sich von
Geschlecht zu Geschlecht. So ist die Hand nicht nur das Organ der
Arbeit, sie ist auch ihr Produkt.“
(Friedrich
Engels: Dialektik der Natur – Anteil der Arbeit an der Menschwerdung
des Affen. In: Marx/Engels-Werke, Bd.20, S.446 f.)
Die zunehmende
Betätigung der Hand und ihre Umbildung zum wichtigsten Organ der
Arbeit hatte also in doppelter Weise Auswirkungen auf den
Gesamtorganismus:
1. bewirkte sie die
weitere Ausbildung des Gehirns und
2. forderte sie
auf zur Entwicklung der Sprache.
13
1.3.
Die Sonderstellung des Menschen – Sprache und Denken
„Die mit der Ausbildung
der Hand, mit der Arbeit beginnende Herrschaft über die Natur
erweiterte bei jedem neuen Fortschritt den Gesichtskreis des Menschen.
An den Naturgegenständen entdeckte er fortwährend neue, bisher
unbekannte Eigenschaften. Andererseits trug die Ausbildung der Arbeit
notwendig dazu bei, die Gesellschaftsmitglieder näher
aneinanderzuschließen
, in dem sie die Fülle gegenseitiger Unterstützung, gemeinsamen
Zusammenwirkens vermehrte und das Bewusstsein von der Nützlichkeit
dieses Zusammenwirkens für jeden einzelnen erklärte. Kurz, die
werdenden Menschen kamen dahin, dass sie einander etwas zu sagen
hatten. Das Bedürfnis schuf sich sein Organ: Der unterentwickelte
Kehlkopf des Affen bildete sich langsam, aber sicher um durch
Modulation für stets gesteigerte Modulation, und die Organe des Munds
lernten allmählich, einen artikulierten Buchstaben nach dem anderen
auszusprechen. (...) Arbeit zuerst, nach und dann mit ihr die Sprache
– das sind die beiden wesentlichsten Antriebe, unter deren Einfluss
das Gehirn des Affen in das bei aller Ähnlichkeit weit größere und
vollkommenere eines Menschen allmählich übergegangen ist. Mit der
Fortbildung des Gehirns aber ging Hand in Hand die Fortbildung seiner
nächsten Werkzeuge, der Sinnesorgane.“
So wie Engels die
Ausbildung der Sprache hier materialistisch erklärt, so lässt sich
ebenso die Auswirkung der Arbeit auf das Gehirn erklären. Die immer
feiner abgestimmten Tätigkeiten und komplizierten Verrichtungen
erfordern ein entsprechend verfeinertes Gehirn zur Steuerung. Dieses
„verbesserte“ Gehirn wiederum ist die Voraussetzung für noch feinere
und kompliziertere Aktivitäten usw.
Folgende Untersuchung
beweist Engels’ geniale und vorausblickende These. Die Medizin ist
seit einigen Jahrzehnten in der Lage, durch am kopf angebrachte
Elektroden ganz bestimmte Teile der Gehirnrinde zu reizen. Reizt man
beispielsweise das für die Bewegung der Zehen zuständige Gebiet, so
kommt es zu Zuckungen in den Zehen. Die Größen dieser
Gehirnrindenbezirke entsprechen nun aber keineswegs den Größen der
betreffenden Körperteile. Stellt man sich die Abbildung des ganzen
menschlichen Körpers in der Großhirnrinde ebenfalls in Gestalt eines
Menschen vor, dann hat dieser eine merkwürdig verfremdete Gestalt: an
einem winzigen Körper sitzen riesige Arme, von denen die Hände am
größten sind, ein sehr großer Kopf mit einer riesigen Zunge und einem
unverhältnismäßig großen Kehlkopf. Daraus geht hervor, dass die
Tätigkeiten der Hände und die Verrichtungen des Sprechapparates den
größten Einfluss auf die Entwicklung des Gehirns hatten. Ein Vergleich
mit dem Affen zeigt bei diesem noch eine relativ proportionierte
Abbildung (=Repräsentation) auf der Gehirnrinde. „So ist die Hand
nicht nur das Organ der Arbeit, sie ist auch ihr Produkt!“
(Engels).
Der Übergang von der
instinktiven Tätigkeit der werdenden Menschen zur kollektiven Arbeit
war auch der entscheidende Schritt, der zur Herausbildung des
bewussten Verhaltens und des Bewusstseins als einer neuen qualitativen
Stufe der psychischen Tätigkeit führte. In der Wechselwirkung der
kollektiven Arbeit mit dem Gehirn, dem entstehenden Denken und der
damit verbundenen Sprache hat sich in einem langen Entwicklungsprozess
das Bewusstsein der werdenden Menschen allmählich geformt. Die
bestimmende Triebkraft in diesem Prozess war wiederum die Arbeit.
Abschließend noch einige Bemerkungen zum Denken und zum Bewusstsein.
Es würde den Rahmen dieser Einführungsschrift sprengen, auf die
materialistisch- dialektische Entwicklung des Denkens und des
Bewusstseins im Detail einzugehen. Hier daher nur einige Anmerkungen,
die sich auf die Sonderstellung des Menschen beziehen:
Durch die ständige
Höherentwicklung des Gehirns (Veränderung der Quantität) entstand im
Laufe der Entwicklung eine neue Qualität, das Bewusstsein. Die neue
Qualität besteht darin, dass die Menschen fähig wurden, die objektive
Realität (d.h. ihre Außenwelt) in ideellen, also gedanklichen
Abbildern widerzuspiegeln. Diese Abbilder könnte man auch als die
„Übersetzung“ der materiellen Welt in gedankliche, also immaterielle
Bilder bezeichnen. Das Bewusstsein umfasst also das Wissen des
Menschen über die objektive Realität. Die Empfindungen, Wahrnehmungen
und Vorstellungen, d.h. die sinnlich konkreten (mit den Sinnen
erfassbaren) Abbilder der objektiven Realität, gehören dazu ebenso wie
das Denken und die gedanklich – abstrakten Abbilder und natürlich auch
das Gedächtnis, sprich die Fähigkeit, sowohl sinnliche als auch
abstrakte Bilder zu speichern. Das Bewusstsein ist nicht nur das
Bewusstsein über die materielle Welt, sondern immer auch
Selbstbewusstsein des Menschen. Er unterscheidet – wie die Psychologen
sagen – das „Ich“ vom „Nicht–ich“, das Subjekt vom Objekt.
Das Bewusstsein
ermöglicht zielorientierte Tätigkeiten des Menschen. Von Erkenntnissen
über die Eigenschaften und Zusammenhänge der Gegenstände ausgehend,
werden Ziele der Tätigkeiten bestimmt, werden Antriebe zum Handeln
(Motivationen) ausgearbeitet und Willensentscheidungen getroffen.
Zugleich werden die Resultate der Tätigkeiten kontrolliert und
nötigenfalls korrigiert. Darüber hinaus ist das Bewusstsein ein sehr
komplexes Verhältnis des Subjekts zu seiner Umwelt, ein Verhältnis,
das sich in Gefühlen, in Einstellungen und im Verhalten zu
Gegenständen, Prozessen, Menschen und gesellschaftlichen Verhältnissen
äußert.
Das Denken ist innerhalb
aller Bewusstseinsprozesse die höchste und komplizierteste Form der
psychischen Tätigkeit des Menschen. Das Denken kann sich durch das
Operieren mit Begriffen von der durch die Sinnesorgane fassbaren
Realität lösen und zur Erkenntnis allgemeiner, abstrakter,
wesentlicher und notwendiger Zusammenhänge vordringen. Denken kann nur
auf der Basis der Sprache funktionieren, Denken und Sprache bilden
eine untrennbare Einheit und unterscheiden den Menschen vom Tier. Erst
durch Denken und Sprache wurde es möglich, Gedanken und Erfahrungen
von einer Generation an die andere weiterzugeben. Ein unschätzbarer
Vorteil gegenüber dem Tier. Während jedes Tier nur aufgrund seiner
angeborenen Instinkte und während seines Lebens gemachter Erfahrungen
sein Leben bewältigen muss, kann der Mensch auf dem Wissen seiner
Vorfahren aufbauen und dieses weiterentwickeln. Erst dadurch wurde die
ständige Weiterentwicklung der Arbeitsweisen und damit der
menschlichen Gesellschaft möglich.
14
1.4.
Die Wechselwirkung von Natur und Gesellschaft
„Die
Rückwirkung der Entwicklung des Gehirns und seiner dienstbaren Sinne,
des sich mehr und mehr klärenden Bewusstseins, Abstraktions- und
Schlussvermögens auf Arbeit und Sprache gab beiden immer neuen Anstoß
zur Weiterbildung, einer Weiterbildung, die nicht etwa einen Abschluss
fand, sondern die seitdem bei verschiedenen Völkern und zu
verschiedenen Zeiten verschieden nach Grad und Richtung, stellen weise
selbst unterbrochen durch örtlichen und zeitlichen Rückgang, im ganzen
und großen gewaltig vorangegangen ist; einerseits mächtig
vorangetrieben, andererseits in bestimmte Richtungen gelenkt durch ein
mit dem Auftreten des fertigen Menschen neu hinzutretendes Element –
die Gesellschaft.“
(Alle
Texte im Kapitel 1.4. aus: Friedrich Engels, „Der Anteil der Arbeit an
der Menschwerdung des Affen“, Dietz Verlag, Berlin, MEW,
Bd.20, S.450
ff.)
Die
menschliche Gesellschaft ist das höchste Produkt der Entwicklung der
organischen Natur. Sie geht aus der Natur hervor, bleibt aber immer
Teil dieses Naturzusammenhanges. Und doch ist sie der entscheidendste
Sprung in der Entwicklung der Natur. Warum? Die menschliche
Gesellschaft gewinnt die Fähigkeit, sich der Natur wie eine große
Naturkraft gegenüberzustellen . Sie beginnt einen „Kampf“ mit der
Natur, von der sie selbst ein Teil ist, um ihr die Mittel zum
Lebensunterhalt abzuringen. Sie verändert die Natur in zunehmendem
Maße, sie versucht immer mehr Naturkräfte und
-prozesse
zu beherrschen und in ihren Dienst zu stellen.
„Die
Tiere, wie schon angedeutet, verändern durch ihre Tätigkeit die äußere
Natur ebenso gut, wenn auch nicht in dem Maße wie der Mensch, und
diese durch sie vollzogenen Änderungen ihrer Umgebung wirken, wie wir
sahen, wieder verändernd auf ihre Urheber zurück. Denn in der Natur
geschieht nichts vereinzelt. Jedes wirkt aufs andere und umgekehrt,
und es ist meist das Vergessen dieser allseitigen Bewegung und
Wechselwirkung, das unsere Naturforscher hindert, in den einfachsten
Dingen klar zu sehen. Wir sahen, wie die Ziegen die Wiederbewaldung
von Griechenland verhindern; in Sankt Helena haben die von den ersten
Anseglern ausgesetzten Ziegen und Schweine es fertiggebracht, die alte
Vegetation der Insel fast ganz auszurotten, und so den Boden bereitet,
auf dem die von späteren Schiffern und Kolonisten zugeführten Pflanzen
sich ausbreiten konnten. Aber wenn Tiere eine dauernde Einwirkung auf
ihre Umgebung ausüben, so geschieht dies unabsichtlich und ist, für
diese Tiere selbst, etwas Zufälliges.
Je
mehr die Menschen sich aber vom Tier entfernen, desto mehr nimmt ihre
Einwirkung auf die Natur den Charakter vorbedachter, planmäßiger, auf
bestimmte, vorher bekannte Ziele gerichteter Handlung an. Das Tier
vernichtet die Vegetation eines Landstrichs, ohne zu wissen, was es
tut. Der Mensch vernichtet sie, um in den freigewordenen Boden
Feldfrüchte zu säen oder Bäume und Reben zu pflanzen, von denen er
weiß, dass sie ihm ein Vielfaches der Aussaat einbringen werden. Er
versetzt Nutzpflanzen und Haustiere von einem Land ins andere und
verändert und ändert so die Vegetation und das Tierleben ganzer
Weltteile. Noch mehr. Durch künstliche Züchtung werden Pflanzen wie
Tiere unter der Hand des Menschen in einer Weise verändert, dass sie
nicht wiederzuerkennen sind.(...) Kurz, das Tier benutzt die äußere
Natur bloß und bringt Änderungen in ihr einfach durch seine
Anwesenheit zustande; der Mensch macht sie durch seine Änderungen zu
seinen Zwecken dienstbar, beherrscht sie. Und das ist der letzte,
wesentliche Unterschied des Menschen von den übrigen Tieren, und es
ist wieder die Arbeit, die diesen Unterschied bewirkt.“
Natur und menschliche Gesellschaft bilden eine Einheit von
Gegensätzen, die zugleich in einem ständigen Kampf miteinander liegen.
Dieser dialektische Widerspruch ist eine der mächtigsten Triebkräfte
der gesellschaftlichen Entwicklung. Er wird durch die
gesellschaftliche Produktion ständig teilweise gelöst und zugleich auf
einer höheren Stufe immer wieder neu gesetzt.
Wenn
die Gesellschaft durch verbesserte Produktionsmethoden der Natur mehr
Mittel zum Lebensunterhalt abringen kann, entwickelt sich die
Gesellschaft weiter und es entstehen neue Bedürfnisse usw., so dass
der Widerspruch zwischen dem erreichten Stand der Naturnutzung und
-beherrschung
einerseits und den gesellschaftlichen Bedürfnissen andererseits auf
höherer Stufe wieder neu entsteht. Würde die Gesellschaft die
Produktion einstellen, d.h. die ständige Auseinandersetzung mit der
Natur aufgeben, dann müsste sie unweigerlich zugrunde gehen. Ihre
besondere Qualität, die sie über die Natur erhebt, ginge verloren und
die Menschen müssten in den rohen Naturzustand versinken.
Im
Laufe der geschichtlichen Entwicklung wurde diese Wechselwirkung
zwischen Gesellschaft und Natur immer umfangreicher und intensiver.
Immer mehr Naturkräfte, -prozesse und
-bestandteile
wurden in der Produktion genutzt. Die Wechselwirkung zwischen Natur
und Gesellschaft nahm globalen Charakter an. Die Natur bleibt jedoch
immer die Existenzgrundlage der menschlichen Gesellschaft. Solange die
Produktionsmethoden noch primitiv waren, blieben die Auswirkungen auf
die Natur gering, wenngleich auch schon damals tiefgreifende
Zerstörungen vorgenommen wurden. Mittlerweile aber steht die Welt am
Rande einer globalen ökologischen Katastrophe. Die Ursachen dafür
liegen in einer Produktionsweise, deren oberstes Ziel die
Profitmaximierung ist. Und so stehen die „Herren der Schöpfung“ vor
der Tatsache, dass die ökologische Krise zugleich die Krise unserer
Produktionsverhältnisse ist. Friedrich Engels warnte schon vor über
100 Jahren vor vermeintlichen Siegen über die Natur:
„Schmeicheln wir uns indes nicht zu sehr mit unsern menschlichen
Siegen über die Natur. Für jeden solchen Sieg rächt sie sich an uns.
Jeder hat in erster Linie zwar die Folgen, auf die wir gerechnet, aber
in zweiter und dritter Linie hat er ganz andre, unvorhergesehene
Wirkungen, die nur zu oft jene ersten Folgen wieder aufheben. Die
Leute, die in Mesopotamien, Griechenland, Kleinasien und anderswo die
Wälder ausrotteten, um urbares Land zu gewinnen, träumten nicht, dass
sie damit den Grund zur jetzigen Verödung jener Länder legten, indem
sie ihnen mit den Wäldern die Ansammlungszentren und Behälter der
Feuchtigkeit entzogen. Die Italiener der Alpen, als sie die am
Nordabhang des Gebirgs so sorgsam gehegten Tannenwälder am Südabhang
vernutzten, ahnten nicht, dass sie damit der Sennwirtschaft auf ihrem
Gebiet die Wurzel abgruben; sie ahnten noch weniger, dass sie dadurch
ihren Bergquellen für den größten Teil des Jahrs das Wasser entzogen,
damit diese zur Regenzeit um so wütendere Flutströme über die Ebene
ergießen könnten. Die Verbreiter der Kartoffel in Europa wussten
nicht, dass sie mit den mehligen Knollen zugleich die Skrofelkrankheit
verbreiteten. Und so werden wir bei jedem Schritt daran erinnert, dass
wir keineswegs die Natur beherrschen, wie ein Eroberer ein fremdes
Volk beherrscht, wie jemand, der außer der Natur steht. (...) Am
vollständigsten ist dies in der jetzt in Westeuropa herrschenden
kapitalistischen Produktionsweise durchgeführt. Die einzelnen,
Produktion und Austausch beherrschenden Kapitalisten können sich nur
um den unmittelbarsten Nutzeffekt ihrer Handlungen kümmern. Ja selbst
dieser Nutzeffekt - soweit es sich um den Nutzen des erzeugten oder
ausgetauschten Artikels handelt - tritt vollständig in den
Hintergrund; der beim Verkauf zu erzielende Profit wird die einzige
Triebfeder. Die Sozialwissenschaft der Bourgeoisie, die klassische
politische Ökonomie, beschäftigt sich vorwiegend nur mit den
unmittelbar beabsichtigten gesellschaftlichen Wirkungen der auf
Produktion und Austausch gerichteten menschlichen Handlungen. Dies
entspricht ganz der gesellschaftlichen Organisation, deren
theoretischer Ausdruck sie ist. Wo einzelne Kapitalisten um des
unmittelbaren Profits willen produzieren und austauschen, können in
erster Linie nur die nächsten, unmittelbarsten Resultate in Betracht
kommen. Wenn der einzelne Fabrikant oder Kaufmann die fabrizierte oder
eingekaufte Ware nur mit dem üblichen Profitchen verkauft, so ist er
zufrieden, und es kümmert ihn nicht, was nachher aus der Ware und
deren Käufer wird. Ebenso mit den natürlichen Wirkungen derselben
Handlungen. Die spanischen Pflanzer in Kuba, die die Wälder an den
Abhängen niederbrannten und in der Asche Dünger genug für eine
Generation höchst rentabler Kaffeebäume vorfanden - was lag ihnen
daran, dass nachher die tropischen Regengüsse die nun schutzlose
Dammerde herabschwemmten und nur nackten Fels hinterließen? Gegenüber
der Natur wie der Gesellschaft kommt bei der heutigen Produktionsweise
vorwiegend nur der erste, handgreiflichste Erfolg in Betracht; und
dann wundert man sich noch, dass die entfernteren Nachwirkungen der
hierauf gerichteten Handlungen ganz andre, meist ganz entgegengesetzte
sind.“
(F. Engels: Dialektik der Natur – Anteil der Arbeit an der
Menschwerdung des Affen. In: Marx/Engels-Werke, Bd. 20, S.450ff.)
2
2. Kurzer Einschub: Es gibt verschiedene Arten von
Geschichtsschreibung.
„Geschichte ist, was ein Zeitalter an dem anderen interessiert“,
formulierte einmal der Schweizer Kulturhistoriker Jacob Burckhardt.
Diese Aussage setzen wir nun in Verbindung mit einer weiteren, diesmal
vom amerikanischen Philosophen George Santayana: „Wer sich an die
Vergangenheit nicht erinnern kann, ist verdammt, sie zu wiederholen.“
Santayana leitet daraus den Auftrag ab, die Geschichte zu studieren
und aus ihr zu lernen.
Für uns ergeben sich daraus zwei wesentliche Konsequenzen: zum Einen
müssen wir klären, was uns interessiert – oder anders ausgedrückt –
was unsere Interessen sind. Zum Anderen müssen wir, um aus der
Geschichte Lehren ziehen zu können, geschichtliche Vorgänge verstehen,
begreifen, erklären.
Das, was wir hier einfach und logisch ausführen, gestaltet sich aber
in der Praxis wesentlich schwieriger. Denn die Geschichtsschreibung,
die wir kennen, z.B. aus dem Schulunterricht, hilft uns weder beim
Einen noch beim Anderen. Und es wird auch schnell klar werden, warum:
Geschichtsschreibung ist immer ein Monopol der Herrschenden gewesen,
zu allen Zeiten und in allen Gesellschaften. Deren überlieferte
Geschichte berichtet uns daher aus deren Sicht und in deren Interesse.
Wir erfahren von Königen, Kaisern und Päpsten, von Kriegen, die sie
führten, gewannen oder verloren, wie sie lebten und wie sie
„Geschichte machten“. In diesem Fall ist eine solche
Geschichtsschreibung (im Burckhardtschen Sinn) gar nicht mehr
Geschichte, jedenfalls nicht unsere. Bernd Engelman hat das in seinem
Deutschen Anti-Geschichtsbuch „Wir Untertanen“ an einem Beispiel
äußerst eindringlich dargestellt.
„Nehmen wir ein krasses Beispiel und versuchen wir uns einmal
vorzustellen, wir seien keine Mitteleuropäer der Gegenwart, sondern
Afrikaner eines späteren Jahrhunderts. Sagen wir: Bürger des
westafrikanischen Freistaats Sierra Leone des Jahres 2074, und an den
Schulen unseres Landes lehrte man uns oder unseren (schwarzhäutigen)
Kindern die Geschichte Sierra Leones, wobei die Lage im letzten
Drittel des 19. Jahrhunderts etwa so beschrieben würde: „Es war eine
für unser Land überaus glückliche Zeit des wachsenden Wohlstandes und
des dauerhaften Friedens. Es herrschten Gesetz und Ordnung,
Gottesfurcht und Sittsamkeit. Die Wirtschaft blühte wie nie zuvor.
Anbau und Ausfuhr von Kakao, Elfenbein, Erdnüssen und Ingwer nahmen
gewaltig zu. Der Palmkern- Export erreichte eine Rekordhöhe. Man
entdeckte Diamanten- und Chromerzvorkommen, und deren intensive
Ausbeutung brachte soviel Reichtum ins Land, dass auch einfache
Beamte, Geistliche, Techniker und Unteroffiziere ein sehr gutes
Auskommen hatten. Sie konnten sich komfortable Wohnungen,
Hausangestellte, beste ärztliche Versorgung und gute Schulen für ihre
Kinder leisten. Man trieb viel Sport, vor allem Tennis, Golf, Cricket
und Polo. In Clubs und Privathäusern pflegte man Geselligkeit und
suchte Zerstreuung bei Musil, Tanz, Kartenspiel und
Laientheateraufführungen. Dabei hielt man, auch bei größter Hitze,
stets auf korrekte Kleidung: Die Herren trugen abends Smoking, Frack
oder Ausgehuniform; die Damen zeigten sich in langen, hinten über den
Boden schleppenden, in der Taille eng geschnürten Kleidern aus Seide
oder Samt, geschmückt mit vielen Spitzen, Rüschen und Bändern. Und man
gedachte, sobald das Zusammensein dem Ende zuging und der letzte
Walzer verklungen war, stets mit dem stehend gesungenen Lied „Gott
schütze unsere Königin!“ der fernen Herrscherin, unserer seit 1837
regierenden Landesmutter Victoria, einer Enkelin Georgs III. aus dem
Hause Hannover, die bis zu ihrem tief betrauerten Tode im Jahre 1901
unser von allen hoch verehrtes Staatsoberhaupt war. Der Königin zur
Seite stand der stille und bescheidene, um die Londoner
Weltausstellung 1851 hochverdiente Prinzgemahl Albert aus dem Hause
Sachsen- Coburg und Gotha, geboren 1819, gestorben 1861.
In dieser glänzenden, nach der Königin „viktorianisch“ genannten
Epoche kostete in unserer Hauptstadt Freetown das Pfund Tee nur
fünfeinhalb Pence, ein Pfund Orangenmarmelade vier Pence, die Flasche
Gin zwei Schillinge, ein Stück guter Toilettenseife dreieinhalb Pence,
eine seidene Smoking – Schleife einen Schilling und sechs Pence, das
Abonnement einer (mit mindestens 14 tagen Verspätung eintreffenden)
Londoner Tageszeitung, gleich ob konservativer oder gemäßigt –
liberaler Richtung, monatlich zwei Schillinge. Obwohl niemand
körperliche oder schmutzige Arbeit verrichtete, nahmen alle, arm oder
reich, täglich mindestens ein Brause- oder Wannenbad. Man war
hygienisch, aber auch fromm. Der Sonntag war dem Kirchgang, der
Andacht, ernster Lektüre und der klassischen Musik gewidmet.
Wohltätigkeit, Sitte und Anstand, zumindest deren äußerer Anschein,
waren unerlässliche Voraussetzungen für einen gesellschaftlichen
Erfolg. Daneben legte man großen Wert auf standesgemäßes Auftreten und
auf Bequemlichkeit. Man genoss alle Vorzüge der hochentwickelten
Zivilisation und fortgeschrittenen Technik, hatte ausgeprägte Ehr- und
Gerechtigkeitsbegriffe und erfreute sich höchsten Ansehens bei allen
Nachbarn...“.
Ein solcher Geschichtsunterricht müsste den Bewohnern von Sierra
Leone des Jahres 2074 geradezu absurd erscheinen. Denn im letzten
Viertel des 19. Jahrhunderts, von dem die Rede war, lebten von den –
damals noch nicht gezählten, nur grob geschätzten – rund zwei
Millionen Einwohnern dieses westafrikanischen Landes höchstens 0,02
Prozent etwa so, wie beschrieben. Dagegen kannten 99,98 Prozent der
Landeskinder weder Hygiene noch andere Vorteile der Zivilisation, sie
spielten niemals Tennis oder gar Polo, waren an Tee, Orangenmarmelade
und Smoking – Schleifen kaum interessiert und konnten, obwohl auch
ihnen die körperliche Schwerarbeit in glühender Hitze verhasst war,
sich dieser leider nicht entziehen. Und selbst ein kostenloser Bezug,
der Londoner Times oder des Daily Telegraph hätte ihnen wenig genutzt;
sie waren nämlich fast ausnahmslos Analphabeten, zudem der englischen
Sprache gar nicht oder nur sehr beschränkt mächtig. Die Masse der
Bevölkerung von Sierra Leone lebte damals in unbeschreiblicher Armut,
litt unter Hunger und Seuchen, hatte eine durchschnittliche
Lebenserwartung von unter 27 Jahren, wurde entsetzlich ausgebeutet und
war nahezu rechtlos. Die kargen Mahlzeiten nahmen selbst die
Häuptlinge nicht im Frack oder in Ausgehuniform ein, und auch deren
Frauen trugen keine seidenen Schleppkleider mit enggeschnürten
Taillen, sondern höchstens ein paar Lumpen. Die gerecht Ordnung, die
damals in Sierra Leone herrschte, bestand im Wesentlichen darin, dass
in sehr regelmäßigen Abständen ein weißer Kolonialoffizier mit sechs
Haussa- Soldaten in den Dörfern erschien und im Schutz der
Schnellfeuergeschütze eines am nahen Flussufer vor Anker liegenden
Kanonenbootes die enorm hoch festgesetzten Steuern eintrieb. Säumigen
Zahlern ließ der weiße Herr eine Hand oder einen Fuß abschlagen. Ihm
unfähig dünkenden Häuptlingen drohte Absetzung und Verschickung in ein
Bergwerk, wo sie als Kettensträflinge Zwangsarbeit zu verrichten
hatten. Aufsässige wurden öffentlich ausgepeitscht, Aufrührer
niedergeschossen und am nächsten Baum aufgeknüpft. Eine ärztliche
Versorgung der eingeborenen Bevölkerung gab es so gut wie nicht;
weniger als 0,1 Prozent der Kinder erhielten Elementarunterricht,
vornehmlich aus der Bibel und dem Gesangsbuch – kurz, die gesamte
Schilderung der Zustände in Sierra Leone Ende des vorigen
Jahrhunderts, die hier als Beispiel für einen möglichen
Geschichtsbuch- Text gegeben wurde, ist zwar insofern historisch
richtig, als es tatsächlich unter den damals zwei Millionen
Landbewohnern ein paar Leute gegeben hat, die so, wie beschrieben,
gelebt haben. Aber die Darstellung bezog sich eben nur auf diese knapp
vierhundert Weißen und ihre speziellen Interessen. Dergleichen im Jahr
2074 allen Bürgern des dann seit mehr als einem Jahrhundert vom
Kolonialismus befreiten Landes Sierra Leone als deren geschichtliche
Vergangenheit aufzutischen, wäre wahrlich unsinnig und eine dreiste
Zumutung.“
Deutlicher kann man die unterschiedlichen Arten der
Geschichtsschreibung kaum mehr zum Ausdruck bringen: Hier die uns
bekannte, die Geschichte der Herrschenden, also die
Geschichtsschreibung von oben. Dort die Art der Geschichtsschreibung,
die wir nicht in der Schule lernen; unsere eigene Geschichte, die
Geschichte der 99,9% der Menschen, also Geschichtsschreibung von
unten, aus Sicht der Beherrschten.
Als MarxistInnen müssen wir aber noch einen Schritt weiter gehen.
Geschichtsschreibung von unten ist uns noch zu wenig, wenn auch schon
bei weitem besser und informativer als die altbekannte Art. Für uns
ist es vor allem wichtig – und nur so können wir aus der Geschichte
lernen – die Ursachen, die Triebkräfte geschichtlicher Veränderungen
herauszufinden. Warum gibt es lange Perioden scheinbarer Ruhe und
plötzlich schlagen sie in gewaltigen Aufruhr, ja Umsturz um? Ist das
eine Laune des Schicksals? Oder der Willen eines mächtigen Mannes,
eines Herrschers? Wir wissen, selbst aus unserem Schulunterricht, dass
die Menschen im Laufe der Geschichte ihr Zusammenleben unterschiedlich
organisiert haben. Bleibt zu fragen, warum. Warum wurde etwas
scheinbar Jahrhunderte lang bewährtes plötzlich über Bord geworfen und
durch etwas neues, unbekanntes ersetzt? Wer bestimmt überhaupt den
Lauf der Geschichte? Bzw. ist Geschichte überhaupt machbar? Wenn ja,
wer macht sie? Ein Gott? Große Persönlichkeiten? Oder etwa die
Verhältnisse, unter denen Menschen leben?
Neben der Geschichtsschreibung von oben und unten gibt es also noch
zwei weitere Formen: einerseits eine Geschichtsschreibung, die Fakten
und Daten chronologisch aneinander reiht, andererseits eine
Geschichtsschreibung, die diese Fakten und Daten verknüpft, in eine
Zusammenhang bringt, Triebkräfte und Ursachen aufklärt. Diese letztere
Art der Geschichtsschreibung wird möglich durch die Anwendung der
materialistischen Dialektik auf die Geschichte, durch den historischen
Materialismus. Im folgenden wollen wir uns diese Methode erarbeiten.
Zu betonen ist noch einmal, dass der historische Materialismus das
Studium der Geschichte, die Kenntnis der Fakten und Tatsachen nicht
ersetzen kann. Was er aber sehr wohl kann, ist diese zu verknüpfen, zu
verallgemeinern, daraus Zusammenhänge abzuleiten. Erst damit wird
Lernen aus der Geschichte möglich.
3
3. Produktionsweise und Gesellschaftsformationen
3.1.
Die Arbeit
Es liegt nahe, mit der Arbeit als Ausgangspunkt der Gesellschaft zu
beginnen. Die Arbeit – wir wissen es aus Kapitel 1 – war für die
Menschwerdung ebenso ausschlaggebend wie für die Bildung der
Gesellschaft. Auch Marx und Engels folgten bei der Entwicklung des
historischen Materialismus dieser Überlegung. Wie auch bei der
Erarbeitung des dialektischen Materialismus konnten sie dabei auf
Arbeiten von Zeitgenossen oder vor ihnen lebenden Gelehrten aufbauen.
Die englischen Ökonomen William Petty (1623-1687),
Adam Smith (1723-1790) und David Ricardo (1772-1823) machten vor allem
auf die Bedeutung der Arbeit, der materiellen Produktion als der
Quelle des Reichtums aufmerksam. Sie schufen die wissenschaftlichen
Grundlage der Arbeitswerttheorie und entdeckten schließlich –
namentlich Ricardo – im Gegensatz der Klassen und Klasseninteressen
das Geheimnis der bürgerlichen Gesellschaft. Wenn sie die Existenz von
Klassen auch noch nicht wissenschaftlich erklären konnten (für sie
waren sie ein unveränderliches Naturgesetz), so schufen sie dennoch
mit ihren ökonomischen Lehren wichtige theoretische Voraussetzungen
für die materialistische Geschichtsauffassung.
Auch die französischen Historiker Thierry, Mignet und Guizot erkannten
zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Klassenkampf die Triebkraft
zumindest der neueren Geschichte. Und nicht zuletzt die utopischen
Sozialisten, die eine scharfe Kritik am Kapitalismus übten, entwarfen
Pläne zur Neugestaltung der Gesellschaft in einer höheren, gerechteren
Form, zur Entwicklung der Produktivkräfte, der Eigentumsformen, der
Klassen- und Familienbeziehungen, Gedanken, die im historischen
Materialismus wissenschaftliche begründet wurden.
Marx und Engels begnügten sich nicht mehr mit der bloßen Wiederholung
der schon von früheren Denkern getroffenen Feststellungen, dass es in
der Gesellschaft nun mal Arme und Reiche, Herrschende und Beherrschte
gibt, dass der Klassenkampf die Triebkraft der Geschichte ist. Sie
stellten und beantworteten die wissenschaftliche Frage, worin der
Ursprung, die Ursachen und die Wurzeln der Ungleichheit der Menschen
liegen, worin die der Existenz und des Kampfes der Klassen, warum also
der Klassenkampf eine gesetzmäßige und notwendige Erscheinung ist, wie
die Klassen historisch entstanden, in welcher Richtung der
Klassenkampf sich entwickelt usw. Und sie begannen ihre Untersuchung
bei – der Arbeit.
Marx und Engels haben menschliches Verhalten oder geschichtliche
Prozesse nicht auf das alleinige Wirken von Naturkräften und -gesetzen
zurückgeführt. Aber sie haben auch nicht die tatsächlichen Einflüsse
der Natur auf den Menschen, die Abhängigkeit der Gesellschaft von der
Natur unberücksichtigt gelassen. Vielmehr legten sie besonderes
Augenmerk auf die Wechselbeziehungen von Natur und Gesellschaft, auf
die Veränderung der Natur durch den Menschen, oder anders ausgedrückt,
auf die dialektische Wechselwirkung von Natur und Gesellschaft.
In der Arbeit äußert sich sowohl der Unterschied als auch der
Zusammenhang zwischen Natur und Gesellschaft. Arbeit ist praktische,
materielle Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur. Einerseits
ist der Mensch kein Naturwesen wie alle anderen; er vermag bewusst zu
handeln. Andererseits ist der Mensch ein Naturwesen; er bedarf der
Natur zur Aufrechterhaltung seiner Existenz, aus der Natur bezieht er
seine Mittel zum Lebensunterhalt. Um zu leben, muss er sich also mit
der Natur auseinandersetzen – durch Arbeit.
Karl Marx definiert Arbeit im ersten Band seines Werkes „Das Kapital“
folgendermaßen:
„Die Arbeit ist zunächst ein Prozess zwischen Mensch und Natur, ein
Prozess, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch
seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem
Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber. Die seiner
Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand,
setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer für sein eignes
Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem er durch diese Bewegung auf
die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich
seine eigne Natur.“
(Marx, Karl: Das Kapital. In: Karl Marx/Friedrich Engels – Werke, Bd.
23, S. 192)
Die Arbeit liefert uns also den Schlüssel zum Verständnis jener
Zusammenhänge, Wechselwirkungen und Prozesse, welche die Entwicklung
des Menschen und der Gesellschaft beherrschen. Diese Erkenntnis entzog
allen idealistischen Geschichtsauffassungen den Boden: nicht ein
göttlicher Plan, eine bestimmte Idee oder der Wille eines Herrschers
macht und bestimmt den Lauf der Geschichte, sondern innere Triebkräfte
und Gesetzmäßigkeiten der menschlichen Gesellschaft und ihrer
Produktionsweisen. Bevor wir zu weit vorgreifen, noch einmal zurück
zur Arbeit:
„Der Arbeitsprozess, wie wir ihn in seinen einfachen und abstrakten
Momenten dargestellt haben, ist zweckmäßige Tätigkeit zur Herstellung
von Gebrauchswerten, Aneignung des Natürlichen für menschliche
Bedürfnisse, allgemeine Bedingung des Stoffwechsels zwischen Mensch
und Natur, ewige Naturbedingung des menschlichen Lebens und daher
unabhängig von jeder Form dieses Lebens, vielmehr allen seinen
Gesellschaftsformen gleich gemeinsam.“
(Marx, Karl: Das Kapital. In: Karl Marx/Friedrich Engels – Werke, Bd.
23, S. 198)
Wir wissen doch, dass sich die menschliche Arbeit unter verschiedenen
gesellschaftlichen Umständen sehr erheblich unterscheidet, so in den
Mitteln und Methoden, mit denen gearbeitet wird, als auch hinsichtlich
der Ergebnisse, die dabei erzielt werden. Ist das nicht ein logischer
Widerspruch? Einerseits wird behauptet, die Arbeit liefere den
Schlüssel zur Erklärung des gesellschaftlichen Lebens, andererseits
zeigt sich, dass die Arbeit in verschiedenen Gesellschaften ganz
unterschiedliche Inhalte hat. Resultieren diese Unterschiede nicht
gerade aus der Beschaffenheit der jeweiligen gesellschaftlichen
Verhältnisse, die wir mit Hilfe der Arbeit erklären wollen. Ist es
also möglich, mit unserem behaupteten Universalschlüssel „Arbeit“
sowohl den faustkeilschwingenden Höhlenmenschen und seine
Gesellschaftsverhältnisse als auch den Mann oder die Frau am Computer
und unsere jetzige Gesellschaft zu erklären? Um diese Frage zu klären,
müssen wir daher die Bedingungen in Augenschein nehmen, unter denen
die menschliche Arbeit geleistet wird. Es gilt, den Zusammenhang und
die Wechselwirkung von Arbeit und Gesellschaft zu analysieren.
32
3.2.
Die Gesellschaft
Wir wiederholen hier ein Zitat von Karl Marx aus seinem Vorwort „Zur
Kritik der Politischen Ökonomie“, das wir schon im Zuge der Erklärung
des dialektischen Materialismus kennen gelernt haben. Damals ging es
um die Frage, ob auch die Gesellschaft materiell ist, wer das
Bestimmende, wer das Bestimmte ist. Nun gehen wir ins Details, d.h.
wir analysieren im folgenden die Wechselwirkungen zwischen Arbeit und
Gesellschaft. Diese Sätze Marx’ werden nicht zu Unrecht die geniale,
prägnante Kurzformel des historischen Materialismus genannt. Sie sind
der Schlüssel zur Lösung vieler weiterer Probleme. Marx schreibt:
„In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen
bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein,
Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer
materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser
Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der
Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und
politischer Überbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche
Bewusstseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen
Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess
überhaupt.“
(Marx, Karl: Zur Kritik der Politischen Ökonomie. In: Karl
Marx/Friedrich Engels – Werke, Bd. 13, S. 8 f.)
Bevor wir zur Erklärung der einzelnen Begriffe übergehen, noch eine
Anmerkung: Ist es überhaupt sinnvoll und zielführend, z.B. unter dem
Begriff „Produktivkräfte“ so unterschiedliche Dinge wie primitiven
Faustkeil aus der Steinzeit und eine hochmoderne, mikroelektronisch
gesteuerte Produktionsstraße zusammenzufassen? Ja, das ist es! Wir
wissen ja bereits aus unserem Studium der Dialektik, dass der Begriff
die allgemeinsten, wesentlichsten, charakteristische und zugleich
gemeinsame, dass Menschen bestimmte Mittel benutzen, um auf die Natur
derart einzuwirken und sie so zu verändern, dass sie ihre Bedürfnisse
befriedigen können. Dass diese Mittel sich ebenfalls verändern, zeigt
das obige Beispiel von Faustkeil und Mikrochip.
33
3.3. Produktivkräfte – Produktionsverhältnisse
Produktivkräfte sind alle jene Kräfte, die benötigt werden, um
materielle Güter zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse
herzustellen. Produktivkräfte sind historischer Natur und werden daher
von den Menschen im Laufe der Geschichte verändert, laufend verbessert
und weiterentwickelt.
Zu
den Produktivkräften gehören:
- Die Arbeitskraft des
Menschen – also alle jenen körperlichen und geistigen Kräfte des
Menschen, die er benützt, um Güter zur Befriedigung seiner Bedürfnisse
herzustellen.
- Arbeitsgegenstände: im
Arbeitsprozess wirkt der Mensch auf Naturgegenstände und Naturprozesse
ein und macht sie so zu seinen Arbeitsgegenständen. Das sind also
teils in der Natur vorgefundene Rohstoffe wie zum Beispiel Holz,
Kohle, Erze oder Steine, teils selbst schon Arbeitsprodukte wie zum
Beispiel Stahl oder Kunstfaser. Naturgegenstände werden erst dadurch
zu Produktivkräften, wenn der Mensch sie in den Arbeitsprozess
einbezieht. So ist zum Beispiel Wasser in einem Fluss an und für sich
noch keine Produktivkraft. Wenn dieses Wasser aber eine Turbine eines
Kraftwerkes antreibt ist es eine solche.
- Arbeitsmittel:
Arbeitsmittel sind Gegenstände, die der Mensch zwischen sich und den
Arbeitsgegenstand zum Zwecke der Arbeit schiebt. Dazu gehören in
erster Linie die Produktionsinstrumente, also Werkzeuge, Motoren,
Ausrüstung, Geräte usw., aber auch die Produktionsanlagen, wie
Fabriksanlagen, das Betriebsgebäude, Lagerräume, Strassen,
Eisenbahnen, LKW, Transportmittel und alle anderen Mittel, die im
weitesten Sinne der Produktion dienen.
Produktionsmittel sind
Arbeitsgegenstände und Arbeitsmittel zusammen.
Die
Produktionsverhältnisse
sind die Gesamtheit der Beziehungen, welche die Menschen im
Produktionsprozess entsprechend dem Entwicklungsstand und Charakter
der Produktivkräfte eingehen. Dazu zählen vor allem die
Eigentumsverhältnisse sowie die Verhältnisse, welche durch die
Arbeitsteilung zwischen den Produzenten entstehen.
Die
Produktionsweise ist die Einheit von Produktivkräften und
Produktionsverhältnissen.
34
3.4. Die Wechselwirkung von Produktivkräften und
Produktionsverhältnissen
Die Definitionen
im vorigen Kapitel sollen nicht dazu dienen, vom Weiterlesen
abzuschrecken. Vielmehr werden wir ab sofort mit diesen Begriffen
arbeiten. Und da ist es dann gut, wenn wir wissen, wo wir eventuell
nachlesen können, was damit eigentlich gemeint ist. Durch ihre
Anwendung werden sie zudem auch verständlicher.
Karl Marx stellte
diese Begriffe nicht einfach nebeneinander. Vielmehr setzte er sie in
Beziehung zueinander. Damit wird die Sache gleich spannend, denn
dadurch kommen wir langsam in die Lage, den Verlauf der Geschichte zu
verstehen. So wird verständlich, warum beispielsweise vor mehr als
1.500 Jahren die Produktion mit Sklaven aufhörte, obwohl sie sich
zuvor mehr als tausend Jahre lang bewährt hatte. Selbst nicht zu
arbeiten und dafür die Sklaven werken zu lassen, ist doch ein
verlockender Gedanke. Was hat also die RömerInnen dazu bewegt, davon
abzugehen? Aber greifen wir nicht zu weit vor. Erarbeiten wir uns
zunächst noch die Beziehungen zwischen Produktivkräften und
Produktionsverhältnissen, zwischen der realen (ökonomischen) Basis und
dem politischen und sozialen Überbau. Im nächsten Kapitel wenden wir
dann diese Kenntnisse auf die Geschichte der Menschheit an.
Die erste
wesentliche Beziehung ist die Einheit von Produktivkräften und
Produktionsverhältnissen sowie die Abhängigkeit der
Produktionsverhältnisse von den gegebenen Produktivkräften innerhalb
dieser Einheit.
Anders
ausgedrückt heißt das, dass die Produktionsverhältnisse der gegebenen
Entwicklungsstufe der Produktivkräfte entsprechen. Aus unserem
Geschichtsunterricht kennen wir die unterschiedlichen
Gesellschaftsformationen und deren Produktionsweisen, auch wenn sie
dort nicht als solche bezeichnet werden: Urgesellschaft,
SklavenhalterInnengesellschaft, Feudalgesellschaft, Kapitalismus und
Sozialismus/Kommunismus. An einem Beispiel wollen wie diese
Abhängigkeit der Produktionsverhältnisse (also ob z.B. Gemein- oder
Privateigentum an den Produktionsmitteln besteht) vom
Entwicklungsstand der Produktivkräfte aufzeigen.
In der
Urgesellschaft gab es noch keine weitgehende Arbeitsteilung. Die
Produktionsinstrumente waren noch äußerst primitiv (z.B. Faustkeile).
Um des Überlebens willen waren die Menschen gezwungen, in Horden
zusammenzuleben. Größeres Wild konnte mit den primitiven Jagdwaffen
nur durch das Zusammenwirken aller Hordenmitglieder erlegt werden.
Daraus folgt, dass bei diesem Entwicklungsstand der Produktivkräfte
sowohl die Produktionsmittel als auch die Produkte allen gemeinsam
gehörten. Was gemeinsam zu Lebensunterhalt produziert wurde, wurde
auch gemeinsam verzehrt (Gemeinbesitz an Produktionsmitteln, auch
Urkommunismus genannt).
Doch die
Produktivkräfte wurden laufend weiterentwickelt. Neue Werkzeuge
entstanden durch die laufenden Verbesserungen der alten. Ackerbau und
Viehzucht wurde entwickelt, dadurch neue Produkte (Milch und
Milchprodukte, Leder, erste Stoffe usw.) produziert, metallhältige
Erze abgebaut und verarbeitet usw. Zunächst erfolgte auch diese
Produktivkräfteentwicklung im Gemeineigentum. Doch die Verbesserungen
der Produktivkräfte führten auch zu zwei qualitativ neuen
Ergebnissen.
1.
zu einer immer größeren Arbeitsteilung und Spezialisierung
zwischen den einzelnen Mitgliedern der Horde und
2.
zur Fähigkeit, mehr zu produzieren, als zum eigenen
Lebensunterhalt erforderlich war.
Zunächst nur
dieses Mehrprodukt, dann auch die Produktionsmittel wurden zum
Privateigentum der ProduzentInnen. Parallel dazu entstand der Handel,
d.h. eigene Produkte wurden gegen benötigte, aber nicht selbst
hergestellte, ausgetauscht. Um entsprechend „tauschfähig“ zu sein,
musste immer mehr produziert werden. Die Einschaltung neuer
Arbeitskräfte, zusätzlich zu den eigenen Familien- bzw.
Gruppenmitgliedern wurde wünschenswert. Der Krieg lieferte sie: die
Kriegsgefangenen wurden nicht mehr einfach erschlagen, sondern in
Arbeitssklaven verwandelt.
Langer Rede
kurzer Sinn: Die Entwicklung der Produktivkräfte führte zur Änderung
der Produktionsverhältnisse. Die Produktivkräfteentwicklung erzwang
neue gesellschaftliche Verhältnisse: die
SklavenhalterInnengesellschaft, basierend auf Privateigentum an
Produktionsmitteln. Immer und überall, wo bestimmte Produktivkräfte in
Gang gesetzt werden, wird die Form des gesellschaftlichen
Zusammenlebens früher oder später durch Produktionsverhältnisse
gekennzeichnet, die diesen Produktivkräften entsprechen.
Zweitens ist
wesentlich, dass Produktivkräfte keine unveränderlichen Größen sind.
Allerdings verändern sich die einzelnen Elemente der Produktivkräfte
nicht gleichmäßig und gleichzeitig. Dialektische Widersprüche zwischen
den unterschiedlichen entwickelten verschiedenen Elementen der
Produktivkräfte sind eine wichtige Triebkraft der Entwicklung der
Produktivkräfte insgesamt.
Produktivkräfte
sind – wir wissen es aus der Definition in Kapitel 3.3. – etwas
Zusammengesetztes: Produktionsinstrumente und – anlagen, Rohstoffe
(sei es als Naturprodukte oder auf künstlichem Weg erzeugte
Arbeitsgegenstände), technologische Verfahren, wissenschaftliche
Erkenntnisse, verschiedenste Arbeitsprozesse usw. Jedes dieser
Elemente entwickelt sich laufend durch verschiedenste Einflüsse, also
nicht nur ökonomische, weiter. Diese Entwicklung verläuft aber nicht
bei allen Elementen gleichzeitig und gleichmäßig. Mal kann die
Qualifikation bestimmter Gruppen von Werktätigen hinter der
Weiterentwicklung neuer Produktionstechniken zurückbleiben, usw.
Letzteres kennen
wir alle aus den derzeit hochaktuellen Problemen mit der Einführung
neuer Technologien, Computern, Internet usw. Aber es gibt auch andere
Beispiele für eine „ungleichmäßige“ Entwicklung: PhysikerInnen haben
schon vor Jahrzehnten bei der Suche nach neuen Energiequellen auf die
Möglichkeit von Atomkernfusionen (wie sie auf der Sonne permanent
stattfinden) zur Energiegewinnung hingewiesen. 1953 wurde diese
Theorie in der Praxis der Welt vorgeführt: die Zündung der ersten
Wasserstoffbombe. Bis heute ist die Technik jedoch noch nicht in der
Lage, diese ungeheure Energiefreisetzung auf friedlichem, d.h.
kontrolliertem Wege sinnvoll nutzbar zu machen. Die Kernfusion (im
Gegensatz zur Kernspaltung) ist also schon lange bekannt, die
technische Verwertung allerdings hinkt dieser Erkenntnis noch nach,
ist aber zugleich ein enormer Anreiz, in diese Richtung
weiterzuforschen.
Drittens: die
allgemeine Richtung, die Reihenfolge in der Entwicklung der
Produktivkräfte hängt jedoch niemals vom Willen, von irgendwelchen
Ideen oder Wünschen der Menschen ab, sondern immer von den materiellen
Voraussetzungen und Möglichkeiten, die sie vorfinden.
Warum verbessern
die Menschen laufend die Produktivkräfte? „Arbeit“, so hat es Karl
Marx definiert, „ist zweckmäßige Tätigkeit zur Herstellung von
Gebrauchswerten, Aneignung des Natürlichen für menschliche
Bedürfnisse.“ Wird durch die Arbeit ein bestimmter Standard erreicht,
entstehen auf höherer Stufe neue Bedürfnisse. Das ist eine Ursache für
die laufende Produktivkräfteentwicklung. Eine weitere finden wird,
wenn wir uns die simple Frage stellen, warum beispielsweise Menschen
dazu kommen, alte Maschinen laufend zu verbessern bzw. Überhaupt neue
Maschinen zu entwickeln. Das kann sein, weil die alte Maschine
irgendwelche Unzulänglichkeiten aufweist, weil mehr produziert werden
soll, weil ein Produkt auf Wunsch der Käufer verbessert werden soll,
weil die Arbeit erleichtert werden soll, usw. Bei der
Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur treten als – allgemein
gesprochen – laufend Widersprüche infolge der Wechselwirkung und der
Bewegung einzelner Produktivkraftelemente auf, die zur Veränderung
drängen. Menschliches Denken wird herausgefordert. Dabei gehen die
Menschen von dem aus, was sie vorfinden. Jede neue Generation setzt
ihre Tätigkeit mit den von den vorigen Generationen hinterlassenen
Gegenständen und Wissen unter neuen Umständen, mit neuen Bedürfnissen,
Ansprüchen und auch neuen Fähigkeiten fort. Sie bewirkt auf diese
Weise eine geschichtliche Weiter- und Höherentwicklung.
Ein Beispiel: Die
Dampfmaschine konnte (ganz vereinfacht und verkürzt) erst entwickelt
werden, nachdem zuvor entdeckt worden war, wie Eisen gegossen wird,
und nachdem sowohl die Pumpe als auch das Rad erfunden worden waren.
Hervorgehoben
werden muss schließlich, dass die Produktivkräfteentwicklung nicht nur
durch das „materielle Erbe“ voriger Generationen (Maschinen, Gebäude,
Produktionsverfahren) allein bedingt ist. Wie schon oben angedeutet,
gibt es auch eine subjektive Seite der jeweiligen Neuentwicklung: der
Gesichtskreis, die Wünsche und Bedürfnisse, die Erfindungsgabe, der
gegebene Vorrat an wissenschaftlichen Erkenntnissen usw., mit denen
die jeweilige Generation bzw. einzelne Personen an das überlieferte
materielle Erbe herangehen, sind Voraussetzungen für die
Produktivkräfteentwicklung.
„Man braucht
nicht hinzufügen, dass die Menschen ihre Produktivkräfte – auf Basis
ihrer ganzen Geschichte – nicht frei wählen: denn jede Produktivkraft
ist eine erworbene Kraft, das Produkt früherer Tätigkeit. Die
Produktivkräfte sind also das Resultat der angewandten Energie des
Menschen, doch diese Energie selbst ist begrenzt durch die Umstände,
in welche die Menschen sich versetzt finden, durch die bereits
erworbenen Produktivkräfte, durch die Gesellschaftsform, die vor ihnen
da ist, die sie nicht schaffen, die das Produkt der vorhergehenden
Generationen ist. Dank der einfachen Tatsache, dass jede neue
Generation die von der alten Generation erworbenen Produktivkräfte
vorfindet, die ihr als Rohmaterial für neue Produktion dienen,
entsteht ein Zusammenhang in der Geschichte des Menschen, entsteht die
Geschichte der Menschheit, die um so mehr Geschichte der Menschheit
ist, je mehr die Produktivkräfte der Menschen und infolgedessen ihre
gesellschaftlichen Beziehungen wachsen.“
(Karl Marx: Brief an Annenkow, 28.12.1846. In: Marx/Engels-Werke, Bd.
27, S. 452 f.)
Wir haben die
Beziehung zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen schon
herausgearbeitet. Die Produktionsverhältnisse hängen vom Stand der
Produktivkräfte ab, haben wir gesagt. Aber diese Beziehung ist keine
einseitige. Zugleich beeinflussen nämlich auch die
Produktionsverhältnisse die Entwicklung und Veränderung der
Produktivkräfte außerordentlich wirksam.
Viertens: Die
Produktionsverhältnisse sind jene gesellschaftlichen Verhältnisse, die
unmittelbar im Prozess der materiellen Produktion entstehen. Sie
bilden die gesellschaftliche Form, den gesellschaftlichen Zusammenhang
der Menschen in ihrer Auseinandersetzung mit der Natur. Deshalb sind
sie ein entscheidender Faktor der Produktivkräfteentwicklung.
Wir haben es
schon mehrmals betont: Jede Produktion dient der Befriedigung
bestimmter Bedürfnisse. Ob nun diese Bedürfnisse tatsächlich zu
Veränderungen in der Produktion und damit zur
Produktivkräfteentwicklung führen oder nicht, hängt ab von den
Produktionsverhältnissen. Bedürfnisse müssen sich den in einer
Produktionsweise herrschenden Zielen der Produktion unterordnen, ihnen
entsprechen, um zu einer wirklichen Triebkraft der Produktion zu
werden.
Ein Beispiel: In
unseren heutigen Produktionsverhältnissen – dem Kapitalismus – ist das
oberste Ziel der Produktion der möglichst große Profit. Bedürfnisse
können daher nur dann zur Produktivkräfteentwicklung beitragen, wenn
sie diesem Ziel dienen. So erleben wir tagtäglich die krassesten
Widersprüche. Auf der einen Seite werden durch unüberseh- und -hörbare
Werbungen laufend vorhandene oder künstliche erzeugte Wünsche zu
Bedürfnissen erweckt. Auf der anderen Seite bleiben persönliche und
gesellschaftliche Bedürfnisse wie Arbeit, Bildung, Wohnung, Gesundheit
auf der Strecke. Vorhandene Produktionsanlagen werden stillgelegt,
nicht etwa weil sie keine Bedürfnisse für deren Produkte vorhanden
sind, sondern weil die Produktion für den/die KapitalistIn zum
finanziellen Risiko wird. Oder bereits produzierte Güter werden
vernichtet, um die Preise künstliche hochzuhalten. Das geschieht etwa
bei Obst und Gemüse in der EU, wo jährlich hunderttausende von Tonnen
eingeackert oder auf die Müllhalde gekippt werden.
Die fördernde
Rolle der Produktionsverhältnisse auf die Produktivkräfteentwicklung
verläuft im Geschichtsverlauf nicht geradlinig. Vielmehr kommt es zu
folgender Situation:
Fünftens: Die
Produktionsverhältnisse bleiben in ihrer Entwicklung, in ihrem
Charakter hinter der Entwicklung der Produktivkräfte zurück. Mehr
noch: Aus der ursprünglich fördernden Funktion entsteht nun das
Gegenteil. Die Produktionsverhältnisse hemmen die weitere
Produktivkräfteentwicklung. Produktionsverhältnisse und
Produktivkräfte geraten in Konflikt. Die Produktivkräfteentwicklung
drängt auf die Überwindung und Beseitigung der alten
Produktionsverhältnisse.
Ein Beispiel: Das
antike Römische Reich war eine SklavInnenhalterInnengesellschaft, d.h.
die bestimmende Produktionsweise war die Arbeit durch SklavInnen.
Diese SklavInnenwirtschaft hatte zuvor die bäuerlichen Kleinbetriebe
in den Ruin getrieben. Dabei ergab sich die scheinbar
widerspruchsvolle Situation, dass der mit SklavInnen arbeitende
Großbetrieb auf Dauer weniger leistete als der bäuerliche
Kleinbetrieb. Die Ursache dafür lag in den Produktionsverhältnissen:
SklavInnen hatten geringes Interesse an der Arbeit, zeigten schlechte
Arbeitsleistung. Die Peitsche des Aufsehers konnte sie wohl zwingen,
entsetzlich lange zu arbeiten, unmenschliche Arbeiten auszuführen
usw., aber mit Peitschenhieben lässt sich die Ergiebigkeit der Arbeit,
die Produktivität, nicht endlos steigern. Dazu bedarf es einer
laufenden Verbesserung der Werkzeuge, Produktionsverfahren usw., also
einer Prodiktivkräfteentwicklung. SklavInnen hatten aber daran nicht
das geringste Interesse. Sie behandelten auch das Material, die
Werkzeuge, die Arbeitstiere schlecht. Werkzeuge wurden nicht
weiterverbessert, sondern immer roher, immer plumper. Die
Produktionsverhältnisse waren zu Fesseln der Produktivkräfte geworden.
Das Resultat: die SklavInnenhalterInnengesellschaft musste weichen,
sie wurde durch die Feudalgesellschaft abgelöst.
Karl Marx hat
diese Situation im Vorwort seiner Schrift „Zur Kritik der politischen
Ökonomie“ so formuliert:
„Auf einer gewissen
Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der
Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen
Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür
ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher
bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen
diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche
sozialer Revolution ein. Mit der Veränderung der ökonomischen
Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder
rascher um. In der Betrachtung solcher Umwälzungen muss man stets
unterscheiden zwischen der materiellen, naturwissenschaftlich treu zu
konstatierenden Umwälzung in den ökonomischen Produktionsbedingungen
und den juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oder
philosophischen, kurz, ideologischen Formen, worin sich die Menschen
dieses Konflikts bewusst werden und ihn ausfechten.“
(Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie. In:
Marx/Engels-Werke, Bd. 13, S. 9)
35
3.5. Basis und Überbau
„Basis“ und „Überbau“ gehören zu den grundlegenden Kategorien des
Histomat. Mit ihnen können wir konkret-historisch an alle
gesellschaftlichen Erscheinungen herangehen. Mit Hilfe dieser beiden
Kategorien wird es möglich, in der Vielfalt der gesellschaftlichen
Verhältnisse und Beziehungen „Ursachen“ und „Auswirkungen“ zu
unterscheiden.
Die materiellen ökonomischen Verhältnisse sind die ursprünglichen und
bestimmenden. Marx nannte sie „die reale Basis“. Die ideologischen,
gesellschaftlichen Verhältnisse sind von den ökonomischen
Verhältnissen abgeleitet und bestimmt („juristischer und politischer
Überbau, gesellschaftliche Bewusstseinsformen“).
Die ökonomische Basis der Gesellschaft bezeichnet die Gesamtheit der
jeweiligen materiellen ökonomischen Verhältnisse, die Gesamtheit der
jeweiligen Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten
Entwicklungsstufe der Produktivkräfte entsprechen.
Der Überbau ist die Gesamtheit der für eine bestimmte Gesellschaft
charakteristischen Ideen und der entsprechenden Institutionen.
Zur ökonomischen Basis zählen wir daher die Eigentumsverhältnisse, die
Verteilungs- und Austauschverhältnisse sowie die Verhältnisse zwischen
den verschiedenen sozialen Gruppen bzw. Klassen. Zum Überbau gehört
die Gesamtheit der politischen, juristischen, weltanschaulichen,
moralischen Ideen und Vorstellungen wie Rechtsnormen,
Moralauffassungen, Kunstrichtungen, Religionen und Ideologien usw.
sowie die Gesamtheit der politischen, juristischen, kulturellen und
sonstigen Institutionen (Staat, Parteien, Gerichte, kulturelle
Einrichtungen, Bildungswesen, Polizei, Armee usw.).
Aber wie kann ein und dieselbe ökonomische Basis so gegensätzliche
Ideologien wie die von sozialistischen und bürgerlichen Parteien
hervorbringen? Wollen wir diese Frage ernsthaft klären, müssen wir uns
die ökonomische Basis genauer ansehen. Produktionsverhältnisse sind
immer gesellschaftliche Beziehungen zwischen Menschen. Die Menschen
nehmen in diesen Verhältnissen ganz bestimmte Plätze ein. Sie sind
entweder Sklave oder Sklavenhalter, Leibeigener oder Feudalherr,
Lohnarbeiter oder Kapitalist. Dieser unterschiedliche Platz ist nicht
nur im Arbeitsprozess maßgeblich, er bestimmt auch wesentlich die
Lebensverhältnisse, die Existenzbedingungen, das Einkommen und die
Rolle in der Gesellschaft. Diese unterschiedlichen, gegensätzlichen
Positionen führen auch zu entsprechend gegensätzlichen Ideologien,
Wertmaßstäben und Prinzipien. Die ökonomisch Herrschenden, die
BesitzerInnen der Produktionsmittel, unternehmen daher alles, um das
zu verschleiern und damit ihre Ordnung aufrechtzuerhalten.
Welche Ideen und Institutionen in einer Gesellschaft herrschen und
welche unterdrückt, verfolgt und niedergehalten werden, hängt von den
Klassenverhältnissen ab, davon, welche Klasse ökonomisch und damit
politisch herrscht und welche unterdrückt wird.
Zum weiteren Verständnis noch eine Begriffserklärung: Der Zusammenhang
sowie Unterschied zwischen Gesellschaftsformation und
Produktionsweise. Die Produktionsweise beschreibt uns die
Produktivkräfte auf einer bestimmten Entwicklungsstufe und dieser
entsprechende Produktionsverhältnisse. Die Gesellschaftsformation
bezieht zur Produktionsweise auch noch den gesellschaftlichen Überbau
mit ein.
Wir haben einleitend bei diesem Kapitel von „Ursachen“ und
„Auswirkungen“ geschrieben. Selbstverständlich wäre es undialektisch,
das Verhältnis von Basis und Überbau als ein einseitiges zu
betrachten. So wie die Basis den Überbau bestimmt, so wirkt der
Überbau auf die ökonomische Basis zurück. Diese Tatsache wird oft
übersehen und politische Gegner des Histomat übersehen das bewusst und
werfen dann den MarxistInnen „ökonomischen Reduktionsnismus“ (d.h.
alles und jedes wird auf die ökonomische Basis zurückgeführt und durch
sie erklärt) vor. Aber bereits Friedrich Engels hat die aktive
Funktion des Überbaus gegenüber der Basis betont. Er schreibt:
„Nach materialistischer Geschichtsauffassung ist das in letzter
Instanz bestimmende Moment in der Geschichte die Produktion und die
Reproduktion des wirklichen Lebens. Mehr haben weder Marx noch ich je
behauptet. Wenn nun jemand das dahin verdreht, das ökonomische Moment
sei das einzig bestimmende, so verwandelt er jenen Satz in eine
nichtssagende, absurde Phrase. Die ökonomische Lage ist die Basis,
aber die verschiedenen Momente des Überbaus – politische Formen des
Klassenkampfes und seine Resultate – Verfassungen nach gewonnener
Schlacht durch die siegende Klasse festgestellt, usw. – Rechtsnormen,
und nun gar die Reflexe aller dieser wirklichen Kämpfe im Gehirn der
Beteiligten, politische, juristische, philosophische Theorien,
religiöse Anschauungen und deren Weiterentwicklung zum Dogmensystem,
üben auch ihre Einwirkung auf den Verlauf der geschichtlichen Kämpfe
aus und bestimmen in vielen Fällen vorwiegend deren Form. Es ist eine
Wechselwirkung aller dieser Momente, worin schließlich ... als
Notwendiges die ökonomische Bewegung sich durchsetzt.“
(Friedrich Engels: Brief an Joseph Bloch vom 21. September 1890. In:
Marx/Engels-Werke, Bd. 37, S. 463)
Abschließend wollen wir Engels die ganze Sache noch einmal
zusammenfassen lassen:
„Die materialistische Anschauung der Geschichte geht von dem Satz aus,
dass die Produktion, und nächst der Produktion der Austausch ihrer
Produkte, die Grundlage aller Gesellschaftsordnung ist; dass in jeder
geschichtlich auftretenden Gesellschaft die Verteilung der Produkte,
und mit ihr die soziale Gliederung in Klassen oder Stände, sich danach
richtet, was und wie produziert und wie das Produzierte ausgetauscht
wird. Hiernach sind die letzten Ursachen aller gesellschaftlichen
Veränderungen und politischen Umwälzungen zu suchen nicht in den
Köpfen der Menschen, in ihrer zunehmenden Einsicht in die ewige
Wahrheit und Gerechtigkeit, sondern in Veränderungen der Produktions-
und Austauschweise; sie sind zu suchen nicht in der Philosophie,
sondern in der Ökonomie der betreffenden Epoche. Die erwachende
Einsicht, dass die bestehenden gesellschaftlichen Einrichtungen
unvernünftig und ungerecht sind, dass Vernunft Unsinn, Wohltat Plage
geworden, ist nur ein Anzeichen davon, dass in den Produktionsmethoden
und Austauschformen in aller Stille Veränderungen vor sich gegangen
sind, zu denen die auf frühere ökonomische Bedingungen zugeschnittne
gesellschaftliche Ordnung nicht mehr stimmt. Damit ist zugleich
gesagt, dass die Mittel zur Beseitigung der entdeckten Missstände
ebenfalls in den veränderten Produktionsverhältnissen selbst - mehr
oder minder entwickelt - vorhanden sein müssen. Diese Mittel sind
nicht etwa aus dem Kopf zu erfinden, sondern vermittelst des Kopfes in
den vorliegenden materiellen Tatsachen der Produktion zu entdecken.“
(Friedrich Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft.
In: Marx/Engels-Werke, Bd. 20, S. 248 f.)
Unschwer ist dabei zu erkennen, dass es sich bei diesen
Geschichtsprozessen um dialektische Vorgänge handelt. Die Veränderung
der Quantität (Produktivkräfte) führt bei einem bestimmten Punkt zum
Umschlag in eine neue Qualität (neue Produktionsverhältnisse).
Triebkraft dieser Entwicklung ist die Einheit und der „Kampf“ von
Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, von Basis und Überbau.
Die alte Gesellschaftsformation wird von der neuen dialektisch
negiert.
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4. Die ökonomischen Gesellschaftsformationen
Wer sich nun ausführliche, detailreiche Darstellungen der
Menschheitsgeschichte erwartet, den/die müssen wir gleich an dieser
Stelle enttäuschen. Wir werden uns vielmehr einem anderen Schwerpunkt
widmen: der Aufdeckung der dialektischen Abläufe der Geschichte.
Allgemein haben wir das bereits im vorigen Kapitel geleistet. Nun
werden wir konkret. Wir untersuchen die Wechselbeziehung zwischen
Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, das Wechselspiel
zwischen ökonomischer Basis und gesellschaftlich-ideologischem Überbau
im Laufe der Geschichte.
4.1. Die Urgesellschaft
Die erste Gesellschaftsformation der Menschheitsgeschichte ist die
Urgesellschaft, die parallel zur Menschwerdung entstand (vgl. Kap. 1).
Diese Gesellschaftsformation weist eine hohe Stabilität auf, sodass
auch heute noch in einigen Teilen der Erde Überreste von ihr zu finden
sind (Australien, Afrika, Südamerika), allerdings durch den Kontakt
mit der sogenannten „modernen Zivilisation“ entweder vom Aussterben
oder Auflösung bedroht.
Die Urgesellschaft ist charakterisiert durch einen sehr niedrigen
Entwicklungsstand der Produktivkräfte. Zunächst lebten die
Menschenhorden noch in affenähnlicher Weise und ernähren sich vom
Sammeln von Früchten, Wurzeln, Beeren usw. Damit beschränkte sich der
Verbreitungsradius des Menschen naturgegeben auf subtropische und
tropische Zonen. Die nächste Stufe der Entwicklung begann bei der
Verwertung von Fischen und anderen Wassertieren sowie mit der Nutzung
des Feuers. Gerade letzteres war von entscheidender Bedeutung. Zum
Einen wurde durch das Feuer Fleischnahrung besser nutzbar, zum Anderen
wurden die Menschen klimaunabhängiger. Der Mensch breitete sich den
Flüssen und Küsten folgend in neue Erdteile aus. Neue klimatische
Bedingungen stellten neue Anforderungen. Die Erfindung der ersten
Waffen (Keule und Speer) ermöglichte die Jagd, damit kamen eine neue
Nahrungsquelle und neue Arbeitsgegenstände (Sehnen, Felle, Leder
usw.). Erst mit der Erfindung von Pfeil und Bogen wurde jagdbares Wild
regelmäßiges Nahrungsmittel. Zu diesem Zeitpunkt allerdings begannen
die ersten Gruppen bereits mit der sesshaften Lebensweise. Damit
entstand eine neue Lebensweise, charakterisiert durch zwei
entscheidende Produktivkraftelemente: Kultur von Pflanzen (Ackerbau)
sowie Zähmung von Tieren und deren Zucht. Diese beiden leiteten auch
den Auflösungsprozess ein.
Der gesellschaftliche-ideologische Überbau entspricht diesem niedrigen
Stadium der Produktivkräfteentwicklung. Er erfordert gemeinsame Arbeit
aller um des Überlebens willen und macht sowohl Privatbesitz an
Produktionsmitteln bzw. Aneignung eines fremden Mehrprodukts (= jene
Produkte, die eine Person über für sein Überleben notwendig hinaus
produziert) unmöglich. Zum Einen konnte der einzelne mit seiner
primitiven Waffe allein kein Tier erlegen, zum Anderen war die
Produktivität ohnehin gerade an der Überlebensgrenze. Alles, was
produziert wurde (d.h. gejagt, gefischt, gesammelt), wurde sofort
verzehrt. Da war also nichts privat anzueignen. Diese
Gesellschaftsformation wird daher auch Urkommunismus (d.h.
Gemeinbesitz an Produktionsmittel und Konsum) bezeichnet. Aus dieser
ökonomischen Basis ergibt sich auch der gesellschaftliche Überbau.
Infolge des bestehenden Gemeineigentums an den Produktionsmitteln
befanden sich alle Mitglieder der urgesellschaftlichen Gentilordnung
(Gentil: Sippe, Clan) in der gleichen sozialen Stellung zueinander.
Alle hatten die gleichen Rechte. Es gab weder Herrschende noch
Beherrschte, weder Klassen noch einen Staat. Der Urkommunismus war
eine klassenlose Gesellschaft.
Die Menschen der Urgesellschaft konnten sich nur wenige
Naturzusammenhänge erklären. Aus diesem Grunde führten sie fast alles
auf das Wirken von Göttinnen und Göttern, Geistern und Dämonen zurück,
die es durch Opfer milde und bei Laune zu halten galt. Es sind also
auch die Naturreligionen eine Folge der noch primitiven
Produktionsweise.
Interessant ist auch die Stellung der Frau in der Urgesellschaft. Die
Frauen genossen damals sehr hohes Ansehen. Da den Menschen der
Urgesellschaft die Zusammenhänge zwischen Geschlechtsverkehr/Zeugung
und Geburt aufgrund der dazwischenliegenden neun Monate nicht
erkennbar waren, zudem auch nicht strenge Monogamie, sondern
regelloser Geschlechtsverkehr vorherrschte, war es unmöglich, die
Abstammung eines Kindes von seinem Vater zu bestimmen. Das einzige,
was mit Sicherheit gesagt werden konnte, war, wer die Mutter ist.
Daraus resultierte das hohe Ansehen der Frauen, die Abstammung und
Verwandtschaftsbeziehungen wurden daher auch nach der Mutter bestimmt.
Eine solche Ordnung |