|
Wir sind der Ansicht, dass alle Menschen
gleich geschaffen sind; dass sie von Geburt einige
unverbrüchliche Rechte mitbringen, darunter das Recht auf
Leben, Freiheit und Glück.
Diese unsterblichen Worte stehen in der
Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika,
die im Jahre 1776 ausgerufen wurde. In weiterem Sinne bedeuten
sie: Alle Völker der Erde sind gleich; jedes Volk hat das
Recht auf Leben, Glück und Freiheit.
Die Erklärung der Menschen- und
Bürgerrechte, die von der Französischen Revolution im Jahre
1789 verkündet wurde, besagt ebenfalls:
Die Menschen werden frei und
gleichberechtigt geboren und bleiben es.
Das sind unumstößliche Tatsachen.
Aber schon über achtzig Jahre rauben die
französischen Kolonialherren unter dem Deckmantel des
Wahlspruches von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit"
unser Land aus und knechten unsere Landsleute. Ihre Taten
stehen in einem schreienden Gegensatz zu allen Prinzipien der
Menschlichkeit und Gerechtigkeit.
In politischer Hinsicht haben sie uns aller
demokratischen Freiheiten beraubt und uns barbarische Gesetze
aufgezwungen. Sie haben drei verschiedene politische Ordnungen
in Zentral-, Süd- und Nordvietnam errichtet, um die Einheit
unseres Vaterlandes, die Einheit unseres Volkes zu zerstören.
Sie haben mehr Gefängnisse als Schulen
erbaut. Sie haben erbarmungslose Strafen über die Patrioten
unseres Landes verhängt. Sie haben alle Volksaufstände in
Strömen von Blut erstickt.
Sie haben sich bemüht, die öffentliche
Meinung abzuwürgen, und Unwissenheit und Unbildung gesät.
Sie haben sich des Opiums und des Alkohols
bedient, um unser Volk zu schwächen.
In ökonomischer Hinsicht haben sie unser
Volk rücksichtslos ausgebeutet, es in äußerstes Elend
gestürzt, unser Land geplündert und verwüstet.
Sie haben sich unser Land, unsere Bergwerke
und unsere natürlichen Reichtümer angeeignet.
Sie maßen sich das Monopol für den Druck
von Banknoten an und haben den ganzen Außenhandel unseres
Landes an sich gerissen.
Sie haben hundert ungerechte Steuern
eingeführt und unser Volk, vor allem die Bauern und
Kleinhändler, in furchtbares Elend gestürzt. Sie haben die
Entwicklung unserer nationalen Bourgeoisie verhindert.
Sie haben unsere Arbeiterklasse aufs
erbarmungsloseste ausgebeutet.
Im Herbst 1940, als die japanischen
Faschisten in Indochina eindrangen, um es als Stützpunkt im
Krieg gegen die Alliierten zu benutzen, verrieten die
französischen Kolonialherren unser Land, gaben es in die Hände
der Eroberer und kapitulierten vor Japan.
Seitdem hat unser Volk unter dem doppelten
japanischfranzösischen Druck zu leiden. Das verschlechterte
die ohnehin jammervolle Lage des Volkes. Ende 1944 und Anfang
1945 starben in weiten Gebieten, von Quang Tri im Süden bis
zum Norden des Landes, über 2 Millionen unserer Landsleute vor
Hunger. Am 9. März 1945 entwaffneten die Japaner die
französischen Truppen.
Und wieder sind die französischen
Kolonialherren geflohen, oder sie haben vor den Japanern
kapituliert. So vermochten sie nicht nur nicht, uns zu
„schützen", sondern sie verkauften im Gegenteil unser Land im
Laufe von fünf Jahren zweimal an die Japaner.
Bis zum 9. März 1945 forderte die Viet Minh
die Franzosen wiederholt auf, sich mit ihr zum Kampfe gegen
die japanischen Okkupanten zu verbünden. Die französischen
Kolonialherren beachteten diese Vorschläge nicht, sondern
ergingen sich in noch wütenderem Terror gegen die
vietnamesischen Patrioten als früher. Sie schreckten nicht
davor zurück, vor ihrer Flucht viele politische Häftlinge in
Yen Bay Un, Cao Bang barbarisch zu ermorden.
Trotz alledem verhielten sich unsere
Landsleute gegenüber den Franzosen nach wie vor großmütig und
menschlich. Nach den Ereignissen des 9. März 1945 half die
Viet Minh viele Franzosen, sich über die Grenze zu retten,
befreite manch einen aus japanischen Gefängnissen und
verteidigte Leben und Besitz von Franzosen.
De facto hat unser Land im Herbst 1940
aufgehört, französische Kolonie zu sein; es wurde zu einer
japanischen. Nach der Kapitulation Japans stand das ganze Volk
unseres Landes auf, nahm die Macht in seine Hände und gründete
die Demokratische Republik Vietnam.
So haben wir eigentlich unsere Freiheit und
Unabhängigkeit den Japanern und nicht den Franzosen entrissen.
Die Franzosen flohen, die Japaner kapitulierten, und der
Kaiser Bao Dai entsagte dem Thron. Unser Volk zerschlug die
Ketten der Kolonialsklaverei, die es fast hundert Jahre lang
gefesselt hielten, und schuf das unabhängige Vietnam.
Gleichzeitig stürzte unser Volk die Monarchie, die
Jahrtausende bestanden hatte, und errichtete eine
republikanische demokratische Ordnung.
Aus den dargelegten Gründen erklären wir,
die Mitglieder der Provisorischen Regierung des neuen
Vietnams, die das gesamte vietnamesische Volk vertritt, dass
wir alle Beziehungen zum imperialistischen Frankreich
abbrechen, alle Verträge über Vietnam, die Frankreich
unterzeichnet hat, für ungültig erklären und alle Privilegien
annullieren, die sich die Franzosen auf unserem Territorium
angemaßt haben.
Das gesamte vietnamesische Volk, ob jung
oder alt, tritt allen Machenschaften der französischen
Kolonialherren entschieden entgegen.
Wir sind überzeugt, dass die alliierten
Staaten, die auf ihren Konferenzen in Teheran und San
Francisco den Grundsatz der Gleichberechtigung der Völker
anerkannt haben, auch das Recht des vietnamesischen Volkes auf
Unabhängigkeit anerkennen werden.
Ein Volk, das achtzig Jahre lang einen
beharrlichen Kampf gegen die französische Herrschaft geführt
hat, das mehrere Jahre tapfer in den Reihen der Alliierten
gegen den Faschismus kämpfte - solch ein Volk hat das Recht,
frei zu sein! ein Volk muss unabhängig sein! Aus diesen
Gründen verkünden wir, die Mitglieder der provisorischen
Regierung der Demokratischen Republik Vietnam, der ganzen Welt
feierlich:
Vietnam hat das Recht, frei und unabhängig
zu sein, und ist tatsächlich frei und unabhängig geworden. Das
vietnamesische Volk ist entschlossen, all seine geistigen und
materiellen Kräfte aufzubieten, Leben und Besitz zu opfern, um
sein Recht auf Freiheit und Unabhängigkeit zu behaupten. |