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Ho Chi Minh

Unabhängigkeitserklärung Vietnams, 2. September 1945

(Ho Chi Minh, Reden und Schriften, Leipzig 1980, S. 66-69)

 

 

Wir sind der Ansicht, dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von Geburt einige unverbrüchliche Rechte mitbringen, darunter das Recht auf Leben, Freiheit und Glück.

Diese unsterblichen Worte stehen in der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika, die im Jahre 1776 ausgerufen wurde. In weiterem Sinne bedeuten sie: Alle Völker der Erde sind gleich; jedes Volk hat das Recht auf Leben, Glück und Freiheit.

Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, die von der Französischen Revolution im Jahre 1789 verkündet wurde, besagt ebenfalls:

Die Menschen werden frei und gleichberechtigt geboren und bleiben es.

Das sind unumstößliche Tatsachen.

Aber schon über achtzig Jahre rauben die französischen Kolonialherren unter dem Deckmantel des Wahlspruches von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" unser Land aus und knechten unsere Landsleute. Ihre Taten stehen in einem schreienden Gegensatz zu allen Prinzipien der Menschlichkeit und Gerechtigkeit.

In politischer Hinsicht haben sie uns aller demokratischen Freiheiten beraubt und uns barbarische Gesetze aufgezwungen. Sie haben drei verschiedene politische Ordnungen in Zentral-, Süd- und Nordvietnam errichtet, um die Einheit unseres Vaterlandes, die Einheit unseres Volkes zu zerstören.

Sie haben mehr Gefängnisse als Schulen erbaut. Sie haben erbarmungslose Strafen über die Patrioten unseres Landes verhängt. Sie haben alle Volksaufstände in Strömen von Blut erstickt.

Sie haben sich bemüht, die öffentliche Meinung abzuwürgen, und Unwissenheit und Unbildung gesät.

Sie haben sich des Opiums und des Alkohols bedient, um unser Volk zu schwächen.

In ökonomischer Hinsicht haben sie unser Volk rücksichtslos ausgebeutet, es in äußerstes Elend gestürzt, unser Land geplündert und verwüstet.

Sie haben sich unser Land, unsere Bergwerke und unsere natürlichen Reichtümer angeeignet.

Sie maßen sich das Monopol für den Druck von Banknoten an und haben den ganzen Außenhandel unseres Landes an sich gerissen.

Sie haben hundert ungerechte Steuern eingeführt und unser Volk, vor allem die Bauern und Kleinhändler, in furchtbares Elend gestürzt. Sie haben die Entwicklung unserer nationalen Bourgeoisie verhindert.

Sie haben unsere Arbeiterklasse aufs erbarmungsloseste ausgebeutet.

Im Herbst 1940, als die japanischen Faschisten in Indochina eindrangen, um es als Stützpunkt im Krieg gegen die Alliierten zu benutzen, verrieten die französischen Kolonialherren unser Land, gaben es in die Hände der Eroberer und kapitulierten vor Japan.

Seitdem hat unser Volk unter dem doppelten japanischfranzösischen Druck zu leiden. Das verschlechterte die ohnehin jammervolle Lage des Volkes. Ende 1944 und Anfang 1945 starben in weiten Gebieten, von Quang Tri im Süden bis zum Norden des Landes, über 2 Millionen unserer Landsleute vor Hunger. Am 9. März 1945 entwaffneten die Japaner die französischen Truppen.

Und wieder sind die französischen Kolonialherren geflohen, oder sie haben vor den Japanern kapituliert. So vermochten sie nicht nur nicht, uns zu „schützen", sondern sie verkauften im Gegenteil unser Land im Laufe von fünf Jahren zweimal an die Japaner.

Bis zum 9. März 1945 forderte die Viet Minh die Franzosen wiederholt auf, sich mit ihr zum Kampfe gegen die japanischen Okkupanten zu verbünden. Die französischen Kolonialherren beachteten diese Vorschläge nicht, sondern ergingen sich in noch wütenderem Terror gegen die vietnamesischen Patrioten als früher. Sie schreckten nicht davor zurück, vor ihrer Flucht viele politische Häftlinge in Yen Bay Un, Cao Bang barbarisch zu ermorden.

Trotz alledem verhielten sich unsere Landsleute gegenüber den Franzosen nach wie vor großmütig und menschlich. Nach den Ereignissen des 9. März 1945 half die Viet Minh viele Franzosen, sich über die Grenze zu retten, befreite manch einen aus japanischen Gefängnissen und verteidigte Leben und Besitz von Franzosen.

De facto hat unser Land im Herbst 1940 aufgehört, französische Kolonie zu sein; es wurde zu einer japanischen. Nach der Kapitulation Japans stand das ganze Volk unseres Landes auf, nahm die Macht in seine Hände und gründete die Demokratische Republik Vietnam.

So haben wir eigentlich unsere Freiheit und Unabhängigkeit den Japanern und nicht den Franzosen entrissen. Die Franzosen flohen, die Japaner kapitulierten, und der Kaiser Bao Dai entsagte dem Thron. Unser Volk zerschlug die Ketten der Kolonialsklaverei, die es fast hundert Jahre lang gefesselt hielten, und schuf das unabhängige Vietnam. Gleichzeitig stürzte unser Volk die Monarchie, die Jahrtausende bestanden hatte, und errichtete eine republikanische demokratische Ordnung.

Aus den dargelegten Gründen erklären wir, die Mitglieder der Provisorischen Regierung des neuen Vietnams, die das gesamte vietnamesische Volk vertritt, dass wir alle Beziehungen zum imperialistischen Frankreich abbrechen, alle Verträge über Vietnam, die Frankreich unterzeichnet hat, für ungültig erklären und alle Privilegien annullieren, die sich die Franzosen auf unserem Territorium angemaßt haben.

Das gesamte vietnamesische Volk, ob jung oder alt, tritt allen Machenschaften der französischen Kolonialherren entschieden entgegen.

Wir sind überzeugt, dass die alliierten Staaten, die auf ihren Konferenzen in Teheran und San Francisco den Grundsatz der Gleichberechtigung der Völker anerkannt haben, auch das Recht des vietnamesischen Volkes auf Unabhängigkeit anerkennen werden.

Ein Volk, das achtzig Jahre lang einen beharrlichen Kampf gegen die französische Herrschaft geführt hat, das mehrere Jahre tapfer in den Reihen der Alliierten gegen den Faschismus kämpfte - solch ein Volk hat das Recht, frei zu sein! ein Volk muss unabhängig sein! Aus diesen Gründen verkünden wir, die Mitglieder der provisorischen Regierung der Demokratischen Republik Vietnam, der ganzen Welt feierlich:

Vietnam hat das Recht, frei und unabhängig zu sein, und ist tatsächlich frei und unabhängig geworden. Das vietnamesische Volk ist entschlossen, all seine geistigen und materiellen Kräfte aufzubieten, Leben und Besitz zu opfern, um sein Recht auf Freiheit und Unabhängigkeit zu behaupten.

 

 

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