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Moderne und Holocaust

von Martin Müller

 

Der Holocaust stellt ein so unbegreifliches Ereignis dar, dass viele "Unbehagen empfinden, den Nationalsozialismus als moderne Erscheinung zu werten." Mehr noch: Einige VertreterInnen der Wissenschaft lehnen den Nationalsozialismus an sich und den Holocaust insbesondere als Teil der Moderne ab und sprechen von einem "schwarzen Loch" oder "Zivilisationsbruch". Andere wiederum sehen den organisierten Massenmord als Resultat und/oder sogar logischer Konsequenz "einer gnadenlos instrumentalisierten Vernunft."

Bei der Auseinandersetzung mit diesem Thema stößt man auf viele Tabus. Der Hauptgrund, sich gegen Thesen zu verwehren, die den Holocaust als integralen Teil der Moderne entlarven, ist sicherlich die positive Besetztheit des Begriffes "Moderne". Diese erklärt Rainer Zitelmann aufgrund folgender Umstände: "die normative Aufladung des Modernisierungsbegriffes, die Annahme, Demokratisierung sei ein konstitutives Moment des Modernisierungsprozesses und der These, die Modernisierungsentwicklungen des Nationalsozialismus seien gleichsam unbeabsichtigt erfolgt und hätten im Widerspruch zu den archaischen , antidemokratischen Zielsetzungen der Nationalsozialisten gestanden."

Der Begriff der Modernisierung orientiert sich immer an der Gegenwart und beschreibt den Weg und die Bewegungen dazu. Mit ihm wird der soziale, kulturelle und wirtschaftliche Wandel erfasst, der sich seit dem Zeitalter der industriellen und bürgerlichen Revolutionen seit dem späten 18. Jahrhundert erfasst. "Am Ende stehen der säkularisierte Mensch und die säkularisierte Gesellschaft". Anderes gesagt: Die Vernunft und Aufklärung und somit die bürgerliche Demokratie als Wahrer der Freiheit und das angestrebte "Ende der Geschichte" des menschlichen Reifeprozesses. In solch ein Weltbild passen die grauenhaften Ereignisse rund um die industrielle Massenvernichtung von Menschleben nicht.

Als interessante Herangeheinsweise an das historische Ereignis Holocaust sticht die Analyse von Susanne Heim und Götz Aly heraus. Die beiden AutorInnen stellen die These von der "Ökonomie der Endlösung" auf und versuchen den direkten Zusammenhang von Wissenschaft und somit Vernunft und Rationalität mit dem Holocaust nachzuweisen. Sie kommen zum Schluss, dass "das Konzept einer Ökonomie der Endlösung von deutschen Akademikern entwickelt wurde - allen voran von Ökonomen, Agrarwissenschaftlern, Bevölkerungsexperten, Arbeitseinsatzspezialisten, Raumplanern und Statistikern." Ausgehend von den Überlegungen Paul Momberts, der bereits am Anfang des 20. Jahrhunderts die Theorie des Bevölkerungsoptimums entwickelte, der zufolge die Lösung aller wirtschaftlichen Probleme in der Beseitigung des Missverhältnisses zwischen Bevölkerung und der ökonomischen Ressourcen sah, entwickelten nationalsozialistische Ökonomen die einfache Formel der Bevölkerungsreduktion. Das neue Europa sollte sich selbstständig ernähren können, daher gab es nach den kühlen Berechnungen der deutschen Wissenschaftler gut 50 Millionen Menschen zuviel in Europa, die es zu vernichten galt. Rassistische Gründe, dass hier ausgerechnet Jüdinnen und Juden, aber auch Roma, Sinti und andere Volksgruppen gezielt verfolgt und ermordet wurden, seien wesentlich ausschlaggebend, aber nicht alleine verantwortlich. Ebenso spielten ökonomische Gründe, etwa die "Vernichtung des größten Teils der sichtbaren Armut und der elendsten Quartiere in den Städten Osteuropas" im radikalsten Sinne des Wortes eine wesentliche Rolle.  Es würde nun zu weit gehen, Heims und Alys Theorie vollständig darzustellen.

Die Quintessenz lautet jedoch, dass "durch den Verweis auf den im technokratischen Sinne rationalen Kern solcher Planungen die Taten nicht ‚erklärlich’ und ‚verständlich’ (im Sinne von Verständnis haben) macht, also relativiert. Aber die deutschen Verbrechen jener Jahre erhalten so gesehen einen anderen geschichtlichen Ort, die Frage nach Ursachen und Kontinuitäten stellen sich dann neu und noch ernster." 

Und genau hier setzt die Kritik der GegnerInnen solcher Überlegungen ein. So unterstellt zum Beispiel Ulrich Herbert den beiden AutorInnen, eine bestimmte politische Zielsetzung: "Die Shoa soll als einen weiteren und besonders furchtbaren Beweis für die Vernichtungsdynamik des Modernisierungsprogramms imperialistischer Länder funktionalisiert werden, die ihre Struktur und Zielrichtung unverändert fortbestehe; was nun seinerseits wiederum aussagekräftig in bezug auf den Charakter des bestehenden Herrschaftssystems wäre." Herbert folgt hier dem weiter oben beschriebenen normativen Begriff von Moderne. Er wiederum führt die Massentötungen und die industrielle Vernichtung von Menschenleben ausschließlich auf die rassistische Politik und Ideologie der Nazis zurück, die keinerlei Sinn hatte und daher nicht zu erfassen sei. Der Antisemitismus und der Rassismus erscheinen ihm als einziger Grund für das unvorstellbare Morden.

Werner Röhr hingegen spricht von "Rassismus als Expansionsprogramm" und vertritt, ebenso wie Heim und Aly, die These, dass "der Holocaust kein mystisches Ereignis außerhalb des menschlichen Begriffsvermögens" sei.

Alle diese AutorInnen beschäftigt im Grunde die Frage, ob eine Erklärbarkeit des Unfassbaren bestehen kann oder darf. Herbert und Diner sehen in der Massenvernichtung einen Akt der Gegenrationalität und per se Unbegreifliches. Eine Rationalität der Shoa zu finden, würde bedeuten, dass auch die Sozialwissenschaft an sich zur Täterin wurde und sich bis heute nicht genügend damit auseinandergesetzt hat.

"Eine kritische Wissenschaft muss eine Wissenschaft nach Auschwitz sein, also eine ..., die sich darüber Rechenschaft ablegt, dass es nicht zuletzt wissenschaftliche Verfahrensmodelle sind, die zur industriellen, d. h. ingenieurwissenschaftlich, naturwissenschaftlich und sozialwissenschaftlich ausgearbeiteten Massenvernichtung von Menschen geführt haben", meint etwa Harald Welzer.

Nach der Lektüre diverser Aufsätze komme ich zu folgenden Schlüssen: Der Holocaust an sich als Tat erscheint unbegreiflich. Was allerdings nicht bedeutet, dass die Uraschen für den Völkermord an den Juden einzigartig  und rational nicht erklärbar sind. Das ist, wenn man so will, eine "verlogene Moral des Neoliberalismus", der Nationalsozialismus wird als genaues Gegenteil der Moderne beschrieben und nicht als seine brutalste Form. Der Holocaust steht im Zentrum dieses westlichen Wertesystems. Auschwitz wird aus der Geschichte herausgenommen, weil die Zusammenhänge der geschichtlichen Umstände dem Kapitalismus ein katastrophales Zeugnis ausstellen. Als Synonym für das ewige und damit geschichtslose Böse entzieht es sich der historischen Analyse und somit vor allem der Kapitalismuskritik. Natürlich war der Massenmord an den Jüdinnen und Juden in seiner emotionslosen Systematik und in seiner Dimension beispiellos. Allerdings wäre es vom Standpunkt der materialistischen Geschichtsauffassung Unsinn, zu behaupten, das Wesen des Faschismus sei der Holocaust. Denn wenn Auschwitz nur aus sich selbst heraus erklärbar wäre, dann wäre der historische Materialismus mit seinem Latein tatsächlich am Ende. Das Wesen des Nationalsozialismus bestand aber darin, die extremste Reaktion auf den gesellschaftlichen Fortschritt gewesen zu sein. Als gesellschaftliche Regression, war der deutsche Faschismus, war Auschwitz bei aller kapitalistischer Rationalität ein Projekt des Wahnsinns. Aber es war eine historische Tatsache und bedarf der Rationalität der Aufklärung zur Analyse und nicht die Irrationalität der Verklärung. Denn das würde wohl den endgültigen Triumph der Auschwitz-Täter über die Auschwitz-Opfer darstellen.

 

Literatur

Aly, Götz; Heim, Susanne: Sozialplanung und Völkermord. In: Schneider, Wolfgang (Hg.): Vernichtungspolitik. Eine Debatte über den Zusammenhang von Sozialpolitik und Genozid im nationalsozialistischen Deutschland. Junius, Hamburg, 1991, Seite 11-25

Aly, Götz; Heim, Susanne: Wider die Unterschätzung der nationalsozialistischen Politik. In: Schneider, Wolfgang (Hg.): Vernichtungspolitik. Eine Debatte über den Zusammenhang von Sozialpolitik und Genozid im nationalsozialistischen Deutschland. Junius, Hamburg, 1991, Seite 165-177

Asendorf, Manfred u.a.: Geschichte. Lexikon der wissenschaftlichen Grundbegriffe, Rowohlt, Reinbeck bei Hamburg, 1994, Seite 446

Diner, Dan: Die Wahl der Perspektive. In: Schneider, Wolfgang (Hg.): Vernichtungspolitik. Eine Debatte über den Zusammenhang von Sozialpolitik und Genozid im nationalsozialistischen Deutschland. Junius, Hamburg, 1991, Seite 65-77

Herbert, Ulrich: Rassismus und rationales Kalkül. In: Schneider, Wolfgang (Hg.): Vernichtungspolitik. Eine Debatte über den Zusammenhang von Sozialpolitik und Genozid im nationalsozialistischen Deutschland. Junius, Hamburg, 1991, Seite 35

Röhr, Werner: Rassismus als Expansionsprogramm: In: Schneider, Wolfgang (Hg.): Vernichtungspolitik. Eine Debatte über den Zusammenhang von Sozialpolitik und Genozid im nationalsozialistischen Deutschland. Junius, Hamburg, 1991, Seite 119

Welzer, Harald: Verweilen beim Grauen. Über den wissenschaftlichen Umgang mit dem Holocaust. In: Welzer, Harald (Hg.): Verweilen beim Grauen. Essays zum wissenschaftlichen Umgang mit dem Holocaust, Ed. Diskord, Wien, 1997, Seite 26

Zitelmann, Rainer: Die totalitäre Seite der Moderne. In: Prinz, Michael u.a. (Hg.): Nationalsozialismus und Modernisierung, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1991, Seite 1-21

 

 

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