Der Holocaust stellt ein so unbegreifliches Ereignis
dar, dass viele „Unbehagen empfinden, den Nationalsozialismus als
moderne Erscheinung zu werten.“ Mehr noch: Einige VertreterInnen der
Wissenschaft lehnen den Nationalsozialismus an sich und den Holocaust
insbesondere als Teil der Moderne ab und sprechen von einem „schwarzen
Loch“ oder „Zivilisationsbruch“. Andere wiederum sehen den
organisierten Massenmord als Resultat und/oder sogar logischer
Konsequenz „einer gnadenlos instrumentalisierten Vernunft.“
Bei der Auseinandersetzung mit
diesem Thema stößt man auf viele Tabus. Der Hauptgrund, sich gegen
Thesen zu verwehren, die den Holocaust als integralen Teil der Moderne
entlarven, ist sicherlich die positive Besetztheit des Begriffes
„Moderne“. Diese erklärt Rainer Zitelmann aufgrund folgender Umstände:
„die normative Aufladung des Modernisierungsbegriffes, die Annahme,
Demokratisierung sei ein konstitutives Moment des
Modernisierungsprozesses und der These, die
Modernisierungsentwicklungen des Nationalsozialismus seien gleichsam
unbeabsichtigt erfolgt und hätten im Widerspruch zu den archaischen ,
antidemokratischen Zielsetzungen der Nationalsozialisten gestanden.“
Der Begriff der Modernisierung
orientiert sich immer an der Gegenwart und beschreibt den Weg und die
Bewegungen dazu. Mit ihm wird der soziale, kulturelle und
wirtschaftliche Wandel erfasst, der sich seit dem Zeitalter der
industriellen und bürgerlichen Revolutionen seit dem späten 18.
Jahrhundert erfasst. „Am Ende stehen der säkularisierte Mensch und die
säkularisierte Gesellschaft“. Anderes gesagt: Die Vernunft und
Aufklärung und somit die bürgerliche Demokratie als Wahrer der
Freiheit und das angestrebte „Ende der Geschichte“ des menschlichen
Reifeprozesses. In solch ein Weltbild passen die grauenhaften
Ereignisse rund um die industrielle Massenvernichtung von Menschleben
nicht.
Als interessante
Herangeheinsweise an das historische Ereignis Holocaust sticht die
Analyse von Susanne Heim und Götz Aly heraus. Die beiden AutorInnen
stellen die These von der „Ökonomie der Endlösung“ auf und versuchen
den direkten Zusammenhang von Wissenschaft und somit Vernunft und
Rationalität mit dem Holocaust nachzuweisen. Sie kommen zum Schluss,
dass „das Konzept einer Ökonomie der Endlösung von deutschen
Akademikern entwickelt wurde – allen voran von Ökonomen,
Agrarwissenschaftlern, Bevölkerungsexperten,
Arbeitseinsatzspezialisten, Raumplanern und Statistikern.“ Ausgehend
von den Überlegungen Paul Momberts, der bereits am Anfang des 20.
Jahrhunderts die Theorie des Bevölkerungsoptimums entwickelte, der
zufolge die Lösung aller wirtschaftlichen Probleme in der Beseitigung
des Missverhältnisses zwischen Bevölkerung und der ökonomischen
Ressourcen sah, entwickelten nationalsozialistische Ökonomen die
einfache Formel der Bevölkerungsreduktion. Das neue Europa sollte sich
selbstständig ernähren können, daher gab es nach den kühlen
Berechnungen der deutschen Wissenschaftler gut 50 Millionen Menschen
zuviel in Europa, die es zu vernichten galt. Rassistische Gründe, dass
hier ausgerechnet Jüdinnen und Juden, aber auch Roma, Sinti und andere
Volksgruppen gezielt verfolgt und ermordet wurden, seien wesentlich
ausschlaggebend, aber nicht alleine verantwortlich. Ebenso spielten
ökonomische Gründe, etwa die „Vernichtung des größten Teils der
sichtbaren Armut und der elendsten Quartiere in den Städten
Osteuropas“ im radikalsten Sinne des Wortes eine wesentliche Rolle.
Es würde nun zu weit gehen, Heims und Alys Theorie vollständig
darzustellen.
Die Quintessenz lautet jedoch,
dass „durch den Verweis auf den im technokratischen Sinne rationalen
Kern solcher Planungen die Taten nicht ‚erklärlich’ und ‚verständlich’
(im Sinne von Verständnis haben) macht, also relativiert. Aber die
deutschen Verbrechen jener Jahre erhalten so gesehen einen anderen
geschichtlichen Ort, die Frage nach Ursachen und Kontinuitäten stellen
sich dann neu und noch ernster.“
Und genau hier setzt die Kritik
der GegnerInnen solcher Überlegungen ein. So unterstellt zum Beispiel
Ulrich Herbert den beiden AutorInnen, eine bestimmte politische
Zielsetzung: „Die Shoa soll als einen weiteren und besonders
furchtbaren Beweis für die Vernichtungsdynamik des
Modernisierungsprogramms imperialistischer Länder funktionalisiert
werden, die ihre Struktur und Zielrichtung unverändert fortbestehe;
was nun seinerseits wiederum aussagekräftig in bezug auf den Charakter
des bestehenden Herrschaftssystems wäre.“ Herbert folgt hier dem
weiter oben beschriebenen normativen Begriff von Moderne. Er wiederum
führt die Massentötungen und die industrielle Vernichtung von
Menschenleben ausschließlich auf die rassistische Politik und
Ideologie der Nazis zurück, die keinerlei Sinn hatte und daher nicht
zu erfassen sei. Der Antisemitismus und der Rassismus erscheinen ihm
als einziger Grund für das unvorstellbare Morden.
Werner Röhr hingegen spricht von
„Rassismus als Expansionsprogramm“ und vertritt, ebenso wie Heim und
Aly, die These, dass „der Holocaust kein mystisches Ereignis außerhalb
des menschlichen Begriffsvermögens“ sei.
Alle diese AutorInnen beschäftigt
im Grunde die Frage, ob eine Erklärbarkeit des Unfassbaren bestehen
kann oder darf. Herbert und Diner sehen in der Massenvernichtung einen
Akt der Gegenrationalität und per se Unbegreifliches. Eine
Rationalität der Shoa zu finden, würde bedeuten, dass auch die
Sozialwissenschaft an sich zur Täterin wurde und sich bis heute nicht
genügend damit auseinandergesetzt hat.
„Eine kritische Wissenschaft muss
eine Wissenschaft nach Auschwitz sein, also eine ..., die sich darüber
Rechenschaft ablegt, dass es nicht zuletzt wissenschaftliche
Verfahrensmodelle sind, die zur industriellen, d. h.
ingenieurwissenschaftlich, naturwissenschaftlich und
sozialwissenschaftlich ausgearbeiteten Massenvernichtung von Menschen
geführt haben“, meint etwa Harald Welzer.
Nach der Lektüre diverser
Aufsätze komme ich zu folgenden Schlüssen: Der Holocaust an sich als
Tat erscheint unbegreiflich. Was allerdings nicht bedeutet, dass die
Uraschen für den Völkermord an den Juden einzigartig und rational
nicht erklärbar sind. Das ist, wenn man so will, eine „verlogene Moral
des Neoliberalismus“, der Nationalsozialismus wird als genaues
Gegenteil der Moderne beschrieben und nicht als seine brutalste Form.
Der Holocaust steht im Zentrum dieses westlichen Wertesystems.
Auschwitz wird aus der Geschichte herausgenommen, weil die
Zusammenhänge der geschichtlichen Umstände dem Kapitalismus ein
katastrophales Zeugnis ausstellen. Als Synonym für das ewige und damit
geschichtslose Böse entzieht es sich der historischen Analyse und
somit vor allem der Kapitalismuskritik. Natürlich war der Massenmord
an den Jüdinnen und Juden in seiner emotionslosen Systematik und in
seiner Dimension beispiellos. Allerdings wäre es vom Standpunkt der
materialistischen Geschichtsauffassung Unsinn, zu behaupten, das Wesen
des Faschismus sei der Holocaust. Denn wenn Auschwitz nur aus sich
selbst heraus erklärbar wäre, dann wäre der historische Materialismus
mit seinem Latein tatsächlich am Ende. Das Wesen des
Nationalsozialismus bestand aber darin, die extremste Reaktion auf den
gesellschaftlichen Fortschritt gewesen zu sein. Als gesellschaftliche
Regression, war der deutsche Faschismus, war Auschwitz bei aller
kapitalistischer Rationalität ein Projekt des Wahnsinns. Aber es war
eine historische Tatsache und bedarf der Rationalität der Aufklärung
zur Analyse und nicht die Irrationalität der Verklärung. Denn das
würde wohl den endgültigen Triumph der Auschwitz-Täter über die
Auschwitz-Opfer darstellen.
Literatur
Aly, Götz; Heim, Susanne:
Sozialplanung und Völkermord. In: Schneider, Wolfgang (Hg.):
Vernichtungspolitik. Eine Debatte über den Zusammenhang von
Sozialpolitik und Genozid im nationalsozialistischen Deutschland.
Junius, Hamburg, 1991, Seite 11-25
Aly, Götz; Heim, Susanne: Wider
die Unterschätzung der nationalsozialistischen Politik. In: Schneider,
Wolfgang (Hg.): Vernichtungspolitik. Eine Debatte über den
Zusammenhang von Sozialpolitik und Genozid im nationalsozialistischen
Deutschland. Junius, Hamburg, 1991, Seite 165-177
Asendorf, Manfred u.a.:
Geschichte. Lexikon der wissenschaftlichen Grundbegriffe, Rowohlt,
Reinbeck bei Hamburg, 1994, Seite 446
Diner, Dan: Die Wahl der
Perspektive. In: Schneider, Wolfgang (Hg.): Vernichtungspolitik. Eine
Debatte über den Zusammenhang von Sozialpolitik und Genozid im
nationalsozialistischen Deutschland. Junius, Hamburg, 1991, Seite
65-77
Herbert, Ulrich: Rassismus und
rationales Kalkül. In: Schneider, Wolfgang (Hg.): Vernichtungspolitik.
Eine Debatte über den Zusammenhang von Sozialpolitik und Genozid im
nationalsozialistischen Deutschland. Junius, Hamburg, 1991, Seite 35
Röhr, Werner: Rassismus als
Expansionsprogramm: In: Schneider, Wolfgang (Hg.):
Vernichtungspolitik. Eine Debatte über den Zusammenhang von
Sozialpolitik und Genozid im nationalsozialistischen Deutschland.
Junius, Hamburg, 1991, Seite 119
Welzer, Harald: Verweilen beim
Grauen. Über den wissenschaftlichen Umgang mit dem Holocaust. In:
Welzer, Harald (Hg.): Verweilen beim Grauen. Essays zum
wissenschaftlichen Umgang mit dem Holocaust, Ed. Diskord, Wien, 1997,
Seite 26
Zitelmann, Rainer: Die totalitäre
Seite der Moderne. In: Prinz, Michael u.a. (Hg.): Nationalsozialismus
und Modernisierung, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt,
1991, Seite 1-21