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Alfred Hrdlicka:

Trau keinem über dreißig (1975)

 

"Trau keinem über dreißig" war der Schlachtruf der Studenten der sechziger Jahre, die den Marsch durch die Institutionen propagierten. Inzwischen sind sie selbst dreißig und zum Teil in diesen Institutionen versickert. Ob sie diese verändern oder stabilisieren, wird die Praxis zeigen. Vielleicht wird man eines Tages sagen: "Trau keinem unter dreißig"; nicht an dem, was er verspricht, sondern an dem, was er hält, ist zu messen.

Die Zweite Republik wird in diesem Jahr (1975) dreißig, hat sie gehalten, was sie versprochen? Die Frage richtet sich selbstverständlich an jene Generation, die sich 1945 anschickte, die Geschicke dieses Landes zu meistern. Genau genommen war es nicht einen Generation. Es waren die unterschiedlichsten Jahrgänge, die, zurückgekehrt aus den Konzentrationslagern, der Emigration, dem Krieg und der Illegalität, den Versuch unternahmen, die sehr unrühmliche verblichene Republik wieder erstehen zu lassen. Dazu war zuerst einmal nötig, dass aus der Ostmark wieder Österreich wurde. Aus eigener Kraft war das nicht möglich, das mussten die Armeen der Alliierten besorgen. Im April 1945 wurde Wien nach kurzem, aber heftigem Kampf durch die Rote Armee von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft befreit - um das Vokabular jener Tage zu gebrauchen. (Kardinal König im April 1975: "Einmarsch der Besatzer...")

Im österreichischen Fernsehen ist es derzeit "in", aus dem Blickfeld eigener Erlebnisse die Geburtsstunden und Geburtswehen der Zweiten Republik zu beurteilen, und so will ich mich, um nicht unpersönliche, unverbindliche Möchtegerngeschichtsschreibung zu betrieben, diesem Verfahren anschließen und meine Stellungnahme in eine Rahmenhandlung einbauen.

Gewiss ist es schwierig, nach dreißig Jahren die Empfindungen eines Siebzehnjährigen als Richtschnur zu verwenden, ich will es aber trotzdem versuchen, um nicht in das Prominentengeraunze der Überdreißiger zu verfallen, die unter dem Motte: "Die Befreiung hab’ ich mir anders vorgestellt" Histörchen aus historischen Tagen zum besten geben.

Wie hätten "die Sowjets" Wien befreien sollen, wenn nicht mit Gewalt? Man darf ohne Umschweife sagen: Für die Wiener waren die Befreier von allem Anfang an nicht mehr als nützliche Idioten, die sich so rasch wie möglich wieder verdrücken sollten; die Erklärung der Alliierten, Österreich sei das erste Opfer der nationalsozialistischen Aggression gewesen, kam diesem Denken sehr entgegen. Die von den Kommunisten später oft angeführte "Russenhetze" ist eher das Produkt als die Ursache dieser Denkungsart. Für den sowjetischen Soldaten war der Österreicher weniger Towarisch als seltsamer Zeitgenosse, ein Mensch, der sich im Kampf gegen ihn von ihm befreien lassen wollte. Was immer auch in Jalta und Moskau beschlossen wurde, nach jahrelangem hasserfülltem Kampf konnte er mit dem differenzierten Feindbild vom bösen und guten Deutschen wenig anfangen. Für die Deutschen waren alle "Iwans" ostische Untermenschen, sie wurden auch von jenen erschossen, die nicht dieser Ansicht waren, aber auf der Seite der Nazis kämpften. Mein Bruder, der vor Leningrad fiel, war alles denn ein begeisterter Nationalsozialist, aber als kämpfender Soldat an der Front hat er etlichen Russen den Garaus gemacht. Dass ihm dies leid getan, ist eine Sache, dass er es trotzdem getan, eine andere. Mein Vater, der schon versucht hatte, meinen Bruder vom Militär loszueisen, und selbst im Herbst 1944 von einer Strafkompanie der Organisation Todt desertierte, bestärkte mich in meinem Entschluss, für die Nazis keinen Finger an einem Schießprügel krumm zu machen. So erwartete ich also im trauten Kreis der Familie den Untergang des Dritten Reiches. Von der Hausgemeinschaft hatte ich mich allerdings ein wenig abgesondert, ich betrat ganz selten den Luftschutzkeller, aus Angst, doch noch im letzten Augenblick von einer Militärstreife aufgegriffen zu werden. An den sehr bezeichnenden Ausspruch einer resoluten Hausbewohnerin kann ich mich noch gut erinnern: "Leiber an Russen am Bauch als das Dach am Kopf." Das wird niemand gerne lesen, aber als Wiedergabe der allgemeinen Stimmung scheint mir dieser Satz sehr geeignet. Wenn schon Tod, Zerstörung und Gewaltakte, dann nicht um ihrer selbst willen. Dass schon kurze Zeit später die Bombardements der Städte als unangenehme Nebenerscheinung galten, ist nicht nur ein ideologisches, sondern auch ein psychologisches Phänomen. Mit der technoiden unpersönlichen Gewalteinwirkung ist es wie mit dem Wirtschaftsverbrechen. Mögen die Auswirkungen noch so katastrophal sein, da ihnen die anschauliche Brutalität fehlt, gehen sie weniger zu Herzen. Ich habe den Eindruck, wenn man auf die Apriltage des Jahres 1945 zu sprechen kommt, spielt das Goldene Wienerherz dem Verstand bisweilen einen schlechten Streich.

An meinem Verstand zweifelten die Hausbewohner, als ich am Morgen der Befreiung mit meiner Schwester Hand in Hand loszog, um bei Verwandten in Ottakring Nachschau zu halten. Es herrschte Kaiserwetter für die Rote Armee, die den propagierten Schreckensbildern vom Sturm aus dem Osten in keiner Weise gerecht wurde. Freundliche Mongolen und strohblonde Ukrainer waren die auffälligsten Erscheinungen in diesem sich kommandolos fortbewegenden Chaos, das trotz Toten und ausgebrannten Panzern Bazaratmosphäre hatte, denn mitten unter den mit fatalistischer Entschlossenheit dahinziehenden Soldaten bewegten sich äußerst geschäftig wirkende Einheimische, bestrebt, mit Händen und Füßen sich verständlich zu machen. So erlösend "befreiend" diese Szenerie auch war, als passiver Gewinner konnte man sich nicht ohne schlechtes Gewissen freuen, denn es war zwar für uns der Krieg vorüber, aber nicht für jene, die die "Dreckarbeit" der endgültigen Säuberung Wiens vom Faschismus besorgen mussten. Das merkte man auch beim Plündern, die Wiener hatten mehr Zeit.

Die ersten Hilfspolizisten tauchten auf. In einem ORF-Report hörte ich unlängst, dass die Russen vorzugsweise Kommunisten in die Hilfspolizei aufnahmen - fragt sich erstens: Wer war Kommunist? Im April 1945 gab es deren nicht wenige, und zweitens, was hätte man aus dem Blickfeld der Sowjets sonst tun sollen, die Leibstandarte "Adolf Hitler" anfordern? Abgesehen davon, dass sich die Sowjetunion mit Großdeutschland noch bis zum 10. Mai im Kriegszustand befand und Österreich vorerst nur eine Hypothese war, ist für mich nicht alles so selbstverständlich, wie man es heute nachträglich hinstellt. Welche politische Konstellation sollte für die Sowjets verbindlich sein? Die vor 1934, die nach 1934, die nach 1938? Soviel ich mich erinnere war es ein strammer PG ["Parteigenosse der NSDAP"; Anm.], der im 7. Bezirk die Rote Armee als erster mit einer roten Fahne empfing. Da es im 7. Bezirk zu allen Zeiten mehr Nationalsozialisten als Kommunisten gab, war diese Handlung gar nicht so absurd, geht man vom Respektieren der reinen Mehrheitsverhältnisse aus. Demokratie war schließlich in aller Mund.

Auch der Nationalsozialismus sei ein Klassenproblem, hatte ich aufgeschnappt. Gut, das kapierte ich. Was über mein Begriffsvermögen ging, war, dass es Leute gab, die sich, kaum war man den Führer losgeworden, nach dem Kaiser sehnten: Monarchisten. Für mich war die Monarchie so weit entrückt wie das Tertiär, und heute noch sind für mich Staatsbürger mit monarchistischem Untertanengeist oder Adelsprädikat politische Fossilien. Gegen den versteinerten Kulturbetrieb, der ein aus den Proportionen geratenes monarchistisches Erbe ist, habe ich schon bis zum Überdruss polemisiert. Dass eine Republik vier Fünftel ihres Kulturbudgets für Hoftheaterhaltung ausgibt, spricht für sich. Ein Pikanterie am Rande, die zeigt, wes republikanischen Geistes wir sind: Der Opernball, Redoute aus der Kaiserzeit, wurde in der "Systemzeit", ich glaube 1936, wieder eingeführt. Die Zweite Republik ließ das nicht ruhen, nur hat sie den Opernball um ein zynisches Sozialanhängsel bereichert: den "kleinen Opernball". Der kleine Mann darf nun alle Jahre vom "Juchhe" aus zu ermäßigten Preisen so richtig seine Erfolglosigkeit auskosten.

Das kulturelle Selbstverständnis der Zweiten Republik liegt im argen. Wenn bei uns das zeitgenössische Menschenbild in der bildenden Kunst jahrelang verpönt war, so kann man sich noch auf einen allgemeinen internationalen Trend berufen, in der Filmbranche ist das schwer möglich. Vergleicht man unsere Produktion etwa mit dem Neoverismo in Italien - gute Nacht! "Dabei hätten wir alle Voraussetzungen dafür gehabt", klagte unlängst ein kritischer Rechenschaftsbericht im Fernsehen, "wo wir doch über so herrliche Schauspieler verfügen." Genau daran liegt’s kann ich da nur sagen. Unser hierarchischer Theaterbetrieb mit der Burg an der Spitze der Konservierung eines aussterbenden Menschenschlags eingestellt, Schnitzlermenschen, alte Diener, Feschaks und Buhlschaften und was es sonst an besseren Leuten und deren Personal gibt. Man hat sich auch nicht entblödet, nach 1945 Produkte aus der Traumfabrik des Dritten Reiches zu kopieren, die als verklausulierter Widerstand apostrophierte nostalgisch-liebenswerte Räsoniererei und die Operettenwelt. Um so gespannter bin ich auf die geplante Verfilmung des "kommunistischen Putschversuchs" 1950. Was 1945 aus eigener Kraft nicht möglich war, soll 1950 in eine, Heldenepos en miniature nachgeholt werden. Warum nicht gleich "Heldenplatz 1938" in eine Massenkundgebung gegen den Anschluss "umdrehen" - Drehbücher sind geduldig. Soll man das Avancement der tagespolitischen Zwecklüge "Kommunistenputsch" zur staatstragenden Geschichtsverfälschung als symptomatisch bezeichnen? Wie hätte das Putschziel ausschauen sollen? Hat man die Regierung verhaftet oder den Kanzler erschossen? Für eine Teilung Österreichs hätten die Sowjets nicht die österreichischen Kommunisten gebraucht, und der Gedanke an eine Machtergreifung der Kommunisten in den von den Alliierten besetzten Gebieten ist ob seiner politischen Phantasielosigkeit einfach hanebüchen. In Wahrheit wurden die Kommunisten vom Generalstreik überrascht und versuchten, ihn auf ihre Fahnen zu schreiben. Einen Streik, auch wenn er nicht "legal" war, als Putsch zu denunzieren, scheint mir bedenklich. Für das Filmprojekt jedoch habe ich einen guten Titel parat: "Die dollfußdreisten Geschichten der Zweiten Republik".

Ich hatte mich nach Kriegsschluss auf nichts so gefreut wie auf die Vielfalt der freien Presse. Dies war für mich schlechthin Demokratie. Das "Neue Österreich" wurde im 7. Bezirk gedruckt, die ersten Exemplare verkauften meine Mutter und meine Schwester auf der Straße, ich selbst habe sie morgens noch lange Zeit ausgetragen. Dass es jedoch mit der westlichen Pressefreiheit nicht ganz zum besten bestellt ist, wurde mir spätestens 1950 klar, handelte es sich doch um ein Ereignis, das ich aus nächster Nähe zu beurteilen in der Lage war. Für meine Bewusstseinsbildung war das nicht das Beste, denn das Extrem "alles ist Lüge" kann zu einer Zwangsvorstellung werden, die jeder Nachricht, die gegen die eigene Gesinnung geht, Verschwörungsabsicht unterstellt. An den amerikanischen Pestfloh habe ich allerdings nie geglaubt, mir genügt der österreichische Putschfloh, aus dem man im Laufe der Zeit einen Elefanten gemacht hat.

Zur Metamorphose vom Befreier zum Besatzer: Was sich in der hohen Politik abgespielt hat, geht über meinen Erfahrungsbereich hinaus. Vielen der kleinen spontanen Befreiungsfeiern aber, wie ich sie auf meinem ersten Rundgang gesehen habe, wäre der Katzenjammer erspart geblieben, hätte man nicht fraternisieren mit tschechern verwechselt. Tschechisch war zu diesem Behufe ungleich geeigneter, auch wenn damit viel Missbrauch getrieben wurde. Mancher, der "dobre" war, war noch lange kein guter Kommunist, bisweilen aber ein sehr guter Requirist. Bis nach Kärnten sind die Russen nicht gekommen, aber ich könnte wetten, das Slowenisch zu dieser Zeit nicht so in Misskredit gestanden wäre wie heute. Not kennt kein Gebot. Dass man in Kärnten zwanzig Jahre nach dem Staatsvertrag, dreißig Jahre nach dem Krieg und fast fünfzig Jahre nach dem "Kärntner Abwehrkampf" wegen einiger slowenisch beschrifteter Ortstafeln den nationalen und kulturellen Notstand ausruft, scheint mir politische Wohlstandsverwahrlosung. Wie immer man den Staatsvertrag auch auslegen mag, die wichtigste Klausel darin ist zweifelsohne unsere immerwährende Neutralität, die zu verteidigen sind wir verpflichtet, darum das Bundesheer. Das eindrucksvollste daran sind die Anzahl der Offiziere im Generalsrang und die Manöver oder, besser gesagt, die Parlamentsdebatten über die Bundsheermanöver. Ich war zwar dabei, als man 1955 an der Akademie der bildenden Künste in Wien als einziger Hochschule Österreichs für einen Resolution gegen die Aufstellung eines Bundesheeres stimmte, aber ich habe längst die Hoffnung aufgegeben, dass selbst ein so "superneutraler" Staat wie Österreich - anders als der Schweiz oder Schweden steht es uns nicht frei, unsere von den Besatzern aufgezwungene freiwillige Neutralität aufzukündigen - ohne das gefährliche Soldatenspielzeug auskommt.

Ein Kapitel für sich ist die Tradition des Bundesheers. Das Natürlichste wäre, dass die Zweite Republik sich der Ersten verbunden fühlte, doch leider ist dies keine sehr ruhmreiche Tradition. 1934 wurde das Heer gegen den inneren Feind eingesetzt, und 1938, als der äußere Feind einrückte, wurden kaum Schüsse abgegeben. Experten mit Fronterfahrung sind zwischen 1938 und 1945 unter einer anderen Flagge gesegelt, es ist nicht schwer zu erraten, wes Geistes Kind manch einer ist. Bleibt nur die liebe gute alte Monarchie. Da ich aber nicht einmal Roda-Roda lustig finde, geschweige denn die verblödeten Schwejk-Verfilmungen, ist es mir rätselhaft, welchen erzieherischen Werten das Militär sich verpflichtet fühlt. Das Ende einer martialischen Pracht habe ich bei meinem Freiheitsspaziergang am Gürtel auf das anschaulichste mitbekommen. Der Gürtel war Hauptkampflinie und Massenlatrine. Das Feld der Ehre ein Abfallhaufen, die Toten lagen wie weggeworfen, kaum jemand nahm von ihnen Notiz. Dafür standen die Wiener ein paar Monate später am Ring Spalier, um die Militärparaden der Alliierten zu bestaunen und fachkundig zu kommentieren.

Zu meinem Zeitkommentar: Zur wirtschaftlichen Entwicklung und Situation bin ich weder in der Lage, mich fachkundig zu äußern, noch habe ich Lust, mir eine persönliche Ansicht abzuquälen, denn es ist wenig sinnvoll, jede Gelegenheit zur Meinungsäußerung dazu zu benützen, den Weltenrichter zu spielen. Die Verantwortlichen in diesem Lande verstanden es gewiss, Österreichs Interessen zu vertreten und zu verwalten, soweit eine Pauschalierung bei unseren differenzierten Gesellschaftsstrukturen und divergierenden Ansichten zulässig ist. Worauf ich hinaus will: Die Verwaltung des emotionellen Potentials kann nicht mit derselben Selbstverständlichkeit vonstatten gehen wie die des ökonomischen, die Nutzung des Erbes kann zur Selbstverleugnung werden und zur Verzichtserklärung kulturellen Selbstverständnisses. Wien hat sich zum dreißigsten Jahrestag der Zweiten Republik demgemäß auch pünktlich mit einer Festwochenfehlleistung eingestellt. Festspieldevisen, die nichts anderem dienen sollen, als Devisenbringer ins Land zu bringen, degradieren den künstlerischen Bestand zum Nutzobjekt. Es wäre doch schön, wenn die Zweite Republik einmal mit sich selber etwas anzufangen wüsste und nicht immer auf der Gefühlsklaviatur aus Franz Josephs Zeiten spielen würde. An ihrer Wiege hat nicht der Walzerkönig gegeigt, sondern die Stalinorgel geheult, man konnte zuschauen, wie von der Michelbeuernhöhe der Franz-Joseph-Bahnhof beschossen wurde.

Mit dreißig Jahren ist man erwachsen genug, den eigenen Werdegang kritisch zu analysieren. Was ein anderer großer Sohn dieser Stadt für das Individuum erdachte, könnte auch einer Stadt oder dem Staat nicht schaden, und es wäre erfreulich, wenn der Wienerstadt, schon der Abwechslung halber, mit Freud Staat machen würde und nicht mit Strauß. Nicht Selbstbetäubung, sondern Selbstbesinnung, die alle Schichten der Bevölkerung angeht, mit künstlerischen Mitteln und kultureller Bestandsaufnahme. Die Gegensecession hat schon vor zwei Jahren vorgeschlagen, unter dem Titel "Der Unfug des Unpolitischen" Wiens oder Österreichs kultisch-künstlerische Bestandsaufnahme in Angriff zu nehmen. Jede Nation hat einen emotionellen Background, unserer ist ein Kulturkampfstillhalteabkommenkonglomerat. Benützen ja, dran rühren nein. Warum hat es eine Landeshauptmannkandidat in Kärnten nötig, dreißig Jahre nach Hitler auf seine Hitlerjugendchargen zu pochen? Eine Nichtigkeit? Gewiss, aber eine monströse. Oder warum sucht ein Auschwitz-Komitee an die drei Jahrzehnte lang einen Sponsor, um endlich den künstlerisch-dokumentarischen Beitrag Österreichs an diesem Ort, der mehr als eine Gedenkstätte ist, zu verwirklichen? Einer der Diskussionsteilnehmer sagt, Auschwitz sei das europäische Hiroshima oder seiner kultischen Größenordnung nach Europas antifaschistisches Tschenstochau? Glauben wir wirklich, dass wir mit der Kapuzinergruft unser Auslangen finden, und genügt es der Zweiten Republik, in steifer Förmlichkeit ihrer eigenen Entstehungsgeschichte zu gedenken?

Sichtbarmachung war dem Wiener schon immer zuwider, und vielleicht trägt er auch Auschwitz "im Herzen drin wie ein Stückerl altes Wien, ein Stückerl Unseligkeit aus dieser Zeit". Aber ehrlich gesagt, selbst daran glaube ich nicht, denn dieses Fleckerl ist schon vom Selbstmitleid besetzt. Um so weniger Verständnis empfindet er für Akte der Selbstbedauerung anderer. Eine Sowjetdelegation, die eigens zu einer Kranzniederlegung am "Russendenkmal" angereist kommt, erregt nur sein Kopfschütteln. Das schlichte Faktum, dass nun einmal Russen für Wien und nicht Wiener für Moskau gestorben sind, geht ihm nicht in den Kopf. Die Geburtshilfe der Sowjetunion, der man nachsagt, sie sei Feind Nummer Eins der westlichen Demokratie, zählt zu unseren großen Verdrängungen, und so sind wir staatlich verpflichtet, weil wir es aus freien Stücken sicher nicht täten, das "Russendenkmal" am Schwarzenbergplatz stehen zu lassen. Ich finde das grotesk. Nicht weil ich das Denkmal schön finde, aber verglichen mit den Scheußlichkeiten, die wir uns selbst errichtet, und dem Erhaltenswerten, das wir nach dem Krieg selbst vernichtet, ist diese "Schmach" aus der Stunde X ein Schmankerl. Sollte es wirklich einmal zu der Ausstellung "Der Unfug des Unpolitischen" kommen, so wäre dies ein aufschlussreicher Auftakt.

Das Staatsvertragsgemälde wäre das österreichische Gegenstück zum Russendenkmal. Vom "Vater des Staatsvertrages", Julius Raab, bis zu den Ministerialräten wurde das siegreiche Team verewigt. Johann Koplenig, der zehn Jahre vorher für eine der drei demokratischen Gründerparteien der Zweiten Republik unterschrieb, durfte auch mit drauf, "mir san net a so". Vor dem Wiederaufbau aus eigener Kraft gab’s noch so etwas wie Kräfte des Widerstands. Viele musste nach 1938 emigrieren oder saßen bereits hinter Schloss und Riegel, ehe sie zu handeln imstande waren. Und zu verhandeln gab’s nichts. Der Nationalsozialismus sah im politischen Gegner nur den Verlierer. Mit den Besatzern ließ sich’s verhandeln, die Chance, als "winner" hervorzugehen, war gegeben. So wurden die Staatsvertragsverhandler die wahren Helden der Nation. Nun, ich war weder Freiheitskämpfer noch Freiheitskanzlersympathisant, ich finde bloß, dass die, denen es gelungen, Verdienste und Verdienen in der Zweiten Republik zu koordinieren, denjenigen, denen das nicht vergönnt, mehr vom Nachruhm gönnen sollten.

Um ehrlich zu sein und Jubiläumsphraseologie zu vermeiden - mir war das wiedererstandene Österreich am Anfang äußerst suspekt. Vier Jahre lang wurde mir Vaterlandsliebe der Vaterländischen Front eingetrichtert, dann wurde ich auf großdeutsch umgeschult, und kaum war der tausendjährige Zauber vorbei, gab’s schon wieder Leute, denen nichts so am Hertzen lag, wie die nationale Auferstehung. Staat befreit musste man sich besetzt fühlen.

Der einzige Chauvinismus, dem ich anhing, war der Sportplatzchauvinismus, aber auch das nur, weil mit internationale Ereignisse lieber sind als natio0nale. Wenn sportliche Misserfolge sich in ein nationales Unglück verwandeln, hört bei mir der Patriotismus auf. Nur von Lokalpatriotismus kann ich mich nicht freisprechen, ist er auch das Gegenteil von dem, was bei uns zur Festwochenzeit hochgespielt wird. Ich habe nichts gegen den Fremden, dafür einiges gegen den Fremdenverkehr, der unsere Eingeboreneninstinkte wachruft. Steireranzug und Ausseerhut wurden alsbald die Lieblingskleidung der Nazis "Made in Austria". In meinen frühestens Bildern spielen diese Tarnkappen und -anzüge eine große Rolle. Es gab auch viele Kommunisten, die, um nicht gleich wieder als vaterlandslose Gesellen abgestempelt zu werden, der nationalen Eintracht zuliebe Trachtenanzüge trugen. Zum Teil wurde dies sogar parteiintern verordnet. Das Tragen von Wahlkampfwäsche fand ich noch ganz lustig - Kleider machen Leute -, schlimm an Äußerlichkeiten ist, dass man sich allmählich auch innerlich anpasst. Manchmal hatte ich den Eindruck, Österreich sei nichts anderes als ein Trachtenverein, der zufällig an der Seite Großdeutschlands gekämpft hat. Heute erzählt man sich in Tirol noch mit Tränen in den Augen, dass der französische Hochkommissar den Tiroler Schützen soundsoviel tausend Schuss Munition zugeteilt hat. Dass wir nicht ganz für voll genommen wurden, kam uns natürlich sehr zustatten; es als der nationalen Lebensweisheit letzten Schluss anzupreisen, ist eine Staatsvertragsfolgeerscheinung.

Hat Österreich seine Startchancen wahrgenommen? Die moralische Verpflichtung emotioneller Erneuerung war gegeben. Als Ostmark erbrachten wir die höchste KZ-Kommandanten-Quote aller Gaue. Der Opfer des Faschismus hätten wir durch generelle Humanisierung des Freiheitsentzugs, der Gefängnisse, Erziehungsheime, Heilanstalten usw. sinngemäßer gedacht als mit Gedächtnisreden. Unsere Neutralität basiert auf einer Viermächtegarantie, was verstanden wir damit anzufangen? Da wir der Welt den größten Feldherrn aller Zeiten geschenkt haben, wäre es doch ganz sinnvoll gewesen, der Welt zu beweisen, dass es auch ohne Militär geht. Unbelastet von Bündnissen und Großmachtverpflichtungen hätte der Kleinstaat Modellcharakter bekommen können. Was wurde getan, um das Schlagwort von der kulturellen Großmacht mit zeitgenössischem Geist zu erfüllen? Bereits im Herbst 1945 musste ein Mann wie Ernst Fischer das Unterrichtsministerium am Minoritenplatz räumen, die KPÖ war durch die Wahl zur Minorität geworden.

Der Proporz bemächtigte sich allmählich aller Institutionen; dass er nicht gerade das war, was man lebendige Demokratie nennt, wissen wir heute. Gab es dazu überhaupt Ansätze? 1945 hatten wir andere Sorgen, kann man einwenden. Soviel ich mich erinnern kann, dachten die Leute nicht nur ans Essen, wenn auch die Tagessorgen vorrangig waren.

Als meine Schwester und ich von unserem ersten Rundgang durch das befreite Wien nach Hause gekommen waren und berichten konnten, dass die Verwandten wohlauf, war das Haus inzwischen zu einer Gerüchtebörse geworden. Schier alles schien möglich, und so absurd und naiv auch das meiste gewesen, war es doch ein Moment, wo eine unorganisierte Gemeinschaft sich Gedanken um die Zukunft dieser Stadt und dieses Staates machte. Die bald einsetzende Routinepolitik hat die Leute dieser Sorgen enthoben, das persönliche Weiterkommen war wieder ausschließlicher Lebensinhalt. Was man an Ansichten von sich hab, war wie eh und je vorgefertigt, sobald die Nachrichtenmedien wieder funktionierten. Die alteingesessenen Vorstellungen und Vorurteile kamen wieder zum Tragen, die Parteien langten schon im ersten Wahlkampf in die alte Requisitenkiste, die vollgestopft war mit Gedankengut der politisch Frustrierten. Die endlich in Angriff genommene Rechtsreform bekommt das heute noch zu spüren. Das "gesunde Volksempfinden" ist zählebig.

Tröstlich ist, dass die Staatsbürger zur Zweiten Republik mehr Vertrauen haben als zur Ersten, aber mehr als Routinerepublikaner sind wir in diesen dreißig Jahren kaum geworden.

 

Literatur zum Faschismus

Thema: Faschismus

 

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