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„Trau keinem über dreißig“ war der
Schlachtruf der Studenten der sechziger Jahre, die den Marsch durch
die Institutionen propagierten. Inzwischen sind sie selbst dreißig und
zum Teil in diesen Institutionen versickert. Ob sie diese verändern
oder stabilisieren, wird die Praxis zeigen. Vielleicht wird man eines
Tages sagen: „Trau keinem unter dreißig“; nicht an dem, was er
verspricht, sondern an dem, was er hält, ist zu messen.
Die Zweite Republik wird in diesem
Jahr (1975) dreißig, hat sie gehalten, was sie versprochen? Die Frage
richtet sich selbstverständlich an jene Generation, die sich 1945
anschickte, die Geschicke dieses Landes zu meistern. Genau genommen
war es nicht einen Generation. Es waren die unterschiedlichsten
Jahrgänge, die, zurückgekehrt aus den Konzentrationslagern, der
Emigration, dem Krieg und der Illegalität, den Versuch unternahmen,
die sehr unrühmliche verblichene Republik wieder erstehen zu lassen.
Dazu war zuerst einmal nötig, dass aus der Ostmark wieder Österreich
wurde. Aus eigener Kraft war das nicht möglich, das mussten die Armeen
der Alliierten besorgen. Im April 1945 wurde Wien nach kurzem, aber
heftigem Kampf durch die Rote Armee von der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft befreit – um das Vokabular jener Tage zu gebrauchen.
(Kardinal König im April 1975: „Einmarsch der Besatzer...“)
Im österreichischen Fernsehen ist
es derzeit „in“, aus dem Blickfeld eigener Erlebnisse die
Geburtsstunden und Geburtswehen der Zweiten Republik zu beurteilen,
und so will ich mich, um nicht unpersönliche, unverbindliche
Möchtegerngeschichtsschreibung zu betrieben, diesem Verfahren
anschließen und meine Stellungnahme in eine Rahmenhandlung einbauen.
Gewiss ist es schwierig, nach
dreißig Jahren die Empfindungen eines Siebzehnjährigen als Richtschnur
zu verwenden, ich will es aber trotzdem versuchen, um nicht in das
Prominentengeraunze der Überdreißiger zu verfallen, die unter dem
Motte: „Die Befreiung hab’ ich mir anders vorgestellt“ Histörchen aus
historischen Tagen zum besten geben.
Wie hätten „die Sowjets“ Wien
befreien sollen, wenn nicht mit Gewalt? Man darf ohne Umschweife
sagen: Für die Wiener waren die Befreier von allem Anfang an nicht
mehr als nützliche Idioten, die sich so rasch wie möglich wieder
verdrücken sollten; die Erklärung der Alliierten, Österreich sei das
erste Opfer der nationalsozialistischen Aggression gewesen, kam diesem
Denken sehr entgegen. Die von den Kommunisten später oft angeführte
„Russenhetze“ ist eher das Produkt als die Ursache dieser Denkungsart.
Für den sowjetischen Soldaten war der Österreicher weniger Towarisch
als seltsamer Zeitgenosse, ein Mensch, der sich im Kampf gegen ihn von
ihm befreien lassen wollte. Was immer auch in Jalta und Moskau
beschlossen wurde, nach jahrelangem hasserfülltem Kampf konnte er mit
dem differenzierten Feindbild vom bösen und guten Deutschen wenig
anfangen. Für die Deutschen waren alle „Iwans“ ostische Untermenschen,
sie wurden auch von jenen erschossen, die nicht dieser Ansicht waren,
aber auf der Seite der Nazis kämpften. Mein Bruder, der vor Leningrad
fiel, war alles denn ein begeisterter Nationalsozialist, aber als
kämpfender Soldat an der Front hat er etlichen Russen den Garaus
gemacht. Dass ihm dies leid getan, ist eine Sache, dass er es trotzdem
getan, eine andere. Mein Vater, der schon versucht hatte, meinen
Bruder vom Militär loszueisen, und selbst im Herbst 1944 von einer
Strafkompanie der Organisation Todt desertierte, bestärkte mich in
meinem Entschluss, für die Nazis keinen Finger an einem Schießprügel
krumm zu machen. So erwartete ich also im trauten Kreis der Familie
den Untergang des Dritten Reiches. Von der Hausgemeinschaft hatte ich
mich allerdings ein wenig abgesondert, ich betrat ganz selten den
Luftschutzkeller, aus Angst, doch noch im letzten Augenblick von einer
Militärstreife aufgegriffen zu werden. An den sehr bezeichnenden
Ausspruch einer resoluten Hausbewohnerin kann ich mich noch gut
erinnern: „Leiber an Russen am Bauch als das Dach am Kopf.“ Das wird
niemand gerne lesen, aber als Wiedergabe der allgemeinen Stimmung
scheint mir dieser Satz sehr geeignet. Wenn schon Tod, Zerstörung und
Gewaltakte, dann nicht um ihrer selbst willen. Dass schon kurze Zeit
später die Bombardements der Städte als unangenehme Nebenerscheinung
galten, ist nicht nur ein ideologisches, sondern auch ein
psychologisches Phänomen. Mit der technoiden unpersönlichen
Gewalteinwirkung ist es wie mit dem Wirtschaftsverbrechen. Mögen die
Auswirkungen noch so katastrophal sein, da ihnen die anschauliche
Brutalität fehlt, gehen sie weniger zu Herzen. Ich habe den Eindruck,
wenn man auf die Apriltage des Jahres 1945 zu sprechen kommt, spielt
das Goldene Wienerherz dem Verstand bisweilen einen schlechten
Streich.
An meinem Verstand zweifelten die
Hausbewohner, als ich am Morgen der Befreiung mit meiner Schwester
Hand in Hand loszog, um bei Verwandten in Ottakring Nachschau zu
halten. Es herrschte Kaiserwetter für die Rote Armee, die den
propagierten Schreckensbildern vom Sturm aus dem Osten in keiner Weise
gerecht wurde. Freundliche Mongolen und strohblonde Ukrainer waren die
auffälligsten Erscheinungen in diesem sich kommandolos fortbewegenden
Chaos, das trotz Toten und ausgebrannten Panzern Bazaratmosphäre
hatte, denn mitten unter den mit fatalistischer Entschlossenheit
dahinziehenden Soldaten bewegten sich äußerst geschäftig wirkende
Einheimische, bestrebt, mit Händen und Füßen sich verständlich zu
machen. So erlösend „befreiend“ diese Szenerie auch war, als passiver
Gewinner konnte man sich nicht ohne schlechtes Gewissen freuen, denn
es war zwar für uns der Krieg vorüber, aber nicht für jene, die die
„Dreckarbeit“ der endgültigen Säuberung Wiens vom Faschismus besorgen
mussten. Das merkte man auch beim Plündern, die Wiener hatten mehr
Zeit.
Die ersten Hilfspolizisten tauchten
auf. In einem ORF-Report hörte ich unlängst, dass die Russen
vorzugsweise Kommunisten in die Hilfspolizei aufnahmen – fragt sich
erstens: Wer war Kommunist? Im April 1945 gab es deren nicht wenige,
und zweitens, was hätte man aus dem Blickfeld der Sowjets sonst tun
sollen, die Leibstandarte „Adolf Hitler“ anfordern? Abgesehen davon,
dass sich die Sowjetunion mit Großdeutschland noch bis zum 10. Mai im
Kriegszustand befand und Österreich vorerst nur eine Hypothese war,
ist für mich nicht alles so selbstverständlich, wie man es heute
nachträglich hinstellt. Welche politische Konstellation sollte für die
Sowjets verbindlich sein? Die vor 1934, die nach 1934, die nach 1938?
Soviel ich mich erinnere war es ein strammer PG [„Parteigenosse der
NSDAP“; Anm.], der im 7. Bezirk die Rote Armee als erster mit einer
roten Fahne empfing. Da es im 7. Bezirk zu allen Zeiten mehr
Nationalsozialisten als Kommunisten gab, war diese Handlung gar nicht
so absurd, geht man vom Respektieren der reinen Mehrheitsverhältnisse
aus. Demokratie war schließlich in aller Mund.
Auch der Nationalsozialismus sei
ein Klassenproblem, hatte ich aufgeschnappt. Gut, das kapierte ich.
Was über mein Begriffsvermögen ging, war, dass es Leute gab, die sich,
kaum war man den Führer losgeworden, nach dem Kaiser sehnten:
Monarchisten. Für mich war die Monarchie so weit entrückt wie das
Tertiär, und heute noch sind für mich Staatsbürger mit
monarchistischem Untertanengeist oder Adelsprädikat politische
Fossilien. Gegen den versteinerten Kulturbetrieb, der ein aus den
Proportionen geratenes monarchistisches Erbe ist, habe ich schon bis
zum Überdruss polemisiert. Dass eine Republik vier Fünftel ihres
Kulturbudgets für Hoftheaterhaltung ausgibt, spricht für sich. Ein
Pikanterie am Rande, die zeigt, wes republikanischen Geistes wir sind:
Der Opernball, Redoute aus der Kaiserzeit, wurde in der „Systemzeit“,
ich glaube 1936, wieder eingeführt. Die Zweite Republik ließ das nicht
ruhen, nur hat sie den Opernball um ein zynisches Sozialanhängsel
bereichert: den „kleinen Opernball“. Der kleine Mann darf nun alle
Jahre vom „Juchhe“ aus zu ermäßigten Preisen so richtig seine
Erfolglosigkeit auskosten.
Das kulturelle Selbstverständnis
der Zweiten Republik liegt im argen. Wenn bei uns das zeitgenössische
Menschenbild in der bildenden Kunst jahrelang verpönt war, so kann man
sich noch auf einen allgemeinen internationalen Trend berufen, in der
Filmbranche ist das schwer möglich. Vergleicht man unsere Produktion
etwa mit dem Neoverismo in Italien – gute Nacht! „Dabei hätten wir
alle Voraussetzungen dafür gehabt“, klagte unlängst ein kritischer
Rechenschaftsbericht im Fernsehen, „wo wir doch über so herrliche
Schauspieler verfügen.“ Genau daran liegt’s kann ich da nur sagen.
Unser hierarchischer Theaterbetrieb mit der Burg an der Spitze der
Konservierung eines aussterbenden Menschenschlags eingestellt,
Schnitzlermenschen, alte Diener, Feschaks und Buhlschaften und was es
sonst an besseren Leuten und deren Personal gibt. Man hat sich auch
nicht entblödet, nach 1945 Produkte aus der Traumfabrik des Dritten
Reiches zu kopieren, die als verklausulierter Widerstand
apostrophierte nostalgisch-liebenswerte Räsoniererei und die
Operettenwelt. Um so gespannter bin ich auf die geplante Verfilmung
des „kommunistischen Putschversuchs“ 1950. Was 1945 aus eigener Kraft
nicht möglich war, soll 1950 in eine, Heldenepos en miniature
nachgeholt werden. Warum nicht gleich „Heldenplatz 1938“ in eine
Massenkundgebung gegen den Anschluss „umdrehen“ – Drehbücher sind
geduldig. Soll man das Avancement der tagespolitischen Zwecklüge
„Kommunistenputsch“ zur staatstragenden Geschichtsverfälschung als
symptomatisch bezeichnen? Wie hätte das Putschziel ausschauen sollen?
Hat man die Regierung verhaftet oder den Kanzler erschossen? Für eine
Teilung Österreichs hätten die Sowjets nicht die österreichischen
Kommunisten gebraucht, und der Gedanke an eine Machtergreifung der
Kommunisten in den von den Alliierten besetzten Gebieten ist ob seiner
politischen Phantasielosigkeit einfach hanebüchen. In Wahrheit wurden
die Kommunisten vom Generalstreik überrascht und versuchten, ihn auf
ihre Fahnen zu schreiben. Einen Streik, auch wenn er nicht „legal“
war, als Putsch zu denunzieren, scheint mir bedenklich. Für das
Filmprojekt jedoch habe ich einen guten Titel parat: „Die
dollfußdreisten Geschichten der Zweiten Republik“.
Ich hatte mich nach Kriegsschluss
auf nichts so gefreut wie auf die Vielfalt der freien Presse. Dies war
für mich schlechthin Demokratie. Das „Neue Österreich“ wurde im 7.
Bezirk gedruckt, die ersten Exemplare verkauften meine Mutter und
meine Schwester auf der Straße, ich selbst habe sie morgens noch lange
Zeit ausgetragen. Dass es jedoch mit der westlichen Pressefreiheit
nicht ganz zum besten bestellt ist, wurde mir spätestens 1950 klar,
handelte es sich doch um ein Ereignis, das ich aus nächster Nähe zu
beurteilen in der Lage war. Für meine Bewusstseinsbildung war das
nicht das Beste, denn das Extrem „alles ist Lüge“ kann zu einer
Zwangsvorstellung werden, die jeder Nachricht, die gegen die eigene
Gesinnung geht, Verschwörungsabsicht unterstellt. An den
amerikanischen Pestfloh habe ich allerdings nie geglaubt, mir genügt
der österreichische Putschfloh, aus dem man im Laufe der Zeit einen
Elefanten gemacht hat.
Zur Metamorphose vom Befreier zum
Besatzer: Was sich in der hohen Politik abgespielt hat, geht über
meinen Erfahrungsbereich hinaus. Vielen der kleinen spontanen
Befreiungsfeiern aber, wie ich sie auf meinem ersten Rundgang gesehen
habe, wäre der Katzenjammer erspart geblieben, hätte man nicht
fraternisieren mit tschechern verwechselt. Tschechisch war zu diesem
Behufe ungleich geeigneter, auch wenn damit viel Missbrauch getrieben
wurde. Mancher, der „dobre“ war, war noch lange kein guter Kommunist,
bisweilen aber ein sehr guter Requirist. Bis nach Kärnten sind die
Russen nicht gekommen, aber ich könnte wetten, das Slowenisch zu
dieser Zeit nicht so in Misskredit gestanden wäre wie heute. Not kennt
kein Gebot. Dass man in Kärnten zwanzig Jahre nach dem Staatsvertrag,
dreißig Jahre nach dem Krieg und fast fünfzig Jahre nach dem „Kärntner
Abwehrkampf“ wegen einiger slowenisch beschrifteter Ortstafeln den
nationalen und kulturellen Notstand ausruft, scheint mir politische
Wohlstandsverwahrlosung. Wie immer man den Staatsvertrag auch auslegen
mag, die wichtigste Klausel darin ist zweifelsohne unsere
immerwährende Neutralität, die zu verteidigen sind wir verpflichtet,
darum das Bundesheer. Das eindrucksvollste daran sind die Anzahl der
Offiziere im Generalsrang und die Manöver oder, besser gesagt, die
Parlamentsdebatten über die Bundsheermanöver. Ich war zwar dabei, als
man 1955 an der Akademie der bildenden Künste in Wien als einziger
Hochschule Österreichs für einen Resolution gegen die Aufstellung
eines Bundesheeres stimmte, aber ich habe längst die Hoffnung
aufgegeben, dass selbst ein so „superneutraler“ Staat wie Österreich –
anders als der Schweiz oder Schweden steht es uns nicht frei, unsere
von den Besatzern aufgezwungene freiwillige Neutralität aufzukündigen
– ohne das gefährliche Soldatenspielzeug auskommt.
Ein Kapitel für sich ist die
Tradition des Bundesheers. Das Natürlichste wäre, dass die Zweite
Republik sich der Ersten verbunden fühlte, doch leider ist dies keine
sehr ruhmreiche Tradition. 1934 wurde das Heer gegen den inneren Feind
eingesetzt, und 1938, als der äußere Feind einrückte, wurden kaum
Schüsse abgegeben. Experten mit Fronterfahrung sind zwischen 1938 und
1945 unter einer anderen Flagge gesegelt, es ist nicht schwer zu
erraten, wes Geistes Kind manch einer ist. Bleibt nur die liebe gute
alte Monarchie. Da ich aber nicht einmal Roda-Roda lustig finde,
geschweige denn die verblödeten Schwejk-Verfilmungen, ist es mir
rätselhaft, welchen erzieherischen Werten das Militär sich
verpflichtet fühlt. Das Ende einer martialischen Pracht habe ich bei
meinem Freiheitsspaziergang am Gürtel auf das anschaulichste
mitbekommen. Der Gürtel war Hauptkampflinie und Massenlatrine. Das
Feld der Ehre ein Abfallhaufen, die Toten lagen wie weggeworfen, kaum
jemand nahm von ihnen Notiz. Dafür standen die Wiener ein paar Monate
später am Ring Spalier, um die Militärparaden der Alliierten zu
bestaunen und fachkundig zu kommentieren.
Zu meinem Zeitkommentar: Zur
wirtschaftlichen Entwicklung und Situation bin ich weder in der Lage,
mich fachkundig zu äußern, noch habe ich Lust, mir eine persönliche
Ansicht abzuquälen, denn es ist wenig sinnvoll, jede Gelegenheit zur
Meinungsäußerung dazu zu benützen, den Weltenrichter zu spielen. Die
Verantwortlichen in diesem Lande verstanden es gewiss, Österreichs
Interessen zu vertreten und zu verwalten, soweit eine Pauschalierung
bei unseren differenzierten Gesellschaftsstrukturen und divergierenden
Ansichten zulässig ist. Worauf ich hinaus will: Die Verwaltung des
emotionellen Potentials kann nicht mit derselben
Selbstverständlichkeit vonstatten gehen wie die des ökonomischen, die
Nutzung des Erbes kann zur Selbstverleugnung werden und zur
Verzichtserklärung kulturellen Selbstverständnisses. Wien hat sich zum
dreißigsten Jahrestag der Zweiten Republik demgemäß auch pünktlich mit
einer Festwochenfehlleistung eingestellt. Festspieldevisen, die nichts
anderem dienen sollen, als Devisenbringer ins Land zu bringen,
degradieren den künstlerischen Bestand zum Nutzobjekt. Es wäre doch
schön, wenn die Zweite Republik einmal mit sich selber etwas
anzufangen wüsste und nicht immer auf der Gefühlsklaviatur aus Franz
Josephs Zeiten spielen würde. An ihrer Wiege hat nicht der Walzerkönig
gegeigt, sondern die Stalinorgel geheult, man konnte zuschauen, wie
von der Michelbeuernhöhe der Franz-Joseph-Bahnhof beschossen wurde.
Mit dreißig Jahren ist man
erwachsen genug, den eigenen Werdegang kritisch zu analysieren. Was
ein anderer großer Sohn dieser Stadt für das Individuum erdachte,
könnte auch einer Stadt oder dem Staat nicht schaden, und es wäre
erfreulich, wenn der Wienerstadt, schon der Abwechslung halber, mit
Freud Staat machen würde und nicht mit Strauß. Nicht Selbstbetäubung,
sondern Selbstbesinnung, die alle Schichten der Bevölkerung angeht,
mit künstlerischen Mitteln und kultureller Bestandsaufnahme. Die
Gegensecession hat schon vor zwei Jahren vorgeschlagen, unter dem
Titel „Der Unfug des Unpolitischen“ Wiens oder Österreichs
kultisch-künstlerische Bestandsaufnahme in Angriff zu nehmen. Jede
Nation hat einen emotionellen Background, unserer ist ein
Kulturkampfstillhalteabkommenkonglomerat. Benützen ja, dran rühren
nein. Warum hat es eine Landeshauptmannkandidat in Kärnten nötig,
dreißig Jahre nach Hitler auf seine Hitlerjugendchargen zu pochen?
Eine Nichtigkeit? Gewiss, aber eine monströse. Oder warum sucht ein
Auschwitz-Komitee an die drei Jahrzehnte lang einen Sponsor, um
endlich den künstlerisch-dokumentarischen Beitrag Österreichs an
diesem Ort, der mehr als eine Gedenkstätte ist, zu verwirklichen?
Einer der Diskussionsteilnehmer sagt, Auschwitz sei das europäische
Hiroshima oder seiner kultischen Größenordnung nach Europas
antifaschistisches Tschenstochau? Glauben wir wirklich, dass wir mit
der Kapuzinergruft unser Auslangen finden, und genügt es der Zweiten
Republik, in steifer Förmlichkeit ihrer eigenen Entstehungsgeschichte
zu gedenken?
Sichtbarmachung war dem Wiener
schon immer zuwider, und vielleicht trägt er auch Auschwitz „im Herzen
drin wie ein Stückerl altes Wien, ein Stückerl Unseligkeit aus dieser
Zeit“. Aber ehrlich gesagt, selbst daran glaube ich nicht, denn dieses
Fleckerl ist schon vom Selbstmitleid besetzt. Um so weniger
Verständnis empfindet er für Akte der Selbstbedauerung anderer. Eine
Sowjetdelegation, die eigens zu einer Kranzniederlegung am
„Russendenkmal“ angereist kommt, erregt nur sein Kopfschütteln. Das
schlichte Faktum, dass nun einmal Russen für Wien und nicht Wiener für
Moskau gestorben sind, geht ihm nicht in den Kopf. Die Geburtshilfe
der Sowjetunion, der man nachsagt, sie sei Feind Nummer Eins der
westlichen Demokratie, zählt zu unseren großen Verdrängungen, und so
sind wir staatlich verpflichtet, weil wir es aus freien Stücken sicher
nicht täten, das „Russendenkmal“ am Schwarzenbergplatz stehen zu
lassen. Ich finde das grotesk. Nicht weil ich das Denkmal schön finde,
aber verglichen mit den Scheußlichkeiten, die wir uns selbst
errichtet, und dem Erhaltenswerten, das wir nach dem Krieg selbst
vernichtet, ist diese „Schmach“ aus der Stunde X ein Schmankerl.
Sollte es wirklich einmal zu der Ausstellung „Der Unfug des
Unpolitischen“ kommen, so wäre dies ein aufschlussreicher Auftakt.
Das Staatsvertragsgemälde wäre das
österreichische Gegenstück zum Russendenkmal. Vom „Vater des
Staatsvertrages“, Julius Raab, bis zu den Ministerialräten wurde das
siegreiche Team verewigt. Johann Koplenig, der zehn Jahre vorher für
eine der drei demokratischen Gründerparteien der Zweiten Republik
unterschrieb, durfte auch mit drauf, „mir san net a so“. Vor dem
Wiederaufbau aus eigener Kraft gab’s noch so etwas wie Kräfte des
Widerstands. Viele musste nach 1938 emigrieren oder saßen bereits
hinter Schloss und Riegel, ehe sie zu handeln imstande waren. Und zu
verhandeln gab’s nichts. Der Nationalsozialismus sah im politischen
Gegner nur den Verlierer. Mit den Besatzern ließ sich’s verhandeln,
die Chance, als „winner“ hervorzugehen, war gegeben. So wurden die
Staatsvertragsverhandler die wahren Helden der Nation. Nun, ich war
weder Freiheitskämpfer noch Freiheitskanzlersympathisant, ich finde
bloß, dass die, denen es gelungen, Verdienste und Verdienen in der
Zweiten Republik zu koordinieren, denjenigen, denen das nicht
vergönnt, mehr vom Nachruhm gönnen sollten.
Um ehrlich zu sein und
Jubiläumsphraseologie zu vermeiden – mir war das wiedererstandene
Österreich am Anfang äußerst suspekt. Vier Jahre lang wurde mir
Vaterlandsliebe der Vaterländischen Front eingetrichtert, dann wurde
ich auf großdeutsch umgeschult, und kaum war der tausendjährige Zauber
vorbei, gab’s schon wieder Leute, denen nichts so am Hertzen lag, wie
die nationale Auferstehung. Staat befreit musste man sich besetzt
fühlen.
Der einzige Chauvinismus, dem ich
anhing, war der Sportplatzchauvinismus, aber auch das nur, weil mit
internationale Ereignisse lieber sind als natio0nale. Wenn sportliche
Misserfolge sich in ein nationales Unglück verwandeln, hört bei mir
der Patriotismus auf. Nur von Lokalpatriotismus kann ich mich nicht
freisprechen, ist er auch das Gegenteil von dem, was bei uns zur
Festwochenzeit hochgespielt wird. Ich habe nichts gegen den Fremden,
dafür einiges gegen den Fremdenverkehr, der unsere
Eingeboreneninstinkte wachruft. Steireranzug und Ausseerhut wurden
alsbald die Lieblingskleidung der Nazis „Made in Austria“. In meinen
frühestens Bildern spielen diese Tarnkappen und -anzüge eine große
Rolle. Es gab auch viele Kommunisten, die, um nicht gleich wieder als
vaterlandslose Gesellen abgestempelt zu werden, der nationalen
Eintracht zuliebe Trachtenanzüge trugen. Zum Teil wurde dies sogar
parteiintern verordnet. Das Tragen von Wahlkampfwäsche fand ich noch
ganz lustig – Kleider machen Leute –, schlimm an Äußerlichkeiten ist,
dass man sich allmählich auch innerlich anpasst. Manchmal hatte ich
den Eindruck, Österreich sei nichts anderes als ein Trachtenverein,
der zufällig an der Seite Großdeutschlands gekämpft hat. Heute erzählt
man sich in Tirol noch mit Tränen in den Augen, dass der französische
Hochkommissar den Tiroler Schützen soundsoviel tausend Schuss Munition
zugeteilt hat. Dass wir nicht ganz für voll genommen wurden, kam uns
natürlich sehr zustatten; es als der nationalen Lebensweisheit letzten
Schluss anzupreisen, ist eine Staatsvertragsfolgeerscheinung.
Hat Österreich seine Startchancen
wahrgenommen? Die moralische Verpflichtung emotioneller Erneuerung war
gegeben. Als Ostmark erbrachten wir die höchste KZ-Kommandanten-Quote
aller Gaue. Der Opfer des Faschismus hätten wir durch generelle
Humanisierung des Freiheitsentzugs, der Gefängnisse, Erziehungsheime,
Heilanstalten usw. sinngemäßer gedacht als mit Gedächtnisreden. Unsere
Neutralität basiert auf einer Viermächtegarantie, was verstanden wir
damit anzufangen? Da wir der Welt den größten Feldherrn aller Zeiten
geschenkt haben, wäre es doch ganz sinnvoll gewesen, der Welt zu
beweisen, dass es auch ohne Militär geht. Unbelastet von Bündnissen
und Großmachtverpflichtungen hätte der Kleinstaat Modellcharakter
bekommen können. Was wurde getan, um das Schlagwort von der
kulturellen Großmacht mit zeitgenössischem Geist zu erfüllen? Bereits
im Herbst 1945 musste ein Mann wie Ernst Fischer das
Unterrichtsministerium am Minoritenplatz räumen, die KPÖ war durch die
Wahl zur Minorität geworden.
Der Proporz bemächtigte sich
allmählich aller Institutionen; dass er nicht gerade das war, was man
lebendige Demokratie nennt, wissen wir heute. Gab es dazu überhaupt
Ansätze? 1945 hatten wir andere Sorgen, kann man einwenden. Soviel ich
mich erinnern kann, dachten die Leute nicht nur ans Essen, wenn auch
die Tagessorgen vorrangig waren.
Als meine Schwester und ich von
unserem ersten Rundgang durch das befreite Wien nach Hause gekommen
waren und berichten konnten, dass die Verwandten wohlauf, war das Haus
inzwischen zu einer Gerüchtebörse geworden. Schier alles schien
möglich, und so absurd und naiv auch das meiste gewesen, war es doch
ein Moment, wo eine unorganisierte Gemeinschaft sich Gedanken um die
Zukunft dieser Stadt und dieses Staates machte. Die bald einsetzende
Routinepolitik hat die Leute dieser Sorgen enthoben, das persönliche
Weiterkommen war wieder ausschließlicher Lebensinhalt. Was man an
Ansichten von sich hab, war wie eh und je vorgefertigt, sobald die
Nachrichtenmedien wieder funktionierten. Die alteingesessenen
Vorstellungen und Vorurteile kamen wieder zum Tragen, die Parteien
langten schon im ersten Wahlkampf in die alte Requisitenkiste, die
vollgestopft war mit Gedankengut der politisch Frustrierten. Die
endlich in Angriff genommene Rechtsreform bekommt das heute noch zu
spüren. Das „gesunde Volksempfinden“ ist zählebig.
Tröstlich ist, dass die
Staatsbürger zur Zweiten Republik mehr Vertrauen haben als zur Ersten,
aber mehr als Routinerepublikaner sind wir in diesen dreißig Jahren
kaum geworden.
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