|
Die Monopolverbände der Kapitalisten - die
Kartelle, Syndikate und Trusts - teilen vor allem den ganzen
Binnenmarkt unter sich auf, indem sie die Produktion des betreffenden
Landes mehr oder weniger vollständig an sich reißen. Aber der
Binnenmarkt hängt unter dem Kapitalismus untrennbar mit dem Außenmarkt
zusammen. Der Kapitalismus hat längst den Weltmarkt geschaffen. Und in
dem Maße, wie der Kapitalexport wuchs und die ausländischen und
kolonialen Verbindungen und "Einflußsphären" der riesigen
Monopolverbände sich in jeder Weise erweiterten, kam es
"natürlicherweise" unter ihnen zu Abmachungen im Weltmaßstab, zur
Bildung von internationalen Kartellen.
Das
ist eine neue Stufe der Weltkonzentration des Kapitals und der
Produktion, eine unvergleichlich höhere Stufe als die vorangegangenen.
Wir wollen sehen, wie dieses Übermonopol heranwächst.
Am
typischsten für die neuesten Fortschritte der Technik, für den
Kapitalismus am Ende des 19. und am Anfang des 20.
Jahrhunderts ist die Elektroindustrie. Sie entwickelte sich am
stärksten in den zwei fortgeschrittensten der neuen kapitalistischen
Länder, in den Vereinigten Staaten und Deutschland. In Deutschland
wurde das Anwachsen der Konzentration in diesem Industriezweig
besonders stark durch die Krise vom Jahre 1900 beeinflußt. Die Banken,
die damals schon fest genug mit der Industrie verwachsen waren,
beschleunigten und vertieften während dieser Krise im höchsten Grade
den Untergang verhältnismäßig kleiner Unternehmungen und ihre
Aufsaugung durch große. "Indem sie" (die Banken), schreibt Jeidels,
"gerade von den kapitalbedürftigsten Unternehmungen ihre Hand
zurückziehen, befördern sie erst eine schwindelhafte Hausse, dann den
rettungslosen Ruin der Gesellschaften, die nicht dauernd eng mit ihnen
liiert sind." (71)
Die
Folge davon war, daß nach 1900 die Konzentration mit Riesenschritten
vorwärtsging. Vor 1900 gab es in der Elektroindustrie sieben oder acht
"Gruppen", wobei jede aus mehreren Gesellschaften (im ganzen waren es
28) bestand, und hinter jeder standen 2-11 Banken. Um 1908-192
verschmolzen alle diese Gruppen zu zwei oder zu einer einzigen. Dieser
Prozeß ging folgendermaßen vor sich:
|
Gruppen der Elektroindustrie |
|
|
Felten &
Guilleaume |
Lahmeyer |
Union AEG |
Siemens &
Halske |
Schuckert
& Co. |
Bergmann
| |
Kummer
| |
|
vor 1900: |
|
| |
|
| |
1900 zusammen-
gebrochen |
|
|
Felten & Lahmeyer |
AEG |
Siemens & Halske-Schuckert |
Bergmann |
|
|
|
|
|
|
|
|
AEG |
Siemens & Halske-Schuckert |
|
|
Um 1912 |
(Enge "Kooperation" seit 1908) |
|
Die berühmte AEG (Allgemeine
Elektrizitäts-Gesellschaft), die auf diese Weise entstanden ist,
beherrscht (durch das "Beteiligungssystem") 175-200 Gesellschaften und
verfügt über ein Kapital von ungefähr 1,5 Milliarden Mark.
Sie hat allein 34 direkte Auslandsvertretungen, davon 12
Aktiengesellschaften in mehr als 10 Staaten. Schon 1904 schätzte man
die Kapitalanlagen der deutschen Elektroindustrie im Ausland auf 233
Millionen Mark, davon 62 Mill. in Rußland. Es erübrigt sich zu sagen,
daß die Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft ein riesiges
"kombiniertes" Unternehmen darstellt - allein die Zahl ihrer
Fabrikationsgesellschaften beträgt 16 -, das die verschiedenartigsten
Erzeugnisse, von Kabeln und Isolatoren bis zu Automobilen und
Flugmaschinen, herstellt.
Die
Konzentration in Europa war aber auch ein Bestandteil des
Konzentrationsprozesses in Amerika. Das ging folgendermaßen vor sich:
|
|
General Electric Co. |
|
Amerika: |
Thomson-Houston Co. gründet
für Europa die Firma |
Edison Co. gründet für Europa die
Firma:
Französische Edison Co.; diese übergibt
die Patente der deutschen Firma
AEG |
|
Deutschland: |
Union Elektrizitäts-Gesellschaft |
|
|
Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft
(AEG) |
Auf diese Weise entstanden zwei Elektro"mächte".
"Andere Elektromächte, wenigstens von diesen beiden völlig
unabhängige, gibt es auf der Erde nicht", schreibt Heinig in seinem
Aufsatz Der Weg des Elektrotrusts. Über den Umsatz und den
Umfang der Betriebe beider "Trusts" geben folgende Zahlen eine
ungefähre, bei weitem nicht erschöpfende Vorstellung:
|
|
Warenumsatz
(Mill. Mark) |
Zahl der
Angestellten |
Nettogewinn
(Mill. Mark) |
|
Amerika: General Electric Co. (GEC) |
1907: 252 |
28.000 |
35,4 |
|
|
1910: 298 |
32.000 |
45,6 |
|
Deutschland: Allgemeine.
Elektrizitäts-Gesellschaft (AEG) |
1907: 216 |
30.700 |
14,5 |
|
|
1911: 362 |
60.800 |
21,7 |
Und nun schließen 1907 der amerikanische und der
deutsche Trust einen Vertrag über die Aufteilung der Welt. Die
Konkurrenz wird ausgeschaltet. Die GEC "erhält" die Vereinigten
Staaten und Kanada, der AEG werden Deutschland, Österreich, Rußland,
Holland, Dänemark, die Schweiz, die Türkei und der Balkan "zugeteilt".
Besondere - natürlich geheime - Verträge werden über die
"Tochtergesellschaften" abgeschlossen, die in neue Industriezweige und
in "neue", formell noch unverteilte Länder eindringen. Erfindungen und
Erfahrungen werden gegenseitig ausgetauscht.
(72)
Man
versteht ohne weiteres, wie schwierig die Konkurrenz gegen diesen
faktisch einheitlichen, die gesamte Welt umspannenden Trust ist, der
über ein Kapital von mehreren Milliarden verfügt und seine
"Niederlassungen", Vertretungen, Agenturen, Verbindungen an allen
Ecken und Enden der Welt hat. Aber eine Aufteilung der Welt unter zwei
mächtige Trusts schließt natürlich eine Neuaufteilung nicht
aus, sobald das Kräfteverhältnis - infolge der ungleichmäßigen
Entwicklung, von Kriegen, Zusammenbrüchen usw. - sich ändert.
Ein
lehrreiches Beispiel dafür, wie eine solche Neuaufteilung versucht
wird und wie um sie gekämpft wird, bietet die Petroleumindustrie.
"Der
Petroleummarkt der Welt," schrieb Jeidels 1905, "ist im wesentlichen
auch noch heute unter zwei große Finanzgruppen aufgeteilt: die
amerikanische Standard Oil Co.
Rockefellers und die Beherrscher des russischen Baku-Öls, Rothschild
und Nobel. Beide Gruppen stehen in enger Verbindung, sind aber in
ihrer Monopolstellung seit einer Reihe von Jahren von fünf Feinden
bedroht" (73): 1. dem
Versiegen der Petroleumquellen in Amerika; 2. der Konkurrenz der Firma
Mantaschow in Baku; 3. den Petroleumvorkommen in Österreich und 4. in
Rumänien; 5. den überseeischen Ölquellen, vornehmlich in den
holländischen Kolonien (die steinreichen Firmen von Samuel und Shell,
die auch mit dem englischen Kapital liiert sind). Die letzten drei
Gruppen von Unternehmungen sind mit deutschen Großbanken, mit der
größten, der Deutschen Bank,
an der Spitze, liiert. Diese Banken haben selbständig und planmäßig
die Petroleumindustrie gefördert, so z.B. in Rumänien, um einen
"eigenen" Stützpunkt zu haben. In der rumänischen Petroleumindustrie
schätzte man 1907 das fremde Kapital auf 185 Mill. Francs, wovon auf
Deutschland 74 Mill. entfielen.
(74)
Es
begann ein Kampf, der denn auch in der ökonomischen Literatur Kampf um
"die Teilung der Welt" genannt wird. Einerseits Rockefellers
Petroleumtrust, der, um alles an sich zu
reißen, in Holland selbst eine "Tochtergesellschaft" gründete
und Petroleumquellen in Niederländisch-Indien aufkaufte, um so seinem
Hauptfeind, dem holländisch-englischen
Shell-Trust,
einen Schlag zu versetzen. Anderseits suchten die
Deutsche Bank
und andere Berliner Banken Rumänien "für sich zu behaupten" und es
mit Rußland gegen Rockefeller zu vereinigen. Dieser verfügte über ein
unvergleichlich größeres Kapital und einen ausgezeichnet organisierten
Apparat für den Transport und die Zustellung des Petroleums an die
Verbraucher. Der Kampf mußte mit der völligen Niederlage der
Deutschen Bank
enden, was 1907 auch der Fall war. Es blieb ihr nur die Wahl: entweder
ihre "Petroleuminteressen" mit Millionenverlust zu liquidieren oder
sich zu unterwerfen. Sie wählte das letztere und schloß einen für die
Deutsche Bank sehr
ungünstigen Vertrag mit der Standard Oil. Auf Grund dieses Vertrags
verpflichtete sich die Deutsche
Bank, "nichts zum Nachteil der amerikanischen Interessen
zu unternehmen"; dabei war jedoch vorgesehen, daß der Vertrag seine
Gültigkeit verlieren solle, falls Deutschland durch Gesetz ein
staatliches Petroleummonopol einführen werde.
Nun
beginnt die "Petroleum-Komödie". Einer der Finanzkönige Deutschlands,
von Gwinner, Direktor der
Deutschen Bank, läßt durch seinen Privatsekretär Stauß
für ein Petroleummonopol agitieren. Der ganze Riesenapparat
der Berliner Großbank, alle weitreichenden "Verbindungen" werden in
Bewegung gesetzt, die Presse überschreit sich in "patriotischer"
Empörung gegen "das Joch" des amerikanischen Trusts, und der Reichstag
nimmt am 15. März 1911 beinahe einstimmig eine Resolution an, in der
die Regierung aufgefordert wird, einen Gesetzentwurf über ein
Petroleummonopol auszuarbeiten. Die Regierung griff diesen "populären"
Gedanken auf, und die Deutsche
Bank, die ihren amerikanischen Kontrahenten übers Ohr
hauen und ihren Geschäften durch das Staatsmonopol nachhelfen wollte,
schien gewonnenes Spiel zu haben. Die deutschen Petroleumkönige
schwelgten schon im Vorgenuß der Riesenprofite, die den Profiten der
russischen Zuckerfabrikanten nicht nachstehen würden ... Aber da
gerieten sich erstens die deutschen Großbanken in die Haare wegen der
Teilung der Beute, und die
Disconto-Gesellschaft enthüllte die eigennützigen
Interessen der Deutschen Bank;
zweitens bekam die Regierung Angst vor dem Kampf gegen Rockefeller,
denn es war recht zweifelhaft, ob Deutschland ohne ihn Petroleum
bekommen würde (Rumäniens Ausbeute war gering), und drittens stand die
Bewilligung des Milliardenetats von 1913 für die Kriegsvorbereitung
Deutschlands bevor. Das Monopolprojekt wurde vertagt. Rockefellers
Petroleumtrust ging einstweilen als Sieger aus dem Kampf
hervor.
Die
Berliner Zeitschrift
Die Bank
schrieb aus diesem Anlaß, daß Deutschland den
Petroleumtrust nur
durch ein Strommonopol und Umsetzung der Wasserkräfte in billige
Elektrizität bekämpfen könne. Aber, fügte der Verfasser hinzu, "das
Strommonopol wird in dem Momente kommen, in dem die Produzenten es
brauchen werden; nämlich dann, wenn der nächste große Krach in der
Elektrizitätsindustrie vor der Tür stehen wird, wenn die gewaltigen,
teuren Stromwerke, die von den Privatkonzernen der
Elektrizitätsindustrie jetzt allenthalben gebaut werden und für die
ihnen Staaten, Kommunen und andere Verbände schon jetzt partielle
Monopole gewähren, nicht mehr rentabel zu arbeiten in der Lage sind.
Dann wird man mit den Wasserkräften herausrücken müssen; aber man wird
sie nicht von Staats wegen in billige Elektrizität umsetzen können,
sondern man wird sie wieder einem ‚staatlich kontrollierten
Privatmonopol‘ überantworten müssen, weil die gewaltigen Abfindungen
und Entschädigungen, die man der Privatindustrie ... zahlen müßte, die
Grundrente eines ... Strommonopols zu stark belasten würden. So war es
beim Kalimonopol, so ist es beim Petroleummonopol, so wird es beim
Strommonopol sein. Mögen doch unsere Staatssozialisten, die sich durch
ein schönes Prinzip blenden lassen, endlich einsehen, daß in
Deutschland Monopole nie den Zweck und den Erfolg gehabt haben, dem
Konsum zu nützen oder auch nur dem Staat Anteil an dem
Unternehmergewinn zu gewähren, sondern immer nur dazu gedient haben,
verfahrene Privatindustrien mit Staatshilfe zu sanieren."
(75)
Zu
solchen wertvollen Geständnissen sehen sich bürgerliche deutsche
Ökonomen genötigt. Wir sehen hier anschaulich, wie sieh in der Epoche
des Finanzkapitals private und staatliche Monopole miteinander
verflechten und die einen wie die anderen in Wirklichkeit bloß
einzelne Glieder in der Kette des imperialistischen Kampfes zwischen
den größten Monopolisten um die Teilung der Welt sind.
Auch
in der Handelsschiffahrt hat das riesige Anwachsen der Konzentration
zur Aufteilung der Welt geführt. In Deutschland entstanden zwei
riesige Gesellschaften: die
Hamburg-Amerika-Linie und der
Norddeutsche Lloyd
mit einem Kapital von je 200 Mill. Mark (in Aktien und Obligationen)
und Dampfern im Werte von 185-189 Mill. Mark. Anderseits bildete sich
am 1. Januar 1903 in Amerika der sogenannte Morgan-Trust, die
Internationale Gesellschaft für
Seehandel, die neun amerikanische und englische
Schiffahrtsgesellschaften vereinigt und über ein Kapital von 120 Mill.
Dollar (480 Mill. Mark) verfügt. Bereits 1903 schlossen die deutschen
Kolosse mit diesem amerikanisch-englischen Trust einen Vertrag über
die Aufteilung der Welt in Verbindung mit der Verteilung des Profits.
Die deutschen Gesellschaften verzichteten auf die Konkurrenz im
englisch-amerikanischen Frachtgeschäft. Es wurde genau festgelegt, wem
welche Häfen "überlassen" werden, ein gemeinsamer Überwachungsausschuß
wurde geschaffen usw. Der Vertrag wurde auf 20 Jahre geschlossen mit
der Klausel, daß er im Kriegsfall außer Kraft tritt.
(76)
Höchst
lehrreich ist auch die Entstehungsgeschichte des internationalen
Schienenkartells. Zum erstenmal unternahmen die englischen, belgischen
und deutschen Schienenwerke bereits 1884, während einer starken
industriellen Depression den Versuch, ein solches Kartell zu bilden.
Man einigte sich, auf dem Binnenmarkt der vertragschließenden Länder
einander keine Konkurrenz zu machen und die Außenmärkte nach folgendem
Schlüssel zu verteilen: England 66%, Deutschland 27% und Belgien 7%.
Indien blieb restlos England vorbehalten. Gegen eine englische Firma,
die außerhalb der Vereinbarung blieb, wurde ein gemeinsamer Kampf
geführt, dessen Kosten durch einen bestimmten Prozentsatz von den
gesamten Verkäufen gedeckt wurden. Das Kartell zerfiel aber 1886, als
zwei englische Firmen aus ihm austraten. Es ist bezeichnend, daß es
während der darauffolgenden Perioden des industriellen Aufschwungs
nicht gelang, eine Konvention zustande zu bringen.
Anfang
1904 wurde das deutsche Stahlsyndikat gegründet. Im November 1904
wurde das internationale Schienenkartell erneuert nach dem Schlüssel:
England 53,5%. Deutschland 28,83%, Belgien 17,67%. Darauf schloß sich
Frankreich an mit 4,8%, 5,8% und 6,4% für das erste, zweite und dritte
Jahr, und zwar über 100% hinaus, d.h. bei einer Gesamtsumme von 104,8%
usw. Im Jahre 1905 trat der Stahltrust der Vereinigten Staaten (United
States Steel Corporation) bei, später auch Österreich
und Spanien. "Für den Augenblick", schrieb Vogelstein 1910, "ist die
Teilung der Erde vollendet, und die großen Konsumenten, vor allem die
Staatsbahnen, können jetzt, da die Welt hingegeben ist, ohne daß ihre
Interessen gewahrt wurden, wie der Dichter im Himmel des Zeus wohnen."
(77)
Erwähnt sei ferner das internationale Zinksyndikat, das 1909 gegründet
wurde und den Produktionsumfang zwischen fünf Gruppen von Hütten genau
verteilte, nämlich zwischen den deutschen, belgischen, französischen,
spanischen und englischen; ferner der internationale Pulvertrust,
diese, nach Liefmanns Worten, "ganz moderne enge Verbindung aller
Sprengstoff herstellenden deutschen Unternehmungen, die alsdann mit
den ähnlich organisierten französischen und amerikanischen
Sprengstofffabriken sozusagen die ganze Welt unter sich verteilten"
(78).
Im
ganzen zählte Liefmann für das Jahr 1897 an die 40 internationale
Kartelle, an denen Deutschland teilnahm, und um 1910 schon etwa 100.
Manche
bürgerliche Schriftsteller (denen sich jetzt auch K. Kautsky zugesellt
hat, der seiner marxistischen Einstellung, z.B. von 1909, völlig
untreu geworden ist) gaben der Meinung Ausdruck, daß die
internationalen Kartelle, als eine der am klarsten ausgeprägten
Erscheinungsformen der Internationalisierung des Kapitals, die
Erhaltung des Friedens zwischen den Völkern im Kapitalismus erhoffen
lassen. Diese Ansicht ist theoretisch völlig unsinnig und praktisch
ein Sophismus, eine unehrliche Methode, den schlimmsten Opportunismus
zu verteidigen. Die internationalen Kartelle zeigen, bis zu welchem
Grade die kapitalistischen Monopole jetzt angewachsen sind und
worum der Kampf zwischen den Kapitalistenverbänden geht. Dieser
letzte Umstand ist der wichtigste; nur er allein macht uns den
historisch-ökonomischen Sinn des Geschehens klar, denn die Form
des Kampfes kann wechseln und wechselt beständig aus verschiedenen,
verhältnismäßig untergeordneten und zeitweiligen Gründen, aber das
Wesen des Kampfes, sein Klasseninhalt, kann
sich durchaus nicht ändern, solange es Klassen gibt.
Selbstverständlich liegt es im Interesse z.B. der deutschen
Bourgeoisie, auf deren Seite dem Wesen der Sache nach Kautsky in
seinen theoretischen Darlegungen übergegangen ist (wovon noch die Rede
sein wird), den Inhalt des heutigen ökonomischen Kampfes
(Teilung der Welt) zu vertuschen und bald diese, bald jene Form
des Kampfes hervorzukehren. Denselben Fehler begeht Kautsky. Und es
handelt sieh natürlich nicht um die deutsche, sondern um die
internationale Bourgeoisie. Die Kapitalisten teilen die Welt nicht
etwa aus besonderer Bosheit unter sich auf, sondern weil die erreichte
Stufe der Konzentration sie zwingt, diesen Weg zu beschreiten, um
Profite zu erzielen; dabei wird die Teilung "nach dem Kapital", "nach
der Macht" vorgenommen - eine andere Methode der Teilung kann es im
System der Warenproduktion und des Kapitalismus nicht geben. Die Macht
aber wechselt mit der ökonomischen und politischen Entwicklung; um zu
begreifen, was vor sich geht, muß man wissen, welche Fragen durch
Machtverschiebungen entschieden werden; ob diese Verschiebungen nun
"rein" ökonomischer Natur oder außerökonomischer (z.B.
militärischer) Art sind, ist eine nebensächliche Frage, die an den
grundlegenden Anschauungen über die jüngste Epoche des Kapitalismus
nichts zu ändern vermag. Die Frage nach dem Inhalt des
Kampfes und der Vereinbarungen zwischen den Kapitalistenverbänden
durch die Frage nach der Form des Kampfes und der Vereinbarungen
(heute friedlich, morgen nicht friedlich, übermorgen wieder nicht
friedlich) ersetzen heißt zum Sophisten herabsinken.
Die
Epoche des jüngsten Kapitalismus zeigt uns, daß sich unter den
Kapitalistenverbänden bestimmte Beziehungen herausbilden auf dem
Boden der ökonomischen Aufteilung der Welt, daß sich aber daneben
und im Zusammenhang damit zwischen den politischen Verbänden, den
Staaten, bestimmte Beziehungen herausbilden auf dem Boden der
territorialen Aufteilung der Welt, des Kampfes um die Kolonien, "des
Kampfes um das Wirtschaftsgebiet".
Fußnoten von W. I. Lenin:
(71)
Jeidels, a.a.O., S.232.
(72)
Riesser, a.a.O.; Diouritch,
a.a.O., S.233; Kurt Heinig,
a.a.O.
(73)
Jeidels, S.193.
(74)
Diouritch, S.245/246.
(75)
Die Bank, 1912, 2, 629,
1036; 1913, 1, 388.
(76)
Riesser, a.a.O., S.125.
(77)
Vogelstein, Organisationsformen,
S.100.
(78)
Liefmann, Kartelle und Trusts,
2.A., S.161.
|