|
In seinem Werk Die
territoriale Entwicklung der europäischen Kolonien gibt der
Geograph A. Supan (79) die
folgende kurze Zusammenfassung dieser Entwicklung am Ende des 19.
Jahrhunderts:
|
Vom Hundert der Fläche gehörten den europäischen Kolonialmächten
(die Vereinigten Staaten eingerechnet): |
|
|
1876 |
1900 |
Zunahme |
|
In Afrika |
10,8% |
90,4% |
+ 79,6% |
|
In Polynesien |
56,8% |
98,9% |
+ 42,1% |
|
In Asien |
51,5% |
56,6% |
+ 5,1% |
|
In Australien |
100,0% |
100,0% |
— |
|
In Amerika |
27,5% |
27,2% |
- 0,3% |
"Das Charakteristische dieser Periode", folgert
Supan, "ist also die Aufteilung Afrikas und Polynesiens." Da es in
Asien und Amerika keine unbesetzten Länder gibt, d.h. solche, die
keinem Staate gehören, so muß Supans Schlußfolgerung dahingehend
erweitert werden, daß das Charakteristische dieser Periode die
endgültige Aufteilung der Erde ist, endgültig nicht in dem Sinne, daß
eine Neuaufteilung unmöglich wäre - im Gegenteil,
Neuaufteilungen sind möglich und unvermeidlich -, sondern in dem
Sinne, daß die Kolonialpolitik der kapitalistischen Länder die
Besitzergreifung unbesetzter Länder auf unserem Planeten beendet
hat. Die Welt hat sich zum erstenmal als bereits aufgeteilt erwiesen,
so daß in der Folge nur noch Neuaufteilungen in Frage kommen,
d.h. der Übergang von einem "Besitzer" auf den anderen, nicht aber die
Besitzergreifung herrenlosen Landes.
Wir
leben folglich in einer eigenartigen Epoche der kolonialen
Weltpolitik, die aufs engste verknüpft ist mit "der jüngsten
Entwicklungsstufe des Kapitalismus", mit dem Finanzkapital. Es ist
daher notwendig, vor allem eingehender bei dem Tatsachenmaterial zu
verweilen, um sowohl den Unterschied dieser Epoche von den
vorhergegangenen als auch die gegenwärtige Sachlage so genau wie
möglich zu klären. Zunächst tauchen hier zwei konkrete Fragen auf: ob
eine Verstärkung der Kolonialpolitik, eine Verschärfung des Kampfes um
die Kolonien gerade in der Epoche des Finanzkapitals zu beobachten ist
und wie gerade in dieser Hinsicht die Welt augenblicklich verteilt
ist.
Der
amerikanische Schriftsteller Morris versucht in seinem Buch über die
Geschichte der Kolonisation (80)
die Daten über die Größe des englischen, französischen und deutschen
Kolonialbesitzes für verschiedene Zeitabschnitte des 19. Jahrhunderts
zusammenzufassen.
Nachstehend gekürzt seine Berechnungen
|
Größe des Kolonialbesitzes |
|
|
England |
Frankreich |
Deutschland |
|
Jahre |
Fläche
(Mill. Quadrat-
meilen) |
Bevölkerung
(Mill.) |
Fläche
(Mill. Quadrat-
meilen) |
Bevölkerung
(Mill.) |
Fläche
(Mill. Quadrat-
meilen) |
Bevölkerung
(Mill.) |
|
1815-1830 |
? |
126,4 |
0,02 |
0,5 |
— |
— |
|
1860 |
2,5 |
145,1 |
0,2 |
3,4 |
— |
— |
|
1880 |
7,7 |
207,9 |
0,7 |
7,5 |
— |
— |
|
1899 |
9,3 |
309,0 |
3,7 |
56,4 |
1,0 |
14,7 |
Die kolonialen Eroberungen Englands nehmen am
gewaltigsten in den Jahren 1860-1880 zu und sind auch in den letzten
zwei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts sehr beträchtlich. Die
kolonialen Eroberungen Frankreichs und Deutschlands fallen
hauptsächlich gerade in diese zwei Jahrzehnte. Wir haben bereits
gesehen, daß die Periode der höchsten Entwicklung des
vormonopolistischen Kapitalismus, des Kapitalismus mit vorwiegend
freier Konkurrenz, in die sechziger und siebziger Jahre des vorigen
Jahrhunderts fällt. Jetzt sehen wir, daß gerade nach dieser
Periode ein ungeheurer "Aufschwung" der kolonialen Eroberungen
beginnt und der Kampf um die territoriale Aufteilung der Welt sich im
höchsten Grade verschärft. Unzweifelhaft ist daher die Tatsache, daß
der Übergang des Kapitalismus zum Stadium des Monopolkapitalismus, zum
Finanzkapital, mit einer Verschärfung des Kampfes um die Aufteilung
der Welt verknüpft ist.
In
seinem Werk über den Imperialismus hebt Hobson die Periode von
1884-1900 als Periode verstärkter "Expansion" (Erweiterung des
Territorialbesitzes) der wichtigsten europäischen Staaten hervor.
Seiner Berechnung nach erwarb England während dieser Zeit 3,7
Millionen Quadratmeilen mit einer Bevölkerung von 57 Mill.; Frankreich
3,6 Mill. Quadratmeilen mit einer Bevölkerung von 36½ Mill.;
Deutschland 1 Mill. Quadratmeilen mit 44,7 Mill.; Belgien 900.000
Quadratmeilen mit 30 Mill. und Portugal 800.000 Quadratmeilen mit 9
Mill. Einwohnern. Die Jagd aller kapitalistischen Staaten nach
Kolonien gegen Ende des 19. Jahrhunderts und besonders seit den
achtziger Jahren ist eine allbekannte Tatsache in der Geschichte der
Diplomatie und der Außenpolitik.
Zur
Zeit der höchsten Blüte der freien Konkurrenz in England, in den
Jahren 1840-1860, waren die führenden bürgerlichen Politiker Englands
Gegner der Kolonialpolitik und hielten die Befreiung der
Kolonien und ihre völlige Lostrennung von England für unvermeidlich
und nützlich. M. Beer weist in seinem 1898 erschienenen Artikel über
"den modernen englischen Imperialismus"
(81) darauf hin, daß 1852 ein
solcher englischer Staatsmann wie Disraeli, der im allgemeinen
durchaus imperialistisch eingestellt war, geäußert hat: "Die Kolonien
sind Mühlsteine um unseren Hals." Gegen Ende des 19. Jahrhunderts aber
waren in England die Helden des Tages Cecil Rhodes und Joseph
Chamberlain, die offen den Imperialismus predigten und mit dem größten
Zynismus eine imperialistische Politik trieben!
Nicht
uninteressant ist es, daß der Zusammenhang zwischen den sozusagen rein
ökonomischen und den sozial-politischen Wurzeln des modernen
Imperialismus schon damals für diese führenden Politiker der
englischen Bourgeoisie klar war. Chamberlain predigte den
Imperialismus als die "wahre, weise und sparsame Politik" und verwies
besonders auf die Konkurrenz Deutschlands, Amerikas und Belgiens, der
England jetzt auf dem Weltmarkt begegnet. Die Rettung liegt im Monopol
- sagten die Kapitalisten und gründeten Kartelle, Syndikate und
Trusts; die Rettung liegt im Monopol - sekundierten die politischen
Führer der Bourgeoisie und beeilten sich, die noch unverteilten
Gebiete der Welt an sich zu reißen. Cecil Rhodes hat, wie sein intimer
Freund, der Journalist Stead, erzählt, 1895 über seine
imperialistischen Ideen gesagt: "Ich war gestern im Ostende von London
(Arbeiterviertel) und besuchte eine Arbeitslosenversammlung. Und als
ich nach den dort gehörten wilden Reden, die nur ein Schrei nach Brot
waren, nach Hause ging, da war ich von der Wichtigkeit des
Imperialismus mehr denn je überzeugt ... Meine große Idee ist die
Lösung des sozialen Problems, d.h., um die vierzig Millionen Einwohner
des Vereinigten Königreichs vor einem mörderischen Bürgerkrieg zu
schützen, müssen wir Kolonialpolitiker neue Ländereien erschließen, um
den Überschuß an Bevölkerung aufzunehmen, und neue Absatzgebiete
schaffen für die Waren, die sie in ihren Fabriken und Minen erzeugen.
Das Empire, das habe ich stets gesagt, ist eine Magenfrage. Wenn Sie
den Bürgerkrieg nicht wollen, müssen Sie Imperialisten werden."
(82)
So
sprach im Jahre 1895 Cecil Rhodes, Millionär, Finanzkönig und
Hauptschuldiger am Burenkrieg. Seine Verteidigung des Imperialismus
ist nur grob und zynisch, dem Wesen der Sache nach aber unterscheidet
sie sich in nichts von der "Theorie" der Herren Maslow, Südekum,
Potressow und David sowie des Begründers des russischen Marxismus usw.
usf. Cecil Rhodes war nur ein etwas ehrlicherer Sozialchauvinist.
Um ein
möglichst genaues Bild von der territorialen Aufteilung der Welt und
den in dieser Hinsicht in den letzten Jahrzehnten erfolgten
Veränderungen zu vermitteln, wollen wir die Daten benutzen, die Supan
in dem oben zitierten Werk über den Kolonialbesitz aller Staaten der
Welt zusammengefaßt hat. Supan nimmt die Jahre 1876 und 1900; wir
wollen das Jahr 1876 nehmen, einen gut gewählten Zeitpunkt, denn
gerade zu dieser Zeit kann man die Entwicklung des westeuropäischen
Kapitalismus in seinem vormonopolistischen Stadium im großen und
ganzen als beendet betrachten, ferner das Jahr 1914, wobei wir Supans
Zahlen durch neuere Daten aus Hübners
Geographisch-statistischen Tabellen ersetzen. Supan befaßt
sich nur mit den Kolonien; wir halten es für nützlich, zur
Vervollständigung des Bildes über die Aufteilung der Welt kurz auch
die Angaben hinzuzufügen über die nichtkolonialen Länder sowie über
die Halbkolonien, zu denen wir Persien, China und die Türkei zählen:
Persien ist schon fast vollständig zur Kolonie geworden, China und die
Türkei sind im Begriff, es zu werden.
Wir
erhalten folgende Ergebnisse:
|
Kolonialbesitz der Großmächte
(Mill. Quadratkilometer und Mill. Einwohner) |
|
|
Kolonien |
Metropolen |
Insgesamt |
|
|
1876 |
1914 |
1914 |
1914 |
|
|
qkm |
Einw. |
qkm |
Einw. |
qkm |
Einw. |
qkm |
Einw. |
|
England |
22,5 |
251,9 |
33,5 |
395,5 |
0,3 |
46,5 |
33,8 |
440,0 |
|
Rußland |
17,0 |
15,9 |
17,4 |
33,2 |
5,4 |
136,2 |
22,8 |
169,4 |
|
Frankreich |
0,9 |
6,0 |
10,6 |
55,5 |
0,5 |
39,6 |
11,1 |
95,1 |
|
Deutschland |
— |
— |
2,9 |
12,3 |
0,5 |
64,9 |
3,4 |
77,2 |
|
Vereinigte Staaten |
— |
— |
0,3 |
9,7 |
9,4 |
97,0 |
9,7 |
106,7 |
|
Japan |
— |
— |
0,3 |
19,2 |
0,4 |
53,0 |
0,7 |
72,2 |
|
6 Großmächte zusammen |
40,4 |
273,8 |
65,0 |
523,4 |
16,5 |
437,2 |
81,5 |
960,6 |
|
|
|
|
|
Kolonialbesitz der übrigen Staaten
(Belgien, Holland usw.) |
9,9 |
45,3 |
|
Halbkolonien (Persien, China,
Türkei) |
14,5 |
361,2 |
|
Die übrigen Länder |
28,0 |
289,9 |
|
Der ganze Erdball |
133,9 |
1.657,0 |
Wir sehen hier anschaulich, in welchem Maße die
Teilung der Welt um die Wende des 19. und 20. Jahrhunderts "beendet"
war. Der Kolonialbesitz hat nach 1876 ungeheuer zugenommen: Er wuchs
bei den sechs Großmächten von 40 auf 65 Millionen Quadratkilometer,
auf mehr als das Anderthalbfache; der Zuwachs beträgt 25 Mill.
Quadratkilometer, anderthalbmal soviel wie die Bodenfläche der
Metropolen (16,5 Mill.). Drei Mächte hatten 1876 überhaupt keine und
die vierte, Frankreich, hatte fast keine Kolonien. Bis zum Jahre 1914
haben diese vier Staaten Kolonien mit einer Fläche von 14,1 Mill.
Quadratkilometern erworben, d.h. ungefähr das Anderthalbfache der
Gesamtfläche Europas, mit einer Bevölkerung von fast 100 Millionen
Menschen. Die Erweiterung des Kolonialbesitzes geht höchst
ungleichmäßig vor sich. Vergleicht man z.B. Frankreich, Deutschland
und Japan, die sich ihrer Bodenfläche und Einwohnerzahl nach nicht
allzusehr voneinander unterscheiden, so stellt sich heraus, daß
Frankreich (der Fläche nach) beinahe dreimal soviel Kolonien erworben
hat wie Deutschland und Japan zusammengenommen. Das französische
Finanzkapital war aber zu Beginn dieser Periode vielleicht ebenfalls
um ein mehrfaches größer als das Deutschlands und Japans
zusammengenommen. Auf die Größe des Kolonialbesitzes haben außer den
rein ökonomischen Bedingungen und auf ihrer Basis auch die
geographischen und sonstigen Verhältnisse Einfluß. Welch starke
Nivellierung der Welt, welch großer Ausgleich der Wirtschafts- und
Lebensbedingungen in den verschiedenen Ländern unter dem Druck der
Großindustrie, des Austausches und des Finanzkapitals in den letzten
Jahrzehnten auch vor sich gegangen sein mag, ein beträchtlicher
Unterschied bleibt dennoch bestehen, und unter den genannten sechs
Ländern finden wir einerseits junge kapitalistische Länder, die
ungewöhnlich rasch vorangeschritten sind (Amerika, Deutschland,
Japan); anderseits Länder alter kapitalistischer Entwicklung, die sich
in der letzten Zeit viel langsamer entwickelt haben als die ersteren
(Frankreich und England); und schließlich ein Land, das in
ökonomischer Hinsicht am meisten zurückgeblieben ist (Rußland), in dem
der moderne kapitalistische Imperialismus sozusagen mit einem
besonders dichten Netz vorkapitalistischer Verhältnisse überzogen ist.
Neben
den Kolonialbesitz der Großmächte haben wir die kleinen Kolonien der
kleinen Staaten gesetzt, die gewissermaßen das nächste Objekt einer
möglichen und wahrscheinlichen "Neuaufteilung" der Kolonien bilden.
Diese kleinen Staaten behalten ihre Kolonien zumeist nur dank dem
Umstand, daß unter den Großstaaten Interessengegensätze, Reibungen
usw. bestehen, die sie hindern, sich über die Teilung der Beute zu
verständigen. Was die "halbkolonialen" Staaten betrifft, so sind sie
ein Beispiel für jene Übergangsformen, die uns auf allen Gebieten der
Natur und der Gesellschaft begegnen. Das Finanzkapital ist eine so
gewaltige, man darf wohl sagen, entscheidende Macht in allen
ökonomischen und in allen internationalen Beziehungen, daß es sich
sogar Staaten unterwerfen kann und tatsächlich auch unterwirft, die
volle politische Unabhängigkeit genießen; wir werden sogleich
Beispiele dafür sehen. Aber selbstverständlich bietet dem
Finanzkapital die meisten "Annehmlichkeiten" und die größten Vorteile
eine solche Unterwerfung, die mit dem Verlust der politischen
Unabhängigkeit der Länder und Völker, die unterworfen werden,
verbunden ist. Die halbkolonialen Länder sind in dieser Beziehung als
"Mittelding" typisch. Der Kampf um diese halbabhängigen Länder mußte
begreiflicherweise besonders akut werden in der Epoche des
Finanzkapitals, als die übrige Welt bereits aufgeteilt war.
Kolonialpolitik und Imperialismus hat es auch vor dem jüngsten Stadium
des Kapitalismus und sogar vor dem Kapitalismus gegeben. Das auf
Sklaverei beruhende Rom trieb Kolonialpolitik und war imperialistisch.
Aber "allgemeine" Betrachtungen über den Imperialismus, die den
radikalen Unterschied zwischen den ökonomischen
Gesellschaftsformationen vergessen oder in den Hintergrund schieben,
arten unvermeidlich in leere Banalitäten oder Flunkereien aus, wie
etwa der Vergleich des "größeren Rom mit dem größeren Britannien"
(83). Selbst die
kapitalistische Kolonialpolitik der früheren Stadien des
Kapitalismus unterscheidet sich wesentlich von der Kolonialpolitik des
Finanzkapitals.
Die
grundlegende Besonderheit des modernen Kapitalismus ist die Herrschaft
der Monopolverbände der Großunternehmer. Derartige Monopole sind am
festesten, wenn alle Rohstoffquellen in einer Hand
zusammengefaßt werden, und wir haben gesehen, wie eifrig die
internationalen Kapitalistenverbände bemüht sind, dem Gegner jede
Konkurrenz unmöglich zu machen, wie eifrig sie bemüht sind, z.B.
Eisenerzlager oder Petroleumquellen usw. aufzukaufen. Einzig und
allein der Kolonialbesitz bietet volle Gewähr für den Erfolg der
Monopole gegenüber allen Zufälligkeiten im Kampfe mit dem Konkurrenten
- bis zu einer solchen Zufälligkeit einschließlich, daß der Gegner auf
den Wunsch verfallen könnte, sich hinter ein Gesetz über ein
Staatsmonopol zu verschanzen. Je höher entwickelt der Kapitalismus, je
stärker fühlbar der Rohstoffmangel, je schärfer ausgeprägt die
Konkurrenz und die Jagd nach Rohstoffquellen in der ganzen Welt sind,
desto erbitterter ist der Kampf um die Erwerbung von Kolonien.
"Es
kann sogar", schreibt Schilder, "die manchen vielleicht paradox
erscheinende Behauptung gewagt werden, daß das Wachstum der
städtisch-industriellen Bevölkerungen in irgendwie absehbarer Zeit
weit eher durch nicht genügende Mengen der zur Verfügung stehenden
industriellen Rohstoffe als durch irgendeinen Mangel an
Nahrungsmitteln aufgehalten werden könnte." Es mangelt beispielsweise
zusehends an Holz, das immer teurer wird, an Leder, an Rohstoffen für
die Textilindustrie. "Als Beispiele für die Bemühungen industrieller
Verbände, den Ausgleich zwischen Landwirtschaft und Industrie
innerhalb der gesamten Weltwirtschaft durchzuführen, wären zu
erwähnen: der seit 1904 bestehende internationale Verband der
Baumwollspinner-Vereine in den wichtigsten Industriestaaten, der nach
diesem Muster im Jahre 1910 begründete Verband der europäischen
Leinenspinner-Vereine." (84)
Natürlich versuchen bürgerliche Reformer, darunter besonders die
Kautskyaner von heute, die Bedeutung derartiger Tatsachen durch den
Hinweis abzuschwächen, daß man Rohstoffe ohne die "kostspielige und
gefährliche" Kolonialpolitik auf dem freien Markt erhalten "könne",
daß man das Angebot an Rohstoffen durch "einfache" Hebung der
Landwirtschaft überhaupt gewaltig steigern "könne". Aber derartige
Hinweise verwandeln sich in eine Apologie des Imperialismus, in dessen
Beschönigung, denn sie beruhen auf der Außerachtlassung der
wichtigsten Besonderheit des modernen Kapitalismus: der Monopole. Der
freie Markt rückt immer mehr in die Vergangenheit, monopolistische
Syndikate und Trusts engen ihn von Tag zu Tag mehr ein, die "einfache"
Hebung der Landwirtschaft aber läuft auf eine Hebung der Lage der
Massen, auf eine Erhöhung der Löhne und eine Verminderung des Profits
hinaus. Wo existieren jedoch, außer in der Phantasie süßlicher
Reformer, Trusts, die fähig wären, sich um die Lage der Massen zu
kümmern, anstatt Kolonien zu erobern?
Nicht
allein die bereits entdeckten Rohstoffquellen sind für das
Finanzkapital von Bedeutung, sondern auch die eventuell noch zu
erschließenden, denn die Technik entwickelt sich in unseren Tagen mit
unglaublicher Geschwindigkeit, und Ländereien, die heute unbrauchbar
sind, können morgen brauchbar gemacht werden, sobald neue Verfahren
gefunden (dazu kann eine Großbank eine besondere Expedition von
Ingenieuren, Agronomen usw. ausrüsten) und größere Kapitalien
aufgewandt werden. Dasselbe läßt sich über Schürfungen von
Minerallagerstätten, über neue Methoden der Bearbeitung und
Nutzbarmachung dieser oder jener Rohstoffe usw. usf. sagen. Daher das
unvermeidliche Streben des Finanzkapitals nach Erweiterung des
Wirtschaftsgebietes, ja des Gebietes schlechthin. Wie die Trusts ihr
Vermögen auf Grund einer doppelten oder dreifachen Schätzung
kapitalisieren, indem sie die in Zukunft "möglichen" (aber gegenwärtig
nicht vorhandenen) Profite und die weiteren Ergebnisse des Monopols in
Rechnung stellen, so ist auch das Finanzkapital im allgemeinen
bestrebt, möglichst viel Ländereien an sich zu reißen, gleichviel
welche, gleichviel wo, gleichviel wie, immer auf mögliche
Rohstoffquellen bedacht und von Angst erfüllt, in dem tollen Kampf um
die letzten Stücke der unverteilten Welt oder bei der Neuverteilung
der bereits verteilten Stücke zu kurz zu kommen.
Die
englischen Kapitalisten sind auf jede Art und Weise bemüht, die
Baumwollproduktion in ihrer Kolonie Ägypten zu fördern - im
Jahre 1904 waren von 2,3 Millionen Hektar Kulturland in Ägypten
bereits 0,6 Mill., d.h. mehr als ein Viertel, mit Baumwolle bepflanzt
-, die Russen in ihrer Kolonie Turkestan, denn auf diese
Weise können sie ihre ausländischen Konkurrenten leichter schlagen,
können sie die Rohstoffquellen leichter monopolisieren und einen
sparsamer wirtschaftenden und profitableren Textiltrust schaffen mit
"kombinierter" Produktion, mit Konzentration aller Stadien
der Baumwollerzeugung und -verarbeitung in einer Hand.
Die
Interessen des Kapitalexports drängen ebenfalls zur Eroberung von
Kolonien, denn auf dem Kolonialmarkt ist es leichter (und mitunter
einzig und allein auch möglich), durch monopolistische Mittel den
Konkurrenten auszuschalten, sich Lieferungen zu sichern, entsprechende
"Verbindungen" zu festigen u.a.m.
Der
außerökonomische Überbau, der sich auf der Grundlage des
Finanzkapitals erhebt, seine Politik, seine Ideologie steigern den
Drang nach kolonialen Eroberungen. "Das Finanzkapital will nicht
Freiheit, sondern Herrschaft", sagt Hilferding mit Recht. Und
gleichsam in Erweiterung und Ergänzung des oben zitierten Gedankens
von Cecil Rhodes schreibt ein bürgerlicher französischer
Schriftsteller, daß den ökonomischen Ursachen der modernen
Kolonialpolitik soziale hinzugefügt werden müssen: "Infolge der
zunehmenden Schwierigkeiten des Lebens, die nicht nur auf den
Arbeitermassen, sondern auch auf den Mittelklassen lasten, sieht man,
wie sich in allen Ländern der alten Zivilisation ‚Ungeduld, Empörung
und Haß ansammeln, die den öffentlichen Frieden bedrohen, wie sich
deklassierte Energien, tumultuarische Gewalten anhäufen, die es
einzudämmen gilt, um sie für irgendeine große Sache außerhalb des
Landes zu gebrauchen, soll nicht eine Explosion im Innern erfolgen‘."
(85)
Spricht man von der Kolonialpolitik in der Epoche des kapitalistischen
Imperialismus, dann muß bemerkt werden, daß das Finanzkapital und die
ihm entsprechende internationale Politik, die auf einen Kampf der
Großmächte um die ökonomische und politische Aufteilung der Welt
hinausläuft, eine ganze Reibe von Übergangsformen der
staatlichen Abhängigkeit schaffen. Typisch für diese Epoche sind nicht
nur die beiden Hauptgruppen von Ländern - die Kolonien besitzenden und
die Kolonien selber -, sondern auch die verschiedenartigen Formen der
abhängigen Länder, die politisch, formal selbständig, in Wirklichkeit
aber in ein Netz finanzieller und diplomatischer Abhängigkeit
verstrickt sind. Auf eine dieser Formen, die Halbkolonien, haben wir
bereits hingewiesen. Ein Musterbeispiel für eine andere Form ist z.B.
Argentinien.
"Das
südliche Südamerika, insbesondere Argentinien", schreibt
Schulze-Gaevernitz in seinem Werk über den britischen Imperialismus,
"findet sich in solcher finanzieller Abhängigkeit von London, daß es
fast als englische Handelskolonie zu bezeichnen ist."
(86) Die in Argentinien
investierten Kapitalien Englands schätzt Schilder auf Grund des
Jahresberichtes des österreichisch-ungarischen Konsuls in Buenos Aires
für 1909 auf 8¾ Milliarden Francs. Man kann sich leicht vorstellen,
mit wie festen Banden infolgedessen das Finanzkapital Englands - und
sein treuer "Freund", die Diplomatie - mit der Bourgeoisie
Argentiniens und den führenden Kreisen seines gesamten
wirtschaftlichen und politischen Lebens verknüpft ist.
Eine
etwas anders geartete Form finanzieller und diplomatischer
Abhängigkeit, bei politischer Unabhängigkeit, bietet uns Portugal.
Portugal ist ein selbständiger, souveräner Staat, aber faktisch steht
es seit mehr als 200 Jahren, seit dem spanischen Erbfolgekrieg
(1704-1714), unter dem Protektorat Englands. England verteidigte
Portugal und dessen Kolonialbesitz, um seine eigene Position im Kampfe
gegen seine Gegner, Spanien und Frankreich, zu stärken. Dafür erhielt
England Handelsprivilegien, bessere Bedingungen beim Warenexport und
besonders beim Kapitalexport nach Portugal und seinen Kolonien, die
Möglichkeit, die Häfen und Inseln Portugals zu benutzen, seine Kabel
usw. usf. (87) Derartige
Beziehungen zwischen einzelnen großen und kleinen Staaten hat es immer
gegeben, aber in der Epoche des kapitalistischen Imperialismus werden
sie zum allgemeinen System, bilden sie einen Teil der Gesamtheit der
Beziehungen bei der "Aufteilung der Welt" und verwandeln sich in
Kettenglieder der Operationen des Weltfinanzkapitals.
Um die
Frage der Aufteilung der Welt abzuschließen, müssen wir noch folgendes
bemerken. Nicht nur die amerikanische Literatur nach dem
Spanisch-Amerikanischen und die englische Literatur nach dem
Burenkrieg haben Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts diese
Frage ganz offen und bestimmt aufgeworfen; nicht nur die deutsche
Literatur, die dem "britischen Imperialismus" am "eifersüchtigsten"
nachspürte, hat diese Tatsache systematisch bewertet. Auch in der
französischen bürgerlichen Literatur wurde diese Frage ziemlich
bestimmt und breit gestellt, soweit dies vom bürgerlichen Standpunkt
denkbar ist. Wir verweisen auf den Historiker Driault, der in seinem
Buch Die politischen und sozialen
Probleme Ende des 19. Jahrhunderts in dem Kapitel Die
Großmächte und die Aufteilung der Welt folgendes schrieb: "In
diesen letzten Jahren wurden alle unbesetzten Gebiete des Erdballs,
außer China, von den Mächten Europas und Nordamerikas erobert; es kam
zu einigen Konflikten und Einflußverschiebungen, die Vorboten noch
furchtbarerer Erschütterungen in der nahen Zukunft sind. Denn man muß
sich beeilen: die Nationen, die nicht versorgt sind, riskieren, es
niemals zu werden und nicht an der ungeheuren Ausbeutung der Erde
teilnehmen zu können, die eine der wesentlichsten Tatsachen des
kommenden" (d.h. des 20.) "Jahrhunderts sein wird. Das ist der Grund,
weshalb Europa und Amerika vor kurzem von einem Fieber der kolonialen
Expansion erfaßt worden sind, des ‚Imperialismus‘, der den
markantesten Charakterzug des Ausgangs des 19. Jahrhunderts bildet."
Und der Verfasser fügte hinzu: "Bei dieser Aufteilung der Welt, bei
dieser wahnwitzigen Jagd nach den Schätzen und Großmärkten der Erde
steht die relative Bedeutung der in diesem (dem 19.) Jahrhundert
gegründeten Reiche in gar keinem Verhältnis zu der Stellung, die die
Nationen, von denen sie gegründet wurden, in Europa einnehmen. Die
Mächte, die in Europa dominieren und über sein Schicksal entscheiden,
dominieren nicht in gleicher Weise in der Welt. Und da die
koloniale Größe, die Hoffnung auf noch ungezählte Reichtümer, offenbar
auf die relative Bedeutung der europäischen Staaten zurückwirken wird,
hat die Kolonialfrage, der ‚Imperialismus‘, wenn man will, die
politischen Verhältnisse in Europa selbst schon verändert und wird sie
immer mehr verändern." (88)
Fußnoten von W. I. Lenin:
(79) A.
Supan, Die territoriale Entwicklung
der europäischen Kolonien, 1906, S.254.
(80) Henry
C. Morris, The History of
Colonization, N.Y. 1900, Bd. II, S.88; I, 419; II. 304.
(81)
Die Neue Zeit, XVI, 1, 1898,
S.302.
(82)
Ebenda, S.304.
(83) C. P.
Lucas, Greater Rome and Greater
Britain, Oxf. 1912 oder Earl of Cromer,
Ancient and Modern Imperialism,
L. 1910.
(84)
Schilder, a.a.O., S.38-42.
(85) Wahl,
La France aux colonies,
zitiert bei Henri Russier, Le partage
de l’Océanie, P. 1905, S.165.
(86)
Schulze-Gaevernitz, Britischer
Imperialismus und englischer Freihandel zu Beginn des zwanzigsten
Jahrhunderts, Lpz. 1906, S.318. Dasselbe sagt Sartorius v.
Waltershausen, Das
volkswirtschaftliche System der Kapitalanlage im Auslande,
Berlin 1907, S.46.
(87)
Schilder, a.a.O., I,
S.160/161.
(88) J. E.
Driault, Les problèmes politiques et
sociaux, P. 1907, S.299.
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