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Wir müssen nun versuchen, das oben über den
Imperialismus Gesagte zusammenzufassen und gewisse Schlußfolgerungen
zu ziehen. Der Imperialismus erwuchs als Weiterentwicklung und direkte
Fortsetzung der Grundeigenschaften des Kapitalismus überhaupt. Zum
kapitalistischen Imperialismus aber wurde der Kapitalismus erst auf
einer bestimmten, sehr hohen Entwicklungsstufe, als einige seiner
Grundeigenschaften in ihr Gegenteil umzuschlagen begannen, als sich
auf der ganzen Linie die Züge einer Übergangsperiode vom Kapitalismus
zu einer höheren ökonomischen Gesellschaftsformation herausbildeten
und sichtbar wurden. Ökonomisch ist das Grundlegende in diesem Prozeß
die Ablösung der kapitalistischen freien Konkurrenz durch die
kapitalistischen Monopole. Die freie Konkurrenz ist die
Grundeigenschaft des Kapitalismus und der Warenproduktion überhaupt;
das Monopol ist der direkte Gegensatz zur freien Konkurrenz, aber
diese begann sich vor unseren Augen zum Monopol zu wandeln, indem sie
die Großproduktion schuf, den Kleinbetrieb verdrängte, die großen
Betriebe durch noch größere ersetzte, die Konzentration der Produktion
und des Kapitals so weit trieb, daß daraus das Monopol entstand und
entsteht, nämlich: Kartelle, Syndikate, Trusts und das mit ihnen
verschmelzende Kapital eines Dutzends von Banken, die mit Milliarden
schalten und walten. Zugleich aber beseitigen die Monopole nicht die
freie Konkurrenz, aus der sie erwachsen, sondern bestehen über und
neben ihr und erzeugen dadurch eine Reihe besonders krasser und
schroffer Widersprüche, Reibungen und Konflikte. Das Monopol ist der
Übergang vom Kapitalismus zu einer höheren Ordnung.
Würde
eine möglichst kurze Definition des Imperialismus verlangt, so müßte
man sagen, daß der Imperialismus das monopolistische Stadium des
Kapitalismus ist. Eine solche Definition enthielte die Hauptsache,
denn auf der einen Seite ist das Finanzkapital das Bankkapital einiger
weniger monopolistischer Großbanken, das mit dem Kapital
monopolistischer Industriellenverbände verschmolzen ist, und auf der
anderen Seite ist die Aufteilung der Welt der Übergang von einer
Kolonialpolitik, die sich ungehindert auf noch von keiner
kapitalistischen Macht eroberte Gebiete ausdehnt, zu einer
Kolonialpolitik der monopolistischen Beherrschung des Territoriums der
restlos aufgeteilten Erde.
Doch
sind allzu kurze Definitionen zwar bequem, denn sie fassen das
Wichtigste zusammen, aber dennoch unzulänglich, sobald aus ihnen
speziell die wesentlichen Züge der zu definierenden Erscheinung
abgeleitet werden sollen. Deshalb muß man - ohne zu vergessen, daß
alle Definitionen überhaupt nur bedingte und relative Bedeutung haben,
da eine Definition niemals die allseitigen Zusammenhänge einer
Erscheinung in ihrer vollen Entfaltung umfassen kann - eine solche
Definition des Imperialismus geben, die folgende fünf seiner
grundlegenden Merkmale enthalten würde: 1. Konzentration der
Produktion und des Kapitals, die eine so hohe Entwicklungsstufe
erreicht hat, daß sie Monopole schafft, die im Wirtschaftsleben die
entscheidende Rolle spielen; 2. Verschmelzung des Bankkapitals mit dem
Industriekapital und Entstehung einer Finanzoligarchie auf der Basis
dieses "Finanzkapitals"; 3. der Kapitalexport, zum Unterschied vom
Warenexport, gewinnt besonders wichtige Bedeutung; 4. es bilden sich
internationale monopolistische Kapitalistenverbände, die die Welt
unter sich teilen, und 5. die territoriale Aufteilung der Erde unter
die kapitalistischen Großmächte ist beendet. Der Imperialismus ist der
Kapitalismus auf jener Entwicklungsstufe, wo die Herrschaft der
Monopole und des Finanzkapitals sich herausgebildet, der Kapitalexport
hervorragende Bedeutung gewonnen, die Aufteilung der Welt durch die
internationalen Trusts begonnen hat und die Aufteilung des gesamten
Territoriums der Erde durch die größten kapitalistischen Länder
abgeschlossen ist.
Wir
werden später sehen, wie der Imperialismus anders definiert werden
kann und muß, wenn man nicht nur die grundlegenden rein ökonomischen
Begriffe (auf die sich die angeführte Definition beschränkt) im Auge
hat, sondern auch den historischen Platz dieses Stadiums des
Kapitalismus in bezug auf den Kapitalismus überhaupt oder das
Verhältnis zwischen dem Imperialismus und den zwei Grundrichtungen
innerhalb der Arbeiterbewegung. Es sei gleich hier bemerkt, daß der
Imperialismus, in diesem Sinne aufgefaßt, zweifellos ein besonderes
Entwicklungsstadium des Kapitalismus darstellt. Um dem Leser eine
möglichst gut fundierte Vorstellung vom Imperialismus zu geben, waren
wir absichtlich bestrebt, möglichst viele Äußerungen bürgerlicher
Ökonomen zu zitieren, die sich gezwungen sehen, besonders
unbestreitbar feststehende Tatsachen aus der neuesten Ökonomik des
Kapitalismus anzuerkennen. Zu demselben Zweck haben wir ausführliche
statistische Daten angeführt, die zeigen, bis zu welchem Grade das
Bankkapital angewachsen ist usw. und worin eben das Umschlagen der
Quantität in Qualität, das Umschlagen des hochentwickelten
Kapitalismus in den Imperialismus seinen Ausdruck gefunden hat. Es
erübrigt sich natürlich zu sagen, daß alle Grenzen in Natur und
Gesellschaft bedingt und beweglich sind, daß es sinnlos wäre, z.B.
über die Frage zu streiten, seit welchem Jahr oder Jahrzehnt der
Imperialismus als "endgültig" herausgebildet gelten kann.
Aber
streiten muß man über die Definition des Imperialismus vor allem mit
dem führenden marxistischen Theoretiker der Epoche der sogenannten
zweiten Internationale, d.h. des Vierteljahrhunderts von 1889-1914,
mit K. Kautsky. Gegen die grundlegenden Ideen, die in der von uns
gegebenen Definition des Imperialismus zum Ausdruck kommen, wandte
sich Kautsky ganz entschieden im Jahre 1915 und sogar schon im
September 1914 mit der Erklärung, daß unter Imperialismus nicht eine
Phase oder Stufe der Wirtschaft, sondern eine Politik, nämlich eine
bestimmte, vom Finanzkapital "bevorzugte" Politik zu verstehen sei,
daß der Imperialismus nicht mit dem "modernen Kapitalismus"
"gleichgesetzt" werden könne, daß, wenn man unter Imperialismus "alle
Erscheinungen des modernen Kapitalismus" - Kartelle, Schutzzölle,
Finanzherrschaft, Kolonialpolitik - verstehe, die Frage, ob der
Imperialismus eine notwendige Folgeerscheinung des Kapitalismus sei,
auf die "platteste Tautologie" hinauslaufe, denn dann "ist der
Imperialismus natürlich eine Lebensnotwendigkeit für den Kapitalismus"
usw. Kautskys Gedankengang läßt sich am genauesten darstellen, wenn
wir seine Definition des Imperialismus zitieren, die sich direkt gegen
den Kern der von uns entwickelten Ideen richtet (denn die Einwände aus
dem Lager der deutschen Marxisten, die jahrelang ähnliche Ideen
propagierten, sind Kautsky längst als Einwände einer bestimmten
Strömung innerhalb des Marxismus bekannt).
Kautskys Definition lautet:
"Der Imperialismus ist ein Produkt des
hochentwickelten industriellen Kapitalismus. Er besteht in dem
Drange jeder industriellen kapitalistischen Nation, sich ein immer
größeres agrarisches" (hervorgehoben von Kautsky) "Gebiet
zu unterwerfen und anzugliedern, ohne Rücksicht darauf, von welchen
Nationen es bewohnt wird." (89)
Diese Definition taugt rein gar nichts, denn sie
ist einseitig, d.h., sie greift willkürlich einzig und allein die
nationale Frage heraus (die zwar sowohl an sich wie auch in ihrem
Verhältnis zum Imperialismus von höchster Wichtigkeit ist), verknüpft
diese willkürlich und unrichtig nur mit dem Industriekapital
in den Ländern, die andere Nationen annektieren, und rückt ebenso
willkürlich und unrichtig die Annexion von Agrargebieten in den
Vordergrund.
Imperialismus ist Drang nach Annexionen - darauf läuft der
politische Teil der Kautskyschen Definition hinaus. Er ist
richtig, aber höchst unvollständig, denn politisch ist Imperialismus
überhaupt Drang nach Gewalt und Reaktion. Uns beschäftigt jedoch hier
die ökonomische Seite der Frage, die Kautsky selbst
in seine Definition hineingebracht hat. Die Unrichtigkeiten
in Kautskys Definition springen in die Augen. Für den Imperialismus
ist ja gerade nicht das Industrie-, sondern das
Finanzkapital charakteristisch. Es ist kein Zufall, daß in Frankreich
gerade die besonders rasche Entwicklung des Finanzkapitals
bei gleichzeitiger Schwächung des Industriekapitals seit den achtziger
Jahren des vorigen Jahrhunderts eine äußerste Verschärfung der
annexionistischen (Kolonial-) Politik hervorgerufen hat. Für den
Imperialismus ist gerade das Bestreben charakteristisch, nicht nur
agrarische Gebiete, sondern sogar höchst entwickelte Industriegebiete
zu annektieren (Deutschlands Gelüste auf Belgien, Frankreichs auf
Lothringen), denn erstens zwingt die abgeschlossene Aufteilung der
Erde, bei einer Neuaufteilung die Hand nach jedem
beliebigen Land auszustrecken, und zweitens ist für den
Imperialismus wesentlich der Wettkampf einiger Großmächte in ihrem
Streben nach Hegemonie, d.h. nach der Eroberung von Ländern, nicht so
sehr direkt für sich als vielmehr zur Schwächung des Gegners und
Untergrabung seiner Hegemonie (für Deutschland ist Belgien
von besonderer Wichtigkeit als Stützpunkt gegen England; für England
Bagdad als Stützpunkt gegen Deutschland usw.).
Kautsky beruft sich besonders - und wiederholt - auf die Engländer,
die angeblich die rein politische Bedeutung des Begriffs Imperialismus
in seinem, Kautskys, Sinne festgelegt hätten. Nehmen wir den Engländer
Hobson; wir lesen in seinem 1902 erschienenen Werk
Imperialismus
folgendes:
"Der neue Imperialismus unterscheidet sich vom
alten erstens dadurch, daß er an Stelle der Bestrebungen eines
einzigen wachsenden Imperiums die Theorie und Praxis rivalisierender
Imperien gesetzt hat, von denen jedes von der gleichen Sucht nach
politischer Expansion und kommerziellem Vorteil geleitet wird;
zweitens durch die Vorherrschaft der Finanz- bzw.
Investitionsinteressen über die Handelsinteressen."
(90)
Wir sehen, daß Kautsky faktisch völlig im Unrecht
ist, wenn er sich auf die Engländer im allgemeinen beruft (er könnte
sich höchstens auf die vulgären englischen Imperialisten oder direkten
Apologeten des Imperialismus berufen). Wir sehen, daß Kautsky, der
darauf Anspruch erhebt, nach wie vor den Marxismus zu verteidigen, in
Wirklichkeit einen Schritt rückwärts macht im Vergleich zu dem
Sozialliberalen Hobson der die beiden "historisch-konkreten" (Kautskys
Definition ist geradezu ein Hohn auf die historische Konkretheit!)
Besonderheiten des modernen Imperialismus richtiger
beurteilt: 1. die Konkurrenz einiger Imperialismen und 2. das
Überwiegen des Finanzmanns über den Kaufmann. Spricht man aber
hauptsächlich davon, daß ein Industriestaat ein Agrarland annektiert,
so wird damit die überragende Rolle des Kaufmanns hervorgehoben.
Kautskys Definition ist nicht nur unrichtig und unmarxistisch. Sie
dient als Begründung für ein ganzes System von Auffassungen, die auf
ganzen Linie sowohl mit der marxistischen Theorie als auch mit der
marxistischen Praxis brechen, wovon später noch die Rede sein wird.
Ganz und gar unernst ist der von Kautsky entfachte Streit um Worte,
nämlich ob das jüngste Stadium des Kapitalismus als Imperialismus oder
als Stadium des Finanzkapitals anzusprechen sei. Man nenne es, wie man
will - darauf kommt es nicht an. Wesentlich ist, daß Kautsky die
Politik des Imperialismus von seiner Ökonomik trennt, indem er von
Annexionen als der vom Finanzkapital "bevorzugten" Politik spricht und
ihr eine angeblich mögliche andere bürgerliche Politik auf derselben
Basis des Finanzkapitals entgegenstellt. Es kommt so heraus, als ob
die Monopole in der Wirtschaft vereinbar wären mit einem nicht
monopolistischen, nicht gewalttätigen, nicht annexionistischen
Vorgehen in der Politik. Als ob die territoriale Aufteilung der Welt,
die gerade in der Epoche des Finanzkapitals beendet wurde und die die
Grundlage für die Eigenart der jetzigen Formen des Wettkampfs zwischen
den kapitalistischen Großstaaten bildet, vereinbar wäre mit einer
nicht imperialistischen Politik. Das Resultat ist eine Vertuschung.
eine Abstumpfung der fundamentalsten Widersprüche des jüngsten
Stadiums des Kapitalismus statt einer Enthüllung ihrer Tiefe, das
Resultat ist bürgerlicher Reformismus statt Marxismus.
Kautsky polemisiert gegen Cunow, den deutschen Apologeten des
Imperialismus und der Annexionen, dessen Gedankengang ebenso plump wie
zynisch ist: Der Imperialismus sei der moderne Kapitalismus; die
Entwicklung des Kapitalismus sei unvermeidlich und fortschrittlich,
folglich sei auch der Imperialismus fortschrittlich, und wir hätten
den Imperialismus anzubeten und zu lobpreisen! Das ähnelt ganz dem
Zerrbild, das die Volkstümler in den Jahren 1894/1895 den russischen
Marxisten entgegenhielten: Wenn die Marxisten den Kapitalismus in
Rußland für unvermeidlich und fortschrittlich halten, sollten sie eine
Schenke aufmachen und sich damit befassen, den Kapitalismus zu
züchten. Kautsky erwidert Cunow: Nein, der Imperialismus ist nicht der
moderne Kapitalismus, sondern bloß eine der Formen der Politik des
modernen Kapitalismus, und wir können und müssen gegen diese Politik
kämpfen, gegen den Imperialismus, gegen die Annexionen usw. kämpfen.
Auf
den ersten Blick erscheint dieser Einwand durchaus angängig, aber in
Wirklichkeit bedeutet er eine feinere, verhülltere (und darum
gefährlichere) Propaganda einer Versöhnung mit dem Imperialismus, denn
ein "Kampf" gegen die Politik der Trusts und Banken, der die
ökonomischen Grundlagen der Trusts und Banken unangetastet läßt, läuft
auf bürgerlichen Reformismus und Pazifismus hinaus, auf harmlose und
fromme Wünsche. Sich über die bestehenden Widersprüche hinwegsetzen,
die wichtigsten von ihnen vergessen, anstatt die Widersprüche in ihrer
ganzen Tiefe aufzudecken - das ist Kautskys Theorie, die mit dem
Marxismus nichts gemein hat. Und eine solche "Theorie" dient natürlich
nur dazu, die Idee der Einheit mit den Cunow zu verteidigen
"Vom
rein ökonomischen Standpunkt", schreibt Kautsky, "ist es nicht
ausgeschlossen, daß der Kapitalismus noch eine neue Phase erlebt, die
Übertragung der Kartellpolitik auf die äußere Politik, eine Phase des
Ultraimperialismus" (91),
d.h. des Überimperialismus, der Vereinigung der Imperialismen der
ganzen Welt, nicht aber ihres Kampfes, eine Phase der Aufhebung der
Kriege unter dem Kapitalismus, eine Phase der "gemeinsamen Ausbeutung
der Welt durch das international verbündete Finanzkapital"
(92).
Auf
diese "Theorie des Ultraimperialismus" werden wir noch zurückkommen,
um eingehend zu zeigen, bis zu welchem Grade sie entschieden und
unwiderruflich mit dem Marxismus bricht. Hier müssen wir uns
entsprechend der ganzen Anlage dieser Studie zunächst die genauen
ökonomischen Daten zu dieser Frage ansehen. Ist ein
"Ultraimperialismus" vom "rein ökonomischen Standpunkt" möglich, oder
ist das ein Ultra-Unsinn?
Versteht man unter dem rein ökonomischen Standpunkt eine "reine"
Abstraktion, so läuft alles, was sich dazu sagen läßt, auf die These
hinaus: Die Entwicklung bewegt sich in der Richtung zu Monopolen, also
zu einem einzigen Weltmonopol, einem einzigen Welttrust. Das ist
unzweifelhaft, aber ebenso nichtssagend wie etwa der Hinweis, daß "die
Entwicklung sich in der Richtung" zur Herstellung von Nahrungsmitteln
im Laboratorium "bewegt". In diesem Sinne ist die "Theorie" des
Ultraimperialismus ebensolcher Unsinn, wie es eine "Theorie der
Ultralandwirtschaft" wäre.
Spricht man dagegen von den "rein ökonomischen" Bedingungen der Epoche
des Finanzkapitals als einer historisch-konkreten Epoche, die in den
Anfang des 20. Jahrhunderts fällt, so erhalten wir die beste Antwort
auf die toten Abstraktionen des "Ultraimperialismus" (die
ausschließlich dem erzreaktionären Ziel dienen, die Aufmerksamkeit von
der Tiefe der vorhandenen Widersprüche abzulenken), wenn wir
ihnen die konkrete ökonomische Wirklichkeit der modernen
Weltwirtschaft gegenüberstellen. Kautskys leeres Gerede von einem
Ultraimperialismus nährt unter anderem den grundfalschen Gedanken, der
Wasser auf die Mühle der Apologeten des Imperialismus leitet, daß die
Herrschaft des Finanzkapitals die Ungleichmäßigkeiten und die
Widersprüche innerhalb der Weltwirtschaft abschwäche, während
sie in Wirklichkeit diese verstärkt.
R.
Calwer machte in seiner Schrift
Einführung in die
Weltwirtschaft (93)
den Versuch, die wichtigsten rein ökonomischen Daten zusammenzutragen,
die eine konkrete Vorstellung von den Wechselbeziehungen innerhalb der
Weltwirtschaft um die Wende des 19. und 20. Jahrhunderts ermöglichen
Er teilt die ganze Welt in fünf "wirtschaftliche Hauptgebiete": 1. das
mitteleuropäische (ganz Europa, außer Rußland und England); 2. das
britische; 3. das russische; 4. das ostasiatische und 5. das
amerikanische, wobei er die Kolonien zu den "Gebieten" derjenigen
Staaten zählt, denen sie gehören, und einige wenige, keinem Gebiet
zugeteilte Länder, z.B. Persien, Afghanistan, Arabien in Asien,
Marokko und Abessinien in Afrika usw., "unberücksichtigt" läßt.
Nachstehend in gekürzter Form die von Calwer angeführten ökonomischen
Daten über diese Gebiete:
|
|
Fläche |
Bevölke-
rung |
Verkehrsmittel |
Handel |
Industrie |
|
Wirtschaftliche
Hauptgebiete
der Welt |
(Mill.
qkm) |
(Mill.) |
Eisen-
bahnen
(1.000 km) |
Handels-
flotte
(Mill.
Tonnen) |
(Einfuhr u.
Ausfuhr
zusammen)
(Milliar-
den Mark) |
Kohlen-
gewinnung
(Mill.
Tonnen) |
Roheisen-
gewinnung
(Mill.
Tonnen) |
Spindel-
zahl in der
Baumwoll-
industrie
(Mill.) |
|
1. Mitteleuropäisches |
27,6
(23,6) |
388
(146) |
204 |
8 |
41 |
251 |
15 |
26 |
|
2. Britisches |
28,9
(28,6) |
398
(355) |
140 |
11 |
25 |
249 |
9 |
51 |
|
3. Russisches |
22 |
131 |
63 |
1 |
3 |
16 |
3 |
7 |
|
4. Ostasiatisches |
12 |
389 |
8 |
1 |
2 |
8 |
0,02 |
2 |
|
5. Amerikanisches |
30 |
148 |
379 |
6 |
14 |
245 |
14 |
19 |
|
[In Klammern Fläche und Bevölkerung
der Kolonien.] |
Wir sehen hier drei Gebiete mit hochentwickeltem
Kapitalismus (starke Entwicklung sowohl des Verkehrswesens wie des
Handels und der Industrie): das mitteleuropäische, britische und
amerikanische: darunter drei weltbeherrschende Staaten: Deutschland,
England und die Vereinigten Staaten. Die imperialistische Konkurrenz
und der Kampf unter ihnen werden dadurch außerordentlich verschärft,
daß Deutschland nur über ein ganz kleines Gebiet und wenig Kolonien
verfugt; die Bildung "Mitteleuropas" liegt noch in der Zukunft, und
seine Geburt geht in einem erbitterten Kampf vor sich. Einstweilen ist
das Kennzeichen von ganz Europa politische Zersplitterung. In dem
britischen und dem amerikanischen Gebiet dagegen ist die politische
Konzentration sehr groß, aber es besteht ein ungeheures Mißverhältnis
zwischen den unermeßlichen Kolonien des britischen und den
geringfügigen des amerikanischen Gebiets. In den Kolonien ist der
Kapitalismus indes erst im Entstehen begriffen. Der Kampf um
Südamerika gewinnt immer mehr an Schärfe.
In
zwei Gebieten ist der Kapitalismus schwach entwickelt, im russischen
und im ostasiatischen. Im ersten haben wir es mit einer äußerst
geringen, im zweiten mit einer außerordentlich hohen
Bevölkerungsdichte zu tun; im ersten ist die politische Konzentration
groß, im zweiten fehlt sie ganz. China hat man erst zu teilen
begonnen, und der Kampf um China zwischen Japan, den Vereinigten
Staaten usw. verschärft sich immer mehr.
Man
stelle dieser Wirklichkeit mit der ungeheuren Mannigfaltigkeit
ökonomischer und politischer Bedingungen, mit der äußersten
Ungleichmäßigkeit im Tempo des Wachstums der verschiedenen Länder
usw., mit dem wahnwitzigen Kampf zwischen den imperialistischen
Staaten - Kautskys dummes Märchen von einem "friedlichen"
Ultraimperialismus gegenüber. Ist das etwa nicht der reaktionäre
Versuch eines erschrockenen Kleinbürgers, sich über die grausame
Wirklichkeit hinwegzusetzen? Bieten uns die internationalen Kartelle,
die Kautsky Keime des "Ultraimperialismus" zu sein scheinen (wie man
auch die Erzeugung von Tabletten im Laboratorium als einen Keim der
Ultralandwirtschaft ansprechen "kann"), etwa nicht ein Beispiel der
Aufteilung und Neuaufteilung der Welt, des Übergangs von
friedlicher Aufteilung zu nicht friedlicher und umgekehrt? Nimmt das
amerikanische und sonstige Finanzkapital, das bisher unter Beteiligung
Deutschlands, sagen wir im internationalen Schienenkartell oder in dem
internationalen Trust der Handelsschiffahrt, die ganze Welt friedlich
aufgeteilt hat, jetzt etwa nicht eine Neuaufteilung der Welt
auf Grund neuer Kräfteverhältnisse vor, die sich auf ganz und gar
nicht friedlichem Wege verändert haben?
Das
Finanzkapital und die Trusts schwächen die Unterschiede im Tempo des
Wachstums der verschiedenen Teile der Weltwirtschaft nicht ab, sondern
verstärken sie. Sobald sich aber die Kräfteverhältnisse geändert
haben, wie können dann unter dem Kapitalismus die Gegensätze
anders ausgetragen werden als durch Gewalt? Überaus genaue
Angaben über das unterschiedliche Wachstumstempo des Kapitalismus und
des Finanzkapitals in der gesamten Weltwirtschaft finden wir in der
Eisenbahnstatistik. (94) In
den letzten Jahrzehnten der imperialistischen Entwicklung veränderte
sich die Länge der Schienenwege wie folgt:
|
|
|
Schienenwege
(in 1.000 km) |
|
|
1890 |
|
|
1913 |
|
|
+ |
|
|
Europa |
224 |
346 |
+ 122 |
|
Vereinigte Staaten von Amerika |
268 |
411 |
+ 143 |
|
Alle Kolonien |
82 |
125 |
210 |
347 |
+ 128 |
+ 222 |
|
Selbständige und halbselbständige Staaten
Asiens und Amerikas |
43 |
137 |
+ 94 |
|
Insgesamt |
617 |
|
1.104 |
|
|
Am raschesten ging somit die Entwicklung des
Eisenbahnnetzes in den Kolonien und den selbständigen (und
halbselbständigen) Staaten Asiens und Amerikas vor sich. Bekanntlich
schaltet und waltet hier das Finanzkapital der 4-5 größten
kapitalistischen Staaten unumschränkt. Zweihunderttausend Kilometer
neuer Schienenwege in den Kolonien und in den anderen Ländern Asiens
und Amerikas - das bedeutet mehr als 40 Milliarden Mark neuer
Kapitalanlage zu besonders günstigen Bedingungen, mit besonderen
Garantien der Einträglichkeit, mit profitablen Aufträgen für die
Stahlwerke usw. usf.
Am
schnellsten wächst der Kapitalismus in den Kolonien und den
überseeischen Ländern. Unter diesen Ländern entstehen neue
imperialistische Mächte (Japan). Der Kampf der Weltimperialismen
verschärft sich. Es wächst der Tribut, den das Finanzkapital von den
besonders einträglichen kolonialen und überseeischen Unternehmungen
erhebt. Bei der Teilung dieser "Beute" fällt ein außerordentlich
großer Bissen Ländern zu, die nach dem Entwicklungstempo der
Produktivkräfte nicht immer an der Spitze stehen. Die Länge der
Schienenwege betrug in den größten Staaten unter Einschluß ihrer
Kolonien:
|
|
(in 1.000 km) |
|
|
|
1890 |
1913 |
|
|
Vereinigte Staaten |
268 |
413 |
+ 145 |
|
Britisches Reich |
107 |
208 |
+ 101 |
|
Rußland |
32 |
78 |
+ 46 |
|
Deutschland |
43 |
68 |
+ 25 |
|
Frankreich |
41 |
63 |
+ 22 |
|
In den fünf Staaten insgesamt |
491 |
830 |
+ 339 |
Rund 80% der gesamten Eisenbahnen sind also in den
Händen der 5 Großmächte konzentriert. Aber die Konzentration des
Eigentums an diesen Bahnen, die Konzentration des Finanzkapitals
ist noch unvergleichlich größer, denn den englischen und französischen
Millionären z.B. gehört ein sehr großer Teil der Aktien und
Obligationen der amerikanischen, russischen und anderen Eisenbahnen.
England hat dank seinen Kolonien "sein" Eisenbahnnetz um
hunderttausend Kilometer, also viermal mehr als Deutschland,
vergrößert. Indessen ging bekanntlich während dieser Zeit die
Entwicklung der Produktivkräfte, insbesondere die Entwicklung der
Kohlen- und Eisenindustrie, in Deutschland unvergleichlich schneller
vor sich als in England, geschweige denn in Frankreich oder Rußland.
1892 produzierte Deutschland 4,9 Millionen Tonnen Roheisen, England
dagegen 6,8; aber 1912 waren es schon 17,6 gegen 9,0, d.h. ein
gewaltiger Vorsprung gegenüber England!
(95) Es fragt sich, welches
andere Mittel konnte es auf dem Boden des Kapitalismus geben
außer dem Krieg, um das Mißverhältnis zwischen der Entwicklung der
Produktivkräfte und der Akkumulation des Kapitals einerseits und der
Verteilung der Kolonien und der "Einflußsphären" des Finanzkapitals
anderseits zu beseitigen?
Fußnoten von W. I. Lenin:
(89)
Die Neue Zeit, 1914, 2 (32.
Jahrg.), vom 11. September 1914, S.909; vgl. auch 1915, 2, S.107ff.
(90) Hobson,
Imperialism, L. 1902, S.324.
(91)
Die Neue Zeit, 1914, 2 (32
Jahrg.), vom 11. September 1914, S.921; vgl. auch 1915, 2, S.107ff.
(92)
Die Neue Zeit, 1915, 2, vom
30 April 1915, S.144.
(93) R.
Calwer, Einführung in die
Weltwirtschaft, Brl. 1906.
(94)
Statistisches Jahrbuch für das
Deutsche Reich, 1915; Archiv
für Eisenbahnwesen, 1892; für 1890 mußten geringfügige
Details hinsichtlich der Verteilung der Eisenbahnen auf die Kolonien
der verschiedenen Länder annähernd berechnet werden.
(95) Vgl.
auch Edgar Crammond, The Economic Relations of the British and
German Empires, im Journal of
the Royal Statistical Society, Juli 1914, S.777ff.
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