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Wir müssen nun noch auf eine sehr wichtige Seite
des Imperialismus eingehen, die bei den meisten Betrachtungen über
dieses Thema nicht genügend beachtet wird. Einer der Mängel des
Marxisten Hilferding ist, daß er hier im Vergleich zu dem
Nichtmarxisten Hobson einen Schritt rückwärts getan hat. Wir sprechen
von dem Parasitismus, der dem Imperialismus eigen ist.
Wie
wir gesehen haben, ist die tiefste ökonomische Grundlage des
Imperialismus das Monopol. Dieses Monopol ist ein kapitalistisches,
d.h. ein Monopol, das aus dem Kapitalismus erwachsen ist und im
allgemeinen Milieu des Kapitalismus, der Warenproduktion, der
Konkurrenz, in einem beständigen und unlösbaren Widerspruch zu diesem
allgemeinen Milieu steht. Dennoch erzeugt es, wie jedes andere
Monopol, unvermeidlich die Tendenz zur Stagnation und Fäulnis. In dem
Maße, wie Monopolpreise, sei es auch nur vorübergehend, eingeführt
werden, verschwindet bis zu einem gewissen Grade der Antrieb zum
technischen und folglich auch zu jedem anderen Fortschritt, zur
Vorwärtsbewegung; und insofern entsteht die ökonomische
Möglichkeit, den technischen Fortschritt künstlich aufzuhalten. Ein
Beispiel: In Amerika hat ein gewisser Owens eine Flaschenmaschine
erfunden, die eine Revolution in der Flaschenherstellung herbeiführt.
Das deutsche Kartell der Flaschenfabrikanten kauft Owens‚ Patente auf
und legt sie in das unterste Schubfach, um ihre Auswertung zu
verhindern. Gewiß kann das Monopol unter dem Kapitalismus die
Konkurrenz auf dem Weltmarkt niemals restlos und auf sehr lange Zeit
ausschalten (das ist übrigens einer der Gründe, warum die Theorie des
Ultraimperialismus unsinnig ist). Die Möglichkeit, durch technische
Verbesserungen die Produktionskosten herabzumindern und die Profite zu
erhöhen, begünstigt natürlich Neuerungen. Aber die Tendenz
zur Stagnation und Fäulnis, die dem Monopol eigen ist, wirkt nach wie
vor und gewinnt in einzelnen Industriezweigen, in einzelnen Ländern
für gewisse Zeitspannen die Oberhand.
Das
Monopol der Beherrschung besonders ausgedehnter, reicher oder günstig
gelegener Kolonien wirkt in derselben Richtung.
Weiter. Der Imperialismus bedeutet eine ungeheure Anhäufung von
Geldkapital in wenigen Ländern, das, wie wir gesehen haben, 100 bis
150 Milliarden Francs in Wertpapieren erreicht. Daraus ergibt sich das
außergewöhnliche Anwachsen der Klasse oder, richtiger, der Schicht der
Rentner, d.h. Personen, die vom "Kuponschneiden" leben, Personen, die
von der Beteiligung an irgendeinem Unternehmen völlig losgelöst sind,
Personen, deren Beruf der Müßiggang ist. Die Kapitalausfuhr, eine der
wesentlichsten ökonomischen Grundlagen des Imperialismus, verstärkt
diese völlige Isolierung der Rentnerschicht von der Produktion noch
mehr und drückt dem ganzen Land, das von der Ausbeutung der Arbeit
einiger überseeischer Länder und Kolonien lebt, den Stempel des
Parasitismus auf.
"Im
Jahre 1893", schrieb Hobson, "betrug das im Ausland investierte
britische Kapital ca. 15 Prozent des gesamten Reichtums des
Vereinigten Königreichs." (96)
Es sei daran erinnert, daß bis 1915 dieses Kapital ungefähr auf das
Zweieinhalbfache gestiegen war. "Der aggressive Imperialismus", lesen
wir weiter bei Hobson, "der den Steuerzahlern so teuer zu stehen kommt
und für den Industriellen und den Kaufmann so wenig Wert hat, ...
bildet die Quelle großer Profite für den Kapitalisten, der
Anlagemöglichkeiten für sein Kapital sucht" (im Englischen wird dieser
Begriff mit dem einen Wort "investor" - "Kapitalanleger", Rentner -
ausgedrückt) ... Die Jahreseinnahme Großbritanniens aus seinem
gesamten Außen- und Kolonialhandel, aus Einfuhr und Ausfuhr, wird von
dem Statistiker Giffen für das Jahr 1899 auf 18 Mill. £" (ca. 170
Mill. Rubel) "geschätzt, wobei er sie mit 2½% des Gesamtumsatzes von
800 Mill. £ annimmt." So groß diese Summe auch ist, vermag sie doch
nicht den aggressiven Imperialismus Großbritanniens zu erklären.
Dieser findet seine Erklärung vielmehr in den 90-100 Mill. Pfund
Sterling, die die Einnahmen von "investiertem" Kapital, die Einnahmen
der Rentnerschicht darstellen.
Die
Einnahmen der Rentner sind also im "handelstüchtigsten" Lande der Welt
fünfmal so groß wie die Einnahmen aus dem Außenhandel! Das
ist das Wesen des Imperialismus und des imperialistischen
Parasitismus.
Der
Begriff "Rentnerstaat" oder Wucherstaat wird daher in der ökonomischen
Literatur über den Imperialismus allgemein gebräuchlich. Die Welt ist
in ein Häuflein Wucherstaaten und in eine ungeheure Mehrheit von
Schuldnerstaaten gespalten. "Unter den ausländischen Anlagen aber",
schreibt Schulze-Gaevernitz, "stehen diejenigen voran, welche
politisch abhängigen oder nächstverbündeten Ländern zuteil werden:
England borgt an Ägypten, Japan, China, Südamerika. Seine Kriegsflotte
ist hier im Notfall der Gerichtsvollzieher. Politische Macht schützt
England gegen die Schuldnerempörung."
(97) Sartorius von
Waltershausen stellt in seinem Werk "Das volkswirtschaftliche System
der Kapitalanlage im Auslande" Holland als das Muster eines
"Rentnerstaates" hin und verweist darauf, daß England und Frankreich
im Begriff sind, es zu werden.
(98) Schilder meint, daß fünf Industriestaaten - Großbritannien,
Frankreich, Deutschland, Belgien und die Schweiz - "ausgesprochene
Gläubigerländer" sind. Holland zählt er nur deshalb nicht dazu, weil
dieses Land "industriell weniger entwickelt"
(99) sei. Die Vereinigten
Staaten seien nur in bezug auf Amerika ein Gläubigerland.
"England", schreibt Schulze-Gaevernitz, "wächst aus dem Industriestaat
allmählich in den Gläubigerstaat. Trotz absoluter Zunahme der
industriellen Produktion, auch der industriellen Ausfuhr, steigt die
relative Bedeutung der Zins- und Dividendenbezüge, der Emissions-,
Kommissions- und Spekulationsgewinne für die Gesamtvolkswirtschaft. Es
ist diese Tatsache meiner Meinung nach die wirtschaftliche Grundlage
des imperialistischen Aufschwungs. Der Gläubiger hängt mit dem
Schuldner dauernder zusammen als der Verkäufer mit dem Käufer."
(100) Über Deutschland
schrieb 1911 A. Lansburgh, der Herausgeber der Berliner Zeitschrift
Die Bank, in dem Artikel
Der deutsche Rentnerstaat: "Man spottet in Deutschland gern über
den Hang zum Rentnertum, der bei der französischen Bevölkerung zu
finden ist, und vergißt dabei, daß, soweit der Mittelstand in Betracht
kommt, die deutschen Verhältnisse den französischen immer ähnlicher
werden." (101)
Der
Rentnerstaat ist der Staat des parasitären, verfaulenden Kapitalismus,
und dieser Umstand muß sich unbedingt in allen sozialpolitischen
Verhältnissen der betreffenden Länder im allgemeinen wie auch in den
zwei Hauptströmungen der Arbeiterbewegung im besonderen widerspiegeln.
Um das möglichst anschaulich zu zeigen, überlassen wir Hobson das
Wort, der als Zeuge am "zuverlässigsten" ist, da man ihn unmöglich der
Voreingenommenheit für "marxistische Orthodoxie" verdächtigen kann;
anderseits ist er Engländer und kennt gut die Verhältnisse in dem an
Kolonien wie an Finanzkapital und imperialistischer Erfahrung
reichsten Lande.
Unter
dem frischen Eindruck des Burenkriegs schilderte Hobson den
Zusammenhang des Imperialismus mit den Interessen der "Finanziers",
deren wachsende Profite bei Aufträgen, Lieferungen usw., und schrieb:
"Wenn es auch die Kapitalisten sind, die diese ausgesprochen
parasitäre Politik lenken, so üben doch dieselben Motive auf gewisse
Arbeiterkategorien ihre Wirkung aus. In vielen Städten sind die
wichtigsten Industriezweige von Regierungsaufträgen abhängig: der
Imperialismus der Zentren der Hütten- und Schiffbauindustrie ist in
nicht geringem Maße dieser Tatsache zuzuschreiben." Zweierlei Umstände
führten nach Hobsons Meinung zur Schwächung der alten Imperien: 1.
"ökonomischer Parasitismus" und 2. Zusammensetzung des Heeres aus
Angehörigen abhängiger Völker. "Der erste ist die Gepflogenheit des
ökonomischen Parasitismus, die darin besteht, daß der herrschende
Staat seine Provinzen, Kolonien und die abhängigen Länder ausnutzt, um
seine herrschende Klasse zu bereichern und die Fügsamkeit seiner
unteren Klassen durch Bestechung zu erkaufen." Die Voraussetzung für
die ökonomische Möglichkeit einer solchen Bestechung, einerlei in
welcher Form sie geschieht, ist - fügen wir von uns aus hinzu -
monopolistisch hoher Profit.
Über
den zweiten Umstand schreibt Hobson: "Zu den seltsamsten Symptomen der
Blindheit des Imperialismus gehört die Sorglosigkeit, mit der
Großbritannien, Frankreich und andere imperialistische Nationen diesen
Weg beschreiten. Großbritannien ist am weitesten gegangen. Die meisten
Schlachten, durch die wir unser indisches Reich erobert haben, sind
von unseren Eingeborenenarmeen ausgefochten worden; in Indien, und in
letzter Zeit auch in Ägypten, sind große stehende Heere dem Kommando
von Briten unterstellt; fast alle Kriege, die mit unseren
afrikanischen Besitzungen mit Ausnahme der südlichen zusammenhängen,
wurden von Eingeborenen für uns geführt."
Die
Perspektive der Aufteilung Chinas veranlaßt Hobson zu folgender
ökonomischer Einschätzung: "Der größte Teil Westeuropas könnte dann
das Aussehen und den Charakter annehmen, die einige Gegenden in
Süd-England, an der Riviera sowie in den von Touristen am meisten
besuchten und von den reichen Leuten bewohnten Teilen Italiens und der
Schweiz bereits haben: ein Häuflein reicher Aristokraten, die
Dividenden und Pensionen aus dem Fernen Osten beziehen, mit einer
etwas größeren Gruppe von Angestellten und Händlern und einer noch
größeren Anzahl von Dienstboten und Arbeitern im Transportgewerbe und
in den letzten Stadien der Produktion leicht verderblicher Waren; die
wichtigsten Industrien wären verschwunden. die Lebensmittel und
Industriefabrikate für den Massenkonsum würden als Tribut aus Asien
und Afrika kommen." "Wir haben die Möglichkeit einer noch
umfassenderen Vereinigung der westlichen Länder angedeutet, eine
europäische Föderation der Großmächte, die, weit entfernt, die Sache
der Weltzivilisation voranzubringen, die ungeheure Gefahr eines
westlichen Parasitismus heraufbeschwören könnte: eine Gruppe
fortgeschrittener Industrienationen, deren obere Klassen aus Asien und
Afrika gewaltige Tribute beziehen und mit Hilfe dieser Tribute große
Massen gefügigen Personals unterhalten, die nicht mehr in der
Produktion von landwirtschaftlichen und industriellen
Massenerzeugnissen, sondern mit persönlichen Dienstleistungen oder
untergeordneter Industriearbeit unter der Kontrolle einer neuen
Finanzaristokratie beschäftigt werden. Mögen diejenigen, die eine
solche Theorie" (es müßte heißen Perspektive) "als nicht der Erwägung
wert verächtlich abtun, die heutigen wirtschaftlichen und sozialen
Verhältnisse in jenen Bezirken Südenglands untersuchen, die schon
jetzt in eine solche Lage versetzt sind, und mögen sie darüber
nachdenken, welch gewaltiges Ausmaß ein derartiges System annehmen
würde, wenn China der ökonomischen Herrschaft ähnlicher Gruppen von
Finanziers, Investoren, von Beamten in Staat und Wirtschaft
unterworfen würde, die das größte potentielle Profitreservoir, das die
Welt je gekannt hat, ausschöpfen würden, um diesen Profit in Europa zu
verzehren. Die Situation ist viel zu kompliziert, das Spiel der
Weltkräfte viel zu unberechenbar, als daß diese oder irgendeine andere
Zukunftsdeutung als einzige mit Sicherheit zutreffen müßte. Aber die
Einflüsse, die den Imperialismus Westeuropas gegenwärtig beherrschen,
bewegen sich in dieser Richtung, und wenn ihnen nicht Widerstand
geleistet wird oder sie nicht in eine andere Richtung gedrängt werden,
dann bewegen sie sich auf dieses Ziel zu."
(102)
Der
Verfasser hat vollkommen recht. Würden die Kräfte des
Imperialismus nicht auf Widerstand stoßen. so würden sie eben dahin
führen. Die Bedeutung der Vereinigten Staaten von Europa in der
heutigen, imperialistischen Situation ist hier richtig bewertet. Man
müßte nur hinzufügen, daß auch innerhalb der Arbeiterbewegung
die Opportunisten, die heutzutage in den meisten Ländern vorübergehend
gesiegt haben, sich systematisch und beharrlich gerade auf dieses Ziel
"zubewegen". Der Imperialismus, der die Aufteilung der Welt und die
Ausbeutung nicht allein Chinas bedeutet, der monopolistisch hohe
Profite für eine Handvoll der reichsten Länder bedeutet, schafft die
ökonomische Möglichkeit zur Bestechung der Oberschichten des
Proletariats und nährt, formt und festigt dadurch den Opportunismus.
Nur darf man die dem Imperialismus im allgemeinen und dem
Opportunismus im besonderen entgegenwirkenden Kräfte nicht vergessen,
die der Sozialliberale Hobson natürlich nicht sieht.
Der
deutsche Opportunist Gerhard Hildebrand, der seinerzeit wegen seiner
Verteidigung des Imperialismus aus der Partei ausgeschlossen wurde,
heute aber wohl ein Führer der sogenannten "sozialdemokratischen"
Partei Deutschlands sein könnte, ergänzt Hobson ausgezeichnet, indem
er die "Vereinigten Staaten von Westeuropa" (ohne Rußland) propagiert.
und zwar zum "Zusammenwirken" gegen ... die Neger Afrikas, gegen eine
"islamitische Bewegung großen Stils", zur "Bildung einer Heeres- und
Flottenmacht allerersten Ranges", gegen eine "chinesisch-japanische
Koalition" u.a.m. (103)
Die
Schilderung, die uns Schulze-Gaevernitz vom "britischen Imperialismus"
gibt, deckt dieselben Merkmale des Parasitismus auf. Während sich in
den Jahren 1865 bis 1898 das britische Volkseinkommen etwa verdoppelt
hat, hat sich das Einkommen "vom Auslande" in dieser Zeitspanne
verneunfacht. Wenn zu den "Verdiensten" des Imperialismus "die
Erziehung der Farbigen zur Arbeit" gerechnet wird (ohne Zwang gehe es
dabei nicht ...), so besteht die "Gefahr" des Imperialismus darin, daß
Europa "die Arbeit überhaupt - zunächst die landwirtschaftliche und
montane, sodann auch die gröbere industrielle Arbeit - auf die farbige
Menschheit abschiebt und sich selbst in die Rentnerrolle zurückzieht,
womit es vielleicht die wirtschaftliche und ihr folgend die politische
Emanzipation der farbigen Rassen vorbereitet".
Immer
mehr Land wird in England der Landwirtschaft entzogen und für Sport
und Amüsement der Reichen verwendet. Von Schottland, diesem
aristokratischsten Jagd- und Sportplatz der Welt, wird gesagt, daß es
"von seiner Vergangenheit und Herrn Carnegie" (dem amerikanischen
Milliardär) "lebt". Allein für Pferderennen und Fuchsjagden gibt
England jährlich 14 Millionen Pfund Sterling (etwa 130 Mill. Rubel)
aus. Die Zahl der Rentner beläuft sich in England auf rund eine
Million. Der Prozentsatz der produzierenden Bevölkerung geht zurück:
|
|
Bevölkerung von England
(Millionen) |
Arbeiter in den Hauptindustrien
(Millionen) |
In % der Bevölkerung |
|
1851 |
17,9 |
4,1 |
23% |
|
1901 |
32,5 |
4,9 |
15% |
Nun ist der bürgerliche Erforscher des "britischen
Imperialismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts" gezwungen, wenn er von
der englischen Arbeiterklasse spricht, systematisch einen Unterschied
zu machen zwischen der "Oberschicht" der Arbeiter und der "eigentlichen
proletarischen Unterschicht". Die Oberschicht liefert die
Mitgliedermasse der Genossenschaften und Gewerkschaften, der
Sportvereine und der zahllosen religiösen Sekten. Ihrem Niveau ist
auch das Wahlrecht angepaßt, das in England "immer noch beschränkt
genug ist, um die eigentliche proletarische Unterschicht fernzuhalten"!!
Um die Lage der englischen Arbeiterklasse zu beschönigen, pflegt man
nur von dieser Oberschicht zu sprechen, die die Minderheit
des Proletariats ausmacht: bei der Arbeitslosigkeit z.B. "handelt es
sich überwiegend um eine Frage Londons und der proletarischen
Unterschicht, welche politisch wenig in das Gewicht fallt"
... (104) Es hätte heißen
müssen: welche für die bürgerlichen Politikaster und die
"sozialistischen" Opportunisten wenig ins Gewicht fällt.
Zu den
mit dem geschilderten Erscheinungskomplex verknüpften Besonderheiten
des Imperialismus gehört die abnehmende Auswanderung aus den
imperialistischen Ländern und die zunehmende Einwanderung (Zustrom von
Arbeitern und Übersiedlung) in diese Länder aus rückständigeren
Ländern mit niedrigeren Arbeitslöhnen. Die Auswanderung aus England
sinkt, wie Hobson feststellt, seit 1884: Sie betrug in jenem Jahr
242.000 und 169.000 im Jahre 1900. Die Auswanderung aus Deutschland
erreichte ihren Höhepunkt im Jahrzehnt 1881-1890, nämlich 1.453.000,
und sank in den zwei folgenden Jahrzehnten auf 544.000 bzw. 341.000.
Dafür stieg die Zahl der Arbeiter, die aus Österreich, Italien,
Rußland usw. nach Deutschland kamen. Nach der Volkszählung vom Jahre
1907 gab es in Deutschland 1.342.294 Ausländer, davon 440.800
Industriearbeiter und 257.329 Landarbeiter.
(105) In Frankreich sind
die Arbeiter im Bergbau "zum großen Teil" Ausländer: Polen, Italiener
und Spanier. (106) In den
Vereinigten Staaten nehmen die Einwanderer aus Ost- und Südeuropa die
am schlechtesten bezahlten Stellen ein, während die amerikanischen
Arbeiter den größten Prozentsatz der Aufseher und der bestbezahlten
Arbeiter stellen. (107)
Der Imperialismus hat die Tendenz, auch unter den Arbeitern
privilegierte Kategorien auszusondern und sie von der großen Masse des
Proletariats abzuspalten.
Es muß
bemerkt werden, daß in England die Tendenz des Imperialismus, die
Arbeiter zu spalten, den Opportunismus unter ihnen zu stärken und eine
zeitweilige Fäulnis der Arbeiterbewegung hervorzurufen, viel früher
zum Vorschein kam als Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts.
Denn zwei der wichtigsten Merkmale des Imperialismus - riesiger
Kolonialbesitz und Monopolstellung auf dem Weltmarkt - traten in
England schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts hervor. Marx und Engels
verfolgten jahrzehntelang systematisch diesen Zusammenhang des
Opportunismus in der Arbeiterbewegung mit den imperialistischen
Besonderheiten des englischen Kapitalismus. Engels schrieb z.B. am 7.
Oktober 1858 an Marx, "... daß das englische Proletariat faktisch mehr
und mehr verbürgert, so daß diese bürgerlichste aller Nationen es
schließlich dahin bringen zu wollen scheint, eine bürgerliche
Aristokratie und ein bürgerliches Proletariat neben der
Bourgeoisie zu besitzen. Bei einer Nation, die die ganze Welt
exploitiert, ist das allerdings gewissermaßen gerechtfertigt." [Karl
Marx u. Friedrich Engels, Werke,
Bd.29, S.358.] Fast ein Vierteljahrhundert später, in seinem Brief vom
11. August 1881, spricht er von Gewerkschaften, "welche nur mit jenen
schlechtesten englischen vergleichbar sind, die es zulassen, sich von
an die Bourgeoisie verkauften oder zumindest von ihr bezahlten Leuten
führen zu lassen". [Karl Marx u. Friedrich Engels,
Werke, Bd.35, S.20.] Und in
einem Brief an Kautsky vom 12. September 1882 schreibt Engels: "Sie
fragen mich, was die englischen Arbeiter von der Kolonialpolitik
denken? Nun, genau dasselbe, was sie von der Politik überhaupt denken
... Es gibt hier ja keine Arbeiterpartei, es gibt nur Konservative und
Liberal-Radikale, und die Arbeiter zehren flott mit von dem
Weltmarkts- und Kolonialmonopol Englands."
(108) (Dasselbe sagt
Engels auch im Vorwort zur zweiten Auflage der
Lage der arbeitenden Klasse in
England, 1892.)
Hier
sind Ursachen und Wirkungen deutlich aufgezeigt. Ursachen: 1.
Ausbeutung der ganzen Welt durch das betreffende Land; 2. seine
Monopolstellung auf dem Weltmarkt; 3. sein Kolonialmonopol. Wirkungen:
1. Verbürgerung eines Teils des englischen Proletariats; 2. ein Teil
des Proletariats läßt sich von Leuten führen, die von der Bourgeoisie
gekauft sind oder zumindest von ihr bezahlt werden. Der Imperialismus
zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat die Aufteilung der Welt unter
einige wenige Staaten zu Ende geführt, von denen jeder gegenwärtig
einen nicht viel kleineren Teil der "ganzen Welt" ausbeutet (im Sinne
der Gewinnung von Extraprofit) als England im Jahre 1858; jeder nimmt
eine Monopolstellung auf dem Weltmarkt ein dank den Trusts, den
Kartellen, dem Finanzkapital und dem Verhältnis des Gläubigers zum
Schuldner; jeder besitzt bis zu einem gewissen Grade ein
Kolonialmonopol (wir sahen, daß von den 75 Mill. Quadratkilometern
aller Kolonien der Welt 65 Mill., d.h. 86% in den Händen von
sechs Mächten konzentriert sind; 61 Mill., d.h. 81%, sind in
den Händen von 3 Mächten konzentriert).
Das
Merkmal der heutigen Lage besteht in ökonomischen und politischen
Bedingungen, die zwangsläufig die Unversöhnlichkeit des Opportunismus
mit den allgemeinen und grundlegenden Interessen der Arbeiterbewegung
verstärken mußten: Der Imperialismus hat sich aus Ansätzen zum
herrschenden System entwickelt; die kapitalistischen Monopole haben in
der Volkswirtschaft und in der Politik den ersten Platz eingenommen;
die Aufteilung der Welt ist beendet; und anderseits sehen wir an
Stelle des ungeteilten englischen Monopols den Kampf einer kleinen
Anzahl imperialistischer Mächte um die Beteiligung am Monopol, der den
ganzen Beginn des 20. Jahrhunderts kennzeichnet. Der Opportunismus
kann jetzt nicht mehr in der Arbeiterbewegung irgendeines Landes auf
eine lange Reihe von Jahrzehnten hinaus völlig Sieger bleiben, so wie
er in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in England gesiegt
hatte; in einer Reihe von Ländern ist der Opportunismus vielmehr reif,
überreif geworden und in Fäulnis übergegangen, da er sich als
Sozialchauvinismus mit der bürgerlichen Politik restlos verschmolzen
hat. (109)
Fußnoten von W. I. Lenin:
(96) Hobson,
S.59,62.
(97)
Schulze-Gaevernitz, Br. Imp.,
S.320 u.a.
(98) Sart.
von Waltershausen, D. volkswirt.
Syst. etc., Brl. 1907, Buch IV.
(99)
Schilder, S.393.
(100)
Schulze-Gaevernitz, Br. Imp.,
S.122.
(101)
Die Bank, 1911, 1, S.10/11.
(102)
Hobson, S.103, 205, 144, 335, 386.
(103)
Gerhard Hildebrand, Die Erschütterung
der Industrieherrschaft und des Industriesozialismus, 1910,
S.229ff.
(104)
Schulze-Gaevernitz, Br. Imp.,
S.301.
(105)
Statistik des Deutschen Reichs,
Bd.211.
(106)
Henger, Die Kapitalsanlage der
Franzosen, Stuttg. 1913.
(107)
Hourwich, Immigration and Labor,
N.Y. 1913.
(108)
Briefwechsel von Marx und Engels,
Bd. II, S.290; IV, 433. [Karl Marx u. Friedrich Engels,
Werke, Bd. 35, S.357]; K.
Kautsky, Sozialismus und
Kolonialpolitik, Brl. 1907, S.79; diese Broschüre schrieb
Kautsky in jenen unendlich fernen Zeiten, als er noch Marxist war.
(109)
Der russische Sozialchauvinismus der Herren Potressow, Tschchenkeli,
Maslow usw. sowohl in seiner offenen Gestalt wie in der verkappten
(der Herren Tschcheïdse, Skobelew, Axelrod, Martow usw.) ist ebenfalls
aus der russischen Abart des Opportunismus, nämlich dem
Liquidatorentum, hervorgegangen.
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