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1. Der Imperialismus als Problem der
Weltwirtschaft. 2. Die internationale Arbeitsteilung als
Sonderfall der gesellschaftlichen Arbeitsteilung. 3. Die
natürlichen und sozialen Voraussetzungen der Arbeitsteilung. 4.
Der internationale Warenaustausch als notwendiger und regelmäßiger
Prozeß. 6. Der internationale Warenmarkt. 6. Der internationale
Markt des Geldkapitals. 7. Die Weltwirtschaft als System von
Produktionsverhältnissen 8. Die verschiedenen Formen des
Zustandekommens dieser Verhältnisse. 9. Die Sozialwirtschaft im
allgemeinen und die Weltwirtschaft (das Problem des Subjekts der
Wirtschaft).
Der Kampf der "nationalen" Staaten, der nichts
anderes ist als ein Kampf der entsprechenden Gruppen der
Bourgeoisie, spielt sich nicht in der leeren Luft ab. Es ist
unmöglich, sich diesen gewaltigen Zusammenstoß als einen
Zusammenstoß zweier Körper im luftleeren Raum vorzustellen. Im
Gegenteil: dieser Zusammenstoß ist durch das besondere Milieu
bedingt, in dem die "volkswirtschaftlichen Organismen" leben und
sich entwickeln. Diese sind schon längst kein abgeschlossenes
Ganzes, kein "isolierter Staat" à la Fichte und Thünen mehr; sie
sind nur Teile einer viel größeren Sphäre, und zwar der
Weltwirtschaft. Ebenso wie jedes individuelle Unternehmen ein
Teil der "nationalen", der "Volkswirtschaft" ist, ebenso gehört
auch jede dieser "Volkswirtschaften" zum System der
Weltwirtschaft. Deshalb muß der Kampf der modernen
"volkswirtschaftlichen" Organismen in erster Linie als ein Kampf
unter verschiedenen miteinander konkurrierenden Teilen der
Weltwirtschaft betrachtet werden, ähnlich wie wir den Kampf der
individuellen Unternehmungen untereinander als eine
Erscheinungsform des sozialökonomischen Lebens auffassen. Die
Frage des Imperialismus, seines ökonomischen Charakters und seiner
Zukunft wird somit zur Frage der Beurteilung der Tendenzen der
Weltwirtschaft und der wahrscheinlichen Veränderungen in ihrer
inneren Struktur. Bevor wir aber diese Frage behandeln, müssen wir
uns darüber einigen, was wir unter dem Ausdruck "Weltwirtschaft"
verstehen wollen.
Die Grundlage des gesellschaftlichen Lebens ist die Produktion von
materiellen Gütern. In der modernen Gesellschaft, die nicht
einfach Produkte, sondern Waren erzeugt, d.h. Produkte, die für
den Austausch bestimmt sind, ist der Prozeß des Austausches der
verschiedenartigen Produkte ein Ausdruck der Arbeitsteilung unter
den wirtschaftlichen Einheiten, die diese Waren erzeugen. Eine
solche Teilung der Arbeit nennt Marx, im Gegensatz zu der
Arbeitsteilung innerhalb des Einzelbetriebs, die
gesellschaftliche Arbeitsteilung. Selbstverständlich kann die
gesellschaftliche Arbeitsteilung verschiedene Formen annehmen, wie
zum Beispiel die Teilung der Arbeit unter den verschiedenen
Unternehmungen innerhalb eines Landes oder die Teilung der Arbeit
unter den verschiedenen Produktionszweigen; oder aber die Teilung
der Arbeit unter solchen großen Unterabteilungen der gesamten
Produktion, wie zum Beispiel Industrie und Landwirtschaft; oder
zum Beispiel die Teilung der Arbeit unter Ländern, die besondere
wirtschaftliche Systeme innerhalb des allgemeinen Systems
verkörpern usw.
Man kann natürlich, je nach den verschiedenen Aufgaben, die sich
die Forschung stellt, verschiedene Schemata und sehr viele
Klassifizierungen der Formen geben. Wir müssen hier nur die
Tatsache berücksichtigen, daß neben den anderen Formen der
gesellschaftlichen Arbeitsteilung eine Teilung der Arbeit unter
den "nationalen" Wirtschaften, unter den verschiedenen Ländern
besteht, eine Arbeitsteilung, die über den Rahmen der
"Volkswirtschaft" hinausgeht, eine internationa1e
Arbeitsteilung.
Die internationale Arbeitsteilung hat zweierlei Voraussetzungen:
erstens natürliche Voraussetzungen, die sich aus der
Verschiedenheit des natürlichen Milieus ergeben, in dem die
verschiedenen "Produktionsorganismen" leben; zweitens
Voraussetzungen sozia1en Charakters, die der
Verschiedenheit des kulturellen Niveaus, der wirtschaftlichen
Struktur, der Entwicklungsstufe der Produktivkräfte entspringen.
Beginnen wir mit dem ersten.
Verschiedene Gemeinwesen finden verschiedene
Produktionsmittel und verschiedene Lebensmittel in ihrer
Naturumgebung vor. Ihre Produktionsweise, Lebensweise und
Produkte sind daher verschieden. Es ist diese naturwüchsige
Verschiedenheit, die bei dem Kontakt der Gemeinwesen den
Austausch der wechselseitigen Produkte und daher die allmähliche
Verwandlung dieser Produkte in Waren hervorruft. Der Austausch
schafft nicht den Unterschied der Produktionssphären, sondern
setzt die unterschiedenen in Beziehung und verwandelt sie so in
mehr oder minder voneinander abhängige Zweige einer
gesellschaftlichen Gesamtproduktion.
[1]
Der Unterschied der Produktionssphären entsteht
hier also auf der Grundlage der Verschiedenheit der natürlichen
Produktionsbedingungen. Es ist nicht schwer, zahlreiche Beispiele
für diese These zu finden. Nehmen wir z.B. die pflanzlichen
Stoffe.
Kaffee kann nur unter bestimmten klimatischen Bedingungen
erzeugt werden, und er wird hauptsächlich in Brasilien, teilweise
in Mittelamerika und in viel geringerem Maße in Afrika
(Abessinien, Britisch-Zentralafrika, Deutsch-Ostafrika) und Asien
(Holländisch-Indien, Britisch-Indien, Arabien, Malakka) erzeugt.
Kakao kann nur in tropischen Ländern erzeugt werden. Der
Kautschuk, der eine sehr große Rolle in der modernen
Produktion spielt, braucht gleichfalls bestimmte klimatische
Bedingungen, und sein Erzeugungsgebiet beschränkt sich auf wenige
Länder (Brasilien, Ecuador, Peru, Bolivien, Guyana usw.). Die
Baumwolle, die unter allen Textilrohstoffen die größte
Bedeutung im Wirtschaftsleben hat, wird in den Vereinigten
Staaten, in Britisch-Indien, Ägypten, China, Kleinasien und den
russischen Besitzungen in Mittelasien erzeugt. Die Jute,
die an zweiter Stelle steht, kommt fast ausschließlich aus einem
Lande, und zwar aus Britisch-Indien usw. Wenn wir die Erzeugung
von mineralischen Stoffen nehmen, so haben wir dasselbe Bild, da
es sich hier in einem gewissen Maße um die "natürlichen
Bodenschätze" der betreffenden Länder handelt. Kohle wird
z.B. aus den Ländern ausgeführt, in denen reiche Kohlenlager
vorhanden sind (England, Deutschland, Vereinigte Staaten,
Österreich usw.); Petroleum wird dort erzeugt, wo
Erdölquellen vorhanden sind (Vereinigte Staaten, Kaukasus,
Holländisch-Indien, Rumänien, Galizien); Eisenerz wird in
Spanien, Schweden, Frankreich, Algerien, Neufundland, Kuba usw.
gewonnen, Manganerz kommt hauptsächlich aus dem Kaukasus
und Südrußland, aus Britisch-Indien und Brasilien; Kupfererze
finden wir hauptsächlich in Spanien, Japan, Britisch-Südafrika und
Deutsch-Südwestafrika, Australien, Kanada, den Vereinigten
Staaten, Mexiko, Chile und Bolivien.
So
wichtig aber die natürlichen Verschiedenheiten der
Produktionsbedingungen sind, so treten sie doch im Vergleich zu
den Verschiedenheiten, die durch das ungleichmäßige Wachstum der
Produktivkräfte in den verschiedenen Ländern hervorgerufen werden,
immer mehr in den Hintergrund.
Es ist aber nachdrücklich zu betonen, daß wie
für die Produktionsverhältnisse so für Handel und Verkehr die
Naturverhä1tnisse nur re1ative Bedeutung haben, daß
heißt, ihre negative oder positive Wichtigkeit ist zum großen
Teil abhängig von der Kulturstufe des Menschen. Während
die Naturverhältnisse auf der Erde (mit menschlichem Zeit- und
Raummaß gemessen) als unveränderlich betrachtet werden können,
ist die Kulturstufe ein veränderliches Ding, und so große
Unterschiede in der natürlichen Ausstattung der Länder für
Produktion und Verkehr gefunden werden, die kulturellen sind
ebenso groß, und die Durchkreuzung beider Faktoren fördert erst
die Tatsachen des Wirtschaftslebens zutage.
[2]
Kohlenlager können z.B. "totes Kapital" sein,
wenn die technischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen zu ihrer
Erschließung fehlen; andererseits verlieren Berge, die früher ein
Verkehrshindernis darstellten, Sümpfe, die die Produktion
erschwerten usw., bei einer hochentwickelten Technik ihre negative
Bedeutung (Tunnels, Trockenlegungsarbeiten usw.). Aber noch
wichtiger ist für uns der Umstand, daß die Ungleichmäßigkeit der
Entwicklung der Produktivkräfte verschiedene wirtschaftliche Typen
und verschiedene Produktionssphären hervorbringt und auf diese
Weise die internationale Arbeitsteilung auf sozialer Grundlage
ausdehnt. Wir denken hier an die Verschiedenheit zwischen
Industrieländern, die Produkte der Landwirtschaft einführen und
Fabrikerzeugnisse ausführen, und Agrarländern, die Produkte der
Landwirtschaft ausführen und Industrieprodukte einführen.
Die Grundlage aller entwickelten und durch
Warenaustausch vermittelten Teilung der Arbeit ist die Scheidung
von Stadt und Land. Man kann sagen, daß die ganze ökonomische
Geschichte der Gesellschaft in der Bewegung dieses Gegensatzes
resümiert ... [3]
Die Verschiedenheit zwischen "Stadt" und "Land"
und die "Bewegung dieses Gegensatzes", die früher innerhalb der
Grenzen eines Landes erfolgte, wird jetzt auf einer gewaltig
erweiterten Stufenleiter reproduziert. Von diesem Standpunkt
erscheinen bereits ganze Länder und zwar die Industrieländer als
"Stadt", während die agrarischen Gebiete das "Land" darstellen.
Die internationale Arbeitsteilung fällt hier mit der Teilung der
Arbeit unter den beiden größten Zweigen der gesellschaftlichen
Gesamtproduktion, unter Industrie und Landwirtschaft zusammen und
ist somit eine sogenannte "Teilung der Arbeit im allgemeinen"
[4]. Es ist leicht, sich davon
zu überzeugen, wenn man die Wechselbeziehungen zwischen den
Standorten der Produktion von landwirtschaftlichen und
industriellen Erzeugnissen untersucht.
Weizen wird hauptsächlich in Kanada, den agrarischen
Gebieten der Vereinigten Staaten, Argentinien, Australien und
Vorderindien, Rußland, Rumänien, Bulgarien, Serbien und Ungarn
erzeugt. Roggen wird hauptsächlich aus Rußland
ausgeführt. Fleisch wird von Australien und Neuseeland,
den Vereinigten Staaten (den agrarischen Gebieten), Kanada
(besonders bedeutende Fleischerzeugung), Argentinien, Dänemark und
Holland geliefert. Lebendes Vieh aus den Agrarländern
Europas in die Industrieländer eingeführt. Die Mittelpunkte der
europäischen Erzeugung sind: Ungarn, Holland, Dänemark, Spanien,
Portugal, Rußland und die Balkanländer. Holz wird von
Schweden, Finnland, Norwegen, Nordrußland, teilweise auch von
einigen Gebieten des früheren Österreich-Ungarn geliefert; auch
die Einfuhr aus Kanada beginnt zu steigen.
Wenn wir jetzt die Länder ausscheiden, die Fabrikerzeugnisse
ausführen, so sind dies die entwickeltsten Industrieländer der
Welt. Baumwollerzeugnisse werden hauptsächlich durch
Großbritannien auf den Markt gebracht; dann kommen: Deutschland,
Frankreich, Italien, Belgien usw.; und von den überseeischen
Ländern die Vereinigten Staaten. Wollwaren werden für den
Weltmarkt von Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Österreich,
Belgien usw. produziert. Eisen- und Stah1erzeugnisse
werden hauptsächlich in Großbritannien, Deutschland, den
Vereinigten Staaten hergestellt, das heißt in den Ländern, die die
höchste Stufe der Industrialisierung erreicht haben. An zweiter
Stelle steht folgende Ländergruppe: Belgien, Frankreich,
Österreich, Ungarn. Chemische Fabrikate werden in
Deutschland erzeugt, das an erster Stelle steht, dann folgen
England, die Vereinigten Staaten, Frankreich, Belgien und die
Schweiz. [5]
Es
besteht somit eine eigentümliche Verteilung der Produktivkräfte
des Weltkapitalismus. Die beiden größten Unterabteilungen der
gesellschaftlichen Arbeit sind durch eine Linie getrennt, die die
Grenze von zwei Ländertypen bildet; die gesellschaftliche
Arbeit erweist sich als international geteilt.
Die internationale Arbeitsteilung findet ihren Ausdruck im
internationalen Austausch.
Da die Produzenten erst in gesellschaftlichen
Kontakt treten durch den Austausch ihrer Arbeitsprodukte,
erscheinen auch die spezifisch gesellschaftlichen Charaktere
ihrer Privatarbeiten erst innerhalb dieses Austausches. Oder die
Privatarbeiten betätigen sich in der Tat erst als Glieder der
gesellschaftlichen Gesamtarbeit durch die Beziehungen, worin der
Austausch die Arbeitsprodukte, und vermittels derselben die
Produzenten versetzt. [6]
Die internationale gesellschaftliche
Gesamtarbeit ist unter die Länder verteilt; die Arbeit jedes
einzelnen Landes wird auf dem Wege des Austausches, der in
internationalem Ausmaß erfolgt, zum Teil dieser gesellschaftlichen
Gesamtarbeit. Diese Verbundenheit der Länder im Prozeß des
Austausches hat keineswegs den Charakter einfacher Zufälligkeit;
sie ist bereits zu einer notwendigen Bedingung der weiteren
gesellschaftlichen Entwicklung geworden, und der internationale
Austausch hat sich in einen gesetzmäßigen Prozeß des
sozialökonomischen Lebens verwandelt. Dieses würde in eine
vollständige Auflösung geraten, wenn plötzlich Amerika und
Australien aufhörten, ihren Weizen und ihr Vieh zu exportieren,
England und Belgien ihre Kohle, Rußland sein Getreide und seine
Rohstoffe, Deutschland seine Maschinen und die Produkte seiner
chemischen Industrie, Indien, Ägypten und die Vereinigten Staaten
ihre Baumwolle usw. Und umgekehrt, die Länder, die
landwirtschaftliche Erzeugnisse ausführen, wären ebenso zum
Zusammenbruch verurteilt, wenn sich ihnen plötzlich die
Absatzmärkte verschließen sollten. Dies ist insbesondere für die
Länder mit sogenannten "Monokulturen" klar, die fast
ausschließlich ein Produkt ausführen (wie z.B. Brasilien - Kaffee,
Ägypten - Baumwolle usw.). In welchem Maße der internationale
Austausch jetzt für den normalen Verlauf des Wirtschaftslebens
notwendig geworden ist, geht aus folgenden Beispielen hervor:
England führte im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts nur 2,5
Prozent seines Getreidebedarfs aus dem Auslande ein; jetzt würden
etwa 50 Prozent des Getreidebedarfs (der Bedarf an Weizen sogar zu
80 Prozent), der Fleischkonsum zu zirka 50 Prozent, der
Butterkonsum zu 70 Prozent, der Käsekonsum zu 50 Prozent usw. im
Ausland gedeckt. [7]
Nach Berechnungen von Lexis hat der
auswärtige Markt für die belgischen Fabrikate dieselbe
Bedeutung, wie der innere; in England nimmt der innere Markt
kaum die doppelte Anzahl von Fabrikwaren, Metallen und Kohle
auf, wie die Ausfuhr beträgt; in Deutschland hat der innere
Markt eine 4- bis 4,5mal so große Bedeutung, wie der auswärtige.
[8]
Nach Ballod führen ein. England dreiviertel bis
vier Fünftel seines Weizenbedarfs und 40-50 Prozent seines
Fleischbedarfs; Deutschland etwa 24-30 Prozent des
Getreidebedarfs, etwa 60 Prozent seines Bedarfs an Futtermitteln
und 5-10 Prozent seines Fleischbedarfs.
[9]
Derartige Beispiele könnte man in beliebiger Anzahl anführen.
Eines geht daraus klar hervor. Im Prozeß des Austausches sind
regelmäßige Marktbeziehungen unter einer zahllosen Menge von
Einzelwirtschaften vorhanden, die auf die geographisch
verschiedensten Punkte verstreut sind. Somit setzen die
internationale Arbeitsteilung und der internationale Austausch das
Vorhandensein eines Weltmarktes und von Weltpreisen
voraus. Die Höhe der Preise wird jetzt, allgemein gesprochen,
nicht nur durch die Produktionskosten bestimmt, die der
betreffenden lokalen oder nationalen Produktion eigentümlich sind.
Diese nationalen und lokalen Besonderheiten werden in einem ganz
bedeutenden Maße in der allgemeinen Resultante der Weltpreise
ausgeglichen; diese Weltpreise üben ihrerseits einen Druck auf die
einzelnen Produzenten, die einzelnen Länder, die einzelnen Gebiete
aus. Diese Erscheinung wird besonders augenfällig, wen wir solche
Waren nehmen wie Kohle und Eisen, Weizen und Baumwolle, Kaffee und
Wolle, Fleisch und Zucker usw. Nehmen wir z.B. die
Getreideerzeugung. Die Produktionsbedingungen sind hier äußerst
verschiedenartig, die Preisunterschiede aber sind bei weitem nicht
so groß.
In
der Periode von 1901-1908 betrug der Preis für 1.000 Kilogramm (in
Mark): [10]
|
Märkte |
Roggen |
Weizen |
Gerste |
|
Wien |
146,00 |
168,00 |
149,00 |
|
Paris |
132,00 |
183,00 |
- |
|
London |
- |
139,00 |
138,00 |
|
New York |
- |
141,00 |
- |
|
Deutschland |
155,00 |
183,00 |
163,00 |
Die Bedingungen der Weizenerzeugung sind in
England und Amerika äußerst verschieden, nichtsdestoweniger war
aber der Weizenpreis auf dem Londoner und dem New Yorker Markt
fast derselbe (139 und 141 Mark pro Tonne); denn nach England und
nach Westeuropa überhaupt ergießt sich über den Atlantischen Ozean
ständig der gewaltige Strom der amerikanischen Weizenausfuhr.
Besonders klar ist die Bewegung und Bildung dieser Weltpreise auf
den Warenbörsen der größten Städte der Welt, London, New York und
Berlin zu beobachten. Hier werden die Veränderungen der Weltpreise
täglich registriert. Hier laufen die Nachrichten aus allen
Gegenden der Erde zusammen, hier werden somit Weltnachfrage
und Weltangebot berücksichtigt.
Der internationale Warenaustausch beruht auf der internationalen
Arbeitsteilung. Man soll aber nicht glauben, daß er lediglich in
den Grenzen erfolgt, die durch diese Arbeitsteilung gegeben sind.
Die Länder tauschen nicht nur verschiedenartige, sondern auch
gleichartige Produkte aus. Das Land A kann z.B. nach dem Land B
nicht nur Produkte ausführen, die in diesem Lande nicht oder nur
in außerordentlich geringen Mengen produziert werden; es kann dort
auch seine Waren einführen, indem es mit der ausländischen
Produktion konkurriert. In diesem Falle beruht der
internationale Austausch nicht auf der Arbeitsteilung, die die
Produktion verschiedenartiger Gebrauchswerte voraussetzt, sondern
ausschließlich auf dem Unterschied in den Produktionskosten, auf
dem Unterschied der individuellen Werte (zwischen den einzelnen
Ländern), die im internationalen Austausch auf die
gesellschaftlich notwendige Arbeit in ihrem Weltumfange reduziert
werden. [11]
Wie nahe sich die verschiedenen Länder im Prozeß des
Warenaustausches gekommen sind, zeigen die Ersparnisse an
Zahlungsmitteln, das heißt die Ersparnisse bei Goldsendungen.
Wenn wir einerseits die Goldausfuhr und
-einfuhr eines Landes, andererseits seine Wareneinfuhr und
-ausfuhr zusammenlegen, dann zeigt es sich, daß die Masse der
Goldsendungen ihrem Werte nach fast niemals 5 Prozent des Wertes
der Warensendung erreicht. Dabei muß bemerkt werden, daß die
Handelsbilanz nur ein Teil der Zahlungsbilanz des Landes ist.
[12]
Ähnlich wie in der Sphäre der Warenzirkulation
ein Warenweltmarkt entsteht, kann auch von einem Weltmarkt für
Geldkapital gesprochen werden, es ist dies eine Erscheinung,
die in der internationalen Ausgleichung der Höhe des Zins- und
Diskontsatzes zum Ausdruck kommt. Somit trägt
...auch das finanzielle Moment die Tendenz in
sich ... die Ersetzung der wirtschaftlichen Konjunktur eines
Landes durch die "Weltkonjunktur" zu befördern.
[13]
Am Beispiel des Warenmarktes sehen wir, daß
hinter den Marktverhältnissen Produktionsverhältnisse
verborgen sind. Jede Verbindung der Produzenten im Austauschprozeß
setzt voraus, daß die Privatarbeiten dieser Produzenten bereits zu
Bestandteilen der Gesamtarbeit der Gesellschaft geworden sind.
Hinter dem Austausch verbirgt sich also die Produktion, hinter den
Austauschverhältnissen die Produktionsverhältnisse, hinter den
Verhältnissen der Sachen, der Waren die Verhältnisse der Personen,
die sie produzieren. Wenn die Verbindung im Austauschverkehr
keinen zufälligen Charakter trägt, dann haben wir es mit einem
festen System von Produktionsverhältnissen zu tun, das die
wirtschaftliche Struktur einer Gesellschaft von bestimmter
Ausdehnung darstellt. Wir können deshalb die Weltwirtschaft als
ein System von Produktionsverhältnissen und entsprechenden
Austauschverhältnissen im internationalen Ausmaß definieren.
Man soll jedoch nicht annehmen, daß diese Produktionsverhältnisse
lediglich im Prozeß des Warenaustausches hergestellt werden. "...
sobald die Menschen in irgendeiner Weise für einander
arbeiten, erhält ihre Arbeit auch eine gesellschaftliche Form"
[14], mit anderen Worten,
in welcher Form, ob direkt oder indirekt, die Verbindung der
Produzenten auch hergestellt sein mag, - wir können, sobald diese
Verbindung hergestellt ist und einen dauernden Charakter
angenommen hat, von der Schaffung eines Systems von
Produktionsverhältnissen, d.h. vom Wachstum (oder der Bildung)
einer Sozialwirtschaft sprechen. Der Warenaustausch ist deshalb
eine der primitivsten Ausdrucksformen der Produktionsverhältnisse.
Das moderne, äußerst komplizierte Wirtschaftsleben kennt sehr
verschiedenartige Formen, hinter denen sich diese verbergen. Wenn
z.B. an der Berliner Effektenbörse Aktien eines amerikanischen
Unternehmens aufgekauft werden, so wird dadurch ein
Produktionsverhältnis zwischen deutschen Kapitalisten und
amerikanischen Arbeitern geschaffen; wenn eine russische Stadt bei
Londoner Kapitalisten eine Anleihe aufnimmt und sie verzinst, so
ergibt sich folgendes: ein Teil des Mehrwerts, der das Verhältnis
zwischen englischen Arbeitern und englischen Kapitalisten
ausdrückt, geht in die Hände der Selbstverwaltung der russischen
Stadt über, die einen Teil des Mehrwerts, den die Bourgeoisie
dieser Stadt erhält und der ein Produktionsverhältnis zwischen
russischen Arbeitern und russischen Kapitalisten ausdrückt, in
Form von Zinsen zahlt; auf diese Weise wird ein Verhältnis sowohl
zwischen den Arbeitern als auch zwischen den Kapitalisten der
beiden Länder hergestellt. Eine besonders große Rolle spielt die
bereits von uns erwähnte Bewegung des Geldkapitals, die immer
größeren Umfang annimmt. Man kann noch eine ganze Reihe von Formen
wirtschaftlicher Verbindungen anführen: die Auswanderung und
Einwanderung als Übertragung von Arbeitskräften; die Überweisung
eines Teiles des Arbeitslohnes der ausgewanderten Arbeiter
(Geldsendungen in die Heimat), die Gründung von Unternehmungen im
Auslande und die Übertragung des gewonnenen Mehrwerts, die Gewinne
der Schiffahrtsgesellschaften usw. Wir werden darauf noch
zurückkommen. Hier wollen wir nur bemerken, daß die
"Weltwirtschaft" alle diese wirtschaftlichen Erscheinungen, die
letzten Endes auf den Verhältnissen der Menschen im
Produktionsprozeß beruhen, in sich schließt. Im großen und ganzen
läuft der gesamte Prozeß der modernen Weltwirtschaft auf die
Produktion von Mehrwert und seine Verteilung unter die
verschiedenen Gruppen und Untergruppen der Bourgeoisie hinaus;
dies spielt sich auf der Grundlage der sich beständig erweiternden
Reproduktion der Verhältnisse zwischen zwei Klassen, dem
Weltproletariat einerseits und der Weltbourgeoisie andererseits,
ab.
Die Weltwirtschaft ist eine der Arten der Sozialwirtschaft
überhaupt. Unter Sozialwirtschaft versteht die ökonomische
Wissenschaft aber vor allem ein System von individuellen
Wirtschaften, die miteinander durch den Austausch verbunden sind.
Von diesem Standpunkt ist es ganz klar, daß die Sozialwirtschaft
keineswegs ein "wirtschaftliches Subjekt" voraussetzt, das die
Gesamtheit der wirtschaftlichen Verhältnisse leitet. Die
politische Ökonomie untersucht in erster Linie nicht die
Wirtschaft als planmäßige "teleologische Einheit", die
"wirtschaftet", sie betrachtet vor allem das unorganisierte System
von Wirtschaften, in dem die wirtschaftlichen Gesetze elementare
Gesetze des Marktes und der diesem Markte untergeordneten
Produktion sind. Deshalb kann auch für den Begriff der
Sozialwirtschaft im allgemeinen und den Begriff der Weltwirtschaft
im besonderen keine wie auch immer geartete "Regulierung" als
bestimmendes und konstitutives Merkmal gelten.
Auf den Internationalen Markt, auf dem bis
jetzt vollkommene Anarchie herrscht, weil er den
Kriegsschauplatz der nationalen Interessen [d.h. der Interessen
der "nationalen" herrschenden Klassen. N.B.] abgibt.
einen gemeinsamen regelnden Einfluß ausüben, ist den nationalen
Wirtschaftsorganismen bis heute nicht in den Sinn gekommen.
[15]
Deswegen hört aber die Weltwirtschaft nicht
auf, eine Weltwirtschaft zu sein.
[16]
Anmerkungen
1. K. Marx:
Kapital, Bd. I, S.316. Bei den weiter unten
angeführten Beispielen zählen wir nicht alle Länder auf, in denen
das betreffende Produkt erzeugt wird, sondern nur die, aus denen
exportiert wird.
2. Ernst
Friedrich: Geographie des Welthandels und Weltverkehrs,
Jena, Gust. Fischer, 1911, S.7.
3. K. Marx:
Kapital, Bd. I, S.317.
4. Hat man
nur die Arbeit selbst im Auge. so kann man die Trennung der
gesellschaftlichen Produktion in ihre großen Gattungen. wie
Agrikultur, Industrie usw. als Teilung der Arbeit im allgemeinen,
die Sonderung dieser Produktionsgattungen in Arten und Unterarten
als Teilung der Arbeit im besonderen, und die Teilung der Arbeit
innerhalb einer Werkstatt als Teilung der Arbeit im einzelnen
bezeichnet (Marx, Kapital, S.315).
5. Siehe E.
Friedrich, a.a.O.
6. K. Marx:
Kapital, Bd.I,, S.39.
7. Bernhard
Harms: Volkswirtschaft und Weltwirtschaft. Versuch der
Begründung einer Weltwirtschaftslehre. Jena, Gustav
Fischer, 1912, S.176.
8. H.
Sieveking: Außenhandelspolitik.
9. C.
Ballod: Grundriß der Statistik, S.118ff.
10. J.
Conrad, Artikel "Getreidepreise" im
Handwörterbuch der
Staatswissenschaften, 3. Aufl., Bd. IV, S.806.
11.
Natürlich spielt der Unterschied in den Produktionskosten auch im
ersten Falle eine Rolle. Aber er bringt hier die Tatsache der
Produktion von verschiedenartigen Produkten zum Ausdruck; im
zweiten Fall findet dies nicht statt.
12.
Julius Wolf: Das internationale Zahlungswesen, Leipzig
1913, S.62. (in Veröffentlichungen des europäischen
Wirtschaftsvereins in Deutschland, Heft XIV.)
13.
Weill: Die Solidarität der Geldmärkte. Eine Studie über
die Verschiedenheit der gleichzeitigen Diskontsätze verschiedener
Länder, Frankfurt a.M. 1903, S.116.
14. K.
Marx: a.a.O., S.38. Unterstreichungen von mir.
N.B.
15. Paul
Stähler: Der Giroverkehr, seine Entwicklung und
internationale Ausgestaltung. Leipzig 1909, S.127.
16.
Diese Bemerkung richtet sich gegen eine weit verbreitete irrige
Auffassung von dem Wesen der Weltwirtschaft. So schlägt z.B.
Calwer die Bezeichnung "Weltmarktwirtschaft" vor. Nach Harms
sind es lediglich die internationalen Verträge, die eine Anwendung
der Bezeichnung "Weltwirtschaft" auf die gegenwärtige Epoche
gestatten. Nach Kobatsch (siehe von ihm
La politique
économique internationale, Paris, edition Giard et Brière,
1913) setzt die Weltwirtschaft unbedingt einen Weltstaat voraus.
Übrigens setzt der Begriff der Weltwirtschaft eine Klassifizierung
nach dem Umfang der wirtschaftlichen Beziehungen, nicht aber nach
der Verschiedenheit der Produktionsweise voraus. Es ist deshalb
ganz unsinnig, den Marxisten (wie das Harms tut) den Vorwurf zu
machen, sie sähen nach der kapitalistischen Wirtschaft nur die
sozialistische, nicht aber die Weltwirtschaft. Harms verwechselt
hier einfach Klassifizierungen, die nach ganz verschiedenen
Gesichtspunkten erfolgen. |