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1. Der Begriff der historischen
Notwendigkeit. Historische Notwendigkeit und praktischer
Marxismus. Die historische "Notwendigkeit" des Imperialismus. 2.
Die wirtschaftliche Seite der Frage des Ultraimperialismus (Die
Vereinbarung der staatskapitalistischen Trusts). Die abstrakte
wirtschaftliche Möglichkeit eitles Welttrusts. 3. Die konkrete
Prognose. Die wirtschaftlichen Vorbedingungen der Bildung der
Trusts und ihrer Festigkeit. Die Internationalisierung und die
Nationalisierung der kapitalistischen Interessen. Die Bedeutung
der imperialistischen Politik für die Bourgeoisie 4. Die
Überwindung des Imperialismus und die Vorbedingungen der
Möglichkeit dieser Überwindung.
"Tout comprendre, c’est tout pardonner." (Alles
verstehen, heißt alles verzeihen), sagt ein französisches
Sprichwort. Aber nicht jedes Sprichwort drückt einen richtigen
Gedanken aus. In diesem Falle haben wir es mit einem offenkundig
falschen "Urteil" zu tun. In der Tat. Eine Erscheinung begreifen,
heißt einen kausalen Zusammenhang zwischen dieser Erscheinung und
einer anderen Erscheinung oder einer Kette von Erscheinungen
feststellen. Daraus folgt aber keineswegs, daß es in jedem Falle
notwendig ist, die begriffene Erscheinung zu rechtfertigen. Sonst
würden alle Erscheinungen, die in der Sprache der "ethischen
Persönlichkeiten" als "Übel" bezeichnet werden, für immer der
menschlichen Vernunft verschlossen bleiben; sie könnten nicht
begriffen werden. In Wirklichkeit ist es aber gar nicht so
schlimm. Im Gegenteil. Wir können eine Erscheinung nur dann
richtig beurteilen, d.h. sie als eine positive oder eine negative
werten, wenn wir sie begreifen. Folglich müssen wir auch dann,
wenn wir keineswegs sie Absicht haben zu "verzeihen", vorerst
einmal "begreifen". Diese Abc-Wahrheit gilt auch für
geschichtliche Ereignisse. Ein geschichtliches Ereignis begreifen,
das bedeutet, es als eine Folge einer bestimmten geschichtlichen
Ursache oder bestimmter geschichtlicher Ursachen darzustellen,
d.h. mit anderen Worten, es nicht als eine "zufällige" durch
nichts bedingte Größe darzustellen, sondern als eine Größe, die
sich notwendig aus der Gesamtheit aller vorhandenen
Bedingungen ergibt. Das Element der Kausalität ist ja das Element
der Notwendigkeit ("kausale Notwendigkeit"). Der Marxismus lehrt,
daß der geschichtliche Prozeß, und folglich jedes Glied in der
Kette geschichtlicher Ereignisse, eine "notwendige Größe" ist.
Daraus einen politischen Fatalismus herzuleiten, ist aus dem
einfachen Grunde ganz unsinnig, als die historischen Ereignisse
nicht außerhalb des Willens der Menschen geschehen, sondern mit
seiner Hilfe, auf dem Wege des Klassenkampfes, wenn wir es mit
einer Klassengesellschaft zu tun haben. Der Wille der Klassen wird
jedesmal durch die konkrete geschichtliche Umgebung bestimmt: in
diesem Sinne ist der Wille keineswegs "frei". Aber er ist
seinerseits ein bestimmender Faktor des geschichtlichen Prozesses.
Wenn wir von den Handlungen der Menschen, dem Kampf der Klassen
usw. absehen, so sehen wir auch von der Gesamtheit des
geschichtlichen Prozesses ab. Der fatalistische
"Marxismus" war stets nur eine bürgerliche Karikatur der Marxschen
Lehre, die von bürgerlichen Theoretikern zwecks leichterer
"Überwindung des Marxismus" erfunden wurde. Der weit verbreitete
Sophismus ist bekannt, daß die Marxisten, die den notwendigen
Eintritt einer nachkapitalistischen Wirtschaftsordnung
voraussagen, etwa dasselbe tun wie eine Partei, die den Kampf für
das Eintreten einer Mondfinsternis aufnimmt. Aber andererseits
haben sich die Apologeten der Bourgeoisie, die bestrebt waren,
ihre Auffassung "streng wissenschaftlich" zu formulieren, mit
Vorliebe in das Mäntelchen dieses "Marxismus" gehüllt, der das im
gegebenen Augenblick Bestehende zu einer absoluten Größe macht und
dadurch in diesem Bestehenden eine nicht zu überschreitende
Schranke findet. "Alles Wirkliche ist vernünftig" - dieser
Hegelsche Satz wurde von diesen Apologeten sehr oft für ihre
Zwecke ausgenutzt. Während für Marx die "Vernünftigkeit alles
Wirklichen" nur ein Ausdruck des kausalen Zusammenhanges zwischen
Gegenwärtigem und Vergangenem war, eines Zusammenhanges, dessen
Erkenntnis den Ausgangspunkt für die praktische Überwindung
des "Wirklichen" darstellt, diente den Apologeten diese
"Vernünftigkeit" zur Rechtfertigung und Verewigung
des Bestehenden. [1] "Die
Geschichte hat immer Recht" - so begründet der "Marxist"
Heinrich Cunow seine Bejahung des Imperialismus
[2]; alle Gedanken an eine
Überwindung des Imperialismus sind für ihn nur "Illusionen", ihre
Systematisierung ein "Illusionskultus". Natürlich ist nichts
platter als eine derartige Interpretierung des Marxismus. Marx hat
Cunow sehr gut geantwortet, als er dem bürgerlichen Ökonomen Burke
erwiderte. "Die Gesetze des Handels" - schrieb Burke "sind die
Gesetze der Natur und folglich die Gesetze Gottes." Marx
antwortete ihm:
Bei der infamen Charakterlosigkeit, die
heutzutage herrscht und devotest an die "Gesetze des Handels"
glaubt, ist es Pflicht, wieder und wieder die Burkes zu
brandmarken, die sich von ihren Nachfolgern nur durch eins
unterscheiden - Talent! [3]
Wird aber die geschichtliche Wirklichkeit
verschieden beurteilt, wodurch wird dann die "Praxis" bestimmt,
und wo liegen die Grenzen des Erreichbaren? Um diese Frage besser
beantworten zu können, wollen wir zwei extreme Fälle annehmen.
Nehmen wir zuerst an, wir hätten ein schwaches Proletariat in
einem Lande, das eben den Weg der kapitalistischen Entwicklung
beschritten hat. Die gesellschaftlichen Klassen befinden sich noch
in dem Stadium, in dem sie eine unorganisierte Masse darstellen.
Das Proletariat selbst hat sich noch nicht, um den Ausdruck von
Marx zu gebrauchen, in eine Klasse "für sich" verwandelt. Die
wirtschaftliche Entwicklung ist so schwach, daß noch keine
Voraussetzungen für die Organisierung der Wirtschaft in
gesellschaftlichem Umfange vorhanden ist. Hier kann im voraus
gesagt werden, daß die Voraussetzung für eine Überwindung der
kapitalistischen Widersprüche fehlt. Die Marxisten stellen
grundsätzlich die Bedingtheit des Kapitalismus fest und
weisen darauf hin, daß man damit rechnen müsse, daß die
Entwicklung auf kapitalistischem Wege erfolgen werde, da keine
Möglichkeit vorhanden sei, die gesellschaftliche Entwicklung aus
den Bahnen des Kapitalismus zu stoßen, und daß man deshalb die
Kräfte zur aktiven Überwindung des Kapitalismus in der Zukunft
organisieren und in der Gegenwart die relative Fortschrittlichkeit
des Kapitalismus zum Kampf gegen die Überreste des Feudalismus,
die den gesellschaftlichen Fortschritt hindern, ausnützen müsse
usw. Die entscheidenden Momente bei der Bestimmung der "Praxis"
sind somit: erstens die "Beurteilung der objektiven
Voraussetzungen", d.h. der gegebenen Stufe der wirtschaftlichen
Entwicklung, zweitens die Beurteilung der sozialen Bedeutung der
fortschrittlichsten Kraft der Gesellschaft, was natürlich mit dem
ersten Moment zusammenhängt. Bei einer Lage der Dinge, wie wir sie
oben geschildert haben, sprechen die Marxisten von einer
Notwendigkeit des Kapitalismus auch im Sinne seiner relativen
Unüberwindlichkeit.
Setzen wir aber voraus, wir hätten einen hoch entwickelten
kapitalistischen Organismus vor uns, der es gestattet, eine
planmäßige Organisation der gesellschaftlichen Produktion
einzuführen, und daß andererseits das Verhältnis der
gesellschaftlichen Kräfte so sei, daß die fortschrittlichste
Klasse einen bedeutenden Teil der Bevölkerung bildet, - in
diesem Falle ist es ganz unsinnig zu betonen, daß der Kapitalismus
ein notwendiges Stadium der Entwicklung sei. (Wer so spricht,
der meint damit natürlich nicht, daß der Kapitalismus und sein
gegebener Zustand Produkte der geschichtlichen Entwicklung sind:
das Wort "Notwendigkeit" ist hier ein Synonym der
Unüberwindlichkeit. [4])
Kommen wir jetzt zur Frage der Notwendigkeit (Unüberwindlichkeit)
des Imperialismus, so werden wir sofort finden, daß gar
kein Grund vorliegt, von seiner Notwendigkeit in diesem Sinne zu
sprechen. Das gerade Gegenteil ist richtig. Der Imperialismus ist
die Politik des Finanzkapitalismus, d.h. eines hochentwickelten
Kapitalismus, der eine gewisse und dabei äußerst bedeutende Reife
der Organisation der Produktion voraussetzt. Mit anderen Worten:
die imperialistische Politik besagt schon durch ihre Existenz, daß
die objektiven Voraussetzungen für eine neue sozial-ökonomische
Form herangereift sind, und daß folglich alles Gerede von einer
"Notwendigkeit" des Imperialismus als einer Schranke der
Praxis, Liberalismus, halber Imperialismus ist. Die Frage des
weiteren Bestehens des Kapitalismus und Imperialismus wird zur
Frage des Kräfteverhältnisses der kämpfenden sozialen Klassen und
nichts weiter.
Aber hier kann es auch eine andere opportunistische Abweichung
geben, die äußerlich dem Fatalismus entgegengesetzt ist, und die
jetzt mit ungewöhnlichem Eifer von Karl Kautsky in der Literatur
vertreten wird. [5] Kautsky
bemerkt richtig, daß das weitere Bestehen des Imperialismus von
dem gesellschaftlichen Kräfteverhältnis abhängt und führt dann
ungefähr folgendes aus:
Der Imperialismus sei eine bestimmte Methode der kapitalistischen
Politik: diese sei auch ohne gewalttätige Mittel ebenso denkbar,
wie ein Kapitalismus ohne Zehn- und Zwölfstundentag und mit
Achtstundentag denkbar sei. Wie in diesem letzten Falle das
Proletariat im Rahmen des Kapitalismus der bürgerlichen Tendenz
der Verlängerung des Arbeitstages seine proletarische Tendenz zur
Verkürzung des Arbeitstags gegenüberstelle, so müßte man auch der
bürgerlich-gewaltsamen Tendenz des Imperialismus die friedlichen
Tendenzen des Proletariats entgegenstellen. Die Frage könne somit,
so meint Kautsky, im Rahmen des Kapitalismus gelöst
werden. So radikal diese Theorie auf den ersten Blick auch
scheinen mag, in Wirklichkeit ist sie eine durch und durch
reformistische Theorie. Wir werden später die Möglichkeit eines
"friedlichen Kapitalismus" à la Kautsky (eines
"Ultraimperialismus") eingehend untersuchen. Hier wollen wir nur
einen allgemeinen und formalen Einwand machen, und zwar den
folgenden: es ist unzulässig, aus der Tatsache, daß der
Imperialismus eine Frage des Kräfteverhältnisses ist, zu
schließen, daß er im Rahmen des Kapitalismus ebenso verschwinden
könne wie der fünfzehnstündige Arbeitstag, der nichtregulierte
Arbeitslohn usw. Wenn die Frage so einfach wäre, so könnte man
folgende Perspektive "entwerfen": es ist bekannt, daß der
Kapitalismus die Aneignung des Mehrwerts durch die Kapitalisten
voraussetzt; der gesamte neue Wert N zerfällt in zwei Teile: N = V
plus M; diese Verteilung hängt, von ihrer qualitativen Seite her
betrachtet, vom Verhältnis der gesellschaftlichen Kräfte ab (der
Interessengegensatz wurde bereits durch Ricardo
festgestellt). Bei wachsendem Widerstand der Arbeiterklasse ist es
durchaus denkbar, daß V auf Kosten von M wächst, und daß die
gesamte Summe N in einem Verhältnis verteilt wird, das für die
Arbeiter günstiger ist. Aber die die allmähliche Erhöhung des
Anteils des Proletariats durch das Kräfteverhältnis bestimmt wird
und keine von vornherein festgesetzte Schranke für diese Erhöhung
besteht, so "beseitigt" die Arbeiterklasse, indem sie den Anteil
der Kapitalisten auf die Höhe eines einfachen Gehaltes reduziert,
friedlich den Kapitalismus, indem sie die Kapitalisten in einfache
Angestellte oder im schlimmsten Falle in Pensionäre der
gesellschaftlichen Gemeinschaft verwandelt. Dieses Idyll ist
offensichtlich eine reformistische Utopie. Aber nicht minder ist
auch der Kautskysche "Ultraimperialismus" eine Utopie.
Aber Kautsky und seine Anhänger sagen, daß der Prozeß der
kapitalistischen Entwicklung selbst das Wachstum jener Elemente
begünstige, auf die sich ein Ultraimperialismus stützen könnte;
und zwar erzeuge die Zunahme der internationalen Verflechtung des
Kapitals die Tendenz zur Aufhebung der Konkurrenz unter den
verschiedenen "nationalen" kapitalistischen Gruppen. Diese
"friedliche" Tendenz werde auch durch den Druck von unten
verstärkt. So trete an die Stelle des raubgierigen Imperialismus
der sanfte Ultraimperialismus.
Untersuchen wir die Frage ihrem Inhalt nach. In ihrer ökonomischen
Formulierung muß man sie folgendermaßen stellen: Wie ist eine
Vereinbarung oder ein Zusammenschluß der staatskapitalistischen
Trusts möglich? In der Tat ist der Imperialismus ja nichts anderes
als die Erscheinungsform der Konkurrenz unter den
staatskapitalistischen Trusts. Verschwindet diese Konkurrenz, dann
verschwindet auch die Grundlage der imperialistischen Politik. Es
erfolgt ein Prozeß der Verwandlung des in nationale Gruppen
zersplitterten Kapitals in eine einheitliche Weltorganisation, in
einen allgemeinen Welttrust, dem das Weltproletariat
gegenübersteht.
Erörtert man die Sache abstrakt theoretisch, so ist ein solcher
Trust durchaus denkbar, da im allgemeinen keine Schranke für den
Prozeß der Kartellierung besteht. Unserer Ansicht nach, sagt
Hilferding in seinem Finanzkapital ganz richtig:
Es entsteht aber die Frage, wo die Grenze der
Kartellierung eigentlich gegeben ist. Und diese Frage muß
dahingehend beantwortet werden, daß es eine absolute Grenze für
die Kartellierung nicht gibt. Vielmehr ist eine Tendenz zu
stetiger Ausbreitung der Kartellierung vorhanden. Die
unabhängigen Industrien geraten, wie wir gesehen haben, immer
mehr in Abhängigkeit von kartellierten, um schließlich von ihnen
annektiert zu werden. Als Resultat des Prozesses ergäbe sich
dann ein Generalkartell. Die ganze kapitalistische Produktion
wird bewußt geregelt von einer Instanz. die das Ausmaß der
Produktion in allen ihren Sphären bestimmt ... Es ist die bewußt
geregelte Gesellschaft in antagonistischer Form. Aber dieser
Antagonismus ist Antagonismus der Verteilung ... Die Tendenz zur
Herstellung eines Generalkartells und die Tendenz zur Bildung
einer Zentralbank treffen zusammen und aus ihrer Vereinigung
erwächst die gewaltige Konzentrationsmacht des Finanzkapitals.
[6]
Aber diese abstrakte ökonomische Möglichkeit
ist noch keineswegs eine reale Wahrscheinlichkeit. Der gleiche
Hilferding schreibt an einer anderen Stelle mit vollem Recht:
An sich wäre ein Generalkartell ökonomisch
denkbar, das die Gesamtproduktion leitete und damit die Krisen
beseitigte, wenn auch ein solcher Zustand sozial und politisch
eine Unmöglichkeit ist, da er an dem Interessengegensatz, den er
auf die äußerste Spitze treiben würde, zugrunde gehen müßte.
[7]
In Wirklichkeit könnte aus diesen
sozial-politischen Ursachen nicht einmal die Bildung
eines solchen allumfassenden Trusts erfolgen. Wir wollen das
gleich beweisen.
Die Vorbedingung für die Herstellung einer mehr oder minder
dauernden Vereinbarung ist die annähernde Gleichheit der Stellung
auf dem Weltmarkt. Ist diese Gleichheit nicht vorhanden, so hat
für die andere Gruppe, deren Stellung auf dem Weltmarkt
vorteilhafter ist, die Vereinbarung keinen Sinn. Es ist für sie im
Gegenteil vorteilhaft, den Kampf fortzusetzen, da sie allen Grund
hat, zu hoffen, daß der Konkurrent eine Niederlage erleidet. Das
ist die allgemeine Regel für den Abschluß von Vereinbarungen. Für
staatskapitalistische Trusts, von deren Vereinbarungen hier die
Rede ist, gilt sie ebenso wie in anderen Fällen. Hier müssen aber
zweierlei Bedingungen berücksichtigt werden.
Erstens: die rein wirtschaftliche Gleichheit. Hierher
gehört die annähernde Gleichheit der Produktionskosten. Die
Gleichheit der Produktionskosten beruht letzten Endes auf der
Gleichheit der Arbeitswerte und folglich auf einer annähernd
gleichen Höhe der Entwicklung der Produktivkräfte. Eine
Voraussetzung des Abschlusses der Vereinbarung ist also die
Gleichartigkeit der wirtschaftlichen Struktur. Wenn der
Unterschied in den wirtschaftlichen Strukturen bedeutend ist, und
wenn folglich die Produktionskosten verschieden sind, dann ist es
für den staatskapitalistischen Trust, der eine höhere Technik
aufweist, nicht vorteilhaft, eine Vereinbarung abzuschließen.
Deshalb zieht es z.B., wen wir die Praxis der Vereinbarung in den
einzelnen Produktionszweigen nehmen, die hochentwickelte Industrie
Deutschlands vor, in ihren Hauptzweigen isoliert auf dem Markte
aufzutreten. Wenn es sich natürlich um einen
staatskapitalistischen Trust handelt, so wird ein gewisser
Durchschnitt aller Produktionszweige in Betracht gezogen. In
diesem Falle wird nicht von den Interessen der kapitalistischen
Gruppen dieses oder jenes Produktionszweiges ausgegangen, sondern
von den Interessen der vereinigten Industrie, in der übrigens die
Großkapitalisten der Schwerindustrie, deren Einfluß immer größer
wird, tonangebend sind. Zu den Produktionskosten im eigentlichen
Sinne kommen noch die Transportkosten hinzu.
Außer dieser "rein wirtschaftlichen" Gleichheit ist auch eine
wirtschaftspolitische Gleichheit eine notwendige
Voraussetzung für die Bildung dauernder Vereinbarungen. Wir haben
bereits gesehen, daß die Verbundenheit zwischen Kapital und Staat
sich als eine zusätzliche wirtschaftliche Kraft auswirkt.
Ein stärkerer Staat gewährleistet hier die vorteilhaftesten
Handelsverträge und setzt hohe Zollsätze zum Schaden der
Konkurrenten fest. Er hilft seinem eigenen Finanzkapital bei der
Monopolisierung der Absatz- und Rohstoffmärkte und besonders der
Sphären der Kapitalanlage. Es ist daher ganz verständlich, daß die
staatskapitalistischen Trusts bei der Abschätzung der Bedingungen
des Kampfes auf dem Weltmarkt nicht nur die rein wirtschaftlichen,
sondern auch die wirtschaftspolitischen Bedingungen des Kampfes in
Betracht ziehen. Und deshalb ist es für den stärkeren
staatskapitalistischen Trust sogar vorteilhafter, den Kampf
fortzusetzen, als auf eine Vereinbarung oder Fusionierung
einzugehen, wenn die wirtschaftlichen Strukturen zwar annähernd
gleich, die militärischen Machtmittel aber bedeutend verschieden
sind. Betrachten wir von diesem Standpunkt die Lage der kämpfenden
"Nationen", so werden wir finden, daß kein Grund besteht,
wenigstens in einer verhältnismäßig nahen Zeit, Vereinbarungen
oder Zusammenschlüsse der staatskapitalistischen Trusts und ihre
Umwandlung in einen einheitlichen Welttrust zu erwarten. Es
genügt, die wirtschaftliche Struktur Frankreichs und Deutschlands,
Englands und Amerikas und endlich die der entwickelten Länder mit
solchen wie Rußland zu vergleichen (die Länder dieser letzten
Kategorie fallen zwar nicht unter den Begriff der
staatskapitalistischen Trusts, schaffen aber bestimmte
Verhältnisse auf dem Weltmarkt), und wir werden begreifen, wie
weit wir von einer kapitalistischen Weltorganisation
entfernt sind. [8] Dasselbe
betrifft auch die militärischen Machtmittel. Wenn der gegenwärtige
Krieg (wenigstens bis heute) auch eine annähernde Gleichheit der
Kräfte der Gegner zeigt, so darf doch nicht vergessen werden, daß
es sich hier um eine bestimmte Kräftekombination handelt, die
keineswegs eine dauernde Größe ist.
Diese Erwägungen über die Gleichheit dürfen aber nicht nur
statisch, sondern müssen vor allem dynamisch betrachtet werden.
Die "nationalen" Gruppen der Bourgeoisie gründen ihre Pläne nicht
nur auf dem, was "ist", sondern auch auf dem, was "wahrscheinlich
sein wird". Hier wird jede Möglichkeit einer Entwicklung eingehend
berücksichtigt, die es einer bestimmten Gruppe gestatten könnte,
nach einiger Zeit alle anderen zu überflügeln, sei sie nicht im
gegebenen Augenblick wirtschaftlich und politisch ebenso stark wie
der Konkurrent. Dieser Umstand verschärft die Labilität der Lage
noch mehr. [9]
Einen gewaltigen Anstoß zur Bildung eines staatskapitalistischen
Trusts gibt der Prozeß der Internationalisierung der
kapitalistischen Interessen, den wir im ersten Abschnitt dieser
Arbeit beschrieben haben (Beteiligung an auswärtigen
Unternehmungen und ihre Finanzierung, internationale Kartelle,
Trusts usw.). Aber wie bedeutend dieser Prozeß auch an und für
sich sein mag, so steht ihm doch die andere, noch stärkere Tendenz
zur Nationalisierung des Kapitals, zu seiner Einschließung in die
staatlichen Grenzen entgegen. Die Vorteile, die die Fortsetzung
des Kampfes einer nationalen Gruppe der Bourgeoisie gewährt, sind
eine weitaus bedeutendere Größe als die Verluste, die dieser Kampf
mit sich bringt. Keinesfalls darf die Bedeutung der bereits
vorhandenen internationalen Industrieabkommen überschätzt werden.
Wir haben bereits festgestellt, daß viele von diesen Abkommen
einen äußerst vorübergehenden Charakter haben und
Unternehmerorganisationen von einem verhältnismäßig niedrigen
Typus mit einer verhältnismäßig geringen Zentralisation
darstellen, und endlich oft nur sehr spezielle Produktionszweige
umfassen (das Flaschensyndikat). Nur die Verbände in solchen
Produktionszweigen, die auf einem natürlichen Monopol beruhen (wie
Petroleum), haben einen verhältnismäßig dauernden Charakter. Wenn
die Tendenz zur Internationalisierung "in letzter Instanz" dennoch
den Sieg davontragen sollte, so erst nach einer langen Periode
des erbittertsten Kampfes unter den staatskapitalistischen Trusts.
Vielleicht sind aber die Kosten des Kampfes, d.h. die Kriegskosten
so groß, daß sie sich für die Bourgeoisie nicht lohnen? Sind
solche Tatsachen wie die geplante weitere Militarisierung Englands
vielleicht nur eine "Dummheit" der Bourgeoisie, die ihre eigenen
Interessen nicht sieht? Leider ist es nicht so. Wir müssen diese
Eigenschaft eher den naiven Pazifisten, keineswegs aber der
Bourgeoisie zuschreiben. Diese kennt die Bilanz ihrer Einnahmen
und Ausgaben sehr gut. Bei solchen Einwänden wird gewöhnlich der
ganze Umfang der Funktionen der militärischen Macht außer acht
gelassen. Diese übt ihre Wirkung, wie wir dies bereits gezeigt
haben, nicht nur im Kriege, sondern auch im Frieden aus, da sie
ständig als Mittel im "friedlichen" Konkurrenzkampf angewandt
wird. Zweitens aber wird vergessen, daß die Lasten des Krieges
infolge der Abwälzbarkeit der Steuern usw. hauptsächlich von der
Arbeiterklasse und teilweise von Mittelschichten getragen werden,
die während des Krieges (und folglich in einem Prozeß der
stärksten Zentralisation der Produktion) expropriiert werden.
Der konkrete Prozeß der wirtschaftlichen Entwicklung geht also
über einen verschärften Kampf der staatskapitalistischen Trusts
und der rückständigen wirtschaftlichen Formationen. Eine Reihe von
Kriegen ist unvermeidlich. Im geschichtlichen Prozeß, der uns in
der nächsten Zukunft bevorsteht, wird der Weltkapitalismus sich
in der Richtung zum allgemeinen staatskapitalistischen
Trust unter Aufsaugung der Schwachen bewegen. Wenn dieser Krieg zu
Ende ist, dann werden neue Probleme durch das Schwert "gelöst"
werden müssen. Hier kann es natürlich in dem einen oder anderen
Falle auch zu teilweisen Vereinbarungen kommen. (So ist z.B. der
Zusammenschluß von Deutschland und Österreich äußerst
wahrscheinlich.) Aber jede Vereinbarung oder Konsolidierung wird
den blutigen Kampf nur von neuem reproduzieren. Wenn
"Mitteleuropa" vereinigt ist und die Pläne der deutschen
Imperialisten verwirklicht sind, so wird die Lage ungefähr
dieselbe bleiben. Wenn sich aber ganz Europa vereinigt, so wird
das keineswegs eine "Abrüstung" bedeuten; es wird nur einen
ungeahnten Aufschwung des Militarismus bedeuten, denn dann steht
der Riesenkampf gegen Amerika und Asien auf der Tagesordnung. Der
Kampf der kleinen (kleinen!) staatskapitalistischen Trusts wird
durch den Kampf von noch gewaltigeren Trusts abgelöst werden.
Diesen Kampf mit "Hausmittelchen" und Rosenwasser beizulegen, das
hieße, mit Erbsen auf Elefanten schießen, denn der Imperialismus
ist ein System, das nicht nur auf das innigste mit dem modernen
zusammenhängt, sondern auch das wesentlichste Element dieses
Kapitalismus darstellt.
Wir haben im zweiten Abschnitt die ganze Eigenart der Struktur des
modernen Kapitalismus und die Bildung der staatskapitalistischen
Trusts betrachtet. Mit dieser wirtschaftlichen Struktur steht aber
eine bestimmte Politik in Zusammenhang, die imperialistische
Politik. Und nicht nur in dem Sinne, daß der Imperialismus ein
Produkt des Finanzkapitalismus ist, sondern auch in dem Sinne, daß
das Finanzkapital keine andere Politik außer der
imperialistischen, die wir charakterisiert haben, betreiben
kann. Der staatskapitalistische Trust kann nicht zu einem
Anhänger des Freihandels werden, den damit würde er einen
bedeutenden Teil seiner kapitalistischen raison d’être
[10] einbüßen. Wir haben
bereits darauf hingewiesen, daß der Schutzzoll einerseits einen
zusätzlichen Profit verschafft, andererseits aber die Konkurrenz
auf dem Weltmarkt erleichtert. Ebenso kann das Finanzkapital, das
der Träger der kapitalistischen Monopolorganisation ist, nicht auf
die Monopolisierung der Einflußsphären, auf die Annexion von
Absatz- und Rohstoffmärkten, von Anlagesphären für Kapital
verzichten. Wenn der eine staatskapitalistische Trust ein nicht
besetztes Gebiet nicht an sich reißt, so wird es der andere tun.
Der friedliche Wettbewerb, der die Epoche der freien Konkurrenz
und dem Mangel jeder Organisation der Produktion innerhalb des
Landes entsprach, ist in eine Epoche mit einer ganz anderen
Struktur der Produktion, in der Epoche der staatskapitalistischen
Trusts ganz undenkbar. Diese imperialistischen Interessen spielen
für die finanzkapitalistischen Gruppen eine solche Rolle, und
berühren die Grundlagen ihrer Existenz dermaßen, daß die Regierung
vor den größten militärischen Ausgaben nicht zurückschreckt, wenn
es gilt, sich eine gesicherte Stellung auf dem Weltmarkt zu
verschaffen. Besonders unsinnig ist der Gedanke einer "Abrüstung"
im Rahmen des Kapitalismus für die staatskapitalistischen Trusts,
die die besten Plätze auf dem Weltmarkt einnehmen. Vor ihren Augen
schwebt die Möglichkeit einer Versklavung der ganzen Welt, einer
unerhörten Ausbeutung - das, was die französischen Imperialisten "l’organisation
de l’économie mondiale" nennen und die Deutschen "Organisierung
der Weltwirtschaft". Und dieses "hohe" Ideal sollte die
Bourgeoisie gegen das Linsengericht der "Vorteile" der Abrüstung
eintauschen? Welche Garantie hat der betreffende
staatskapitalistische Trust, daß irgendein hinterlistiger Rivale
die "eingestellte" Rüstungspolitik sogar nach formellen
Verpflichtungen und "Garantien" nicht wieder von neuem beginnt?
Jeder, der mit der Geschichte des Kampfes der Kartelle sogar
innerhalb eines Landes bekannt ist, weiß, wie oft bei einer
Veränderung der Situation, z.B. bei einer Änderung der
Wirtschaftskonjunktur, eine Reihe von Vereinbarungen platzen wie
Seifenblasen. Es genügt, daß ein starker staatskapitalistischer
Trust, z.B. Amerika, sich gegen die anderen wendet, auch wenn sie
"vereint" sind; dann wird die ganze "Vereinbarung" in Stücke gehen
(in diesem Falle hätten wir es mit einer ungeheuren Organisation
zu tun, die nach Art eines Syndikats von niedrigerem Typus
aufgebaut wäre, und deren Bestandteile die staatskapitalistischen
Trusts wären. Die Vereinbarung der staatskapitalistischen Trusts
könnte natürlich nicht sofort das Stadium des zentralisierten
Trusts erreichen. Und ein solcher Typus der Vereinbarung, der
einen angespannten inneren Kampf voraussetzt, ist dem Einfluß der
"Konjunktur" in einem sehr beträchtlichem Maße unterworfen). Wir
haben den Fall vorausgesetzt, daß eine formelle "Vereinbarung"
getroffen sei. Aber sie kann ja gerade aus dem Grunde nicht
zustande kommen, weil die Bourgeoisie in jedem einzelnen Lande
keineswegs so naiv ist, wie viele gutherzige Pazifisten, welche
die Bourgeoisie überreden und ihr "nachweisen" wollen, daß sie
ihre eigenen Vorteile nicht richtig sehe ...
Aber - wird man uns einwerfen -, Kautsky und seine Freunde glauben
doch gerade, daß die Bourgeoisie, dazu gezwungen durch den Druck
von unten, von den imperialistischen Methoden absehen würde.
Darauf antworten wir: In diesem Falle gibt es zwei Möglichkeiten:
entweder wird dieser Druck schwach sein, dann wird alles beim
alten bleiben: oder aber dieser Druck wird größer sein als die
"Gegenwirkung": und dann wird keine neue Epoche des
Ultraimperialismus, sondern eine neue Epoche der nicht
antagonistischen gesellschaftlichen Entwicklung anbrechen.
Die gesamte Struktur der modernen Weltwirtschaft treibt also die
Bourgeoisie zur imperialistischen Politik. Ebenso wie die
Kolonialpolitik unvermeidlich mit Gewaltmethoden verbunden ist,
ebenso führt jetzt auch jede kapitalistische Expansion früher oder
später zu einem blutigen Konflikt.
Die gewaltsamen Methoden - sagt Hilferding -
gehören zum Wesen der Kolonialpolitik, die ohne sie ihren
kapitalistischen Sinn verlieren würde, und ebenso einen
integrierenden Bestandteil derselben bilden, wie das
Vorhandensein eines besitzlosen Proletariats überhaupt eine
Conditio sine qua non [11]
des Kapitalismus ist. Kolonialpolitik treiben, aber ihre
gewaltsamen Methoden beseitigen zu können, ist eine nicht
ernster zu beurteilende Einbildung. wie das Proletariat
abschaffen, aber den Kapitalismus erhalten zu wollen.
[12]
Dasselbe kann man auch vom Imperialismus sagen.
Es ist dies ein integrierender Bestandteil des Finanzkapitalismus,
ohne den dieser seinen kapitalistischen Sinn verlieren würde: die
Vorstellung, daß die Trusts, diese Verkörperung des Monopols, zu
Trägern der freihändlerischen Politik der friedlichen
Expansion werden könnten, ist eine äußerst schädliche utopistische
Phantasie.
Vielleicht aber ist die Epoche des "Ultraimperialismus" dennoch
eine reale Möglichkeit, die durch den Zentralisierungsprozeß
verwirklicht werden könnte? Die staatskapitalistischen Trusts
würden einander Stück um Stück auffressen, bis die Macht, die alle
besiegt hat, die Herrschaft anträte. Diese Möglichkeit wäre für
uns denkbar, wenn wir den gesamten gesellschaftlichen Prozeß
mechanisierten und die Kräfte, die der Politik des Imperialismus
feindselig sind, nicht berücksichtigten. In Wirklichkeit muß eine
Reihe von Kriegen, die in immer gewaltigeren Ausmaßen folgen,
unvermeidlich eine Verschiebung der sozialen Kräfte hervorrufen.
Der Zentralisierungsprozeß in seiner kapitalistischen Form stößt
hier unvermeidlich auf die ihm gegenüber antagonistische
sozialpolitische Tendenz. Er kann seinen logischen Schlußpunkt
nicht erreichen; er bricht zusammen und wird erst in einer
gereinigten, neuen, nicht kapitalistischen Form vollendet. Die
Theorie Kautskys ist somit keineswegs realistisch. Sie betrachtet
den Imperialismus nicht als unvermeidlichen Begleiter des
entwickelten Kapitalismus, sondern als eine der "dunklen" Seiten
der kapitalistischen Entwicklung. Ähnlich wie Proudhon, gegen
dessen spießbürgerliche Utopien sich Marx so scharf wandte, ist
Kautsky bestrebt, den "dunklen" Imperialismus zu vernichten, dabei
aber die "lichten" Seiten der kapitalistischen Ordnung unberührt
zu lassen. Seine Auffassung setzt eine Vertuschung der gewaltigen
Widersprüche voraus, die die heutige Gesellschaft zerreißen, und
ist insofern eine reformistische Auffassung. Die charakteristische
Besonderheit des theoretisierenden Reformismus ist, daß er alle
Elemente der Anpassungsfähigkeit des Kapitalismus auf das
sorgfältigste herausstreicht, seine Widersprüche aber übersieht.
Im Gegensatz dazu ist für den konsequenten Marxisten die gesamte
kapitalistische Entwicklung nichts anderes als ein Prozeß der
ständigen erweiterten Reproduktion der kapitalistischen
Widersprüche. Die zukünftige Weltwirtschaft in ihrer
kapitalistischen Form befreit diese Wirtschaft nicht von den ihr
immanenten Elementen der Nichtanpassunsfähigkeit; sie reproduziert
sie fortwährend auf erweiterter Stufenleiter. Die wirkliche
Aufhebung dieser Widersprüche erfolgt erst bei einer anderen
Produktionsstruktur des gesellschaftlichen Organismus, in der
gesellschaftlichen, planmäßigen sozialistischen
Organisation der Wirtschaft.
Anmerkungen:
1.
Marx bemerkt an einer Stelle sehr bissig über die sogenannte
"historische Schule". daß ihr die Geschichte wie der israelitische
Jehowah Moses, nur ihr a posteriori zeige. Diese Bemerkung trifft
haarscharf auf die heutigen Renegaten des Marxismus zu.
2.
Siehe Heinrich Cunow:
Parteizusammenbruch? Ein offenes Wort zum inneren Parteistreit,
Berlin 1915.
3.
K. Marx: Das Kapital,
Bd. I, S. 725/26 (Fußnote).
4.
Wir haben gesehen, daß es für Marxisten keine absolute
Unüberwindlichkeit gibt. Ist aber eine relative Unüberwindlichkeit
vorhanden (wie z.B. beim Kapitalismus zu Beginn seiner
Entwicklung), dann übernehmen die Marxisten keineswegs die
geheiligte Mission der "Züchtung" des Kapitalismus, sie gehen
keineswegs "beim Kapitalismus in die Lehre". Das überlassen sie
den Herren Struve e tutti quanti. Die Marxisten haben dann andere
Aufgaben.
5.
K. Kautsky: Nationalstaat,
imperialistischer Staat und Staatenbund und auch Aufsätze
in der Neuen Zeit, Jahrg.
1914/15. Übrigens hat Kautsky schon früher diesen von uns im Text
behandelten Standpunkt vertreten. Dem entsprach z.B. seine
Stellung in der Frage der "Abrüstung".
6.
R. Hilferding: Das Finanzkapital.
S. 295 u. 296.
7.
R. Hilferding, ebenda,
S. 372.
8.
Um Mißverständnisse zu vermeiden, wollen wir bemerken, daß diese
Behauptung keineswegs unserer anderen Behauptung widerspricht, daß
die wirtschaftliche Entwicklung der fortgeschrittenen Länder die
"objektiven Voraussetzungen" für eine gesellschaftliche
Organisation der Produktion geschaffen habe. In diesem Sinne
befinden sich die fortgeschrittenen Länder auf ungefähr dem
gleichen Niveau. Ein Widerspruch zwischen diesen Behauptungen
besteht nicht, da die Maßstäbe der Unterscheidung nicht
dieselben sind.
9.
Die Bourgeoisie begreift das sehr gut. So schreibt z.B. der
deutsche Professor Max Krahmann (siehe sein Buch
Krieg und Montanindustrie
in der Serie Krieg und
Volkswirtschaft): "Wie schon im jetzigen kleinen [!], so
wird es im späteren großen Weltkrieg, in dem Nordamerika und
Ostasien mitreden werden, ausgeschlossen sein, daß eine
Ackerbaustaaten-Gruppe gegen einen Industriestaaten-Verband
kämpfen könnte. Der Weltfrieden wäre also gesichert, wenn sich die
Industriestaaten vertragen könnten. Da das vorläufig
ausgeschlossen ist, hat" usw. (S.15).
10.
Existenzberechtigung. D. Übers.
11.
Conditio sine qua non = eine unerläßliche Bedingung. D. Übers.
12.
R. Hilferding: Das Finanzkapital.
S. 401. |