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1. Die Änderung der wirtschaftlichen
Wechselbeziehung der staatskapitalistischen Trusts (die gestiegene
Bedeutung Amerikas, der Ausfall der kleinen Staaten). 2. Die
Weltwirtschaft und die wirtschaftliche Autarkie. 3. Die Änderung
der inneren Struktur der staatskapitalistischen Trusts (das
Aussterben der Mittelschichten, die Zunahme der Macht des
Finanzkapitals, die Zunahme der staatlichen Einmischung, die
Staatsmonopole usw.). 4. Der Staatskapitalismus und die
Verschärfung des Kampfes unter den staatskapitalistischen Trusts .
5. Der Staatskapitalismus und die Klassen.
Der Krieg, der unvermeidlich ausbrechen mußte,
da er durch den gesamten Gang der Ereignisse vorbereitet worden
war, übte notwendigerweise einen gewaltigen Einfluß auf das
Wirtschaftsleben der Welt aus. Innerhalb jedes einzelnen Landes
und in den Beziehungen unter den Ländern, in den
"Volkswirtschaften" und in der Weltwirtschaft bewerkstelligte der
Krieg einen wahren Umsturz. Neben der ganzen barbarischen
Plünderung der Produktivkräfte, der Vernichtung der materiellen
Produktionsmittel und der lebendigen Arbeitskraft, neben der
Aussaugung der Wirtschaft durch ungeheuerliche gesellschaftlich
schädliche Ausgaben hat der Krieg wie eine gewaltige Krise die
Grundtendenzen der kapitalistischen Entwicklung verschärft, die
Ausbreitung finanzkapitalistischer Verhältnisse und der
Zentralisation des Kapitals im internationalen Ausmaße
außerordentlich beschleunigt. Der (auf eine imperialistische
Weise) zentralisierende Charakter des gegenwärtigen Krieges
unterliegt keinem Zweifel. Hier ist vor allem der Zusammenbruch
der selbständigen kleinen Staaten zu verzeichnen, ganz gleich ob
es Staaten von höherem Typus sind (horizontale Konzentration und
Zentralisation) oder Agrarstaaten (vertikale Zentralisation); als
verhältnismäßig minder wichtige Form ist auch eine Aufsaugung
schwächerer (und auch rückständiger) Formationen zu beobachten.
Die selbständige Existenz Belgiens, das ein sehr entwickeltes Land
ist und eine eigene Kolonialpolitik betreibt, wird in Frage
gestellt; ganz klar tritt der Prozeß der zentralisierenden
Neuverteilung auf dem Balkan in Erscheinung; eine Änderung der
Besitzverhältnisse im Kolonialbesitz in Afrika ist zu erwarten.
Andererseits sehen wir eine sehr starke Annäherung (nach Art der
festen Abmachungen zwischen Syndikaten) zwischen Deutschland und
Österreich. Welches auch der konkrete Ausgang des Krieges sein
mag, es ist schon jetzt klar (und das konnte auch a priori
angenommen werden), daß die politische Landkarte sich in der
Richtung einer größeren staatlichen Einheitlichkeit wird, und
gerade darin kommt der das Wachstum der imperialistischen
"Nationalitätenstaaten" zum Ausdruck.
Wenn die allgemeine Entwicklungstendenz, die der Krieg nur
verschärft hat, in einem weiteren Zentralisationsprozeß besteht.
so hat dieser Krieg auch das Hervortreten eines der größten
staatskapitalistischen Trusts, der eine außerordentlich starke
innere Organisation besitzt, gewaltig beschleunigt. Wir meinen die
Vereinigten Staaten.
Der Krieg hat die Vereinigten Staaten unter ganz besondere
Bedingungen gestellt. Mit dem Aufhören der Ausfuhr von russischem
Getreide usw. ist die Nachfrage nach Erzeugnissen der
amerikanischen Landwirtschaft gewachsen. Andererseits wendete sich
auch die ungeheuerlich große Nachfrage nach Produkten der
Rüstungsindustrie Amerika zu. [1]
Endlich hat sich auch die Nachfrage nach Leihkapital (auswärtige
Anleihen usw.) hierher gewandt. Während Amerika im allgemeinen
bisher der Schuldner Europas gewesen ist, hat der Krieg dieses
Verhältnis binnen kurzer Zeit auf den Kopf gestellt.
Die allgemeine Verschuldung Amerikas begann rasch getilgt zu
werden, und auf dem Gebiete der laufenden Verpflichtungen und des
kurzfristigen Kredits wurde Amerika zum Gläubiger Europas. Diese
wachsende finanzielle Rolle der Vereinigten Staaten hat auch eine
andere sehr wichtige Seite. Wir wissen bereits, daß die
zweitrangigen amerikanischen Staaten Kapital aus Europa
einführten, hauptsächlich aus England und Frankreich, und daß die
Kapitaleinfuhr aus den Vereinigten Staaten, die selbst
europäisches Kapital importierten, erst in zweiter Linie kam.
Während des Krieges aber wurden die Anleihen Kanadas,
Argentiniens, Panamas, Boliviens und Costa Ricas nicht in Europa,
sondern in den Vereinigten Staaten aufgenommen.
Die amerikanischen Länder erhielten eine
geringfügige Summe. Charakteristisch ist aber, daß die
aufgezählten Länder gewöhnlich Kunden des Londoner Marktes sind.
New York hat somit in der Kriegszeit London ersetzt und
gewissermaßen die Verwirklichung des finanziellen Teils des
panamerikanischen Programms in die Wege geleitet.
[2]
Der weitere Verlauf des Krieges, die Deckung
der Kriegskosten und die Anleihen und weiter die gewaltige
Nachfrage nach Kapital in der Nachkriegszeit (im Zusammenhang mit
der Wiederherstellung des fixen Kapitals usw.) werden die
finanzielle Bedeutung der Vereinigten Staaten noch mehr
verstärken, ihren Einfluß im übrigen Amerika ausdehnen und die
Rolle der Vereinigten Staaten im internationalen Konkurrenzkampfes
rasch steigern. [3]
Am
Beispiel der Vereinigten Staaten sehen wir die Konsolidierung und
das Wachstum eines großen staatskapitalistischen Trusts, welcher
Länder und Gebiete, die früher von Europa abhingen, assimiliert.
Neben der Ausbreitung der Verbindungen Amerikas sehen wir hier ein
äußerst intensives Wachstum des "nationalen" Zusammenschlusses.
Noch deutlicher sind die "Nationalisierungstendenzen" bei den
kriegführenden Gruppen: der internationale Warenaustausch ist
gestört, die Bewegung des Kapitals und der Arbeitskräfte zwischen
den kriegführenden Ländern hat aufgehört, fast alle Verbindungen
unter ihnen sind abgebrochen. Im Rahmen der "nationalen"
Wirtschaft (als bestes Beispiel kann hier Deutschland dienen, da
es am dichtesten abgeschlossen ist) erfolgt eine eilige
Umgruppierung der Produktivkräfte. Und nicht nur eine Umstellung
auf die Rüstungsindustrie (es ist bekannt, daß in Deutschland
selbst Klavierfabriken den neuen Aufgaben angepaßt werden, sie
fabrizieren Patronen), sondern auch auf die Produktion von
Lebensmitteln und auf die Landwirtschaft überhaupt. Somit hat der
Krieg die Tendenz zur wirtschaftlichen Autarkie, zur
Verwandlung der "nationalen" Wirtschaft in ein selbstgenügsames,
mehr oder minder von den internationalen Verbindungen isoliertes
Ganzes, ungeheuer verschärft. Folgt aber daraus, daß diese Tendenz
stets vorliegen, und daß die Weltwirtschaft in eine Reihe
selbständiger und vollständig voneinander isolierter Teile
zerfallen werde. So oder fast so denkt der utopische
Imperialismus. Die Ideologen des Imperialismus sind ja gerade
bestrebt, alles "selbst" zu produzieren, um nicht "von den
Ausländern abhängig" zu sein usw. Es gelte, die passende
"wirtschaftliche Ergänzung" zu erwerben, sich Rollstoffe zu
sichern und die Aufgabe ist ihrer Meinung nach gelöst. Solche
Erörterungen halten aber keiner Kritik stand. Die Herren
Imperialisten vergessen hier vollständig, daß ihre Raubpolitik
selbst das Wachstum der internationalen wirtschaftlichen
Verbindungen, die Ausdehnung der Ausfuhr von Waren und Kapital,
die Ausdehnung der Rohstoffeinfuhr usw. voraussetzt. Deshalb ist
die Politik des Imperialismus von einem bestimmten Gesichtspunkt
widerspruchsvoll: einerseits muß die imperialistische Bourgeoisie
die internationalen Verbindungen in denkbar umfassendster Weise
ausdehnen (siehe z.B. das. Dumping der Kartelle), andererseits
sperrt sie sich durch eine Zollmauer ab; einerseits exportiert sie
Kapital, andererseits klagt sie über das Eindringen der Ausländer;
mit einem Worte: einerseits internationalisiert sie das
Wirtschaftsleben, andererseits ist sie mit allen Kräften bestrebt,
es in den "nationalen" Rahmen einzuzwängen. Trotz aller
Hindernisse dehnt sich aber die Grundlage der internationalen
Beziehungen immer mehr aus. Deshalb ist folgende Bemerkung F.
Pinners. ganz richtig.
Bedenkt man, daß die außerordentliche
Ausdehnung des Außenhandels gerade in die Epoche einer streng
nationalistischen Wirtschaftspolitik gefallen ist, so muß man
annehmen, daß der Krieg bzw. die durch den Krieg ausgelöste
politische Strömung der großen Wirtschaftsstaaten die
internationalen Beziehungen ebensowenig zu stören vermag, wie es
die wirtschaftlichen Absperrungstendenzen bisher vermocht haben.
[4]
In der Tat ist bereits während des Krieges das
Verschwinden oder die Schwächung der wirtschaftlichen Beziehungen
an der einen Stelle von einer gewissen Stärkung dieser Beziehungen
an anderen Stellen begleitet. Der deutsche Einfluß in Rußland ist
nur verschwunden, um den Einfluß der Entente Platz zu machen. Aber
das ist natürlich nicht alles. Wir müssen bedenken, daß die
Gewinnung von Profit das regulierende Moment der kapitalistischen
Betätigung ist. Der Krieg ist eine der "Geschäftsmethoden" des
"modernen Bourgeois"; ist er beendigt, dann wird der Bourgeois mit
der früheren Geschäftstätigkeit die alten Beziehungen wieder
anknüpfen. (Wir gehen hier gar nicht auf die Schmuggelgeschäfte
während des Krieges ein.) Denn so verlangt es die kapitalistische
Berechnung. Die internationale Arbeitsteilung, die Verschiedenheit
der natürlichen und sozialen Bedingungen ist eine wirtschaftliche
Voraussetzung, die nicht durch einen Weltkrieg nicht vernichtet
werden kann. Ist dem aber so, so sind auch bestimmte
Wertverhältnisse und folglich auch bestimmte Bedingungen der
Realisierung eines Maximalprofits im Prozeß des
internationalen Verkehrs gegeben. Nicht die wirtschaftliche
Autarkie, sondern die Verstärkung der internationalen Beziehungen
bei gleichzeitigem "nationalen" Zusammenschluß und gleichzeitiger
Entwicklung neuer Konflikte auf der Grundlage der internationalen
Konkurrenz, das ist die weitere Entwicklung.
Kann der Krieg somit den allgemeinen Gang der Entwicklung des
Weltkapitalismus nicht aufhalten, drückt er im Gegenteil die
maximale Ausdehnung des Zentralisationsprozesses aus, so wirkt er
auch auf die Struktur der "einzelnen" nationalen Wirtschaften in
der Weise ein, daß er die Zentralisation im Rahmen jedes
"nationalen" Organismus verstärkt und neben einer kolossalen
Verschwendung der Produktivkräfte die "Volkswirtschaft"
organisiert, wobei er sie in immer größerem Maße der vereinigten
Macht des Finanzkapitals und des Staates unterwirft.
In
seinen wirtschaftlichen Auswirkungen erinnert der Krieg in vielem
an die industriellen Krisen, wobei er sich natürlich von diesen
durch die größere Intensität der Erschütterungen und Verwüstungen
unterscheidet. Ökonomisch wirken diese Verwüstungen vor allem auf
die mittleren Schichten der Bourgeoisie zurück, die ebenso wie
während der industriellen Krisen unter solchen Bedingungen viel
schneller aussterben. Wenn die Märkte verloren gehen, ganze
Industriezweige zugrunde gehen, weil die zahlungskräftige
Nachfrage fehlt, bisher feste Beziehungen zerstört werden, das
gesamte Kreditsystem erschüttert wird usw. usw., dann werden vor
allem (natürlich wenn wir von den Arbeitern absehen) die
Zwischenschichten der Bourgeoisie in Mitleidenschaft gezogen. Sie
sind es vor allem, die bankrott machen. Die größere kartellierte
Industrie fühlt sich im Gegenteil gar nicht so schlecht. Man
könnte ein sehr großes Zahlenmaterial zusammenbringen, das
illustrieren würde, wie die Profite einer ganzen Reihe der größten
Unternehmen, vor allem aber der Unternehmen, die mit
Heereslieferungen zu tun haben, d.h. in erster Linie der
Unternehmen der Schwerindustrie gestiegen sind (die
sogenannten "Kriegsgewinne"). Obwohl die Gesamtsumme des erzeugten
Mehrwerts nicht größer wird (sie sinkt infolge des Abflusses
eitler gewaltigen Zahl von Arbeitskräften in die Armee), steigen
die Profite der großbürgerlichen Gruppen. Das erfolgt in einem
bedeutenden Maße auf Kosten der Profite der anderen Gruppen der
Bourgeoisie, der kleinen und der nicht kartellierten.
(Andererseits erklärt sich das Steigen der Profite auch aus dem
Steigen der Papierwerte, die Wechsel auf die Zukunft darstellen.)
Bei der kollossalen Verschwendung der Produktivkräfte, bei der
"Aufzehrung" des fixen Kapitals der Gesellschaft
[5] ist eine beschleunigte
Umschichtung und ein relatives Wachstum der großbürgerlichen
Kategorien unzweifelhaft. Diese Tendenz wird keineswegs durch den
Krieg abgeschlossen werden. Wenn die Großbourgeoisie ihre
Positionen im Prozeß des Krieges behauptet und befestigt, so wird
nach dem Kriege der ungeheure Kapitalbedarf ein beschleunigtes
Wachstum der Großbanken und folglich auch eine beschleunigte
Zentralisation und Konzentration des Kapitals begünstigen. Es wird
eine Periode der fieberhaften Heilung der Wunden, die der Krieg
geschlagen hat, beginnen, des Wiederaufbaus der zerstörten und
abgenutzten Eisenbahnen, Werkstätten und Fabrikgebäude, der
Maschinen und Apparate, der Transportmittel; die Wiederherstellung
und Erweiterung des staatlichen Militärapparates wird dabei nicht
den geringsten Raum einnehmen. Alles das wird die Nachfrage nach
Kapital in sehr großem Maße steigern und die Position der
Bankkonsortien verstärken. [6]
Neben der Verstärkung der finanzkapitalistischen Gruppen ist eine
kolossale Verstärkung der Einmischung des Staates in das
Wirtschaftsleben hervorzuheben.
[7]
Hierher gehören: Die Schaffung von staatlichen Monopolen (in
Produktion und Handel), die Organisierung von sog. "gemischten
Betrieben", in denen Staat oder Kommune neben privaten Syndikaten
oder Trusts als Teilhaber figurieren; die staatliche Kontrolle
über den Produktionsprozeß der privaten Betriebe (Zwang zur
Produktion, Regulierung der Erzeugnismethoden usw.), Regelung der
Verteilung (Zwang zur Lieferung und Annahme von Produkten.
Organisierung von staatlichen "zentralen" Verteilungsstellen",
staatliche Lager für Rohstoffe, Brennstoffe, Lebensmittel,
Festsetzung von Höchstpreisen, Brot-, Fleisch- und sonstige
Karten, Verbot der Ein- und Ausfuhr usw.), die Organisierung des
staatlichen Kredits und endlich die Organisierung der Konsumtion
durch den Staat (städtische Küchen).
[8]
In
England sind außerdem eingeführt worden: die staatliche
Versicherung von Schiffsfrachten, die staatliche Garantie für
Handelswechsel, die staatliche Auszahlung von Auslandsguthaben
englischer Kaufleute, die zur Zeit nicht realisierbar sind usw.
Ähnliche Maßregen sind in mehr oder minder großem Umfange von
allen kriegführenden Staaten durchgeführt worden.
Die "Mobilmachung der Industrie", d.h. ihre Militarisierung,
erfolgte um so leichter, je stärker die Unternehmerorganisationen,
die Kartelle, Syndikate und Trusts entwickelt waren. Diese
wirtschaftlichen Verbände, in deren Interesse ja im Grunde
genommen der Krieg geführt wurde, stellten ihren ganzen
regulierenden Apparat in den Dienst des imperialistischen Staats,
mit dem sie auf das naheste verwandt sind. Sie sicherten auf diese
Weise die technisch-ökonomische Möglichkeit der Militarisierung
des gesamten Wirtschaftslebens von dem unmittelbaren
Produktionsprozeß bis zu den Feinheiten des Kreditverkehrs. Und
gerade dort, wo die Industrie durch Kartelle organisiert war, nahm
ihre "Mobilmachung" den gewaltigen Umfang an.
... Neben den freien wirtschaftlichen
Vereinigungen - schreibt Herr Pinner über Deutschland - der
Industrie und der Landwirtschaft waren weite Kreise des
Erwerbslebens schon seit Jahrzehnten bereits in engsten
Vereinigungen mit fast gemeinwirtschaftlichem Charakter in
Tätigkeit, hatten ihr Gewerbe zu großem Teil in sich aufgenommen
und unter eine einheitliche Verwaltung gebracht: die Kartelle
und Syndikate. [9]
Die Ziele der wirtschaftlichen Mobilmachung und
ihre Bedeutung sind klar aus der Rede ersichtlich, die der
englische Minister Lloyd George am 3. Juni in Manchester hielt:
Das Gesetz über die Landesverteidigung -
sagte der Minister - gibt uns [d.h. der Regierung, N.B.]
die volle Verfügungsgewalt über alle Betriebe. Es gibt uns die
Möglichkeit, in erster Linie die Arbeit leisten zu lassen, die
die Regierung braucht. Wir können über den gesamten Betrieb
verfügen. Wir können über jede Maschine verfügen, und wenn wir
irgendwo auf Schwierigkeiten stoßen, dann kann das
Munitionsministerium mit Hilfe dieses Gesetzes die wirksamsten
Maßregeln treffen. [10]
Ähnliche Maßregeln wurden sowohl in Frankreich
[11] als auch in Rußland
zur Anwendung gebracht. Außer einer solchen direkten Kontrolle der
Staatsmacht über die Produktion der privaten Unternehmen schuf der
Krieg auch eine gewisse Reihe von staatlichen Monopolen. In
England wurden die Eisenbahnen zum Staatseigentum. In Deutschland
wurden Monopole für Getreide, Kartoffeln, Stickstoff usw.
geschaffen. Eine ganze Reihe von anderen ist vorgesehen (wir
werden darauf noch zurückkommen). Selbst die Kohlenindustrie wurde
in ein "gemischtes" Kartell verwandelt, in dem das Syndikat mit
dem Staate zusammenarbeitet.
[12] Wenn die angeführten Beispiele eine unmittelbare
Einmischung des Staates in das Gebiet der Produktion zeigen, so
erfolgt andererseits diese Einmischung in beträchtlichem Maße auch
mit Hilfe der Kreditverhältnisse. Typisch ist dafür die
Organisierung der "finanziellen Mobilmachung" und der damit
verbundenen Operationen in Deutschland. Wenn die Reichsbank zu
Anfang des Krieges durch die Vermittlung einer Reihe von anderen
Großbanken operierte, so stieg ihre Bedeutung späterhin auch auf
andere Weise. Hierher gehört z.B. die Schaffung von sog.
"Darlehenskassen", die staatliche Institutionen, die von der
Reichsbank abhängen, darstellen, und die binnen kurzer Zeit zu
einem bedeutenden Faktor in den Kreditoperationen des Landes
geworden sind. [13] Eine
ungeheure Rolle spielten weiter die inneren Kriegsanleihen, die
unmittelbar durch die Reichsbank im Publikum untergebracht wurden.
Auf diese Weise hat die Reichsbank, die auch vor dem Kriege eine
ganz außerordentliche Rolle im Wirtschaftsleben Deutschlands
spielte, diese Rolle äußerst verstärkt und ist zu einem sehr
starken Sammelpunkt freiwerdenden Kapitals geworden. Andererseits
spielt sie selbst in immer größeren Maße die Rolle einer
Institution, die die wachsenden staatlichen Unternehmen und
staatlichen Wirtschaftsorganisationen finanziert. Auf diese Weise
wird das zentrale Bankinstitut des Staates zur "goldenen Spitze"
des gesamten staatskapitalistischen Trusts.
Man soll nicht glauben, daß eine ähnliche Entwicklung, nur in
Deutschland erfolge. Mutatis mutandis spielt sich dieser Prozeß in
allen kriegführenden Ländern ab (er erfolgt auch in den
nichtkriegführenden Ländern, aber natürlich in schwächerem Maße).
Wir müssen uns hier ausführlicher mit einer, unserer Auffassung
nach sehr wichtigen Fragen beschäftigen, und zwar mit der Frage
der staatlichen Monopole und ihrer Zukunft.
Nach genauen Untersuchungen - erklärte Dr.
Helfferich im August 1915 im Reichstag - sind die Gesamtkosten
dieses Weltkrieges bei allen Beteiligten täglich auf nahezu 300
Millionen zu schätzen, auf das Jahr etwa 100 Milliarden Mark.
[Hört! Hört!] Es ist die größte Wertzerstörung und
Wertverschiebung, die jemals die Weltgeschichte gesehen hat.
[14]
Selbstverständlich geben die Zahlen des
"Finanzmarschalls" Dr. Helfferich keine Vorstellung von den
wirklichen "Gesamtkosten des Krieges", denn sie beziehen sich nur
auf die unmittelbaren Kriegsausgaben der Staatsmacht. Aber in
diesem Zusammenhang interessieren uns gerade diese Ausgaben, und
es wird deshalb nicht unnütz sein, wenn wir mehr Einzelheiten über
die Kriegsanleihen anführen. Obwohl die Staaten auch einen Teil
der regulären Einnahmen für den Krieg ausgeben, kann man sich
dennoch auch an Hand der im folgenden angeführten Zahlen eine
gewisse Vorstellung von dem gewaltigen Umfang der Kriegskosten
machen. [15]
|
Die Kriegsanleihen der sechs
kriegführenden Großmächte |
|
Großbritannien
(in tausend
Pfd.St.) |
Frankreich
(in tausend
Franken) |
Rußland
(in tausend
Rubel) |
Italien
(in tausend
Lire) |
Deutschland
(in Millionen
Mark) |
Österreich-Ungarn
(in Millionen
Kronen) |
|
3½%
Anleihe
XI/1914 |
350.000 |
Darlehen der Bank von Frankreich |
7.000.000 |
5%
Obligat. diskontiert von der Staatsbank |
2.650.000 |
4½%
Anleihe
XII/1914 |
1,000,000 |
6%
Anleihe
XI/1914 |
3.492 |
5½%
Anleihe XI/1914 |
2.300 |
|
3%
Bons
III/1915 |
33.600 |
Darlehen der Bank von Frankreich an die Alliierten unter
Garantie der Staatskasse |
530.000 |
4%
Anleihe
X/1914 |
500.000 |
5%
Anleihe
VII/1915 |
1.000.000 |
5%
Schatz-
anweisungen
IX/1914 |
1.000 |
6%
Anleihe
XI/1914 |
1.170 |
|
4½%
Anleihe
VII/1915 |
585.000 |
5%
Anleihe
II/1915 |
500.000 |
Darlehen der Banca d'Italia |
1.216.350 |
5%
Anleihe
II/1915 |
9.103 |
5½%
Anleihe
V/1915 |
2.780 |
|
5%
amerik.
Anleihe
X/1915 |
50.000 |
5½%
Anleihe
V/1915 |
1.000.000 |
|
5%
Anleihe
IX/1915 |
12.101 |
6%
Anleihe
VI/1915 |
1.124 |
|
Schatz-
anweisungen |
214.000 |
3½%
Anleihe
VII/1914 |
500.000 |
4%
Serie
VIII/1914 |
300.000 |
Schatz-
anweisungen |
4.304 |
6%
Anleihe
in Deutschland - (Val.)
XI/1914 |
248 |
|
|
Bons |
7.871.000 |
4%
Serie
III/1915 |
300.000 |
|
|
Obligationen |
2.241.000 |
Diskont
der Schatz-
anweisungen in England |
1.248.324 |
dito
VII/1915 |
253 |
|
Englische
Anleihen |
1.250.000 |
dito
in Frankreich |
234.750 |
Schwebende
Schuld |
5.112 |
|
Anleihen
aus den Vereinigten
Staaten |
1.250.000 |
Valuta-
anleihe
IV/1915 |
200.000 |
|
|
|
5½% Anleihe
XI/1915
[16] |
1.000.000 |
|
Insgesamt: 1.232.600 |
Insgesamt:
20.642.000 |
Insgesamt:
9.933.074.000 Rubel |
Insgesamt: 3.216.350 |
Insgesamt: 30.000 |
Insgesamt: 12.987 |
|
=
11.660.596.000 Rubel
1 Rubel = RM 2,16 |
=
7.766.000.000 Rubel |
=
1.206.129.000 Rubel |
=
13.290.000.000 Rubel |
=
5.112.982.000 Rubel |
|
Insgesamt 47.452.581.000 Rubel (15
Jahresbudgets des Russischen Staates) |
Wir benutzen hier eine Zusammenstellung, die in
Nr.44 des Wjestnik Finansow,
Jahrgang 1915, gebracht ist und betonen, daß die angeführten
Zahlen sich nur auf die Kriegsanleihen der sechs größten (von
insgesamt 12) kriegführenden Mächten beziehen. Es ist
verständlich, daß bei solchen unerhörten Ausgaben, die übrigens
zur weiteren Zerstörung von Werten bestimmt sind, die
Staatsschuld außerordentlich steigt und die finanzielle
Organisation des Staates aus dem Geleise gerät. Das Gleichgewicht
des Staatshaushalts wird so gestört, daß es notwendig ist,
zusätzliche Quellen zu suchen, um den Staatssäckel zu füllen, denn
sonst würden die kolossalen Ausgaben, die auch nach dem Kriege
bleiben werden (Zahlung von Zinsen für die Staatsanleihen, Hilfe
für die Familien der Invaliden usw.), ohne Deckung bleiben. In
Deutschland wird es z.B. notwendig sein, die Staatseinnahmen auf
mindestens das Doppelte zu erhöhen.
[17] Bei Aufrechterhaltung
der gewöhnlichen Arten der staatlichen Einnahmen (eigene
Staatsbetriebe, direkte und indirekte Besteuerung) ist die Deckung
der Ausgaben unmöglich und die Staaten werden zur Ausdehnung der
Monopole schreiten müssen. Die führenden Kreise der Bourgeoisie
gewöhnen sich immer mehr an diesen Gedanken, denn die Macht des
Staates ist letzten Endes ihre eigene Macht. Folgendes schreibt
Dr. Felix Pinner im "wissenschaftlichen" Organ der deutschen
Banken:
Scharfe prinzipielle Gegensätze, die vor dem
Kriege hinsichtlich der Monopole überhaupt oder hinsichtlich
dieses oder jenes bestimmten Monopols die Meinungen getrennt
hatten, sind - wie das ja auch bei anderen bisher für
unüberwindlich gehaltenen Gegnerschaften der Fall war - über
Nacht verschwunden, und ziemlich allgemein rechnet man damit,
daß Projekte, wie das Spiritus-, Petroleum-, Elektrizitätsstrom-
und Zündholzmonopol, vielleicht auch das Kohlen-, Speisesalz-,
Kali-, Tabak- und Versicherungsmonopol der Verwirklichung nahe
sind. [18]
Bei einer solchen Lage der Dinge ist eine
weitere Ausbreitung der monopolisierenden Tendenz äußerst
wahrscheinlich. Nehmen wir z.B. die Erzeugung von Elektrizität;
mit ihr konkurriert die Erzeugung von Gas: auch ein Gasmonopol ist
also wahrscheinlich. Noch wahrscheinlicher ist die Ausdehnung der
Macht des Staates auf die den Monopolen benachbarten Betriebe. Bei
der Monopolisierung der Kohlenindustrie durch den Staat wird auch
die Roheisenerzeugung in Mitleidenschaft gezogen. Es lassen sich
ziemlich viele solcher Beispiele anführen. Es erhebt sich jedoch
die Frage, ob nicht alle diese Projekte auf dem Papier bleiben
werden, ab sie nicht auf den Widerstand der Bourgeoisie selbst
stoßen werden?
Wir haben eben die Änderung des Tons gegenüber den staatlichen
Monopolen erwähnt. Es gibt freilich auch heute verschiedene
Unterklassen der Bourgeoisie, deren in der einen oder anderen
Beziehung auseinanderstreben. Aber die wirtschaftliche
Entwicklung, die in diesem Punkte durch den Krieg verstärkt wird,
muß dazu führen und führt dazu, daß die Bourgeoisie als Ganzes die
monopolistische Einmischung der Staatsmacht immer wohlwollender
betrachtet. Die Hauptursache dieser Erscheinung ist darin zu
suchen, daß die Staatsmacht tatsächlich in eine immer engere
Verbindung zu den führenden Kreisen des Finanzkapitals tritt.
Die staatlichen und die privatmonopolistischen Unternehmen
verschmelzen sich im Rahmen des staatskapitalistischen Trusts.
Die Interessen des Staates und die Interessen des Finanzkapitals
fallen immer mehr zusammen. Andererseits erfordert die ungeheure
Anspannung der Konkurrenz auf dem Weltmarkt eine maximale
Zentralisierung und eine maximale Macht des Staates. Diese
zwei Ursachen einerseits, fiskalische Erwägungen andererseits sind
die Hauptfaktoren der Verstaatlichung der Produktion im
kapitalistischen Rahmen.
Die Bourgeoisie verliert nichts, wenn sie die Produktion
aus einer Hand in die andere nimmt, denn die moderne Staatsgewalt
ist nichts anderes als ein ungeheuer mächtiger Unternehmerverband,
an dessen Spitze sogar dieselben Personen wie an der Spitze der
Banken und Syndikate stellen. Der Unterschied ist nur, daß sie
dann ihre Einnahmen nicht aus dem Syndikat, sondern von den
staatlichen Banken erhält. Aber andererseits gewinnt die
Bourgeoisie sehr viel bei einer solchen Übergabe, den sie kann nur
bei Vorhandensein einer zentralisierten, militarisierten und
folglich verstaatlichten Produktion darauf hoffen, als
Sieger aus dem blutigen Streit hervorzugehen.
Für den modernen Krieg ist nicht nur eine finanzielle
"Fundierung" notwendig. Für seine erfolgreiche Führung ist es
notwendig. daß die Betriebe, die Bergwerke, die Landwirtschaft,
die Banken und Börsen, daß alles für den Krieg "arbeitet". "Alles
für den Krieg" ist die Losung der Bourgeoisie. Die Bedürfnisse des
Krieges und der imperialistischen
Kriegsvorbereitungen drängen die Bourgeoisie zu einer neuen
Form des Kapitalismus, zur Verstaatlichung der Produktion und
Verteilung, zur endgültigen Vernichtung des alten bürgerlichen
Individualismus.
Natürlich werden nicht alle Maßregeln der Kriegszeit auch nach dem
Kriege bestehen bleiben. Solche Maßregeln wie etwa die
Rationierung des Brot- und Fleischverbrauchs, das Verbot der
Herstellung einer ganzen Reihe von Produkten, das Verbot der
Ausfuhr usw., alles das wird nach dem Friedensschluß verschwinden.
Aber ebenso unzweifelhaft ist, daß die Tendenz zur Beherrschung
der Produktion durch den Staat immer stärker werden wird. Aller
Wahrscheinlichkeit nach wird in einer ganzen Reihe von
Industriezweigen eine Zusammenarbeit zwischen Staat und
privatkapitalistischen Monopolen nach dem Muster der gemischten
Betriebe eingeführt werden. In der Rüstungsindustrie ist dagegen
der rein staatliche Typus am wahrscheinlichsten. Cunow bestimmt
die Zukunft der nationalen Staaten sehr richtig als die
"Vorherrschaft der Bankfinanz, Zunahme der industriellen
Konzentration, Vermehrung der Staatskontrolle und der
Staatsbetriebe". [19]
Der Prozeß der Organisierung der Industrie unter Verstärkung der
wirtschaftlichen Betätigung des Staates stellt die Frage nach dem
sozialen Sinn dieser, wie der Professor Jaffé sagt, prinzipiellen
Änderung der wirtschaftlichen Struktur. Vor allem melden sich hier
die sog. Staatssozialisten, die ihre Anhänger hauptsächlich unter
den Professoren der deutschen Universitäten zählen. Karl Ballod
stellt ganz ernsthaft die Frage der Wiedergeburt der Utopien und
glaubt, daß die staatlichen Monopole usw. bereit eine andere
Struktur der Produktion verwirklichen.
[20] Jaffé schreibt, daß
die Militarisierung des Wirtschaftslebens sich von dem Sozialismus
hauptsächlich dadurch unterscheide, daß mit dem Begriff
Sozialismus "eudomonistische Gedankengänge" verbunden würden,
während hier die Persönlichkeit ganz in den Dienst der
"Gesamtheit" gestellt sei. [21]
Sehr interessant ist die Ansicht des Professors Krahman. Er
schreibt folgendes über die Zukunft des Bergbaus:
Der gegenwärtige kräftige Zusammengriff aller
staatserhaltenden und landverteidigenden Mittel durch die Hand
der von militärischen Rücksichten geleiteten Staatsgewalt bringt
und natürlich auch in der Montanindustrie dem Staatssozialismus
ein gutes Stück näher. Aber doch in anderer Weise, als man vor
dem Kriege hier gefürchtet, dort gehofft hatte. Es ist kein
international verwässerter, sondern ein national gestärkter
Sozialismus, dem wir näher kommen. Es ist kein demokratischer
Kommunismus, noch weniger eine aristokratische Klassenregierung,
sondern ein klassenversöhnender Nationalismus, dem wir uns seit
dem 1. August 1914 mit früher ganz unmöglich gehaltenen
Riesenschritten genähert haben ...
[22]
Was aber stellt das "prinzipiell veränderte"
Bild des modernen "Staatssozialismus" dar? Nach unserer Darlegung
drängt sich die Antwort von selbst auf: Wir haben es mit einem
Prozeß der beschleunigten Zentralisierung im Rahmen des
staatskapitalistischen Trusts zu tun, der sich zu seiner höchsten
Form entwickelt, und zwar in der Form nicht des Staatssozialismus,
sondern des Staatskapitalismus. Eine prinzipiell neue
Struktur der Produktion, d.h. eine Änderung des
Klassenverhältnisses liegt hier keineswegs vor. Wir haben es im
Gegenteil mit einer potenzierten Macht der Klasse zu tun, die über
Produktionsmittel in einem bisher nie gekannten Umfange verfügt.
Deshalb ist es nicht nur sehr gewagt, sondern auch äußerst
unsinnig, diesem Zustand der Dinge eine Terminologie beizulegen,
die auf nicht mehr kapitalistische Verhältnisse hinweist.
"Kriegssozialismus" und "Staatssozialismus" sind Bezeichnungen,
die zu dem direkten Zweck in Umlauf gebracht wurden, irrezuführen
und durch ein "schönes" Wort den wirklichen und durchaus nicht
schönen Inhalt zu verdecken. Die kapitalistische
Produktionsweise beruht darauf, daß die Produktionsmittel durch
die Klasse der Kapitalisten auf der allgemeinen Grundlage der
Warenwirtschaft monopolisiert sind. Dabei ist es ganz
gleichgültig, ob die Staatsmacht der unmittelbare Ausdruck dieser
Monopolisierung ist, oder ob diese Monopolisierung auf "privatem
Wege" organisiert ist. In dem einen wie im anderen Falle bleibt
die Warenwirtschaft (vor allem der Weltmarkt) bestehen
und, was noch wichtiger ist, das Klassenverhältnis zwischen
Proletariat und Bourgeoisie.
[23]
Die Zukunft gehört also (soweit der Kapitalismus überhaupt
bestehen bleibt) Wirtschaftsformen, die dem Staatskapitalismus
nahe stehen. Diese weitere Entwicklung der staatskapitalistischen
Trusts, die in hohem Maße durch den Krieg beschleunigt wird, wirkt
ihrerseits auch auf den internationalen Kampf unter den
staatskapitalistischen Trusts zurück. Wir haben bereits gesehen,
wie die Tendenz zur Verwandlung der kapitalistischen Staaten in
staatskapitalistische Trusts auf die gegenseitigen Beziehungen
dieser Staaten zurückwirft. Die monopolisierenden Bestrebungen
innerhalb des "nationalen" Organismus riefen sofort
monopolisierende Raubbestrebungen nach außen hervor, wodurch die
Konkurrenz und ihre Folgen äußerst verschärft wurden. Mit der
weiteren inneren Zentralisierung wird diese verschärfte Lage aufs
äußerste gesteigert. Hierher gehört auch der beschleunigte Prozeß
der Einengung des freien Feldes der kapitalistischen Betätigung.
Die Tatsache unterliegt keinem Zweifel, daß die nächste Zukunft
die schärfsten Konflikte mit sich bringen, daß die
gesellschaftliche Atmosphäre von einer ständigen Kriegsgefahr
erfüllt sein wird. Ein äußerer Ausdruck dieses Umstandes ist das
ungewöhnliche Wachstum des Militarismus und der imperialistischen
Stimmungen. England, das Land der "Freiheit" und des
"Individualismus", hat bereits Zölle eingeführt und schafft ein
stehendes Heer. Sein Staatshaushalt wird militarisiert. Amerika
bereitet direkt gewaltige militärische Rüstungen vor. Das gleiche
erfolgt überall, in Deutschland, Frankreich und Japan. Die Zeit
des idyllischen, "friedlichen" Daseins ist unwiderruflich vorbei,
und die kapitalistische Gesellschaft ist in den wahnsinnigen
Strudel der Weltkriege hineingeraten ...
Wir müssen noch einige Worte über die zukünftige Gestaltung der
Klassenverhältnisse sagen, da es schon a priori ganz klar ist, daß
die neuen Formen der kapitalistischen Verhältnisse auf die Lage
der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen zurückwirken
müssen. Die wichtigste ökonomische Frage ist, welches Schicksal
die verschiedenen Teile des "Nationaleinkommmens" haben werden.
Die Frage besteht mit anderen Worten darin, wie das "nationale"
Produkt unter den verschiedenen gesellschaftlichen Klassen werden
und vor allem, wie sich der "Anteil" der Arbeiterklasse entwickeln
wird. Dabei setzen wir voraus, daß der Prozeß in allen
entwickelten Ländern fast gleichmäßig verlaufen wird, und daß die
Gesetze, die für die "nationalen" Wirtschaften zutreffen, auch für
die Weltwirtschaft gelten.
Vor allem ist eine tiefgehende Tendenz zum Fall des realen
Arbeitslohns hervorzuheben. Die Teuerung, die im Wesen auf der
Disproportionalität der kapitalistischen Produktion beruht, wird
nicht nur nicht verschwinden, sondern im Gegenteil zunehmen. (Wir
sprechen natürlich nicht von der spezifischen "Kriegssteuerung".)
Die Disproportionalität zwischen Weltindustrie und
Weltlandwirtschaft wird immer mehr zunehmen, da wir in das Stadium
einer beschleunigten Industrialisierung der Agrarländer
eingetreten sind. Die Zunahme des Militarismus und die Kriege
werden die Steuerlast auf das äußerste steigern. "Alles, was
besteuert werden kann, wird besteuert werden. Alles, was besteuert
werden wird, wird die höchste Steuerlast tragen." So schrieb die
Torgowo-Promyschlennaja-Gaseta
[24]. Das ist keine leere
Phrase. Bei den kolossalen unproduktiven Ausgaben und der
Umstellung des Staatshaushalts ist eine Zunahme der direkten wie
der indirekten Besteuerung unausbleiblich. Die Verschärfung der
Teuerung geht auch auf anderem Wege vor sich: Erstens steigen die
Preise infolge der Erhöhung der Zollsätze. Zweitens kommt hierzu
die Steigerung der Monopolpreise in den kartellierten
Industriezweigen. Die staatlichen Monopole verteuern die Produkte
aus fiskalischen Erwägungen. Im Ergebnis wird ein immer größerer
Teil des Produkts der Bourgeoisie und ihrem Staat zufallen.
Andererseits wird die entgegengesetzte Tendenz, die von der
Arbeiterkasse ausgeht, auf den wachsenden Widerstand der
konsolidierten und organisierten, unmittelbar mit dem Staat
verwachsenen Bourgeoisie stoßen. Die in der vorhergegangenen
Epoche üblichen Errungenschaften der Arbeiter werden fast
unmöglich. Auf diese Wiese kommt es zu einer nicht mehr nur
relativen sondern auch absoluten Verschlechterung der Lage der
Arbeiterklasse. Die Klassengegensätze verschärfen sich
unvermeidlich. Sie verschärfen sich auch aus einem anderen Grunde.
Die staatskapitalistische Struktur der Gesellschaft führt
außer zur Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage der
Arbeiterklasse auch zu ihrer tatsächlichen Versklavung durch
den imperialistischen Staat. In der Tat, schon vor dem Kriege
waren die Arbeiter und Angestellten der Staatsbetriebe einer Reihe
der elementarsten Rechte beraubt: des Koalitionsrechts, des
Streikrechts usw. Ein Streik auf der Eisenbahn oder bei der Post
wurde fast als Hochverrat angesehen. Der Krieg hat diese
Kategorien des Proletariats noch mehr in die Gewalt ihrer
Unternehmer gegeben. Aber insofern der Staatskapitalismus fast
alle Industriezweige zu "lebenswichtigen" macht, soweit diese
unmittelbar den Interessen des Krieges dienen, insofern wird auch
die Strafgesetzgebung auf die gesamte Produktion ausgedehnt. Die
Arbeiter verlieren die Freizügigkeit, das Streikrecht, das Recht
der Zugehörigkeit zu sogenannten "staatsfeindlichen" Parteien, das
Recht der freien Wahl des Betriebs, in dem sie arbeiten wollen
usw. Sie verwandeln sich in Leibeigene, die nicht an den
Boden, sondern an den Betrieb gefesselt sind. Sie werden zu weißen
Sklaven des imperialistischen Raubstaates, der die gesamte
Produktion in den Rahmen seiner Organisation hineingedrängt hat.
Auf diese Weise erreichen die Klassengegensätze eine früher nie
möglich gewesene prinzipielle Höhe. Die Verhältnisse zwischen den
Klassen nehmen die klarste, durchsichtigste Form an. Der mystische
"über den Klassen stehende" Staat verschwindet sogar aus den
Köpfen der Menschen, da er sich unmittelbar in einen Unternehmer
und einen Organisator der Produktion verwandelt. Die durch eine
Reihe von Zwischengliedern verdeckten Eigentumsverhältnisse treten
in unverhüllter Nacktheit hervor. Wenn dies die Lage der
Arbeiterklasse in den kurzen Zwischenräumen zwischen den Kriegen
sein wird, so wird es unzweifelhaft während der Kriege noch
schwerer sein. Und deshalb war die Zeitschrift der englischen
Finanz, der Economist
ganz im Recht, als er ganz zu Anfang des Krieges schrieb, daß die
Welt mit dem Kriege in eine Epoche der schärfsten sozialen
Konflikte eintritt ...
Anmerkungen:
1.
Hier die Zunahme der amerikanischen Ausfuhr in den ersten vier
Monaten der Jahre 1914 und 1915: Januar 1914 - 204,2; Januar 1915
- 267,9; Februar 173.9 und 299,8; März 187,5 und 296.5; April
162,5 und 294,5 Millionen Dollar (Wjestnik
Finansow, Nr.38). Charakteristisch ist die Erklärung des
Vorstehers des Bureau of Foreign and Domestic Commerce. Pratt:
"Wir stehen vor einer neuen Phase, in der die Bezeichnung ‚innerer
Markt‘ veraltet und an ihre Stelle die Losung ‚Weltmarkt‘ tritt."
(Nach Wjestnik Finansow,
Nr. 16.)
2.
M. Bogolepow: "Der amerikanische Kapitalmarkt",
Wjestnik Finansow, Nr.
39, S. 501. Siehe auch seine Artikel über das gleiche Thema in Nr.
37 u. 38 des Wjestnik Finansow.
3.
Schon zu Beginn des Krieges wies Kautsky in der
Neuen Zeit auf die
wachsende Rolle Amerikas hin.
4.
Felix Pinner: Die Konjunktur des wirtschaftlichen Sozialismus
in Die Bank, 1915,
April, S. 113 u. 114.
5.
Die Kriegsanleihen sind nichts anderes, als die Aufzehrung von
Bestandteilen des fixen Kapitals, die durch Papier ersetzt werden;
der reale Wert in seiner sachlichen Form wird in die Luft
geschossen und so unproduktiv verbraucht.
6.
Siehe Cunow: Vom Wirtschaftsmarkt,
Neue Zeit, 33. Jahrg.,
Bd. II, Nr. 22; Der Bank und Geldmarkt im ersten Kriegsjahr.
Siehe auch Dr. Weber: Krieg und Banken,
Volkswirtschaftliche Zeitfragen,
Krieg und Volkswirtschaft,
Heft 7. Verlag von Leonhard Simion, 1915, S. 27.
7.
Über Deutschland siehe die Zusammenstellung in Joh. Müllers
Nationalökonomischer Gesetzgebung.
Die durch den Krieg hervorgerufenen Gesetze, Verordnungen,
Bekanntmachungen usw. in
Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, 1915.
8.
Siehe Jaffé: Die Militarisierung unseres Wirtschaftslebens
in Archiv für Sozialwissenschaft
und Sozialpolitik, 1915, Bd. XI, Heft 3.
9.
Pinner: Organisierte Arbeit in der
Handelszeitung des
Berliner Tageblatt, 28.
August, 1915.
10.
Nach Wjestnik Finansow,
1915, Nr.21, S.518.
11.
Siehe Yves Gugot: Les problèmes ècononiques aprês la guerre
in Journal des économistes,
15. August 1915.
12.
Siehe E. Meyer: Die Drohung mit dem Zwangssyndikat in
Neue Zeit, 33. Jahrg.,
Bd. II, Nr. 18. Siehe auch Die Bergwerksdebatte im Reichstag
in Handelszeitung des
Berliner Tageblatts, Nr.
435 (26. August).
13.
Dr. Weber: Krieg und Banken,
S. 14.
14.
Zitiert nach Vorwärts
vom 21. August 1915.
15.
Diese Zahlen sind auch in einer anderen Beziehung ungenügend. Die
Staaten setzen die Notenpresse in Bewegung und geben Papiergeld
heraus, was eine Art von eigenartiger zinsloser Anleihe
ist. In der Tabelle wird gezeigt, daß Österreich-Ungarn bis zum
August 1915 (und da die Ziffern für Deutschland bis zum September
1915 einschließlich weitergeführt sind, so kann man auch annehmen,
daß dies bis zum Oktober weitergeht) etwa 13 Milliarden Kronen
durch Anleihen gewonnen hat. Zur gleichen Zeit betrugen die
Kriegsausgaben der österreichisch-ungarischen Regierung etwa 18
Milliarden Kronen, und bis Ende September bereits mehr als 19
Milliarden Kronen. Es ist klar, daß hier irgendwelche Quellen zur
Deckung dieser Ausgaben vorhanden sein mußten! Auf diese Weise
unterliegt es keinem Zweifel, daß die Gesamtsummen der Tabelle
viel geringer sind als in Wirklichkeit.
16.
Diese Anleihe ist im Augenblick der Zusammenstellung der Tabelle
erst aufgelegt. Im Wjestnik
Finansov wird sie nicht erwähnt.
17.
Siehe z.B. Adolf Braun in Neue
Zeit. 33. Jahrg., Bd. I. S. 581.
18.
F. Pinner: Die Konjunktur des wirtschaftlichen Sozialismus
in Die Bank, April 1915,
S. 326 u. 327. Über die konkreten Monopole in Deutschland siehe
Adolf Braun Elektrizitätsmonopol in
Neue Zeit, 33. Jahrg.,
Bd. I, S. 583 u. 620. Edmund Fischer: Das Werden des
Elektrizitätsmonopols in
Sozialistische Monatshefte, S.443ff. und teilweise
Kautsky: Zur Frage der Steuern und Monopole in
Neue Zeit 1914/15, 33.
Jahrg., Bd. I, S. 682 ff.
19.
H. Cunow: Die Wirtschafsgestaltung nach dem Kriege im
Correspondenzblatt der
Gewerkschaften Deutschlands, 25. Jahrg., Nr. 37, vom 11.
September 1915. Wir bemerken, daß Cunow daraus ganz falsche
liberale Schlüsse zieht.
20.
Karl Ballod: Einiges aus der Utopienliteratur der letzten
Jahre im Archiv für die
Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung,
herausgegeben von C. Grünberg, 6. Jahrg., Heft 1, S. 117 u. 118.
21.
Jaffé, ebenda, S. 523.
22.
Max Krahman: Krieg und
Montanindustrie, S.22 u. 23. Den entgegengesetzten
Standpunkt nimmt Liefmann ein (siehe seine Schrift:
Stehen wir dem Sozialismus näher?);
übrigens ist seine Arbeit überhaupt gegen alle Illusionen
gerichtet, was er keineswegs verbirgt.
23.
Wenn der Warencharakter der Produktion vernichtet wäre (z.B. bei
einer Organisierung der gesamten Weltwirtschaft in einem
einzigen ungeheuren Trust, (die, wie wir im Kapitel über den
Ultraimperialismus gezeigt haben, unmöglich ist), dann hätten wir
es mit einer ganz besonderen Wirtschaftsform zu tun. Das wäre kein
Kapitalismus mehr, denn die Produktion von Waren wäre
verschwunden. Aber das wäre erst recht kein Sozia1ismus,
denn die Herrschaft einer Klasse über die andere bliebe bestehen
(ja, wäre sogar noch verlieft). Eine solche Wirtschafsstruktur
würde am meisten an eine geschlossene Sklavenwirtschaft bei
fehlendem Sklavenmarkt erinnern.
24.
Handels- und Industriezeitung,
Nr. 217, 1915. |