|
1. Extensives und intensives Wachstum
der Weltwirtschaft. 2. Das Wachstum der Produktivkräfte. Die
Technik. 3. Die Gewinnung von Kohle, Eisenerz, Roheisen, Kupfer,
Gold. 4. Die Produktion von anderen Produkten. 5. Die
Transportindustrie: Eisenbahnen, Schiffahrt, Telegraphie und
Unterseekabel. 6. Die Zunahme des Außenhandels. 7. Die
Wanderungen. 8. Die Bewegung des Kapitals (Kapitalexport) und ihre
Formen. 9. Die Beteiligung an ausländischen Unternehmungen und
ihre Finanzierung (die Tätigkeit der industriellen Unternehmungen
und Banken).
Die Zunahme der internationalen
wirtschaftlichen Verbindungen - und damit auch das Wachstum des
Systems der Produktionsverhältnisse im Weltausmaße - kann auf
zweierlei Weise erfolgen: die internationalen Vorbedingungen
können in die Breite wachsen und Gebiete erfassen, die bisher noch
nicht in den Strudel des kapitalistischen Lebens hineingezogen
waren - in diesem falle haben wir es mit einem extensiven Wachstum
der Weltwirtschaft zu tun; oder aber diese Verbindungen können in
die Tiefe wachsen, dichter und konzentrierter werden - dann haben
wir ein intensives Wachstum der Weltwirtschaft. Konkret und
historisch erfolgt das Wachstum der Weltwirtschaft gleichzeitig
nach diesen beiden Richtungen, wobei ihr extensives Wachstum
hauptsächlich auf dem Wege der kolonialen Raubpolitik der
Großmächte verwirklicht wird. [1]
Das außerordentlich schnelle Wachstum der Weltwirtschaft gerade in
den letzten Jahrzehnten ist durch die außerordentliche Entwicklung
der Produktivkräfte des Weltkapitalismus hervorgerufen worden.
Diese Entwicklung kommt unmittelbar im technischen Fortschritt zum
Ausdruck. Die wichtigste technische Errungenschaft der letzten
Jahrzehnte war die verschiedenartige Form der Gewinnung und
Fernleitung der elektrischen Energie. Mit der Fernleitung der
elektrischen Energie war die Möglichkeit gegeben, sich bis zu
einem gewissen Grade von dem Standort der Erzeugung der Energie
unabhängig zu machen und eine Energiequelle zu benutzen, die
früher absolut unzugänglich war. Das bezieht sich vor allem auf
die produktive Ausnutzung der elektrischen Energie der
Wasserkraft, der "weißen Kohle", die jetzt neben der "schwarzen",
das heißt der Steinkohle, den wichtigsten produktionstechnischen
Faktor darstellt. Auf diese Weise sind die modernen Wasserturbinen
entstanden, die Energie in einem früher ungeahnten Umfange
liefern. Die Elektrotechnik hat auch auf die Entwicklung der
Dampfturbinen einen gewaltigen Einfluß geübt. Hier muß die
elektrische Beleuchtung, die Anwendung elektrotechnischer Prozesse
bei der Bearbeitung von Metallen usw. genannt werden. Eine
ungeheuren Einfluß auf das Wirtschaftsleben haben auch die
Explosionsmotore erlangt. Der Gasmotor hat eine bedeutenden Anstoß
für seine Entwicklung dadurch erhalten, daß es gelungen war, die
Gichtgase produktiv auszunützen. Aber auch flüssige Stoffe spielen
hier die Rolle einer Energiequelle: das bezieht sich vor allem auf
Petroleum und Benzin; die Dieselmotoren haben allgemeine Anwendung
und weisen die Tendenz auf, die Dampfmaschinen als eine veraltete
Größe zu verdrängen. [2] Die
Anwendung von überhitzten Dämpfen, die zahlreichen Erfindungen auf
dem Gebiete der angewandten Chemie und insbesondere im
Färbereiwesen, die vollständige Umwälzung in der Verkehrstechnik
(elektrische Verkehrsmittel, Automobile), die drahtlose
Telegraphie, der Fernsprecher usw. ergänzen das allgemeine Bild
des fieberhaften Wachstums der Technik. Noch nie hat die
Verbindung von Wissenschaft und Industrie größere Triumphe
gefeiert als heute. Die Rationalisierung des Produktionsprozesses
hat die Form der innigsten Zusammenarbeit des abstrakten Wissens
und der praktischen Tätigkeit angenommen. In den großen Werken
werden spezielle Laboratorien eingerichtet, es entsteht der
besondere Beruf des "Erfinders" (wie z.B. Edison), Hunderte von
wissenschaftlichen Gesellschaften werden organisiert, die die
"notwendigen" Probleme durcharbeiten.
Die Entwicklung der Technik kann bis zu einem gewissen Grade auf
Grund der Zahl der angemeldeten Patenten beurteilt werden. Die
Zahl der jährlich angemeldeten Patente veränderte sich
folgendermaßen:
|
Vereinigte Staaten
[3] |
Deutschland
[4] |
England [5] |
Frankreich
[6] |
|
1810 |
473 |
1900 |
8.784 |
1860/69 |
21.910 |
1850 |
1.687 |
|
1860 |
4.778 |
1905 |
9.600 |
1880/87 |
30.360 |
1880 |
6.057 |
|
1880 |
13.917 |
1910 |
12.100 |
1900 |
13.170 |
1900 |
10.997 |
|
1890 |
26.499 |
1911 |
12.640 |
1905 |
14.786 |
1905 |
11.463 |
|
1907 |
36.620 |
1912 |
13.080 |
1908 |
16.284 |
1907 |
12.680 |
Entsprechend dem technischen Fortschritt
vergrößert sich auch die Summe der gewonnenen und
verarbeiteten Produkte. In dieser Beziehung sind die Zahlen
aus der sogenannten Schwerindustrie am bezeichnendsten, denn im
Laufe der Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte
erfolgt ihre fortwährende Umschichtung in der Richtung der
Produktion des konstanten Kapitals und insbesondere seines fixen
Teils. Die Entwicklung der Produktivkräfte der gesellschaftlichen
Arbeit erfolgt auf die Weise, daß ein immer größerer Teil dieser
Arbeit zu den verbreitenden Operationen, zur Produktion von
Produktionsmitteln verwandt wird, und umgekehrt: ein immer kleiner
werdender Teil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit wird zur
Produktion von Konsumtionsmitteln verwandt; gerade aus diesem
Grunde steigt die dieser letzten in natura, als Gebrauchswerte, in
unglaublichem Maße. Wirtschaftlich drückt sich dieser Prozeß unter
anderem in der Erhöhung der organischen Zusammensetzung des
gesellschaftlichen Kapitals, in dem immer größeren Wachstum des
konstanten Kapitals im Verhältnis zum variablen, und im Fall der
Profitrate aus. Im Kapital erfolgt , insofern man es in seinen
Bestandteilen, dem konstanten und variablen Kapital betrachtet,
eine ständige relative Vergrößerung des konstanten Teils; auch
dieser Teil weist ein ungleichmäßiges Wachstum seiner
Wertbestandteile auf. Wenn wir das konstante Kapital in fixes und
zirkulierendes zerlegen (zu diesem gehört, allgemein gesprochen,
auch das variable Kapital), so zeigt sich die Tendenz eines
größeren Wachstums des fixen Kapitals. Im westlichen ist das eine
Erscheinungsform des gleichen Gesetzes, das unter der
Voraussetzung einer zunehmenden Produktivität der Arbeit die
vorbereitenden Operationen der Produktion (die Produktion von
Produktionsmitteln), einen immer größeren Teil der
gesellschaftlichen Energie in Anspruch nehmen müssen.
[7]
Dies erklärt das kolossale Wachstum des Bergbaus und der
Hüttenindustrie. Wenn der Grad der Industrialisierung eines Landes
("Industriestaat" im Gegensatz zum "Agrarstaat") als Merkmal der
allgemein wirtschaftlichen Entwicklung des Landes dienen kann, so
ist der Umfang der Schwerindustrie das Merkmal der
wirtschaftlichen Entwicklung eines industrialisierten Landes. Der
Aufschwung der wirtschaftlichen Kräfte des Weltkapitalismus kommt
deshalb im Wachstum gerade dieser Industriezweige am stärksten zum
Ausdruck.
|
Weltproduktion |
|
Jahr |
Kohle
[8] (in Taus.
Tonnen) |
Jahr |
Eisenerze
[9] (in Taus.
Tonnen) |
Jahr |
Roheisen
[9] (in Taus.
Tonnen) |
Jahr |
Kupfer
[10] (in Taus.
Tonnen) |
Jahr |
Gold
[11] (in Mill.
Pf. Sterling) |
|
1850 |
82,6 |
1850 |
11.500,0 |
1850 |
4.750 |
1850 |
52 |
1850 |
12 |
|
1875 |
283,0 |
1860 |
18.000,0 |
1875 |
14.119 |
1880 |
156,5 |
1880 |
22 |
|
1880 |
344,2 |
1880 |
43.741,0 |
1900 |
41.086 |
1900 |
561 |
1900 |
52 |
|
1890 |
514,8 |
1890 |
59.560,1 |
1901 |
41.154 |
1901 |
586 |
1905 |
78 |
|
1900 |
771,1 |
1900 |
92.201,2 |
1902 |
44.685 |
1902 |
557 |
1906 |
83 |
|
1901 |
793,2 |
1901 |
88.052,7 |
1903 |
47.057 |
1903 |
629 |
1907 |
85 |
|
1902 |
806,7 |
1902 |
97.131,1 |
1904 |
46.039 |
1904 |
654 |
1908 |
91 |
|
1903 |
883,1 |
1903 |
102.016,9 |
1905 |
54.804 |
1905 |
751 |
1909 |
93 |
|
1904 |
889,9 |
1904 |
96.267,8 |
1906 |
59.642 |
1906 |
774 |
1910 |
94 |
|
1905 |
910,4 |
1905 |
117.096,3 |
1907 |
61.139 |
1910 |
891 |
1911 |
95 |
|
1906 |
1.103,9 |
1906 |
129.096,3 |
1911 |
64.898 |
1911 |
893,8 |
1912 |
96 |
|
1907 |
1.095,9 |
1910 |
139.536,8 |
- |
- |
1912 |
1.018,6 |
1913 |
93 |
|
1911
[12] |
1.165,5 |
- |
- |
- |
- |
1913 |
1.005,9 |
1914 |
91 |
In einem Zeitraum von etwas über sechzig Jahren
(seit 1850) ist also die Erzeugung von Kohle auf mehr als das
Vierzehnfache (um 1320 Prozent) gestiegen, die Erzeugung von
Eisenerz auf mehr als das Zwölffache (um 1113 Prozent), von
Roheisen auf mehr als das Dreizehnfache (um 1266 Prozent), von
Kupfer auf mehr als das Neunzehnfache (um 1834 Prozent), von Gold
auf mehr als das Dreizehnfache (um 1218 Prozent).
[13]
Wenn wir jetzt andere Produkte nehmen, hauptsächlich
Konsumtionsmittel, die für den Weltmarkt erzeugt werden (die
sogenannten "Welthandelsartikel") so drückt sich die Zunahme ihrer
Erzeugung in folgenden Zahlen aus:
|
Weltproduktion |
|
Jahr |
Weizen
(in Mill.
Tonnen) [14] |
Jahr |
Baumwolle
(in tausend
Tonnen) [14] |
Jahr |
Zucker
(in tausend
Tonnen) [15] |
|
1881/89 |
60 |
1884/90 |
8.591 |
1880 |
3.670 |
|
1900 |
67 |
1890/96 |
10.992 |
1895 |
7.830 |
|
1905/07 |
90 |
1896/1902 |
13.521,6 |
1904/05 |
11.797 |
|
1908 |
87 |
1902/08 |
16.049,6 |
1907/08 |
14.125 |
|
1909 |
96,9 |
1911/12 |
20.529,9 |
1911/12 |
13.270 |
|
1910 |
99,1 |
1912/13 |
19.197,9 |
1912/13 |
15.404 |
|
1912 |
105,6 |
1913/14 |
20.914,6 |
1913/14 |
16.081 |
|
1913 |
109,5 |
1914/15 |
19.543,5 |
1914/15 |
13.252 |
|
1914 |
100,1 |
- |
- |
- |
- |
|
|
|
Jahr |
Kakao
(in tausend
Tonnen) [16] |
Jahr |
Kaffee
(in tausend
Tonnen) [16] |
Jahr |
Kautschuk
(in tausend
Tonnen) [17] |
|
- |
- |
1875 |
513 |
- |
- |
|
1895/99 |
82 |
1892 |
710 |
1900 |
50 |
|
1900/04 |
119 |
1903 |
1.168 |
1901/02 |
57 |
|
1907 |
149,9 |
1905/06 |
1.000 |
1901/04 |
57 |
|
1908 |
193,6 |
1907 |
1.500 |
1906/07 |
72 |
|
1909 |
205,2 |
1908 |
1.100 |
- |
- |
|
1910 |
216 |
- |
- |
- |
- |
Somit ist in einem Zeitraum ungefähr dreißig
Jahren die Weizenerzeugung (1881-1889-1914) auf das 1,6fache (um
67 Prozent) gestiegen, die Baumwollerzeugung (1884-1890-1914 bis
1915) auf das 2,2fache (um 127 Prozent), die Zuckererzeugung
(Rübenzucker und Rohzucker zusammen) in der Zeit von 1880 bis
1914/15 auf mehr als das 3,5fache (um 261 Prozent)
[18] usw.
Diese Zahlen sind beredter als alle Worte. Ungeheure Mengen von
Produkten werden aus dem Produktionsprozeß heinausgeschleudert und
gelangen in die Kanäle der Zirkulation. Bei seinem früheren Umfang
war der Markt nicht imstande, auch nur den hundertsten Teil von
dem zu verschlingen, was jetzt der Weltmarkt jährlich aufnimmt.
Aber dieser setzt nicht nur eine bestimmte Entwicklungsstufe der
Produktion in eigentlichen Sinne voraus. Seine materielle
Voraussetzung ist ein entwickeltes Verkehrswesen. Je
entwickelter die Verkehrsmittel sind, desto schneller und
intensiver erfolgt die Bewegung der Waren, desto schneller geht
der Prozeß des Verwachsens der einzelnen lokalen und "nationalen"
Märkte vor sich, desto schneller wächst der einheitliche
Produktionsorganismus der Weltwirtschaft. Das moderne, durch
Dampf und Elektrizität betriebene Verkehrswesen spielt diese Rolle
im Wirtschaftsleben. Die Länge des Eisenbahnnetzes betrug
Mitte des vorigen Jahrhunderts (1850) 38 600 Kilometer; im Jahre
1880 war diese Zahl bis auf 372 000 Kilometer gestiegen.
[19] Seit dieser Zeit nimmt
die Länge der Schienenwege mit erstaunlicher Schnelligkeit zu:
[20]
|
|
Ende 1890
km |
Ende 1911
km |
|
Europa |
223.869 |
338.880 |
|
Amerika |
331.417 |
611.028 |
|
Asien |
33.721 |
105.011 |
|
Australien |
18.889 |
32.401 |
|
Afrika |
9.386 |
40.489 |
|
Insgesamt |
617.285 |
1.057.809 |
Die Länge des Eisenbahnnetzes ist somit in
zwanzig Jahren (von 1890-1911) auf das 1,71fache (um 71 Prozent)
gestiegen.
Dieselbe Entwicklung sehen wir bei der Betrachtung des Wachstums
der Handelsschiffahrt. Es muß betont werden, daß der
Seeschiffahrtsverkehr eine ganz besondere Rolle spielt, dann auf
diesem Wege erfolgt der Warenverkehr zwischen den Kontinenten (der
"überseeische" Handel); wegen seiner verhältnismäßigen Billigkeit
ist seine Bedeutung selbst innerhalb Europas ungeheuer (man nehme
z.B. den Warenverkehr zwischen dem Schwarzen Meer und der Ostsee).
Folgende Zahlen geben ein Bild des Wachstum der Handelsschiffahrt:
[21]
|
|
Prozentuale Zunahme |
|
von 1872-1907 |
von 1890-1907 |
|
Englische Flotte |
184 |
106 |
|
Deutsche Flotte |
281 |
166 |
|
Französische Flotte |
70 |
96 |
|
Norwegische Flotte |
61 |
7 |
|
Japanische Flotte (1895-1907) |
1.077 |
52 |
Der internationale Schiffbau (von
Handelsschiffen) hat sich in den letzten folgendermaßen entwickelt
(in Brutto-Register-Tonnen):
[22]
|
1905 |
2.511.922 |
|
1910 |
1.957.853 |
|
1906 |
2.919.763 |
1911 |
2.650.140 |
|
1907 |
2.778.088 |
1912 |
2.901.769 |
|
1908 |
1.833.386 |
1913 |
3.332.882 |
|
1909 |
1.602.057 |
1914 |
2.852.753 |
Nach Harms
[23] hat sich der Frachtraum der Welthandelsflotte in dem
einen Jahrzehnte von 1890-1909 um 55,6 Prozent vergrößert. Dieses
kolossale Wachstum des Seeverkehrs hat es ermöglicht, die
wirtschaftlichen Organismen verschiedener Kontinente mit einander
zu verbinden und die vorkapitalistischen Methoden in den
entlegensten Winkeln der Erde zu revolutionieren, da der
Warenweltverkehr in einem unglaublichen Maße beschleunigt worden
ist.
Dieser Warenverkehr wird aber nicht nur auf diesem Wege
beschleunigt. In Wirklichkeit ist die gesamte Bewegung des
kapitalistischen Mechanismus viel komplizierter, weil die
Warenzirkulation und der der Kreislauf des Kapitals nicht
unbedingt eine Verschiebung der Waren im Raume voraussetzen.
Innerhalb des Kreislaufs des Kapitals und der
Warenmetamorphose, welche einen Abschnitt desselben bildet,
vollzieht sich der Stoffwechsel der gesellschaftlichen Arbeit.
Dieser Stoffwechsel mag den Raumwechsel der Produkte bedingen,
ihre wirkliche Bewegung von einem Orte zum andern. Zirkulation
von Waren kann aber stattfinden ohne ihre physischen Bewegung
und Produktentransport ohne Warenzirkulation und selbst ohne
unmittelbaren Produktenaustausch. Ein Haus, das A an B verkauft,
zirkuliert als Ware, aber es geht nicht spazieren. Bewegliche
Warenwerte wie Baumwolle oder Roheisen hocken auf demselben
Warenlager zur selben Zeit, wo sie Dutzende von
Zirkulationsprozessen durchlaufen, gekauft und wiedergekauft
werden von den Spekulanten. Was sich hier wirklich bewegt, ist
der Eigentumstitel an der Sache, nicht die Sache selbst.
[24]
Ähnliche Prozesse finden in der allerneuesten
Zeit gewaltigen Ausmaßen statt, in der Zeit der Entwicklung der
abstraktesten Form des Kapitalismus, der Entpersönlichung des
Kapitals, des Wachstums der Masse der Wertpapiere als des
Ausdrucks der spezifischen modernen Form des Eigentums, mit einem
Worte, mit der Entwicklung des "Effektenkapitalismus" (Liefmann)
oder des "Finanzkapitalismus" (Hilferding). Die internationale
Ausgleichung der Preise für Waren und alle möglichen Wertpapiere
erfolgt auf telegraphischem Wege (siehe die Tätigkeit der
Effekten- und Warenbörsen). Das Telgraphennetz nimmt in einem
ebenso fieberhaften Tempo zu wie die Verkehrsmittel, die
verschiedene Kontinente verbinden. Bis Ende Juli 1913 wurden 2.547
Kabel gezählt (jetzt sind es schon 5.583), deren Gesamtlänge
515.578 Kilometer beträgt. [25]
Die Länge der der Unterseekabel beträgt also die Hälfte der Länge
des Eisenbahnnetzes (1911: 1.057.809 Kilometer). So entsteht eine
äußerst elastische Struktur der Weltwirtschaft, deren sämtliche
Teile einer ständigen Wechselwirkung unterworfen sind, bei der die
kleinste Veränderung des einen Gliedes sich sofort auf alle
anderen auswirkt.
Wir haben bisher die technischen und ökonomischen Voraussetzungen
der Weltwirtschaft betrachtet. Gehen wir jetzt an die Betrachtung
des eigentlichen Prozesses. Die primitivste Form des Ausdrucks der
wirtschaftlichen Verbundenheit in der Warenwirtschaft ist, wie wir
gesehen haben, der Austausch, und die Kategorie der Weltpreise
drückt diese Verbundenheit im Weltausmaß aus. Als äußerer Ausdruck
derselben Erscheinung dient der internationale Warenverkehr, der
"Welthandel". Obgleich die hier zur Verfügung stehenden Zahlen
keine große Genauigkeit beanspruchen können, drücken sie
nichtsdestoweniger die unerbittliche Tendenz zur Erweiterung der
Sphäre des Weltmarktes richtig aus.
|
Außenhandel
(Summe der Ein- und Ausfuhr)
der wichtigsten Länder der Welt
(10 Millionen Mark) [26] |
Prozentuale Zunahme des Außenhandels
der einzelnen Länder von 1891 bis 1910
[27] |
|
|
Einfuhr |
Ausfuhr |
|
1903 |
101.991,0 |
Vereinigte Staaten |
78 |
77 |
|
1904 |
104.951,9 |
England |
43 |
52 |
|
1905 |
113 100,6 |
Deutschland |
105 |
107 |
|
1906 |
121 699,6 |
Frankreich |
25 |
51 |
|
1907 |
133 943,5 |
Rußland |
100 |
85 |
|
1908 |
124 345,4 |
Holland |
110 |
90 |
|
1909 |
132 515,0 |
Belgien |
105 |
84 |
|
1910 |
146 800,3 |
Britisch-Indien |
75 |
62 |
|
1911 |
153 870,0 |
Australien |
35 |
74 |
|
|
China |
64 |
79 |
|
Japan |
300 |
233 |
In den acht Jahren von 1903-1911 sind somit die
Umsätze des Welthandels um 50 Prozent gestiegen, was eine ziemlich
beachtenswerte Größe ist. Je mehr sich der Pulsschlag des
Wirtschaftslebens beschleunigt, je schneller die Produktivkräfte
wachsen, desto breiter und tiefer geht der Prozeß der
Internationalisierung der Wirtschaft. Deshalb ist die Theorie W.
Sombarts, der die These von der "abnehmenden Bedeutung der
weltwirtschaftlichen Beziehungen" aufgestellt hat, ganz falsch.
[28] Der paradoxeste der
modernen Nationalökonomen hat damit bereits lange vor dem Kriege
der imperialistischen Ideologie, die die wirtschaftliche
"Autarkie", die Schaffung eines großen, sich selbst genügenden
Ganzen erstrebt, einen gewissen Tribut gezollt.
[29] Seine "Theorie" ist
eine Verallgemeinerung der Tatsache, daß der innere Absatz von
Fertigwaren in Deutschland schneller zugenommen hat als ihre
Ausfuhr. Daraus hat Sombart die seltsame Folgerung gezogen, daß
die Bedeutung des Außenhandels überhaupt abnehme. Aber sogar, wenn
man, wie Harms [30] richtig
bemerkt, die Tatsache des Übergewichts der Tendenzen zum inneren
Ansatz von Fertigwarenerzeugnissen über die Tendenzen zu ihrem
äußeren Absatz zugibt (was Sombart zudem auf Grund von Angaben
tut, die sich nur auf Deutschland beziehen), so ist es doch
unmöglich, die wachsende Einfuhr von Rohstoffen und Getreide außer
acht zu lassen, die eine Voraussetzung des inneren Handels mit
Fertigwaren, des inneren Absatzes ist, da das betreffende Land
infolge dieser Einfuhr keine Produktivkräfte zur Erzeugung von
Rohstoffen und Lebensmitteln zu verwenden braucht. Nur wenn man
beide Seiten des internationalen Austausches und die Verteilung
der Produktivkräfte auf alle Zweige der gesellschaftlichen
Produktion berücksichtigt, kann man bestimmte Schlüsse ziehen.
Gerade die Tendenzen der modernen Entwicklung begünstigen in hohem
Maße die Zunahme der internationalen Austauschbeziehungen (und
damit auch anderer Beziehungen), indem sie einerseits die
agrarischen und halbagrarischen Länder in einem unglaublichen
Tempo industrialisieren und in ihnen eine Nachfrage nach
ausländischen landwirtschaftlichen Erzeugnissen schaffen, und
andererseits mit allen Mitteln die Ausfuhrpolitik der Kartelle
(das Dumping) verstärken. Das Wachstum der internationalen
Marktbeziehungen schreitet mit schnellen Schritten vorwärts: es
verknüpft die verschiedenen Teile der Weltwirtschaft immer stärker
miteinander, die "national" und wirtschaftlich abgeschlossenen
Gebiete schließen sich immer enger zusammen, immer schneller
wächst die Grundlage für die Weltproduktion in ihrer neuen,
nichtkapitalistischen, höchsten Form.
Wenn der internationale Warenverkehr den "Stoffwechsel" des
sozialökonomischen Organismus der Welt ausdrückt, so drückt die
internationale Bevölkerungsbewegung vor allem die Verschiebung des
Hauptfaktors des Wirtschaftslebens, der Arbeitskraft, aus. Ähnlich
wie im Rahmen der nationalen Wirtschaft die Verteilung der
Arbeitskräfte unter die verschiedenen Produktionszweige durch die
Höhe des Arbeitslohns, der ein gleiches Niveau anstrebt, geregelt
wird, ebenso erfolgt auch im Rahmen der Weltwirtschaft der Prozeß
der Ausgleichung der verschiedenen Normen des Arbeitslohns auf dem
Wege der Auswanderung. Das ungeheure Reservoir des
kapitalistischen Amerikas saugt die überschüssige Bevölkerung
Europas und Asiens auf, angefangen mit den aus der Landwirtschaft
hinausgestoßenen pauperisierten Bauern bis zur städtischen
"Reservearmee" der Arbeitslohns. So entsteht ein Gleichgewicht
zwischen Nachfrage und Angebot der Arbeitskräfte im Weltausmaß und
zwar in dem für das Kapital nötigen Verhältnis. Um einen Begriff
von der zahlenmäßigen Seite des Prozesses zu geben, führen wir
einige Zahlen an:
|
Die Zahl der Einwanderer betrug
in den Vereinigten Staaten
[31]: |
Die Zahl der Ausländer
in Deutschland betrug [32]: |
|
1904 |
812.870 |
1880 |
276.057 |
|
1905 |
1.026.499 |
1900 |
778.737 |
|
1906 |
1.100.735 |
1910 |
1.259.873 |
|
1907 |
1.285.349 |
|
|
1914 |
1.218.480 |
Die Zahl der Auswanderer aus Italien betrug
(1912) 711.446, aus England und Irland 467.762, aus Spanien
175.567 (1911), aus Rußland 127.747 usw.
[33] Zur endgültigen
Auswanderung, bei der die Arbeiter mit ihrer Heimat brechen und
ein zweites Vaterland finden, kommt die zeitweilige Auswanderung
zu Saisionarbeiten hinzu; einen solchen Charakter trägt teilweise
die italienische Auswanderung, die Auswanderung von russischen und
polnischen Arbeitern nach Deutschland für die Zeit der
landwirtschaftlichen Arbeiten (die sogenannte "Sachsengängerei")
usw. Diese Ebbe und Flut der Arbeitskräfte stellt bereits eine
Erscheinung des internationalen Arbeitsmarktes dar.
Der Bewegung der Arbeitskräfte als des einen Pols der
kapitalistischen Verhältnisse entspricht die Bewegung des Kapitals
als des anderen Pols. Ebenso wie im ersten Fall der Prozeß der
Bewegung durch das Gesetz der Ausgleichung der Höhe des
Arbeitslohns geregelt im zweiten Fall eine internationale
Ausgleichung der Profitrate. Die Bewegung des Kapitals, die vom
Standpunkt des kapitalausführenden Landes gewöhnlich als
Kapitalexport bezeichnet wird, hat im modernen Wirtschaftsleben
eine außerordentlich große Bedeutung erlangt, so daß manche (wie
z.B. Sartorius von Waltershausen), den modernen Kapitalismus als
Exportkapitalismus bezeichnen. Wir werden auf diese Erscheinung
noch in einem anderen Zusammenhang zurückkommen. Hier wollen wir
nur die Hauptformen und den annähernden qualitativen Umfang der
internationalen Kapitalbewegung feststellen, die eines der
wichtigsten Elemente des Prozesses der Internationalsierung des
Wirtschaftslebens und des Wachstums der Weltwirtschaft darstellt.
Die beiden großen Kategorien des Kapitalexports sind erstens sein
Export als zinstragendes, zweitens als
profitbringendes Kapital.
Im
Rahmen dieser Einteilung können wiederum verschiedene Untergruppen
und Formen unterschieden werden. An erster Stelle stehen die
staatlichen und kommunalen Anleihen. Die ungeheure Steigerung
des Staatshaushalts, die sowohl durch die Entwicklung des
Wirtschaftslebens überhaupt als auch durch die Militarisierung der
gesamten "Volkswirtschaft" hervorgerufen wird, erzeugt einen immer
größeren Bedarf an ausländischen Anleihen zur Deckung der
laufenden Ausgaben. Andererseits erfordert das Wachstum der großen
Städte die Durchführung einer ganzen Reihe von Arbeiten (Anlage
von Straßenbahnen, elektrische Beleuchtung, Kanalisierung und
Wasserleitung, Straßenbau, Zentralheizung, Telegraph und
Fernsprecher, Einrichtung von Schlachthäusern usw. usw.), zu deren
Durchführung große Geldsummen nötig sind; diese werden ebenfalls
oft auf dem Wege von ausländischen Anleihen beschafft. Eine zweite
Form des Kapitalexports ist das System der "Beteiligung" (der
"Partizipation"): eine (industrielle, Handels- oder Bank-)
Unternehmung im Lande A besitzt Aktien oder Obligationen eines
Unternehmens im Lande B. Die dritte Form ist die Finanzierung
von ausländischen Unternehmungen, die Bildung von Kapital zu einem
bestimmten konkreten Zweck: eine Bank finanziert eine von anderen
Institutionen oder ihr selbst gegründete ausländische
Unternehmung; oder eine industrielle Unternehmung finanziert ihre
"Tochtergesellschaft", der sie die Form einer selbständigen
Gesellschaft gibt; oder eine besondere "Finanzierungsgesellschaft"
finanziert ausländische Unternehmungen.
[34] Die vierte Form ist
der Kredit, der unabhängig von irgendeinem bestimmten Zweck
(wie das z. B. bei der Finanzierung der Fall ist), gegeben wird,
und den große Bankfirmen des einen Landes den Banken eines anderen
Landes eröffnen. Die fünfte Form endlich ist der Ankauf von
ausländischen Aktien usw. zum Zwecke ihres Weiterverkaufs
(siehe die Tätigkeit der Emissionsbanken) usw. (die letzte der von
uns aufgezählten Formen führt im Gegensatz zu den andern zu keiner
dauernden Interessenverbindung).
So
erfolgt auf verschiedenen Wegen die Überleitung von Kapital aus
der einen "nationalen" Sphäre in die andere; die Verflechtung der
"nationalen Kapitale" nimmt zu, das Kapital "internationalisiert"
sich. Es fließt in die ausländischen Fabriken und Bergwerke,
Plantagen und Eisenbahnen, Dampferlinien und Banken, es nimmt
seiner Größe nach zu, schickt einen Teil des Mehrwerts in die
Heimat, wo dieser Teil seine selbständige Bewegung beginnen kann;
es akkumuliert den anderen Teil, dehnt seine Anlagesphäre immer
weiter aus, es schafft ein immer dichteres Netz internationaler
Abhängigkeit. Einen Begriff von der quantitativen Seite des
Prozesses geben folgende Daten:
|
Frankreich (Zahlen für
1902) |
|
Im Auslande angelegtes französisches
Kapital
(in Milliarden Franken)
[35] |
Nach der Art der Anlage
(in Millionen Franken) [36] |
|
Rußland |
9-10 |
1. Kaufmännische
Unternehmungen |
995,25 |
|
England |
0,5 |
|
Belgien und Holland |
0,5 |
2. Landbesitz |
2.183,25 |
|
Deutschland |
0,5 |
3. Banken und Versicherung |
551,00 |
|
Türkei, Serbien, Bulgarien |
0,5 |
4. Eisenbahnen |
4.544,00 |
|
Rumänien u. Griechenland |
3-4 |
5. Bergwerke u. Industrien |
3.631,00 |
|
Österreich-Ungarn |
2 |
6. Seefahrt, Hafenanlagen usw. |
461,00 |
|
Italien |
1-1,5 |
7. Staats- und Gemeinde-
anleihen |
16.553,50 |
|
Schweiz |
0,5 |
|
Spanien u. Portugal |
3,5 |
8. Versicherungen |
936,00 |
|
Kanada u. d. Vereinigten Staaten |
0,5 |
Insgesamt |
29.855,00 |
|
Ägypten u. Suez |
3-4 |
|
|
Argentinien, Brasilien, Mexico |
2,33-3 |
|
China u. Japan |
1 |
|
Tunis u. d. französischen Kolonien |
2-3 |
|
Insgesamt |
30-35 |
Leroi-Beaulieu schätzt die Höhe der
französischen Kapitalien, die im Jahre 1902 in ausländischen
Unternehmungen und Anleihen angelegt waren, auf 34 Milliarden
Franken. [37] Der
Gesamtkurswert der Papiere, die Pariser Börse eingeführt wurden,
betrug 1904 63.990 Millionen Franken französischer Werte und
64.180 Millionen Franken ausländischer Werte, im Jahre 1913 64.104
Millionen Franken französischer und 70.761 Millionen Franken
ausländischer Werte. [38]
|
England
[39] |
|
Im Ausland angelegtes englisches Kapital im
Jahre 1911
(in Pfund Sterling) |
Englische Emissionen von ausländischen
Werten
(staatliche, Eisenbahn, Bergwerksanleihen
und Anleihen verschiedener Körperschaften
(in Millionen Pfund Sterling) |
|
Engl. Kolonien u. Indien |
1.554.152.000 |
|
Vereinigte Staaten |
688.078.000 |
|
Kuba |
22.700.000 |
1892 |
49,9 |
|
Philippinen |
87.334.000 |
1893 |
29,9 |
|
Mexiko |
87.334.000 |
1894 |
52,2 |
|
Brasilien |
94.330.000 |
1895 |
55,2 |
|
Chile |
46.375.000 |
1896 |
56,1 |
|
Uruguay |
35.255.000 |
1897 |
47,4 |
|
Peru |
31.896.000 |
| |