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1. Die anarchische Struktur der
Weltwirtschaft. 2. Die internationalen Syndikate und Kartelle. 3.
Die internationalen Trusts. 4. Die internationalen Bankkonsortien.
5. Der Charakter der internationalistischen privatkapitalistischen
Organisationen. 6. Die Internationalisierung des Wirtschaftslebens
und die Internationalisierung der kapitalistischen Interessen.
Die moderne Weltwirtschaft zeichnet sich durch
eine weitgehende anarchische Struktur aus. In dieser Hinsicht kann
die Struktur der modernen Weltwirtschaft mit der Struktur der
"nationalen" Wirtschaften verglichen werden, die für diese bis zum
Beginn des 20. Jahrhunderts typisch waren, das heißt, bevor der
organisatorische Prozeß, der in den letzten Jahren des 19.
Jahrhunderts in so schroffer Weise in Erscheinung trat, zu
wesentlichen Veränderungen geführt hatte, indem er den Rahmen des
bisher unbeschränkten "freien Spiels" der Wirtschaftskräfte
bedeutend einschränkte. Am schroffesten äußert sich diese
anarchische Struktur des Weltkapitalismus in zwei Tatsachen: in
den industriellen Weltkrisen einerseits und in den Kriegen
andererseits.
Die bürgerlichen Nationalökonomen, die der Ansicht sind, daß die
Vernichtung der freien Konkurrenz und ihre Ersetzung durch
kapitalistische Monopole die Industriekrisen aus der Welt schaffen
könnten, irren sich sehr. Sie vergessen dabei eine "Kleinigkeit"
und zwar den Umstand, daß die wirtschaftliche Betätigung der
"nationalen" Wirtschaft jetzt auf der Grundlage der
Weltwirtschaft erfolgt. Die Weltwirtschaft ist aber keine
einfache arithmetische Summe der "nationalen" Wirtschaften, ebenso
wie die nationale Wirtschaft keineswegs die arithmetische Summe
der individuellen Wirtschaften eines Staatsgebietes darstellt. In
dem einen wie in dem anderen Fall ist ein wesentliches ergänzendes
Moment das Element der Verbundenheit, der Wechselwirkung,
des besonderen Milieus, das Rodbertus die "wirtschaftliche
Gemeinschaft" nannte, und ohne die es keine "reale Gesamtheit",
kein "System", keine Sozialwirtschaft gibt, sondern nur isolierte
Wirtschaftseinheiten. Deshalb würden die Krisen sogar in dem Falle
weiter bestehen bleiben, wenn die freie Konkurrenz in den Grenzen
der "nationalen" Wirtschaften vollkommen aufgehoben wäre, denn die
anarchisch aufgebauten Verbindungen dieser "nationalen" Körper
untereinander würden, das heißt, die anarchische Struktur der
Weltwirtschaft würde bestehen bleiben.
[1]
Das über die Krisen Gesagte bezieht sich auch auf die Kriege. Der
Krieg ist ja in der kapitalistischen Gesellschaft nichts anderes
als eine der Methoden der kapitalistischen Konkurrenz, soweit
diese letztere sich auf die Sphäre der Weltwirtschaft erstreckt.
Deshalb ist der Krieg das immanente Gesetz einer Gesellschaft, die
unter dem Druck der blinden Gesetze des sich elementar
entwickelten Weltmarktes produziert, die keine Gesellschaft ist,
welche den Prozeß der Produktion und Verteilung bewußt regelt.
Obwohl aber die moderne Weltwirtschaft im großen und ganzen
anarchisch aufgebaut ist, macht der organisatorische Prozeß auch
hier einige Fortschritte und tritt hauptsächlich im Wachstum der
internationalen Syndikate, Kartelle und Trusts in Erscheinung. Wir
müssen vor allem einen allgemeinen Überblick dieser Gründungen der
allerneuesten Zeit geben.
In
der Schiffahrt sind die größten Kartelle (wir gehen hier
natürlich nicht auf die durch den Krieg hervorgerufene Veränderung
ein): 1. Sailing Shipowners’ Documentary Committee (Englische,
deutsche, norwegische und dänische Schiffahrtsgesellschaften); 2.
Internationale Segelschiffahrtskonvention (englische, deutsche,
dänische, schwedische und norwegische Segelschiffe); 3. die Baltic
and White Sea Conference, die 60-70 Prozent der gesamten Tonnage
in der Ostsee und im Weißen Meer umfaßt (Deutsche, Franzosen,
Holländer, Engländer, Spanier, Belgier, Dänen, Norweger, Schweden,
Russen, Finnen); 4. Internationaler Küstenschiffahrtsverband,
Altona; 5. Nordatlantischer Dampflinienverband (Deutsche,
Amerikaner, Belgier, Franzosen, Österreicher); 6. International
Mercantile Marine Company, auch "Morgan-Trust" genannt
(hauptsächlich Amerikaner, Engländer und Deutsche; Ende 1911
verfügte der Konzern über 130 Dampfer mit 1.158.270
Bruttoregistertonnen). Außer diesen Kartellen von mehr oder minder
entwickeltem Typus besteht noch eine Reihe von umfassenden
Vereinbarungen, durch die Frachten, Rabatte usw. geregelt werden.
Bergbau und Metallindustrie. 1. Internationales
Trägerkartell (die Stahlsyndikate in Deutschland, Belgien und
Frankreich); 2. Internationales Schienenkartell (deutsche,
englische, französische, belgische, amerikanische, spanische,
italienische, österreichische und russische Schienenwalzwerke); 3.
Internationale Stahlkonvention (der amerikanische Stahltrust, die
Bethlehem Steel Co. und die Firma Krupp); 4. Internationale
Bleikonvention (deutsche, australische, belgische, amerikanische,
mexikanische, englische Bleierzeugnisse); 5.
Deutsch-Österreichischer Stahlgußverband; 6. Deutsch-Englische
Ferromanganeisenkonvention; 7. Internationale Vereinigung von
Ferrosiziliumwerken (Norwegen, Schweden, Tirol, Bosnien, Savoyen,
Deutschland); 8. Internationales Metallplattensyndikat
(Deutschland und Österreich); 9. Vereinigung der
Zinkplattenfabrikanten (England und Amerika; sehr einflußreich auf
den Weltmarkt); 10. Internationale Zinkkonvention (Deutsche,
Belgier, Franzosen, Italiener, Spanier, Engländer, Amerikaner - 92
Prozent der europäischen Produktion); 11. Internationaler
Zinkhüttenverband (Deutsche, Franzosen, Belgier, Engländer); 12.
Internationales Drahtgeflechtekartell (Deutsche, Belgier,
Franzosen, Engländer); 13. Internationales Abkommen der
Kupferdrahtziehereien; 14. Deutsch-Englische Schraubenkonvention;
15. Internationales Emaillekartell (Deutschland, Österreich,
Ungarn, Frankreich, Schweiz, Italien); 16. Internationales
Turbinensyndikat hauptsächlich Deutsche und Schweizer); 17.
Vereinigte Dampfturbinengesellschaften (die deutsche AEG, die
amerikanische General Electric Co. u.a. Firmen); 18. der
Automobiltrust (Motor Trade Association - fast alle bedeutenden
europäischen Automobilfabriken); 19.
Russisch-Deutsch-Österreichisches Syndikat für landwirtschaftliche
Geräte; 20. Internationale Vereinigung der Eisenhändlerverbände
(Deutschland, England, Frankreich, Österreich, Ungarn, Schweiz,
Belgien); 21. Internationaler Verband der Korsettschließen- und
Federnfabriken (fast alle großen Fabriken).
In
der Bearbeitung von Steinen und Ton usw. gibt es sechs
große internationale Kartelle.
In
der elektrischen Industrie ist, wie gesehen haben, der
Prozeß der Internationalisierung der Produktion am deutlichsten
zum Ausdruck gekommen. Deshalb bestehen hier auch sehr bedeutende
internationale Vereinbarungen. Am bedeutensten ist das Abkommen 1.
zwischen der deutschen AEG, der amerikanischen General Electric
Co. und der britisch-französischen Gesellschaft Thomson Housten
Co., die über ein ganzes Netz von Unternehmungen in verschiedenen
Erdteilen verfügen; 2. das internationale Galvanostegie-Syndikat;
3. die Verkaufsstelle Vereinigter Glühlampenfabriken (Deutschland,
Österreich, Ungarn, Schweden, Holland, Italien, Schweiz); weiter
eine ganze Reihe von besonderen Abmachungen der Banken zur
Finanzierung elektrischer Unternehmungen usw.
In
der chemischen Industrie hat die internationale
Katellierung vor allem in einer Reihe von Spezialgebieten,
beträchtlichen Umfang angenommen. Besonders bedeutend sind: 1. Das
Internationale Chlorkalkkartell (Deutschland, Frankreich, Belgien,
England, Vereinigte Staaten); 2. das Internationale Leimkartell
(Leimfabriken in Österreich-Ungarn, Deutschland, Holland, Belgien,
Schweden, Dänemark, Italien; Verkaufsstelle in London); 3. das
Internationale Boraxkartell (Deutschland, Vereinigte Staaten,
Frankreich, Österreich-Ungarn, England); 4. der Internationale
Verband der Seidenfärbereien (deutsche, schweizerische,
französische, italienische, österreichische, amerikanische
Färbeverbände); 5. das Internationale Karbidsyndikat (alle
europäischen Fabriken); 6. das Internationale Pulverkartell; 7.
das Deutsch-Österreichische Superphosphatkartell; 8. das Kartell
der Belgisch-Holländischen Oleinproduzenten; 9. die Internationale
Verkaufsvereinigung für Stickstoffdünger (deutsche, norwegische,
italienische, schweizerische Stickstoffdüngerfabriken); 10. das
Internationale Kerosinkartell (Standard Oil Co. und russische
Firmen); 11. der Verband Deutsch-Österreichisch-Italienischer
Gipserzeuger und Gipshändler; 12. das Internationale
Salpetersyndikat; 13. das Internationale Koalinverkaufssyndikat
(deutsch-österreichisch); 14. die Europäische Petroleum-Union
(deutsch-englische, schweizerische, holländische, belgische,
österreichische, dänische amerikanische, ostasiatische
Petroleumraffinerien).
In
der Textilindustrie umfassen die internationalen Abkommen
hauptsächlich Spezialgebiete: 1. The International Federation of
Master Cotton Spinners’ and Manufacturers’ Associations (Vertreter
der Kontinental-europäischen und amerikanischen Industrie); 2.
Deutsch-Österreichisches Kravattenstoffkartell; 3. Internationales
Samtindustrie-Syndikat (alle deutschen und französischen
Samtfabriken); 4. Kunstseideverkaufskontor (deutsch und belgische
Kunstseidefabriken); 5. International Cotton Mills Corporation
(Vereinigte Staaten und das übrige Amerika); 6. Konvention der
Deutschen und Schweizerischen Seidencachenezfabrikanten; 7.
Verband der Deutsch-Schweizerischen Cachenez- und
Kravattenfabrikanten; 8. Österreichisch-Deutsches Jutekartell; 9.
Internationaler Verband der Kratzenfabrikanten (Deutschland,
Luxemburg, Belgien, Holland, Österreich-Ungarn, Schweden,
Dänemark, Balkanländer); 10. Internationale Nähseidekonvention
(österreichische, belgische, russische, spanische und englische
Unternehmungen); 11. Internationale Vereinigung der Flachs- und
Werggarnspinner (fast alle großen Flachsspinnereien Europas); 12.
Internationales Kartell der Schappespinner.
In
der Glas- und Porzellanindustrie ist als die bedeutendste
Vereinigung der Europäische Verband der Flaschenfabrikanten zu
nennen (ein Flaschensyndikat, das fast alle Länder umfaßt);
außerdem gibt es noch eine Reihe großer Glas- und
Porzellankartelle.
In
der Papierindustrie bestehen sieben große internationale
Kartelle.
Außerdem sind noch zehn Abkommen in sechs
verschiedenen Produktionszweigen bekannt (in der
Kautschukerzeugung, in der Möbelindustrie, in der
Pfropfenfabrikation, in der Kakaoerzeugung usw.
[2]
Außer den hier aufgezählten Kartelle gibt es
noch Hunderte von internationalen Trusts (Fusionen und
Kontrollgesellschaften). Wir wollen hier nur einige der
bedeutendsten erwähnen, das heißt diejenigen, die den größten
wirtschaftlichen Einfluß auf dem Weltmarkt ausüben.
Ein solcher Trust ist z.B. die Standard Oil Company of New Jersey,
die im Jahre 1910 Aktien von 62 Gesellschaften (darunter der
Anglo-American Oil Company, der Deutsch-Amerikanischen
Petroleumgesellschaft, der Romana-Americana) besaß und mit einer
fast unübersehbaren Reihe von Unternehmungen und Gesellschaften
(holländischen, deutschen, französischen, schwedischen,
italienischen, russischen, schweizerischen usw.) verbunden war
[3]; dieser Trust
kontrolliert: die Amalgamated Copper Company, die eine
Weltmonopolstellung in der Kupfererzeugung einzunehmen sucht, dann
die United States Steel Corporation, die größte
"Kontrollgesellschaft" der Welt; die Reismühlen- und
Handelsaktiengesellschaft in Barmen, die mit einer Summe von
6.039.344 Mark an ausländischen Firmen beteiligt ist
[4]; die internationale
Bohrgesellschaft; die Nobel Trust Company; einige internationale
Trusts in der Erdölindustrie; den Bananentrust, der durch die
Boston Fruit Company und durch die Tropical Trading und Transport
Co. gegründet worden ist; den Fleischtrust; den Nähgarntrust, an
dessen Spitze die englische Firma J. and P. Coats Limited steht;
die Société Centrale de la Dynamite; die Compagnie générale des
Conduits d’eau (Lüttich), die ihrerseits Unternehmungen in
Utrecht, Barcelona, Paris, Neapel, Charleroi und Wien
"kontrolliert"; den Trust Metallurgique Belge-Français etc. etc.
[5]
Hinter allen diesen Kartellen und Trusts stehen gewöhnlich die
Unternehmungen, die sie finanzieren, das heißt vor allem Banken.
Der Prozeß der Internationalisierung, dessen primitivste Form der
internationale Warenaustausch und dessen höchste organisatorische
Stufe der internationale Trust ist, dieser Prozeß hat auch eine
sehr bedeutende Internationalisierung des Bankkapitals
hervorgerufen, soweit dieses sich (durch Finanzierung
industrieller Unternehmungen) in Industriekapital verwandelt und
auf diese Weise die besondere Kategorie des Finanzkapitals bildet.
Gerade das Finanzkapital ist die alles durchdringende Form des
Kapitals, die wie die Natur am "horror vacui" leidet und bestrebt
ist, jeden "leeren" Raum zu erfüllen, und sei dies auch ein
"tropisches", "subtropisches" oder "Polargebiet", wenn nur der
Profit in genügendem Maße zuströmt. Zur Illustration der
freundschaftlichen "gegenseitigen Hilfe" der großen nationalen
Banken führen wir einige Beispiele der Bildung von gewaltigen
internationalen Bankkonsortien an.
Im
Jahre 1911 wurde in Brüssel ein Finanztrust zur Finanzierung von
amerikanischen Unternehmern gegründet, die Société Financière des
Valeurs Américaines. Beteiligt waren: die Deutsche Bank und die
Firma Warburg & Co. in Hamburg, die Société Générale in Brüssel,
die Banque de Bruxelles, die Banque de Paris et de Pays Bas, die
Société Générale pour Favoriser l’Industrie Nationale in Paris,
die Société Française de Banque et de Dépôts, die Banque Française
por le Commerce et l’Industrie, Kuhn, Loeb & Co., New York usw.,
das heißt die größten Banken der Welt.
[6] Die gleiche Deutsche Bank,
die dem erwähnten Finanztrust angehört, gründet zusammen mit der
Schweizerischen Kreditanstalt und der Firma Speyer-Elissen die
Aktiengesellschaft für Ueberseeische Bauunternehmungen, ferner in
einigen Ländern Verkaufsstellen für den Verkauf von Petroleum, sie
nimmt Beziehungen zu der russischen Firma Nobel auf und beteiligt
sich an der Europäischen Petroleum-Union.
[7] In der letzten Zeit ist in
Brüssel ein Bankkonsortium (das Konsortium Konstantinopel) zur
Finanzierung von Unternehmungen in Konstantinopel gegründet
worden. Daran nahmen teil: die Deutsche Bank, die Deutsche
Orientbank (in Verbindung mit der ersten), die Dresdner Bank, der
Schaaffhausensche Bankverein, die Nationalbank, die Société
Générale (Paris), die Banque de Paris, das Comptoir National, die
Schweizerische Kreditanstalt, die Bank für Elektrische
Unternehmungen. [8] Mit Hilfe
der Banque de Paris et des Pays Bas, des Wiener Bankverein, der
Schweizerischen Kreditanstalt, der Société Générale des Chemins de
Fer Economiques, der Deutschen Bank, der Dresdner Bank usw. das
heißt eines internationalen Bankkonsortiums wird eine spezielle
Eisenbahnbank in Belgien gegründet: die Banque Belge des Chemins
de Fer. Noch ein Beispiel: In dem russischen Syndikat "Prodamet"
"betätigten" sich vier Gruppen von "nationalen" Banken: eine
russische (die Asow-Don-Kommerzbank, die St. Petersburger
Internationale Kommerzbank, die Russische Bank für Außenhandel,
die Russisch-Asiatische Bank und die Kommerzbank in Warschau),
eine französische (Crédit Lyonnais, Banque de Paris et de Pays
Bas, Société Générale), eine deutsche (Deutsche Bank, Bank für
Handel und Industrie und Dresdner Bank) und eine belgische Gruppe
(Crédit Générale à Liége, Société Générale de Belgique,
Nagelmaerkers Fils à Liège [9]).
Es
darf keinesfalls angenommen werden, daß dies Ausnahmefälle sind.
Diese Gebilde erfüllen das gesamte Wirtschaftsleben. Koloniale
Unternehmungen und Kapitalexport nach anderen Kontinenten, Bau von
Eisenbahnen und Staatsanleihen, Städtische Straßenbahnen und
Waffenfabriken, Goldgruben und Gummiplantagen, alles das ist mit
der Tätigkeit der internationalen Bankkonsortien auf das engste
verbunden. Die internationalen wirtschaftlichen Beziehungen bilden
zahllose Fäden, die in Tausenden von Knoten verknüpft sind,
tausendfältig verflochten sind, um endlich in den Abkommen der
größten Banken der Welt zusammenzulaufen., die ihre Fühler über
den ganzen Erdball ausstrecken. Der internationale
Finanzkapitalismus und die international organisierte Herrschaft
der Banken ist eine unwiderlegliche Tatsache der ökonomischen
Wirklichkeit.
Andererseits darf aber die Bedeutung der internationalen
Organisationen nicht überschätzt werden. Ihre Bedeutung ist im
Vergleich zu dem ganzen gewaltigen Umfang des Wirtschaftslebens
des Weltkapitalismus bei weitem nicht so groß, wie das auf den
ersten Blick scheinen mag. Viele von ihnen, das heißt in diesem
Falle von den Syndikaten und Kartellen, sind nur Abkommen über die
Verteilung der Märkte (Rayonisierungskartelle); in einer ganzen
Reihe von bedeutenden Unterabteilungen der gesellschaftlichen
Produktion umfassen sie nur spezielle Produktionszweige, wie z.B.
eines der stärksten Syndikate, das Flaschensyndikat; viele haben
einen sehr wenig dauerhaften Charakter. Nur die internationalen
Abkommen, die auf einem natürlichen Monopol beruhen, sind
dauerhafter. Nichtsdestoweniger aber besteht die Tendenz zu einem
ständigen Wachstum dieser internationalen Organisation, was bei
der Analyse der Entwicklung der modernen Weltwirtschaft nicht
außer acht gelassen werden darf.
[10]
Wir haben die wichtigsten Tendenzen des Wachstums der
Weltwirtschaft verfolgt, angefangen vom Warenaustausch bis zur
Tätigkeit der internationalen Bankkonsortien. Dieser Prozeß ist in
seiner vielfältigen Form ein Prozeß der Internationalisierung
des Wirtschaftslebens, der Annäherung der entferntesten
geographischen Punkte der wirtschaftlichen Entwicklung, der
Nivellierung der kapitalistischen Verhältnisse, des wachsendes
Gegensatzes zwischen dem konzentrierten Eigentum der
Kapitalistenklasse und dem Weltproletariat. Daraus folgt aber
keineswegs, daß die gesellschaftliche Entwicklung bereits bereits
in das Stadium des mehr oder minder harmonischen
Nebeneinanderbestehens der "nationalen" Staaten getreten sei. Denn
der Prozeß der Internationalisierung des Wirtschaftslebens
ist keineswegs mit einem Prozeß der Internationalisierung der
kapitalistischen Interessen identisch. Sehr richtig bemerkt
ein ungarischer Nationalökonom zu den Schriften des englischen
Pazifisten Norman Angell:
Er [das heißt Norman Angell, N.B.]
vergißt nur eines: daß es sowohl in Deutschland als in England
Klassen gibt und daß etwas, was für die Gesamtheit des Volkes
überflüssig, nutzlos, ja schädlich sein mag, für einzelne
Gruppen (Hochfinanz, Kartelle, Bürokratie usw.) sehr
gewinnbringend sein kann.
[11]
Diese These kann natürlich auf alle Staaten
ausgedehnt werden, denn ihre Klassenstruktur unterliegt zum
mindesten vom rein wissenschaftlichen Standpunkt aus keinem
Zweifel. Deshalb können nur diejenigen, die die Widersprüche der
kapitalistischen Entwicklung nicht sehen, die die
Internationalisierung des Wirtschaftslebens gutmütig für eine
"Internationalisierung der Tatsachen" halten, das heißt in der
anarchischen Internationalisierung eine organisierte
Internationalisierung sehen - nur sie können die Möglichkeit einer
Versöhnung der "nationalen" kapitalistischen Gruppen in der
"höheren Einheit" des Weltkapitalismus erhoffen. In
Wirklichkeit spielt sich alles viel komplizierter ab, als das den
opportunistischen Optimisten scheint. Der Prozeß der
Internationalisierung des Wirtschaftslebens kann den Gegensatz
zwischen den Interessen der verschiedenen "nationalen" Gruppen der
Bourgeoisie äußerst verschärfen und verschärft ihn auch. In der
Tat ist die Zunahme der "Solidarität" der austauschenden Gruppen
verbunden. Er kann im Gegenteil von einer Zunahme der wütendsten
Konkurrenz und von einem Kampf auf Leben und Tod begleitet sein.
Das gleiche trifft auch für den Kapitalexport zu. Hier wird
keineswegs immer eine "Gemeinsamkeit der Interessen" geschaffen.
Auch hier kann der Konkurrenzkampf um die Sphären für die Anlage
von Kapital sich äußerst verschärfen. Nur in einem Falle können
wir mit Bestimmtheit sagen, daß eine Solidarität der Interessen
entsteht; und zwar in dem Falle, wenn wir die Zunahme der
Beteiligung und der gemeinsamen Finanzierung im Auge haben, das
heißt dann, wenn infolge des gemeinschaftlichen Besitzes aus
verschiedenen Ländern an einem und demselben Objekt entsteht. Hier
bildet sich wirklich eine wahre "Goldene Internationale" heraus.
[12] Hier ist nicht nur
eine einfache Ähnlichkeit oder, wie man jetzt zu sagen pflegt,
eine "Parallelität" der Interessen vorhanden, hier entsteht eine
Einheit der Interessen. Aber gleichzeitig mit diesem Prozeß bringt
der Gang der wirtschaftlichen Entwicklung automatisch auch die
entgegengesetzte Tendenz zur Nationalisierung der
kapitalistischen Interessen hervor, und die ganze menschliche
Gesellschaft zollt diesem Widerspruch unter dem schwarzen Druck
des Weltkapitals in unaussprechlichen Qualen, in Blut und Schmutz
ihren Tribut ...
Eine Beurteilung der Perspektive der Entwicklung kann nur auf der
Grundlage der Analyse aller grundlegenden Tendenzen des
Kapitalismus gegeben werden. Und wenn die Internationalisierung
der kapitalistischen Interessen nur die eine Seite der
Internationalisierung des Wirtschaftslebens zum Ausdruck bringt,
so ist notwendig, auch ihre andere Seite zu betrachten, das heißt
jenen Prozeß der Nationalisierung der kapitalistischen Interessen,
der die Anarchie der kapitalistischen Konkurrenz im Rahmen der
Weltwirtschaft am schroffsten zum Ausdruck bringt, der zu den
größten Erschütterungen und Katastrophen, zur größten
Verschwendung der menschlichen Energie führt, und der das Problem
der Errichtung neuer Formen des gesellschaftlichen Lebens mit dem
größten Nachdruck auf die Tagesordnung stellt.
Wir stehen somit vor der Aufgabe, den Prozeß der Nationalisierung
des Kapitals zu analysieren.
Anmerkungen
1.
Das beginnen auch bürgerliche Schriftsteller zu begreifen. So sagt
z. B. Goldstein: "Daß die Kartelle und Trusts nicht imstande sind,
die Krisen zu beseitigen, ist daraus ersichtlich, daß der
Stahltrust, in dessen Hände zusammen mit verbündeten
Unternehmungen sich etwa 90 Prozent der Stahlproduktion der
Vereinigten Staaten befanden, gegen Ende des 1. Vierteljahrs des
Jahres 1908 die Produktionskapazität seiner Werke nur zur Hälfte
ausnutzen konnte usw." (S. M. Goldstein,
Syndikate und Trusts und die
moderne Wirtschaftspolitik, 2. Aufl., Moskau 1912, S.5,
Fußnote). Siehe auch Tugan-Baranowski,
Industrielle Krisen.
2.
Das Verzeichnis der internationalen Kartelle haben wir der bereits
zitierten Arbeit von Harms entnommen (S.254 ff.)
3.
Liefmann, a.a.O.,
S.249ff.
4.
Liefmann, a.a.O., S.275.
5.
Kobatsch, a.a.O.;
Liefmann, a.a.O.; Harms,
a.a.O.
6.
Liefmann, a.a.O., S.174.
7.
Ebenda, S.456, 486
8.
Ebenda, S.497 u. 498.
9.
Sagorski: Syndikate u. Trusts,
S.230 Wir haben im Text nur private internationale Abkommen
erwähnt. Wir setzen beim Leser die Kenntnis der großen staatlichen
Abkommen (wie z.B. Weltpostverein, Eisenbahnabkommen usw.) voraus.
10.
Sartorius von Waltershausen schätzt die Rolle der internationalen
Organisationen ganz gering ein. Siehe das erwähnte Werk, S.190
"... Daß internationale Gesellschaften mit einheitlicher Leitung
der Produktion geschaffen werden und Bestand haben, ist
unwahrscheinlich. Wohl aber ist zu erwarten, daß unter den großen
nationalen Verbänden Abmachungen über die Grenzen der
Absatzgebiete zustande kommen." Den entgegengesetzten Standpunkt
nimmt Harms ein.
11.
Erwin Szabo: Krieg und Wirtschaftsverfassung,
Archiv für Sozialwissenschaft,
hrsg. von H. Jaffé, Bd.39, Heft 3, S.647 u. 648.
12.
Wie sich die Ideologen der modernen Bourgeoisie einer solchen
"Goldenen Internationale" gegenüber verhalten (solange es sich
natürlich nicht um die Gegenüberstellung von "Oberschicht" und
"Unterschied" handelt), zeigt z.B. folgende Erklärung von
Sartorius: "Die 'Goldene Internationale' kann nie das Ideal eines
Menschen sein, der ein Vaterland hat und glaubt, daß in diesem
Vaterland die Wurzeln seines Seins liegen" (a.a.O.,
S.14). Das zeigt in gewisser Hinsicht, wie relativ schwach
der Prozeß der Internationalisierung der kapitalistischen
Interessen ist. |