|
1. Die "nationalen Wirtschaften" als
Knotenpunkte der weltwirtschaftlichen Beziehungen. 2. Das Wachstum
der monopolistischen Organisationen. Die Kartelle und Trusts. 3.
Die vertikale Konzentration. Die gemischten Unternehmungen. 4. Die
Rolle der Banken und die Verwandlung des Kapitals in
Finanzkapital. 5. Die Banken und die vertikale Konzentration. 6.
Die staatlichen und kommunalen Unternehmungen 7. Das System als
Ganzes. 8. Die Zollpolitik des Finanzkapitals und die
kapitalistische Expansion.
Die Weltwirtschaft stellt, wie wir gesehen
haben, ein kompliziertes Netz von ganz verschiedenartigen
ökonomischen Beziehungen dar, deren Grundlage die
Produktionsverhältnisse in ihren Weltausmaßen sind. Diese, eine
Unmenge individueller Wirtschaften miteinander verbindenden
ökonomischen Beziehungen verdichten sich und werden engere, wenn
wir im Rahmen der Weltwirtschaft die "nationalen" Wirtschaften,
d.h. die ökonomischen Beziehungen innerhalb der staatlichen
Einheiten untersuchen. Diese Tatsache ist keineswegs der Ausdruck
einer besonderen schöpferischen Rolle des "Staatsprinzips", das
aus sich heraus besondere Formen des nationalökonomischen Seins
schaffen könnte; es ist dies auch keinerlei prästabilisierte
Harmonie zwischen "Gesellschaft" und "Staat". Die Dinge liegen
viel einfacher. Der Prozeß der Schaffung der modernen Staaten als
einer besonderen politischen Form ist selbst durch wirtschaftliche
Bedürfnisse und Nöte hervorgerufen worden. Der Staat ist auf einer
wirtschaftlichen Grundlage entstanden, er war lediglich
der Ausdruck wirtschaftlicher Verbindungen; der staatliche
Zusammenschluß war nur ein Ausdruck des wirtschaftlichen
Zusammenschlusses. Wie jede lebendige Form, befand und befindet
sich die "nationale Wirtschaft" in einem ununterbrochenen Prozeß
der inneren Umwandlung; die Molekularbewegungen , die gleichzeitig
mit dem Wachstum der Produktivkräfte erfolgten, haben auch das
gegenseitige Verhältnis der "national"-wirtschaftlichen Organismen
fortwährend geändert, das heißt, des Wechselverhältnis zwischen
den einzelnen Teilen der entstehenden Weltwirtschaft beeinflußt.
Unsere Zeit bringt ganz außerordentliche Verhältnisse hervor. Die
radikale Zertrümmerung der alten konservativen Wirtschaftsformen,
die mit den Anfängen des Kapitalismus begann, hat überall einen
unbestrittenen Sieg erfochten. Zugleich aber wird diese
"organische" Verdrängung der schwachen Konkurrenten im Rahmen der
"nationalen" Wirtschaften (Untergang des Handwerks, Verschwinden
der Zwischenformen, Zunahme der Großbetriebe usw.) abgelöst durch
eine kritische Periode des verschärften Kampfes kolossaler Gegner
auf dem Weltmarkt. Die Ursachen dafür sind vor allem in den
inneren Änderungen zu suchen, die in der Struktur der "nationalen
Kapitalismen" erfolgt sind, und die eine Umwälzung in ihren
gegenseitigen Beziehungen zur Folge hatten.
Diese Veränderungen äußern sich vor allem in der Bildung und
äußerst raschen Verbreitung kapitalistischer Monopolorganisationen:
von Kartellen, Syndikaten, Trusts, Bankkonzernen.
[1] Wir haben bereits gesehen,
wie stark dieser Prozeß auf internationalem Gebiete ist. Aber im
Rahmen der "nationalen Wirtschaften" ist er unvergleichlich
bedeutender. Wie wir weiter sehen werden, ist die "nationale"
Kartellierung der Industrie einer der stärksten Faktoren der
nationalen Verbundenheit des Kapitals.
Der Prozeß der Bildung kapitalistischer Monopole ist die logische
und historische Fortsetzung des Prozesses der Konzentration und
Zentralisation. Wie auf den Trümmern des feudalen Monopols die
freie Konkurrenz der Handwerker entstanden ist, die zum Monopol
der Kapitalistenklasse über die Produktionsmittel geführt hat, so
wird die freie Konkurrenz innerhalb der Kapitalistenklasse immer
mehr durch eine Beschränkung dieser Konkurrenz und durch die
Bildung gewaltiger, den gesamten "nationalen" Markt
monopolisierender wirtschaftlicher Gebilde ersetzt. Diese letzten
dürften keinesfalls als "anormale" oder "künstliche" Erscheinungen
angesehen werden, die durch die Unterstützung der Staatsmacht
hervorgerufen seien, wie z.B. durch Zölle, Eisenbahntarife,
Prämien, Subsidien oder staatliche Aufträge usw. Alle diese
"Ursachen" haben zwar die Beschleunigung des Prozesses
begünstigt, sie waren und sind aber keineswegs seine notwendige
Voraussetzung. Dagegen ist eine gewisse Stufe der Konzentration
der Produktion eine conditio sine qua non. Deshalb kann allgemein
gesagt werden, daß die monopolistischen Organisationen um so
stärker sind, je entwickelter die Produktivkräfte eines Landes
sind. Eine besondere Rolle hat hier die Form der
Aktiengesellschaft gespielt, die die Anlage von Kapital in der
Produktion ungeheuer erleichtert und bis dahin nie dagewesene
Betriebsgrößen geschaffen hat. Es ist begreiflich, daß an der
Spitze der Kartellbewegung zwei Länder marschieren, die mit
fieberhafter Schnelligkeit auf die ersten Plätze des Weltmarktes
gerückt sind, nämlich die Vereinigten Staaten und Deutschland.
Gerade die Vereinigten Staaten stellen ein klassisches
Beispiel für die moderne wirtschaftliche Entwicklung dar, und die
zentralisierteste Form der monopolistischen Organisationen, die
Trusts, sind hier am kräftigsten verwurzelt. Die folgende Tabelle
gibt eine klare Vorstellung sowohl von der ungeheuren
wirtschaftlichen Macht der Trusts und insbesondere der großen
Trusts als auch vom Prozeß ihres Wachstums.
Nach den Angaben von Moody drückt sich das Wachstum der Trusts in
der Zeit von 1904 bis 1908 in folgenden Zahlen aus:
|
Klassifizierung
der Trusts [2] |
1904 |
1908 |
|
Zahl der aufgekauften und kontrollierten Gesellschaften |
Summe des Kapitals in Aktien und Obligationen
(in Dollars) |
Zahl der aufgekauften und kontrollierten Gesellschaften |
Summe des Kapitals in Aktien und Obligationen
(in Dollars) |
|
Die sieben größten industriellen Trust |
1.524 |
2.602.752.100 |
1.638 |
2.708.438.754 |
|
Die kleineren industriellen Trusts |
3.426 |
4.055.039.433 |
5.038 |
8.243.175.000 |
|
Trusts im Prozeß der Reorganisation |
282 |
528.551.000 |
- |
- |
|
Industrielle Trusts insgesamt |
5.232 |
7.246.342.533 |
6.676 |
10.951.613.754 |
|
Konzessionierte Unternehmungen |
1.336 |
3.735.456.071 |
2.599 |
7.789.393.600 |
|
Gruppe der größten Eisenbahngesellschaften |
1.040 |
9.397.363.907 |
745 |
12.931.154.010 |
|
Insgesamt |
7.608 |
20.379.162.511 |
10.020 |
31.672.161.364 |
Nach Poors Manual of Corperations und Poors
Manual of Railroads für 1910 beträgt die zweite Gesamtsumme 33,3
Milliarden Dollar. [3] Bereits
1900 war der Anteil der Trusts an der "nationalen" Produktion sehr
hoch. Er betrug: in der Textilindustrie 50 Prozent der
Gesamtproduktion, in der Glasindustrie 54 Prozent, in der
Papierindustrie und im Druckereigewerbe 60 Prozent, in der
Nahrungsmittelindustrie 62 Prozent, in der Produktion
alkoholischer Getränke 72 Prozent, in der Metallindustrie (außer
Eisen und Stahl) 77 Prozent, in der chemischen Industrie 81
Prozent, in der Eisen- und Stahlindustrie 84 Prozent.
[4] Seit dieser Zeit ist ihr
Anteil bedeutend gewachsen, so daß der Prozeß der Konzentration
und Zentralisation des Kapitals in den Vereinigten Staaten mit
fabelhafter Schnelligkeit erfolgt.
In der Tat, es machen sich nur wenige Kenner
der jüngsten Entwicklung der finanziellen Organisationen der
Großproduktion und der Handelszweige eine Vorstellung von der
gewaltigen Konzentration und Beherrschung von differenzierten
oder kombinierten Großunternehmungen, welche oft über eine
einzelne Volkswirtschaft hinaus die produktiven Kräfte
zusammenfassen. [5]
Es ist im Rahmen dieser Arbeit unmöglich, auch
nur eine Aufzählung der wichtigsten Trusts in den verschiedenen
Industrien zu geben. Wir bemerken nur, daß an der Spitze der
Bewegung zwei Mammuttrusts stehen, der Petroleumtrust (die
Standard Oil Company) und der Stahltrust (die United States Steel
Corporation), die den beiden Finanzgruppen Rockefeller und Morgan
entsprechen.
Die Bewegung des Großkapitals in Deutschland geht in gleicher
Weise vor sich. Im Jahre 1905 zählte die offizielle Statistik 385
Kartelle in den verschiedensten Produktionszweigen auf.
[6] Der bekannte Theoretiker
und Praktiker der Kartellbewegung in Deutschland, Dr. Tschierschky,
zählt 500-600 deutsche Kartelle auf.
[7] Die größten sind: das
Rheinisch-Westfälische Kohlensyndikat und der Stahlwerksverband.
Nach den Angaben von Raffalovich erzeugte das Kohlensyndikat im
Jahre 1909 im Dortmunder Revier 85 Millionen Tonnen Kohle, während
alle Außenseiter (das heißt die außerhalb des Syndikats Stehenden)
nur 4.200.000 (das heißt 4,9 Prozent) erzeugten.
[8] Im Januar 1913 betrug die
Kohlenerzeugung des Syndikats 92,6 Prozent der Gesamterzeugung des
Ruhrgebiets und 54 Prozent der Gesamterzeugung im Reiche. Der
Stahlwerksverband produzierte bis zu 43 und 44 Prozent der
Gesamtproduktion des Landes. Das Syndikat der Zuckerraffinerien,
das 47 Unternehmungen umfaßt, weist eine sehr hohe Ziffer auf (70
Prozent des inländischen und 80 Prozent des ausländischen
Absatzes. [9] Der
Elektrizitätstrust (die "Interessengemeinschaft" der beiden Trusts
Siemens-Schuckert und AEG) liefert 40 Prozent aller erzeugten
Energie usw.
Weniger imposant sind die monopolistischen Organisationen in
anderen Ländern, aber absolut und nicht im Vergleich zu den
Vereinigten Staaten und Deutschland genommen, ist auch hier der
Syndizierungsprozeß sehr bedeutend.
In
Frankreich gibt es eine große Anzah1 von Syndikaten in
der Hüttenindustrie, in der Zucker-, Glas, Papier-, Petroleum-,
der chemischen, der im Steinkohlenbergbau usw. Besonders bedeutend
sind Le Comptoir de Longwy, das fast das gesamte in Frankreich
erzeugte Roheisen verkauft, das Zuckersyndikat, das den Markt fast
völlig beherrscht, die Société Générale des Glaces de St. Gobain,
die gleichfalls eine fast absolute Monopolstellung einnimmt usw.;
es muß auch eine Reihe von landwirtschaftlichen Syndikaten genannt
werden, denen die landwirtschaftlichen Genossenschaften sehr
nahestehen [10], und auch
große Organisationen in der Transportindustrie: drei
Dampfergesellschaften (die Compagnie Générale de Transatlantique,
die Compagnie des Messageries Maritimes und die Compagnie des
Chargeurs Réunis) umfassen 41,25 Prozent der gesamten
Handelsflotte Frankreichs. [11]
In
England, wo die monopolistische Bewegung aus einer ganzen Reihe
von Gründen lange Zeit, verhältnismäßig, trotz der starken
Konzentration der Industrie, überaus schwach entwickelt war, macht
gerade in der letzten Zeit die Vertrustung der Industrie ("amalgamations",
"associations", "investment trusts") kolossale Fortschritte.
Ähnlich wie die spezifischen Besonderheiten der englischen
Arbeiterbewegung bereits der Geschichte angehören, so gehört auch
die englische freie Konkurrenz der Geschichte an (wir werden
weiter sehen, daß die freie Konkurrenz auch im Sinne der
wirtschaftlichen Außenpolitik, das heißt als Politik des
Freihandels, immer mehr in den Hintergrund zu treten beginnt). Nur
Unkenntnis kann jetzt in England den Vertreter eines
wirtschaftlich ganz eigentümlichen Typus sehen. Wir wollen nur als
Beispiel einige Trusts anführen: der Trust für Portland Zement
(Association of Portland Cement Manufactures) umfaßt 89 Prozent
der "nationalen" Produktion; die Stahltrusts; die Trusts in der
Spiritusbrennerei, die Trusts der Tapetenfabriken (89 Prozent der
Landeserzeugung an Tapeten und anderen Dekorationsmaterialien);
der Trust der Kabelwerke (The Cable Makers’ Association - mit etwa
90 Prozent der Gesamterzeugung); der Salztrust (Salt Union - etwa
90 Prozent); The Fine Cottons Spinners’ and Doublers’ Trust (übt
die tatsächliche Kontrolle über fast die gesamte englische
Produktion aus); der Färbertrust und der Bleichertrust (Bleachers’
Association und The Dyers’ Association - etwa 90 Prozent);
Imperial Tobacco Company (etwa die Hälfte der Gesamtproduktion)
usw. [12]
In
Österreich gehören zu den größten Kartellen: das Kohlensyndikat in
Böhmen (90 Prozent her österreichischen Gesamterzeugung), das
Syndikat der Ziegeleien mit einer Gesamtproduktion von 400
Millionen Kronen (die Außenseiter nur 40 Millionen Kronen), das
Eisensyndikat, die Syndikate in der Erdölindustrie (Galizien 40
Prozent), Zuckerindustrie, Glasindustrie, Papierindustrie,
Textilindustrie usw.
Aber auch in einem so rückständigen und kapitalarmen Lande wie
Rußland ist allein die Zahl der Syndikate von höherem Typus und
der Trusts (nach den Angaben von Goldstein) größer als 100; außer
ihnen besteht eine Reihe lokaler Abkommen von weniger entwickeltem
Typus. Nennen wir die bedeutendsten
[13]: im Kohlenbergbau der
Produgol (60 Prozent der Erzeugung des Donezreviers); in der
Eisenindustrie 19 Syndikate; die bedeutendsten davon sind
Prodamiet (88-93 Prozent), Krowlja (60 Prozent der
Eisenblecherzeugung); Prodwagon (14 von 16 vorhandenen
Waggonfabriken); in der Erdölindustrie befindet sich fast die
gesamte Erzeugung in den Händen von vier miteinander verbundenen
Gesellschaften; wir nennen noch das Kupfersyndikat (90 Prozent),
das Zuckersyndikat (100 Prozent), die Abkommen der
Textilindustriellen, den Tabaktrust (57-58 Prozent), das
Zündholzsyndikat usw. usw.
Sehr stark sind die Syndikate in Be1gien entwickelt; aber auch so
junge Länder, wie z.B. Japan, haben gleichfalls den Weg der
Bildung kapitalistischer Monopole beschritten. Die alten
Produktionsformen des Kapitalismus haben sich somit radikal
verändert.
Nach den Berechnungen von E. Laue entfallen von den in den
industriellen Unternehmungen aller Länder der Welt in einer
Gesamthöhe von 500 Milliarden Franken angelegten Kapitalien 225
Milliarden, das heißt fast die Hälfte auf die kartellierte und
vertrustete Produktion (auf die einzelnen Länder verteilt
sind dieses Kapital - die Zahlen sind wahrscheinlich zu gering
angesetzt - folgendermaßen: Amerika 100 Milliarden Franken.
Deutschland - 50 Milliarden Franken, Frankreich - 30 Milliarden
Franken, Österreich-Ungarn - 25 Milliarden Franken usw.
[14] Das zeigt eine
vollkommene Umwandlung der alten Verhältnisse innerhalb dieser
Länder, was notwendigerweise zu weittragenden Änderungen in ihren
gegenseitigen Beziehungen führen mußte.
Allerdings beschränkt sich das nicht allein auf den Prozeß der
Organisation innerhalb der einzelnen Produktionszweige. Es findet
ein fortwährender Prozeß ihrer Verbindung zu einem
System, ihrer Umwandlung in eine einheitliche Organisation statt.
Das geschieht vor allem durch Bildung von gemischten
Unternehmungen, das heißt von Unternehmungen, die die
Erzeugung von Rohstoffen und Fertigwaren, von Fertigwaren und
Halbfabrikaten usw. vereinigen; dieser Prozeß kann die
verschiedensten Produktionszweige erfassen und erfaßt sie auch, da
diese Produktionszweige bei der modernen Arbeitsteilung in
größerem oder geringerem Maße direkt oder indirekt von einander
abhängig sind. Wenn z.B. ein Trust neben dem Hauptprodukt auch ein
Nebenprodukt erzeugt, so besteht das Bestreben, auch dieses Gebiet
der Produktion zu monopolisieren; dadurch wird wiederum der Anstoß
zur Monopolisierung der Produktion derjenigen Produkte gegeben,
die dieses Nebenprodukt ersetzen; dann wird die Produktion der
Rohstoffe für dieses Nebenprodukt zum Objekt ähnlicher
Bestrebungen usw. usw. Es entstehen auf diese Weise die auf den
ersten Blick unverständlichen Kombinationen wie z.B. die
Verbindung von Eisen- und Zementindustrie, von Petroleum und
Traubenzuckerindustrie usw.
[15] Diese vertikale Konzentration und Zentralisation der
Produktion, so genannt zum Unterschied von der horizontalen, die
im Rahmen der einzelnen Produktionszweige erfolgt, bedeutet
einerseits eine Verminderung der gesellschaftlichen
Arbeitsteilung, (den sie vereinigt Arbeit, die bisher unter
einigen Unternehmungen verteilt war, in einer einzigen),
andererseits aber spornt sie im Gegenteil die Teilung der Arbeit
im Rahmen der neuen Produktionseinheiten an; der gesamte Prozeß
hat, gesellschaftlich genommen, die Tendenz, die "nationale"
Wirtschaft in ein einheitliches kombiniertes Unternehmen zu
verwandeln, in dem alle Produktionszweige organisatorisch
untereinander verbunden sind.
Derselbe Prozeß erfolgt in bedeutendem Maße auch auf anderem Wege
und zwar durch das Eindringen des Bankkapitals in die
Industrie und durch Verwandlung des Kapitals in Finanzkapital.
Wir haben schon in den vorhergehenden Kapiteln gesehen, welche
kolossale Bedeutung die Beteiligung an industriellen
Unternehmungen und ihre Finanzierung hat. Aber die Finanzierung
ist ja gerade eine der Funktionen der modernen Banken.
Ein immer wachsender Teil des Kapitals der
Industrie gehört nicht den Industriellen, die es anwenden. Sie
erhalten die Verfügung über das Kapital nur durch die Bank, die
ihnen gegenüber den Eigentümer vertritt. Andererseits muß die
Bank einen immer wachsenden Teil ihrer Kapitalien in der
Industrie fixeren. Sie wird damit in immer größerem Umfange
Industrieller Kapitalist. Ich nenne das Bankkapital, also
Kapital in Geldform, das auf diese Weise in Wirklichkeit in
industrielles Kapital verwandelt wird, das Finanzkapital.
[16]
Mit Hilfe der verschiedenartigen Formen des
Kredits, des Besitzes von Aktien und Obligationen und der
unmittelbaren Gründertätigkeit tritt somit das Bankkapital in der
Rolle eines Organisators der Industrie auf, und diese Organisation
der Gesamtproduktion des ganzen Landes ist um so stärker, je
stärker die Konzentration der Industrie einerseits, die
Konzentration der Banken andererseits ist. Diese letzte hat schon
ungeheuren Umfang angenommen. Es genügt, folgende Beispiele
anzuführen: In Deutschland wird das Bankgeschäft praktisch durch
sechs Banken monopolisiert: die Deutsche Bank, die
Diskonto-Gesellschaft, die Darmstädter Bank, die Dresdner Bank,
die Berliner Handelsgesellschaft und der Schaffhausensche
Bankverein, deren Kapital im Jahre 1910 schon 1.122,6 Millionen
Mark betrug. [17] Wie
schnell die Macht dieser Banken angewachsen ist, zeigt die Zunahme
der Zahl ihrer Niederlassungen in Deutschland (dazu gehören die
Zentralstellen und Filialen, die Depositenkassen und Wechselstuben
und die ständigen "Beteiligungen" an deutschen Aktienbanken).
Diese Zahl veränderte sich folgendermaßen: 1895 - 42, 1896 - 48,
1900 - 80, 1902 - 127, 1905 - 194, 1911 - 450.
[18] In sechzehn Jahren ist
also die Zahl dieser Institutionen fast auf das Elffache
gestiegen.
In
Amerika gibt es nur zwei Banken dieser Art: die National
City Bank (Rockefeller) und die National Bank of Commerce
(Morgan). Eine unzählige Menge sowohl industrieller Unternehmungen
als auch anderer Banken, die untereinander auf die
verschiedenartigste Weise verflochten sind, ist von diesen beiden
Banken abhängig
Vom Umfang der Bankgeschäfte der Gruppen
Rockefeller und Morgan kann man sich eine annähernde Vorstellung
machen, wenn man berücksichtigt, daß die erste im Jahre 1908
3.350 nationale staatliche und andere Banken zu ihren Klienten
zählte und ihre Reserven aufbewahrte, die zweite mit 2.757
solcher Banken in Verbindung stand. Ohne die beiden Gruppen kann
kein einziger neuer Trust gegründet werden; sie haben ein
"Monopol für die Schaffung von Monopolen", "Monopoly of monopoly
making". [19]
Einer solchen eigenartigen wirtschaftlichen
Verbindung zwischen den verschiedenen Produktionszweigen und den
Banken entspricht auch eine besondere Form der obersten Leitung
von beiden. Und zwar leiten die Vertreter der Industriellen die
Banken und umgekehrt. Jeidels teilt mit, daß die sechs erwähnten
deutschen Banken im Jahre 1903 über 751 Sitze in Aufsichtsräten
industrieller Aktiengesellschaften verfügten.
[20] Und umgekehrt: in den
Aufsichtsräten dieser Banken sitzen (nach den letzten Mitteilungen
für Dezember 1910) 51 Vertreter dieser Industrie.
[21]
Was Amerika anbetrifft, so ist folgende Tatsache charakteristisch.
Aus einer Liste, die dem Senat bei der Erörterung des
Gesetzentwurfes über die Verbesserung des Bankwesens im Jahre 1908
(La Folette-Kommission) eingereicht wurde, ist ersichtlich, daß 89
Personen mehr als 2.000 Direktorposten in verschiedenen
Industrie-, Verkehrs- u.a. Gesellschaften bekleiden, wobei Morgan
und Rockefeller, direkt oder indirekt, fast alle diese
Unternehmungen kontrollieren.
[22]
Wir müssen hier noch die bedeutende Rolle der staatlichen und
kommunalen Unternehmungen erwähnen, die zum
"volkswirtschaftlichen" Gesamtsystem gehören. Zu den staatlichen
Unternehmungen gehören vor allem: ein Teil des Bergbaus, (in
Deutschland befanden sich z.B. im Jahre 1909 von 309 Kohlenzechen
mit einer Erzeugung von 149 Mill. Tonnen 27 mit einer Erzeugung
von 20,5 Mill. Tonnen in den Händen des Staates; der Gesamtwert
der staatlichen Produktion beträgt 235 Millionen Mark); hierher
gehören auch Salzbergwerke, Erzbergwerke usw. (der Wert der
Erzeugnisse dieser staatlichen Unternehmungen betrug im Jahre 1910
349 Millionen Mark brutto und 25 Millionen Mark netto)
[23]; dann Eisenbahnen
(eine ausschließlich privatwirtschaftliche Organisation des
Eisenbahnwesens bestand nur in England und auch da nur vor dem
Kriege); Post und Telegraphie usw. und die Forstwirtschaft. Zu den
kommunalen Unternehmungen, die eine große wirtschaftliche
Bedeutung haben, gehören vor allem Wasser-, Gas- und
Elektrizitätswerke aller Art.
[24] Zum allgemeinen System gehören auch die mächtigen
Staatsbanken. Die Formen der gegenseitigen Abhängigkeit
dieser "öffentlichen" und der privatwirtschaftlichen
Unternehmungen sind ziemlich vielfältig, wie ja die
wirtschaftlichen Beziehungen überhaupt vielfältig sind; eine große
Rolle spielt natürlich der Kredit. Besonders enge Beziehungen
entstehen auf dem Boden des Systems der sogenannten gemischten
Unternehmungen, wo die betreffende Unternehmung aus öffentlichen
und privatwirtschaftlichen Elementen besteht (Beteiligung großer,
gewöhnlich monopolistischer Firmen), eine Form, die häufig auf dem
Gebiete der Kommunalwirtschaft anzutreffen ist. Interessant ist
das Beispiel der deutschen Reichsbank. Diese Bank, deren
wirtschaftliche Rolle in Deutschland ungeheuer ist, ist derartig
innig mit der Privatwirtschaft verbunden, daß bis zum heutigen Tag
darüber gestritten wird, ob sie eine einfache Aktiengesellschaft
oder eine staatliche Institution sei, ob sie privatrechtlichen
oder öffentlich-rechtlichen Charakter habe.
[25]
Alle Teile dieses in einem bedeutenden Maße organisierten Systems
- die Kartelle, Banken, die staatlichen Unternehmungen - befinden
sich im Prozeß des unaufhörlichen gegenseitigen Zusammenwachsens;
dieser Prozeß wird in dem Maße schneller, wie die kapitalistische
Konzentration fortschreitet; die Kartellierung und Konzernierung
erzeugt sofort eine Interessengemeinschaft der die betreffenden
Unternehmungen finanzierenden Banken; die Banken sind daran
interessiert, daß die Konkurrenz unter den durch sie finanzierten
Unternehmungen aufhört; ebenso fördert jedes Zusammengehen der
Banken die Verbindungen zwischen den industriellen Gruppen;
schließlich geraten auch die staatlichen Unternehmungen in eine
immer größere Abhängigkeit von den großen finanziellen und
industriellen Gruppen und umgekehrt. So treiben die einzelnen
Sphären des Prozesses der Konzentration und Organisation einander
vorwärts und erzeugen eine außerordentlich starke Tendenz zur
Umwandlung der gesamten nationalen Wirtschaft in eine
gewaltige kombinierte Unternehmung unter der Leitung der
Finanzmagnaten und des kapitalistischen Staates, in eine
Wirtschaft , die den nationalen Markt monopolisiert und eine
Voraussetzung der organisierten Produktion in ihrer höchsten
nichtkapitalistischen Form darstellt.
Der Weltkapitalismus, das Weltsystem der Produktion gestaltet sich
folglich in der letzten Zeit folgendermaßen: einigen
zusammengeballten organisierten Wirtschaftskörpern (den
"zivilisierten Großmächten") steht die Peripherie der
unentwickelten Länder mit agrarischer oder halbagrarischer
Struktur gegenüber. Der Prozeß der Organisation (die übrigens gar
nicht der Zweck oder der treibende Beweggrund der Herren
Kapitalisten ist, wie das ihre Ideologen behaupten, sondern nur
das objektive Ergebnis ihres Strebens nach maximalen Profit) hat
die Tendenz, die "nationalen" Grenzen zu überschreiten; aber hier
sind Hindernisse vorhanden, die sehr viel wesentlicher sind. Es
ist erstens viel leichter, die Konkurrenz im nationalen Rahmen zu
überwinden, als im internationalen Rahmen (internationale Abkommen
entstehen gewöhnlich aus der Grundlage von bereits vorhandenen
nationalen Monopolen); zweitens lassen die vorhandenen
Unterschiede der wirtschaftlichen Struktur und folglich auch der
Produktionskosten Vereinbarungen für die fortgeschrittenen
"nationalen" Gruppen unvorteilhaft erscheinen; drittens ist
die Verbundenheit mit dem Staate und seinen Grenzen selbst ein
immer größer werdendes Monopol, das zusätzliche Profite
gewährleistet.
Von den Faktoren letzter Art untersuchen wir zunächst die
Zollpolitik.
Ihr Charakter hat sich vollkommen geändert. War der Zweck der
Zölle früher die Verteidigung, so gegenwärtig der Angriff; wurden
früher solche Waren mit Zöllen belegt, deren Erzeugung im Lande
selbst so unentwickelt war, daß sie der Konkurrenz auf dem
Weltmarkte nicht standhalten konnte, so werden jetzt gerade die
konkurrenzfähigsten Produktionszweige "geschützt".
Friedrich List, der Apostel der Schutzzollpolitik sprach in seinem
Buch Das nationale System der politischen Oekonomie von
Erziehungszöllen, die zudem nur eine zeitweilige Maßregel
darstellen sollten. Es heißt bei ihm:
Wir haben hier nur von der
Douanengesetzgebung als Mittel zur industriellen Erziehung zu
sprechen ... Schutzmaßregeln sind nur zum Zwecke der Förderung
und Beschützung der inneren Manufakturkraft und nur bei Nationen
zu rechtfertigen, welche ... durch einen hohen Grad von
Zivilisation und politischer Ausbildung berufen sind. mit den
ersten Agrikulturmanufakturhandelsnationen, mit den größten See-
und Landmächten gleichen Rang zu behaupten.
[26]
Jetzt kommt so etwas, trotz aller
Versicherungen einiger bürgerlicher Gelehrter, nicht in Frage. Die
moderne Politik des Hochschutzzolles ist nichts anderes als die
staatliche Formel für die Wirtschaftspolitik der Kartelle; die
modernen Zölle sind Kartellzölle, sind ein Mittel, um den
Kartellen zusätzliche Profite zu sichern. Es ist in der Tat ganz
klar, daß die "Produzenten" die Preise auf dem inneren Markt um
den ganzen Betrag des Zolls erhöhen können, wenn die Konkurrenz
auf dem inneren Markte ausgeschaltet oder auf ein Mindestmaß
reduziert ist. Aber dieser zusätzliche Profit schafft die
Möglichkeit, die Waren auf dem auswärtigen Markt zu Preisen
abzusetzen, die unter den Selbstkosten liegen, zu
"Schleuderpreisen". So entsteht die eigenartige Ausfuhrpolitik der
Kartelle (das Dumping). Alles dies erklärt auch die auf den ersten
Blick seltsame Erscheinung, daß die modernen Zölle auch die
exportierende Industrie "schützen". Schon Engels war sich über den
Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Kartelle und den
modernen Zöllen in ihrer spezifischen Besonderheit durchaus im
klaren:
Die Tatsache - so schrieb er -, daß die rasch
und riesig anschwellenden modernen Produktivkräfte den Gesetzen
des kapitalistischen Warenaustausches. Innerhalb deren sie sich
bewegen sollen, täglich mehr über den Kopf wachsen - diese
Tatsache drängt sich heute auch dem Bewußtsein der Kapitalisten
selbst mehr und mehr auf. Dies zeigt sich namentlich in zwei
Symptomen. Erstens in der neuen allgemeinen Schutzzollmanie,
die sich von der alten Schutzzöllnerei besonders dadurch
unterscheidet, daß sie gerade die exportfähigen Artikel am
meisten schützt. Zweitens in den Kartellen (Trusts)
der Fabrikanten ganzer großer Produktionssphären zur Regulierung
der Produktion und damit der Preise und Profite.
[27]
Aber gerade unsere Zeit hat einen Riesenschritt
in dieser Richtung gemacht und die konsolidierte Industrie, in
erster Linie die Schwerindustrie, tritt als eifrigste Anhängerin
der Hochschutzzölle auf, denn je höher der Zoll, desto größer ist
der zusätzliche Profit, desto schneller können neue Märkte erobert
werden, desto größer ist die gewonnene Profitmasse. Eine Schranke
wird hier nur gebildet durch einen Rückgang der Nachfrage, der
nicht mehr durch höhere Preise zu kompensieren ist, aber auch in
diesem Rahmen ist die Steigerungstendenz eine unbestrittene
Tatsache.
Wenn wir jetzt die Weltwirtschaft betrachten, dann zeigt zeigt
sich folgendes Bild. Die Kartellzölle und das Dumping der
fortgeschrittenen Länder rufen den Widerstand der rückständigen
Länder hervor, die ihre Abwehrzölle erhöhen
[28]; und umgekehrt: die
Erhöhung der Zölle durch die rückständigen Länder bildet einen
weiteren Ansporn zu einer noch größeren Erhöhung der Kartellzölle,
die das Dumping erleichtern; es braucht hier nicht gesagt zu
werden, daß dieselbe Wechselwirkung auch bei anderen Kombinationen
erfolgt: in den Beziehungen der fortgeschrittenen Länder
untereinander ebenso wie in den Beziehungen unter rückständigen
Ländern. Diese endlose Schraube, die durch das Wachstum der
Kartellorganisationen ständig weitergedreht wird, hat jene
"Schutzzollmanie" erzeugt, von der Engels gesprochen hat, und die
heute noch viel stärker geworden ist.
Seit Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ist allen
Ländern mit moderner Entwicklung eine Abkehr vom Freihandel zu
beobachten, die sich schnell aus der "Erziehung" der Industrie in
einen Schutz der Kartelle verwandelt und in die moderne Politik
der Hochschutzzölle ausmündet.
In
Deutschland bildet der Zolltarif von 1879 diesen
Wendepunkt, seit dieser Zeit haben wir hier eine unaufhörliche
Zunahme der Zollsätze (man vergleiche z.B. den Tarif von 1902 und
die späteren); in Österreich erfolgte diese Wendung im
Jahre 1878, die weiteren Tarife zeigen ebenfalls eine Tendenz zur
Steigerung (besonders die Tarife von 1882, 1887, 1906 usw.); in
Frankreich wird der entscheidende Schritt in der Richtung
der Schutzzollpolitik mit dem Generaltarif von 1881 gemacht, der
die Zölle für Industriewaren um 24 Prozent erhöhte; es ist hier
noch der hochschutzzöllnerische Tarif von 1892 zu erwähnen (Zölle
auf Industriewaren in einer Höhe von 69 Prozent ihres Wertes, auf
landwirtschaftliche Erzeugnisse in einer Höhe von 25 Prozent) und
die "Revision" dieses Tarifs im Jahre 1910; in Spanien
enthält bereits der Tarif von 1877 hohe Zölle für Industriewaren;
besondere Aufmerksamkeit verdient der Tarif von 1906, der die
Zollsätze allgemein erhöhte. In den Vereinigten Staaten,
dem klassischen Lande der Trusts und der modernen Zollpolitik
kommen die charakteristischsten Züge des Schutzzollwesens
besonders kraß zum Ausdruck. Die Erhöhung der Zölle, die mit der
Entwicklung der Trusts beginnt im Jahre 1883; sie erreichte damals
40 Prozent des Wertes der verzollbaren Waren. 1873/74 betrugen sie
38 Prozent, 1887 47,11 Prozent, 1890 (MacKinley Bill) kam eine
weitere Erhöhung (91 Prozent für Wollwaren, für besonders feine
Sorten sogar bis zu 150 Prozent ihres Wertes); für eingeführte
Metalle 40-80 Prozent usw. [29];
dann kam die Dingley Bill (1897) und als eine der krassesten
Erscheinungen der Tendenz zur Steigerung der Zölle der Payne-Tarif
von 1909. England, diese Zitadelle des Freihandels, macht
eine Epoche des Umschwungs durch; immer entschiedener und
hartnäckiger wird die Forderung nach einer "Tarifreform" erhoben,
nach einer Ersetzung des free trade (des freien Handels) durch
einen fair trade (einen "gerechten" Handel), das heißt durch ein
Schutzzollsystem (siehe z.B. die Tätigkeit Chamberlains, der
Imperial Federation League und der United Empire League usw.). Das
System der Vorzugstarife im Verkehr zwischen Metropole und
Kolonien ist eine teilweise Verwirklichung dieser Bestrebungen. Im
Jahre 1898 führte Kanada Vorzugstarife für die Metropole ein; 1900
und 1906 wurden diese Tarife vervollständigt und "verbessert";
jetzt betragen die Ermäßigungen 10-15 Prozent gegenüber den
ausländischen Waren. Im Jahre 1903 folgten die südafrikanischen
Kolonien dem Beispiel Kanadas (6¼ bis 25 Prozent), 1903 und 1907
schließt sich Neuseeland ihnen an; im Jahre 1907 Australien (5-10
Prozent). Auf den sogenannten Reichskonferenzen (das heißt den
Konferenzen der Vertreter der Kolonien und der britischen
Regierung) kommen immer mehr schutzzöllnerische Ansichten zum
Ausdruck. "Nur ein Denker zweiten Ranges kann jetzt Anhänger des
Freihandels und zugleich Optimist in bezug auf England sein," so
erklärt mit der unbegrenzten Selbstzufriedenheit des Bourgeois der
bekannte Gelehrte Ashley, der damit die Stimmungen der
Herrschenden Klassen Englands zum Ausdruck bringt.
[30]
Der Krieg hat hier bekanntlich den Schlußstrich gezogen und der
Schutzzoll ist zur Tatsache geworden. Schließlich müssen wir auch
die außerordentlich hohen Zollsätze Rußlands erwähnen.
Seit 1877 - so schreibt Herr Kurtschinski -
wird eine neue Richtung eingeschlagen ... die einen immer
deutlicheren Übergang zu einem hochschutzzöllnerischen Tarif
darstellt, der später ständig steigt. Im Jahre 1877 wurde diese
Erhöhung durch den Übergang zur Erhebung der Zölle in Goldvaluta
bewirkt, was sie mit einem Male um etwa 40 Prozent steigerte.
Die folgenden Jahre brachten weitere Erhöhungen der Sätze für
eine ganze Reihe von Waren im Sinne einer immer weiter
ausgedehnten Anwendung der schutzzöllnerischen Grundsätze; im
Jahre 1800 wurden alle Zölle um 20 Prozent erhöht. Den Abschluß
dieser Entwicklung stellte der überschutzzöllnerische Tarif von
1891 dar, auf Grund dessen die Zollsätze für viele Waren im
Vergleich zum Tarif von 1868 um 100 bis 300 Prozent und
sogar noch mehr erhöht wurden. [Von mir unterstrichen.
N.B.] Der heute gültige Zolltarif ist ... im Jahre 1903
veröffentlicht worden und am 16. Februar 1906 in Kraft getreten.
Zahlreiche Zollsätze sind durch ihn erhöht worden ...
(Von mir unterstrichen. N.B.)
[31]
Es unterliegt somit keinem Zweifel, daß eine
allgemeine Tendenz zur Absperrung der "nationalen Wirtschaften"
durch hohe Zollmauern vorhanden ist. Das wird keinesfalls durch
den Umstand widerlegt, daß in manchen Fällen auch eine Senkung der
Sätze und gegenseitige Konzessionen bei Handelsverträgen usw.
vorkommen; das alles sind aber nur Ausnahmen, die einen
zeitweiligen Stillstand, einen Waffenstillstand im unaufhörlichen
Kriege darstellen. Die allgemeine Tendenz wird dadurch
keinesfalls aufgehoben, denn sie ist keine einfache empirische
Tatsache, keine Zufallserscheinung, die für die modernen
Verhältnisse unwesentlich ist; im Gegenteil, es ist gerade die
Struktur des neuesten Kapitalismus, die diese Form der
Wirtschaftspolitik erzeugt; mit ihr steht und fällt diese.
Die bedeutende wirtschaftliche Rolle, die die Zölle heute spielen,
bringt auch einen aggressiven Charakter der Politik des "modernen
Kapitalismus" mit sich. In der Tat erhalten die monopolistischen
Organisationen dank den Zöllen jetzt zusätzliche Profite, die sie
auch als Ausfuhrprämien im Kampf um die Märkte benutzen (Dumping).
Dieser zusätzliche Profit kann im allgemeinen auf zwei Wegen
entstehen: erstens durch einen intensiveren inneren Absatz im
eigenen Staatsgebiet; zweitens durch Erweiterung dieses Gebiets.
Was aber den ersten Weg anbelangt, so bildet hier die
Aufnahmefähigkeit des inneren Marktes eine Schranke; es ist
unmöglich sich vorzustellen, daß die Großbourgeoisie beginnen
könnte, den Anteil der Arbeiterklasse zu erhöhen, um sich so an
den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen. Sie versucht als guter
Geschäftsmann den anderen Weg zu gehen, den Weg der Ausdehnung des
Wirtschaftsgebiets. Je größer das Wirtschaftsgebiet, desto größer
ist unter sonst gleichen Bedingungen der zusätzliche Profit, desto
leichter ist es, Ausfuhrprämien zu bezahlen und ein Dumping zu
praktizieren, desto größer ist der auswärtige Absatz, desto höher
die Profitrate. Nehmen wir an, daß der Anteil der ausgeführten
Waren im Vergleich zum inneren Absatz außerordentlich groß ist; es
ist dann unmöglich, die Verluste, die durch den Verkauf zu
Schleuderpreisen auf dem auswärtigen Markt entstehen, durch
Monopolpreise auf dem inneren Markte zu kompensieren - das Dumping
wird sinnlos. Umgekehrt erlaubt ein richtiges Verhältnis zwischen
innerem und auswärtigem Absatz die Herauspressung eines
Höchstmaßes von Profit. Dies ist aber nur bei einem gewissen
Umfang des inneren Marktes möglich, der bei gleicher Intensität
der Nachfrage durch den Umfang des Gebietes bestimmt wird, das
innerhalb der Zollgrenzen und folglich auch der staatlichen
Grenzen liegt. Wenn es früher in der Epoche der freien Konkurrenz
genügte, daß die Waren einfach auf den fremden Märkten Eingang
fanden und eine solche wirtschaftliche Okkupation die Kapitalisten
des ausführenden Landes zufriedenstellen konnte, so erfordern
die Interessen des Finanzkapitals in unserer Epoche vor allem, daß
das eigene Staatsgebiet ausgedehnt wird, d.h. sie diktieren eine
Eroberungspolitik, einen unmittelbaren Druck der bewaffneten
Macht, " imperialistischen Eroberungen". Es ist aber ganz
selbstverständlich, daß dort, wo das alte liberale System des
freien Handels infolge von besonderen geschichtlichen Bedingungen
zu einem bedeutenden Teile aufrechterhalten blieb, und wo
andererseits das Staatsgebiet genügend groß ist, neben die
Eroberungspolitik das Bestreben tritt, die zersplitterten Teile
des staatlichen Organismus zu vereinigen, die Kolonien mit den
Metropolen zu verschmelzen, ein ungeheures einheitliches
"Imperium" mit einer gemeinsamen Zollmauer zu schaffen. Dies
trifft für den englischen Imperialismus zu. Auch das ganze Gerede
von der Bildung, eines mitteleuropäischen Zollverbandes hat keinen
anderen Zweck als die Schaffung eines ungeheuren
Wirtschaftsgebietes, das ein monopolistisches Mittel für die
Konkurrenz auf dem auswärtigen Markte darstellen soll. In
Wirklichkeit ist dieser Plan ein Produkt der Interessen und der
Ideologie des Finanzkapitals, das, indem es in alle Poren der
Weltwirtschaft eindringt, zugleich eine äußerst starke Tendenz zur
Abschließung der nationalen Organismen, zur wirtschaftlichen
"Autarkie" als einem Mittel zur Befestigung seiner Monopolstellung
erzeugt. So erfolgt parallel mit der Internationalisierung des
Kapitals ein Prozeß der "nationalen" Zusammenballung des Kapitals,
ein Prozeß seiner "Nationalisierung", der äußerst folgenschwer
ist. [32]
Dieser Prozeß der "Nationalisierung" des Kapitals, d.h. die
Schaffung von gleichartigen, in staatliche Grenzen
eingeschlossenen, einander schroff gegenüberstehenden
wirtschaftlichen Organismen wird auch durch Veränderungen in den
drei großen Sphären der Weltwirtschaft angespornt: in der Sphäre
der Absatzmärkte, der Sphäre der Rohstoffmärkte und der Sphäre der
Kapitalanlagen. Wir müssen deshalb die Veränderungen in den
Bedingungen der Reproduktion des Weltkapitals von diesen drei
Standpunkten aus analysieren.
Anmerkungen
1.
Wir können hier die Unterschiede zwischen diesen Formen nicht
ausführlich behandeln. Für unsere Aufgabe genügt es zu
sagen, daß wir keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Kartell
und Trust erblicken und im Trust nur die zentralisiertere Form
derselben Erscheinung sehen. Jegliche (rein formale) Versuche (wie
z.B. Eduard Heilmann: Über Individualismus und Solidarismus in
der kapitalistischen Konzentration im
Jafféschen Archiv,
Bd.39, Heft 3), einen grundsätzlichen Unterschied zwischen dem
"autokratischen" Trust und dem "demokratischen" Syndikat (oder
Kartell) zu machen, berühren das Wesen der Dinge, das sich aus der
Rolle dieser Gebilde in der Sozialwirtschaft ergibt, nicht im
geringsten. Daraus folgt aber nicht, daß zwischen ihnen keinerlei
Unterschiede bestünden, und in einem gewissen Sinne müssen diese
Unterschiede gemacht werden. Keinesfalls sind sie aber durch
Gegenüberstellung des "demokratischen" und des "autokratischen"
Prinzips zu finden (siehe die entsprechenden Kapitel im
Hilferdingschen Finanzkapital).
Kurz gesagt läuft dieser Unterschied darauf hinaus, daß im
"Gegensatz zur Vertrustung ... die Kartellierung keineswegs die
Aufhebung der Interessengegensätze zwischen den einzelnen dem
Kartell angeschlossenen Werken" bedeutet (Hilferding
Organisationsmacht und Staatsgewalt,
Neue Zeit, 32. Jahrg.,
Bd. II, S.142).
2.
Prof. Nasarewski: Studien zur
Geschichte und Theorie der kollektiv-kapitalistischen Wirtschaft.
Syndikate, Trusts und gemischte Unternehmungen. Bd.1,
Teil 1, Studien zur Geschichte der Konzentration der
amerikanischen Industrie, Moskau 1912, S.318 u. 319.
3.
Ebenda. Siehe auch
George Renard u. A.A. Dubac:
L’évolution industrielle et agricole depuis cent cinquante ans,
Paris 1912, p. 204.
4.
I. Goldstein: Syndikate und
Trusts und die moderne Wirtschaftspolitik, M. 1912, S.51.
5.
Eugen von Philippovich, Monopole und Monopolpolitik in
Grünbergs Archiv für die
Geschichte des Sozialismus und Arbeiterbewegung. VI.
Jahrg. (1915). Heft 1, S.158.
6.
Liefmann: Kartelle und Trusts,
2. Aufl., Stuttgart 1910.
7.
Dr. Tschierschky: Kartell und
Trust, Leipzig (Göschen) 1911, S.52.
8.
A. Raffalovich: Les syndicats et les cartels en Allemagne en
1910 in Revue internationale
du commerce, de l’industrie et de la banque in der Nummer
vom 30. Juli 1911.
9.
Siehe auch Martin Saint-Léon:
Cartels et trusts, 3me édition, Paris 1909,
S.56.
10.
Martin Saint-Léon, ebenda,
S.89ff.
11.
G. Lecarpentier: Commerce
maritime et marine marchande, Paris 1910, S.165.
12.
Hermann Levy: Monopoly and
Competition, London 1911, S.222-267.
13.
Die Angaben sind entnommen den Arbeiten von L. Kafengaus:
Die Syndikate in der russischen
Eisenindustrie; Goldstein,
a.a.O.; Sagorski,
a.a.O.
14.
Goldstein, ebenda, S.5.
15.
Nasarewski, a.a.O.,
S.354ff.
16.
Rudolf Hilferding: Das
Finanzkapital, S.283.
17.
Siehe W. Sombart: Die deutsche
Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert, 3. Aufl.,
Berlin 1913, Kap.X; nach neueren Zeitungsmeldungen (Berliner
Vorwärts) hat die
Diskontogesellschaft den Schaffhausenschen Bankverein bereits
verschlungen.
18.
Riesser: Die deutschen Großbanken,
Beilage VIII. S.745.
19.
Nasarewski, a.a.O.,
S.362.
20.
Parvus (der "ursprüngliche" Parvus),
Der Staat, die Industrie und der
Sozialismus, S.77; Riesser,
a.a.O., Beilage IV,
S.651ff.
21.
Riesser, ebenda, S.501.
22.
Nasarewski, a.a.O.,
S.349ff.
23.
K.Th. v. Eheberg:
Finanzwissenschaft.
24.
Siehe Kommunales Jahrbuch,
1913/14, herausgegeben von Lindemann, Schwander u. Sidekum,
S.566ff.
25.
Siehe Willy Baumgart: Unsere
Reichsbank, ihre Geschichte und ihre Verfassung, Berlin
1915. Die Bedeutung des Staates, als Organisators der Industrie,
ist während des Krieges außerordentlich gewachsen. Wir werden
später, bei der Behandlung der Frage der Zukunft der nationalen
und der Weltwirtschaft, darauf eingehen.
26.
Friedrich Lists Gesammelte
Schriften, Das nationale
System der politischen Oekonomie, Stuttgart u. Tübingen
1851, S.302 u. 303.
27.
Karl Marx: Kapital Bd.
III, I. S.97 (Fußnote von Engels, Unterstreichungen von mir.
N.B.) Alles das hindert J. Grunzel nicht, die erwähnten
Erscheinungen gründlich zu mißverstehen. Siehe seine
Handelspolitik, den IV.
Band des Grundriß der
Wirtschaftspolitik, S.76. Die Gerechtigkeit erfordert
aber die Feststellung, daß der Unterschied zwischen
Erziehungszöllen und Kartellzöllen ein Gemeinplatz der
ökonomischen Literatur von Brentano bis Hilferding ist. Siehe z.B.
Josef Hellauer, System der
Welthandelslehre, Bd.1, 1910, S.37; Tschierschky,
a.a.O., S.86 usw.
28.
Es darf nicht vergessen werden, daß, wenn wir von der Politik usw.
der Länder sprechen, wir darunter die Politik der
Regierungen und bestimmter sozia1er Kräfte, auf die
sich die Regierungen stützen, verstehen. Jetzt muß das leider noch
erwähnt werden, den der "nationalstaatliche Standpunkt, der
wissenschaftlich absolut unhaltbar ist", ist der Standpunkt von
solchen Leuten, wie z.B. Plechanow und Co.
29.
Issajew: Weltwirtschaft,
S.115 u. 116. Interessant sind übrigens die "Erklärungen" von
Prof. Issajew. Die Erhöhung der Tarife in den Jahren 1862-1864
erklärt er z.B. durch die »schutzzöllnerischen Neigungen der
Leute, die die amerikanischen Finanzen leiteten«. So heißt es bei
I. wörtlich (S.114 u. 115). Siehe auch Grunzel,
a.a.O.
30.
W.J. Ashley: La conférence imperiale britannique de 1907
in Revue économique
internationale, 1907, tome 4. p.477.
31.
Siehe die Ergänzungen von Kurtschinski zur russischen Übersetzung
von Ehebergs Finanzwissenschaft,
S.411. Übrigens sagt sogar Kurtschinski von der Erhöhung der
Zollsätze für deutsche Fabrikwaren im Jahre 1901, daß das "kaum
für die russische Volkswirtschaft vorteilhaft" sei (S.412). Er
verwechselt also die "Wirtschaft" nicht mit den "Wirten".
Das zur Beachtung für diejenigen, die "im Alter umlernen".
32.
Wenn wir von "nationalem" Kapital, "nationaler" Wirtschaft usw.
sprechen, meinen wir überall nicht das nationale Element im
eigentlichen Sinne des Wortes, sondern das staatlich-territoriale
Element des Wirtschaftslebens. |