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1. Die Reproduktion des Weltkapitals
und die Wurzeln der kapitalistischen Expansion. 2. Die
Überproduktion von Industrieprodukten, die Überproduktion von
landwirtschaftlichen Produkten und die Überproduktion von Kapital
- als die drei Seiten einer und derselben Erscheinung. 3. Der
Konflikt zwischen der Weltwirtschaft und dem Rahmen des
"nationalen" Staates. 4. Der Imperialismus als die Politik des
Finanzkapitals. 5. Die Ideologie des Imperialismus.
Die Reibungen und Konflikte zwischen den
"nationalen" Gruppen der Bourgeoisie, die im Schoße der modernen
Gesellschaft unvermeidlich entstehen, führen in ihrer weiteren
Entwicklung zum Kriege als zu der - vom Standpunkt der führenden
Kreise der Gesellschaft - einzig möglichen Lösung der Frage. Diese
Reibungen und Konflikte werden, wie wir gesehen haben, durch die
Veränderungen hervorgerufen, die in den Bedingungen der
Reproduktion des Weltkapitals erfolgt sind. Die kapitalistische
Gesellschaft, die auf einer ganzen Reihe von antagonistischen
Elementen beruht, kann nur durch schmerzhafte und jähe Wendungen
den Zustand eines relativen Gleichgewichts erreichen. Die
Anpassung der verschiedenen Teile des gesellschaftlichen
Organismus aneinander kann nur durch eine kolossale unproduktive
Verausgabung von Energie erfolgen; die gewaltigen faux frais
dieser Anpassung ergeben sich aus dem Charakter der
kapitalistischen Gesellschaft als solcher, d.h. als einer
bestimmten geschichtlichen Stufe der Entwicklung
überhaupt.
Wir haben die drei Hauptmotive der Eroberungspolitik der modernen
kapitalistischen Staaten aufgedeckt: die Verschärfung der
Konkurrenz im Kampfe um Absatzmärkte, Rohstoffmärkte und Sphären
für Kapitalanlage - sie ist die Folge der jüngsten Entwicklung des
Kapitalismus und seiner Umwandlung in den Finanzkapitalismus.
Aber diese drei Wurzeln der Politik des Finanzkapitals sind im
Grunde genommen nur drei Seiten ein und derselben Erscheinung:
des Konfliktes zwischen dem Wachstum der Produktivkräfte und der
"nationalen" Beschränktheit der Organisation der Produktion.
In
der Tat ist Überproduktion von Industrieprodukten
zugleich Unterproduktion von landwirtschaftlichen
Produkten. Die Unterproduktion von landwirtschaftlichen
Erzeugnissen ist in diesem Falle für uns insofern wichtig, als die
Nachfrage der Industrie nach diesen Erzeugnissen übermäßig ist,
d.h. daß ungeheure Massen von Produkten der verarbeitenden
Industrie nicht gegen landwirtschaftliche Erzeugnisse ausgetauscht
werden können und somit die Proportionalität der Produktion dieser
beiden Zweige der Volkswirtschaft gestört ist (und immer mehr
gestört wird). Und gerade aus diesem Grunde sucht die sich
ausdehnende Industrie nach einer agrarischen "wirtschaftlichen
Ergänzung", was unter kapitalistischen Bedingungen - und
insbesondere bei Bestehen der monopolisierenden Form des
Kapitalismus, d.h. des Finanzkapitals - unvermeidlich zur
Unterwerfung der agrarischen Länder und Anwendung militärischer
Mittel führt.
Es
war hier vom Warenaustausch die Rede. Aber auch der Kapitalexport
stellt keine isolierte Erscheinung dar. Er beruht, wie wir bereits
gesehen haben, auf einer relativen Überproduktion von Kapital.
Aber die Überproduktion von Kapital ist wiederum nichts anderes
als ein anderer Ausdruck für die Überproduktion von Waren
Überproduktion von Kapital - schreibt Marx -
heißt nie etwas anderes als Überproduktion von
Produktionsmitteln - Arbeits- und Lebensmitteln - die als
Kapital fungieren können, d.h. zur Ausbeutung der Arbeit zu
einem gegebenen Exploitationsgrad angewandt werden können ...
Übrigens besteht das Kapital ja aus Waren, und daher schließt
die Überproduktion von Kapital die von Waren ein.
[1]
Und umgekehrt: geht die Überproduktion von
Kapital zurück, so verringert sich auch der Umfang der
Überproduktion von Waren. Deshalb bewirkt der Kapitalexport, indem
er die Überproduktion von Kapital verringert, dadurch auch
gleichzeitig eine Verringerung der Überproduktion von Waren (wir
wollen hier bemerken. daß es einfache Warenausfuhr ist, wenn z.B.
eiserne Träger in ein anderes Land ausgeführt werden, um dort
verkauft zu werden; gründet aber die Firma, die die Träger
produziert, eine Unternehmung im Auslande und führt sie ihre Waren
zu deren Ausrüstung aus, so haben wir es in diesem Falle mit einem
Export von Kapital zu tun; das Kriterium ist also, ob ein Kaufakt
vorliegt oder nicht).
Aber außer der einfachen Verringerung der Überproduktion von
Waren, die dadurch bewirkt wird, daß Kapital in Warenform
ausgeführt wird, besteht auch ein weiterer Zusammenhang zwischen
dem Kapitalexport und dem Rückgang der Überproduktion von Waren.
Dieser Zusammenhang ist durch Otto Bauer sehr gut formuliert
worden.
So hat also - schreibt er - die Unterwerfung
wirtschaftlich rückständiger Länder unter die Ausbeutung der
kapitalistischen Klasse eines europäischen Landes zwei Reihen
von Wirkungen: unmittelbar Anlagesphären für das Kapital im
Kolonialland und dadurch auch vermehrte Absatzgelegenheit für
die Industrie des herrschenden Landes; mittelbar auch im
herrschenden Lande selbst neue Anlagesphären für das Kapital und
vermehrte Absatzgelegenheit für alle Industrien. Dadurch wird
die Menge des in jedem Augenblick totgelegten Kapitals im Lande
verringert; es steigen im die Preise, Profite, Löhne; so
erscheint also auch die kapitalistische Expansionspolitik als
ein gesamtwirtschaftliches Interesse.
[2]
Wenn wir also die Frage in ihrem ganzen Umfange
betrachten, und zwar von ihrer objektiven Seite, d.h. vom
Standpunkt der Anpassungsfähigkeit der modernen Gesellschaft, so
haben wir hier eine zunehmende Disharmonie zwischen der Grundlage
der gesellschaftlichen Wirtschaft im Weltausmaß und der
eigenartigen Klassenstruktur der Gesellschaft, deren
herrschende Klasse (die Bourgeoisie) in "nationale"
Gruppen mit einander widersprechenden wirtschaftlichen Interessen
gespalten ist; diese Gruppen, die sich in einem gemeinsamen
Gegensatz zum Weltproletariat befinden, konkurrieren gleichzeitig
miteinander im Prozeß der Verteilung des in der gesamten
Welt erzeugten Mehrwerts. Die Produktion hat
gesellschaftlichen Charakter. Die internationale Arbeitsteilung
verwandelt die einzelnen "nationalen" Spielarten in Teile eines
ungeheuren und allumfassenden Arbeitsprozesses, der fast die
gesamte Menschheit ergreift. Die Aneignung aber nimmt den
Charakter einer "national"-staatlichen Aneignung an, wobei als
ihre Subjekte die gewaltigen staatlichen Verbände der
finanzkapitalistischen Bourgeoisie fungieren. Im engen Rahmen der
staatlichen Grenzen erfolgt die Entwicklung der Produktivkräfte,
die bereits über diesen Rahmen hinausgewachsen sind. Unter diesen
Bedingungen entsteht ein unvermeidlicher Konflikt, der auf
kapitalistischer Grundlage durch die gewaltsame und blutige
Ausdehnung der staatlichen Grenzen gelöst wird, die ihrerseits
neue, noch gewaltigere Konflikte nach sich zieht.
Die sozialen Träger dieses Widerspruches sind die verschiedenen
staatlich organisierten Gruppen der Bourgeoisie mit ihren
widerspruchsvollen Interessen. Die Entwicklung des
Weltkapitalismus führt einerseits zu einer Internationalisierung
des Wirtschaftslebens und zu einer wirtschaftlichen Nivellierung,
andererseits aber - und in unermeßlich größerem Maße - erzeugt
derselbe Prozeß der wirtschaftlichen Entwicklung eine äußerste
Verschärfung der Tendenzen zu einer "Nationalisierung" der
kapitalistischen Interessen bis zur Bildung von
geschlossenen "nationalen" Gruppen, die vom Scheitel bis zur Sohle
bewaffnet und bereit sind, sich in jedem Augenblick auf einander
zu stürzen. Man kann die Hauptziele der modernen Politik nicht
besser definieren, als das Rudolf Hilferding getan hat:
Die Politik des Finanzkapitals verfolgt somit
drei Ziele: erstens Herstellung eines möglichst großen
Wirtschaftsgebiets. das zweitens durch Schutzzollmauern gegen
die ausländische Konkurrenz abgeschlossen und damit drittens zum
Exploitationsgebiet der nationalen monopolistischen
Vereinigungen wird. [3]
Die Ausdehnung des Wirtschaftsgebiets bringt
den "nationalen" Kartellen agrarische Gebiete und folglich auch
Rohstoffmärkte, sie erweitert die Absatzmärkte und die Sphären der
Kapitalanlage; die Zollpolitik gestattet es, die ausländische
Konkurrenz niederzuhalten, einen Extraprofit zu gewinnen und den
Sturmbock des Dumping in Gang zu setzen; das gesamte "System"
begünstigt die Erhöhung der Profitrate für die monopolistischen
Organisationen. Diese Politik des Finanzkapitals - das ist der
Imperialismus.
Eine solche Politik setzt gewalttätige Methoden voraus, denn eine
Ausdehnung des Staatsgebiets bedeutet Krieg. Aber daraus folgt
natürlich nicht die umgekehrte These, daß jeder Krieg und jede
Ausdehnung des Staatsgebiets eine imperialistische Politik zur
Voraussetzung hätten; das bestimmende Moment ist, daß der
betreffende Krieg ein Ausdruck der Politik des Finanzkapitals,
und zwar in dem von uns erwähnten Sinne ist. Wie überall, so
stoßen wir auch hier auf verschiedene Übergangsformen, deren
Vorhandensein jedoch keineswegs die grundlegende These aufhebt.
Deshalb sind z.B. die Versuche des bekannten italienischen
Nationalökonomen und Soziologen Achille Loria, zwei Begriffe des
Imperialismus zu konstruieren, die sich angeblich auf "ganz
verschiedene Verhältnisse" beziehen (des relations tout à fait
hétérogènes), grundfalsch. Loria unterscheidet
[4] zwischen ökonomischem
Imperialismus (l’impérialisme économique) und Handelsimperialismus
(l’impérialisme commercial). Das Objekt des ersten seien die
tropischen Länder; das Objekt des zweiten aber Länder, die sich
auch für europäische Kolonisierung eigneten; die Methode des
ersten sei die Waffengewalt, die des zweiten friedliche
Vereinbarungen (des accords pacifiques); der erste kenne keinerlei
Nuancen und Abstufungen; der zweite habe solche Nuancen, den neben
dem Maximum der voIlkommenen Assimilierung oder der einheitlichen
Zollunion seien hier auch unvollständige Verbindungen wie z.B.
Vorzugstarife zwischen Kolonien und Metropole usw. zu finden.
Das ist die Theorie von Loria. Es ist aber ganz klar, daß er sie
sie völlig aus dem Finger gesogen hat. Im Grunde genommen sind
"Handelsimperialismus" und "ökonomischer" Imperialismus, wie wir
das bereits gesehen haben, der Ausdruck einer und derselben
Tendenz. Wenn eine geschlossene Zollgrenze und eine Erhöhung der
Zollsätze in dem gegebenen Augenblick noch nicht zu einem
bewaffneten Konflikt geführt haben, so werden sie im nächsten
Augenblick einen solchen Konflikt zur Folge haben; man kann
deshalb nicht einen Gegensatz zwischen "friedlichen
Vereinbarungen" und "Waffengewalt" konstruieren (die friedlichen
Vereinbarungen zwischen England und den Kolonien bedeuten eine
Verschärfung der Beziehungen zwischen England und den anderen
Ländern); ebenso kann nicht von einem ausschließlich "tropischen"
Charakter des "ökonomischen" Imperialismus gesprochen werden: das
Schicksal Belgiens, Galiziens und das wahrscheinliche Schicksal
Südamerikas, Chinas, der Türkei und Persiens sind der beste Beweis
dafür.
Fassen wir zusammen: die Entwicklung der Produktivkräfte des
Weltkapitalismus hat in den letzten Jahrzehnten einen gewaltigen
Aufschwung genommen. Überall ist der Großbetrieb im Prozeß des
Konkurrenzkampfes als Sieger hervorgegangen und hat die
"Kapitalmagnaten" in einer ehernen Organisation zusammengefaßt,
die das gesamte Wirtschaftsleben beherrscht. Die Herrschaft wird
durch eine Finanzoligarchie ausgeübt, die die Produktion, welche
durch die Banken in einem Knotenpunkt zusammengefaßt wird, leitet.
Dieser Prozeß der Organisation der Produktion erfolgte von unten
auf und wurde im Rahmen der modernen Staaten verankert, die die
Interessen des Finanzkapitals direkt zum Ausdruck bringen. Jede im
kapitalistischen Sinne dieses Wortes entwickelte "Volkswirtschaft"
hat sich in eine Art von "national"-staatlichen Trust verwandelt.
Andererseits ist der Prozeß der Organisation der wirtschaftlich
fortgeschrittenen Teile der Weltwirtschaft von einer
außerordentlichen Verschärfung der gegenseitigen Konkurrenz
begleitet. Die Überproduktion von Waren, die eine Folge der
Zunahme der Großbetriebe ist, die Ausfuhrpolitik der Kartelle und
die Verengung der Absatzmärkte infolge der Kolonial- und
Zollpolitik der kapitalistischen Mächte, die zunehmende
Disproportionalität zwischen der kolossal entwickelten Industrie
und der rückständigen Landwirtschaft und schließlich die ungeheure
Zunahme des Kapitalexports und die wirtschaftliche Unterwerfung
ganzer Gebiete durch die "nationalen" Bankkonsortien - alles dies
treibt den Gegensatz zwischen den Interessen der "nationalen"
Gruppen des Kapitals auf die Spitze. Diese Gruppen finden in der
Stärke und Macht der staatlichen Organisation und in erster Linie
ihrer Heere und Flotten ihr letztes Argument. Eine starke Militär-
und Staatsmacht, das ist der letzte Trumpf im Kampfe der Mächte
untereinander. Die Fähigkeit zum Kampfe auf dem Weltmarkt hängt
somit von der Macht und Geschlossenheit der "Nation", von ihren
militärischen und finanziellen Hilfsquellen ab. Eine sich selbst
genügende staatlich-nationale und wirtschaftliche Einheit, die
ihre Großmachtstellung unermeßlich bis zur Weltherrschaft
erweitert, das ist das Ideal, das sich das Finanzkapital
geschaffen hat.
Mit harten, klaren Augen blickt er (der
Imperialist) auf das Gemenge der Völker und erblickt über ihnen
allen die eigene Nation. Sie ist wirklich, sie lebt in den
mächtigen, immer mächtiger und größer werdenden Staate und ihrer
Erhöhung gilt all sein Streben. Die Hingabe des Einzelinteresses
an ein höheres Allgemeininteresse, das die Bedingung jeder
lebensfähigen sozialen Ideologie ausmacht, ist damit gewonnen,
der volksfremde Staat und die Nation selbst zu einer Einheit
verbunden und die nationale Idee als Triebkraft in den Dienst
der Politik gestellt. Die Klassengegensätze sind verschwunden
und aufgehoben in dem Dienst der Gesamtheit. An Stelle des für
die Besitzenden ausweglosen, gefährlichen Kampfes der Klassen
ist die gemeinsame Aktion der zum gleichen Ziel nationaler Größe
vereinten Nation getreten. [5]
Die Interessen des Finanzkapitals erhalten
somit einen großartigen ideologischen Ausdruck. Es wird mit allen
Mitteln versucht, diese Ideologie auch der Arbeiterklasse
einzuimpfen, denn wie ein deutscher Imperialist von seinem
Standpunkt sehr richtig bemerkt, "man muß nicht bloß die Beine des
Soldaten, sondern auch seinen Geist und sein Gemüt in die Gewalt
bekommen". [6]
Anmerkungen:
1.
K. Marx: Kapital, Bd.
III, 1. T., S. 238 u. 239. Deshalb können die die Warenausfuhr
bestimmen (wie Absatz, Rohstoffe, Arbeitskräfte usw.) zugleich
auch die Kapitalausfuhr bestimmen. Siehe darüber Hermann
Schumacher: Weltwirtschaftliche
Studien. Leipzig 1911, Artikel Die Wanderungen der
Großindustrie in Deutschland und in den Vereinigten Staaten,
besonders S. 406 u. 407.
2.
Otto Bauer: Die
Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie, Wien 1907,
S. 469 u. 470.
3.
R. Hilferding: Das Finanzkapital,
S.412.
4.
Siehe Achille Loria: Les deux notions de l’impérialisme
in Revue économique
internationale, 1907, Bd. III, S. 459 ff.
5.
R. Hilferding: Das Finanzkapital,
S. 428 u. 429.
6.
Die deutsche Finanzreform der
Zukunft, Teil 3 von
Staatsstreich oder Reformen von einem Auslandsdeutschen.
Zürich 1907, S. 203. |