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Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem
Imperialismus und jenem ungeheuerlich widerwärtigen Sieg, den
der Opportunismus (in Gestalt des Sozialchauvinismus) über die
Arbeiterbewegung in Europa davongetragen hat?
Das ist die Grundfrage des heutigen
Sozialismus. Und nachdem wir 1. den imperialistischen
Charakter unserer Epoche und des gegenwärtigen Krieges, 2. den
unlösbaren historischen Zusammenhang zwischen
Sozialchauvinismus und Opportunismus wie auch ihren gleichen
ideologisch-politischen Gehalt in unserer Parteiliteratur
einwandfrei festgestellt haben, können und müssen wir zur
Analyse dieser Grundfrage übergehen.
Wir müssen mit einer möglichst genauen und
vollständigen Definition des Imperialismus beginnen. Der
Imperialismus ist ein besonderes historisches Stadium des
Kapitalismus. Diese Besonderheit ist eine dreifache: der
Imperialismus ist 1. monopolistischer Kapitalismus; 2.
parasitärer oder faulender Kapitalismus; 3. sterbender
Kapitalismus. Die Ablösung der freien Konkurrenz durch das
Monopol ist der ökonomische Grundzug, das Wesen des
Imperialismus. Der Monopolismus tritt in fünf Hauptformen
zutage: 1. Kartelle, Syndikate und Truste; die Konzentration
der Produktion hat eine solche Stufe erreicht, daß sie diese
monopolistischen Kapitalistenverbände hervorgebracht hat; 2.
die Monopolstellung der Großbanken: drei bis fünf Riesenbanken
beherrschen das ganze Wirtschaftsleben Amerikas, Frankreichs,
Deutschlands; 3. die Besitzergreifung der Rohstoffquellen
durch die Truste und die Finanzoligarchie (Finanzkapital ist
das mit dem Bankkapital verschmolzene monopolistische
Industriekapital); 4. die (ökonomische) Aufteilung der Welt
durch internationale Kartelle hat begonnen. Solcher
internationalen Kartelle, die den gesamten Weltmarkt
beherrschen und ihn "gütlich" unter sich teilen - solange er
durch den Krieg nicht neu verteilt wird -, gibt es schon über
hundert! Der Kapitalexport, als besonders charakteristische
Erscheinung zum Unterschied vom Warenexport im
nicht-monopolistischen Kapitalismus, steht in engem
Zusammenhang mit der wirtschaftlichen und der
politisch-territorialen Aufteilung der Welt; 5. die
territoriale Aufteilung der Welt (Kolonien) ist abgeschlossen.
Der Imperialismus als höchstes Stadium des
Kapitalismus Amerikas und Europas und in der Folge auch Asiens
hat sich in den Jahren 1898 bis 1914 voll herausgebildet. Der
Spanisch-Amerikanische Krieg (1898), der Burenkrieg
(1899-1902), der Russisch-Japanische Krieg (1904-1905) und die
Wirtschaftskrise in Europa im Jahre 1900 - das sind die
wichtigsten historischen Marksteine der neuen Epoche der
Weltgeschichte.
Daß der Imperialismus parasitärer oder
faulender Kapitalismus ist, zeigt sich vor allem in der
Tendenz zur Fäulnis, die jedes Monopol auszeichnet, wenn
Privateigentum an den Produktionsmitteln besteht. Der
Unterschied zwischen der republikanisch-demokratischen und der
monarchistisch-reaktionären imperialistischen Bourgeoisie
verwischt sich gerade deshalb, weil die eine wie die andere
bei lebendigem Leibe verfault (was eine erstaunlich rasche
Entwicklung des Kapitalismus in einzelnen Industriezweigen, in
einzelnen Ländern, in einzelnen Perioden keineswegs
ausschließt). Zweitens zeigt sich der Fäulnisprozeß des
Kapitalismus in der Entstehung einer gewaltigen Schicht von
Rentiers, Kapitalisten, die vom "Kuponschneiden" leben. In den
vier fortgeschrittensten imperialistischen Ländern - England,
Nordamerika, Frankreich und Deutschland - beträgt das in
Wertpapieren angelegte Kapital je 100 bis 150 Milliarden
Francs, was ein Jahreseinkommen von nicht weniger als 5 bis 8
Milliarden je Land bedeutet. Drittens ist Kapitalexport
Parasitismus ins Quadrat erhoben. Viertens "will das
Finanzkapital nicht Freiheit, sondern Herrschaft". Politische
Reaktion auf der ganzen Linie ist eine Eigenschaft des
Imperialismus. Korruption, Bestechung im Riesenausmaß,
Panamaskandale jeder Art. Fünftens verwandelt die Ausbeutung
der unterdrückten Nationen, die untrennbar mit Annexionen
verbunden ist, und insbesondere die Ausbeutung der Kolonien
durch ein Häuflein von "Groß"mächten die "zivilisierte" Welt
immer mehr in einen Schmarotzer am Körper der
nichtzivilisierten Völker, die viele hundert Millionen
Menschen zählen. Der römische Proletarier lebte auf Kosten der
Gesellschaft. Die heutige Gesellschaft lebt auf Kosten des
modernen Proletariers. Dieses treffende Wort Sismondis pflegte
Marx besonders hervorzuheben. Der Imperialismus verändert die
Sache etwas. Die privilegierte Oberschicht des Proletariats
der imperialistischen Mächte lebt zum Teil auf Kosten der
vielen Hundert Millionen Menschen der nichtzivilisierten
Völker.
Es ist begreiflich, warum der Imperialismus
sterbender Kapitalismus ist, den Übergang zum Sozialismus
bildet: das aus dem Kapitalismus hervorwachsende Monopol ist
bereits das Sterben des Kapitalismus, der Beginn seines
Übergangs in den Sozialismus. Die gewaltige Vergesellschaftung
der Arbeit durch den Imperialismus (das, was seine Apologeten,
die bürgerlichen Ökonomen, "Verflechtung" nennen) hat dieselbe
Bedeutung.
Mit dieser Definition des Imperialismus
geraten wir in vollen Widerspruch zu K. Kautsky, der es
ablehnt, im Imperialismus eine "Phase des Kapitalismus" zu
sehen, und der den Imperialismus als die Politik definiert,
die vom Finanzkapital "bevorzugt" wird, als das Streben der
"industriellen" Länder, "agrarische" Länder zu annektieren.
Diese Definition Kautskys ist theoretisch durch und durch
falsch. Die Besonderheit des Imperialismus ist die Herrschaft
eben nicht des Industrie-, sondern des Finanzkapitals, das
Streben, eben nicht nur Agrarländer, sondern beliebige Länder
zu annektieren. Kautsky trennt die Politik des Imperialismus
von seiner Ökonomik, trennt den Monopolismus in der Politik
von dem Monopolismus in der Ökonomik, um seinem platten
bürgerlichen Reformismus wie "Abrüstung", "Ultraimperialismus"
und ähnlichem Unsinn den Weg zu ebnen. Sinn und Zweck dieser
theoretischen Fälschung läuft einzig und allein darauf hinaus,
die tiefsten Widersprüche des Imperialismus zu vertuschen und
auf diese Weise die Theorie der "Einheit" mit den Apologeten
des Imperialismus, den offenen Sozialchauvinisten und
Opportunisten, zu rechtfertigen.
Auf diesen Bruch Kautskys mit dem Marxismus
sind wir sowohl im "Sozial-Demokrat" wie auch im "Kommunist"
schon hinreichend eingegangen. Unsere russischen Kautskyaner,
die OK-Leute mit Axelrod und Spektator an der Spitze, Martow
und in beträchtlichem Maße Trotzki nicht ausgenommen, haben es
vorgezogen, die Frage des Kautskyanertums als Richtung mit
Schweigen zu übergehen. Was Kautsky während des Krieges
geschrieben hat, wagten sie nicht zu verteidigen und
versuchten die Sache entweder einfach mit einem Loblied auf
Kautsky abzutun (Axelrod in seiner deutschen Broschüre, die
das OK russisch zu veröffentlichen versprach) oder (wie
Spektator) mit Hinweisen auf Privatbriefe Kautskys, in denen
er versichert, daß er zur Opposition gehöre, und wie ein
Jesuit seine chauvinistischen Erklärungen zu bagatellisieren
sucht.
Es sei erwähnt, daß Kautskys "Auffassung"
vom Imperialismus - die gleichbedeutend ist mit Beschönigung
des Imperialismus - nicht nur im Vergleich zu Hilferdings
"Finanzkapital" ein Rückschritt ist (wie eifrig auch
Hilferding jetzt Kautsky und die "Einheit" mit den
Sozialchauvinisten verteidigen mag!), sondern auch im
Vergleich zu dem Sozialliberalen J. A. Hobson. Dieser
englische Ökonom, der nicht den leisesten Anspruch darauf
erhebt, Marxist zu sein, gibt uns in seinem Werk aus dem Jahre
1902 eine viel tiefer schürfende Definition des Imperialismus
und enthüllt viel gründlicher dessen Widersprüche. Sehen wir,
was dieser Schriftsteller (bei dem man fast alle
pazifistischen und "versöhnlerischen" Plattheiten Kautskys
finden kann) zu der besonders wichtigen Frage des parasitären
Charakters des Imperialismus schreibt:
Zweierlei Umstände haben nach Hobsons
Meinung die Macht der alten Imperien geschwächt: 1. der
"ökonomische Parasitismus" und 2. die Aufstellung von Armeen
aus Angehörigen der abhängigen Völker. "Der erste Umstand ist
die Gepflogenheit des ökonomischen Parasitismus, die darin
besteht, daß der herrschende Staat seine Provinzen, Kolonien
und die abhängigen Länder ausnutzt, um seine herrschende
Klasse zu bereichern und die Fügsamkeit seiner unteren Klassen
durch Bestechung zu erkaufen." Über den zweiten Umstand
schreibt Hobson:
"Zu den seltsamsten Symptomen der Blindheit
des Imperialismus" (im Munde des Sozialliberalen Hobson ist
dieses Liedchen von der "Blindheit" der Imperialisten eher am
Platz als bei dem "Marxisten" Kautsky) "gehört die
Sorglosigkeit, mit der Großbritannien, Frankreich und andere
imperialistische Nationen diesen Weg beschreiten.
Großbritannien ist am weitesten gegangen. Die meisten
Schlachten, durch die wir unser indisches Reich erobert haben,
sind von unseren Eingeborenenarmeen ausgefochten worden; in
Indien, und in letzter Zeit auch in Ägypten, sind große
stehende Heere dem Kommando von Briten unterstellt; fast alle
unsere Kriege, die mit der Unterwerfung Afrikas - mit Ausnahme
seines südlichen Teils - zusammenhängen, wurden von
Eingeborenen für uns geführt."
Die Perspektive einer Aufteilung Chinas
veranlaßte Hobson zu folgender ökonomischer Einschätzung: Der
größte Teil Westeuropas könnte dann das Aussehen und den
Charakter annehmen, die einige Gegenden in Südengland, an der
Reviera sowie in den von Touristen am meisten besuchten und
von reichen Leuten bewohnten Teilen Italiens und der Schweiz
bereits haben: ein Häuflein reicher Aristokraten, die
Dividenden und Pensionen aus dem Fernen Osten beziehen, mit
einer etwas größeren Gruppe von Angestellten und Händlern und
einer noch größeren Anzahl von Dienstboten und Arbeitern im
Transportgewerbe und in den letzten Stadien der Produktion
leicht verderblicher Waren; die wichtigsten Industrien wären
verschwunden, die Lebensmittel und Industriefabrikate für den
Massenkonsum würden als Tribut aus Asien und Afrika kommen."
"Wir haben die Möglichkeit einer noch umfassenderen
Vereinigung der westlichen Länder angedeutet, eine europäische
Föderation der Großmächte, die, weit entfernt, die Sache der
Weltzivilisation voranzubringen, die ungeheure Gefahr eines
westlichen Parasitismus heraufbeschwören könnte: eine Gruppe
fortgeschrittener Industrienationen, deren obere Klassen aus
Asien und Afrika gewaltige Tribute beziehen und mit Hilfe
dieser Tribute große Massen gefügigen Personals unterhalten,
die nicht mehr in der Produktion von landwirtschaftlichen und
industriellen Massenerzeugnissen, sondern mit persönlichen
Dienstleistungen oder untergeordneter Industriearbeit unter
der Kontrolle einer neuen Finanzaristokratie beschäftigt
werden. Mögen diejenigen, die eine solche Theorie" (es müßte
heißen: Perspektive) "als nicht der Erwägung wert verächtlich
abtun, die heutigen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse
in jenen Bezirken Südenglands untersuchen, die schon jetzt in
eine solche Lage versetzt sind, und mögen sie darüber
nachdenken, welch gewaltiges Ausmaß ein derartiges System
annehmen würde, wenn China der ökonomischen Herrschaft
ähnlicher Gruppen von Finanziers, von Investoren" (Rentiers),
"von Beamten in Staat und Wirtschaft unterworfen würde, die
das größte potentielle Profitreservoir, das die Welt je
gekannt hat, ausschöpfen würden, um diesen Profit in Europa zu
verzehren. Die Situation ist viel zu kompliziert, das Spiel
der Weltkräfte viel zu unberechenbar, als daß diese oder
irgendeine andere Zukunftsdeutung als einzige mit Sicherheit
zutreffen müßte. Aber die Einflüsse, die den Imperialismus
Westeuropas gegenwärtig beherrschen, bewegen sich in dieser
Richtung, und wenn sie nicht auf Widerstand stoßen, wenn sie
nicht in eine andere Richtung gedrängt werden, dann bewegen
sie sich auf dieses Ziel zu."
Der Sozialliberale Hobson sieht nicht, daß
diesen "Widerstand" nur das revolutionäre Proletariat leisten
kann, und nur in der Form der sozialen Revolution. Dafür ist
er eben ein Sozialliberaler! Aber er erfaßte schon im Jahre
1902 ausgezeichnet die Bedeutung sowohl der Frage der
"Vereinigten Staaten von Europa" (dem Kautskyaner Trotzki zur
Kenntnis!) als auch alles dessen, was die heuchlerischen
Kautskyaner der verschiedenen Ländern vertuschen, nämlich, daß
die Opportunisten (Sozialchauvinisten) zusammen mit der
imperialistischen Bourgeoisie eben darauf hinarbeiten, ein
imperialistisches Europa auf dem Rücken Asiens und Afrikas zu
schaffen, daß die Opportunisten objektiv jenen Teil der
Kleinbourgeoisie und gewisser Schichten der Arbeiterklasse
darstellen, der mittels der imperialistischen Extraprofite
bestochen wird und in Kettenhunde des Kapitalismus, in
Verderber der Arbeiterbewegung verwandelt worden ist.
Auf diesen ökonomischen, diesen tiefsten
Zusammenhang zwischen gerade der imperialistischen Bourgeoisie
und dem Opportunismus, der jetzt (auf wie lange wohl?) über
die Arbeiterbewegung den Sieg davongetragen hat, haben wir
nicht nur in Artikeln, sondern auch in den Resolutionen
unserer Partei wiederholt hingewiesen. Wir folgerten daraus
unter anderem die Unvermeidlichkeit des Bruchs mit dem
Sozialchauvinismus. Unsere Kautskyaner zogen es vor, dieser
Frage aus dem Wege zu gehen! Martow z. B. setzte schon in
seinen Vorträgen jenen Sophismus in Umlauf, der in den
"Iswestija Sagranitschnowo Sekretariata OK" (Nr. 4 vom 10.
April 1916) folgendermaßen ausgedrückt ist:
"... Es wäre um die Sache der
revolutionären Sozialdemokratie sehr schlecht, ja hoffnungslos
bestellt, wenn sich von ihr die in der geistigen, Entwicklung
der ‚Intelligenz' am nächsten stehenden und qualifiziertesten
Gruppen der Arbeiter fatalerweise abwendeten und zum
Opportunismus übergingen..."
Mit Hilfe des einfältigen Wörtchens
"fatalerweise" und einer "kleinen Schiebung" wird die Tatsache
umgangen, daß gewisse Schichten der Arbeiter zum Opportunismus
und zur imperialistischen Bourgeoisie übergegangen sind! Die
Sophisten des OK brauchen diese Tatsache ja nur zu umgehen!
Sie versuchen die Sache mit jenem "amtlichen Optimismus"
abzutun, mit dem jetzt auch der Kautskyaner Hilferding und
viele andere paradieren: die objektiven Bedingungen verbürgen
ja die Einheit des Proletariats und den Sieg der
revolutionären Strömung! Wir sind ja in bezug auf das
Proletariat "Optimisten"!
Aber in Wirklichkeit sind sie, alle diese
Kautskyaner, Hilferding, die OK-Leute, Martow und Co.,
Optimisten ... in bezug auf den Opportunismus. Das ist des
Pudels Kern!
Das Proletariat ist ein Produkt des
Kapitalismus - des Weltkapitalismus und nicht nur des
europäischen, nicht nur des imperialistischen Kapitalismus. Im
Weltmaßstab - ob 50 Jahre früher oder 50 Jahre später, das
ist, in diesem Maßstab gesehen, eine Nebenfrage - "wird" das
"Proletariat" selbstverständlich einheitlich sein, und
innerhalb des Proletariats wird die revolutionäre
Sozialdemokratie "unvermeidlich" siegen. Nicht das ist die
Frage, ihr Herren Kautskyaner, sondern es handelt sich darum,
daß ihr jetzt in den imperialistischen Ländern Europas die
Lakaien spielt für die Opportunisten, die dem Proletariat als
Klasse fremd sind, die Diener, Agenten der Bourgeoisie,
Schrittmacher ihres Einflusses sind, von denen sich die
Arbeiterbewegung befreien muß, wenn sie nicht eine bürgerliche
Arbeiterbewegung bleiben soll. Eure Predigt der "Einheit" mit
den Opportunisten, mit den Legien und David, den Plechanow
oder Tschchenkeli und Potressow usw. ist objektiv eine
Verteidigung der Versklavung der Arbeiter durch die
imperialistische Bourgeoisie mit Hilfe ihrer besten Agenten in
der Arbeiterbewegung. Der Sieg der revolutionären
Sozialdemokratie im Weltmaßstab ist absolut unvermeidlich,
aber nur gegen euch wird er sich anbahnen und
vorwärtsschreiten, wird er erkämpft und errungen werden, er
wird ein Sieg über euch sein.
Jene zwei Tendenzen, ja zwei Parteien in
der modernen Arbeiterbewegung, die sich von 1914 bis 1916 in
der ganzen Welt so deutlich voneinander geschieden haben,
wurden von Engels und Marx in England im Verlauf mehrerer
Jahrzehnte, ungefähr von 1858 bis 1892, beobachtet.
Weder Marx noch Engels haben die
imperialistische Epoche des Weltkapitalismus erlebt, die erst
in den Jahren 1898-1900 begonnen hat. Aber es war eine
Besonderheit Englands schon seit der Mitte des 19.
Jahrhunderts, daß dort mindestens zwei der wichtigsten
Merkmale des Imperialismus vorhanden waren: 1. unermeßliche
Kolonien und 2. Monopolprofite (infolge der Monopolstellung
auf dem Weltmarkt). Sowohl in dieser wie in jener Beziehung
war England damals eine Ausnahme unter den kapitalistischen
Ländern, und Engels und Marx, die diese Ausnahmestellung
Englands analysierten, zeigten klar und bestimmt ihren
Zusammenhang mit dem (zeitweiligen) Sieg des Opportunismus in
der englischen Arbeiterbewegung.
In einem Brief an Marx vom 7. Oktober 1858
schrieb Engels, daß "das englische Proletariat faktisch mehr
und mehr verbürgert, so daß diese bürgerlichste aller Nationen
es schließlich dahin bringen zu wollen scheint, eine
bürgerliche Aristokratie und ein bürgerliches Proletariat
neben der Bourgeoisie zu besitzen. Bei einer Nation, -die die
ganze Welt exploitiert, ist das allerdings gewissermaßen
gerechtfertigt." In einem Brief an Sorge vom 21. September
1872 berichtet Engels, Hales habe im Föderalrat der
Internationale "großen Skandal geschlagen" und "Marx ein
Tadelsvotum angehängt, weil er sagte, die englischen
Arbeiterführer wären verkauft". Marx schreibt an Sorge am 4.
August 1874: "Was die städtischen Arbeiter" (in England)
"betrifft, so ist zu bedauern, daß das ganze Führerpack nicht
ins Parlament kam. Es ist der sicherste Weg, sich des
Gesindels zu entledigen." Engels spricht in einem Brief an
Marx vom 11. August 1881 von jenen "schlechtesten englischen
Gewerkschaften", "die sich führen lassen von an die
Bourgeoisie verkauften oder zumindest von ihr bezahlten
Leuten". In einem Brief an Kautsky vom 12. September 1882
schrieb Fngels: "Sie fragen mich, was die englischen Arbeiter
von der Kolonialpolitik denken? Nun, genau dasselbe, was sie
von der Politik überhaupt denken ... Es gibt hier ja keine
Arbeiterpartei, es gibt nur Konservative und Liberal-Radikale,
und die Arbeiter zehren flott mit von dem Weltmarkts und
Kolonialmonopol Englands."
Am 7. Dezember 1889 schreibt Engels an
Sorge : "Das widerwärtigste hier" (in England) "ist die den
Arbeitern tief ins Fleisch gewachsne bürgerliche 'respectability'
(Ehrbarkeit) ... selbst Tom Mann, den ich für den bravsten
halte, spricht gern davon, daß er mit dem Lord Mayor lunchen
wird. Wenn man dagegen die Franzosen hält, merkt man doch,
wozu eine Revolution gut ist." In einem Brief vom 19. April
1890: "...die Bewegung" (der Arbeiterklasse in England) "geht
unter der Oberfläche fort, ergreift immer weitere Schichten
und gerade meist unter der bisher stagnierenden untersten"
(hervorgehoben von Engels) "Masse, und der Tag ist nicht mehr
fern, wo diese Masse plötzlich sich selbst findet wo es ihr
aufleuchtet, daß sie diese kolossale sich bewegende Masse
ist." Am 4. März 1891: Mißerfolg des gesprengten
Dockerverbandes, die "alten konservativen Trade-Unions, die
reichen und eben deswegen feigen, bleiben allein auf dem
Plan". Am 14. September 1891: Auf dem Newcastler Kongreß der
Trade-Unions sind die alten Unionisten, die Gegner des
Achtstundentags, gescheitert, "und die Bourgeoisblätter
erkennen die Niederlage der bürgerlichen Arbeiterpartei
vollständig ... an" . (Hervorhebungen überall von Engels.)
Daß Engels diese Gedanken, die er im
Verlaufe von Jahrzehnten oft wiederholte, auch öffentlich, in
der Presse, zum Ausdruck gebracht hat, beweist sein Vorwort
zur zweiten Auflage der "Lage der arbeitenden Klasse in
England", aus dem Jahre 1892. Hier wird von einer
"Aristokratie in der Arbeiterklasse", von einer
"bevorrechteten Minderheit" der Arbeiter im Gegensatz zur
"großen Masse" der Arbeiter gesprochen. Eine "kleine
privilegierte, geschützte Minorität" der Arbeiterklasse allein
hatte "dauernden Vorteil" von der privilegierten Lage Englands
in den Jahren 1848-1868, während die "große Masse im besten
Fall nur eine vorübergehende Verbesserung ihrer Lage erfuhr"
... "Mit dem Zusammenbruch des Industriemonopols wird die
englische Arbeiterklasse diese bevorrechtete Stellung
verlieren". Die Mitglieder der "neuen" Unionen, der
Organisationen ungelernter Arbeiter, "haben diesen einen
unermeßlichen Vorteil. Ihre Gemüter sind noch jungfräulicher
Boden, gänzlich frei von den ererbten, ‚respektablen'
Bourgeoisvorurteilen, die die Köpfe der bessergestellten,
‚alten Unionisten' verwirren"... Die "sogenannten
Arbeitervertreter" sind in England Leute, "denen man ihre
Arbeiterqualität verzeiht, weil sie selbst sie gern im Ozean
ihres Liberalismus ertränken möchten..."
Wir haben mit Absicht ziemlich ausführliche
Auszüge aus direkten Äußerungen von Marx und Engels gebracht,
damit die Leser sie in ihrer Gesamtheit studieren können. Und
man muß sie studieren, es lohnt, sie aufmerksam zu
durchdenken. Denn hier liegt der Angelpunkt jener Taktik in
der Arbeiterbewegung, die von den objektiven Verhältnissen der
imperialistischen Epoche diktiert wird.
Kautsky hat auch hier schon versucht, "das
Wasser zu trüben" und den Marxismus durch süßliches
Versöhnlertum gegenüber den Opportunisten zu ersetzen. In der
Polemik gegen die offenen, naiven Sozialimperialisten (vom
Schlage eines Lensch), die den Krieg von seiten Deutschlands
als Zerstörung der Monopolstellung Englands rechtfertigen,
"korrigiert" Kautsky diesen offensichtlichen Schwindel durch
einen anderen, ebenso offensichtlichen Schwindel. Zynischen
Schwindel ersetzt er durch den süßlichen Schwindel! Das
Industriemonopol Englands sei längst gebrochen, sagt er,
längst zerstört, man brauche und man könne es nicht mehr
zerstören.
Worin besteht die Verlogenheit dieses
Arguments?
Erstens wird das Kolonialmonopol Englands
mit Schweigen übergangen. Engels hat aber, wie wir gesehen
haben, schon im Jahre 1882, also vor 34 Jahren, mit aller
Deutlichkeit auf dieses Monopol hingewiesen! Wenn das
Industriemonopol Englands zerstört ist, so ist das
Kolonialmonopol nicht nur geblieben, sondern hat sich noch
außerordentlich verstärkt, denn die ganze Erde ist bereits
aufgeteilt! Mit Hilfe seiner zuckersüßen Lüge schmuggelt
Kautsky den bürgerlich-pazifistischen und
opportunistisch-kleinbürgerlichen Gedanken ein, daß "es nichts
gebe, worum Krieg zu führen wäre". Im Gegenteil, es gibt heute
nicht nur etwas, worum die Kapitalisten Krieg zu führen haben,
sondern sie können auch nicht anders, sie müssen Krieg führen,
wenn sie den Kapitalismus erhalten wollen, denn ohne eine
gewaltsame Neuverteilung der Kolonien können die neuen
imperialistischen Länder nicht die Privilegien erlangen, die
die älteren (und weniger starken) imperialistischen Mächte
genießen.
Zweitens. Warum liefert die Monopolstellung
Englands die Erklärung für den (zeitweiligen) Sieg des
Opportunismus in England? Weil durch ein Monopol Extraprofit
erzielt wird, d. h. ein Profitüberschuß über den in der ganzen
Welt üblichen normalen kapitalistischen Profit. Von diesem
Extraprofit können die Kapitalisten einen Teil (und durchaus
keinen geringen!) verwenden, um ihre Arbeiter zu bestechen, um
eine Art Bündnis (man erinnere sich an die berühmten
"Allianzen" der englischen Trade-Unions mit ihren
Unternehmern, die von den Webbs beschrieben wurden) der
Arbeiter der betreffenden Nation mit ihren Kapitalisten gegen
die übrigen Länder zu schaffen. Das Industriemonopol Englands
ist bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts vernichtet worden.
Das steht fest. Aber wie ist diese Vernichtung vor sich
gegangen? Etwa so, daß jedes Monopol verschwunden ist?
Wenn dem so wäre, dann würde dies Kautskys
versöhnlerische (dem Opportunismus gegenüber versöhnlerische)
"Theorie" in einem gewissen Grade rechtfertigen. Aber das ist
es ja gerade, daß dem nicht so ist. Imperialismus ist
monopolistischer Kapitalismus. Jedes Kartell, jeder Trust,
jedes Syndikat, jede der Riesenbanken ist ein Monopol. Der
Extraprofit ist nicht verschwunden, sondern geblieben. Die
Ausbeutung aller übrigen Länder durch ein privilegiertes,
finanziell reiches Land ist geblieben und hat sich verstärkt.
Ein Häuflein reicher Länder - es gibt ihrer im ganzen vier,
wenn man selbständigen und wirklich riesengroßen "modernen"
Reichtum im Auge hat: England, Frankreich, die Vereinigten
Staaten und Deutschland -, dieses Häuflein Länder hat Monopole
in unermeßlichen Ausmaßen entwickelt, bezieht einen
Extraprofit in Höhe von Hunderten Millionen, wenn nicht von
Milliarden, saugt die anderen Länder, deren Bevölkerung nach
Hunderten und aber Hunderten Millionen zählt, erbarmungslos
aus und kämpft untereinander um die Teilung der besonders
üppigen, besonders fetten, besonders bequemen Beute.
Eben darin besteht das ökonomische und
politische Wesen des Imperialismus, dessen überaus tiefe
Widersprüche Kautsky nicht aufdeckt, sondern vertuscht.
Die Bourgeoisie einer imperialistischen "Groß"macht
ist ökonomisch in der Lage, die oberen Schichten "ihrer"
Arbeiter zu bestechen und dafür ein- oder zweihundert
Millionen Francs im Jahr auszuwerfen; denn ihr Extraprofit
beträgt wahrscheinlich rund eine Milliarde. Und die Frage, wie
dieses kleine Almosen verteilt wird unter die
Arbeiterminister, die "Arbeitervertreter" (man erinnere sich
der ausgezeichneten Analyse dieses Begriffs bei Engels), die
Arbeitermitglieder der Kriegsindustriekomitees, die
Arbeiterbürokraten, die Arbeiter, die in eng zünftlerischen
Gewerkschaften organisiert sind, die Angestellten usw. usw. -
das ist schon eine Frage zweiter Ordnung.
In den Jahren 1848-1868 und zum Teil auch
danach hatte nur England eine Monopolstellung inne; darum
konnte dort der Opportunismus auf Jahrzehnte hinaus die
Oberhand gewinnen; andere Länder mit sehr reichen Kolonien
oder mit einem Industriemonopol gab es nicht.
Das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts war
der Übergang zur neuen, imperialistischen Epoche. Nutznießer
des Monopols ist das Finanzkapital nicht eines Landes, sondern
einiger, sehr weniger Großmächte. (In Japan und Rußland wird
das Monopol des heutigen, modernen Finanzkapitals zum Teil
ergänzt, zum Teil ersetzt durch das Monopol der militärischen
Macht, des unermeßlichen Gebiets oder der besonders günstigen
Gelegenheit, nationale Minderheiten, China usw.
auszuplündern.) Aus diesem Unterschied folgt, daß die
Monopolstellung Englands jahrzehntelang unumstritten
existieren konnte. Die Monopolstellung des modernen
Finanzkapitals wird wütend umstritten; die Epoche der
imperialistischen Kriege hat begonnen. Damals war es möglich,
die Arbeiterklasse eines Landes zu bestechen, für Jahrzehnte
zu korrumpieren. Heute ist das unwahrscheinlich und eigentlich
kaum möglich, dafür aber kann jede imperialistische "Groß"macht
kleinere (als in England 1848-1868) Schichten der
"Arbeiteraristokratie" bestechen und besticht sie auch. Damals
konnte sich die "bürgerliche Arbeiterpartei", um das
außerordentlich treffende Wort von Engels zu gebrauchen, nur
in einem einzigen Land, dafür aber für lange Zeit,
herausbilden, denn nur ein Land besaß eine Monopolstellung.
Jetzt ist die "bürgerliche Arbeiterpartei" unvermeidlich und
typisch für alle imperialistischen Länder, aber in Anbetracht
des verzweifelten Kampfes dieser Länder um die Teilung der
Beute ist es unwahrscheinlich, daß eine solche Partei auf
lange Zeit in mehreren Ländern die Oberhand behalten könnte.
Denn die Truste, die Finanzoligarchie, die Teuerung usw., die
die Bestechung einer dünnen Oberschicht ermöglichen,
unterdrücken, unterjochen, ruinieren und quälen die Masse des
Proletariats und Halbproletariats immer mehr.
Einerseits haben Bourgeoisie und
Opportunisten die Tendenz, das Häuflein der reichsten und
privilegierten Nationen in "ewige" Schmarotzer am Körper der
übrigen Menschheit zu verwandeln, "auf den Lorbeeren" der
Ausbeutung der Neger, Inder usw. "auszuruhen" und diese Völker
Hilfe des modernen Militarismus, der mit einer großartigen
Vernichtungstechnik ausgestattet ist, in Botmäßigkeit zu
halten. Anderseits haben Klassen, die stärker denn je
unterdrückt werden und alle Qualen imperialistischer Kriege
erdulden, die Tendenz, dieses Joch abzuwerfen und die
Bourgeoisie zu stürzen. Die Geschichte der Arbeiterbewegung
wird sich jetzt unvermeidlich im Kampf zwischen diesen beiden
Tendenzen entwickeln. Denn die erste Tendenz besteht nicht
zufällig, sondern ist ökonomisch "begründet". Die Bourgeoisie
hat schon in allen Länder "bürgerliche Arbeiterparteien" der
Sozialchauvinisten hervorgebracht, aufgezogen und sich
dienstbar gemacht. Die Unterschiede zwischen einer voll
ausgebildeten Partei, zum Beispiel der Partei Bissolatis in
Italien, ein ausgesprochen sozialimperialistischen Partei,
und, sagen wir, der nur halbausgebildeten" halbfertigen Partei
der Potressow, Gwosdew, Bulkin Tschcheidse, Skobelew und Co. -
diese Unterschiede sind unwesentlich. Wichtig ist, daß die
Abspaltung der Schicht der Arbeiteraristokratie und ihr
Übergang zur Bourgeoisie ökonomisch herangereift ist und sich
vollzogen hat; eine politische Form aber, sei es dieser oder
jener Art, wird dieses ökonomische Faktum, diese Verlagerung
in den Beziehungen der Klassen zueinander, ohne besondere
"Mühe" finden.
Auf der geschilderten ökonomischen
Grundlage haben die politischen Institutionen des neusten
Kapitalismus - Presse, Parlament, Verbände, Kongresse usw. -
die den ökonomischen Privilegien und Almosen entsprechenden
politischen Privilegien und Almosen für die respektvollen,
braven, reformistischen und patriotischen Angestellten und
Arbeiter geschaffen. Einträgliche und ruhige Pöstchen im
Ministerium oder im Kriegsindustriekomitee, im Parlament und
in verschiedenen Kommissionen, in den Redaktionen der
"soliden" legalen Zeitungen oder in den Vorständen der nicht
weniger soliden und "bürgerlich-folgsamen" Arbeiterverbände -
damit lockt und belohnt die imperialistische Bourgeoisie die
Vertreter und Anhänger der "bürgerlichen Arbeiterparteien".
Die Mechanik der politischen Demokratie
wirkt in der gleichen Richtung. Ohne Wählen geht es in unserem
Zeitalter nicht; ohne die Massen kommt man nicht aus, die
Massen aber können im Zeitalter des Buchdrucks und des
Parlamentarismus nicht geführt werden ohne ein weitverzweigtes,
systematisch angewandtes, solide ausgerüstetes System von
Schmeichelei Lüge, Gaunerei, das mit populären
Modeschlagworten jongliert, den Arbeitern alles mögliche,
beliebige Reformen und beliebige Wohltaten verspricht - wenn
diese nur auf den revolutionären Kampf für den Sturz der
Bourgeoisie verzichten. Ich möchte dieses System
Lloyd-Georgeismus nennen, nach einem der maßgebendsten und
geschicktesten Vertreter dieses Systems in dem klassischen
Land der "bürgerlichen Arbeiterpartei", nach dem englischen
Minister Lloyd George. Als erstklassiger bürgerlicher
Geschäftsmann und politischer Roßtäuscher, als populärer
Redner, der es versteht, beliebige, sogar revolutionäre Reden
vor einem Arbeiterauditorium zu halten, der imstande ist, für
folgsame Arbeiter ziemlich beträchtliche Almosen in Form von
sozialen Reformen (Versicherung usw.) zu erwirken, dient Lloyd
George der Bourgeoisie ausgezeichnet und dient ihr gerade
unter den Arbeitern, setzt den Einfluß der Bourgeoisie gerade
im Proletariat durch, dort, wo es am notwendigsten und am
schwersten ist, sich die Massen moralisch unterzuordnen.
Ist aber der Unterschied zwischen Lloyd
George und den Scheidemann, Legien, Henderson, den Hyndman,
Plechanow, Renaudel und Co. So groß? Von den letzteren, wird
man uns erwidern, werden einige zum revolutionären Sozialismus
Marx' zurückkehren. Das ist möglich, aber das ist ein winziger
gradueller Unterschied, wenn man die Frage im politischen, d.
h. im Massenmaßstab betrachtet. Einzelne von den jetzigen
sozialchauvinistischen Führern mögen zum Proletariat
zurückkehren. Aber die sozialchauvinistische oder (was
dasselbe ist) opportunistische Strömung kann weder
verschwinden noch zum revolutionären Proletariat
"zurückkehren". Wo unter den Arbeitern der Marxismus populär
ist, dort wird diese politische Strömung, diese "bürgerliche
Arbeiterpartei" auf den Namen Marx schwören. Man kann ihnen
das nicht verbieten, wie man einer Handelsfirma nicht
verbieten kann, ein beliebiges Etikett, ein beliebiges
Aushängeschild, eine beliebige Reklame zu benutzen. Es ist in
der Geschichte oft genug so gewesen, daß die Namen der
revolutionären Führer, die bei den unterdrückten Klassen
populär waren, nach dem Tode dieser Führer von ihren Feinden
ausgenutzt wurden, um die unterdrückten Klassen irrezuführen.
Tatsache ist, daß "bürgerliche
Arbeiterparteien" als politische Erscheinung schon in allen
fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern entstanden sind,
daß ohne entschiedenen, schonungslosen Kampf auf der ganzen
Linie gegen diese Parteien -oder auch Gruppen, Richtungen usw.
weder von einem Kampf gegen den Imperialismus noch von
Marxismus, noch von einer sozialistischen Arbeiterbewegung die
Rede sein kann. Die Fraktion Tschcheidse , "Nasche Delo",
"Golos Truda" in Rußland und die OK-Leute im Ausland sind
nichts weiter als die Abart einer solchen Partei. Wir haben
nicht den geringsten Grund zur Annahme, daß diese Parteien vor
der sozialen Revolution verschwinden können. Im Gegenteil, je
näher wir dieser Revolution sein werden, je machtvoller sie
entbrennen wird, je schroffer und heftiger die Übergänge und
Sprünge im Prozeß der Revolution sein werden, eine um so
größere Rolle wird in der Arbeiterbewegung der Kampf des
revolutionären Stroms, des Stroms der Massen gegen den
opportunistischen, den kleinbürgerlichen Strom spielen. Das
Kautskyanertum ist keine selbständige Strömung, denn es
wurzelt weder in den Massen noch in der zur Bourgeoisie
übergegangenen privilegierten Schicht. Gefährlich ist das
Kautskyanertum deshalb, weil es unter Ausnutzung der Ideologie
der Vergangenheit bemüht ist, das Proletariat mit der
"bürgerlichen Arbeiterpartei" zu versöhnen, die Einheit des
Proletariats mit ihr durchzusetzen und dadurch die Autorität
der "bürgerlichen Arbeiterpartei" zu heben. Den offenen
Sozialchauvinisten folgen die Massen schon nicht mehr: Lloyd
George ist in England in Arbeiterversammlungen ausgepfiffen
worden, Hyndman ist aus der Partei ausgetreten, die Renaudel
und Scheidemann, Potressow und Gwosdew werden von der Polizei
geschützt. Die verkappte Verteidigung der Sozialchauvinisten
durch die Kautskyaner ist am gefährlichsten.
Einer der meistverbreiteten Sophismen des
Kautskyanertums ist die Berufung auf die Massen". Wir wollen
uns doch nicht, so sagen sie, von den Massen und den
Massenorganisationen trennen! Man denke aber darüber nach, wie
Engels diese Frage gestellt hat. Die "Massenorganisationen"
der englischen Trade-Unions standen im 19. Jahrhundert auf der
Seite der bürgerlichen Arbeiterpartei. Das war für Marx und
Engels nicht etwa ein Grund, sich mit ihr auszusöhnen, sondern
vielmehr sie zu entlarven. Erstens vergaßen sie nicht, daß die
Organisationen der Trade-Unions unmittelbar nur eine
Minderheit des Proletariats erfassen. In England war damals,
wie jetzt in Deutschland, nicht mehr als ein Fünftel des
Proletariats organisiert. Es liegt kein Grund vor, ernsthaft
anzunehmen, daß im Kapitalismus die Mehrheit der Proletarier
in Organisationen zusammengefaßt werden könne. Zweitens - und
das ist die Hauptsache handelt es sich nicht so sehr um die
Mitgliederzahl der Organisation, als vielmehr um die reale,
objektive Bedeutung ihrer Politik: vertritt diese Politik die
Massen, dient sie den Massen, d. h. der Befreiung der Massen
vom Kapitalismus, oder vertritt sie die Interessen der
Minderheit, ihre Versöhnung mit dem Kapitalismus? Gerade das
letztere traf für England im 19. Jahrhundert und trifft jetzt
für Deutschland u. a. zu.
Von der "bürgerlichen Arbeiterpartei" der
alten Trade-Unions, von der privilegierten Minderheit,
unterscheidet Engels die "unterste Masse", die tatsächliche
Mehrheit, und an sie, die von der "bürgerlichen Ehrbarkeit"
nicht angesteckt ist, appelliert er. Das ist das Wesen der
marxistischen Taktik!
Wir können nicht - und niemand kann - genau
ausrechnen, welcher Teil des Proletariats den
Sozialchauvinisten und Opportunisten folgt und folgen wird.
Das wird erst der Kampf zeigen, das wird endgültig nur die
sozialistische Revolution entscheiden. Aber wir wissen mit
Bestimmtheit, daß die "Vaterlandsverteidiger" im
imperialistischen Krieg nur eine Minderheit darstellen. Und es
ist daher unsere Pflicht, wenn wir Sozialisten bleiben wollen,
tiefer, zu den untersten, zu den wirklichen Massen zu gehen:
darin liegt die ganze Bedeutung des Kampfes gegen den
Opportunismus und der ganze Inhalt dieses Kampfes. Indem wir
enthüllen, daß die Opportunisten und Sozialchauvinisten in
Wirklichkeit die Interessen der Massen verraten und verkaufen,
daß sie die zeitweiligen Privilegien einer Minderheit der
Arbeiter verteidigen, daß sie Mittler bürgerlicher Ideen und
Einflüsse, daß sie in Wirklichkeit Verbündete und Agenten der
Bourgeoisie sind, lehren wir die Massen, ihre wirklichen
politischen Interessen zu erkennen und durch all die langen
und qualvollen Wechselfälle der imperialistischen Kriege und
der imperialistischen Waffenstillstände hindurch für den
Sozialismus und die Revolution zu kämpfen.
Den Massen die Unvermeidlichkeit und
Notwendigkeit des Bruchs mit dem Opportunismus klarmachen, sie
durch schonungslosen Kampf gegen den Opportunismus zur
Revolution erziehen, die Erfahrungen des Krieges ausnutzen, um
alle Niederträchtigkeiten der nationalliberalen
Arbeiterpolitik aufzudecken und nicht zu bemänteln - das ist
die einzig marxistische Linie in der Arbeiterbewegung der
ganzen Welt. |