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Alfred Klahr:

Die eigene nationale Entwicklung des österreichischen Volkes

 

(Aus dem Artikel „Die nationale Frage und die Stellungnahme der Kommunisten in Österreich“ von Alfred Klahr in der „Kommunistischen Internationale“, Oktober 1937; zitiert nach: Friedl Fürnberg, Österreichische Freiheitsbataillone Österreichische Nation, Wien 1975, S. 60-65.)

 

Die Entwicklung der Deutschen zur Nation ist ein Produkt der Periode des aufsteigenden Kapitalismus und der Liquidierung des Feudalismus in Deutschland. Aber der Höhepunkt dieser Entwicklung wurde relativ spät, erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, erreicht. Zu einer Zeit, da zum Beispiel in Frankreich die Zusammenfassung der zerstreuten Glieder der feudalen Ordnung zu einem modernen Nationalstaat bereits im Gang war (15. bis 16. Jahrhundert), trat in Deutschland im Gegenteil immer stärker die feudale Zersplitterung hervor. Die zentrale Macht des feudalen Kaisers wurde geschwächt, die Gewalt der Herren der Teilgebiete, der Fürsten, immer stärker. Das feudale „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ zerfiel. Im 14. Jahrhundert verlor es faktisch seine Macht in Italien. Im 15. Jahrhundert fielen die burgundischen Gebiete ab, eroberten die Schweizer ihre Unabhängigkeit und legten damit den Grundstein für ihre selbständige nationale Entwicklung. Die deutschen Bauernkriege des 16. Jahrhunderts, diese erste bürgerliche Revolution in Deutschland, scheiterten vor allem an der Zersplitterung Deutschlands. Über diese Periode deutscher Geschichte sagt Engels, dass, „die mangelhafte industrielle, kommerzielle und agrikole Entwicklung Deutschlands alle Zentralisation der Deutschen zur Nation unmöglich machte und nur eine lokale, provinzielle Zentralisation zuließ, das heißt, zur Stärkung der Fürstengewalt führte“ („Der deutsche Bauernkrieg“). Das Scheitern der Bauernkriege, die Verlegung der Haupthandelswege durch die Entdeckung Amerikas, die Gegenreformation und schließlich der Dreißigjährige Krieg schoben den Zusammenschluss der Deutschen zur Nation, das heißt die Schaffung der Einheit der Nation in einem einheitlichen Nationalstaat, um Jahrhunderte hinaus. Deutschland wurde in über dreihundert souveräne Einzelstaaten zersplittert, die sogar das Recht hatten, Bündnisse mit dem Ausland gegeneinander zu schließen.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war durch die Schutzzollpolitik Josefs II. eine „Scheidung“ Österreichs vom übrigen Deutschland „eingeleitet“ worden, die sich in den späteren Jahrzehnten „verschärft“ hatte (siehe Engels „Gewalt und Ökonomie bei der Herstellung des neuen deutschen Reiches“). Für die deutsche Bourgeoisie war die deutsche Einheit „eine wirtschaftliche Notwendigkeit geworden“ (Engels, ebenda). Anders für die österreichische Bourgeoisie. Denn ihr bot der Habsburger-Staat seit den Reformen Maria Theresias und Josefs II. das für die Entwicklung des Kapitalismus notwendige einheitliche, von einer zentralisierten Staatsgewalt geführte Wirtschaftsgebiet, dessen die deutsche Bourgeoisie noch entbehrte. Daher nahm die österreichische Bourgeoisie in ihren maßgebenden Schichten zur Frage der deutschen Einheit eine andere Stellung ein als die deutsche Bourgeoisie. Die österreichische Bourgeoisie war an der deutschen Einheit nur interessiert, wenn sie in der Form einer Art Anschluss Deutschlands an Österreich, das heißt, in der Form der Bildung eines Großösterreich vollzogen worden wäre. Wenn sie vor der Wahl stand, auf die deutsche Einheit oder auf die Ausbeutung der fremdnationalen Gebiete der Habsburger-Monarchie zu verzichten, so tat sie lieber das erstere.

Die Revolution des Jahres 1848 strebte die revolutionär-demokratische Vereinigung aller deutschen Stämme zur deutschen Nation in einer demokratischen deutschen Republik an. Die Revolution ging am Verrat der österreichischen und der deutschen Bourgeoisie zugrunde. Die Vereinigung der deutschen Stämme in einem deutschen Reich erfolgte 1866-71 nicht durch eine Volksrevolution, sondern durch den preußischen Militärsäbel. Aber von dieser Vereinigung blieb das österreichische Volk ausgeschlossen, Das Reich wurde in der Form hergestellt, wie es der deutsch-preußische Zollverein von 1834 bereits angekündigt hatte, der alle wichtigen deutschen Staaten – die süddeutschen eingeschlossen – unter preußischer Führung, jedoch unter Ausschluss Österreichs, wirtschaftlich zusammenfasste.

Der Krieg vollzog die „Teilung Deutschlands“ (Engels) und führte zur „großpreußischen Einheit Kleindeutschlands“, zur Errichtung des Deutschen Reiches 1871. In dem Moment, da also die Zentralisation der Deutschen zur Nation ihren Höhepunkt beziehungsweise einen gewissen Abschluss erreichte, sah sich das österreichische Volk außerhalb der Grenzen der deutschen Nation. Engels unterstrich im Jahre 1870 die große Bedeutung der Ereignisse von 1866 für die weitere nationale Entwicklung der Österreicher. Er fasst in vier Punkten die Ergebnisse des Jahres 1866 zusammen, soweit sie für die Arbeiterklasse Bedeutung haben, und meint: „… und viertens (ist von Bedeutung), dass die Deutschösterreicher sich jetzt endlich einmal die Frage vorlegen müssen, was sie sein wollen: Deutsche oder Österreicher? Wozu sie lieber halten wollen – zu Deutschland oder zu ihrem außerdeutschen transleithanischen Anhängsel? Dass sie eins oder das andere aufgeben müssen, war schon lange selbstredend, ist aber bisher von der kleinbürgerlichen Demokratie vertuscht worden“ (Vorbemerkung zur zweiten Auflage des „Deutschen Bauernkriegs“, 1870). Die weitere Geschichte des österreichischen Volkes beweist, dass die überwiegende Mehrheit des Volkes sich österreichisch und nicht deutsch orientierte. Seit der Entwicklung des Kapitalismus in Österreich und der Schaffung eines zentralisierten Staates durch die Habsburger besteht demnach bis auf den heutigen Tag eine Scheidung des österreichischen Volkes vom deutschen Volk. In dieser ganzen Zeitperiode, die für den Zusammenschluss der Menschen zur Nation die entscheidende ist, vollzog sich die wirtschaftliche, staatliche, kulturelle und damit auch die nationale Entwicklung der Österreicher unter anderen Bedingungen und in anderer Richtung als die Entwicklung der deutschen Nation.

Die große Mehrheit des österreichischen Volkes stand der Anschlussfrage seit langem teils ablehnend, teils gleichgültig gegenüber. Die österreichische Arbeiterbewegung orientierte sich spätestens in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht mehr auf den Anschluss an Deutschland, sondern auf die Erhaltung der Einheit Österreichs, das heißt auf das Verbleiben außerhalb des Deutschen Reiches, auf die Erhaltung der Selbständigkeit gegenüber Deutschland. Sie war österreichisch orientiert. Ein eindeutiger Beweis dafür ist das Brünner Nationalitätenprogramm (1899). Und diese österreichische Einstellung war so stark, dass selbst Ende Oktober, Anfang November 1918, als die Habsburger-Monarchie faktisch längst zerfallen war, der Parteitag der österreichischen Sozialdemokratie in seinen Beschlüssen sich in erster Linie auf ein Zusammenwirken mit den neuen Nationalstaaten des Donaugebiete orientierte und nur, wenn dies nicht möglich sein sollte, einen Anschluss an Deutschland in Erwägung zog! Otto Bauer selbst musste gestehen, dass „die Masse der Arbeiterschaft dem Anschluss kühl gegenüberstand, obwohl Sozialdemokraten (nämlich Otto Bauer selbst!) seine ersten Verkünder waren. Erst der 9. November (!) eroberte dem Anschlussgedanken die Arbeitermassen“ (Otto Bauer, „Die österreichische Revolution“, S. 102). Und auch die spätere Haltung der österreichischen Arbeiter zeigt, dass der Anschlussgedanke, soweit und solange er überhaupt unter ihnen verbreitet war, nicht der Ausdruck eines nationalen Gefühles der Zusammengehörigkeit mit der deutschen Nation, sondern der Ausdruck ihrer sozialistischen Bestrebungen des Zusammenschlusses mit dem Deutschland Bebels, Liebknechts und Luxemburgs, dem Deutschland, in dem „der Sozialismus marschiert“ war. Der Anschluss an ein rotes Deutschland war populär, nicht aber der an ein Noske-Deutschland. Der Fortschritt der Reaktion im Deutschland der Weimarer Verfassung seit dem Jahre 1919 hat die Massen der Arbeiter dem Anschlussgedanken entfremdet. Und wenn ihn die sozialdemokratischen Führer auch später noch zur Ablenkung vom Kampf gegen die österreichische Bourgeoisie als „Ausweg“ predigten – in den großen Kämpfen der Arbeiterschaft im Nachkriegsösterreich hat die Parole des Anschlusses keinerlei Rolle mehr gespielt…

 

Literatur: österreichische Nation

Thema: Faschismus

 

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