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19. März 1872 wurde Alexandra
Domontovich in St. Petersburg geboren. Sie wuchs in einer russischen
Adelsfamilie als einziges Kind der zweiten Ehe ihrer Mutter auf. Sie
kannte daher in ihrer Kindheit kaum Entbehrungen, wurde aber durch
ihre Mutter nach eigenen Angaben auch nicht verwöhnt. Das Elternhaus
war sehr liberal und offen für neue Ideen.
Bereits als Kind kritisierte
Kollontai die Ungerechtigkeit der Erwachsenen, die sie über ihre
SpielkameradInnen, großteils Bauernkinder aus der Umgebung, und die
DienstbotInnen mitbekam.
Da ihr Eltern Sorge um ihre
Gesundheit und um ihren Umgang hatten, wurde darauf verzichtet, sie in
eine öffentliche Schule zu geben. Sie bekam Privatunterricht durch
eine Hauslehrerin, Maria Strachowna, die aus der revolutionären
Schicht Russlands kam. Durch sie kam Kollontai erstmals in Kontakt mit
revolutionären Ideen, die sie maßgeblich in ihrem späteren Leben
prägte.
Mit 16 Jahren legte sie die
Reifeprüfung ab. Ihre Eltern führten sie in die Gesellschaft ein, aber
anstatt reich zu heiraten, wie es erwünscht gewesen wäre, heiratete
sie mit 21 Jahren (1893) ihren mittellosen Cousin Wladimir Kollontai,
von dem sie auch den Namen annahm, und bekam 1 Jahr später einen Sohn,
den sie Mischa nannten.
Doch die Ehe ging nicht lange gut, da
sie sich immer mehr bevormundet und eingeengt durch ihren Mann fühlte.
Bereits während der Ehe bildete sie sich selbständig durch Kurse und
Seminare weiter, arbeitete in der Volksbildungsbewegung mit und las
sehr viel. In dieser Zeit prägte sich auch ihre materialistische
Weltanschauung aus.
1898, nach 5jähriger Ehe, verließ sie
Mann und Kind, um in Zürich Nationalökonomie zu studieren. Die Schweiz
war zur damaligen Zeit eines der wenigen Länder, in denen Frauen zum
Studium zugelassen waren. Kurz nach ihrer Ankunft kam sie in
revolutionäre Kreise von russischen MigrantInnen, die sich um Georgi
Plechanow, dem "theoretischen Begründer der Schule des russischen
Marxismus", gebildet hatten und gliederte sich unmittelbar nach ihrer
Rückkehr 1899 in Russland in die illegale sozialdemokratische Partei
Russlands ein.
Nach der ersten russischen Revolution
1905 entstand eine starke bürgerliche Frauenbewegung. Diese stand für
eine Reform der Mädchenausbildung, die allgemeine Erweiterung von
standesgemäßen Berufs- und Tätigkeitsmöglichkeiten, Selbständigkeit,
Selbstverwirklichung und freie Partnerwahl. "Da aber Frauen und Männer
gleichermaßen vom Kapital ausgebeutet würden und sich nur im
gemeinsamen Kampf befreien könnten, sei eine klassenübergreifende
Zusammenarbeit von proletarischen und bürgerlichen Frauen abzulehnen."
Während die 1. Internationale 1864
Frauenarbeit innerhalb der Parteien ablehnte, und es Frauen zwischen
1850 und 1908 untersagt war, Mitglied eines politischen Vereins und
anwesend bei politischen Versammlungen zu sein, gründeten sich
Frauenclubs und die Frauen drängten immer mehr auf Mitbestimmung, um
ihre Probleme und Forderungen besser artikulieren zu können.
1906 traf Kollontai mit Rosa
Luxemburg zusammen und besuchte mit ihr gemeinsam die vierte Konferenz
sozialdemokratischer Frauen Deutschlands und ein Jahr später die erste
internationale Sozialistische Frauenkonferenz in Stuttgart.
1907 gründete Kollontai den ersten
Arbeiterinnenclub in Russland. Sie gab diese Arbeit jedoch bald wieder
auf, um in ihrer eigenen Partei für eine eigene Frauenabteilung zu
kämpfen.
Nach der Veröffentlichung einer
Broschüre 1908, in der sie zur Waffengewalt gegen die zaristische Duma
aufrief, wurde ihr in Russland der Prozess gemacht und sie emigrierte
nach Deutschland.
Seit 1903 war die russische
Sozialdemokratie in zwei konkurrierende Gruppierungen gespalten, in
Menschewiki und Bolschewiki. Alexandra Kollontai gehörte zu dieser
Zeit den Menschewiki an, die für bürgerlich-demokratische Reformen
gemeinsam mit dem liberalen Bürgertum standen. Sie war der Meinung,
dass auch ein Scheinparlament, wie es die Duma war, als Plattform
nützbar sei und Wahlen als Sammelmittel für die Arbeiterklasse gut
nützbar wären.
Die Bolschewiki unter der Führung
Lenins legten für Kollontai nicht genügend Wert auf die Entwicklung
der Arbeiterklasse in „Breite und Tiefe“.
1908 in Deutschland trat sie sofort
in die SPD ein und arbeitete dort als Agitationsrednerin und
politische Schriftstellerin, nahm aber trotz Angebote keine höheren
Positionen innerhalb der Partei an. Sie arbeitete eng mit Clara Zetkin
zusammen und kämpfte mit ihr für die Eingliederung des Frauenbüros in
die Partei, was dann auch 1912 passierte.
Obwohl sie auf der internationalen
Frauenkonferenz die Mehrheiten in der Forderung „Mutterschaftsfürsorge
auch für unverheiratete Frauen auszudehnen“ gegen sich hatte, wurde
sie ins internationale Frauensekretariat gewählt und setzte gemeinsam
mit Zetkin den internationalen Frauentag am 8. März und eine zweite
Arbeiterinnenzeitschrift durch.
Zu ihren damals engsten Freunden
gehörten neben Clara Zetkin auch Karl Liebknecht und dessen Familie,
Rosa Luxemburg und Karl Kautsky.
Doch ihre agitierende Tätigkeit
beschränkte sich nicht nur auf Deutschland, sie war zu dieser Zeit vor
allem in frauenpolitischen Fragen viel im Ausland tätig.
1911 wirkte sie beim Streik der
Hausfrauen in Paris mit und kämpfte wenig später mit den Suffragettes
in England.
Am 8. August 1914 war sie im
Reichstag anwesend, als die sozialdemokratischen Abgeordneten
mehrheitlich dem kaiserlichen Kriegskredit für den ersten Weltkrieg
zustimmten. Aufgrund ihrer betont antipatriotischen und pazifistischen
Einstellung verließ sie Deutschland, wo sie sich immer mehr eingeengt
fühlte und emigrierte nach Schweden. In der Hoffnung, in einem
neutralen Land weiterarbeiten zu können, agitierte sie dort gegen den
Krieg und für die internationale ArbeiterInnenklasse. Kurz danach
wurde sie verhaftet und landete im Gefängnis. Sie wurde nach Dänemark
ausgewiesen. Alexandra Kollontai war die erste Sozialistin, die wegen
Antikriegspropaganda ins Gefängnis kam.
Ab 1915 lebte sie in Norwegen, wo
auch ihre Korrespondenz und Zusammenarbeit mit Lenin, der in der
Schweiz im Exil war, begann. Dass Kollontai damals mit dem von Lenin
sehr geschätzten Alexander Schljapnikow, der zum kleinen Kreis seiner
Anhänger zählte, liiert war, mag den Kontakt und die Zusammenarbeit
zwischen ihr und Lenin erleichtert haben. Sicher trug dieser Umstand
auch dazu bei, dass sie sich noch im selben Jahr den Bolschewiki
anschloss, da diese auch am vehementesten gegen den Krieg auftraten.
Sie teilte auch Lenins Ansichten, dass „der Krieg nur durch die
Revolution, durch den Aufstand der ArbeiterInnen zu besiegen sei.“ In
Lenins Auftrag schrieb sie die Broschüre: "Wem nützt der Krieg?", die
unter anderem an Kriegsgefangene in Deutschland und Österreich
verteilt wurde.
Vom 5. bis 8. September 1915 trafen
sich in Zimmerwald 38 europäische Linkssozialisten. Mit 8 anderen
gründete dort Lenin die "Zimmerwalder-Linke", deren Forderung war: der
imperialistische Krieg müsse in einen Bürgerkrieg umgewandelt werden.
Auch Kollontai, die bei diesem Kongress nicht anwesend sein konnte,
schloss sich den Zimmerwalder-Linken an.
Wieder im Auftrag Lenins machte sich
Kollontai im Oktober 1915 nach Amerika auf, um in den USA eine
Agitationsreise in 80 Städten durchzuführen.
Als sie 1917 aus Amerika zurückkam,
machte sie sich an die Arbeit, in Schweden eine neue sozialistisch
Partei im Sinne der Zimmerwalder-Linken aufzubauen, musste ihre Arbeit
allerdings wegen der Februarrevolution unterbrechen.
Die Februarrevolution brach übrigens
am internationalen Frauentag, dem 8. März aus (der heutige 23. Februar
war nach dem alten russischen Kalender der 8. März), als 90.000
Textilarbeiterinnen für "Brot und Frieden" streikten.
Bis zur Oktoberrevolution hielt sie
Reden an Arbeiterfrauen und Soldatenfrauen und wurde von der
bürgerlichen Presse als verrückte Bolschewikin beschimpft. Doch die
Teuerungen und der Mangel an alltäglichen Gütern bereitete gerade bei
den Frauen den Boden für die Revolution. Sie war als 1. Frau Mitglied
der Sowjetexekutive und des Zentralkomitees.
Im Oktober 1917 wurde sie schließlich
Volkskomissarin für soziale Fürsorge, als einzige Frau im ersten
Kabinett Lenins.
Ihre Hauptaufgaben waren:
- Verbesserung der Lage der Kriegsinvaliden
- Abschaffung des Religionsunterrichts bei
staatlich verwalteten Schulen
- Selbstadministrationsrecht für Schülerinnen
- Umwandlung von Waisenhäusern zu staatlichen
Kinderheimen, damit kein Unterschied mehr zwischen elternlosen Kindern
und solchen mit Eltern vorhanden ist.
- freies Sanatoriumswesen
- Gesetzliche Gründung einer Zentrale für
Mutterschafts- und Säuglingsführsorge und damit verbunden einen
umfassenden staatlichen Mutterschutz.
Die Arbeit als Volkskommissarin war
durch die Sabotage der Beamten kurz nach der Revolution keineswegs
leicht, da sich nur wenige bereiterklärten, mit den Bolschewiki
zusammen zu arbeiten.
Eine ihrer ersten Aufgaben bestand
darin, die vielen Kriegsinvaliden unterzubringen. Da ein passendes
Gebäude fehlte, beschloss Kollontai, das Alexander-Newski-Kloster, das
nur von wenigen Mönchen bewohnt war, für ihre Zwecke zu requirieren.
Die Mönche weigerten sich jedoch mit Waffengewalt und die Bevölkerung
war entsetzt. Lenin kritisierte Kollontai dafür scharf, da er aus
politischen Gründen gewillt war, auf die religiösen Gefühle der
Bevölkerung Rücksicht zu nehmen. Die daraus entstandenen Diskussionen
hatte allerdings die Trennung von Staat und Kirche zur Folge.
Ihr größtes Projekte war die
Errichtung eines "Palast für Mutter und Kind", zu dem ein Palast des
Kleinkindes (ein ehemaliges Findelhaus), ein Palast der Mutter (ein
ehemaliges Institut für Geburtshilfe und Gynäkologie),
Mütterberatungsstellen, Kinderkrippen, eine Milchküche und schließlich
ein Museum des Schutzes von Mutter und Kind gehörten. Knapp vor der
Fertigstellung kam es allerdings zu einem Brand, der an mehreren
Stellen gelegt wurde. Dieses Projekt wurde durch Saboteure vernichtet.
Am 18. Und 19. Dezember 1917 wurde
ein neues Eherecht eingeführt, dass beinhaltete, dass die Ehe eine
Partnerschaft zwischen gleichberechtigten Individuen ist. Außerdem
wurden einige Schutzmaßnahmen für Mütter eingeführt, die auch einen
viermonatigen Schwangerschaftsurlaub bei voller Bezahlung,
Arbeitsplatzgarantie und Nahrungszulage beinhaltete.
Und schließlich wurde im September
1919 ein Beschluss des ZK gefasst, dass die Gründung einer
Frauenabteilung, des sogenannten „Shenotdel“ forderte.
Doch bereits 1918 kam es zu den
ersten Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Partei. Aus Protest
gegen den Friedensvertrag von Brest-Litowsk, der nach separaten
Verhandlungen der russischen Regierung mit Deutschland und seinen
Verbündeten zustande gekommen war und wegen der Härte seiner
Bedingungen von manchen als Verrat an der Revolution betrachtet wurde,
legte Kollontai zusammen mit anderen, die verantwortliche politische
Positionen innehatten, im März 1918 ihr Amt als Volkskommissarin
nieder.
Im Frühjahr 1919 wurde sie
Volkskommissarin für Agitation und Propaganda in der Ukraine, an der
Bürgerkriegsfront, wo sie 400 Kommunistinnen aus der von der weißen
Armee bedrohten Zone um Kiew schleuste.
1920 übernahm sie die Leitung des „Shenotdel“,
die Frauenabteilung innerhalb der Partei, die aber durch die
verbreitete Missgunst der Männer innerhalb wie außerhalb der Partei
oft sabotiert wurde, und schließlich im Jahre 1929 ganz aufgelöst
wurde, da die Partei ständig ihren Einfluss innerhalb der Abteilung
verstärkte und schließlich auch Männer wichtige Positionen besetzten.
1920 verstärkte Kollontai ihre Kritik
an der Partei. Sie warf der Parteiführung eine zunehmende
Bürokratisierung, eine Hierarchisierung und Isolierung der
Parteispitze sowie mangelndes Vertrauen der Führer in die Fähigkeiten
der Massen vor. Sie schloss sich daraufhin 1921 der sogenannten
„Arbeiteropposition“ an und wurde bald auch zu deren Sprecherin. Diese
sprach sich vehement gegen die NEP (Neue ökonomische Politik) aus, da
sie ihrer Meinung nach eine Rückkehr zu kapitalistischen
Wirtschaftspraktiken war – was wohl richtig beobachtet war, aber nun
mal eine unabdingbare Übergangsperiode in der ökonomischen Entwicklung
der Sowjetunion darstellte. Kollontai sprach sowohl anlässlich des 10.
Parteitags, 1921, als auch beim 11. Parteitag, 1922, und griff in
ihren Reden vor allem die Parteiführung an. In ihrer Kritik fielen
Worte wie „Erziehung der Massen mit dem Stock“ (bezogen auf Trotzki)
und „Sandkasten-Demokratie“ (bezogen auf Bucharin). Um die Einheit der
proletarischen Bewegung bei der mühsamen sozialistischen Aufbauarbeit
nicht zu gefährden und um weitere sektiererische Grabenkämpfe zu
unterbinden, wurde in der Partei das Verbot jeglicher Fraktionsbildung
erlassen.
Enttäuscht von ihrer Niederlage,
infolge deren sie auch die Leitung der Frauenabteilung aufgab, und
aufgrund persönlicher Gründe wechselte Alexandra Kollontai 1922 in den
diplomatischen Dienst. Sie wurde Legationsrätin der sowjetischen
Handelsmission in Norwegen, wo sie die wirtschaftlichen Beziehungen
zwischen Norwegen und der Sowjetunion aufbaute. 1926 wurde sie
Gesandte der UdSSR in Mexiko, 1930 Gesandte der UdSSR in Schweden und
1943 wurde sie als 1. Frau in der Geschichte Botschafterin, was sie
auch bis zu ihrer Pensionierung 1949 blieb. Somit überstand sie den
zweiten Weltkrieg im neutralen Schweden. Einer ihrer letzten
diplomatischen Erfolge war das Zustandekommen eines Friedensvertrags
nach dem russisch-finnischen Winterkrieg 1940. 1945 kam sie zurück
nach Moskau, wo sie 1952 an einem Herzinfarkt starb.
Da Kollontai eine Gegnerin Trotzkis
war, auch verhinderte, dass er 1932, aufgrund seiner Verbannung, nach
Schweden einreisen konnte, war sie auch für Stalin von großem
Interesse. Nicht zuletzt auch deswegen, weil sie 1925 jene Briefe dem
Parteiarchiv vermachte, die Lenin ihr in den Jahren der
vorrevolutionären Exils an sie schrieb und in denen er sich mehrmals
negativ über Trotzki und dessen Politik äußerte. Diese waren Stalin
natürlich nach dem Tod Lenins bei dem Streit um die Nachfolge für die
Parteiführung willkommen. 1933 erhielt Kollontai sogar aus der Hand
Stalins den Leninorden.
Kollontais Schriften
Die
neue Moral der Arbeiterklasse
In diesem Werk, das sie 1918 in
Russland geschrieben hatte, stellte sie die Frage nach einer neuen
Identität und Sexualmoral der Frau. Nach der russischen Revolution,
die die Gesellschaft komplett verändert hatte, war es jetzt auch an
der Zeit, die Moralvorstellungen zu ändern. Bisher gab es nach
Kollontais Ansicht vier Arten von Frauen: „die betrogene Ehefrau“,
„die betrügende Ehefrau“, „die alte Jungfer“ und „die
Liebespriesterin“. Jetzt gab es eine neu Kategorie von Frau: „die
ledige Frau“, die nicht unbedingt unverheiratet sein musste, was
natürlich oft der Fall war, da viele Männer im Krieg gefallen waren
und daher ein Frauenüberschuss herrschte. Daher waren viele Frauen
dazu gezwungen, ihren Lebensunterhalt selbst zu finanzieren. Die
ledige Frau war aber in Kollontais Bild in erster Linie Selbstständig
und Unabhängig. „Die zeitgenössische Frau ist anspruchsvoll, sie sucht
und fordert Beachtung ihrer Persönlichkeit, ihrer Seele.“ Die
bisherige Einstellung der Frau, die für sie nicht unbedingt von
Vorteil war, war die Vorherrschaft der Gefühle, die Orientierung an
der Liebe und die Eifersucht. Für sie sollte jedoch im Leben einer
Frau die Liebe eine untergeordnete Rolle spielen.
„Für die Arbeiterklasse bedarf es zur
Erfüllung ihrer Mission nicht einer Dienerin des Mannes, sondern einer
gegen Sklaverei jeder Art sich aufrichtende, rebellierende
Persönlichkeit, eines aktiven, bewussten, gleichberechtigten
Mitgliedes der Gemeinschaft, der Klasse.“
Sie wurde in ihren Schriften zwar
durch die bürgerliche Autorin Meisel-Heß angeregt, vertrat aber nicht
ihre, für die damalige Zeit, sehr extremen Ansichten, dass die Frau
das natürliche Recht auf Auslebung ihrer sexuellen Bedürfnisse habe,
das ihnen von der herrschenden Sexualmoral bislang verwehrt wurde.
Kollontai trat allerdings dafür ein, dass alle Formen von
Liebesbeziehungen und Verbindungen anzuerkennen und die Frau während
der Mutterschaft materiell und moralisch zu unterstützen sei. Die
ideale Verbindung, ihrer Ansicht nach, war aber trotzdem eine monogame
Verbindung und die große Liebe.
Brief an
die arbeitende Jugend
Diese Briefe, die sie zwischen 1922
und1923 veröffentlicht hat, beinhalten drei Themen:
1) Die Privatexistenz und die Arbeit für das
Kollektiv gehören im Leben eines/R Kommunisti/en untrennbar zusammen.
2) Die dem Mann
gleichgestellte, dem Kollektiv dienende Frau hat ein neues
Selbstverständnis und neue Ansprüche entwickelt, auf die sie in keinem
Fall mehr verzichtet. Frauen müssen vertrauen in die eigenen Kräfte
und Möglichkeiten entwickeln, sich mit dem gesellschaftlichen
Kollektiv zu verbinden.
3) Auf der
Basis allgemeiner Solidarität und Sympathie kann als „geflügelter
Eros“ eine Form der Liebe entstehen, die keine Abgrenzung der
Liebenden vom sozialen Kollektiv mehr kennt. In den ersten fünf Jahren
nach der Revolution, in denen alle gesellschaftliche Energien den
ökonomischen, politischen und militärischen Schwierigkeiten galten,
war nur die Liebe in Form des „ungeflügelten Eros“ möglich, Sexualität
ohne geistige und seelische Nähe. Danach hatte man mehr Zeit sich mit
den einzelnen Menschen zu beschäftigen und dem „geflügelten Eros“ den
Weg zu bahnen, eine kommunistische Liebesmoral durch Kameradschaft und
Solidarität.
Gleichzeitig stellte sie in diesen
Briefen auch zwei Regeln als Grundlage einer Moral der
ArbeiterInnenklasse auf:
1) Das Wohl des
ArbeiterInnenkollektivs ist das Maß aller Handlungen für das
Proletariat
2) Das Proletariat darf
nicht vom Leben des Arbeitskollektivs getrennt werden.
„Wege der Liebe“
und die „Glas-Wasser-Theorie“
Das Buch „Wege der Liebe“ ist eine
Sammlung von drei Kurzgeschichten, das aus Sicht von Frauen
verschiedener Generationen und aus verschiedenen gesellschaftlichen
Situationen von Kollontai geschrieben wurde. Es beschäftigt sich mit
der sozialen Situation der Frau im Arbeits- und im privaten Bereich.
Viele Diskussionen erzeugte vor allem die Kurzgeschichte „Die drei
Generationen“, da Kollontai hier die These der „Glas-Wasser-Theorie“
aufwarf, also die Möglichkeit, Sex von Liebe zu trennen. Mit der
gleichen Selbstverständlichkeit, wenn ein Mensch durstig ist und
er/sie ein kühles Glas Wasser trinkt, so solle er/sie seine/ihre
sexuellen Bedürfnisse befriedigen. Im Fall dieser Geschichte ist es
die Tochter, die mit dem Geliebten ihrer Mutter von dieser im Bett
erwischt wird. Die Mutter kann nicht verstehen, dass der Freund sie
immer noch liebe, obwohl er doch mit der Tochter Sex hatte.
Woher diese These stammt ist nicht
genau zu bestimmen. Kollontai hatte sie auf jeden Fall durch diese
Kurzgeschichte und bereits vorher in Briefen zu einem Thema innerhalb
der kommunistischen Gesellschaft gemacht. Lenin argumentierte gegen
diese Theorie und meinte dazu, er trinke nicht aus einem Glas, auf dem
bereits Lippenstift klebe, und die Menschen sollen sich lieber mit dem
Aufbau der neuen Gesellschaft beschäftigen, statt mit der Sexualität.
Obwohl Kollontai keine Vertreterin dieser Theorie war und eine
monogame Beziehung vorzog, vertrat sie doch die Ansicht, dass jeder
und jede seine sexuellen Bedürfnisse so ausleben solle, wie es ihr/ihm
gefällt, solange das Arbeiterkollektiv nicht zu schaden komme, oder
vernachlässigt werde.
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