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|461|
Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des Kommunismus.
Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd
gegen dies Gespenst verbündet, der Papst und der Zar, Metternich
und Guizot, französische Radikale und deutsche Polizisten.
Wo ist die Oppositionspartei,
die nicht von ihren regierenden Gegnern als kommunistisch
verschrien worden wäre, wo die Oppositionspartei, die den
fortgeschritteneren Oppositionsleuten sowohl wie ihren
reaktionären Gegnern den brandmarkenden Vorwurf des Kommunismus
nicht zurückgeschleudert hätte?
Zweierlei geht aus dieser
Tatsache hervor.
Der Kommunismus wird bereits
von allen europäischen Mächten als eine Macht anerkannt.
Es ist hohe Zeit, daß die
Kommunisten ihre Anschauungsweise, ihre Zwecke, ihre Tendenzen vor
der ganzen Welt offen darlegen und dem Märchen vom Gespenst des
Kommunismus ein Manifest der Partei selbst entgegenstellen.
Zu diesem Zweck haben sich
Kommunisten der verschiedensten Nationalität in London versammelt
und das folgende Manifest entworfen, das in englischer,
französischer, deutscher, italienischer, flämischer und dänischer
Sprache veröffentlicht wird.
I - Bourgeois und Proletarier
|462|
Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte
von Klassenkämpfen.
Freier und Sklave, Patrizier
und Plebejer, Baron und Leibeigener, Zunftbürger und Gesell, kurz,
Unterdrücker und Unterdrückte standen in stetem Gegensatz
zueinander, führten einen ununterbrochenen, bald versteckten, bald
offenen Kampf, einen Kampf, der jedesmal mit einer revolutionären
Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder mit dem
gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen.
In den früheren Epochen der
Geschichte finden wir fast überall eine vollständige Gliederung
der Gesellschaft in verschiedene Stände, eine mannigfaltige
Abstufung der gesellschaftlichen Stellungen. Im alten Rom haben
wir |463| Patrizier, Ritter, Plebejer, Sklaven; im
Mittelalter Feudalherren, Vasallen, Zunftbürger, Gesellen,
Leibeigene, und noch dazu in fast jeder dieser Klassen besondere
Abstufungen.
Die aus dem Untergang der
feudalen Gesellschaft hervorgegangene moderne bürgerliche
Gesellschaft hat die Klassengegensätze nicht aufgehoben. Sie hat
nur neue Klassen, neue Bedingungen der Unterdrückung, neue
Gestaltungen des Kampfes an die Stelle der alten gesetzt.
Unsere Epoche, die Epoche der
Bourgeoisie, zeichnet sich jedoch dadurch aus, daß sie die
Klassengegensätze vereinfacht hat. Die ganze Gesellschaft spaltet
sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große,
einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und
Proletariat.
Aus den Leibeigenen des
Mittelalters gingen die Pfahlbürger der ersten Städte hervor; aus
dieser Pfahlbürgerschaft entwickelten sich die ersten Elemente der
Bourgeoisie.
Die Entdeckung Amerikas, die
Umschiffung Afrikas schufen der aufkommenden Bourgeoisie ein neues
Terrain. Der ostindische und chinesische Markt, die Kolonisierung
von Amerika, der Austausch mit den Kolonien, die Vermehrung der
Tauschmittel und der Waren überhaupt gaben dem Handel, der
Schiffahrt, der Industrie einen nie gekannten Aufschwung und damit
dem revolutionären Element in der zerfallenden feudalen
Gesellschaft eine rasche Entwicklung.
Die bisherige feudale oder
zünftige Betriebsweise der Industrie reichte nicht mehr aus für
den mit neuen Märkten anwachsenden Bedarf. Die Manufaktur trat an
ihre Stelle. Die Zunftmeister wurden verdrängt durch den
industriellen Mittelstand; die Teilung der Arbeit zwischen den
verschiedenen Korporationen verschwand vor der Teilung der Arbeit
in der einzelnen Werkstatt selbst.
Aber immer wuchsen die Märkte,
immer stieg der Bedarf. Auch die Manufaktur reichte nicht mehr
aus. Da revolutionierte der Dampf und die Maschinerie die
industrielle Produktion. An die Stelle der Manufaktur trat die
moderne große Industrie, an die Stelle des industriellen
Mittelstandes traten die industriellen Millionäre, die Chefs
ganzer industrieller Armeen, die modernen Bourgeois.
Die große Industrie hat den
Weltmarkt hergestellt, den die Entdeckung Amerikas vorbereitete.
Der Weltmarkt hat dem Handel, der Schiffahrt, den
Landkommunikationen eine unermeßliche Entwicklung gegeben. Diese
hat |464| wieder auf die Ausdehnung der Industrie
zurückgewirkt, und in demselben Maße, worin Industrie, Handel,
Schiffahrt, Eisenbahnen sich ausdehnten, in demselben Maße
entwickelte sich die Bourgeoisie, vermehrte sie ihre Kapitalien,
drängte sie alle vom Mittelalter her überlieferten Klassen in den
Hintergrund.
Wir sehen also, wie die moderne
Bourgeoisie selbst das Produkt eines langen Entwicklungsganges,
einer Reihe von Umwälzungen in der Produktions- und Verkehrsweise
ist.
Jede dieser Entwicklungsstufen
der Bourgeoisie war begleitet von einem entsprechenden politischen
Fortschritt Unterdrückter Stand unter der Herrschaft der
Feudalherren, bewaffnete und sich selbst verwaltende Assoziation
in der Kommune, hier unabhängige städtische Republik, dort dritter
steuerpflichtiger Stand der Monarchie, dann zur Zeit der
Manufaktur Gegengewicht gegen den Adel in der ständischen oder in
der absoluten Monarchie, Hauptgrundlage der großen Monarchien
überhaupt, erkämpfte sie sich endlich seit der Herstellung der
großen Industrie und des Weltmarktes im modernen
Repräsentativstaat die ausschließliche politische Herrschaft. Die
moderne Staatsgewalt ist nur ein Ausschuß, der die
gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet.
Die Bourgeoisie hat in der
Geschichte eine höchst revolutionäre Rolle gespielt.
Die Bourgeoisie, wo sie zur
Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen,
idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen
Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten
knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen
Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die
gefühllose "bare Zahlung". Sie hat die heiligen Schauer der
frommen Schwärmerei, der ritter- |465| lichen Begeisterung,
der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer
Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den
Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften
und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose
Handelsfreiheit gesetzt. Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle
der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten
Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung
gesetzt.
Die Bourgeoisie hat alle bisher
ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres
Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den
Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten
Lohnarbeiter verwandelt.
Die Bourgeoisie hat dem
Familienverhältnis seinen rührend-sentimentalen Schleier
abgerissen und es auf ein reines Geldverhältnis zurückgeführt.
Die Bourgeoisie hat enthüllt,
wie die brutale Kraftäußerung, die die Reaktion so sehr am
Mittelalter bewundert, in der trägsten Bärenhäuterei ihre passende
Ergänzung fand. Erst sie hat bewiesen, was die Tätigkeit der
Menschen zustande bringen kann. Sie hat ganz andere Wunderwerke
vollbracht als ägyptische Pyramiden, römische Wasserleitungen und
gotische Kathedralen, sie hat ganz andere Züge ausgeführt als
Völkerwanderungen und Kreuzzüge.
Die Bourgeoisie kann nicht
existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die
Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen
Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren. Unveränderte
Beibehaltung der alten Produktionsweise war dagegen die erste
Existenzbedingung aller früheren industriellen Klassen. Die
fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene
Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige
Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen
anderen aus. Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem
Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden
aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern
können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige
wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre
Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen
Augen anzusehen.
Das Bedürfnis nach einem stets
ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über
die ganze Erdkugel. Überall muß sie sich einnisten, überall
anbauen, überall Verbindungen herstellen.
|466|
Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die
Produktion und Konsumption aller Länder kosmopolitisch gestaltet.
Sie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden
der Industrie unter den Füßen weggezogen. Die uralten nationalen
Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich
vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren
Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird,
durch Industrien, die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern
den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren
Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen
zugleich verbraucht werden.
An die Stelle der alten, durch
Landeserzeugnisse befriedigten Bedürfnisse treten neue, welche die
Produkte der entferntesten Länder und Klimate zu ihrer
Befriedigung erheischen. An die Stelle der alten lokalen und
nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein
allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen
voneinander. Und wie in der materiellen, so auch in der geistigen
Produktion. Die geistigen Erzeugnisse der einzelnen Nationen
werden Gemeingut. Die nationale Einseitigkeit und Beschränktheit
wird mehr und mehr unmöglich, und aus den vielen nationalen und
lokalen Literaturen bildet sich eine Weltliteratur.
Die Bourgeoisie reißt durch die
rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die
unendlich erleichterte Kommunikation alle, auch die barbarischsten
Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren
sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern
in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhaß
der Barbaren zur Kapitulation zwingt. Sie zwingt alle Nationen,
die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie
nicht zugrunde gehen wollen; sie zwingt sie, die sogenannte
Zivilisation bei sich selbst einzuführen, d.h. Bourgeois zu
werden. Mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem
eigenen Bilde.
Die Bourgeoisie hat das Land
der Herrschaft der Stadt unterworfen. Sie hat enorme Städte
geschaffen, sie hat die Zahl der städtischen Bevölkerung gegenüber
der ländlichen in hohem Grade vermehrt und so einen bedeutenden
Teil der Bevölkerung dem Idiotismus des Landlebens entrissen. Wie
sie das Land von der Stadt, hat sie die barbarischen und
halbbarbarischen Länder von den zivilisierten, die Bauernvölker
von den Bourgeoisvölkern, den Orient vom Okzident abhängig
gemacht.
Die Bourgeoisie hebt mehr und
mehr die Zersplitterung der Produktionsmittel, des Besitzes und
der Bevölkerung auf. Sie hat die Bevölkerung agglo- |467|
meriert, die Produktionsmittel zentralisiert und das Eigentum in
wenigen Händen konzentriert. Die notwendige Folge hiervon war die
politische Zentralisation. Unabhängige, fast nur verbündete
Provinzen mit verschiedenen Interessen, Gesetzen, Regierungen und
Zöllen wurden zusammengedrängt in eine Nation, eine Regierung, ein
Gesetz, ein nationales Klasseninteresse, eine Douanenlinie.
Die Bourgeoisie hat in ihrer
kaum hundertjährigen Klassenherrschaft massenhaftere und
kolossalere Produktionskräfte geschaffen als alle vergangenen
Generationen zusammen. Unterjochung der Naturkräfte, Maschinerie,
Anwendung der Chemie auf Industrie und Ackerbau, Dampfschiffahrt,
Eisenbahnen, elektrische Telegraphen, Urbarmachung ganzer
Weltteile, Schiffbarmachung der Flüsse, ganze aus dem Boden
hervorgestampfte Bevölkerungen - welches frühere Jahrhundert
ahnte, daß solche Produktionskräfte im Schoß der
gesellschaftlichen Arbeit schlummerten.
Wir haben also gesehen: Die
Produktions- und Verkehrsmittel, auf deren Grundlage sich die
Bourgeoisie heranbildete, wurden in der feudalen Gesellschaft
erzeugt. Auf einer gewissen Stufe der Entwicklung dieser
Produktions- und Verkehrsmittel entsprachen die Verhältnisse,
worin die feudale Gesellschaft produzierte und austauschte, die
feudale Organisation der Agrikultur und Manufaktur, mit einem Wort
die feudalen Eigentumsverhältnisse den schon entwickelten
Produktivkräften nicht mehr. Sie hemmten die Produktion, statt sie
zu fördern. Sie verwandelten sich in ebensoviele Fesseln. Sie
mußten gesprengt werden, sie wurden gesprengt.
An ihre Stelle trat die freie
Konkurrenz mit der ihr angemessenen gesellschaftlichen und
politischen Konstitution, mit der ökonomischen und politischen
Herrschaft der Bourgeoisklasse.
Unter unsern Augen geht eine
ähnliche Bewegung vor. Die bürgerlichen Produktions- und
Verkehrsverhältnisse, die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse, die
moderne bürgerliche Gesellschaft, die so gewaltige Produktions-
und Verkehrsmittel hervorgezaubert hat, gleicht dem Hexenmeister,
der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu beherrschen vermag,
die er heraufbeschwor. Seit Dezennien ist die Geschichte der
Industrie und des Handels nur die Geschichte der Empörung der
modernen Produktivkräfte gegen die modernen
Produktionsverhältnisse, gegen die Eigentumsverhältnisse, welche
die Lebensbedingungen der Bourgeoisie und ihrer Herrschaft sind.
Es genügt, die Handelskrisen zu nennen, welche in ihrer
periodischen Wiederkehr immer drohender die Existenz der ganzen
bürgerlichen Gesellschaft in |468| Frage stellen. In den
Handelskrisen wird ein großer Teil nicht nur der erzeugten
Produkte, sondern der bereits geschaffenen Produktivkräfte
regelmäßig vernichtet. In den Krisen bricht eine gesellschaftliche
Epidemie aus, welche allen früheren Epochen als ein Widersinn
erschienen wäre - die Epidemie der Überproduktion. Die
Gesellschaft findet sich plötzlich in einen Zustand momentaner
Barbarei zurückversetzt; eine Hungersnot, ein allgemeiner
Vernichtungskrieg scheinen ihr alle Lebensmittel abgeschnitten zu
haben; die Industrie, der Handel scheinen vernichtet, und warum?
Weil sie zuviel Zivilisation, zuviel Lebensmittel, zuviel
Industrie, zuviel Handel besitzt. Die Produktivkräfte, die ihr zur
Verfügung stehen, dienen nicht mehr zur Beförderung der
bürgerlichen Eigentumsverhältnisse; im Gegenteil, sie sind zu
gewaltig für diese Verhältnisse geworden, sie werden von ihnen
gehemmt; und sobald sie dies Hemmnis überwinden, bringen sie die
ganze bürgerliche Gesellschaft in Unordnung, gefährden sie die
Existenz des bürgerlichen Eigentums. Die bürgerlichen Verhältnisse
sind zu eng geworden, um den von ihnen erzeugten Reichtum zu
fassen. - Wodurch überwindet die Bourgeoisie die Krisen?
Einerseits durch die erzwungene Vernichtung einer Masse von
Produktivkräften; anderseits durch die Eroberung neuer Märkte und
die gründlichere Ausbeutung alter Märkte. Wodurch also? Dadurch,
daß sie allseitigere und gewaltigere Krisen vorbereitet und die
Mittel, den Krisen vorzubeugen, vermindert.
Die Waffen, womit die
Bourgeoisie den Feudalismus zu Boden geschlagen hat, richten sich
jetzt gegen die Bourgeoisie selbst.
Aber die Bourgeoisie hat nicht
nur die Waffen geschmiedet, die ihr den Tod bringen; sie hat auch
die Männer gezeugt, die diese Waffen führen werden - die modernen
Arbeiter, die Proletarier.
In demselben Maße, worin sich
die Bourgeoisie, d.h. das Kapital, entwickelt, in demselben Maße
entwickelt sich das Proletariat, die Klasse der modernen Arbeiter,
die nur so lange leben, als sie Arbeit finden, und die nur so
lange Arbeit finden, als ihre Arbeit das Kapital vermehrt. Diese
Arbeiter, die sich stückweis verkaufen müssen, sind eine Ware wie
jeder andere Handelsartikel und daher gleichmäßig allen
Wechselfällen der Konkurrenz, allen Schwankungen des Marktes
ausgesetzt.
Die Arbeit der Proletarier hat
durch die Ausdehnung der Maschinerie und die Teilung der Arbeit
allen selbständigen Charakter und damit allen Reiz für die
Arbeiter verloren. Er wird ein bloßes Zubehör der Maschine, von
dem |469| nur der einfachste, eintönigste, am leichtesten
erlernbare Handgriff verlangt wird. Die Kosten, die der Arbeiter
verursacht, beschränken sich daher fast nur auf die Lebensmittel,
die er zu seinem Unterhalt und zur Fortpflanzung seiner Race
bedarf. Der Preis einer Ware, also auch der Arbeit, ist aber
gleich ihren Produktionskosten. In demselben Maße, in dem die
Widerwärtigkeit der Arbeit wächst, nimmt daher der Lohn ab. Noch
mehr, in demselben Maße, wie Maschinerie und Teilung der Arbeit
zunehmen, in demselben Maße nimmt auch die Masse der Arbeit zu,
sei es durch Vermehrung der Arbeitsstunden, sei es durch
Vermehrung der in einer gegebenen Zeit geforderten Arbeit,
beschleunigten Lauf der Maschinen usw.
Die moderne Industrie hat die
kleine Werkstube des patriarchalischen Meisters in die große
Fabrik des industriellen Kapitalisten verwandelt. Arbeitermassen,
in der Fabrik zusammengedrängt, werden soldatisch organisiert. Sie
werden als gemeine Industriesoldaten unter die Aufsicht einer
vollständigen Hierarchie von Unteroffizieren und Offizieren
gestellt. Sie sind nicht nur Knechte der Bourgeoisie, des
Bourgeoisstaates, sie sind täglich und stündlich geknechtet von
der Maschine, von dem Aufseher und vor allem von den einzelnen
fabrizierenden Bourgeois selbst. Diese Despotie ist um so
kleinlicher, gehässiger, erbitterter, je offener sie den Erwerb
als ihren Zweck proklamiert.
Je weniger die Handarbeit
Geschicklichkeit und Kraftäußerung erheischt, d.h. je mehr die
moderne Industrie sich entwickelt, desto mehr wird die Arbeit der
Männer durch die der Weiber verdrängt. Geschlechts- und
Altersunterschiede haben keine gesellschaftliche Geltung mehr für
die Arbeiterklasse. Es gibt nur noch Arbeitsinstrumente, die je
nach Alter und Geschlecht verschiedene Kosten machen.
Ist die Ausbeutung des
Arbeiters durch den Fabrikanten so weit beendigt, daß er seinen
Arbeitslohn bar ausgezahlt erhält, so fallen die anderen Teile der
Bourgeoisie über ihn her, der Hausbesitzer, der Krämer, der
Pfandleiher usw.
Die bisherigen kleinen
Mittelstände, die kleinen Industriellen, Kaufleute und Rentiers,
die Handwerker und Bauern, alle diese Klassen fallen ins
Proletariat hinab, teils dadurch, daß ihr kleines Kapital für den
Betrieb der großen Industrie nicht ausreicht und der Konkurrenz
mit den größeren Kapitalisten erliegt, teils dadurch, daß ihre
Geschicklichkeit von neuen Produktionsweisen entwertet wird. So
rekrutiert sich das Proletariat aus allen Klassen der Bevölkerung.
|470|
Das Proletariat macht verschiedene Entwicklungsstufen durch. Sein
Kampf gegen die Bourgeoisie beginnt mit seiner Existenz.
Im Anfang kämpfen die einzelnen
Arbeiter, dann die Arbeiter einer Fabrik, dann die Arbeiter eines
Arbeitszweiges an einem Ort gegen den einzelnen Bourgeois, der sie
direkt ausbeutet. Sie richten ihre Angriffe nicht nur gegen die
bürgerlichen Produktionsverhältnisse, sie richten sie gegen die
Produktionsinstrumente selbst; sie vernichten die fremden
konkurrierenden Waren, sie zerschlagen die Maschinen, sie stecken
die Fabriken in Brand, die suchen die untergegangene Stellung des
mittelalterlichen Arbeiters wiederzuerringen.
Auf dieser Stufe bilden die
Arbeiter eine über das Land zerstreute und durch die Konkurrenz
zersplitterte Masse. Massenhaftes Zusammenhalten der Arbeiter ist
noch nicht die Folge ihrer eigenen Vereinigung, sondern die Folge
der Vereinigung der Bourgeoisie, die zur Erreichung ihrer eigenen
politischen Zwecke das ganze Proletariat in Bewegung setzen muß
und es einstweilen noch kann.
Auf dieser Stufe bekämpfen die
Proletarier also noch nicht ihre Feinde, sondern die Feinde ihrer
Feinde, die Reste der absoluten Monarchie, die Grundeigentümer,
die nichtindustriellen Bourgeois, die Kleinbürger. Die ganze
geschichtliche Bewegung ist so in den Händen der Bourgeoisie
konzentriert; jeder Sieg, der so errungen wird, ist ein Sieg der
Bourgeoisie.
Aber mit der Entwicklung der
Industrie vermehrt sich nicht nur das Proletariat; es wird in
größeren Massen zusammengedrängt, seine Kraft wächst, und es fühlt
sie immer mehr. Die Interessen, die Lebenslagen innerhalb des
Proletariats gleichen sich immer mehr aus, indem die Maschinerie
mehr und mehr die Unterschiede der Arbeit verwischt und den Lohn
fast überall auf ein gleich niedriges Niveau herabdrückt. Die
wachsende Konkurrenz der Bourgeois unter sich und die daraus
hervorgehenden Handelskrisen machen den Lohn der Arbeiter immer
schwankender; die immer rascher sich entwickelnde, unaufhörliche
Verbesserung der Maschinerie macht ihre ganze Lebensstellung immer
unsicherer; immer mehr nehmen die Kollisionen zwischen dem
einzelnen Arbeiter und dem einzelnen Bourgeois den Charakter von
Kollisionen zweier Klassen an. Die Arbeiter beginnen damit,
Koalitionen gegen die Bourgeois zu bilden; sie treten zusammen zur
Behauptung ihres Arbeitslohns. Sie stiften selbst dauernde
Assoziationen, um sich für die gelegentlichen Empörungen zu
verproviantieren. Stellenweis bricht der Kampf in Emeuten aus.
|471|
Von Zeit zu Zeit siegen die Arbeiter, aber nur vorübergehend. Das
eigentliche Resultat ihrer Kämpfe ist nicht der unmittelbare
Erfolg, sondern die immer weiter um sich greifende Vereinigung der
Arbeiter. Sie wird befördert durch die wachsenden
Kommunikationsmittel, die von der großen Industrie erzeugt werden
und die Arbeiter der verschiedenen Lokalitäten miteinander in
Verbindung setzen. Es bedarf aber bloß der Verbindung, um die
vielen Lokalkämpfe von überall gleichem Charakter zu einem
nationalen, zu einem Klassenkampf zu zentralisieren. Jeder
Klassenkampf ist aber ein politischer Kampf. Und die Vereinigung,
zu der die Bürger des Mittelalters mit ihren Vizinalwegen
Jahrhunderte bedurften, bringen die modernen Proletarier mit den
Eisenbahnen in wenigen Jahren zustande.
Diese Organisation der
Proletarier zur Klasse, und damit zur politischen Partei, wird
jeden Augenblick wieder gesprengt durch die Konkurrenz unter den
Arbeitern selbst. Aber sie ersteht immer wieder, stärker, fester,
mächtiger. Sie erzwingt die Anerkennung einzelner Interesse der
Arbeiter in Gesetzesform, indem sie die Spaltungen der Bourgeoisie
unter sich benutzt. So die Zehnstundenbill in England.
Die Kollisionen der alten
Gesellschaft überhaupt fördern mannigfach den Entwicklungsgang des
Proletariats. Die Bourgeoisie befindet sich in fortwährendem
Kampfe: anfangs gegen die Aristokratie; später gegen die Teile der
Bourgeoisie selbst, deren Interessen mit dem Fortschritt der
Industrie in Widerspruch geraten; stets gegen die Bourgeoisie
aller auswärtigen Länder. In allen diesen Kämpfen sieht sie sich
genötigt, an das Proletariat zu appellieren, seine Hülfe in
Anspruch zu nehmen und es so in die politische Bewegung
hineinzureißen. Sie selbst führt also dem Proletariat ihre eigenen
Bildungselemente, d.h. Waffen gegen sich selbst, zu.
Es werden ferner, wie wir
sahen, durch den Fortschritt der Industrie ganze Bestandteile der
herrschenden Klasse ins Proletariat hinabgeworfen oder wenigstens
in ihren Lebensbedingungen bedroht. Auch sie führen dem
Proletariat eine Masse Bildungselemente zu.
In Zeiten endlich, wo der
Klassenkampf sich der Entscheidung nähert, nimmt der
Auflösungsprozeß innerhalb der herrschenden Klasse, innerhalb der
ganzen alten Gesellschaft, einen so heftigen, so grellen Charakter
an, daß ein kleiner Teil der herrschenden Klasse sich von ihr
lossagt und sich der revolutionären Klasse anschließt, der Klasse,
welche die Zukunft in ihren Händen trägt. Wie daher früher ein
Teil des Adels zur Bourgeoisie überging, so geht jetzt ein Teil
der Bourgeoisie zum Proletariat über, und nament- |472|
lich ein Teil dieser Bourgeoisideologen, welche zum theoretischen
Verständnis der ganzen geschichtlichen Bewegung sich
hinaufgearbeitet haben.
Von allen Klassen, welche
heutzutage der Bourgeoisie gegenüberstehen, ist nur das
Proletariat eine wirklich revolutionäre Klasse. Die übrigen
Klassen verkommen und gehen unter mit der großen Industrie, das
Proletariat ist ihr eigenstes Produkt.
Die Mittelstände, der kleine
Industrielle, der kleine Kaufmann, der Handwerker, der Bauer, sie
alle bekämpfen die Bourgeoisie, um ihre Existenz als Mittelstände
vor dem Untergang zu sichern. Sie sind also nicht revolutionär,
sondern konservativ. Noch mehr, sie sind reaktionär, sie suchen
das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Sind sie revolutionär, so
sind sie es im Hinblick auf den ihnen bevorstehenden Übergang ins
Proletariat, so verteidigen sie nicht ihre gegenwärtigen, sondern
ihre zukünftigen Interessen, so verlassen sie ihren eigenen
Standpunkt, um sich auf den des Proletariats zu stellen. -
Das Lumpenproletariat, diese
passive Verfaulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft,
wird durch eine proletarische Revolution stellenweise in die
Bewegung hineingeschleudert, seiner ganzen Lebenslage nach wird es
bereitwilliger sein, sich zu reaktionären Umtrieben erkaufen zu
lassen.
Die Lebensbedingungen der alten
Gesellschaft sind schon vernichtet in den Lebensbedingungen des
Proletariats. Der Proletarier ist eigentumslos; sein Verhältnis zu
Weib und Kindern hat nichts mehr gemein mit dem bürgerlichen
Familienverhältnis; die moderne industrielle Arbeit, die moderne
Unterjochung unter das Kapital, dieselbe in England wie in
Frankreich, in Amerika wie in Deutschland, hat ihm allen
nationalen Charakter abgestreift. Die Gesetze, die Moral, die
Religion sind für ihn ebenso viele bürgerliche Vorurteile, hinter
denen sich ebenso viele bürgerliche Interessen verstecken.
Alle früheren Klassen, die sich
die Herrschaft eroberten, suchten ihre schon erworbene
Lebensstellung zu sichern, indem sie die ganze Gesellschaft den
Bedingungen ihres Erwerbs unterwarfen. Die Proletarier können sich
die gesellschaftlichen Produktivkräfte nur erobern, indem sie ihre
eigene bisherige Aneignungsweise und damit die ganze bisherige
Aneignungsweise abschaffen. Die Proletarier haben nichts von dem
Ihrigen zu sichern, sie haben alle bisherigen Privatsicherheiten
und Privatversicherungen zu zerstören.
Alle bisherigen Bewegungen
waren Bewegungen von Minoritäten oder im Interesse von
Minoritäten. Die proletarische Bewegung ist die selbständige
Bewegung der ungeheuren Mehrzahl im Interesse der ungeheuren
Mehrzahl. Das Proletariat, die unterste Schicht der jetzigen
Gesellschaft, |473| kann sich nicht erheben, nicht
aufrichten, ohne daß der ganze Überbau der Schichten, die die
offizielle Gesellschaft bilden, in die Luft gesprengt wird.
Obgleich nicht dem Inhalt, ist
der Form nach der Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie
zunächst ein nationaler. Das Proletariat eines jeden Landes muß
natürlich zuerst mit seiner eigenen Bourgeoisie fertig werden.
Indem wir die allgemeinsten
Phasen der Entwicklung des Proletariats zeichneten, verfolgten wir
den mehr oder minder versteckten Bürgerkrieg innerhalb der
bestehenden Gesellschaft bis zu dem Punkt, wo er in eine offene
Revolution ausbricht und durch den gewaltsamen Sturz der
Bourgeoisie das Proletariat seine Herrschaft begründet.
Alle bisherige Gesellschaft
beruhte, wie wir gesehen haben, auf dem Gegensatz unterdrückender
und unterdrückter Klassen. Um aber eine Klasse unterdrücken zu
können, müssen ihr Bedingungen gesichert sein, innerhalb derer sie
wenigstens ihre knechtische Existenz fristen kann. Der Leibeigene
hat sich zum Mitglied der Kommune in der Leibeigenschaft
herangearbeitet wie der Kleinbürger zum Bourgeois unter dem Joch
des feudalistischen Absolutismus. Der moderne Arbeiter dagegen,
statt sich mit dem Fortschritt der Industrie zu heben, sinkt immer
tiefer unter die Bedingungen seiner eigenen Klasse herab. Der
Arbeiter wird zum Pauper, und der Pauperismus entwickelt sich noch
schneller als Bevölkerung und Reichtum.
Es tritt hiermit offen hervor,
daß die Bourgeoisie unfähig ist, noch länger die herrschende
Klasse der Gesellschaft zu bleiben und die Lebensbedingungen ihrer
Klasse der Gesellschaft als regelndes Gesetz aufzuzwingen. Sie ist
unfähig zu herrschen, weil sie unfähig ist, ihrem Sklaven die
Existenz selbst innerhalb seiner Sklaverei zu sichern, weil sie
gezwungen ist, ihn in eine Lage herabsinken zu lassen, wo sie ihn
ernähren muß, statt von ihm ernährt zu werden. Die Gesellschaft
kann nicht mehr unter ihr leben, d.h., ihr Leben ist nicht mehr
verträglich mit der Gesellschaft.
Die wesentliche Bedingung für
die Existenz und für die Herrschaft der Bourgeoisklasse ist die
Anhäufung des Reichtums in den Händen von Privaten, die Bildung
und Vermehrung des Kapitals; die Bedingung des Kapitals ist die
Lohnarbeit. Die Lohnarbeit beruht ausschließlich auf der
Konkurrenz der Arbeiter unter sich. Der Fortschritt der Industrie,
dessen willenloser und widerstandsloser Träger die Bourgeoisie
ist, setzt an die Stelle der Isolierung der Arbeiter durch die
Konkurrenz ihre revolutionäre Vereini- |474| gung durch die
Assoziation. Mit der Entwicklung der großen Industrie wird also
unter den Füßen der Bourgeoisie die Grundlage selbst hinweggezogen,
worauf sie produziert und die Produkte sich aneignet. Sie
produziert vor allem ihren eigenen Totengräber. Ihr Untergang und
der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich.
2
II - Proletarier und Kommunisten
In welchem Verhältnis stehen
die Kommunisten zu den Proletariern überhaupt?
Die Kommunisten sind keine
besondere Partei gegenüber den andern Arbeiterparteien.
Sie haben keine von den
Interessen des ganzen Proletariats getrennten Interessen.
Sie stellen keine besonderen
Prinzipien auf, wonach sie die proletarische Bewegung modeln
wollen.
Die Kommunisten unterscheiden
sich von den übrigen proletarischen Parteien nur dadurch, daß sie
einerseits in den verschiedenen nationalen Kämpfen der Proletarier
die gemeinsamen, von der Nationalität unabhängigen Interessen des
gesamten Proletariats hervorheben und zur Geltung bringen,
andrerseits dadurch, daß sie in den verschiedenen
Entwicklungsstufen, welche der Kampf zwischen Proletariat und
Bourgeoisie durchläuft, stets das Interesse der Gesamtbewegung
vertreten.
Die Kommunisten sind also
praktisch der entschiedenste, immer weitertreibende Teil der
Arbeiterparteien aller Länder; sie haben theoretisch vor der
übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen,
den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung
voraus.
Der nächste Zweck der
Kommunisten ist derselbe wie der aller übrigen proletarischen
Parteien: Bildung des Proletariats zur Klasse, Sturz der
Bourgeoisherrschaft, Eroberung der politischen Macht durch das
Proletariat. Die theoretischen Sätze der Kommunisten beruhen
keineswegs auf Ideen, auf Prinzipien, die von diesem oder jenem
Weltverbesserer erfunden oder entdeckt sind.
|475|
Sie sind nur allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse eines
existierenden Klassenkampfes, einer unter unseren Augen vor sich
gehenden geschichtlichen Bewegung. Die Abschaffung bisheriger
Eigentumsverhältnisse ist nichts den Kommunismus eigentümlich
Bezeichnendes.
Alle Eigentumsverhältnisse
waren einem beständigen geschichtlichen Wandel, einer beständigen
geschichtlichen Veränderung unterworfen.
Die Französische Revolution
z.B. schaffte das Feudaleigentum zugunsten des bürgerlichen ab.
Was den Kommunismus
auszeichnet, ist nicht die Abschaffung des Eigentums überhaupt,
sondern die Abschaffung des bürgerlichen Eigentums.
Aber das moderne bürgerliche
Privateigentum ist der letzte und vollendetste Ausdruck der
Erzeugung und Aneignung der Produkte, die auf Klassengegensätzen,
auf der Ausbeutung der einen durch die andern beruht.
In diesem Sinn können die
Kommunisten ihre Theorie in dem einen Ausdruck: Aufhebung des
Privateigentums, zusammenfassen.
Man hat uns Kommunisten
vorgeworfen, wir wollten das persönlich erworbene,
selbsterarbeitete Eigentum abschaffen; das Eigentum, welches die
Grundlage aller persönlichen Freiheit, Tätigkeit und
Selbständigkeit bilde.
Erarbeitetes, erworbenes,
selbstverdientes Eigentum! Sprecht ihr von dem kleinbürgerlichen,
kleinbäuerlichen Eigentum, welches dem bürgerlichen Eigentum
vorherging? Wir brauchen es nicht abzuschaffen, die Entwicklung
der Industrie hat es abgeschafft und schafft es täglich ab.
Oder sprecht ihr vom modernen
bürgerlichen Privateigentum?
Schafft aber die Lohnarbeit,
die Arbeit des Proletariers ihm Eigentum? Keineswegs. Sie schafft
das Kapital, d.h. das Eigentum, welches die Lohnarbeit ausbeutet,
welches sich nur unter der Bedingung vermehren kann, daß es neue
Lohnarbeit erzeugt, um sie von neuem auszubeuten. Das Eigentum in
seiner heutigen Gestalt bewegt sich in dem Gegensatz von Kapital
und Lohnarbeit. Betrachten wir die beiden Seiten dieses
Gegensatzes.
Kapitalist sein, heißt nicht
nur eine rein persönliche, sondern eine gesellschaftliche Stellung
in der Produktion einzunehmen. Das Kapital ist ein
gemeinschaftliches Produkt und kann nur durch eine gemeinsame
Tätigkeit vieler Mitglieder, ja in letzter Instanz nur durch die
gemeinsame Tätigkeit aller Mitglieder der Gesellschaft in Bewegung
gesetzt werden.
|476|
Das Kapital ist also keine persönliche, es ist eine
gesellschaftliche Macht.
Wenn also das Kapital in ein
gemeinschaftliches, allen Mitgliedern der Gesellschaft angehöriges
Eigentum verwandelt wird, so verwandelt sich nicht persönliches
Eigentum in gesellschaftliches. Nur der gesellschaftliche
Charakter des Eigentums verwandelt sich. Er verliert seinen
Klassencharakter.
Kommen wir zur Lohnarbeit:
Der Durchschnittspreis der
Lohnarbeit ist das Minimum des Arbeitslohnes, d.h. die Summe der
Lebensmittel, die notwendig sind, um den Arbeiter als Arbeiter am
Leben zu erhalten. Was also der Lohnarbeiter durch seine Tätigkeit
sich aneignet, reicht bloß dazu hin, um sein nacktes Leben wieder
zu erzeugen. Wir wollen diese persönliche Aneignung der
Arbeitsprodukte zur Wiedererzeugung des unmittelbaren Lebens
keineswegs abschaffen, eine Aneignung, die keinen Reinertrag
übrigläßt, der Macht über fremde Arbeit geben könnte. Wir wollen
nur den elenden Charakter dieser Aneignung aufheben, worin der
Arbeiter nur lebt, um das Kapital zu vermehren, nur so weit lebt,
wie es das Interesse der herrschenden Klasse erheischt.
In der bürgerlichen
Gesellschaft ist die lebendige Arbeit nur ein Mittel, die
aufgehäufte Arbeit zu vermehren. In der kommunistischen
Gesellschaft ist die aufgehäufte Arbeit nur ein Mittel, um den
Lebensprozeß der Arbeiter zu erweitern, zu bereichern, zu
befördern.
In der bürgerlichen
Gesellschaft herrscht also die Vergangenheit über die Gegenwart,
in der kommunistischen die Gegenwart über die Vergangenheit. In
der bürgerlichen Gesellschaft ist das Kapital selbständig und
persönlich, während das tätige Individuum unselbständig und
unpersönlich ist.
Und die Aufhebung dieses
Verhältnisses nennt die Bourgeoisie Aufhebung der Persönlichkeit
und Freiheit! Und mit Recht. Es handelt sich allerdings um die
Aufhebung der Bourgeois-Persönlichkeit, -Selbständigkeit und
-Freiheit.
Unter Freiheit versteht man
innerhalb der jetzigen bürgerlichen Produktionsverhältnisse den
freien Handel, den freien Kauf und Verkauf.
Fällt aber der Schacher, so
fällt auch der freie Schacher. Die Redensarten vom freien
Schacher, wie alle übrigen Freiheitsbravaden unserer Bourgeoisie,
haben überhaupt nur einen Sinn gegenüber dem gebundenen Schacher,
gegenüber dem geknechteten Bürger des Mittelalters, nicht aber
gegenüber der kommunistischen Aufhebung des Schachers, der
bürgerlichen Produktionsverhältnisse und der Bourgeoisie selbst.
|477|
Ihr entsetzt euch darüber, daß wir das Privateigentum aufheben
wollen. Aber in eurer bestehenden Gesellschaft ist das
Privateigentum für neun Zehntel ihrer Mitglieder aufgehoben, es
existiert gerade dadurch, daß es für neun Zehntel nicht existiert.
Ihr werft uns also vor, daß wir ein Eigentum aufheben wollen,
welches die Eigentumslosigkeit der ungeheuren Mehrzahl der
Gesellschaft als notwendige Bedingung voraussetzt.
Ihr werft uns mit einem Worte
vor, daß wir euer Eigentum aufheben wollen. Allerdings, das wollen
wir.
Von dem Augenblick an, wo die
Arbeit nicht mehr in Kapital, Geld, Grundrente, kurz, in eine
monopolisierbare gesellschaftliche Macht verwandelt werden kann,
d.h. von dem Augenblick, wo das persönliche Eigentum nicht mehr in
bürgerliches umschlagen kann, von dem Augenblick an erklärt ihr,
die Person sei aufgehoben.
Ihr gesteht also, daß ihr unter
der Person niemanden anders versteht als den Bourgeois, den
bürgerlichen Eigentümer. Und diese Person soll allerdings
aufgehoben werden.
Der Kommunismus nimmt keinem
die Macht, sich gesellschaftliche Produkte anzueignen, er nimmt
nur die Macht, sich durch diese Aneignung fremde Arbeit zu
unterjochen.
Man hat eingewendet, mit der
Aufhebung des Privateigentums werde alle Tätigkeit aufhören, und
eine allgemeine Faulheit einreißen.
Hiernach müßte die bürgerliche
Gesellschaft längst an der Trägheit zugrunde gegangen sein; denn
die in ihr arbeiten, erwerben nicht, und die in ihr erwerben,
arbeiten nicht. Das ganze Bedenken läuft auf die Tautologie
hinaus, daß es keine Lohnarbeit mehr gibt, sobald es kein Kapital
mehr gibt.
Alle Einwürfe, die gegen die
kommunistische Aneignungs- und Produktionsweise der materiellen
Produkte gerichtet werden, sind ebenso auf die Aneignung und
Produktion der geistigen Produkte ausgedehnt worden. Wie für den
Bourgeois das Aufhören des Klasseneigentums das Aufhören der
Produktion selbst ist, so ist für ihn das Aufhören der
Klassenbildung identisch mit dem Aufhören der Bildung überhaupt.
Die Bildung, deren Verlust er
bedauert, ist für die enorme Mehrzahl die Heranbildung zur
Maschine.
Aber streitet nicht mit uns,
indem ihr an euren bürgerlichen Vorstellungen von Freiheit,
Bildung, Recht usw. die Abschaffung des bürgerlichen Eigentums
meßt. Eure Ideen selbst sind Erzeugnisse der bürgerlichen
Produktions- und Eigentumsverhältnisse, wie euer Recht nur der zum
Gesetz erhobene Wille eurer Klasse ist, ein Wille, dessen Inhalt
gegeben ist in den materiellen Lebensbedingungen eurer Klasse.
|478|
Die interessierte Vorstellung, worin ihr eure Produktions- und
Eigentumsverhältnisse aus geschichtlichen, in dem Lauf der
Produktion vorübergehenden Verhältnissen in ewige Natur- und
Vernunftgesetze verwandelt, teilt ihr mit allen untergegangenen
herrschenden Klassen. Was ihr für das antike Eigentum begreift,
was ihr für das feudale Eigentum begreift, dürft ihr nicht mehr
begreifen für das bürgerliche Eigentum.
Aufhebung der Familie! Selbst
die Radikalsten ereifern sich über diese schändliche Absicht der
Kommunisten.
Worauf beruht die gegenwärtige,
die bürgerliche Familie? Auf dem Kapital, auf dem Privaterwerb.
Vollständig entwickelt existiert sie nur für die Bourgeoisie; aber
sie findet ihre Ergänzung in der erzwungenen Familienlosigkeit der
Proletarier und der öffentlichen Prostitution.
Die Familie der Bourgeois fällt
natürlich weg mit dem Wegfallen dieser ihrer Ergänzung, und beide
verschwinden mit dem Verschwinden des Kapitals.
Werft ihr uns vor, daß wir die
Ausbeutung der Kinder durch ihre Eltern aufheben wollen? Wir
gestehen dieses Verbrechen ein.
Aber, sagt ihr, wir heben die
trautesten Verhältnisse auf, indem wir an die Stelle der
häuslichen Erziehung die gesellschaftliche setzen.
Und ist nicht auch eure
Erziehung durch die Gesellschaft bestimmt? Durch die
gesellschaftlichen Verhältnisse, innerhalb derer ihr erzieht,
durch die direktere oder indirektere Einmischung der Gesellschaft,
vermittelst der Schule usw.? Die Kommunisten erfinden nicht die
Einwirkung der Gesellschaft auf die Erziehung; sie verändern nur
ihren Charakter, sie entreißen die Erziehung dem Einfluß der
herrschenden Klasse.
Die bürgerlichen Redensarten
über Familie und Erziehung, über das traute Verhältnis von Eltern
und Kindern werden um so ekelhafter, je mehr infolge der großen
Industrie alle Familienbande für die Proletarier zerrissen und die
Kinder in einfache Handelsartikel und Arbeitsinstrumente
verwandelt werden.
Aber ihr Kommunisten wollt die
Weibergemeinschaft einführen, schreit uns die ganze Bourgeoisie im
Chor entgegen.
Der Bourgeois sieht in seiner
Frau ein bloßes Produktionsinstrument. Er hört, daß die
Produktionsinstrumente gemeinschaftlich ausgebeutet werden sollen,
und kann sich natürlich nichts anderes denken, als daß das Los der
Gemeinschaftlichkeit die Weiber gleichfalls treffen wird.
|479|
Er ahnt nicht, daß es sich eben darum handelt, die Stellung der
Weiber als bloßer Produktionsinstrumente aufzuheben.
Übrigens ist nichts
lächerlicher als das hochmoralische Entsetzen unserer Bourgeois
über die angebliche offizielle Weibergemeinschaft der Kommunisten.
Die Kommunisten brauchen die Weibergemeinschaft nicht einzuführen,
sie hat fast immer existiert.
Unsre Bourgeois, nicht
zufrieden damit, daß ihnen die Weiber und Töchter ihrer
Proletarier zur Verfügung stehen, von der offiziellen Prostitution
gar nicht zu sprechen, finden ein Hauptvergnügen darin, ihre
Ehefrauen wechselseitig zu verführen.
Die bürgerliche Ehe ist in
Wirklichkeit die Gemeinschaft der Ehefrauen. Man könnte höchstens
den Kommunisten vorwerfen, daß sie an Stelle einer heuchlerisch
versteckten eine offizielle, offenherzige Weibergemeinschaft
einführen wollten. Es versteht sich übrigens von selbst, daß mit
Aufhebung der jetzigen Produktionsverhältnisse auch die aus ihnen
hervorgehende Weibergemeinschaft, d.h. die offizielle und
nichtoffizielle Prostitution, verschwindet.
Den Kommunisten ist ferner
vorgeworfen worden, sie wollten das Vaterland, die Nationalität
abschaffen. Die Arbeiter haben kein Vaterland. Man kann ihnen
nicht nehmen, was sie nicht haben. Indem das Proletariat zunächst
sich die politische Herrschaft erobern, sich zur nationalen Klasse
erheben, sich selbst als Nation konstituieren muß, ist es selbst
noch national, wenn auch keineswegs im Sinne der Bourgeoisie.
Die nationalen Absonderungen
und Gegensätze der Völker verschwinden mehr und mehr schon mit der
Entwicklung der Bourgeoisie, mit der Handelsfreiheit, dem
Weltmarkt, der Gleichförmigkeit der industriellen Produktion und
der ihr entsprechenden Lebensverhältnisse.
Die Herrschaft des Proletariats
wird sie noch mehr verschwinden machen. Vereinigte Aktion,
wenigstens der zivilisierten Länder, ist eine der ersten
Bedingungen seiner Befreiung.
In dem Maße, wie die
Exploitation des einen Individuums durch das andere aufgehoben
wird, wird die Exploitation einer Nation durch die andere
aufgehoben. Mit dem Gegensatz der Klassen im Innern der Nation
fällt die feindliche Stellung der Nationen gegeneinander.
|480|
Die Anklagen gegen den Kommunismus, die von religiösen,
philosophischen und ideologischen Gesichtspunkten überhaupt
erhoben werden, verdienen keine ausführlichere Erörterung.
Bedarf es tiefer Einsicht, um
zu begreifen, daß mit den Lebensverhältnissen der Menschen, mit
ihren gesellschaftlichen Beziehungen, mit ihrem gesellschaftlichen
Dasein, auch ihre Vorstellungen, Anschauungen und Begriffe, mit
einem Worte auch ihr Bewußtsein sich ändert?
Was beweist die Geschichte der
Ideen anders, als daß die geistige Produktion sich mit der
materiellen umgestaltet? Die herrschenden Ideen einer Zeit waren
stets nur die Ideen der herrschenden Klasse.
Man spricht von Ideen, welche
eine ganze Gesellschaft revolutionieren; man spricht damit nur die
Tatsache aus, daß sich innerhalb der alten Gesellschaft die
Elemente einer neuen gebildet haben, daß mit der Auflösung der
alten Lebensverhältnisse die Auflösung der alten Ideen gleichen
Schritt hält.
Als die alte Welt im Untergehen
begriffen war, wurden die alten Religionen von der christlichen
Religion besiegt. Als die christlichen Ideen im 18. Jahrhundert
den Aufklärungsideen unterlagen, rang die feudale Gesellschaft
ihren Todeskampf mit der damals revolutionären Bourgeoisie. Die
Ideen der Gewissens- und Religionsfreiheit sprachen nur die
Herrschaft der freien Konkurrenz auf dem Gebiete des Wissens aus.
"Aber", wird man sagen,
"religiöse, moralische, philosophische, politische, rechtliche
Ideen usw. modifizieren sich allerdings im Lauf der
geschichtlichen Entwicklung. Die Religion, die Moral, die
Philosophie, die Politik, das Recht erhielten sich stets in diesem
Wechsel. Es gibt zudem ewige Wahrheiten, wie Freiheit,
Gerechtigkeit usw., die allen gesellschaftlichen Zuständen
gemeinsam sind. Der Kommunismus aber schafft die ewigen Wahrheiten
ab, er schafft die Religion ab, die Moral, statt sie neu zu
gestalten, er widerspricht also allen bisherigen geschichtlichen
Entwicklungen."
Worauf reduziert sich diese
Anklage? Die Geschichte der ganzen bisherigen Gesellschaft bewegte
sich in Klassengegensätzen, die in den verschiedensten Epochen
verschieden gestaltet waren. Welche Form sie aber auch immer
angenommen, die Ausbeutung des einen Teils der Gesellschaft durch
den andern ist eine allen vergangenen Jahrhunderten gemeinsame
Tatsache. Kein Wunder daher, daß das gesellschaftliche Bewußtsein
aller Jahrhunderte, aller Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit zum
Trotz, in gewissen gemeinsamen Formen sich bewegt, |481| in
Bewußtseinsformen, die nur mit dem gänzlichen Verschwinden des
Klassengegensatzes sich vollständig auflösen.
Die kommunistische Revolution
ist das radikalste Brechen mit den überlieferten
Eigentumsverhältnissen; kein Wunder, daß in ihrem
Entwicklungsgange am radikalsten mit den überlieferten Ideen
gebrochen wird.
Doch lassen wir die Einwürfe
der Bourgeoisie gegen den Kommunismus.
Wir sahen schon oben, daß der
erste Schritt in der Arbeiterrevolution die Erhebung des
Proletariats zur herrschenden Klasse, die Erkämpfung der
Demokratie ist.
Das Proletariat wird seine
politische Herrschaft dazu benutzen, der Bourgeoisie nach und nach
alles Kapital zu entreißen, alle Produktionsinstrumente in den
Händen des Staats, d.h. des als herrschende Klasse organisierten
Proletariats, zu zentralisieren und die Masse der
Produktionskräfte möglichst rasch zu vermehren.
Es kann dies natürlich zunächst
nur geschehen vermittelst despotischer Eingriffe in das
Eigentumsrecht und in die bürgerlichen Produktionsverhältnisse,
durch Maßregeln also, die ökonomisch unzureichend und unhaltbar
erscheinen, die aber im Lauf der Bewegung über sich selbst
hinaustreiben und als Mittel zur Umwälzung der ganzen
Produktionsweise unvermeidlich sind.
Diese Maßregeln werden
natürlich je nach den verschiedenen Ländern verschieden sein.
Für die fortgeschrittensten
Länder werden jedoch die folgenden ziemlich allgemein in Anwendung
kommen können:
1. Expropriation des
Grundeigentums und Verwendung der Grundrente zu Staatsausgaben.
2. Starke Progressivsteuer.
3. Abschaffung des Erbrechts.
4. Konfiskation des Eigentums
aller Emigranten und Rebellen.
5. Zentralisation des Kredits
in den Händen des Staats durch eine Nationalbank mit Staatskapital
und ausschließlichem Monopol.
6. Zentralisation des
Transportwesens in den Händen des Staats.
7. Vermehrung der
Nationalfabriken, Produktionsinstrumente, Urbarmachung und
Verbesserung aller Ländereien nach einem gemeinschaftlichen Plan.
8. Gleicher Arbeitszwang für
alle, Errichtung industrieller Armeen, besonders für den Ackerbau.
9. Vereinigung des Betriebs von
Ackerbau und Industrie, Hinwirken auf die allmähliche Beseitigung
des Unterschieds von Stadt und Land.
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10. Öffentliche und unentgeltliche Erziehung aller Kinder.
Beseitigung der Fabrikarbeit der Kinder in ihrer heutigen Form.
Vereinigung der Erziehung mit der materiellen Produktion usw.
Sind im Laufe der Entwicklung
die Klassenunterschiede verschwunden und ist alle Produktion in
den Händen der assoziierten Individuen konzentriert, so verliert
die öffentliche Gewalt den politischen Charakter. Die politische
Gewalt im eigentlichen Sinne ist die organisierte Gewalt einer
Klasse zur Unterdrückung einer andern. Wenn das Proletariat im
Kampfe gegen die Bourgeoisie sich notwendig zur Klasse vereint,
durch eine Revolution sich zur herrschenden Klasse macht und als
herrschende Klasse gewaltsam die alten Produktionsverhältnisse
aufhebt, so hebt es mit diesen Produktionsverhältnissen die
Existenzbedingungen des Klassengegensatzes, die Klassen überhaupt,
und damit seine eigene Herrschaft als Klasse auf.
An die Stelle der alten
bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen
tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden
die freie Entwicklung aller ist.
III - Sozialistische und kommunistische Literatur
1. Der reaktionäre Sozialismus
a) Der feudale
Sozialismus
Die französische und englische
Aristokratie war ihrer geschichtlichen Stellung nach dazu berufen,
Pamphlete gegen die moderne bürgerliche Gesellschaft zu schreiben.
In der französischen Junirevolution von 1830, in der englischen
Reformbewegung war sie noch einmal dem verhaßten Emporkömmling
erlegen. Von einem ernsten politischen Kampfe konnte nicht mehr
die Rede sein. Nur der literarische Kampf blieb ihr übrig. Aber
auch auf dem Gebiete der Literatur waren die alten Redensarten der
Restaurationszeit unmöglich geworden. Um Sympathie zu erregen,
mußte die Aristokratie scheinbar ihre Interessen aus dem Auge
verlieren und nur im Interesse der exploitierten Arbeiterklasse
ihren Anklageakt gegen die Bourgeoisie formu- |483| lieren.
Sie bereitete so die Genugtuung vor, Schmählieder auf ihren neuen
Herrscher zu singen und mehr oder minder unheilschwangere
Prophezeiungen ihm ins Ohr raunen zu dürfen.
Auf diese Art entstand der
feudalistische Sozialismus, halb Klagelied, halb Pasquill, halb
Rückhall der Vergangenheit, halb Dräuen der Zukunft, mitunter die
Bourgeoisie ins Herz treffend durch bitteres, geistreich
zerreißendes Urteil, stets komisch wirkend durch gänzliche
Unfähigkeit, den Gang der modernen Geschichte zu begreifen.
Den proletarischen Bettelsack
schwenkten sie als Fahne in der Hand, um das Volk hinter sich her
zu versammeln. Sooft es ihnen aber folgte, erblickte es auf ihrem
Hintern die alten feudalen Wappen und verlief sich mit lautem und
unehrerbietigem Gelächter.
Ein Teil der französischen
Legitimisten und das Junge England gaben dies Schauspiel zum
besten.
Wenn die Feudalen beweisen, daß
ihre Weise der Ausbeutung anders gestaltet war als die bürgerliche
Ausbeutung, so vergessen sie nur, daß sie unter gänzlich
verschiedenen und jetzt überlebten Umständen und Bedingungen
ausbeuteten. Wenn sie nachweisen, daß unter ihrer Herrschaft nicht
das moderne Proletariat existiert hat, so vergessen sie nur, daß
eben die moderne Bourgeoisie ein notwendiger Sprößling ihrer
Gesellschaftsordnung war.
Übrigens verheimlichen sie den
reaktionären Charakter ihrer Kritik so wenig, daß ihre
Hauptanklage gegen die Bourgeoisie eben darin besteht, unter ihrem
Regime entwickle sich eine Klasse, welche die ganze alte
Gesellschaftsordnung in die Luft sprengen werde.
Sie werfen der Bourgeoisie mehr
noch vor, daß sie ein revolutionäres Proletariat, als daß sie
überhaupt ein Proletariat erzeugt.
In der politischen Praxis
nehmen sie daher an allen Gewaltmaßregeln gegen die Arbeiterklasse
teil, und im gewöhnlichen Leben bequemen sie sich, allen ihren
aufgeblähten Redensarten zum Trotz die goldnen Äpfel aufzulesen
und Treue, Liebe, Ehre mit dem Schacher in Schafswolle,
Runkelrüben und Schnaps zu vertauschen.
Wie der Pfaffe immer Hand in
Hand ging mit dem Feudalen, so der pfäffische Sozialismus mit dem
feudalistischen.
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Nichts leichter, als dem christlichen Asketismus einen
sozialistischen Anstrich zu geben. Hat das Christentum nicht auch
gegen das Privateigentum, gegen die Ehe, gegen die Staat geeifert?
Hat es nicht die Wohltätigkeit und den Bettel, das Zölibat und die
Fleischesertötung, das Zellenleben und die Kirche an ihrer Stelle
gepredigt? Der christliche Sozialismus ist nur das Weihwasser,
womit der Pfaffe den Ärger des Aristokraten einsegnet.
b) Kleinbürgerlicher
Sozialismus
Die feudale Aristokratie ist
nicht die einzige Klasse, welche durch die Bourgeoisie gestürzt
wurde, deren Lebensbedingungen in der modernen bürgerlichen
Gesellschaft verkümmerten und abstarben. Das mittelalterliche
Pfahlbürgertum und der kleine Bauernstand waren die Vorläufer der
modernen Bourgeoisie. In den weniger industriell und kommerziell
entwickelten Ländern vegetiert diese Klasse noch fort neben der
aufkommenden Bourgeoisie.
In den Ländern, wo sich die
moderne Zivilisation entwickelt hat, hat sich eine neue
Kleinbürgerschaft gebildet, die zwischen dem Proletariat und der
Bourgeoisie schwebt und als ergänzender Teil der bürgerlichen
Gesellschaft stets von neuem sich bildet, deren Mitglieder aber
beständig durch die Konkurrenz ins Proletariat hinabgeschleudert
werden, ja selbst mit der Entwicklung der großen Industrie einen
Zeitpunkt herannahen sehen, wo sie als selbständiger Teil der
modernen Gesellschaft gänzlich verschwinden und im Handel, in der
Manufaktur, in der Agrikultur durch Arbeitsaufseher und Domestiken
ersetzt werden.
In Ländern wie Frankreich, wo
die Bauernklasse weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung
ausmacht, war es natürlich, daß Schriftsteller, die für das
Proletariat gegen die Bourgeoisie auftraten, an ihre Kritik des
Bourgeoisregimes den kleinbürgerlichen und kleinbäuerlichen
Maßstab anlegten und die Partei der Arbeiter vom Standpunkt des
Kleinbürgertums ergriffen. Es bildete sich so der kleinbürgerliche
Sozialismus. Sismondi ist das Haupt dieser Literatur nicht nur für
Frankreich, sondern auch für England.
Dieser Sozialismus zergliederte
höchst scharfsinnig die Widersprüche in den modernen
Produktionsverhältnissen. Er enthüllte die gleisnerischen |485|
Beschönigungen der Ökonomen. Er wies unwiderleglich die
zerstörenden Wirkungen der Maschinerie und der Teilung der Arbeit
nach, die Konzentration der Kapitalien und des Grundbesitzes, die
Überproduktion, die Krisen, den notwendigen Untergang der kleinen
Bürger und Bauern, das Elend des Proletariats, die Anarchie in der
Produktion, die schreienden Mißverhältnisse in der Verteilung des
Reichtums, den industriellen Vernichtungskrieg der Nationen
untereinander, die Auflösung der alten Sitten, der alten
Familienverhältnisse, der alten Nationalitäten.
Seinem posititiven Gehalte nach
will jedoch dieser Sozialismus entweder die alten Produktions- und
Verkehrsmittel wiederherstellen und mit ihnen die alten
Eigentumsverhältnisse und die alte Gesellschaft, oder er will die
modernen Produktions- und Verkehrsmittel in den Rahmen der alten
Eigentumsverhältnisse, die von ihnen gesprengt wurden, gesprengt
werden mußten, gewaltsam wieder einsperren. In beiden Fällen ist
er reaktionär und utopisch zugleich. Zunftwesen in der Manufaktur
und patriarchalische Wirtschaft auf dem Lande, das sind seine
letzten Worte.
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