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Johann Koplenig:

Freiheit! - Frieden! - Österreich!

Referat auf der Wiener Parteiarbeiterkonferenz, 13. Mai 1945

(eingefügte Seitenzahlen verweisen auf: Koplenig, Reden und Aufsätze 1924-1950, Wien 1951, S. 100-107)

 

|100| Genossen! Erlaubt mir, zunächst in dieser ersten großen Konferenz, wo ich nach langer Zeit wieder die Möglichkeit habe, offen zu unserer Partei zu sprechen, unsere Wiener Organisation und alle Genossen, die in der schweren Zeit der Illegalität aufopfernd den Kampf gegen den Faschismus führten, zu begrüßen.

Unsere heutige Parteikonferenz tritt in einer Zeit zusammen, von der man mit Recht sagen kann, dass wir uns an einem historischen Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit und auch in der Geschichte unseres Volkes befinden. Der deutsche Faschismus, das grausamste und barbarischste Regime der Kriegsbrandstifter und des Massenmordes, liegt zerschmettert auf dem Boden. Über Deutschland wehen die Fahnen der siegreichen verbündeten Nationen. Über Berlin wehen die siegreichen Fahnen der Roten Armee, die in diesem großen Freiheitskrieg der Völker gegen die Hitler-Tyrannei die Hauptlast getragen hat. Die von Hitler unterjochten Völker und unter ihnen auch das österreichische Volk haben wieder ihre Freiheit und Unabhängigkeit gewonnen.

Der Krieg ist zu Ende, Österreich ist wieder frei, aber der Kampf gegen den Faschismus ist noch nicht vorbei. Wir Kommunisten vertreten keine Rachepolitik. Wir sind nicht für die Verfolgung der einfachen, von der faschistischen Propaganda irregeführten Mitglieder der Nazipartei, ihrer früheren Mitläufer und Anhänger. Aber das Interesse unseres Volkes, die Sicherung einer friedlichen und unabhängigen Entwicklung unseres Landes gebietet uns, alles zu tun, damit der Nazismus in Österreich mit seinen Wurzeln ausgerottet wird.

|101| Das bedeutet, dass die nazistischen Kriegsverbrecher, Landesverräter und Volksunterdrücker, die Gauleiter, SS- und Gestapobanditen, das ganze Gesindel, das als Agenten der Deutschen an führenden Posten stand und den deutschen Faschisten geholfen hat, unser Land ins Unglück zu stürzen, unbarmherzig der gerechten Strafe überliefert werden muss.

Den Nazismus mit seinen Wurzeln auszurotten, das bedeutet gründliche Säuberung des gesamten Staats- und Wirtschaftsapparates, des gesamten öffentlichen Lebens von allen faschistischen Elementen und allen jenen, die in ihren Machtpositionen den deutschen Faschisten geholfen haben, Österreich zu unterjochen. Es wäre für alle Schichten unseres Volkes, für die Arbeiter und für die Bauern, für die Intelligenz wie für die Geschäftsleute und Unternehmer unerträglich, dass diese Elemente weiterhin Funktionen im Staate und in der Wirtschaft bekleiden.

Ausrottung des Faschismus bedeutet weiter restlose Ausmerzung der verbrecherischen Naziideologie. Geben wir uns nicht der Illusion hin, dass die jahrelange Nazipropaganda keine Spuren in unserem Volk hinterlassen hat. Zur Ausrottung des Nazismus, dieser verlumpten so genannten Weltanschauung, sind entschiedene Maßnahmen notwendig. Die faschistische Anschauung des Herrenmenschentums, der Völkerverhetzung, des Rechtes des Stärkeren, des Rassenhasses und des Antisemitismus gehören unter das Strafgesetz. Aber dies ist nur eine Seite der Sache, die andere ist die Volksaufklärung darüber, dass Faschismus nichts anderes ist als Rückfall in die Barbarei und dass er im Widerspruch steht mit allen Gesetzen der menschlichen Zivilisation. Man muss den deutschen Faschismus in seiner ganzen Nacktheit zeigen und das Volk bekannt machen mit den unmenschlichen Grausamkeiten, die er im Namen des Volkes begangen hat. Die Insassen der Konzentrationslager mögen jetzt zum Volke sprechen, sie mögen ihre fürchterlichen Erlebnisse schildern und ihre Wunden zeigen. Die österreichischen Soldaten und Kriegsgefangenen mögen jetzt auftreten und sagen, wie die deutschen Faschisten in Russland und anderswo gewütet haben. Man muss dem Volke zeigen, wie der Nazismus planmäßig und bewusst dem Volke |102| jede Bildungsmöglichkeit raubte, es von der Kulturwelt abschloss, wie er die Geschichte unseres Volkes verfälschte, um es zu dumpfen Sklaven seines Regimes zu machen, die ihre Befriedigung in der Unterdrückung anderer Völker finden sollten.

Eine der wichtigsten Aufgaben des neuen Österreich wird es sein, die Schulen und Lehrbücher vom faschistischen Schmutz zu säubern und auch die Geschichtsfälschungen aus ihnen auszumerzen. Unsere Schulen und Universitäten müssen zu einem Hort der Erneuerung Österreichs, der Weckung eines fortschrittlichen österreichischen Patriotismus, der festen Verankerung des demokratischen Geistes werden. Die österreichische Jugend muss Österreich kennen- und lieben lernen, ohne Schönfärberei und Selbstverherrlichung, aber mit Begeisterung für alles Große und Bleibende, das unser Volk in seiner tausendjährigen Geschichte hervorgebracht hat. Gleichzeitig soll unsere Jugend mit den Schöpfungen und Leistungen anderer Völker vertraut gemacht werden, wobei vor allem die deutsch-faschistische Missachtung des bedeutenden Beitrages der slawischen Völker für die Weltkultur wiedergutzumachen ist. Die patriotische Liebe zu Österreich muss untrennbar verbunden sein mit offenem Blick und einem offenen Herzen für das Wesen und die Werke anderer Völker, mit der bewussten Anteilnahme an der gesamten fortschreitenden Entwicklung des Menschengeschlechtes.

Die Errichtung einer wahren Volksdemokratie ist eine weitere Voraussetzung dafür, dass sich die Geschichte der letzten Jahre nicht noch einmal wiederholen kann. Volksdemokratie, das bedeutet, dass der Wille des Volkes voll und ganz zur Geltung kommen muss. Die allgemeinen Verhältnisse erlauben für einen gewisse Zeit noch nicht, allgemeine Wahlen für eine konstituierende Nationalversammlung durchzuführen, die allein dazu berufen ist, dem neuen Österreich einen neue Verfassung zu geben. Es ist auch nicht möglich, beim Aufbau der provisorischen demokratischen Einrichtungen mechanisch anzuknüpfen an die Verhältnisse von 1929 und noch weniger an die des Jahres 1938. Die einzig mögliche Form von Vereinbarungen und der Zusammenarbeit zwischen den drei bestehenden demokratischen |103| Parteien, wie sie bei der Bildung der provisorischen Regierung zum Ausdruck gekommen ist, und die ohne Zweifel auch dem Willen aller wirklich demokratischen und antifaschistischen Kräfte unseres Volkes entspricht. Auch beim Aufbau der demokratischen Einrichtungen in den Ländern und Gemeinden kann es sich daher nicht darum handeln, Ernennungen von oben durchzuführen, sondern darum, die Verwirklichung dieses demokratischen Prinzips der Zusammenarbeit zwischen den drei Parteien auch in den Ländern und Gemeinden zu sichern.

Die Zusammenarbeit der demokratischen Parteien ist nicht nur einen vorübergehende und durch die Kriegsumstände bedingte Notwendigkeit, sondern die Festigung dieser Zusammenarbeit ist unserer Ansicht nach eine entscheidende Vorbedingung für den Wiederaufbau unseres Landes, für einen friedliche Entwicklung unseres Volkes. Und es wäre für die Massen unseres Volkes unverständlich, wenn dies nicht gelingen würde. Haben nicht Arbeiter und Bauern, Bürger und Intellektuelle, Kommunisten, Katholiken und Sozialisten in gleicher Weise unter dem blutigen Terror des Faschismus gelitten? Hat sich nicht in den Konzentrationslagern und in der Illegalität eine Gemeinschaft des Kampfes gebildet? Und steht vor uns nicht die gemeinsame Aufgabe, unser Land aus der hitlerischen Katastrophe herauszuführen, ein demokratisches und unabhängiges Österreich aufzubauen? Worauf es ankommt, ist der gute Wille und die Bereitschaft aller, ist die gegenseitige Achtung und das politische Verständnis für das Gebot der Stunde.

Das schwere Erbe

Der deutsche Faschismus hat uns ein schweres und furchtbares Erbe hinterlassen, eine durch den Krieg zerstörte Wirtschaft, eine ruinierte und ausgeblutete Landwirtschaft. Die Lage ist um vieles schwerer als am Ende des Ersten Weltkrieges 1918. Eine der schwierigsten Aufgaben ist die Wiederherstellung der Ordnung auf allen Gebieten des Wirtschafts- |104| lebens, eine Aufgabe, die durch die Einsetzung provisorischer Verwaltungen und administrativer Verfügungen allein nicht gelöst werden kann. Unsere Partei steht auf dem Standpunkt, dass das rechtmäßig erworbene Privateigentum der Bauern, der Gewerbetreibenden, der Kaufleute geschützt werden muss. Aber gleichzeitig vertreten wir entschieden die Forderung, dass das Eigentum der nazistischen Landesverräter und Kriegsverbrecher, das Eigentum aller jener Personen, die durch Ausnützung ihrer gehobenen Stellungen im Wirtschaftsleben aktiv mitgewirkt haben, Österreich in die Katastrophe zu führen, zugunsten des Staates und damit des österreichischen Volkes beschlagnahmt, dass das Wirtschaftsleben vom Faschismus gründlich gesäubert wird.

Die demokratische Einigung des österreichischen Volkes, die Festigung der Zusammenarbeit aller demokratischen Parteien und Kräfte gehört zu den Hauptfundamenten für den Wiederaufbau des neuen Österreich. Aber nicht weniger wichtig als die Herstellung der Einheit im Innern wird’s für den Wiederaufbau unseres Landes die Herstellung guter und freundschaftlicher Beziehungen zu unseren Nachbarn und zu allen freiheitsliebenden Nationen sein. Jetzt, wo wir Großdeutschland in der Praxis erlebten, muss uns dies eine Lehre für die Zukunft sein. Österreich muss sich im klaren darüber sein, dass seine Zukunft und seine Unabhängigkeit nur durch eine enge Zusammenarbeit mit seinen Nachbarn und mit allen freiheitsliebenden Völkern gesichert werden kann, mit denen uns heute, nach den furchtbaren Erfahrungen der letzten sieben Jahre, mehr denn je das gemeinsame Interesse der Festigung des Friedens verbindet.

Vergessen wir nicht, dass der Nazismus, der Hitlerismus, zwar militärisch geschlagen und zerschmettert, aber noch nicht in seinen Wurzeln ausgerottet ist. Seine moralischen und politischen Grundlagen sind noch nicht vernichtet. Seinen Agenten in Deutschland und Österreich werden versuchen, unter neuer Maske ihre verbrecherische Tätigkeit fortzusetzen. Sie werden versuchen, Österreich wiederum zu einem Herd von Intrigen zu machen, die Herstellung freundschaftlicher Beziehungen zwischen dem österreichischen Volk und den anderen freiheitsliebenden Nationen zu stören. Das Interesse unseres |105| Volkes und unseres Landes erfordert die größte Wachsamkeit und den entschiedensten Kampf gegen alle diejenigen, die versuchen sollten, unter welcher Maske immer, Österreich wieder zu einem Herd von Intrigen gegen die Sache des Friedens zu verwandeln.

Ohne die Sowjetunion keine Freiheit

Wir haben in diesem Krieg auch kennengelernt, was sich hinter dem Schlagwort des so genannten Antibolschewismus verborgen hat. Dieses Schlagwort war nicht anderes als der Deckmantel für die Raubzüge der deutschen Räuber und der Deckmantel für die reaktionären Söldlinge der deutschen Imperialisten in den von ihnen unterjochten Ländern. Auch in Österreich wurde unter diesem Schlagwort dem deutschen Faschismus der Weg bereitet. Wir werden daher wachsam sein müssen gegen diejenigen, die wiederum versuchen sollten, dieses alte Spiel aufs neue zu beginnen.

Die Welt hat sich verändert und auch die Völker haben aus der Geschichte gelernt. Die Völker wissen und sie werden es niemals vergessen, dass es ohne den heroischen Kampf der Völker der Sowjetunion, ohne die glorreichen Schlachten bei Moskau und Stalingrad, ohne den gewaltigen Siegeszug der Roten Armee von der Wolga bis an die Donau heute keine Freiheit und keinen Frieden in Europa gäbe. Die Welt wäre versunken in die faschistische Barbarei. Heute anerkennt die ganze Welt, dass es die Sowjetunion war, das die Rote Armee es gewesen ist, die durch ihren Heldenkampf, durch ihren Heroismus, mit ihrem Blute die Zivilisation, den Fortschritt der Menschheit gerettet hat. Und wir in Österreich werden auch niemals vergessen, dass unser Wien der Roten Armee seine Befreiung von der Hitler-Tyrannei verdankt. Der Heroismus, die aufopferungsvolle Hingabe für die Sache der Freiheit und Unabhängigkeit ihres  Landes, die die Völker der großen Sowjetunion bekundeten, sollen uns bei dem Neuaufbau unserer Heimat ein Beispiel sein. Die Herstellung guter freundschaftlicher Bezie- |106| hungen zur Sowjetunion gehört daher mit zu den Fundamenten für den Wiederaufbau des neuen Österreich.

Aufgrund der Rolle, die unsere Partei im Freiheitskampf gegen den deutschen Faschismus gespielt hat, fühlen wir Kommunisten uns berufen und berechtigt, an der Neugestaltung Österreichs teilzunehmen. Wir haben die größten Opfer gebracht, zahllose der Besten aus unseren Reihen sind zu Märtyrern der österreichischen Freiheit geworden. Wir denken in diesem Augenblick an die gemordeten Mitglieder unseres Zentralkomitees, an die Genossen Ferdinand Strasser, Alfred Klahr, Leo Gabler, Willy Frank, Oskar Großmann, Erwin Puschmann, Franz Sebek und viele andere unserer besten Freunde und engsten Mitarbeiter.

Auch in den schwersten Tagen, als nur allzu viele an der Sache der Freiheit und der Zukunft Österreichs irre wurden und das Banner fallen ließen, hat unsere Partei die Fahne des freien, unabhängigen, demokratischen Österreich hochgehalten. Als nur allzu viele sich mit der Okkupation Österreichs als einer gegebenen Tatsache abfanden, hat unsere Partei in ihrem Manifest vom Juli 1938 dem österreichischen Volk zugerufen:

„Vom tiefsten Schmerz und Zorn erfüllt, erneuern und bekräftigen wir unser Bekenntnis zu Österreich, aus der Schmach der Besetzung, aus dem Elend der Unterdrückung, aus der Hölle der Fremdherrschaft wird unsere schöne, unsere geliebte Heimat frei auferstehen. Aus tiefstem Herzen grüßen wir dieses kommende, neue, demokratische und unabhängige Österreich. Der Inhalt unseres Lebens ist die Befreiung Österreichs, ist der Kampf für das Glück und die Würde, für die Freiheit und den Frieden unseres Volkes.“

Und das waren nicht nur Worte. Dafür haben wir gekämpft, dafür haben unsere Genossen in der schwersten Illegalität Tag für Tag das Leben eingesetzt.

Wir können heute sagen, dass unsere Partei zu einer Kraft geworden ist, die man aus dem politischen Leben unseres Volkes nicht mehr wegdenken kann. Aber wir dürfen nicht in den Fehler verfallen, überheblich zu sein. Wir müssen uns dessen bewusst sein, dass unsere Partei die vor ihr stehenden Aufgaben nur dann erfüllen kann, wenn wir Tag für Tag neue Kräfte |107| aus dem Volke schöpfen, wenn die Partei fest in den Massen des Volkes verankert ist, wenn wir mitten im Volke stehen und wenn das Volk uns unterstützt. Und das Volk wird uns nur dann unterstützen, wenn wir die entschlossensten und treuesten Kämpfer und Verteidiger seiner Interessen sind.

Unser Volk und unser Land brauchen heute mehr denn je solche Menschen wie die Kommunisten, die in den schweren Jahren des Kampfes den Beweis ihrer Treue und Festigkeit erbracht haben. Sie brauchen mehr denn je solche Menschen, die vor keiner Schwierigkeit zurückschrecken oder gar kapitulieren, die wachsam und unerbittlich sind im Kampfe gegen die Feinde des Volkes. Das neue Österreich braucht eine starke Kommunistische Partei, um den Faschismus bis an die Wurzeln auszurotten und dadurch den Frieden und die Zukunft unseres Landes zu sichern, eine Partei, die dem Volke hilft, alle Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen, damit es nicht wieder um die Früchte des Kampfes betrogen wird. Es braucht eine starke Kommunistische Partei, die ihre Mitglieder zu standhaften, entschlossenen und unbeugsamen Kämpfern erzieht, die niemals das große Ziel aus dem Auge verliert, die imstande ist, das Volks zusammenzuschließen zum Aufbau und zur Sicherung eines wirklich freien, unabhängigen und demokratischen Österreich!

 

Literatur: österreichische Nation

Literatur: Faschismus

 

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