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Wladimir Iljitsch Lenin

 

 

W. I. Lenin - Kurzbiografie weiter

"Lenins Werk", von Clara Zetkin (1928) weiter

"Lenin", von Nadeschda Krupskaja (1924) weiter

"Das Werk Lenins", von Antonio Gramsci (1918) weiter

 

 

Kurzbiographie: Wladimir Iljitsch Lenin

Eigentlich Uljanow, 22.4.1870 bis 21.1.1924, Führer, Theoretiker und Lehrer der Werktätigen aller Länder, Begründer der KPdSU, der Kommunistischen Internationale und des ersten sozialistischen Staates der Erde. Schon während des Jurastudiums wurde Lenin zum Kenner des Marxismus und überzeugten Revolutionär. Nach Ablegung des Staatsexamens 1891 wandte er sich ganz der revolutionären Arbeit zu, 1893 übersiedelte er nach Petersburg, wo er Führer der Marxisten und der Arbeiterbewegung wurde.

 

In seinem Werk "Was sind die 'Volksfreunde' und wie kämpfen sie gegen die Sozialdemokraten" (1894) setzte er sich mit den Volkstümlern auseinander und begründete die Notwendigkeit der revolutionären marxistischen Partei des Proletariats. 1895 faßte er alle marxistischen Zirkel Petersburgs zum "Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse" zusammen. In der sibirischen Verbannung vollendete er sein Buch "Die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland" (1899) und faßte den Plan, die Organisierung der Partei mit der Herausgabe einer illegalen Zeitung zu beginnen. 1900 emigrierte er ins Ausland. 1901 erschien die erste Nummer der "Iskra". Der Schaffung der revolutionären Partei neuen Typus diente auch Lenins Buch "Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung"(1902).

 

1903 fand der II. Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands (SDAPR) statt. Dort kam es im Kampf um die von Lenin vertretenen Prinzipien der Partei neuen Typus zur Spaltung zwischen dem opportunistischen Flügel (Menschewiki) und den Bolschewiki. Den Opportunismus der Menschewiki entlarvte Lenin in seinem Buch "Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück" (1904). Die Strategie und Taktik der Bolschewiki in der bürgerlich-demokratischen Revolution von 1905 legte Lenin in seinem Werk "Zwei Taktiken der Sozialdemokratie" in der demokratischen Revolution (1905) dar. Er formulierte darin erstmals die Besonderheiten der bürgerlich-demokratischen Revolution im Imperialismus. Die Niederlage der Revolution zwang Lenin erneut in die Emigration. In seinem Buch "Materialismus und Empiriokritizismus" (1909) verteidigte er die marxistische Philosophie und entwickelte sie weiter. In der II. Internationale kämpfte er gegen den Opportunismus und hielt während der Kongresse von Stuttgart (1907) und Kopenhagen (1910) Beratungen zum Zusammenschluß der Linken ab.

 

Nach Ausbruch des 1. Weltkrieges organisierte Lenin in der Schweiz den Kampf der Bolschewiki und der proletarischen Internationalisten unter der Losung "Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg". In dem Werk "Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus" (1916) entwickelte er die politische Ökonomie weiter und charakterisierte den Imperialismus als Vorabend der proletarischen Revolution.

 

Nach dem Sturz des Zarismus durch die Februarrevolution 1917 kehrte Lenin nach Rußland zurück. In den "Aprilthesen" entwickelte er den Plan des Kampfes für den Übergang zur sozialistischen Revolution. Zeitweilige Erfolge der Konterrevolution ließen Lenin erneut in die Illegalität gehen. Hier schrieb er die Werke "Staat und Revolution", "Die drohende Katastrophe und wie man sie bekämpfen soll" und "Werden die Bolschewiki die Staatsmacht behaupten?" (alle 1917). Anfang Oktober kehrte Lenin nach Petrograd zurück, setzte im ZK die Vorbereitung des bewaffneten Aufstandes durch, der in der Nacht zum 7.11. in Petrograd siegte und damit den Sieg der Oktoberrevolution entschied.

 

Der II. Gesamtrussische Sowjetkongreß beschloß den Übergang der gesamten Staatsmacht an die Sowjets und bildete die Arbeiter-und-Bauern-Regierung unter Vorsitz Lenins, die den Kampf Sowjetrußlands gegen die innere Konterrevolution und die ausländische Intervention leitete. Lenins Kampf um den Zusammenschluß der revolutionären Elemente in der internationalen Arbeiterbewegung führte zur Gründung der III., der Kommunistischen Internationale in Moskau (1919). Von großer Bedeutung für die Revolutions- und Staatstheorie war Lenins Schrift "Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky" (1918), Lenin arbeitete das neue Parteiprogramm aus, das der VIII. Parteitag (1919) annahm. Die Partei setzte sich darin den Aufbau des Sozialismus zum Ziel Lenin prägt die Formel für den wirtschaftlichen Aufbau: "Kommunismus - das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes", die dem GOELRO-Plan zugrunde gelegt wurde. Auf dem X. Parteitag und in der Broschüre "Über die Naturalsteuer" (1921) begründete Lenin den Übergang zur Neuen Ökonomischen Politik (NÖP).

 

Große Bedeutung für die Entwicklung der jungen kommunistischen Parteien hatte Lenins Arbeit "Der 'linke Radikalismus', die Kinderkrankheit im Kommunismus" (1920). Lenin nahm entscheidenden Anteil an der Arbeit des II., III. und IV. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale. Kurz vor dem Tode gab Lenin wichtige Hinweise über die Methoden der Parteiführung und verfaßte den Artikel "Über das Genossenschaftswesen" und "Lieber weniger, aber besser" (beide 1923). Lenin war der bedeutendste Fortsetzer des Werkes von Marx und Engels, der Initiator der neuen, der Leninschen Etappe des Marxismus in der internationalen Arbeiterbewegung.

 

"Lenins Werk"

von Clara Zetkin, 1928

Lenin hat durch die Tat bewiesen, daß er unser genialster, unser bester Führer war. Die proletarische Revolution Rußlands steht vor uns, das gewaltigste Ereignis dieser Zeit, der erste große historische Beweis für Marxens Lehre, daß die Befreiung des Proletariats aus dem Joche des Kapitalismus das Werk des Proletariats selbst sein muß. Steht es damit vielleicht in Widerspruch, daß - soweit geschichtliches Geschehen eines Menschen Werk sein kann - die Revolution, die Sowjetrußland geschaffen hat, Lenins Werk ist? Keineswegs. Lenin war unbestritten das denkende, lenkende Hirn, das leidenschaftlich glühende Herz, der unbeugsame Wille der proletarischen Revolution. Lenin aber konnte das nur sein, weil zwei Quellströme revolutionärer Schöpfungskraft sich in ihm vereinigten. Er war bis in die tiefsten und letzten Fasern seines Wesens von der Überzeugung erfüllt, daß die wirtschaftliche, die gesellschaftliche Entwicklung zur Verwirklichung des Kommunismus durch das Proletariat führt und daß die Eroberung der Macht der große, entscheidende weltgeschichtliche Schritt zu diesem Ziel ist. Er war bis in die tiefsten, letzten Fasern seines Wesens mit den russischen Proletariern und Bauern, den Ausgebeuteten und Unterdrückten der ganzen Welt verbunden. Er liebte sie um ihres Leidens und Duldens willen, das er als eigene Qual empfand, und er achtete sie, hatte unerschütterliches Vertrauen zu ihnen als den revolutionären Kämpfern gegen die Ausbeutungs - und Herrschaftsgewalt des Besitzes, als den Werkleuten eines neuen, vollkommenen Gesellschaftsbaus. So lebte und webte in Lenin die wissenschaftliche Lehre des revolutionären internationalen Sozialismus zusammen mit dem besten, fortgeschrittensten Fühlen und Denken, Erkennen, Wollen und Handeln des Proletariats. Beides verschmolz miteinander zu einem unlöslichen Ganzen. Das höchste geschichtliche Wesen des Proletariats als revolutionärer Klasse fand in Lenin klaren Ausdruck, gab seinem Riesenwillen das leuchtende Ziel und befeuerte seine nie ermattende Tatkraft. In lebendiger Wechselwirkung aber brachte Lenin den Massen der Mühseligen und Beladenen eben dieses, ihr historisches Wesen und ihre Bedeutung als revolutionäre Klasse, zum Bewußtsein und ballte ihre erweckte Erkenntnis zu revolutionärem Willen und revolutionärer Tat zusammen. Lenin und das russische Proletariat, das Weltproletariat wurden eins. Mit dem Herzen und [dem] Verstand ging er in die Arbeiterschaft ein. Nie war er zufriedener, glücklicher, als wenn er unmittelbar unter den Arbeitern und Bauern lehrte, organisierte und die Geister vorbereitete, die politische Macht in die eigene starke Faust zu nehmen und auf dem steinigen, dornenreichen Weg zum Kommunismus vorwärtszuschreiten. Lenin ward der große, der unsterbliche Arbeiter der Weltrevolution.

Von Plechanow war Lenin zu Marx geführt worden. Jedoch er blieb nicht bei Plechanow stehen, und er setzte nicht nur Marxens Lehre in die Tat um, er ergänzte sie und entwickelte sie weiter, auch dabei die Theorie zur Praxis gestaltend. Dank unermüdlichem Studium, schärfster Beobachtung aller sozialen Vorgänge und Erscheinungen und lebendigstem Zusammenhang mit den fronenden Massen gewann er die überragende Einsicht und Kraft, Plechanows Werk gegen Plechanow selbst zu verteidigen, als dieser zum Menschewik wurde und mehr und mehr die frühere klare, revolutionäre Orientierung verlor. Er kehrte die Waffen erbarmungsloser Kritik gegen die Menschewiki und Sozialrevolutionäre, gegen alle in Rußland und jenseits seiner Grenzen, deren Lehren und Handeln das revolutionäre Bewußtsein des Proletariats trüben, seine revolutionäre Tatkraft schwach und siech machen konnten.

Was Marx, der Weitsichtige, in seinem „Bürgerkrieg in Frankreich" nur angedeutet hatte, arbeitete Lenin als festbegründete, wegweisende Erkenntnis heraus. Nämlich, daß das Proletariat den politischen Machtapparat der Bourgeoisie nicht einfach übernehmen und in den Dienst seiner Interessen stellen kann, daß es vielmehr den bürgerlichen Staat zerschlagen und seinen eigenen staatlichen Machtapparat schaffen muß. Er entdeckte, daß die Sowjets diesen Machtapparat bilden, daß sie das Werkzeug sind für die Durchführung der proletarischen Diktatur. In Verbindung mit dieser grundlegenden Theorie setzte sich Lenin eingehend, lichtvoll mit der bürgerlichen Demokratie auseinander als der höchsten und letzten politischen Form der bürgerlichen Klassenherrschaft. Unerbittlich zerfetzte er alle Illusionen, als ob dem Proletariat durch die Demokratie erspart werden könne, den harten, opferreichen Weg des revolutionären Klassenkampfes, des Bürgerkrieges zu gehen, um zur Freiheit, um zum Kommunismus zu gelangen. Die Richtigkeit seiner theoretischen Auffassung bewies er durch die proletarische Revolution in Rußland.

In der Partei der Bolschewiki, der jetzigen Kommunistischen Partei, schuf Lenin das starke Verbindungsglied zwischen sich und den breitesten schaffenden Massen. Gewiß, Hunderte, Tausende Ungenannter und Unbekannter, ein Stab glänzender Führer haben hingebungsvoll ihre Kraft, ihr Leben an das Werden und Reifen dieser Partei gesetzt. Nichtsdestoweniger bleibt es wahr, daß sie Blut vom Blut und Geist vom Geist Lenins ist. Mehr als jeder andere hat er dazu getan, daß die bolschewistische Partei sich ideologisch und organisatorisch zur führenden Klassenpartei des Proletariats in der russischen Revolution entwickelt hat, daß die Kommunistische Partei Sowjetrußlands heute führend als Musterpartei an der Spitze der Kommunistischen Internationale steht. Sie ist beispielgebend durch ihren festen, geschlossenen Aufbau als Organisation, eine Organisation, die Trägerin und Werkzeug zielklarer revolutionärer Einsicht, eisenharten revolutionären Willens und schrankenloser Hingebung an die Sache des Proletariats ist. Denn es ist und bleibt eine Binsenwahrheit, daß nicht die Organisationsform allein, wie wichtig sie auch ist, über das Wesen und Wirken einer Partei entscheidet. Letzten Endes ist es der revolutionäre Geist in ihr, der Leben und Tat gibt. In dieser Beziehung verdankt die Kommunistische Partei Rußlands Lenin Wertvollstes. Um den Preis einer Trennung von Martow und Genossen setzte er durch, daß laut Statut die Partei keine nur zahlenden Mitglieder duldet, daß jedes Mitglied sich aktiv betätigen muß. So ist die Partei eine Erzieherin großen Stils zu revolutionärem Pflichtbewußtsein und revolutionärer Pflichterfüllung geworden. Nur so konnte sie ihre schwere geschichtliche Aufgabe erfüllen, das Empfinden revolutionärer Notwendigkeit und die Kampfentschlossenheit breitester Massen rasch der Führung zu übermitteln und die Erkenntnis, den Opfersinn, die Kühnheit der Führung in diesen Massen lebendig wirksam zu machen. Die Führung aber war vor allem: Lenin. Dank ihm fand die revolutionäre Situation revolutionäre proletarische Massen und eine führende Klassenpartei, die einander ebenbürtig waren.

Der Bedeutung und dem Wert von Lenins Werk als unvergleichlicher Führer der proletarischen Revolution in Rußland steht zur Seite seine weltgeschichtliche Leistung als Schöpfer und Führer der Kommunistischen Internationale. Sie ist nicht mechanische Wiederholung und Übertragung „des russischen Beispiels" auf ein umfangreicheres, weltweites Wirkungsfeld. Die Kommunistische Internationale ist eine Schöpfung für sich, so innig und fest auch die historischen Zusammenhänge sind, die sie mit der russischen Revolution und ihrem Leben, ihrer Entwicklung verbinden. Befruchtet durch die reichen, unerschöpflichen Lehren der russischen Revolution, angespornt durch das unvergleichliche Heldentum, den kühnen Sinn, die Opferbereitschaft des russischen Proletariats, soll die Kommunistische Internationale für das Weltproletariat die gleiche historische Aufgabe lösen, die die bolschewistische Partei für die Arbeiter Rußlands erfüllt hat. Sie soll eine zielklare, wegsichere Führerin in den revolutionären Kämpfen sein, die mit der Eroberung der Staatsmacht durch das Proletariat die Bahn frei legen für den Aufbau des Kommunismus.

Es liegt auf der Hand, wie ungeheuer schwierig die Aufgabe ist, die von der Geschichte der Kommunistischen Internationale gestellt wurde. Es gilt, das gleiche Ziel zu erreichen und dafür in der ganzen Welt in internationaler Solidarität die Ausgeplünderten und Versklavten zu mobilisieren, die mehr als durch die Sprache getrennt sind durch die verschiedensten Stufen der wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Entwicklung und ihren Niederschlag in der Psyche der Menschen. Sicherlich: Der Weltkapitalismus hat nivellierend, ausgleichend gewirkt, indem er den Proletarier in England, den Fellachen in Ägypten, den indischen Bauern unter eine Ausbeutung und Peitsche brachte. Jedennoch: Welch ungeheures Beginnen, diese Massen, diese bunten, verschiedenartigen Riesenmassen zusammenzuballen in einem einheitlichen Zielwillen und zu einer einheitlichen Tat! Solche Zusammenballung hat zur Voraussetzung den felsenfesten Glauben daran, daß die vereinigten Proletarier, die Unterdrückten aller Länder - mit den Worten des Kommunistischen Manifests -durch den revolutionären Kampf „nichts zu verlieren haben als ihre Ketten und eine Welt zu gewinnen". Sie hat zur Voraussetzung die klarste, schärfste Herausarbeitung des Allgemeinen, Verbindenden im Hinblick auf das Ziel und die klügste, liebevollste Beachtung und Berücksichtigung des historisch Gegebenen als des Ausgangspunktes für das zu Erreichende.

Der Führer der russischen Revolution und der bolschewistischen Partei war wie niemand sonst berufen, zum Begründer und Führer der Kommunistischen Internationale zu werden. Großrußland ist eine Internationale, eine Welt der sozialen Entwicklungsetappen im kleinen, die Überreste des urwüchsigen Kommunismus wie Massenausbeutung und Massenknechtung durch den Kapitalismus umschloß. Tagtäglich wird in der Folge die russische Revolution vor Probleme der Nationalität und Internationalität gestellt. Jedoch mehr als alles legitimierte die russische Revolution selbst in den Augen des Weltproletariats Lenin als den geborenen und in strenger Zucht geschulten und gestählten Führer der Kommunistischen Internationale. Sie schrieb die Urkunde seiner reifen Meisterschaft. Und wahrhaftig, er hat diese Meisterschaft unter den schwierigsten Umständen bewahrt seit den ersten Anfängen dieser Kampforganisation der Enterbten und Unfreien aller Länder bis zu dem letzten Tage, an dem er an ihrem Erblühen und ihrem Eingreifen in die Geschichte teilhaben konnte.

Für ungezählte Millionen Befreiungssehnsüchtiger war Lenins Name das Symbol ihrer Hoffnungen und ein Synonym der russischen Revolution. Er vereinigte die revolutionäre Vorhut des Proletariats der einzelnen Länder in dem Drängen nach einer Internationale der Tat, einer Weltorganisation, die im Zeichen der russischen Revolution stehen, kämpfen, siegen würde. Lenins Initiative ist es in hervorragendem Maße zu verdanken, daß dieses Drängen im März 1919 Leben und Gestalt gewann. Bei jedem Schritt nach vorwärts in der Entwicklung der Kommunistischen Internationale ging er wegweisend, tätig voran. Die feste Zusammenschweißung der einzelnen kommunistischen Landesparteien zu einer einheitlichen, straff zentralisierten Weltorganisation unter einheitlicher, strenger Disziplin; die reinliche Scheidung der Kommunisten von den Reformisten, Zentristen und Halbzentristen auf der einen Seite, von den unklaren Stimmungsrevolutionären und Putschisten auf der anderen; die Sammlung der breitesten Massen des Proletariats wie aller sozialen Schichten, die in steigenden Gegensatz zu der Ausbeutungs - und Knechtschaftsmacht des Kapitals geraten, in [der] Einheitsfront zum Kampf für die Eroberung der politischen Macht und die Aufrichtung der proletarischen Diktatur: All das sind Marksteine der Geschichte des revolutionären Weltproletariats, die unverwischbar und unzerstörbar den Namen Lenins tragen.

 

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"Lenin"

von N. Krupskaja, Rede in der Trauersitzung des II. Sowjetkongresses der UdSSR am 26. Januar 1924

Genossen! Was ich Ihnen zu sagen habe, erinnert am wenigsten an eine Parlamentsrede. Da ich jedoch zu Vertretern der Republiken der Werktätigen spreche, zu vertrauten, teuren Genossen, die vor der Aufgabe stehen, das Leben auf neuen Fundamenten aufzubauen, so glaube ich, Genossen, daß ich mich an keinerlei Konventionen gebunden zu fühlen brauche.

Genossen, als ich in diesen Tagen an der Bahre Wladimir Iljitschs stand, habe ich über sein ganzes Leben nachgedacht, und jetzt möchte ich Ihnen folgendes sagen. Sein Herz schlug voll heißer Liebe zu allen Werktätigen, zu allen Unterdrückten. Niemals hat er selbst darüber gesprochen, und auch ich hätte das wahrscheinlich in einer anderen, weniger feierlichen Minute nicht gesagt. Ich spreche davon, weil er dieses Gefühl von der russischen heldenhaften revolutionären Bewegung als Erbe erhalten hat. Dieses Gefühl ließ ihn leidenschaftlich und brennenden Herzens nach einer Antwort suchen auf die Frage: Auf welchen Wegen kann die Befreiung der Werktätigen herbeigeführt werden? Antwort auf seine Fragen erhielt er bei Marx. Doch nicht wie ein Buchgelehrter ging er an Marx heran. Er trat an Marx heran wie ein Mensch, der Antworten auf quälende, dringende Fragen sucht. Und bei ihm fand er diese Antworten. Mit ihnen ging er zu den Arbeitern.

Man schrieb die neunziger Jahre. Damals konnte er nicht auf Kundgebungen sprechen. Er ging nach Petrograd in Arbeiterzirkel. Er ging hin, um dort zu berichten, was er selbst bei Marx erfahren, um von den Antworten zu erzählen, die er bei ihm gefunden hatte. Er ging zu den Arbeitern nicht wie ein hochmütiger Lehrmeister, sondern als ein Genosse. Und er sprach und erzählte nicht nur, sondern hörte aufmerksam an, was die Arbeiter ihm sagten. Und die Petersburger Arbeiter erzählten ihm nicht nur von den Zuständen in den Fabriken, nicht nur von der Knechtung der Arbeiter. Sie erzählten ihm auch von ihrem Dorf.

Im Saale des Gewerkschaftshauses, an der Bahre Wladimir IIjitschs, habe ich einen Arbeiter gesehen, der damals einem Zirkel Wladimir Iljitschs angehört hatte. Es war ein Bauer aus Tula. Und dieser Tulaer Bauer, ein Arbeiter des Semjannikow-Werkes, sagte einmal zu Wladimir Iljitsch: „Hier in der Stadt fällt es mir schwer, alles zu erklären, ich werde in mein Tulaer Gouvernement gehen und dort alles berichten, was Sie sagen; ich werde es meinen Angehörigen und den anderen Bauern sagen. Sie werden mir glauben. Ich bin ja einer von ihnen. Und dort können uns keine Gendarmen stören.“
Wir sprechen heute viel vom Bündnis zwischen Arbeitern und Bauern. Dieses Bündnis, Genossen, verdanken wir der Geschichte selbst. Der russische Arbeiter war einerseits Arbeiter, anderseits war er Bauer.
Die Arbeit unter den Petersburger Arbeitern, die Gespräche mit ihnen und das aufmerksame Anhören ihrer Reden ließen Wladimir Iljitsch den großen Marxschen Gedanken begreifen, jenen Gedanken, daß die Arbeiterklasse der Vortrupp aller Werktätigen ist und daß ihr die werktätigen Massen und alle Unterdrückten folgen, daß darin ihre Kraft und das Unterpfand ihres Sieges liegt. Nur als Führer aller Werktätigen kann die Arbeiterklasse siegen. Das begriff Wladimir Iljitsch, als er unter den Petersburger Arbeitern wirkte. Und dieser Gedanke, diese Idee war der Leitstern für seine ganze weitere Tätigkeit, für jeden seiner Schritte. Er wollte die Macht für die Arbeiterklasse. Er begriff, daß die Arbeiterklasse diese Macht nicht deshalb braucht, um sich ein süßes Leben auf Kosten anderer Werktätiger zu sichern; er verstand, daß es die historische Aufgabe der Arbeiterklasse ist, alle Unterdrückten, alle Werktätigen zu befreien. Diese Grundidee drückte dem gesamten Wirken Wladimir Iljitschs ihren Stempel auf.
Genossen Vertreter der Sowjetrepubliken, der Republiken der Werktätigen! An Sie wende ich mich und bitte Sie, sich diese Idee Wladimir Iljitschs besonders zu Herzen zu nehmen.
Ich möchte, Genossen, noch ein paar letzte Worte sagen. Genossen, unser Wladimir Iljitsch ist gestorben, er, den wir liebten, den wir verehrten, ist nicht mehr.
Genossen Kommunisten, erhebt das Banner, das Lenin teuer war, das Banner des Kommunismus, noch höher!
Genossen Arbeiter und Arbeiterinnen, Genossen Bauern und Bäuerinnen, Werktätige der ganzen Welt, schließt eure Reihen einmütig zusammen, stellt euch unter das Banner Lenins, unter das Banner des Kommunismus!

 

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"Das Werk Lenins"

von Antonio Gramsci, 14.9.1918

Die bürgerliche Presse allen Länder insbesondere die französische (diese besondere Hervorhebung erfolgt aus verständlichen Gründen [1]), hat ihre grenzenlose Freude über das Attentat auf Lenin [2] nicht verborgen. Die unheilvollen Totengräber aus dem Lager des Antisozialismus haben schamlos frohlockt über den ängeblichen blutigen Leichnam (O grausames Schicksal, wieviel fromme Wünsche, wieviel süße Ideale hast du zerstört!), haben die Mörderin als Heldin gepriesen, haben die typisch bürgerliche Taktik des Terrorismus und des politischen Verbrechens wieder hervorgeholt.

Die Totengräber sind betrogen worden: Lenin lebt, und wir wünschen für das Wohlergehen und das Glück des Proletariats, daß er schnell wieder zu Kräften kommt und seinen Posten als Kämpfer für den internationalen Sozialismus wieder einnimmt.

Auch der journalistische Freudentanz wird seine historische Wirkung haben; die Proletarier haben seine gesellschaftliche Bedeutung erfaßt: Lenin ist der meistgehaßte Mann der Welt, wie es einst Karl Marx war.

[Zwölf Zeilen von der Zensur gestrichen.]

Lenin hat sein ganzes Leben der Sache des Proletariats gewidmet; der von ihm geleistete Beitrag für die Entwicklung der Organisation und für die Verbreitung der sozialistischen Ideen in Rußland ist gewaltig. Als ein Mann des Denkens und der Tat wurzelt seine Kraft in einem moralischen Charakter; die Popularität, die er unter den Arbeitermassen genießt, ist eine spontane Huldigung an seine strenge Unversöhnlichkeit gegenüber dem kapitalistischen Regime. Er hat sich niemals vom oberflächlichen Schein der modernen Gesellschaft blenden lassen, den andere mit der Wirklichkeit verwechselten; weshalb sie von einem Irrtum in den anderen fielen.

Indem er die von Marx entwickelte Methode anwendet, findet Lenin, daß die tiefe und unüberwindliche Kluft, die der Kapitalismus zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie geschlagen hat, und der ständig wachsende Antagonismus der .beiden Klassen die Wirklichkeit sind. Bei der Erklärung der sozialen und politischen Phänomene und bei der Festlegung des Weges der Partei in allen ihren Lebensphasen verlor er niemals die mächtigste Triebkraft aller ökonomischen und politischen Aktivität aus den Augen: den Klassenkampf. Er gehört zur Schar der glühendsten und überzeugtesten Verfechter des Internationalismus der Arbeiterbewegung. Jede proletarische Aktion muß dem Internationalismus untergeordnet und mit ihm koordiniert sein, muß einen internationalistischen Charakter haben. Jede Initiative, die, wann auch immer - und sei es auch nur vorübergehend - in Widerspruch zu diesem höchsten Ideal gerät, muß unerbittlich bekämpft werden, weil jede auch noch so kleine Abweichung von dem Weg, der direkt zum Sieg des internationalen Sozialismus führt, den Interessen des Proletariats - sowohl den langfristigen als auch den augenblicklichen - entgegengesetzt ist und nur dazu dient, den Kampf zu verschärfen und die Klassenherrschaft der Bourgeoisie zu verlängern.

Er, der "Fanatiker", der "Utopist", gründet sein Denken und Handeln sowie das der Partei allein auf diese tiefe und unüberwindliche Wirklichkeit des modernen Lebens, nicht auf Phänomene, die sich a n der Oberfläche zeigen, von denen die Sozialisten, die sich davon blenden lassen, zu Illusionen und Irrtümern verleitet werden, die die Geschlossenheit der Bewegung aufs Spiel setzen.

Darum erlebte es Lenin immer, daß seine Auffassungen sich durchsetzten, während jene, die ihn seines "Utopismus" wegen tadelten und ihren eigenen "Realismus" hervorhoben, von den großen historischen Ereignissen erbarmungslos überrollt wurden.

Gleich nach dem Ausbruch der Revolution und vor der Abfahrt nach Rußland hatte Lenin seinen Genossen die Warnung zukommen lassen: "Mißtraut Kerenski!"; die Ereignisse, die sich dann abspielten, haben ihm voll und ganz recht gegeben. Im Enthusiasmus der ersten Stunde nach dem Zusammenbruch des Zarismus hatten sich die Mehrheit der Arbeiterklasse und viele ihrer Führer von den Phrasen dieses Mannes überreden lassen, der durch seine kleinbürgerliche Mentalität, durch das Fehlen jeglichen Programms und jedweder sozialistischen Auffassung von der Gesellschaft die Revolution zum Zusammenbruch hätte führen und das russische Proletariat auf einen für die Zukunft unserer Bewegung gefährlichen Weg hätte leiten können.

[Drei Zeilen von der Zensur gestrichen.]

In Rußland angekommen, begann Lenin sofort damit, seinen zutiefst sozialistischen Kampf einzuleiten, den man mit dem Motto von Lassalle zusammenfassen könnte: "Sagen, was ist!": eine unnachgiebige und unversöhnliche Kritik des Imperialismus der Kadetten (Konstitutionell-Demokratische Partei, die größte liberale Partei Rußlands), der Phrasendrescherei von Kerenski und der Klassenzusammenarbeit der Menschewiki.

Gestützt auf das kritische und umfassende Studium der ökonomischen und politischen Bedingungen Rußlands, des Charakters der russischen Bourgeoisie und der historischen Mission des russischen Proletariats, war Lenin gegen Ende des Jahres 1905 zu der Schlußfolgerung gelangt, daß sich jeder politische Kampf durch den hohen Grad des proletarischen Klassenbewußtseins und durch den Entwicklungsstand des Klassenkampfes in Rußland notwendigerweise in einen sozialen Kampf gegen die bürgerliche Ordnung verwandeln würde. Diese besondere Lage, in der sich die russische Gesellschaft befand, wurde auch durch die Unfähigkeit der Kapitalistenklasse bewiesen, einen ernsthaften Kampf gegen den Zarismus zu führen, um ihn durch die eigene politische Herrschaft zu ersetzen. Nach der Revolution von 1905, bei der sich in einem ersten Versuch die enorme Kraft des Proletariats gezeigt hatte, hatte die Bourgeoisie Angst vor jeder politischen Bewegung, an der das Proletariat teilnehmen würde. Durch die historische Notwendigkeit ihrer Selbsterhaltung wurde sie in ihrem Wesen konterrevolutionär. Diese Geisteshaltung drückte Miljukow [3] in einer seiner Reden vor der Duma aus, indem er versicherte, daß er die militärische Niederlage der Revolution vorzöge.

Der Sturz der Selbstherrschaft hat keineswegs die Gefühle und die Richtung der russischen Bourgeoisie verändert - im Gegenteil: Ihr reaktionäres Wesen verstärkte sich immer mehr in. dem Maße, wie die Kraft und das Bewußtsein des Proletariats Gestalt gewannen. Die historische These von Lenin bewahrheitete sich: Das Proletariat wurde zum gigantischen Protagonisten der Geschichte, aber ein offenherziger, enthusiastischer Gigant, voller Vertrauen in sich und in die anderen. Der Klassenkampf, wie er in einer Umwelt des feudalen Despotismus geführt worden war, hatte ihm das Bewußtsein seiner sozisien Einheit gegeben, seiner historischen Macht, aber er hatte es nicht zur kühlen und realistischen Methode erzogen, hatte in ihnen noch keinen konkreten Willen geformt. Die Bourgeoisie zog sich hinterhältig zurück, verbarg Ihre grundlegenden Charakterzüge hinter hochklingenden Phrasen für ihr illusionistisches Wirken bediente sie sich Kerenskis, des am Anfang der Revolution unter den Massen populärsten Mannes; die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre (nicht Marxisten, sondern die Erben der Terroristenpartei, kleinbürgerliche Intellektuelle) halfen ihr mit ihrer Klassenzusammenarbeit unbewußt, ihre reaktionären und imperialistischen Absichten zu verheimlichen.

Gegen diesen Betrug erhob sich energisch die bolschewistische Partei mit Lenin an der Spitze, indem sie unerbittlich die wirklichen Absichten der russischen Bourgeoisie demaskierte und die unheilvolle Taktik der Menschewiki bekämpfte, die das Proletariat, an Händen und Füßen gebunden, an die Bourgeoisie auslieferten. Die Bolschewiki forderten: "Alle Macht den Sowjets", weil nur so eine Garantie gegen die reaktionären Machenschaften der besitzenden Klassen geschaffen werden konnte.

Unter dem Einfluß der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre haben sich die Sowjets anfangs selbst gegen eine solche Lösung gestellt und es vorgezogen, die Macht mit den verschiedenen Elementen der liberalen Bourgeoisie zu teilen; ausgenommen eine fortgeschrittenere Minderheit, ließ auch die Masse, welche die von Kerenski und den Menschewiki in der Regierung mystifizierte Natur der Dinge nicht klar erkannte, die Sache laufen, wie sie lief.

[Siebzehn Zeilen von, der Zensur gestrichen.]

Die Ereignisse entwickelten sich in einer Weise, die der massiven und zwingenden Kritik Lenins und der Bolschewiki in yollem Maße recht gab, die behauptet hatten, daß die, Bourgeoisie weder den Willen noch die Fähigkeit habe, für die Aufgaben der. Revolution eine demokratische Lösung zu finden, sondern daß sie - unbewußt von den mit der Bourgeoisie. zusammenarbeitenden Sozialisten unterstützt - das Land zu einer Militärdiktatur führen würde, als notwendigem politischem Mittel, um ihre imperialistischen und reaktionären Ziele zu verfolgen. Die Massen der Arbeiter und Bauern begannen durch die Propaganda der Bolschewiki, sich dessen bewußt zu werden, was im Gange war. Sie gewannen eine immer größere politische Fähigkeit und, immer stärkeres politisches Empfinden: Ihre Verbitterung brach zum ersten Male im Juli mit dem Petrograder Aufstand durch, der von Kerenski ohne Schwierigkeiten niedergeschlagen wurde. Obgleich durch die verhängnisvolle Politik Kerenskis gerechtfertigt, hatte dieser Aufstand doch nicht die Unterstützung der Bolschewiki und Lenins, weil die Sowjets noch gegen, die Übernahme der gesamten Macht in ihre Hände waren und weil sich - in der Konsequenz - jeder Aufstand gegen die Sowjets richtete, die - so oder so - die Klasse repräsentierten.

Daher mußte man die klassenbewußte Propaganda fortsetzen und die Arbeiter dazu bringen, in die Sowjets Delegierte zu schicken, die von der Notwendigkeit überzeugt waren, daß die Sowjets alle Macht im Land übernähmen. Auch dadurch wird der zutiefst demokratische Charakter der bolschewistischen Handlungsweise deutlich, die die Massen selbst politische Fähigkeit, und politisches Bewußtsein erwerben ließ, damit sich die Diktatur des Proletariats in organischer Weise installieren und als ausgereifte Form des ökonomisch-politischen Regimes der Gesellschaft entstehen konnte.

Zur Beschleunigung des Ablaufs der Ereignisse trug, außer der immer provokatorischer werdenden Haltung der Bourgeoisie, der von Kornilow unternommene militärische Versuch bei, auf Petrograd zu marschieren, um sich in den Besitz der Macht zu bringen; und dann begann Kerenski durch seine napoleonischen Gesten, durch die Bildung eines aus bekannten Reaktionären bestehenden Kabinetts, durch sein nicht auf Grund allgemeinen Wahlrechts gewähltes Parlament und schließlich durch das Verbot des gesamtrussischen Kongresses der Sowjets, einen wahrhaften Staatsstreich gegen das Volk; das war der Anfang des Verrat der Bourgeoisie an der Revolution.

Die Thesen Lenins und der Bolschewiki, die seit Beginn der Revolution von ihnen durch beharrliche und zähe Arbeit vertreten, bekräftigt und propagiert wurden, fanden in der Realität eine absolute Bestätigung: Das Proletariat, das ganze Proletariat in Stadt und Land scharte sich entschlossen um die Bolschewiki, beseitigte die persönliche Diktatur Kerenskis und übertrug die Macht an den Kongreß der Sowjets ganz Rußlands.

Natürlich vertraute der gesamtrussische Kongreß der Sowjets, der trotz des Verbots von Kerenski einberufen worden war, unter allgemeinem Beifall die Würde des Präsidenten des Rats der Volkskommissare Lenin an, der soviel Aufopferung für die Sache des Proletariats und soviel Scharfblick bei der Beurteilung der Fakten und beim Entwurf des Aktionsprogramms der Arbeiterklasse bewiesen hatte.

[Fünfunddreißig Zeilen von der Zensur gestrichen.]

Die bürgerliche Presse aller Länder hat Lenin immer als einen "Diktator" dargestellt, der sich mit Gewalt einem unermeßlich großen Volk aufgezwungen hat und es grausam unterdrückt. Der Bourgeoisie gelingt es nicht, eine Gesellschaft zu. begreifen, die nicht ihren doktrinären Schemata entspricht; die Diktatur ist für sie Napoleon oder wenigstens Clemenceau [4], sie ist der zentralisierte Despotismus der ganzen politischen Macht in den Händen eines einzelnen, ausgeübt durch eine Hierarchie von mit Flinten bewaffneten Sklaven oder von Bürohengsten. Deshalb hat die Bourgeoisie über die Nachricht des Attentats auf unseren Genossen frohlockt und hat seinen Tod hinausposaunt: Wenn der unersetzbare "Diktator" verschwunden ist, müßte nach ihrer Konzeption das ganze neue Regime jämmerlich zusammenbrechen.

[Dreiundsechzig Zeilen von der Zensur gestrichen.]

Er wurde überfallen, als er aus einem Betrieb kam,, wo er vor den Arbeitern eine Rede gehalten hatte. Der "grausame Diktator" setzt also seine Mission als Propagandist fort, ist immer in Kontakt mit den Proleten, denen er Worte des Glaubens an den Sozialismus überbringt, Ansporn zum zähen revolutionären Widerstand, für den Aufbau, für die Verbesserung und den Fortschritt auf Grund der Arbeit, der Uneigennützigkeit und der Opferbereitschaft. Er wurde vom Revolver einer Frau getroffen, einer Sozialrevolutionärin, einer alten Kämpferin des revolutionären Terrorismus,. Die Episode enthält das ganze Drama der russischen Revolution. Lenin ist der kühle Theoretiker der historischen Realität, der versucht, eine neue Gesellschaft organisch auf einer soliden und dauerhaften Basis aufzubauen, nach den Lehren der marxistischen Konzeption; er ist der Revolutionär, der arbeitet, ohne sich wilde Illusionen zu machen, der dem Verstand und der Weisheit folgt. Dora Kaplan war eine Menschenrechtlerin, eine Utopistin, eine geistige Tochter des französischen Jakobinismus, der es nicht, gelingt, die historische Funktion der Organisation und des Klassenkampfes zu verstehen, die glaubt, daß der Sozialismus sofortigen Frieden zwischen den Menschen bedeute, ein idyllisches Paradies der Freude und der Liebe. Sie versteht nicht, wie komplex die Gesellschaft und wie schwierig die Aufgabe der Revolutionäre ist, sobald sie Träger der sozialen Verantwortung geworden sind. Sie handelte sicher in dem guten Glauben, die russischen Menschen beglücken zu können, indem sie sie von dem "Ungeheuer" befreite. Ganz gewiß nicht guten Glaubens sind ihre bourgeoisen Verherrlicher, die widerlichen Leichenfledderer in der kapitalistischen Presse. Sie haben den Sozialrevolutionär Tschaikowski gerühmt, der sich bereit gefunden hatte sich in Archangelsk an die Spitze der antibolschewistischen Bewegung zu setzen, und der die Sowjetmacht gestürzt hatte [5]: jetzt, da er seine antisozialistische Aufgabe erfüllt hat und von der russischen Bourgeoisie, angeführt vom Obersten Schaplin, in die Verbannung geschickt worden ist, verspottet man ihn als alten Narren, als Träumer.

Die revolutionäre Justiz hat Dora Kaplan bestraft; der alte Tschaikowski büßt auf einer vereisten Insel seine Schuld, sich zum Werkzeug der Bourgeoisie gemacht zu haben, und es ist die Bourgeoisie, die ihn bestraft hat und über ihn lacht.

[nach: Gramsci, Antonio: Zur Politik, Geschichte und Kultur, Leipzig 1980, S. 24 - 30]

Anmerkungen:

1. Da durch die Annullierung der Auslandsanleihen des Zarismus durch die Sowjetregierung die französische Bourgeoisie schwere Verluste erlitten hatte, nahm ihre Presse eine extrem antisowjetische Position ein.

2. Am 30.8.1918, als Lenin eine Kundgebung im Petrograder Michelsonwerk verließ, wurde er von der Sozialrevolutionärin Fanja (nicht Dora) Kaplan durch Revolverschüsse schwer verwundet.

3. Pawel Nikolajewitsch Miljukow (1859-1943): Führer der großbürgerlichen Konstitutionell-demokratischen Partei (Kadetten), Außenminister in der Kerenski-Regierung.

4. Georges Clemenceau (1841-1929): französischer Staatsmann, entschiedener Vertreter des französischen Imperialismus; als Ministerpräsident im letzten Jahr des ersten Weltkriegs (seit November 1917) und Vorsitzender der Versailler Friedenskonferenz trat er für die drückendsten Friedensbedingungen gegenüber Deutschland ein.

5. Nicht Tschaikowski hatte die Sowjetmacht in Archangelsk gestürzt, sondern die amerikanisch-britischen Interventionstruppen, die, begünstigt durch die Menschewiki und Sozialrevolutionäre, im März 1918 in Murmansk gelandet und von dort sofort auf Archangelsk vorgestoßen waren und eine sogenannte "Regierung des ganzen Nordgebietes" unter dem Vorsitz des Sozialrevolutionärs Tschaikowski einsetzten. Am 13. 3. 1920 befreite die Rote Armee Murmansk und warf die Interventen ins Meer. (Siehe: N.J. Kopylow, Die Zerschlagung der amerikanisch-englischen militärischen Intervention im sowjetischen Norden 1918 bis 1920, Berlin 1954.)

 

 

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