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Das Linzer Parteiprogramm der österreichischen Sozialdemokratie

von Markus Oberrauter

 

Am 3. November 1926 beim Linzer Parteitag gab sich die österreichische Sozialdemokratie ein neues Programm, das bis zur blutigen Niederlage in der Auseinandersetzung mit dem Austrofaschismus im Februar 1934 ihre Gültigkeit haben sollte. Die Sozialdemokratie brauchte lange (Wiener Programm von 1901), um in programmatischer Hinsicht auf die vorangegangenen Ereignisse wie den 1. Weltkrieg, die Spaltung der ArbeiterInnenbewegung, den Zerfall der Monarchie und die Errichtung der Republik zu reagieren. Otto Bauer – der geistige „Führer“ der österreichischen Sozialdemokratie, dessen Feder im Wesentlichen das Linzer Programm entsprungen ist, meinte dazu, dass es notwendigerweise dieser langen Zeit bedurfte um so ein Programm erarbeiten zu können. Das „Linzer Programm“ ist neben dem „Konzept des Integralen Sozialismus“ von Otto Bauer das zentrale Dokument bzw. Erbe des Austromarxismus. 

Austromarxismus 

Um die Jahrhundertwende entstand eine Gruppe junger Intellektueller, die gemeinsam die „Marx-Studien“ herausgab. Sie wollten neue Erfahrungen verarbeiten und Marx’ Theorie auf neuen Arbeitsfeldern erproben. Unter ihnen waren Karl Renner (1870-1950)  als Rechts- und Staatstheoretiker, Rudolf Hilferding (1877-1941) als Ökonom („Das Finanzkapital“), Max Adler (1873-1937) als Philosoph und Wissenschaftstheoretiker und Otto Bauer (1881-1938) als Soziologe. Politisch blieben sie und damit auch der sogenannte „Austromarxismus“ inhomogen, er umfasste somit den „linken“ Flügel (Max Adler) als auch den „rechten“ Flügel (Karl Renner) der Sozialdemokratie. Wie Otto Bauer festhielt „war es nicht etwa eine besondere politische Richtung, sondern die Besonderheit ihrer wissenschaftlichen Arbeit“, was sie vereinte. Als philosophische Grundlage sahen sie nicht die „marxistische Philosophie“, sondern nahmen vielmehr Anleihen bei Kant (v.a. Adler). Für Bauer blieb sein „sozialwissenschaftlicher Marxismus“ mit allen möglichen Weltanschauungen und Philosophien vereinbar. So erhob Bauer auch die Philosophie neben der Religion als Privatsache. Der Austromarxismus wandte sich sowohl gegen den Bolschewismus als auch gegen den Reformismus. So attackierte und verurteilte Bauer öfters die Ausrichtung und Taktik der deutschen Sozialdemokratie auf das Schärfste. Für die geistigen Fähigkeiten Bauers spricht auch die Tatsache, dass sich Lenin intensiv in Artikeln und Polemiken mit Bauer auseinandersetzte.

Otto Bauer selbst, der den Begriff Austromarxismus ablehnte, verstand darunter „die internationale Geistesrichtung des marxistischen Zentrums – nicht die österreichische Spezialität, sondern eine Geistesströmung innerhalb der Internationale, die in jeder sozialistischen Partei ihrer Vertreter und Bekenner hat.“ Der Austromarxismus umgab sich zwar mit einer durchwegs revolutionären Sprache, blieb aber in seinem Kern nicht notwendigerweise „revolutionär“. Dies widerspiegelt sich teilweise auch im „Linzer Programm“. 

Das Linzer Programm 

Dieses enthält nicht nur in der Einleitung ein klares Bekenntnis zum wissenschaftlichen Sozialismus, sondern es bedient sich auch bei ihren Ausführungen der marxistischen Theorie. In der Kapitalismusanalyse des Programms finden sich etwa folgende interessante Passage, die wohl nichts an ihrer Aktualität verloren hat. 

„Mächtige Kartelle diktieren dem ganzen Volke die Warenpreise. Große Industriekonzerne, die ganze Produktionszweige stillzulegen vermögen, zwingen den Regierungen und Volksvertretungen ihren Willen auf. Die Großbanken beherrschen die Produktion, sie üben auf Staat und Gesellschaft den stärksten Einfluss. Das ganze arbeitende Volk gerät so unter die drückende Herrschaft einer kleinen Zahl von Kapitalsmagnaten. Die Entwicklung der Produktivkräfte sprengt die nationalen Grenzen der kapitalistischen Organisationen. Die wirtschaftliche und politische Weltmacht sammelt sich in den Händen des Finanzkapitals der hochkapitalistischen Staaten. Internationale Kartelle diktieren den einzelnen Ländern die Warenpreise und den Umfang der Produktion. Kleine und wirtschaftlich schwache Länder geraten in drückende Abhängigkeit von den großkapitalistischen Weltmächten. Die heimische Kapitalistenklasse wird zum Fronvogt der internationalen Hochfinanz, das nationale Staatswesen gerät unter den Druck der kapitalistischen Weltmächte. Die Kapitalistenklassen der hochkapitalistischen Staaten suchen die wirtschaftlich rückständigen Gebiete außerhalb des europäischen Kulturkreises als Absatzmärkte, Rohstoffquellen und Kapitalsanlagegebiete zu erobern. Der Wettbewerb um die Kolonialgebiete erzeugt immer neue Gegensätze zwischen den kapitalistischen Weltmächten. Das Eindringen des Kapitalismus in die außereuropäischen Kulturkreise wälzt ihre überlieferten Gesellschaftsordnungen um; die imperialistischen Weltmächte unterwerfen die Völker der fremden Kulturkreise ihrer Gewaltherrschaft. Sie ruft Befreiungskämpfe der unterdrückten Völker hervor. Diese imperialistische Weltumwälzung erzeugt ständige Kriegsgefahr. Zugleich wird mit der Entwicklung der Technik des kapitalistischen Großbetriebes auch die Kriegstechnik ständig umgewälzt. Die Entwicklung des Kapitalismus droht so, durch immer furchtbarere Kriege, die ganze Zivilisation zu zerstören.“ 

Weiters wird im Parteiprogramm nicht nur der Begriff „Klassenkampf“ erwähnt, sondern er zieht sich durch das ganze Programm und ihm wird überdies ein eigenes Kapitel gewidmet. Die Arbeiterklasse „mit der Erkenntnis der Unvereinbarkeit ihrer Lebens- und Entwicklungsinteressen mit der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu erfüllen, ist die Aufgabe der sozialdemokratischen Arbeiterpartei.“ Weiters heißt es: „Zur ihrer Aufgabe wird es nunmehr unter der Führung der Arbeiterklasse immer breitere Schichten aller arbeitenden Volksklassen zum Kampfe gegen die von der Kapitalistenklasse geführten Bourgeoisie zu vereinigen.“ 

Das problematischste Kapitel ist jenes von der „Eroberung der Staatsmacht“. Bauer ging vom Erreichen des Sozialismus mit dem Stimmzettel (51%) ergänzt um die Notwendigkeit der Erringung der Mehrheit auf dem Lande (Agrarprogramm von 1925) aus. So heißt es: „Sie (die Partei; Anm.) erobert durch die Entscheidung des allgemeinen Wahlrechts die Staatsmacht. So werden in der demokratischen Republik die Klassenkämpfe zwischen der Bourgeoisie und der Arbeiterklasse im Ringen der beiden Klassen um die Seele der Volksmehrheit entschieden.“ Das „Linzer Programm“ vertrat ein sehr starkes „Defensivkonzept“, das Gewalt nur als wirklich allerletztes Abwehrmittel bei einer Gefährdung der Demokratie vorsah. So heißt es „Wenn es aber trotz’ all dieser Anstrengungen der sozialdemokratischen Arbeiterpartei eine Gegenrevolution der Bourgeoisie gelänge, die Demokratie zu sprengen, dann könnte die Arbeiterklasse die Staatsmacht nur noch im Bürgerkrieg erobern.“  Selbst diese Formulierung wurde erst nach einer langen Parteitagsdebatte und Rede von Otto Bauer möglich. Bauer bezweifelte die Marxsche Erkenntnis von der  Notwendigkeit der Errichtung der Diktatur des Proletariats als notwendige Übergangsphase zur Entfaltung der „Sozialistischen Demokratie“.

Das Programm leugnet weder noch sieht sie nicht die Gefahr von „rechts“, doch kann sie aufgrund ihrer defensiven Haltung den drohenden Faschismus nicht verhindern. Selbst Josef Hindels, ein Schüler und großer Verehrer Otto Bauers, sieht in dieser Grundhaltung eine Hauptursache für die Niederlage und die Errichtung einer faschistischen Diktatur im Februar 1934: „Es war eine Politik des ständigen Zurückweichens, der Preisgabe einer Position nach der anderen.“ 

Daneben liefert das Programm in den „nächsten Aufgaben der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei“ auch konkrete Punkte, reformerische Schritte und Forderungen in allen wesentlichen Bereichen (Ausbau der Republik, Wirtschaftspolitik, Sozialpolitik, Frauen, Bevölkerungspolitik, Religion und Kirche, Kulturpolitik). Das Linzer Programm enthielt die nach heutiger Sicht wohl unverständliche Forderung nach dem „Anschluss Deutschösterreichs an das Deutsche Reich“, da die SDAP nicht an die Lebensunfähigkeit des nunmehrigen Kleinstaates glaubte. Die Sozialdemokratie erwartete sich darüber hinaus von der Vereinigung mit dem industriell höher entwickelten Deutschland mit seiner starken ArbeiterInnenbewegung wirtschaftliche und politische Vorteile. Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 war es selbstverständlich, dass die Sozialdemokratie auf ihrem Parteitag im Oktober 1933 die Anschlussforderungen fallen ließ und sich für ein unabhängiges, selbständiges Österreich aussprach. 

Der „Dritte Weg“ 

Der Austromarxismus wird auch oft als der „Dritte Weg“ bezeichnet, ein Weg zwischen revolutionärem Marxismus und Reformismus. Auch die heutige Sozialdemokratie lehnt sich an ein Konzept des Dritten Weges an, leider nicht an jenes von Bauer, sondern an jenen „Irrweg“ von Gerhard Schröder und Tony Blair. Dieser „Dritte Weg“ kann nur als „Weg in den Abgrund“ zwischen „totalem Gegenreformismus“ und „Gegenreformismus der kleinen Schritte“ bezeichnet werden. SPÖ zurück an den Start und vorwärts zu und mit Otto Bauer! Für uns als Sozialistische Jugend gilt es, an die DenkerInnen des Austromarxismus anzuknüpfen und zu versuchen, sie und ihre Theorien der Sozialdemokratie ins Gedächtnis zu rufen – aber nicht notwendigerweise dabei hängen zubleiben.

 

 

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