Start Über uns Themen Geschichte Marxismus
 

 

Proletarische Literatur: Lyrik

 

Kurt Tucholsky: Die freie Marktwirtschaft weiter

Bertolt Brecht: Lob der Dialektik weiter

Bertolt Brecht: Lob des Revolutionärs weiter

Bertolt Brecht: Der große Oktober weiter

Bertolt Brecht: Die Teppichweber von Kujan-Bulak ehren Lenin weiter

Wladimir Majakowski: Zwiesprache mit dem Genossen Lenin weiter

 

 

Kurt Tucholsky:

Die freie Marktwirtschaft

 

Ihr sollt die verfluchten Tarife abbauen.

Ihr sollt auf euern Direktor vertrauen.

Ihr sollt die Schlichtungsausschüsse verlassen.

Ihr sollt alles Weitere dem Chef überlassen.

Kein Betriebsrat quatsche uns mehr herein,

wir wollen freie Wirtschaftler sein!

Fort, die Gruppen - sei unser Panier!

Na, ihr nicht. Aber wir.


Ihr braucht keine Heime für eure Lungen,

keine Renten und keine Versicherungen,

Ihr solltet euch allesamt was schämen,

von dem armen Staat noch Geld zu nehmen!

Ihr sollt nicht mehr zusammenstehn

- wollt ihr wohl auseinandergehn!

Keine Kartelle in unserm Revier!

Ihr nicht. Aber wir.


Wir bilden bis in die weiteste Ferne

Trusts, Kartelle, Verbände, Konzerne.

Wir stehen neben den Hochofenflammen

in Interessengemeinschaften fest zusammen.

Wir diktieren die Preise und die Verträge

- kein Schutzgesetz sei uns im Wege.

Gut organisiert sitzen wir hier...

Ihr nicht. Aber wir.

 

 

Bertolt Brecht:

Lob der Dialektik

 

Das Unrecht geht heute einher mit sicherem Schritt.

Die Unterdrücker richten sich ein auf zehntausend Jahre.

Die Gewalt versichert: So, wie es ist, bleibt es.

Keine Stimme ertönt außer der Stimme der Herrschenden

Und auf den Märkten sagt die Ausbeutung laut: Jetzt

beginne ich erst.

Aber von den Unterdrückten sagen viele jetzt:

Was wir wollen, geht niemals.

Wer noch lebt, sage nicht: niemals!

Das Sichere ist nicht sicher.

So, wie es ist, bleibt es nicht.

Wenn die Herrschenden gesprochen haben

Werden die Beherrschten sprechen.

Wer wagt zu sagen: niemals?

An wem liegt es, wenn die Unterdrückung bleibt? An uns.

An wem liegt es, wenn sie zerbrochen wird? Ebenfalls an uns.

Wer niedergeschlagen wird, der erhebe sich!

Wer verloren ist, kämpfe!

Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten sein?

Denn die Besiegten von heute sind die Sieger von morgen

Und aus Niemals wird: Heute noch!

 

 

Bertolt Brecht:

Lob des Revolutionärs

 

Wenn die Unterdrückung zunimmt

Werden viele entmutigt

Aber sein Mut wächst.


Er organisiert seinen Kampf

Um den Lohngroschen, um das Teewasser

Und um die Macht im Staat.

Er fragt das Eigentum:

Woher kommst du?

Er fragt die Ansichten:

Wem nützt ihr?


Wo immer geschwiegen wird

Dort wird er sprechen

Und wo Unterdrückung herrscht und von

Schicksal die Rede ist

Wird er die Namen nennen.


Wo er sich zu Tisch setzt

Setzt sich die Unzufriedenheit zu Tisch

Das Essen wird schlecht

Und als eng wird erkannt die Kammer.


Wohin sie ihn jagen, dorthin

Geht der Aufruhr, und wo er verjagt ist

Bleibt die Unruhe doch.

 

 

Bertolt Brecht:

Der große Oktober

 

O großer Oktober der Arbeiterklasse!

Endliches Sichaufrichten der so lange

Niedergebeugten! O Soldaten, die ihr

Endlich die Gewehre in die richtige Richtung gerichtet!

Die den Boden bestellten im Frühjahr

Taten es nicht für sich selber. Der Sommer

Beugte sie tiefer. Noch die Ernte

Ging in die Scheuer der Herren. Aber der Oktober

Sah das Brot schon in den richtigen Händen!

Seitdem

Hat die Welt ihre Hoffnung.

Der Kumpel in Wales und der mandschurische Kuli

Und der pennsylvanische Arbeiter, der unter dem Hund lebt

Und der deutsche, mein Bruder, der jenen

Noch beneidet: sie alle

Wissen, es gibt

Einen Oktober.

Selbst die Flugzeuge der Faschisten, die

Gegen ihn heraufkommen, sieht

Der Soldat der spanischen Miliz darum

Mit geringerer Sorge.

Aber in Moskau, der berühmten Hauptstadt

Aller Arbeiter

Bewegt sich allhährlich über den Roten Platz,

Der unendliche Zug der Sieger.

Mit sich führend die Embleme ihrer Fabriken

Abbilder der Traktoren und die Wollbüsche der Textilwerke

Auch die Ährenbündel der Getreidefabriken.

Über sich ihre Kampfflugzeuge

Die den Himmel verdunkeln, und vor sich

Ihre Regimenter und Tankgeschwader.

Auf breiten Tuchstreifen

Tragen sie ihre Losungen und

Die Bildnisse ihrer großen Lehrer. Die Tücher

Sind durchsichtig, so daß

All dies zugleich sichtbar ist.

Schmal, an dünnen Stecken

Wehen die hohen Fahnen. In den entfernteren Straßen

Wenn der Zug ins Halten kommt

Leben Tänze auf und Weltfestspiele. Fröhlich

Ziehen die Züge, viele nebeneinander, fröhlich

Aber allen Unterdrückern

Eine Drohung.

O großer Oktober der Arbeiterklasse!

 

 

Bertolt Brecht:

Die Teppichweber von Kujan-Bulak ehren Lenin

 

Oftmals wurde geehrt und ausgiebig

Der Genosse Lenin. Büsten gibt es und Standbilder.

Städte werden nach ihm benannt und Kinder.

Reden werden gehalten in vielerlei Sprachen

Versammlungen gibt es und Demonstrationen

Von Shanghai bis Chicago, Lenin zu Ehren.

So aber ehrten ihn die Teppichweber von Kujan-Bulak

Kleiner Ort im südlichen Turkestan:

 

Zwanzig Teppichweber stehn dort abends

Fiebergeschüttelt auf von dem ärmlichen Webstuhl.

Fieber geht um: die Bahnstation

Ist erfüllt von dem Summen der Stechmücken dicker Wolke

Die sich erhebt aus dem Sumpf hinter dem alten Kamelfriedhof.

 

Aber die Eisenbahn, die

Alle zwei Wochen Wasser und Rauch bringt, bringt

Eines Tages die Nachricht auch

Daß der Tag der Ehrung des Genossen Lenin bevorsteht,

Und es beschließen die Leute von Kujan-Bulak

Arme Leute, Teppichweber

Daß dem Genossen Lenin auch in ihrer Ortschaft

Aufgestellt werde die gipserne Büste.

 

Als nun aber das Geld gesammelt wird für die Büste

Stehen sie alle geschüttelt vom Fieber und zahlen

Ihre mühsam erworbenen Kopeken mit fliegenden Händen.

Und der Rotarmist Stepa Gamalew, der

Sorgsam Zählende und genau Schauende

Sieht die Bereitschaft, Lenin zu ehren, und freut sich

Aber er sieht auch die unsicheren Hände.

Und er macht plötzlich den Vorschlag

Mit dem Geld für die Büste Petroleum zu kaufen und

Es auf den Sumpf zu gießen hinter dem alten Kamelfriedhof

Von dem her die Stechmücken kommen, welche

Das Fieber erzeugen.

So also das Fieber zu bekämpfen in Kujan-Bulak, und zwar

Zu Ehren des gestorbenen, aber

Nicht zu vergessenden

Genossen Lenin.

 

Sie beschlossen es. An dem Tage der Ehrung trugen sie

Ihre zerbeulten Eimer, gefüllt mit dem schwarzen Petroleum

Einer hinter dem anderen hinaus

Und begossen den Sumpf damit.

 

So nützten sie sich, indem sie Lenin ehrten und

Ehrten ihn, indem sie sich nützten, und hatten ihn

Also verstanden.

 

Wir haben gehört, wie die Leute von Kujan-Bulak

Lenin ehrten. Als nun am Abend

Das Petroleum gekauft und ausgegossen über dem Sumpf war

Stand ein Mann auf in der Versammlung, und der verlangte

Daß eine Tafel angebracht würde an der Bahnstation

Mit dem Bericht dieses Vorgangs, enthaltend

Auch genau den geänderten Plan und den Eintausch der

Leninbüste gegen die fiebervernichtende Tonne Petroleum.

Und dies alles zu Ehren Lenins.

Und sie machten auch das noch

Und setzten die Tafel.

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Wladimir Majakowski:

Zwiesprache mit dem Genossen Lenin

 

Der Haufen der Arbeit,
                                das Kommen und gehen
wich vor dem Dämmer,
                                   der Alltag schwand.
Im Zimmer blieben:
                            ich
                                 und Lenin -
er als Bild
              an der weißen Wand.
Mit offenem Mund
                           in packender Rede,
die Borsten
                 des Schnurrbarts
                                          steif und wirr,
die Falten
               der Stirn:
                             ein Gedankengehege
für Riesengedanken
                             einer Riesenstirn.
Tausende
              schreiten
                            an ihm vorbei...
Ein Wald aus Fahnen...
                                   ein Feld aus Händen...
Ich stehe
             strahlend vor Freude dabei -
und möchte
                 hingehn,
                              grüssen
                                           und melden
>>Genosse Lenin,
                           ich melde Ihnen
freiwillig,
              nur aus Liebe zur Sache,
Genosse Lenin,
                       wir bauen und dienen
und werden
                 die höllische Arbeit machen.
Wir kleiden die Armen,
                                  klären sie auf
und fördern
                 mehr Kohle
                                  in kürzerer Frist.
Doch freilich
                   zugleich
                               bauen wir auch
auch
       eine Menge
                        Blödsinn und Mist.
Man hat das ewige Streiten
                                        satt.
Es blüht
            ohne Sie
                         das Schmarotzertum.
Es tummelt sich
                        sehr viel
                                     verschiedenes Pack
in unserem Land
                        und rund
                                     herum.
Wer kennt
                die Zahl
                            wer nennt die Namen,
ein ganzer Zug
                      von Typen
                                      kleckert.
Kulaken, Bürokraten, Blinde und Lahme,
Sektierer,
              Säufer
                        und Speichellecker -
sie stelzen
               wichtig
                          und aufgeblasen,
mit Füllern gespickt,
                             an Abzeichen reich.
Wir werden sie
                      alle
                           natürlich fassen,
doch alle
             zu fassen
                            ist gar nicht leicht.
Genosse Lenin,
                       im Rauch der Betriebe
auf Feldern,
                  bedeckt
                              mit Schnee,
                                               mit Getreide,
denken,
           atmen,
                     kämpfen
                                  und leben
wir
    in Ihrem
                Namen
                           und Geiste!<<
Der Haufen Arbeit,
                             das Kommen und gehen
wich vor dem Dämmer,
                                  der Alltag schwand.
Im Zimmer blieben:
                             ich
                                  und Lenin -
er als Bild
               an der weißen Wand

 

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