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Johann Koplenig:

Trotz alledem! Österreichs Volk kämpft weiter für seine Unabhängigkeit!

12. März 1938

 

Über Wien kreisen die deutschen Bombengeschwader, und an den Straßenkreuzungen sind Maschinengewehre postiert. Dem österreichischen Volk wird damit in anschaulicher Weise der Anbruch einer neuen Zeit und der Beginn der deutschen Schicksalsgemeinschaft demonstriert.

Man kann nicht ohne tiefe Erregung niederschreiben, was die Volksmassen Österreichs in diesen Tagen empfinden. Während der gleichgeschaltete Rundfunk die Nachricht vom Einmarsch der deutschen Truppen verkündet, während der Hakenkreuzterror durch das Land rast, befindet sich das österreichische Volk in einem Zustand schmerzlicher Trauer und tiefster Niedergeschlagenheit. Nach den ersten Stunden der Überraschung durch die sich rasch abwickelnden Ereignisse beginnt sich auf den Gesichtern der Menschen Furcht und Entsetzen widerzuspiegeln. Es ist das Entsetzen über so viel Gemeinheit, so viel Niedertracht und Brutalität, die sich hinter dem Schlagwort der deutschen Einheit und dem deutschen Frieden verbargen und nun offenbar geworden sind.

Das österreichische Volk ist brutal vergewaltigt worden. Das Dritte Reich hat das österreichische Volk nicht gewonnen, sondern es hat ihm durch die Gewalt der Bajonette, Kanonen und Bombenflugzeuge seine Fremdherrschaft aufgezwungen. Wäre die Volksabstimmung durchgeführt worden, Hitler hätte eine Niederlage erlitten.

Die Ereignisse in Österreich zeigen nochmals vor aller Welt klar und deutlich: Der Faschismus, das ist der Krieg. Mag Hitler seine Kriegs- und Eroberungspolitik unter welcher Maske immer tarnen; mag er so wie in Spanien die Bekämpfung des Bolschewismus zum Vorwand nehmen, um seinen Raubkrieg gegen ein Volk zu führen; mag er so wie in Österreich unter der Maske eines nationalen Befreiers einem widerstrebenden Volk gewaltsam seine Fremdherrschaft aufzwingen – überall verfolgt er das gleich Ziel.

Das österreichische Volk hat seine Unabhängigkeit verloren, weil es einer reaktionären Clique gelang, im Februar 1934 die Freiheit des Volkes zu zerstören. Die Unabhängigkeit Österreichs ging deshalb verloren, weil seine reaktionäre Bourgeoisie sich mit dem Faschismus verbündete, in dem verbrecherischen Glauben, man könne die Unabhängigkeit gegen Hitler im Bündnis mit Mussolini verteidigen. So wurde Österreich zum Kleingeld in den Händen der faschistischen Räuber.

Wer vom Faschismus isst, wer mit ihm paktiert, muss am Faschismus zugrunde gehen. Dies ist die Lehre, die alle Völker aus den Ereignissen Österreichs ziehen müssen. Wer versucht, unter dem Vorwand der Verteidigung des Landes die demokratischen Freiheitsrechte des Volkes anzutasten, wird zum Verbündeten des Faschismus. Das ist die zweite Lehre.

Mögen alle Völker, die heute ebenfalls vom Faschismus bedroht sind, erkennen, dass es notwendig ist, sich rechtzeitig gegen alle Kapitulanten und gegen diejenigen in ihrem eigenen Lande zu wenden, die auch heute noch glauben, den Frieden durch Zugeständnisse vom Faschismus erhandeln und erkaufen zu können. Mögen sie erkennen, dass man, um sich gegen den Faschismus Hitlers zu wehren, seine Agenten im eigenen Lande unschädlich machen muss.

Für das österreichische Volk ist der Kampf um seine Unabhängigkeit nicht zu Ende. Es wird niemals eine ihm aufgezwungene Fremdherrschaft anerkennen. So schwer sich auch in der nächsten Zeit sein Schicksal gestalten mag, der Kampf für die Freiheit und für die Unabhängigkeit Österreichs wird aufs Neue entbrennen.

In den entscheidenden Wochen von Berchtesgaden bis zum 11. März hat sich in den österreichischen Volksmassen eine Entwicklung vollzogen, die für die weitere Gestaltung der Zukunft Österreichs nicht ohne Bedeutung sein wird. Zum erstenmal in der Geschichte des Landes haben sich die Arbeiter mit den Bauern, die Kommunisten und Sozialisten mit den katholischen Volksmassen zusammengefunden. Das Volk selbst begann sich untereinander zu verständigen, und eine breite Front zum Kampf für die Verteidigung der Freiheit und Unabhängigkeit war im Entstehen begriffen. An der Spitze dieser Front stand wieder die österreichische Arbeiterschaft.

Noch war diese Front nicht stark genug, um der Übermacht der Bajonette und der Maschinengewehre Widerstand zu leisten. Aber möge sich niemand darüber täuschen: das österreichische Volk ist ein selbständiges Volk, es hat seine eigene Kultur, seine eigene Geschichte und vor allem die stolze Kampftradition seiner Arbeiterklasse. Zu den hervorragenden Eigenschaften dieser Arbeiterklasse gehört vor allem ihr unbändiger Drang nach Freiheit, ihr Hass gegen den Krieg, ihre Liebe zum Frieden und ihre Treue zum Sozialismus.

Der Hitler Faschismus wird nichts unversucht lassen, um durch Demagogie und Terror den Freiheits- und Unabhängigkeitswillen des österreichischen Volkes zu ersticken und zu erdrosseln. Aber er wird nun nach der politischen Gleichschaltung auch darangehen müssen, die wirtschaftlichen Schätze des Landes in den Dienst seiner Kriegspolitik zu stellen. Die österreichischen Arbeiter und Bauern werden nun auch die Segnungen des Vierjahrplanes zu spüren bekommen. Der Hitler-Faschismus, das ist der Krieg. Zu diesem Krieg braucht Hitler auch die Knochen der österreichischen Arbeiter und Bauern und die Körper der österreichischen Jugend. So verbindet sich der Befreiungskampf des österreichischen Volkes heute unlösbar mit dem Kampf gegen den Krieg. Wenn sich die ersten Niederlagen einstellen, wenn die Völker aufhören werden, vor den Drohungen Hitlers zu kapitulieren, dann wird auch in Österreich der Same aufgehen, der in den letzten Wochen im österreichischen Volk gesät worden ist. Das Volk wird sich vereinigen und die Fremdherrschaft von sich abschütteln: Österreich wird wieder frei und unabhängig werden!

 

Literatur: österreichische Nation

Thema: Faschismus

 

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