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Über Wien kreisen die deutschen
Bombengeschwader, und an den Straßenkreuzungen sind Maschinengewehre
postiert. Dem österreichischen Volk wird damit in anschaulicher Weise
der Anbruch einer neuen Zeit und der Beginn der deutschen
Schicksalsgemeinschaft demonstriert.
Man kann nicht ohne tiefe Erregung
niederschreiben, was die Volksmassen Österreichs in diesen Tagen
empfinden. Während der gleichgeschaltete Rundfunk die Nachricht vom
Einmarsch der deutschen Truppen verkündet, während der
Hakenkreuzterror durch das Land rast, befindet sich das
österreichische Volk in einem Zustand schmerzlicher Trauer und
tiefster Niedergeschlagenheit. Nach den ersten Stunden der
Überraschung durch die sich rasch abwickelnden Ereignisse beginnt sich
auf den Gesichtern der Menschen Furcht und Entsetzen widerzuspiegeln.
Es ist das Entsetzen über so viel Gemeinheit, so viel Niedertracht und
Brutalität, die sich hinter dem Schlagwort der deutschen Einheit und
dem deutschen Frieden verbargen und nun offenbar geworden sind.
Das österreichische Volk ist brutal
vergewaltigt worden. Das Dritte Reich hat das österreichische Volk
nicht gewonnen, sondern es hat ihm durch die Gewalt der Bajonette,
Kanonen und Bombenflugzeuge seine Fremdherrschaft aufgezwungen. Wäre
die Volksabstimmung durchgeführt worden, Hitler hätte eine Niederlage
erlitten.
Die Ereignisse in Österreich zeigen
nochmals vor aller Welt klar und deutlich: Der Faschismus, das ist der
Krieg. Mag Hitler seine Kriegs- und Eroberungspolitik unter welcher
Maske immer tarnen; mag er so wie in Spanien die Bekämpfung des
Bolschewismus zum Vorwand nehmen, um seinen Raubkrieg gegen ein Volk
zu führen; mag er so wie in Österreich unter der Maske eines
nationalen Befreiers einem widerstrebenden Volk gewaltsam seine
Fremdherrschaft aufzwingen – überall verfolgt er das gleich Ziel.
Das österreichische Volk hat seine
Unabhängigkeit verloren, weil es einer reaktionären Clique gelang, im
Februar 1934 die Freiheit des Volkes zu zerstören. Die Unabhängigkeit
Österreichs ging deshalb verloren, weil seine reaktionäre Bourgeoisie
sich mit dem Faschismus verbündete, in dem verbrecherischen Glauben,
man könne die Unabhängigkeit gegen Hitler im Bündnis mit Mussolini
verteidigen. So wurde Österreich zum Kleingeld in den Händen der
faschistischen Räuber.
Wer vom Faschismus isst, wer mit ihm
paktiert, muss am Faschismus zugrunde gehen. Dies ist die Lehre, die
alle Völker aus den Ereignissen Österreichs ziehen müssen. Wer
versucht, unter dem Vorwand der Verteidigung des Landes die
demokratischen Freiheitsrechte des Volkes anzutasten, wird zum
Verbündeten des Faschismus. Das ist die zweite Lehre.
Mögen alle Völker, die heute
ebenfalls vom Faschismus bedroht sind, erkennen, dass es notwendig
ist, sich rechtzeitig gegen alle Kapitulanten und gegen diejenigen in
ihrem eigenen Lande zu wenden, die auch heute noch glauben, den
Frieden durch Zugeständnisse vom Faschismus erhandeln und erkaufen zu
können. Mögen sie erkennen, dass man, um sich gegen den Faschismus
Hitlers zu wehren, seine Agenten im eigenen Lande unschädlich machen
muss.
Für das österreichische Volk ist der
Kampf um seine Unabhängigkeit nicht zu Ende. Es wird niemals eine ihm
aufgezwungene Fremdherrschaft anerkennen. So schwer sich auch in der
nächsten Zeit sein Schicksal gestalten mag, der Kampf für die Freiheit
und für die Unabhängigkeit Österreichs wird aufs Neue entbrennen.
In den entscheidenden Wochen von
Berchtesgaden bis zum 11. März hat sich in den österreichischen
Volksmassen eine Entwicklung vollzogen, die für die weitere Gestaltung
der Zukunft Österreichs nicht ohne Bedeutung sein wird. Zum erstenmal
in der Geschichte des Landes haben sich die Arbeiter mit den Bauern,
die Kommunisten und Sozialisten mit den katholischen Volksmassen
zusammengefunden. Das Volk selbst begann sich untereinander zu
verständigen, und eine breite Front zum Kampf für die Verteidigung der
Freiheit und Unabhängigkeit war im Entstehen begriffen. An der Spitze
dieser Front stand wieder die österreichische Arbeiterschaft.
Noch war diese Front nicht stark
genug, um der Übermacht der Bajonette und der Maschinengewehre
Widerstand zu leisten. Aber möge sich niemand darüber täuschen: das
österreichische Volk ist ein selbständiges Volk, es hat seine eigene
Kultur, seine eigene Geschichte und vor allem die stolze
Kampftradition seiner Arbeiterklasse. Zu den hervorragenden
Eigenschaften dieser Arbeiterklasse gehört vor allem ihr unbändiger
Drang nach Freiheit, ihr Hass gegen den Krieg, ihre Liebe zum Frieden
und ihre Treue zum Sozialismus.
Der Hitler
Faschismus wird nichts unversucht lassen, um durch Demagogie und
Terror den Freiheits- und Unabhängigkeitswillen des österreichischen
Volkes zu ersticken und zu erdrosseln. Aber er wird nun nach der
politischen Gleichschaltung auch darangehen müssen, die
wirtschaftlichen Schätze des Landes in den Dienst seiner Kriegspolitik
zu stellen. Die österreichischen Arbeiter und Bauern werden nun auch
die Segnungen des Vierjahrplanes zu spüren bekommen. Der
Hitler-Faschismus, das ist der Krieg. Zu diesem Krieg braucht Hitler
auch die Knochen der österreichischen Arbeiter und Bauern und die
Körper der österreichischen Jugend. So verbindet sich der
Befreiungskampf des österreichischen Volkes heute unlösbar mit dem
Kampf gegen den Krieg. Wenn sich die ersten Niederlagen einstellen,
wenn die Völker aufhören werden, vor den Drohungen Hitlers zu
kapitulieren, dann wird auch in Österreich der Same aufgehen, der in
den letzten Wochen im österreichischen Volk gesät worden ist. Das Volk
wird sich vereinigen und die Fremdherrschaft von sich abschütteln:
Österreich wird wieder frei und unabhängig werden!
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