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W. I. Lenin: Zum 1. Mai 1904

(Flugblatt, verfasst im April 1904; eigene Übersetzung)

 

Genossen Arbeiter!

Der 1. Mai naht, der Tag, an dem die Arbeiter aller Länder ihr Erwachen zu einem klassenbewussten Leben feiern, ihre Solidarität im Kampf gegen jede Unterdrückung des Menschen durch den Menschen, den Kampf um die Befreiung der sich plagenden Millionen von Hunger, Armut und Erniedrigung. Zwei Welten stehen einander in diesem großen Kampf gegenüber: die Welt des Kapitals und die Welt der Arbeiter, die Welt der Ausbeutung und Sklaverei und die Welt der Brüderlichkeit und Freiheit.

Auf der einen Seite steht eine Handvoll Blutsauger. Sie haben sich der Fabriken und Mühlen, der Arbeitsgeräte und Maschinen bemächtigt, sie haben Millionen Hektar von Land und Berge von Geld in ihr Privateigentum verwandelt. Sie haben die Regierung und die Armee zu ihren Dienern gemacht, zu pflichtgetreuen Wachhunden ihres Reichtums, den sie angesammelt haben.

Auf der anderen Seite stehen die Millionen der Enterbten. Sie sind gezwungen, bei den Geldsäcken um die Erlaubnis zu betteln, für sie arbeiten zu dürfen. Mit ihrer Arbeit schaffen sie allen Reichtum; dennoch müssen sie ihr Leben lang um jeden Brotrand kämpfen, um Arbeit wie für Almosen betteln, ihre Kraft und Gesundheit durch völlig erschöpfende Plackerei ruinieren und in elenden Hütten in der Dörfern oder in den Kellern und Dachstuben der großen Städte Hunger leiden.

Aber jetzt haben die gequälten und enterbten Menschen den Geldsäcken und Ausbeutern den Krieg erklärt. Die Arbeiter aller Länder kämpfen für die Befreiung von der Lohnsklaverei, von Armut und Not. Sie kämpfen für ein Gesellschaftssystem, wo der durch die gesellschaftliche Arbeit geschaffene Reichtum nicht mehr einer Handvoll reicher Menschen, sondern all jenen, die arbeiten, zugute kommt. Sie wollen Grund und Boden, die Fabriken, die Mühlen und die Maschinen zum gemeinschaftlichen Eigentum aller arbeitenden Menschen machen. Sie möchten Schluss machen mit der Trennung in reich und arm, sie möchten, dass die Früchte der Arbeit den Arbeitern selbst zukommen und dass alle Errungenschaften des menschlichen Geistes und alle Verbesserungen der Arbeitsmethoden das Los der Werktätigen erleichtern, anstatt als Mittel zu deren Unterdrückung dienen.

Der große Kampf der Arbeiter gegen das Kapital hat die Arbeiter aller Länder immense Opfer gekostet. Es hat sie einen hohen Blutzoll gekostet, für ihr Recht auf ein besseres Leben und für wahre Freiheit einzutreten. Jene, die für die Sache der Arbeiter kämpfen, sind einer beispiellosen Verfolgung durch die Regierungen ausgesetzt. Aber aller Verfolgung zum Trotz wächst die Solidarität der Arbeiter dieser Welt und gewinnt an Stärke. Immer mehr Arbeiter vereinigen sich in sozialistischen Parteien, die Unterstützer dieser Parteien sind ein Millionenheer, dass stetig voranschreitet, Schritt für Schritt, in Richtung des vollständigen Sieges über die Klasse der kapitalistischen Ausbeuter.

Auch das russische Proletariat ist zu neuem Leben erwacht. Es hat sich diesem großen Kampf angeschlossen. Vorbei sind die Tage, in denen sich unsere Arbeiter ihrem Sklavendasein fügten, ohne Aussicht auf ein Entkommen aus ihren Fesseln, ohne einen einzigen Lichtschein in ihrem bitteren Leben. Der Sozialismus zeigt ihnen den Ausweg, und tausende über tausende Kämpfer versammeln sich unter dem roten Banner wie unter einem leitenden Stern. Streiks haben den Arbeitern die Macht der Einheit und Geschlossenheit gezeigt, sie haben sie gelehrt, Widerstand zu leisten, sie haben ihnen verdeutlicht, wie gewaltig die organisierten Arbeiter dem Kapital gegenübertreten können. Die Arbeiter haben erkannt, dass es von ihrer Arbeit abhängt, dass die Kapitalisten und die Regierung leben und gedeihen. Die Arbeiter sind beseelt vom Geist des gemeinsamen Kampfes, mit dem Streben nach Freiheit und Sozialismus. Die Arbeiter haben realisiert, welch dunkle und böse Gewalt die zaristische Autokratie ist. Die Arbeiter benötigen Freiheiten für ihren Kampf, aber die zaristische Regierung bindet ihnen Hände und Füße. Die Arbeiter brauchen Versammlungsfreiheit und das Recht zur Organisierung, sie brauchen Pressefreiheit, aber die zaristische Regierung unterdrückt mit Knüppel, Kerker und Bajonett jede Bestrebung nach Freiheit. Der Ruf "Nieder mit der Autokratie!" hat ganz Russland erfasst, er wird immer öfter auf den Straßen vernommen, bei großen Massenversammlungen der Arbeiter. Letzten Sommer erhoben sich zehntausende Arbeiter im ganzen Süden Russlands, um für ein besseres Leben, für Freiheit und gegen die Polizeityrannei zu kämpfen. Die Bourgeoisie und die Regierung zitterten beim Anblick dieses gewaltigen Arbeiterheeres, das mit einem Schlag das gesamte industrielle Leben riesiger Städte zum Stillstand brachte. Duzende Kämpfer für die Sache der Arbeiter fielen im Kugelhagel der Truppen, die der Zarismus gegen den inneren Feind sandte.

Aber es gibt keine Gewalt, die diesen inneren Feind überwältigen kann, zumal die herrschenden Klassen und die Regierung nur mittels dessen Arbeit leben können. Es gibt keine Macht der Erde, die die Millionen von Arbeitern tatsächlich besiegen könnte, Arbeiter, die immer mehr an Klassenbewusstsein gewinnen, die immer mehr organisiert und geeint auftreten. Jede zwischenzeitliche Niederlage, die die Arbeiter erleiden, bringt nur neue Kämpfer in ihre Reihen, weckt breitere Massen zu neuem Leben und bereitet sie für weitere Kämpfe vor.

Und die gegenwärtigen Ereignisse in Russland lassen den Schluss zu, dass dieses Erwachen der Arbeitermassen dazu bestimmt ist, nun sogar noch schneller und weiter verbreitet zu werden, und wir müssen alle Nerven anspannen, um die Reihen des Proletariats zu einen und es für noch entscheidendere Kämpfe vorzubereiten. Der Krieg bringt sogar die rückständigsten Teile des Proletariats dazu, sich für politische Angelegenheiten und Probleme zu interessieren. Der Krieg fördert immer klarer und lebendiger die völlige Verfaultheit der autokratischen Herrschaft, die völlige Kriminalität der Polizei- und Justiz-Bande, die Russland regiert. Unser Volk leidet zu Hause unter Not und Hunger - nun wird es auch noch in einen ruinösen und sinnlosen Krieg für fremde Territorien gezwungen, die tausende Meilen entfernt sind und von fremden Völkern bewohnt werden. Unser Volk wird in politischer Sklaverei niedergehalten - nun wird es in einen Krieg zur Versklavung anderer Völker gezwungen. Unser Volk strebt nach einer Veränderung der politischen Herrschaft im eigenen Land - doch seine Aufmerksamkeit wird abgelenkt durch den Kanonendonner am anderen Ende der Welt. Aber die zaristische Regierung ist zu weit gegangen in ihrem Hasardspiel, in ihrer kriminellen Verschwendung der Güter und vor allem der Leben der jungen Männer unserer Nation, die zum Sterben an die Pazifikküste geschickt werden. Jeder Krieg ist eine Belastung des Volkes, und der schwierige Krieg gegen Japan ist eine besorgniserregende Belastung für Russland. Und diese Belastung kommt zu einem Zeitpunkt, wo die Struktur des Polizei-Despotismus bereits begonnen hat zu wanken angesichts des Gegenwindes durch das erwachende Proletariat. Der Krieg legt alle schwachen Punkte der Regierung frei, der Krieg entlarvt alle falschen Verkleidungen, der Krieg enthüllt die gesamte innere Verfaultheit; der Krieg mach die Absurdität der zaristischen Autokratie für alle offensichtlich und zeigt jedem den Todeskampf des alten Russlands, jenes Russlands, in dem die Menschen ohne Bürgerrechte, unwissend und eingeschüchtert sind, das immer noch in Knechtschaft der Polizeiregierung ist.

Das alte Russland liegt im Sterben. Ein freies Russland wird kommen, um seinen Platz einzunehmen. Die dunklen Mächte, die die zaristische Autokratie bewacht haben, werden untergehen. Aber nur das klassenbewusste und organisierte Proletariat kann ihnen den Todesstoß versetzen. Nur das klassenbewusste und organisierte Proletariat kann die wahre, nicht vorgetäuschte Freiheit für das Volk gewinnen. Nur das klassenbewusste und organisierte Proletariat kann jeden Versuch vereiteln, das Volk zu täuschen, seine Rechte einzuschränken, es zu einem bloßen Werkzeug in den Händen der Bourgeoisie zu machen.

Genossen Arbeiter! Lasst uns uns daher mit verdoppelter Energie für die entscheidende Schlacht vorbereiten, die kurz bevorsteht! Lasst uns die Reihen der sozialdemokratischen Proletarier immer enger schließen. Lasst ihr Wort immer weiter verbreiten! Lasst uns die Kampagnen für die Arbeiterinteressen immer weiter tragen! Lasst die Feier zum 1. Mai tausende neue Kämpfer für unsere Sache gewinnen und unsere Kräfte ansteigen für den großen Kampf für die Freiheit des gesamten Volkes, für die Befreiung aller Menschen, die unter dem Joch des Kapitals leiden!

Lang lebe der Achtstundentag!

Lang lebe die internationale revolutionäre Sozialdemokratie!

Nieder mit der verbrecherischen und räuberischen zaristischen Autokratie!

 

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