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Johann Koplenig:

Rückblick und Ausblick - 1. Mai 1924

(eingefügte Seitenzahlen verweisen auf: Koplenig, Reden und Aufsätze 1924-1950, Wien 1951, S. 3-5)

 

|3| In engster Kampfgemeinschaft mit dem Proletariat der Welt wird heute die klassenbewusste Arbeiterschaft Österreichs gegen kapitalistische Ausbeutung und Unterdrückung demonstrieren. Angesichts der unvermeidlichen bevorstehenden Kämpfe ist unsere Hauptaufgabe am Tag des 1. Mai, die Vergangenheit zu prüfen, aus ihr die Lehren zu ziehen.

Das österreichische Proletariat hat eine Periode kapitalistischer „Sanierung“ hinter sich, aus welcher es reichlich Erfahrung schöpfen kann. Teuerung, Lohnraub, Arbeitslosigkeit, Preisgabe von bisher Errungenem, totale Unternehmerwillkür, dies sind für jeden Arbeiter und jede Arbeiterin im täglichen Leben die sichtbar zutage tretenden Ergebnisse dieser Periode. Die fortschreitende Kolonialisierung Österreichs und die Unterjochung unter die Fremdherrschaft des internationalen Kapitals fordern täglich neue Opfer, laden den Fluch tausender proletarischer Existenzen auf sich, die im Kampf um das tägliche Brot erliegen.

Das Genfer Sanierungswerk, von vielen als Erlösung begrüßt, drückt immer schwerer auf die arbeitenden Massen und wird immer unerträglicher für sie. Trotz scheinbarer Stabilisierung der Krone ist durch die Tatsache eines direkt und indirekt vollzogenen Lohnabbaus die Kaufkraft der breiten Schichten des arbeitenden Volkes gesunken. Die unmittelbaren Folgen davon sind: Stockung des Wirtschaftslebens, Verschärfung der Industriekrise, weiteres Steigen der Arbeitslosigkeit, fortschreitende Verelendung des Proletariats und der kleinbürgerlichen Schichten. Saniert wurde nicht der Staat, nicht die |4| Volkswirtschaft, sondern die Bourgeoisie, die die Möglichkeit hat, alle Kosten der Sanierung auf die Schultern der Arbeiterklasse abzuwälzen.

Je näher das Genfer Werk seinem Ziele, der vollständigen Kolonialisierung Österreichs, entgegengeht, desto stärker muss naturnotwendigerweise der Druck auf die Massen zum Ausdruck kommen. Der Lohndruck und die Aussperrungen der letzten Zeit und insbesondere die in den letzten Monaten erfolgten konzentrierten Vorstöße der Unternehmer im Bergbau verfolgen die offenkundige Tendenz einer allgemeinen Offensive auf die Kollektivverträge und bedeuten in der Weiterverfolgung dieser Linie die Einleitung eines allgemeinen Angriffs der Unternehmer zur Beseitigung des Achtstundentages.

Die kapitalistische Offensive auf wirtschaftlichem Gebiet findet ihre Ergänzung in der fortschreitenden Reaktion auf politischem Gebiet. Die von der Regierung getroffenen Maßnahmen zur Entpolitisierung der Wehrmacht, die den Zweck verfolgen, die Proletarier im Waffenrock ihrer Klasse zu entfremden, die fast täglichen Erscheinungen der bürgerlichen Klassenjustiz, das Anwachsen der bürgerlichen Reaktion, das besonders in den Alpenländern sichtlich zum Ausdruck kommt, sind die natürlichen Folgen der durch das Genfer Abkommen für Österreich vorgezeichneten Politik. Es soll nicht nur das österreichische Proletariat wirtschaftliche auf das Niveau des Kulis herabgedrückt, sondern es soll vor allem politisch entrechtet und als willenloses Werkzeug im Dienste der internationalen Reaktion missbraucht werden. Klar und deutlich liegt heute für die österreichische Arbeiterklasse die Entscheidung zutage:

Entweder vollständige Versklavung und Unterjochung im Dienste des internationalen Kapitals oder revolutionärer Klassenkampf zur Sprengung der ihm durch das Genfer Abkommen auferlegten Sklavenketten.

Die Sozialdemokratie hat im Laufe eines Jahres bewiesen, dass sie keinen ernstlichen Kampf gegen das Zustandekommen des Genfer Vertrages geführt hatte und durch ihre vollständige Passivität auch alle Maßnahmen zu dessen Durchführung unterstützte. In allen wirtschaftlichen Kämpfen der Arbeiter, welche |5| tatsächlich eine ernstliche Gefährdung des Sanierungswerkes darstellten, in den Kämpfen der Eisenbahner, der Postler und Bergarbeiter, haben die sozialdemokratischen und Gewerkschaftsführer die Kampffront der Arbeiter zerschlagen und dadurch die Auswirkung dieser Kämpfe auf Staat und Regierung verhindert.

Die Folgen dieser Politik zeigen sich darin, dass einerseits viele Arbeiter angeekelt und entmutigt aus den Gewerkschaften austreten und dem Indifferentismus anheim fallen und andererseits in einem Zersetzungsprozess innerhalb der Sozialdemokratischen Partei. Die Sozialdemokratie sucht neue Wege, um diesen Prozess aufzuhalten. Die von ihre erhobene Forderung nach Alters- und Invaliditätsversicherung soll in der österreichischen Arbeiterschaft neue Illusionen erwecken und ihr einziges Bestreben, die Erreichung der Mehrheit bei kommenden Wahlen, den Massen verständlich machen.

Die Einheitsfront des Proletariats ist die Voraussetzung für den Erfolg seiner kommenden Kämpfe. Sie ist eine unbedingte Notwendigkeit, von der jeder Arbeiter täglich aufs neues überzeugt werden muss. In den wichtigsten Industriegebieten stehen in nächster Zeit Neuwahlen der Betriebsräte bevor. Hier gilt es den Hebel anzusetzen.

Durch die Wahl revolutionärer Betriebsräte muss sich das Proletariat Organe der proletarischen Einheitsfront schaffen, welche die Führung seiner Kämpfe gegen Unternehmerwillkür und Lohnraub und für die Erhaltung seiner bisherigen Errungenschaften übernehmen. Die Einberufung eines Reichsbetriebsrätekongresses, mit oder ohne Unterstützung der Gewerkschaftsführer, wird die nächste Etappe auf dem Wege zur Einheitsfront sein.

 

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