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Gabriel García Márquez:

Der wahre Tod eines Präsidenten

García Márquez, aus Kolumbien stammender Nobelpreisträger für Literatur 1982, über den Putsch in Chile 1973

 

 

Noch in der Stunde der letzten Schlacht, das Land in der Gewalt der entfesselten Umsturzkräfte, klammerte sich Salvador Allende hartnäckig an die Legalität.

Der dramatischste Widerspruch seines Lebens war es, gleichzeitig geborener Feind der Gewalt und leidenschaftlicher Revolutionär zu sein und er glaubte ihn mit der Hypothese gelöst zu haben, dass die Bedingungen in Chile eine friedliche Revolution hin zum Sozialismus ermöglichten, innerhalb der bürgerlichen Gesetzmäßigkeiten.

Die Erfahrung zeigte ihm zu spät, dass man ein System nicht durch die Regierung ändern kann, sondern durch die Macht.

Diese späte Erkenntnis war wohl Quelle der Kraft, die ihn bis zum Tod in den brennenden Trümmern eines Hauses widerstehen ließ, das nicht einmal seines war; ein düsteres Gebäude, das ein italienischer Architekt für eine Münzfabrik konstruiert hatte und das sich in die Zuflucht eines Präsidenten ohne Macht verwandelt hatte.

Sechs Stunden hielt er mit einer Maschinenpistole aus, die ihm Fidel Castro geschenkt hatte und die die erste Waffe war, mit der Salvador Allende jemals geschossen hatte.

Der Journalist Augusto Olivares, der an seiner Seite bis zum Ende durchhielt, wurde mehrfach verwundet und verblutete auf der Unfallstation.

Etwa um vier Uhr nachmittags gelang es dem Divisionsgeneral Javier Palacios in den zweiten Stock zu gelangen, mit seinem Adjutanten Gallardo und einer Gruppe von Offizieren. Dort, zwischen dem falschen Armsessel Ludwigs XV. und den chinesischen Drachenvasen und den Rugendas-Bildern aus dem Roten Salon, wartete Salvador Allende auf sie. Auf dem Kopf ein Bergarbeiterhelm und in Hemdsärmeln, ohne Krawatte und mit blutbeschmutzter Kleidung. Die Maschinenpistole hatte er in der Hand.

Allende kannte den General Palacios. Wenige Tage vorher hatte er Augusto Olivares gesagt, dass jener ein gefährlicher Mann sei, der enge Kontakte zur Botschaft der Vereinigten Staaten unterhielt. Sowie er ihn auf der Treppe sah, schrie er ihm "Verräter" zu und schoss ihm in die Hand.

Allende starb in einem Schusswechsel mit dieser Patrouille. Später schossen alle Offiziere auf den Körper, ein Ritus eines Kastenheeres. Zuletzt zerstörte ihm ein Offizier mit dem Gewehrkolben das Gesicht. Das Foto existiert: der Fotograf Juan Enrique Lira von der Zeitung "El Mercurio" hat es gemacht, der einzige, dem man erlaubte, die Leiche abzubilden. Sie war derart entstellt, dass man seiner Frau, Hortensia Allende, den Körper im Sarg zeigte, aber nicht das Gesicht.

Im Monat Juli war er vierundsechzig geworden, und er war ein perfekter Löwe: hartnäckig, entschieden und unvorhersehbar. "Was Allende denkt, weiß nur Allende", hatte mir einer seiner Minister gesagt. Er liebte das Leben, er liebte die Blumen und die Hunde, und er war von einer etwas althergebrachten Zuvorkommenheit, mit parfümierten Liebesbriefchen und heimlichen Treffen.

Seine größte Tugend war die Konsequenz, aber das Schicksal teilte ihm die komische und tragische Würde zu bei der bewaffneten Verteidigung des anachronistischen Unfugs des bürgerlichen Rechts zu sterben; bei der Verteidigung eines Obersten Gerichtshofes, der ihn zurückgewiesen hatte und seine Mörder rechtfertigen würde; bei der Verteidigung eines elenden Kongresses, der ihn für illegitim erklärt hatte, aber vergnügt dem Willen der Thronräuber zu unterliegen hatte; bei der Verteidigung des Willens der Oppositionsparteien, die ihre Seele dem Faschismus verkauft hatten; und bei der Verteidigung der ganzen wurmstichigen Aufbauten eines Scheißsystems, das er sich zu vernichten vorgenommen hatte ohne einen Schuss abzugeben.

Das Drama geschah in Chile, zum Unglück der Chileninnen und Chilenen, aber in die Geschichte muss es eingehen als etwas, das unausweichlich uns allen jener Zeit geschehen ist, das in unser Leben für immer eingegangen ist.

 

 

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