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Gabriel García Márquez:

Interview mit Subcomandante Marcos

García Márquez, aus Kolumbien stammender Nobelpreisträger für Literatur 1982, sprach mit dem EZLN-Führer in Mexiko

 

 

Gabriel Garcia Márquez: Für uns Kolumbianer, die wir unsere Guerilla reden hören, klingen Ihre Diskurse nicht militärisch. Wie militärisch sind Sie und Ihre Bewegung, und wie würden Sie den Krieg beschreiben, den Sie geführt haben?

Marcos:, Wir sind ein Heer. Die Struktur ist militärisch. Der "Subcomandante" Marcos ist der militärische Führer eines Heeres. Aber unser Heer ist ein ganz besonderes Heer, weil es plant, nicht länger Heer zu sein. Der Militär ist eine absurde Figur, die zu den Waffen greifen muss, um den anderen davon zu überzeugen, dass er Recht hat. In diesem Sinn hätte die Bewegung keine Zukunft, wenn sie militärisch vorgehen wollte. Wenn das zapatistische Heer als bewaffnet-militärische Struktur weitermacht, wird es als ideologische Alternative und als Weltanschauung scheitern. Und das Schlimmste wäre, wenn es an die Macht käme und sich als revolutionäres Heer installieren würde. Das hieße für uns, gescheitert zu sein.

Márquez: Sie scheinen sich, was die Einschätzung der einzelnen gesellschaftlichen Gruppen betrifft, klar von der traditionellen lateinamerikanischen Linken zu unterscheiden.

Marcos: Was ich bei der revolutionären Linken in Lateinamerika vermisse, ist die Einbeziehung der indianischen Völker, zu denen wir Zapatisten ja gehören, und der Minderheiten. Wobei wir Indiovölker ja keineswegs eine so kleine Minderheit sind wie etwa die Homosexuellen, Lesbierinnen oder Transsexuellen. In marxistisch-leninistischen Organisationen hat man lange Zeit solche angeblichen Randgruppen ausgeklammert: die Homosexuellen, weil man sie für feige und für Verräter hielt, jedenfalls für den Aufbau eines sozialistischen Staates nicht geeignet. Und die indianische Bevölkerung gilt als unterentwickelt und als Störfaktor für die Produktion ... bla, bla, bla. Im Gegensatz zu anderen Guerillaorganisationen behaupten wir nicht, die Mehrheit der Bevölkerung zu repräsentieren. Jede Avantgarde glaubt, dass sie im Namen der Mehrheit spricht. Wir sprechen im Namen einer Minderheit, nicht einmal für das gesamte arme und ausgebeutete Volk. .

Márquez: Sie und die Zapatisten genießen mehr Achtung denn je. Die über siebzig Jahre lang Mexiko regierende Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI) hat die Wahlen verloren, dem Kongress liegt ein Gesetzesentwurf für ein Indio-Statut vor, und Sie können mit den von Ihnen vorgeschlagenen Verhandlungen beginnen. Wie sehen Sie die Lage?

Marcos: Wie einen Kampf zwischen der Stechuhr des Präsidenten Fox und der Sanduhr, die wir haben. Der Streit geht darum, ob wir uns der Stechuhr anpassen oder Präsident Fox sich der Sanduhr anpasst. Weder das eine noch das andere geht. Er und wir müssen begreifen, dass wir an einer gemeinsamen Uhr arbeiten müssen, einer Uhr, die den Rhythmus für den Dialog und schließlich den Frieden anzeigen wird. Wir stehen hier im Machtzentrum Mexiko-Stadt auf ihrem Grund und Boden, dort, wo die politische Klasse ihre Wurzeln hat. Unsere Organisation ist dagegen absolut untauglich, um Politik zu machen, zumindest jene Art Politik. Wir sind ungeschickt, unsicher, aber guten Willens. Auf der anderen Seite stehen die, die sich in all dem bestens auskennen. Einmal mehr handelt es sich um den Kampf, ob die politische Zukunft von der politischen Klasse diktiert wird oder sich aus den Ideen gestaltet, die wir mitbringen. Und wieder denke ich, weder das eine noch das andere wird siegen. Als wir Krieg führten, mussten wir die Regierung herausfordern. Jetzt, um den Frieden aufzubauen, müssen wir nicht nur die Regierung, sondern den gesamten mexikanischen Staat herausfordern. Es gibt nicht einmal einen Verhandlungstisch, an den wir uns mit der Regierung setzen können. Den müssen wir erst zimmern. Unsere Aufgabe ist es, die Regierung zu überzeugen, dass wir diesen Tisch bauen, dass die Regierung sich mit uns daran setzen muss und gewinnen wird. Wenn sie nicht verhandelt, verliert sie.

Márquez: Will der Dialog, den Sie vorschlagen, neue Formen der Mitbestimmung einführen, oder stehen Sie hinter Entscheidungen, welche die Regierung trifft und die auch Sie für notwendig erachten?

Marcos: Der Dialog bedeutet nur das Absprechen der Regeln, damit der Kampf zwischen ihnen und uns in anderen Bahnen verläuft. Was auf dem Verhandlungstisch liegen wird, ist nicht das wirtschaftliche Modell, sondern die Frage, wie wir darüber diskutieren. Das muss Vicente Fox begreifen. Wir werden am Tisch nicht "Foxisten" werden. An diesem Tisch muss erreicht werden, dass die Leute mit den gestrickten Gesichtsmasken würdevoll den Saal verlassen können und niemand zu militärischem Gebaren zurückkehren muss. Das ist nicht einfach. Der Krieg war einfacher. Aber im Krieg ist vieles nicht wieder gutzumachen. In der Politik kann man immer einlenken.

Márquez: Ihre Aufmachung ist ungewöhnlich: ein um den Hals gewickeltes zerschlissenes Tuch und eine alte, zerfetzte Mütze. Gleichzeitig haben Sie eine Taschenlampe dabei, die Sie hier nicht brauchen, ein hochmodernes Funksprechgerät und eine Uhr an jedem Handgelenk. Sind das Symbole? Was bedeutet der Aufzug?

Marcos: Das Walkie-Talkie verbindet mich mit Sicherheitsleuten und unseren Leuten im Wald, damit sie uns mitteilen können, wenn es ein Problem gibt. Wir haben viele Morddrohungen erhalten. Das Halstuch war rot und neu, als wir vor sieben Jahren San Cristobal de las Casas eingenommen haben. Die Mütze trug ich, als ich vor 18 Jahren in den Wald von Lacandona kam. Auch die eine Uhr trug ich, als ich in den Wald kam, und die andere habe ich seit dem Waffenstillstand. Wenn die Zeiger beider Uhren dieselbe Stunde anzeigen, bedeutet das das Ende der zapatistischen Bewegung als bewaffnetes Heer. Dann beginnt eine andere Etappe, eine andere Zeitrechnung.

Márquez: Kommen Sie noch zum Lesen?

Marcos: Ja, denn wenn nicht lesen, was sollen wir machen? Beim Heer nutzen die Militärs die Zeit, um ihre Waffen zu putzen und die Munition zu erneuern. In unserem Fall, wo die Waffen Worte sind, müssen wir unser Arsenal ständig mit Literatur auffrischen.

Márquez: Alles, was Sie sagen, die Form, wie Sie es sagen, und der Inhalt zeigen eine ernsthafte und weit zurückreichende literarische Bildung. Wie kam es dazu?

Marcos: Das hängt mit unserer Kindheit zusammen. In unserer Familie kam dem Wort eine ganz besondere Rolle zu. Wir sahen die Welt durch die Sprache. Wir haben nicht in der Schule lesen gelernt, sondern durch Zeitungen. Mein Vater und meine Mutter brachten uns dazu, Bücher zu lesen, die uns erlaubten, andere Dinge zu begreifen. Dann kam die Zeit der Katakomben, und gegen die bürgerlichen Intellektuellen kamen wir mit Wörtern nicht an. Das Wort rückte an zweite Stelle. Erst bei den indianischen Gemeinschaften kam das Wort zum Durchbruch. Du merkst, dass dir die Wörter fehlen für vieles, was du ausdrücken möchtest, und das zwingt dich, an der Sprache zu arbeiten. Ein ums andere Mal kommt man auf Wörter zurück, die wie Waffen auseinander genommen und zusammengesetzt werden.

Márquez: Können wir über Ihre Familie sprechen ?

Marcos: Es war eine Familie der Mittelschicht. Der Vater, das Familienoberhaupt, war Lehrer an einer Dorfschule zur Zeit des Präsidenten Cardenas, als, wie er sagte, den Lehrern die Ohren abgeschnitten wurden, weil sie als Kommunisten galten. Meine Mutter, ebenfalls Dorfschullehrerin, wechselte schließlich den Ort, und wir stiegen in die Mittelschicht auf. Wir waren eine Familie ohne größere finanzielle Schwierigkeiten. All das in der Provinz, wo der kulturelle Horizont sich in den Gesellschaftsnachrichten der Zeitungen erschöpft. Die große weite Welt war für uns Mexiko-City mit seinen Buchläden. Ab und zu gab es Buchmessen in der Provinz, dort konnten wir uns umsehen. Die Bücher von Garciá Márquez, Fuentes, Monsiváis, Vargas Llosa (unabhängig von seinen politischen Ideen) brachten uns unsere Eltern nahe. "Hundert Jahre Einsamkeit" von Gabriel Garcia Márquez erklärte uns, wie die Provinz damals war, "Nichts als das Leben" von Carlos Fuentes, was mit der Revolution geschah. "Días de guardar", der Essayband von Carlos Monsiváis, handelte von der mexikanischen Mittelschicht. Mario Vargas Llosas "Die Stadt und die Hunde" war gewissermaßen unser Porträt, ganz ungeschminkt. All diese Dinge waren da. Wir traten in die Welt hinaus, so wie wir auf die Literatur zugingen. Das hat uns geprägt. Wir lernten die Welt nicht durch die Nachrichten kennen, sondern durch einen Roman, einen Essay oder ein Gedicht. Das unterschied uns von den anderen. Es war eine Art Filter, den unsere Eltern uns mitgaben, so wie andere den Filter der Medien benutzen oder Rauchglas, um zu verschleiern, was geschieht.

Márquez: Wo steht inmitten all dieser Lektüre der "Don Quijote"?

Marcos: Als ich zwölf wurde, bekam ich ein wunderschönes gebundenes Buch geschenkt. Das war "Don Quijote de la Mancha". Ich hatte es schon gelesen, aber nur in der Version als Jugendbuch. Es war ein teures Buch, ein ganz besonderes Geschenk. Danach kam Shakespeare. Aber die richtige Reihenfolge wäre: zuerst die großen zeitgenössischen lateinamerikanischen Erzähler, dann Cervantes, dann García Lorca und mit ihm eine Zeit der Lyrik-Lektüre. Sie sind also an allem mitschuldig (deutet lachend auf García Márquez).

Márquez: Die Existenzialisten und Sartre haben Sie auch beeinflusst?

Marcos: Nein, dafür war es zu spät. Für die existenzialistische und revolutionäre Literatur waren wir, wie die Orthodoxen sagen würden, verdorben. Die Literatur mit ihrem Sarkasmus und Humor hatte uns für Marx und Engels untauglich gemacht.

Márquez: Politische Theorie haben Sie damals nicht gelesen?

Marcos: Nicht in der ersten Phase. Vom ABC kamen wir direkt zur Literatur und von da zu den theoretischen und politischen Texten, bis wir uns auf die Universität vorbereiteten.

Márquez: Haben Ihre Kollegen Sie für einen Kommunisten gehalten?

Marcos: Nein, ich glaube nicht. Das, was dem am nächsten kommt und was sie mir sagten, war, dass ich ein Radieschen wäre: außen rot und innen weiß.

Márquez: Was lesen Sie gerade?

Marcos: "Don Quijote" liegt neben dem Kopfkissen, und oft lese ich in den "Zigeunerromanzen" von García Lorca. "Don Quijote" ist das beste Buch politischer Theorie, danach kommen "Hamlet" und "Macbeth". Es gibt keine bessere Form, um das politische System Mexikos in seiner Tragik und Komik zu begreifen.

Márquez: Schreiben Sie mit der Hand oder auf dem Computer?

Marcos: Mit dem Computer. Während des Marsches habe ich viel mit der Hand geschrieben. Ein Entwurf, und noch einer. Erst der siebte war dann in Ordnung.

Márquez: Was für ein Buch schreiben Sie?

Marcos: Ich bin dabei, eine Un-Gereimtheit zu schreiben, einen Versuch, uns aus uns selbst zu erklären, was fast unmöglich ist. Wir müssen erzählen, wie paradox wir sind. Weshalb ein Revolutionsheer nicht die Macht ergreifen will, warum ein Heer nicht kämpft, wenn das doch seine Aufgabe ist. All die Widersprüche, die wir überwunden haben: Wir sind gewachsen und stark geworden als ein Bereich fernab der aktuellen kulturellen Moden.

Márquez: Wenn jeder weiß, wer Sie sind, wozu dann die gestrickte Gesichtsmaske?

Marcos: Aus Koketterie. Sie wissen nicht, wer ich bin, außerdem interessiert es niemanden. Es geht darum, was der Subcomandante Marcos ist, nicht, wer er war.

 

 

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