Gabriel
Garcia Márquez: Für uns Kolumbianer, die wir unsere
Guerilla reden hören, klingen Ihre Diskurse nicht militärisch.
Wie militärisch sind Sie und Ihre Bewegung, und wie würden Sie
den Krieg beschreiben, den Sie geführt haben?
Marcos:,
Wir sind ein Heer. Die Struktur ist militärisch. Der "Subcomandante"
Marcos ist der militärische Führer eines Heeres. Aber unser
Heer ist ein ganz besonderes Heer, weil es plant, nicht länger
Heer zu sein. Der Militär ist eine absurde Figur, die zu den
Waffen greifen muss, um den anderen davon zu überzeugen, dass
er Recht hat. In diesem Sinn hätte die Bewegung keine Zukunft,
wenn sie militärisch vorgehen wollte. Wenn das zapatistische
Heer als bewaffnet-militärische Struktur weitermacht, wird es
als ideologische Alternative und als Weltanschauung scheitern.
Und das Schlimmste wäre, wenn es an die Macht käme und sich
als revolutionäres Heer installieren würde. Das hieße für uns,
gescheitert zu sein.
Márquez:
Sie scheinen sich, was die Einschätzung der einzelnen
gesellschaftlichen Gruppen betrifft, klar von der
traditionellen lateinamerikanischen Linken zu unterscheiden.
Marcos:
Was ich bei der revolutionären Linken in Lateinamerika
vermisse, ist die Einbeziehung der indianischen Völker, zu
denen wir Zapatisten ja gehören, und der Minderheiten. Wobei
wir Indiovölker ja keineswegs eine so kleine Minderheit sind
wie etwa die Homosexuellen, Lesbierinnen oder Transsexuellen.
In marxistisch-leninistischen Organisationen hat man lange
Zeit solche angeblichen Randgruppen ausgeklammert: die
Homosexuellen, weil man sie für feige und für Verräter hielt,
jedenfalls für den Aufbau eines sozialistischen Staates nicht
geeignet. Und die indianische Bevölkerung gilt als
unterentwickelt und als Störfaktor für die Produktion ... bla,
bla, bla. Im Gegensatz zu anderen Guerillaorganisationen
behaupten wir nicht, die Mehrheit der Bevölkerung zu
repräsentieren. Jede Avantgarde glaubt, dass sie im Namen der
Mehrheit spricht. Wir sprechen im Namen einer Minderheit,
nicht einmal für das gesamte arme und ausgebeutete Volk. .
Márquez:
Sie und die Zapatisten genießen mehr Achtung denn je. Die über
siebzig Jahre lang Mexiko regierende Partei der
Institutionalisierten Revolution (PRI) hat die Wahlen
verloren, dem Kongress liegt ein Gesetzesentwurf für ein
Indio-Statut vor, und Sie können mit den von Ihnen
vorgeschlagenen Verhandlungen beginnen. Wie sehen Sie die
Lage?
Marcos:
Wie einen Kampf zwischen der Stechuhr des Präsidenten Fox und
der Sanduhr, die wir haben. Der Streit geht darum, ob wir uns
der Stechuhr anpassen oder Präsident Fox sich der Sanduhr
anpasst. Weder das eine noch das andere geht. Er und wir
müssen begreifen, dass wir an einer gemeinsamen Uhr arbeiten
müssen, einer Uhr, die den Rhythmus für den Dialog und
schließlich den Frieden anzeigen wird. Wir stehen hier im
Machtzentrum Mexiko-Stadt auf ihrem Grund und Boden, dort, wo
die politische Klasse ihre Wurzeln hat. Unsere Organisation
ist dagegen absolut untauglich, um Politik zu machen,
zumindest jene Art Politik. Wir sind ungeschickt, unsicher,
aber guten Willens. Auf der anderen Seite stehen die, die sich
in all dem bestens auskennen. Einmal mehr handelt es sich um
den Kampf, ob die politische Zukunft von der politischen
Klasse diktiert wird oder sich aus den Ideen gestaltet, die
wir mitbringen. Und wieder denke ich, weder das eine noch das
andere wird siegen. Als wir Krieg führten, mussten wir die
Regierung herausfordern. Jetzt, um den Frieden aufzubauen,
müssen wir nicht nur die Regierung, sondern den gesamten
mexikanischen Staat herausfordern. Es gibt nicht einmal einen
Verhandlungstisch, an den wir uns mit der Regierung setzen
können. Den müssen wir erst zimmern. Unsere Aufgabe ist es,
die Regierung zu überzeugen, dass wir diesen Tisch bauen, dass
die Regierung sich mit uns daran setzen muss und gewinnen
wird. Wenn sie nicht verhandelt, verliert sie.
Márquez:
Will der Dialog, den Sie vorschlagen, neue Formen der
Mitbestimmung einführen, oder stehen Sie hinter
Entscheidungen, welche die Regierung trifft und die auch Sie
für notwendig erachten?
Marcos:
Der Dialog bedeutet nur das Absprechen der Regeln, damit der
Kampf zwischen ihnen und uns in anderen Bahnen verläuft. Was
auf dem Verhandlungstisch liegen wird, ist nicht das
wirtschaftliche Modell, sondern die Frage, wie wir darüber
diskutieren. Das muss Vicente Fox begreifen. Wir werden am
Tisch nicht "Foxisten" werden. An diesem Tisch muss erreicht
werden, dass die Leute mit den gestrickten Gesichtsmasken
würdevoll den Saal verlassen können und niemand zu
militärischem Gebaren zurückkehren muss. Das ist nicht
einfach. Der Krieg war einfacher. Aber im Krieg ist vieles
nicht wieder gutzumachen. In der Politik kann man immer
einlenken.
Márquez:
Ihre Aufmachung ist ungewöhnlich: ein um den Hals gewickeltes
zerschlissenes Tuch und eine alte, zerfetzte Mütze.
Gleichzeitig haben Sie eine Taschenlampe dabei, die Sie hier
nicht brauchen, ein hochmodernes Funksprechgerät und eine Uhr
an jedem Handgelenk. Sind das Symbole? Was bedeutet der
Aufzug?
Marcos:
Das Walkie-Talkie verbindet mich mit Sicherheitsleuten und
unseren Leuten im Wald, damit sie uns mitteilen können, wenn
es ein Problem gibt. Wir haben viele Morddrohungen erhalten.
Das Halstuch war rot und neu, als wir vor sieben Jahren San
Cristobal de las Casas eingenommen haben. Die Mütze trug ich,
als ich vor 18 Jahren in den Wald von Lacandona kam. Auch die
eine Uhr trug ich, als ich in den Wald kam, und die andere
habe ich seit dem Waffenstillstand. Wenn die Zeiger beider
Uhren dieselbe Stunde anzeigen, bedeutet das das Ende der
zapatistischen Bewegung als bewaffnetes Heer. Dann beginnt
eine andere Etappe, eine andere Zeitrechnung.
Márquez:
Kommen Sie noch zum Lesen?
Marcos:
Ja, denn wenn nicht lesen, was sollen wir machen? Beim Heer
nutzen die Militärs die Zeit, um ihre Waffen zu putzen und die
Munition zu erneuern. In unserem Fall, wo die Waffen Worte
sind, müssen wir unser Arsenal ständig mit Literatur
auffrischen.
Márquez:
Alles, was Sie sagen, die Form, wie Sie es sagen, und der
Inhalt zeigen eine ernsthafte und weit zurückreichende
literarische Bildung. Wie kam es dazu?
Marcos:
Das hängt mit unserer Kindheit zusammen. In unserer Familie
kam dem Wort eine ganz besondere Rolle zu. Wir sahen die Welt
durch die Sprache. Wir haben nicht in der Schule lesen
gelernt, sondern durch Zeitungen. Mein Vater und meine Mutter
brachten uns dazu, Bücher zu lesen, die uns erlaubten, andere
Dinge zu begreifen. Dann kam die Zeit der Katakomben, und
gegen die bürgerlichen Intellektuellen kamen wir mit Wörtern
nicht an. Das Wort rückte an zweite Stelle. Erst bei den
indianischen Gemeinschaften kam das Wort zum Durchbruch. Du
merkst, dass dir die Wörter fehlen für vieles, was du
ausdrücken möchtest, und das zwingt dich, an der Sprache zu
arbeiten. Ein ums andere Mal kommt man auf Wörter zurück, die
wie Waffen auseinander genommen und zusammengesetzt werden.
Márquez:
Können wir über Ihre Familie sprechen ?
Marcos:
Es war eine Familie der Mittelschicht. Der Vater, das
Familienoberhaupt, war Lehrer an einer Dorfschule zur Zeit des
Präsidenten Cardenas, als, wie er sagte, den Lehrern die Ohren
abgeschnitten wurden, weil sie als Kommunisten galten. Meine
Mutter, ebenfalls Dorfschullehrerin, wechselte schließlich den
Ort, und wir stiegen in die Mittelschicht auf. Wir waren eine
Familie ohne größere finanzielle Schwierigkeiten. All das in
der Provinz, wo der kulturelle Horizont sich in den
Gesellschaftsnachrichten der Zeitungen erschöpft. Die große
weite Welt war für uns Mexiko-City mit seinen Buchläden. Ab
und zu gab es Buchmessen in der Provinz, dort konnten wir uns
umsehen. Die Bücher von Garciá Márquez, Fuentes, Monsiváis,
Vargas Llosa (unabhängig von seinen politischen Ideen)
brachten uns unsere Eltern nahe. "Hundert Jahre Einsamkeit"
von Gabriel Garcia Márquez erklärte uns, wie die Provinz
damals war, "Nichts als das Leben" von Carlos Fuentes, was mit
der Revolution geschah. "Días de guardar", der Essayband von
Carlos Monsiváis, handelte von der mexikanischen
Mittelschicht. Mario Vargas Llosas "Die Stadt und die Hunde"
war gewissermaßen unser Porträt, ganz ungeschminkt. All diese
Dinge waren da. Wir traten in die Welt hinaus, so wie wir auf
die Literatur zugingen. Das hat uns geprägt. Wir lernten die
Welt nicht durch die Nachrichten kennen, sondern durch einen
Roman, einen Essay oder ein Gedicht. Das unterschied uns von
den anderen. Es war eine Art Filter, den unsere Eltern uns
mitgaben, so wie andere den Filter der Medien benutzen oder
Rauchglas, um zu verschleiern, was geschieht.
Márquez:
Wo steht inmitten all dieser Lektüre der "Don Quijote"?
Marcos:
Als ich zwölf wurde, bekam ich ein wunderschönes gebundenes
Buch geschenkt. Das war "Don Quijote de la Mancha". Ich hatte
es schon gelesen, aber nur in der Version als Jugendbuch. Es
war ein teures Buch, ein ganz besonderes Geschenk. Danach kam
Shakespeare. Aber die richtige Reihenfolge wäre: zuerst die
großen zeitgenössischen lateinamerikanischen Erzähler, dann
Cervantes, dann García Lorca und mit ihm eine Zeit der
Lyrik-Lektüre. Sie sind also an allem mitschuldig (deutet
lachend auf García Márquez).
Márquez:
Die Existenzialisten und Sartre haben Sie auch beeinflusst?
Marcos:
Nein, dafür war es zu spät. Für die existenzialistische und
revolutionäre Literatur waren wir, wie die Orthodoxen sagen
würden, verdorben. Die Literatur mit ihrem Sarkasmus und Humor
hatte uns für Marx und Engels untauglich gemacht.
Márquez:
Politische Theorie haben Sie damals nicht gelesen?
Marcos:
Nicht in der ersten Phase. Vom ABC kamen wir direkt zur
Literatur und von da zu den theoretischen und politischen
Texten, bis wir uns auf die Universität vorbereiteten.
Márquez:
Haben Ihre Kollegen Sie für einen Kommunisten gehalten?
Marcos:
Nein, ich glaube nicht. Das, was dem am nächsten kommt und was
sie mir sagten, war, dass ich ein Radieschen wäre: außen rot
und innen weiß.
Márquez:
Was lesen Sie gerade?
Marcos:
"Don Quijote" liegt neben dem Kopfkissen, und oft lese ich in
den "Zigeunerromanzen" von García Lorca. "Don Quijote" ist das
beste Buch politischer Theorie, danach kommen "Hamlet" und
"Macbeth". Es gibt keine bessere Form, um das politische
System Mexikos in seiner Tragik und Komik zu begreifen.
Márquez:
Schreiben Sie mit der Hand oder auf dem Computer?
Marcos:
Mit dem Computer. Während des Marsches habe ich viel mit der
Hand geschrieben. Ein Entwurf, und noch einer. Erst der siebte
war dann in Ordnung.
Márquez:
Was für ein Buch schreiben Sie?
Marcos:
Ich bin dabei, eine Un-Gereimtheit zu schreiben, einen
Versuch, uns aus uns selbst zu erklären, was fast unmöglich
ist. Wir müssen erzählen, wie paradox wir sind. Weshalb ein
Revolutionsheer nicht die Macht ergreifen will, warum ein Heer
nicht kämpft, wenn das doch seine Aufgabe ist. All die
Widersprüche, die wir überwunden haben: Wir sind gewachsen und
stark geworden als ein Bereich fernab der aktuellen
kulturellen Moden.
Márquez:
Wenn jeder weiß, wer Sie sind, wozu dann die gestrickte
Gesichtsmaske?
Marcos:
Aus Koketterie. Sie wissen nicht, wer ich bin, außerdem
interessiert es niemanden. Es geht darum, was der
Subcomandante Marcos ist, nicht, wer er war.