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1.
Marxistische Philosophie
1.1. Was ist
Philosophie?
Das griechische Wort Philosophie bedeutet
eigentlich „Liebe zur Weisheit“. Dem heutigen Inhalt nach ist sie ein
theoretisch begründetes System von Anschauungen über die Welt, ihre
Entwicklung und ihre Gesetzmäßigkeiten, über die Stellung des Menschen
in der Welt und seine Möglichkeiten, diese zu Erkennen und zu
verändern.
Die Philosophie bildet innerhalb des
gesellschaftlichen Bewusstseins eine besondere gesellschaftliche
Bewusstseinsform, die sich von anderen Formen wie Wissenschaft,
Religion, Moral, Kunst oder Recht unterscheidet, aber auch wichtige
Gemeinsamkeiten mit diesen besitzt. Die spezifische Funktion der
Philosophie besteht darin, den Menschen, d.h. den Klassen, Schichten,
Gruppen, Individuen eine umfassende, allgemeine weltanschauliche
Orientierung für ihr gesamtes Denken, Handeln und Verhalten zu geben,
die dem Entwicklungsstand der Gesellschaft, insbesondere den
geschichtlichen Aufgaben und Zielen der Klassen, entspricht und diese
befähigt, im Sinne ihrer Ziele zu wirken.
Zu diesem Zweck entwickelt die Philosophie ein
System allgemein-theoretischer und methodischer Auffassungen über die
Welt als Ganzes, über die Entwicklung und ihre allgemeinen
Gesetzmäßigkeiten in Natur, Gesellschaft und Denken, über den Menschen
und sein Verhältnis zur Natur und zur Gesellschaft, über den Sinn und
die Ziele des menschlichen Lebens, über die Möglichkeiten des
Menschen, Natur und Gesellschaft durch seine aktive praktische und
geistige Tätigkeit zu erkennen und zu verändern. Zugleich entwickelt
die Philosophie in Einklang mit den theoretischen Anschauungen
Wertvorstellungen und Wertmaßstäbe sowie moralische Leitbilder und
Verhaltensnormen, welche den Menschen eine bestimmte Einstellung und
Lebenshaltung vermitteln.
Wie alle gesellschaftlichen Bewusstseinformen ist
auch die Philosophie in ihrem Inhalt und ihrer Entwicklungsrichtung
letzten Endes durch die materiellen Existenzbedingungen der jeweiligen
ökonomischen Gesellschaftsformation, insbesondere die
Produktionsverhältnisse, bestimmt, wenngleich diese Determination
durch eine Reihe von Zwischengliedern (Klassenverhältnisse,
Klasseninteressen, Wissensstand, philosophische Tradition) vermittelt
wird. Da jede Philosophie mit den Interessen, den praktischen und
geistigen Bedürfnissen einer bestimmten Klasse verbunden ist, besitzt
sie Klassencharakter und ist parteilich.
In dem Bestreben, eine umfassende Weltanschauung zu
begründen, befasste sich die Philosophie in ihrer historischen
Entwicklung mit einem großen Problemkreis. Dabei standen einerseits
die Frage nach dem Wesen der Welt und ihrer Gesetzmäßigkeit und
andererseits die Frage nach dem Wesen des Menschen und seinem
Verhältnis zur Welt im Mittelpunkt der philosophischen Interessen. Im
Verlauf des philosophischen Denkens wurde das Verhältnis von Materie
und Bewusstsein, von Sein und Denken, von Natur und Geist als
grundlegend herausgehoben, schließlich in der marxistischen
Philosophie als Grundfrage der Philosophie formuliert und bewusst zum
theoretischen Ausgangspunkt für die Auffassung und Lösung aller
philosophischen Probleme gemacht.
Je nachdem, ob die Materie oder das Bewusstsein für
das Primäre, Grundlegende, Bestimmende gehalten wird, teilen sich alle
philosophischen Systeme und Anschauungen in die beiden Grundrichtungen
der Philosophie, in Materialismus und Idealismus. Die
Auseinandersetzung zwischen diesen beiden Grundrichtungen ist ein
Bestandteil des ideologischen Klassenkampfes und zugleich eine
spezifische Triebkraft des Erkenntnisfortschritts.
Ist der Materialismus im Verlauf seiner ganzen
Geschichte stets eng mit der Wissenschaft, der Technik und dem
praktischen Leben verbunden und besitzt einen ausgeprägt atheistischen
Charakter, so steht der Idealismus in allen seinen Formen unmittelbar
oder mittelbar in Beziehung zur Religion, auch wenn er sich auf die
Resultate der Wissenschaft zu stützen sucht. Daraus erklärt sich,
weshalb die materialistische Philosophie historisch meist als
theoretischer Ausdruck der Interessen und Bestrebungen progressiver
gesellschaftlicher Klassenkräfte auftritt. Doch können infolge
bestimmter historischer Umstände fortschrittliche Bewegungen ihre
theoretische Widerspiegelung zeitweilig auch in idealistischen und
religiösen Anschauungen finden.
Die marxistische Philosophie ist der dialektische
und historische Materialismus, der von Karl Marx und Friedrich Engels
begründet und von W. I. Lenin weiterentwickelt wurde. Sie entstand als
theoretischer Ausdruck der Existenzbedingungen der grundlegenden
Interessen und der geschichtlichen Ziele der ArbeiterInneklasse, d.h.
als philosophische Weltanschauung der Klasse, die die geschichtliche
Aufgabe hat, die Ausbeutung und Unterdrückung des Menschen zu
beseitigen und die klassenlose Gesellschaft zu errichten. Die
marxistische Philosophie bildet die allgemeine und methodische
Grundlage und zugleich den Kern der umfassenden Weltanschauung des
Marxismus.
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1.2. Was ist
Materialismus?
Der Materialismus ist die dem
Idealismus entgegen gesetzte Grundrichtung der Philosophie. Der
Materialismus umfasst in diesem Sinne alle Weltanschauungen und
philosophischen Auffassungen, die das Primat der Materie gegenüber dem
Bewusstsein anerkennen und das Bewusstsein als Sekundäres, von der
Materie Abgeleitetes auffassen.
Materialismus bedeutet, die Natur und
die Gesellschaft so aufzufassen, wie sie wirklich sind, und die
Tatsachen in ihrem eigenen, gesetzmäßigen und in keinem erdachten
Zusammenhang zu untersuchen. Der Materialismus besitzt daher einen
ausgeprägt antispekulativen, atheistischen und
erkenntnisoptimistischen Charakter.
Der Materialismus entstand mit dem
philosophischen Denken, das versuchte, die Welt auf natürliche Weise
zu erklären, im Gegensatz zum religiös-mythologischen Denken, das die
Welt auf das Wirken übernatürlicher Kräfte zurückführte. Daher ist der
Materialismus seit seiner Entstehung eng mit der Naturerkenntnis und
der Wissenschaft insgesamt verbunden und befindet sich in
entschiedenem Gegensatz zu allen Formen des philosophischen Idealismus
und religiösen Denkens. In der Regel ist der Materialismus geistiger
Ausdruck der Bestrebungen fortschrittlicher sozialer Klassen,
Schichten und Bewegungen.
Die ersten materialistischen
Anschauungen entwickelten sich lange vor Beginn unserer Zeitrechnung
in Indien, China und Griechenland. Den Höhepunkt des antiken
Materialismus bildete die Philosophie des Demokrit, der mit seiner
Auffassung, dass die Welt aus Atomen, aus letzten unteilbaren
Bausteinen, bestehe, die Atomistik begründete. Während des Feudalismus
beherrschten in Europa zwar Religion und Theologie das geistige Leben,
doch gingen die Ideen des Materialismus nicht unter.
Eine neue Blüte des Materialismus
entwickelte sich auf der Grundlage der entstehenden kapitalistischen
Gesellschaftsformation als geistiger Ausdruck der Klasseninteressen
der aufstrebenden Bourgeoisie in ihrem Kampf gegen die feudale
Gesellschaft und deren Ideologie. Dementsprechend war die von den
bürgerlichen Philosophen geschaffene materialistische Weltanschauung
eng mit der Naturwissenschaft verbunden und gegen Theologie und
Religion gerichtet. Von den englischen Materialisten Francis Bacon,
Thomas Hobbes und John Locke wurden Erfahrung, Beobachtung und
Experiment als die wichtigsten Erkenntnismittel zur Erforschung der
Natur angesehen. Die auf den Lehren der englischen Materialisten
aufbauenden französischen Materialisten J. O. de la Mettrie, P. H. D.
Holbach, C. A. Helvetius und D. Diderot entwickelten den Materialismus
als philosophisches System weiter. Dieser Materialismus war vor allem
an der Mechanik, der fortgeschrittensten Wissenschaft jener Zeit,
orientiert. Die Welt wurde als ein zusammenhängendes System
materieller Körper betrachtet, das sich in Raum und Zeit gemäß den
Gesetzen der Mechanik bewegt und weder zu seiner Existenz noch zu
seiner Bewegung irgendwelche übernatürlichen Mächte benötigt.
Die höchste Entwicklungsstufe des
vormarxistischen Materialismus bildete die Philosophie von Ludwig
Feuerbach und, daran anknüpfend, die der russischen revolutionären
Demokraten Belinski, Herzen und Tschernyschewski. Feuerbach erneuerte
den Materialismus in Auseinandersetzung mit dem Idealismus der
klassischen deutschen Philosophie, erweiterte und vertiefte sein
naturwissenschaftliches und erkenntnistheoretisches Fundament.
Der vormarxistische Materialismus
begründete mit dem jeweilig erreichten Wissen, dass im Verhältnis des
menschlichen Bewusstseins zur Natur die Natur das Primäre, das
Ursprüngliche ist. Aufgrund seiner klassenbedingten und
erkenntnistheoretischen Grenzen konnte er die materialistische
Beantwortung der Grundfrage der Philosophie nicht allseitig und
konsequent wissenschaftlich begründen. „Den Hauptmangel des ‚alten’
Materialismus … sahen Marx und Engels darin: 1. dass dieser
Materialismus ein ‚vorwiegend mechanischer’ war, der die neueste
Entwicklung der Chemie und Biologie nicht berücksichtigte; 2. dass der
alte Materialismus unhistorisch, undialektisch war (metaphysisch im
Sinne von Antidialektik) und den Standpunkt der Entwicklung nicht
konsequent und allseitig zur Geltung brachte; 3. dass man ‚das
menschliche Wesen’ als Abstraktum und nicht als ‚das Ensemble der’
(konkret-historisch bestimmten) ‚gesellschaftlichen Verhältnisse’
auffasste und deshalb die Welt nur ‚interpretierte’, während es darauf
ankommt, sie ‚zu verändern’, d.h., dass man die Bedeutung der
‚revolutionären, der praktischen Tätigkeit’ nicht begriff.“ (W. I.
Lenin, Werke Bd. XXI, S. 41)
Diese Mängel zu überwinden blieb Karl
Marx und Friedrich Engels vorbehalten, die als Theoretiker der
ArbeiterInnenklasse mit der Begründung des dialektischen und
historischen Materialismus die Schwächen aller früheren Formen des
Materialismus überwanden. Auf dem Boden des proletarischen
Klassenstandpunktes stehend, gingen sie konsequent materialistisch an
die Wirklichkeit heran, erklärten Natur, Gesellschaft und Denken
materialistisch. Unter neuen historischen Bedingungen entwickelte W.
I. Lenin in Verallgemeinerung der Erkenntnisse der modernen
Naturwissenschaft und der praktischen Erfahrungen des revolutionären
Kampfes der ArbeiterInnenklasse den dialektischen und historischen
Materialismus weiter. Der dialektische Materialismus ist die höchste
Form des Materialismus. Er ist die Philosophie der ArbeiterInnenklasse.
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1.3. Was ist
Dialektik?
Die Dialektik ist die Wissenschaft von
den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der
Gesellschaft und des Denkens. In der antiken griechischen Philosophie
wurde unter Dialektik ein Verfahren, durch Rede und Gegenrede zur
Wahrheit zu gelangen, verstanden. Später, vor allem in der klassischen
deutschen Philosophie, wurde sie als Denkweise und Erkenntnismethode
entwickelt. Den bedeutendsten Anteil hieran hatte G. W. F. Hegel, der
als erster eine umfassende Darstellung der Dialektik und ihrer
allgemeinen Gesetze, allerdings auf idealistischer Grundlage, gab.
Karl Marx und Friedrich Engels
schufen, den rationalen Kern der idealistischen Dialektik Hegels
kritisch verarbeitend, die materialistische Dialektik, die später von
W. I. Lenin weiterentwickelt wurde. Das war eine Revolution in der
Philosophie, denn im Gegensatz zur idealistischen Dialektik, die die
Bewegungs- und Entwicklungsgesetze primär als Bewusstseinstatsache
fasste, deckt die materialistische Dialektik die Bewegungs- und
Entwicklungsgesetze in den materiellen Prozessen auf und zeigt ihre
Widerspiegelung im Erkenntnisprozess.
Die marxistische Philosophie
unterscheidet zwischen objektiver und subjektiver Dialektik. Als
allgemeine Gesetzmäßigkeit der Bewegung und Entwicklung der vom
Bewusstsein unabhängigen objektiven Realität ist sie objektive
Dialektik, als Widerspiegelung der objektiven Realität im Bewusstsein
und Denken des Menschen ist sie subjektive Dialektik.
Als Theorie der objektiven Dialektik
ist sie die Wissenschaft von den allgemeinsten Bewegungs- und
Entwicklungsgesetzen der objektiven Realität. Sie geht von der durch
die gesamte Geschichte der wissenschaftlichen Erkenntnis bewiesenen
Tatsache aus, dass alle Dinge und Erscheinungen mit anderen
wechselseitig verbunden sind und einander gegenseitig bedingen, dass
die Wirklichkeit in allen ihren Erscheinungsformen (Natur,
Gesellschaft, Denken) in steter, unaufhörlicher Bewegung und
Entwicklung begriffen ist. Das Wesen der materialistischen Dialektik
als „Lehre von der Entwicklung in ihrer vollständigsten, tiefgehenden
und von Einseitigkeit freiesten Gestalt“ (Lenin, Werke, Bd. 19, S. 4)
kommt in den drei Grundgesetzen der Dialektik zum Ausdruck:
a)
in dem Gesetz vom Umschlagen
quantitativer Veränderungen in qualitative und umgekehrt, das die
Entwicklung nicht als einfache quantitative Veränderung, als bloße
Evolution fasst, sondern die Einheit von quantitativer und
qualitativer Veränderung, von Evolution und Revolution, Kontinuität
und Diskontinuität in der Entwicklung betont;
b)
in dem Gesetz von Einheit und „Kampf“
der Gegensätze (auch „Durchdringung der Gegensätze“), demzufolge die
grundlegende Triebkraft jeder Bewegung und Entwicklung die den Dingen
innewohnenden dialektischen Widersprüche sind, die Bewegung also als
Selbstbewegung gefasst werden muss;
c)
in dem Gesetz der Negation der
Negation, nach dem die Entwicklung eine Höherentwicklung ist.
Entwicklung ist nicht einfache Vernichtung des Alten, sondern ein
Prozess dialektischer Negationen, in denen frühere Stadien überwunden
werden, aber gleichzeitig ihre positiven, entwicklungsfähigen Seiten
erhalten bleiben.
Die dialektische Konzeption der
Entwicklung steht im Gegensatz zur metaphysischen Auffassung, bei der
die Triebkraft der Entwicklung nach außen verlegt wird (erster Beweger,
Gott), die Entwicklung als bloße Verkleinerung und Vergrößerung, als
einfache Widerholung bereits durchlaufener Stadien betrachtet wird.
Die drei Grundgesetze der Dialektik
werden durch weitere dialektische Gesetzmäßigkeiten ergänzt: die
Gesetze des dialektischen Zusammenhangs von Wesen und Erscheinung,
Inhalt und Form, Wirklichkeit und Möglichkeit, Notwendigkeit und
Zufall, Ursache und Wirkung, Allgemeinem, Besonderem und Einzelnem
usw.
Als Theorie der subjektiven Dialektik
ist die Dialektik vornehmlich Erkenntnistheorie. Die Dialektik als
Erkenntnistheorie untersucht die dialektischen Zusammenhänge von
Theorie und Praxis, absoluter und relativer Wahrheit, Abstraktem und
Konkretem, die Elastizität der Begriffe usw. Sie formuliert die
dialektischen Prinzipien der Einheit des Logischen und Historischen,
des Abstrakten und Konkreten, der Praxis als Ausgangspunkt und
Kriterium der Wahrheit u.a.
Die Dialektik ist nicht nur Theorie
(der objektiven und subjektiven Dialektik), sondern – als
systematische und bewusste Anwendung der Gesetze und Prinzipien der
Dialektik zur theoretischen und praktischen Aneignung der Welt – auch
Methode. Für die Dialektik als Methode ergeben sich aus den Gesetzen
und Prinzipien der Dialektik als Theorie grundsätzliche Forderungen:
die Dinge und Erscheinungen der materiellen Welt, aber auch die
Begriffe als Abbilder der wirklichen Dinge in ihrer Bewegung und
Veränderung zu betrachten, die allseitige Analyse der Erscheinungen,
die ihre mannigfaltigen gegenseitigen Zusammenhänge beachtet, das
konkret-historische Herangehen an die Erscheinungen der Gesellschaft
und des Denkens, die Erkenntnis des Einheitlichen in seinen
gegensätzlichen Bestandteilen usw.
Die Dialektik verleiht der
wissenschaftlichen Erkenntnis schöpferischen, konkreten und
revolutionären Charakter, indem sie alles Existierende auch nach
seiner vergänglichen Seite auffasst, stets auf das Neue, sich
Entwickelnde orientiert, in jeder Erkenntnis auch das Moment der
Relativität aufdeckt, daher nach steter Vertiefung und Allseitigkeit
des Wissens drängt und vor allem die Erkenntnis auf die Praxis als
ihre wichtigste Grundlage, ihr Wahrheitskriterium und
gesellschaftliches Ziel orientiert.
Die Dialektik ist die theoretische und
methodische Waffe der ArbeiterInnenklasse bei der Verwirklichung ihrer
historischen Mission. Die Dialektik ist nicht nur Erkenntnismethode,
sondern als solche zugleich Methode revolutionären,
gesellschaftsverändernden Denkens und Handelns zur Durchsetzung der
historischen Aufgabe der ArbeiterInnenklasse im Klassenkampf und beim
Aufbau des Sozialismus.
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1.4. Marxistische Erkenntnistheorie
Die Erkenntnis bezeichnet Prozess und
Ergebnis der theoretischen Widerspiegelung der objektiven Realität im
menschlichen Bewusstsein.
Der Erkenntnisprozess im umfassenden
Sinn ist die sich historisch entwickelnde Erkenntnis der objektiven
Realität durch die Menschheit, im engeren Sinn die einzelne Erkenntnis
über einen bestimmten Gegenstand.
Erkenntnis als Resultat des
Erkenntnisprozesses im umfassenden Sinn ist die Gesamtheit des jeweils
erreichten menschlichen Wissens, das seinen höchsten und systematisch
geordneten Ausdruck in der Wissenschaft findet, im engeren Sinn das
Wissen über einen bestimmten Kreis von Gegenständen.
Die Erkenntnis entspringt nicht einem
mystischen Erkenntnistrieb, sondern hat ihre Grundlage und
entscheidende Triebkraft in der gesellschaftlichen Praxis. Die Praxis
und die praktischen Bedürfnisse der Menschen, vor allem die der
Produktion, bestimmen die Entwicklungsrichtung der Erkenntnis, stellen
ihr die entscheidenden Aufgaben, und die Praxis liefert auch die
materiellen Mittel (Instrumente, wissenschaftliche Geräte) zur Lösung
dieser Aufgaben.
Die Erkenntnis der Naturgegenstände
mit ihren Eigenschaften und der Naturgesetze ist die wichtigste
Voraussetzung dafür, dass sich die Menschen die Naturkräfte in der
Produktion dienstbar machen können.
Die Erkenntnis der gesellschaftlichen
Entwicklungsgesetze ermöglicht es ihnen, den sozialen Lebensprozess
bewusst und planmäßig zu lenken. Diesem Ziel dient letzten Endes,
direkt oder vermittelt, alle Erkenntnis. Sie mündet schließlich wieder
in die Praxis ein, wobei sich erweist, in welchem Grade sie mit der
objektiven Realität übereinstimmt. Die Praxis ist das letzte und
entscheidende Kriterium für die Richtigkeit der Erkenntnis.
Die Erkenntnis der objektiven Realität
durch die Menschheit ist ein komplizierter, vielgestaltiger und
langwieriger Prozess. Dabei verläuft der Weg der Erkenntnis, sowohl
des einzelnen Erkenntnisprozesses als auch der menschlichen
Gesamt-Erkenntnis, von der Erscheinung zum Wesen, vom Sammeln,
Vergleichen und Klassifizieren der Tatsachen zum Aufdecken ihrer
inneren, allgemeinen und notwendigen Zusammenhänge, zum Feststellen
ihrer Gesetze. Zugleich ist die Erkenntnis ein dialektischer Prozess
des Aufsteigens vom Konkreten zum Abstrakten und von diesem zu einer
höheren Form des Konkreten.
Die Erkenntnis stößt in ihrer
Entwicklung ständig auf Grenzen, die jedoch historisch bedingt sind.
Sie hängen vom Entwicklungsstand der Produktivkräfte und der
Produktionsverhältnisse der Gesellschaft, insbesondere von den
wissenschaftlichen Instrumenten und Geräten sowie vom bereits
erreichten Wissensstand, ab und werden fortlaufend verändert. Das ist
ein ununterbrochener Prozess, in dem sich die Souveränität der
menschlichen Erkenntnis verwirklicht und der Widerspruch zwischen den
jeweils beschränkten Möglichkeiten der Erkenntnis und der
unbeschränkten Erkenntnisfähigkeit ständig gelöst und erneut gesetzt
wird. Die Erkenntnis kann keinen endgültigen Abschluss mit der
Fixierung einer allumfassenden absoluten Wahrheit finden. Sie kann
sich der absoluten Wahrheit nur durch immer neue Erkenntnisse
relativer Wahrheiten annähern, ohne sie jemals zu erreichen. Die
absolute Wahrheit wird in den relativen Wahrheiten und durch diese
erkannt.
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1.5. Der
dialektische und historische Materialismus
Der
dialektische Materialismus (Diamat) und der historische Materialismus
(Histomat) bilden als Einheit die
von Karl Marx und Friedrich Engels geschaffene und von W. I. Lenin
weiterentwickelte wissenschaftliche Philosophie der ArbeiterInnenklasse, sie sind Bestandteil und zugleich philosophische
Grundlage des Marxismus.
Da der
dialektische und historische Materialismus in allgemein-theoretischer
Form die grundlegenden Interessen der ArbeiterInnenklasse und der
Mehrheit aller Werktätigen ausdrückt, kann er in wachsendem Maße das
Denken der gesamten fortschrittlichen Menschheit in der gegenwärtigen
Epoche beeinflussen. Die wissenschaftliche marxistische Weltanschauung
ist die Grundlage der Politik marxistischer Organisationen, Parteien
und sozialistischer Staaten.
In der
marxistischen Philosophie sind der dialektische und historische
Materialismus untrennbar miteinander verbunden. „Man kann aus dieser
aus einem Guss geformten Philosophie des Marxismus nicht eine einzige
grundlegende These, nicht einen einzigen wesentlichen Teil wegnehmen,
ohne sich von der objektiven Wahrheit zu entfernen, ohne der
bürgerlich-reaktionären Lüge in die Fänge zu geraten." (Lenin, Werke,
Bd. 14, S. 329)
Der
dialektische und historische Materialismus ist die wissenschaftlich
begründete philosophische Auffassung von der Welt als Ganzes, von der
Natur, der Gesellschaft und dem Denken sowie ihrem Verhältnis
zueinander und vom Gesamtprozess der geistigen und praktischen
Aneignung der Welt durch die Menschen. Er vermittelt der
ArbeiterInnenklasse und allen Werktätigen eine allgemeine Orientierung
des Denkens, Wollens, Handelns und Verhaltens, eine Orientierung, die
mit den allgemeinen Gesetzmäßigkeiten der materiellen Welt
übereinstimmt und den grundlegenden Interessen der ArbeiterInnenklasse
entspricht.
Während die Einzelwissenschaften die wesentlichen Eigenschaften,
Struktur- und Entwicklungsgesetzmäßigkeiten einer bestimmten
Bewegungsform der Materie oder eines bestimmten Bereichs der
objektiven Realität erforschen, ist es die spezifische Aufgabe des
dialektische und historischen Materialismus von den Ergebnissen der
Einzelwissenschaften und der fortschrittlichen gesellschaftlichen
Praxis ausgehend, die in allen Bewegungsformen und Bereichen der
objektiven Realität wirkenden allgemeinen Gesetzmäßigkeiten sowie die
allen Wissenschaften gemeinsamen weltanschaulichen,
erkenntnistheoretischen und methodologischen Probleme zu untersuchen.
Der
dialektische und historische Materialismus vermittelt dem Menschen
nicht nur wissenschaftlich begründete philosophische Kenntnisse,
sondern auch eine aktive, vom Optimismus getragene Einstellung zur
Welt und bestimmt dadurch weitgehend das Verhalten in allen
Lebensbereichen. Seine beiden grundlegenden Bestandteile sind der
Materialismus und die Dialektik, die einander wechselseitig
durchdringen und eine untrennbare Einheit bilden. Sowohl der
marxistische Materialismus als auch die marxistische Dialektik sind
zugleich philosophische Theorie und Methode. Der marxistische
Materialismus ist die philosophische Theorie von der Materialität der
Welt, vom von Materie und Bewusstsein; die marxistische Dialektik ist
die philosophische Theorie vom Zusammenhang von der Bewegung und
Entwicklung der Welt. Die in der philosophischen Theorie formulierten
Prinzipien, Gesetze und Kategorien sind Widerspiegelung allgemeiner
Zusammenhänge der objektiven Realität und gleichzeitig Stufen der
Erkenntnis der Welt, die Grundlage für die Ausarbeitung einer
umfassenden allgemeinen Methode der Erkenntnis und der praktischen
Veränderung der Welt: der dialektisch-materialistischen Methode.
Der
dialektische und historische Materialismus bedeutete eine Revolution
in der Geschichte der Philosophie, die deren Wesen und Funktion
grundlegend veränderte. War die Philosophie früher vorwiegend eine
über den Wissenschaften stehende spekulative Theorie, so verwandelte
sie sich nunmehr in eine mit der Entwicklung der Wissenschaften und
dem revolutionären Kampf der ArbeiterInnenklasse eng verbundene
Disziplin, deren Aufgabe darin besteht, die Welt nicht nur zu
interpretieren, sondern sie zu verändern. Damit erhielt die
Philosophie selbst konsequent wissenschaftlichen Charakter. Das war
nur möglich, weil Karl Marx und Friedrich Engels eine organische
Synthese von Materialismus und Dialektik erreichten, wodurch der
vormarxistische Materialismus in seinen Grundlagen umgestaltet und die
in idealistischer Form existierende Dialektik materialistisch
umgearbeitet wurde.
Der
dialektische Materialismus ist nicht die Vereinigung des
vormarxistischen Materialismus mit der Hegelschen Dialektik, sondern
eine völlig neue Qualität. Marx und Engels überwanden die Schwächen
des früheren Materialismus, seinen metaphysischen Charakter und sein
Unvermögen, die Entwicklung der Gesellschaft materialistische zu
erklären. Sie entwickelten mit dem dialektischen Materialismus
zugleich auch den historischen Materialismus, d.h., sie dehnten den
Materialismus auf die Erklärung der menschlichen Gesellschaft aus. Das
eröffnete wiederum den Weg zum vollen Verständnis der
Gesetzmäßigkeiten des gesellschaftlichen Lebens. So konnten Marx und
Engels zu ersten Mal in der Geschichte des philosophischen Denkens das
Verhältnis von gesellschaftlichem Sein und gesellschaftlichem
Bewusstsein und die bestimmende Rolle der gesellschaftlichen
Produktion und des Klassenkampfes richtig erfassen, die
gesellschaftliche Praxis in den Kreis der fundamentalen Erkenntnisse
der Philosophie einbeziehen und eine untrennbare Einheit von Theorie
und Praxis herstellen.
Die
theoretisch begründete und real verwirklichte Einheit von Theorie und
Praxis ist die wichtigste Quelle des schöpferischen, aktiven und
weltverändernden Charakters des dialektischen und historischen
Materialismus. Mit dieser Theorie entstand eine Philosophie, die den
Interessen der ArbeiterInnenklasse und darüber hinaus der
überwältigenden Mehrheit der Werktätigen in theoretischer Form
Ausdruck gibt und damit in wachsendem Maße zur philosophischen
Grundlage der Weltanschauung der Volksmassen werden kann.
Der
dialektische und historische Materialismus ist ein in sich
geschlossenes System, d.h. eine logisch folgerichtige philosophische
Theorie, aber er ist kein abgeschlossenes System, das keiner
Weiterentwicklung fähig wäre. Er verarbeitet die neuen Resultate der
Natur- und Gesellschaftswissenschaften ebenso wie die historischen
Erfahrungen des revolutionären Kampfes der ArbeiterInnenklasse. Die
enge Verbindung des dialektischen und historischen Materialismus mit
den Einzelwissenschaften und den praktischen Aufgaben der
ArbeiterInnenbewegung gewährleistet, dass einmal gewonnene Resultate
fortlaufend an der Praxis und den neuen Resultaten der Wissenschaft
überprüft, präzisiert und korrigiert werden.
Der
historische Materialismus als materialistische Geschichtsauffassung
und Gesellschaftstheorie untersucht die Gesellschaft als Ganzes,
erforscht ihre inneren Zusammenhänge, Verhältnisse und Prozesse sowie
die Wechselwirkung aller ihrer Seiten, erfasst ihre Entwicklung als
naturgeschichtlichen Prozess, der durch objektive Gesetzmäßigkeiten
bestimmt ist. Er beantwortet die Frage nach dem Verhältnis von
gesellschaftlichem Sein und gesellschaftlichem Bewusstsein, von
theoretischer und praktischer Tätigkeit des Menschen
dialektisch-materialistisch.
Die
vom historischen Materialismus untersuchten allgemeinen
Entwicklungsgesetze sind gegenüber den vom dialektischen Materialismus
formulierten besondere. Die wichtigste Besonderheit der vom
historischen Materialismus untersuchten gesellschaftlichen
Entwicklungsgesetze besteht darin, dass sie Gesetze der bewussten,
zielgerichteten Tätigkeit der Menschen sind, die nur in dieser
Tätigkeit und durch diese wirken, die aber objektiv existieren, d.h.
unabhängig vom Willen und Bewusstsein der handelnden Menschen den Gang
der gesellschaftlichen Entwicklung bestimmen.
Als
das grundlegende Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte
betrachtet der historische Materialismus die Tatsache, dass die
Menschen vor allen Dingen erst ihre materiellen Lebensbedürfnisse
befriedigen, d.h. essen, trinken, wohnen und sich kleiden müssen,
bevor sie sich mit Politik, Wissenschaft, Kunst, Religion usw.
befassen können. Die wichtigsten Grundthesen des historischen
Materialismus wurden von Karl Marx im Vorwort seines Werkes „Zur
Kritik der Politischen Ökonomie" entwickelt: „In der
gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen
bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein,
Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer
materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser
Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der
Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und
politischer Überbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche
Bewusstseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen
Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess
überhaupt. Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein,
sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein
bestimmt. Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die
materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den
vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer
Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren
sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der
Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um.
Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein. Mit der Veränderung
der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau
langsamer oder rascher um. In der Betrachtung solcher Umwälzungen muss
man stets unterscheiden zwischen der materiellen,
naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden Umwälzung in den
ökonomischen Produktionsbedingungen und den juristischen, politischen,
religiösen, künstlerischen oder philosophischen, kurz, ideologischen
Formen, worin sich die Menschen dieses Konflikts bewusst werden und
ihn ausfechten. Sowenig man das, was ein Individuum ist, nach dem
beurteilt, was es sich selbst dünkt, ebensowenig kann man eine solche
Umwälzungsepoche aus ihrem Bewusstsein beurteilen, sondern muss
vielmehr dies Bewusstsein aus den Widersprüchen des materiellen
Lebens, aus dem vorhandenen Konflikt zwischen gesellschaftlichen
Produktivkräften und Produktionsverhältnissen erklären. Eine
Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte
entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere
Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die
materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten
Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind. Daher stellt sich die
Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer
betrachtet wird sich stets finden, dass die Aufgabe selbst nur
entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon
vorhanden oder wenigstens im Prozess ihres Werdens begriffen sind. In
großen Umrissen können asiatische, antike, feudale und modern
bürgerliche Produktionsweisen als progressive Epochen der ökonomischen
Gesellschaftsformation bezeichnet werden. Die bürgerlichen
Produktionsverhältnisse sind die letzte antagonistische Form des
gesellschaftlichen Produktionsprozesses, antagonistisch nicht im Sinn
von individuellem Antagonismus, sondern eines aus den
gesellschaftlichen Lebensbedingungen der Individuen hervorwachsenden
Antagonismus, aber die im Schoß der bürgerlichen Gesellschaft sich
entwickelnden Produktivkräfte schaffen zugleich die materiellen
Bedingungen zur Lösung dieses Antagonismus. Mit dieser
Gesellschaftsformation schließt daher die Vorgeschichte der
menschlichen Gesellschaft ab." (MEW 13, S. 8 f.)
Die
Begründung der materialistischen Geschichtsauffassung durch Marx und
Engels bedeutete eine revolutionäre Umwälzung in der Lehre von der
Gesellschaft. Das ist vor allem durch drei Errungenschaften des
historischen Materialismus gegenüber allen vormarxistischen
Gesellschaftstheorien bedingt:
a)
Erforschte und untersuchte man vorher vor allem die politischen,
juristischen u.a. Anschauungen und Einrichtungen und versuchte, ihre
Entstehung aus den sozialen Ideen der Menschen einer bestimmten Epoche
zu begreifen, so vertiefte die materialistische Geschichtsauffassung
die Analyse bis zum materiellen Ursprung der sozialen Ideen.
Insbesondere hoben Marx und Engels den ökonomischen Bereich aus den
verschiedenen Bereichen des sozialen Lebens und die
Produktionsverhältnisse aus der Gesamtheit der gesellschaftlichen
Verhältnisse als die grundlegenden, ursprünglichen, alle übrigen
Verhältnisse bestimmenden heraus.
b) War
es bis dahin unmöglich, in der komplexen Gesamtheit sozialer
Erscheinungen wichtige von unwichtigen zu unterschieden, kannte man
noch kein objektives Kriterium für eine solche Unterscheidung, so bot
die Analyse der materiellen Produktionsverhältnisse nun die
Möglichkeit, die Regelmäßigkeiten des gesellschaftlichen
Entwicklungsprozesses wissenschaftlich zu erfassen und die Zustände in
verschiedenen Ländern in dem Grundbegriff der ökonomischen
Gesellschaftsformation verallgemeinernd zusammenzufassen.
c)
Erst die Zurückführung der gesellschaftlichen Verhältnisse auf die
Produktionsverhältnisse und dieser wiederum auf den jeweiligen
Entwicklungsstand der Produktivkräfte bot die Grundlage dafür, die
Entwicklung der Gesellschaftsformationen als einen gesetzmäßigen,
naturgeschichtlichen Prozess darzustellen.
Der
historische Materialismus ist ein untrennbarer Bestandteil der
einheitlichen marxistischen Philosophie. Der dialektische
Materialismus konnte nur dadurch zur Wissenschaft werden, dass die
Klassiker des Marxismus die Grundfrage der Philosophie nicht nur in
Bezug auf die Natur, sondern auch auf die Gesellschaft konsequent
materialistisch beantworteten. Dadurch wurden die Einseitigkeiten und
Inkonsequenzen des alten Materialismus, der vor allem bei der
Erklärung gesellschaftlicher Prozesse im Idealismus verharrte,
überwunden.
Der
dialektische und der historische Materialismus bilden ein Einheit, die
zugleich in sich differenziert ist und alle philosophischen
Disziplinen einschließt, welche erforderlich sind, Natur, Gesellschaft
und Denken sowie ihr Verhältnis zueinander philosophisch zu erfassen
(philosophische Naturauffassung, materialistische
Geschichtsauffassung, Erkenntnistheorie, Ethik, Ästhetik).
Revisionistische Versuche der Trennung des historischen Materialismus
von den allgemeinen philosophischen Grundlagen und der Reduktion der
marxistischen Philosophie auf eine Gesellschaftstheorie zielen darauf
ab, die wissenschaftliche Philosophie überhaupt aufzulösen und zu
beseitigen. Die untrennbare Einheit von dialektischem und historischem
Materialismus schließt die relative Selbständigkeit des historischen
Materialismus als materialistischer Geschichtsauffassung und
Gesellschaftstheorie nicht aus. Der historische Materialismus ist in
diesem Sinne eine selbständige wissenschaftliche Disziplin, denn die
von ihm erforschten Gesetze sind spezifisch gesellschaftliche. Diese
Selbständigkeit ist dennoch nur relativ, weil auch die Gesellschaft
Teil der materiellen Welt ist und daher die allgemeinen Gesetze und
Kategorien des dialektischen Materialismus auch für sie gelten,
weshalb der historische Materialismus sich in seinen Untersuchungen
bewusst von der Theorie und Methode des dialektischen Materialismus
leiten lässt.
Als
wissenschaftliche Gesellschaftstheorie bildet der historische
Materialismus die theoretische und methodologische Grundlage aller
Gesellschaftswissenschaften; er dient den Gesellschaftswissenschaften
und der ArbeiterInnenklasse als Theorie und Methode bei der
Erforschung der historischen Erscheinungen und Prozesse, der Gesetze
ihrer Entwicklung und ist in diesem Sinne zugleich Theorie und Methode
der sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft.
2
2.
Marxistische Ökonomie
2.1. Was ist
politische Ökonomie?
Die Bezeichnung der Wissenschaft
„politische Ökonomie“ stammt von den griechischen Wörtern „politeia“
und „oikonomia“. Das Wort „politeia“ bedeutet „gesellschaftliche
Ordnung“, das Wort „oikonomia“ besteht seinerseits aus zwei Wörtern: „oikos“
– „Haus“ oder „Hauswirtschaft“ – und „nomos“ – „Gesetz“.
Die politische Ökonomie gehört zu den
Gesellschaftswissenschaften. Sie erforscht Gesetze der
gesellschaftlichen Produktion und Verteilung der materiellen Güter auf
den verschiedenen Entwicklungsstufen der menschlichen Gesellschaft.
Die Grundlage des Lebens der
Gesellschaft ist die materielle Produktion. Um zu leben, müssen die
Menschen Nahrung, Kleidung und andere materielle Güter haben. Um diese
Güter zu haben, müssen die sie produzieren, müssen sie arbeiten.
Die Menschen produzieren die
materiellen Güter, d.h. führen den Kampf mit der Natur nicht als
Einzelwesen, sondern gemeinsam, in Gruppen, in Gesellschaften.
Folglich ist die Produktion stets und unter allen Bedingungen
gesellschaftliche Produktion, und die Arbeit ist Tätigkeit des
gesellschaftlichen Menschen.
Der Prozess der Produktion der
materiellen Güter setzt folgende Momente voraus: 1. die Arbeit des
Menschen, 2. den Arbeitsgegenstand und 3. die Arbeitsmittel.
Arbeit
ist die zweckmäßige Tätigkeit des Menschen, in deren Prozess er
Naturstoffe zur Befriedigung seiner Bedürfnisse verändert und diesen
anpasst. Die Arbeit ist eine Naturnotwendigkeit, ist die unerlässliche
Existenzbedingung der Menschen. Ohne Arbeit wäre das menschliche Leben
selbst unmöglich.
Arbeitsgegenstand ist all das, worauf
Arbeit des Menschen gerichtet ist. Die Arbeitsgegenstände können sich
unmittelbar in der Natur vorfinden, z.B. Holz, das im Wald gefällt
wird, oder das Erz, das aus den Tiefen der Erde gewonnen wird.
Arbeitsgegenstände, auf die schon frühere Arbeit eingewirkt hat, z.B.
das Erz in einem Hüttenwerk oder die Baumwolle in einer in einer
Spinnerei, bezeichnet man als Rohstoff oder Rohmaterial.
Arbeitsmittel
sind alle Dinge, mit deren Hilfe der Mensch auf den Gegenstand seiner
Arbeit einwirkt und ihn verändert. Zu den Arbeitsmitteln gehören vor
allem die Produktionsinstrumente sowie die Erde, Betriebsgebäude,
Straßen, Kanäle, Lagerhäuser usw. Unter den Arbeitsmitteln spielen die
Produktionsinstrumente die bestimmende Rolle. Zu ihnen gehören
die mannigfachen Instrumente, die der Mensch bei der Arbeit verwendet,
angefangen von den groben Steinwerkzeugen der Menschen in der
Urgesellschaft. Bis zu den modernen Maschinen. Das Entwicklungsniveau
der Produktionsinstrumente ist der Gradmesser für die Herrschaft der
Gesellschaft über die Natur, ist der Gradmesser für die Entwicklung
der Produktion. Die ökonomischen Epochen unterschieden sich nicht
dadurch, was produziert wird, sondern wie, mit welchen
Produktionsinstrumenten produziert wird.
Die Arbeitsgegenstände und die
Arbeitsmittel bilden die Produktionsmittel. Die
Produktionsmittel an sich, wenn sie nicht mit der Arbeitskraft
vereinigt sind, stellen nur einen Haufen toter Dinge dar. Damit der
Arbeitsprozess beginnen kann, muss sich die Arbeitskraft mit den
Produktionsinstrumenten vereinigen.
Arbeitskraft
ist die Fähigkeit des Menschen zur Arbeit, ist die Gesamtheit der
physischen und geistigen Kräfte des Menschen, mittels deren er
materielle Güter zu produzieren vermag. Die Arbeitskraft ist das
aktive Element der Produktion, sie setzt die Produktionsmittel in
Bewegung. Mit der Entwicklung der Produktionsinstrumente entwickelt
sich auch die Fähigkeit des Menschen zur Arbeit, sein Geschick, seine
Fertigkeit, seine Produktionserfahrung.
Die Produktionsinstrumente, mit deren
Hilfe die materiellen Güter produziert werden, die Menschen, die diese
Instrumente in Bewegung setzen und die Produktion der materiellen
Güter dank einer gewissen Produktionserfahrung und Arbeitsfertigkeit
bewerkstelligen, bilden die Produktivkräfte der Gesellschaft.
Die werktätigen Menschen sind die Hauptproduktivkraft der menschlichen
Gesellschaft in allen Etappen ihrer Entwicklung.
Die Produktivkräfte bringen das
Verhältnis der Menschen zu den für die Produktion der materiellen
Güter benutzten Gegenständen und Kräften der Natur zu Ausdruck. Doch
in der Produktion wirken die Menschen nicht allein auf die Natur,
sondern auch aufeinander. „Sie produzieren nur, indem sie auf eine
bestimmte Weise zusammenwirken und ihre Tätigkeit gegeneinander
austauschen. Um zu produzieren, treten sie in bestimmte Beziehungen
und Verhältnisse zueinander, und nur innerhalb dieser
gesellschaftlichen Beziehungen und Verhältnisse findet ihre Einwirkung
auf die Natur, findet die Produktion statt.“ (Marx, Lohnarbeit und
Kapital, Ausgewählte Schriften in zwei Bänden, Berlin 1953, Bd. I, S.
77) Die bestimmten Beziehungen und Verhältnisse der Menschen im
Prozess der Produktion der materiellen Güter bilden die
Produktionsverhältnisse.
Der Charakter der
Produktionsverhältnisse hängt davon ab, in wessen Eigentum sich die
Produktionsmittel befinden – im Eigentum einzelner Personen, sozialer
Gruppen oder Klassen, die diese Mittel zur Ausbeutung der Werktätigen
gebrauchen, oder im Eigentum der Gesellschaft, einer Gesellschaft,
deren Ziel die Befriedigung der materiellen und kulturellen
Bedürfnisse der Volksmassen, der gesamten Gesellschaft ist. Die
jeweiligen Produktionsverhältnisse zeigen an, wie die
Produktionsmittel und folglich auch die von den Menschen produzierten
materiellen Güter unter die Mitglieder der Gesellschaft verteilt
werden. Somit ist die Grundlage der Produktionsverhältnisse eine
bestimmte Form des Eigentums an den Produktionsmitteln.
Die Verhältnisse der Produktion
bestimmen auch die entsprechenden Verhältnisse der Verteilung. Die
Verteilung ist das Bindeglied zwischen der Produktion und der
Konsumtion.
Die in der Gesellschaft erzeugten
Produkte dienen der produktiven oder individuellen Konsumtion.
Produktive Konsumtion heißt Verbrauch von Produktionsmitteln zur
Schaffung materieller Güter. Individuelle Konsumtion heißt
Befriedigung der Bedürfnisse des Menschen an Nahrung, Kleidung,
Wohnung usw.
Die Verteilung der produzierten
Gegenstände der individuellen Konsumtion hängt von der Verteilung der
Produktionsmittel ab. In der kapitalistischen Gesellschaft gehören die
Produktionsmittel den KapitalistInnen, infolgedessen gehören auch die
Arbeitsprodukte den KapitalistInnen. Die ArbeiterInnen besitzen keine
Produktionsmittel und sind, um nicht Hungers zu sterben, gezwungen,
für die KapitalistInnen zu arbeiten, die sich die Produkte ihrer
Arbeit aneignen. In der sozialistischen Gesellschaft sind die
Produktionsmittel gesellschaftliches Eigentum. Infolgedessen gehören
die Arbeitsprodukte den Werktätigen selbst.
In den Gesellschaftsformationen, in
denen es eine Warenproduktion gibt, wird die Verteilung der
materiellen Güter durch den Warenaustausch bewerkstelligt.
Produktion, Verteilung, Austausch und
Konsumtion bilden eine Einheit, in der die Produktion die bestimmende
Rolle spielt.
Die Gesamtheit der
„Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der
Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und
politischer Überbau erhebt, und welcher bestimmte gesellschaftliche
Bewusstseinsformen entsprechen“ (Marx, Vorwort „Zur Kritik der
politischen Ökonomie“, Ausgewählte Schriften in zwei Bänden, Bd. I, S.
338). Einmal auf die Welt gekommen, übt der Überbau seinerseits einen
aktiven rückwirkenden Einfluss auf die Basis aus, beschleunigt oder
hemmt deren Entwicklung.
Die Produktion hat eine technische und
eine gesellschaftliche Seite. Die technische Seite der Produktion wird
von den technischen und den Naturwissenschaften erforscht: von der
Physik, der Chemie, der Metallurgie, der Agronomie und von anderen
Wissenschaften. Die politische Ökonomie hingegen erforscht die
gesellschaftliche Seite der Produktion, die gesellschaftlichen
Produktionsverhältnisse, d.h. die ökonomischen Verhältnisse
der Menschen. „Die politische Ökonomie“, schrieb W. I. Lenin, „befasst
sich keineswegs mit der ‚Produktion’, sondern mit den
gesellschaftlichen Verhältnissen der Menschen in der Produktion, mit
der gesellschaftlichen Struktur der Produktion.“ (Lenin, Die
Entwicklung des Kapitalismus in Russland, Werke, Bd. 3, S. 40 f., russ.)
Die politische Ökonomie erforscht die
Produktionsverhältnisse in ihrer Wechselwirkung mit den
Produktivkräften. Die Produktivkräfte und die Produktionsverhältnisse
in ihrer Einheit bilden die Produktionsweise.
Die Produktivkräfte sind das
beweglichste und revolutionärste Element der Produktion. Die
Entwicklung der Produktion beginnt mit Veränderungen in den
Produktivkräften, vor allem mit Veränderungen und mit der Entwicklung
der Produktionsinstrumente, sodann erfolgen entsprechende
Veränderungen auch auf dem Gebiet der Produktionsverhältnisse. Die
Produktionsverhältnisse der Menschen, die sich in Abhängigkeit von der
Entwicklung der Produktivkräfte entwickeln, wirken ihrerseits aktiv
auf die Produktivkräfte ein.
Die Produktivkräfte der Gesellschaft
können sich nur dann ungehindert entwickeln, wenn die
Produktionsverhältnisse dem Stand der Produktivkräfte entsprechen. Auf
einer bestimmten Stufe ihrer Entwicklung wird den Produktivkräften der
Rahmen der gegebenen Produktionsverhältnisse zu eng und die
Produktivkräfte geraten in Widerspruch zu den
Produktionsverhältnissen.
Infolgedessen werden die alten
Produktionsverhältnisse früher oder später von neuen
Produktionsverhältnissen abgelöst, die dem erreichten
Entwicklungsstand und dem Charakter der Produktivkräfte der
Gesellschaft entsprechen. Mit der Veränderung der ökonomischen Basis
der Gesellschaft verändert sich auch ihr Überbau. Die materiellen
Voraussetzungen für die Ablösung der alten Produktionsverhältnisse
durch neue entstehen und entwickeln sich im Schoße der alten
Formation. Die neuen Produktionsverhältnisse geben der Entwicklung der
Produktivkräfte freie Bahn.
Somit ist das Gesetz der
unbedingten Übereinstimmung der Produktionsverhältnisse mit
dem Charakter der Produktivkräfte das ökonomische Entwicklungsgesetz
der Gesellschaft.
In einer Gesellschaft, die auf dem
Privateigentum und auf der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen
beruht, treten die Konflikte zwischen den Produktivkräften und den
Produktionsverhältnissen im Klassenkampf zutage. Unter diesen
Bedingungen vollzieht sich die Ablösung der alten Produktionsweise
durch eine neue auf dem Wege der sozialen Revolution.
Die politische Ökonomie ist eine
historische Wissenschaft. Sie untersucht die materielle Produktion in
ihrer historisch bestimmten gesellschaftlichen Form, die ökonomischen
Gesetze, die den entsprechenden Produktionsweisen eigen sind. Die
ökonomischen Gesetze drücken das Wesen der ökonomischen Erscheinungen
und Prozesse, den inneren, kausalen Zusammenhang und die zwischen
ihnen bestehende Abhängigkeit aus. Jede Produktionsweise hat ihr
eigens ökonomisches Grundgesetz. Das ökonomische Grundgesetz bestimmt
die wichtigsten Seiten, das Wesen der gegebenen Produktionsweise.
Die politische Ökonomie „untersucht
zunächst die besondern Gesetze jeder einzelnen Entwicklungsstufe der
Produktion und des Austausches und wird erst am Schluss dieser
Untersuchung die wenigen, für Produktion und Austausch überhaupt
geltenden, ganz allgemeinen Gesetze aufstellen können“ (Friedrich
Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, Berlin 1954,
S. 179). Folglich werden die verschiedenen Gesellschaftsformationen in
ihrer Entwicklung nicht nur durch ihre spezifischen ökonomischen
Gesetze bestimmt, sondern auch durch die ökonomischen Gesetze, die für
alle Formationen gleichermaßen gültig sind, z.B. durch das Gesetz der
unbedingten Übereinstimmung der Produktionsverhältnisse mit dem
Charakter der Produktivkräfte. Folglich sind die
Gesellschaftsformationen nicht nur voneinander getrennt durch die
spezifischen ökonomischen Gesetze, die der betreffenden
Produktionsweise eigen sind, sondern auch miteinander durch einige,
allen Formationen gemeinsame ökonomische Gesetze verbunden.
Die ökonomischen Entwicklungsgesetze
sind objektive Gesetze. Sie spiegeln die ökonomischen
Entwicklungsprozesse wider, die sich unabhängig vom Willen der
Menschen vollziehen. Die ökonomischen Gesetze entstehen und wirken auf
der Grundlage bestimmter ökonomischer Bedingungen. Die Menschen können
diese Gesetze erkennen und sie im Interesse der Gesellschaft
ausnutzen, doch sie können die ökonomischen Gesetze nicht aufheben
oder neue schaffen.
Die Ausnutzung der ökonomischen
Gesetze trägt in der Klassengesellschaft stets Klassencharakter: die
fortschrittliche Klasse jeder neuen Epoche nutzt die ökonomischen
Gesetze im Interesse der Entwicklung der Gesellschaft aus, während die
absterbenden Klassen sich dagegen zur Wehr setzen.
Die politische Ökonomie untersucht
folgende aus der Geschichte bekannte Grundtypen von
Produktionsverhältnissen: die Produktionsverhältnisse der
Urgemeinschaft, der Sklaverei, des Feudalismus, des Kapitalismus und
des Sozialismus. Die Urgemeinschaft war die Gesellschaftsordnung vor
der Spaltung der Gesellschaft in Klassen. Die Sklaverei, der
Feudalismus und der Kapitalismus stellen verschiedene Formen der auf
Versklavung und Ausbeutung der werktätigen Massen beruhenden
Gesellschaft dar. Der Sozialismus ist eine Gesellschaftsordnung, in
der es keine Ausbeutung des Menschen durch den Menschen gibt.
Die politische Ökonomie erforscht, wie
die Entwicklung von den niederen Stufen der gesellschaftlichen
Produktion zu ihren höheren vor sich geht, wie die auf der Ausbeutung
des Menschen durch den Menschen beruhenden Gesellschaftsordnungen
entstehen, sich entwickeln und vernichtet werden. Sie zeigt, wie der
gesamte Verlauf der historischen Entwicklung den Sieg der
sozialistischen Produktionsweise vorbereitet. Sie erforscht ferner die
ökonomischen Gesetze des Sozialismus und ihrer weiteren Entwicklung
zur höheren Phase des Kommunismus.
Somit ist die politische Ökonomie die
Wissenschaft von der Entwicklung der gesellschaftlichen
Produktionsverhältnisse, d.h. der ökonomischen Verhältnisse der
Menschen. Sie ergründet die Gesetze, denen die Produktion und die
Verteilung der materiellen Güter in der menschlichen Gesellschaft auf
ihren verschiedenen Entwicklungsstufen unterworfen sind.
Die Methode der marxistischen
politischen Ökonomie ist die Methode des dialektischen Materialismus.
Die marxistische politische Ökonomie beruht auf der Anwendung der
grundlegenden Leitsätze des dialektischen und historischen
Materialismus auf die Erforschung der ökonomischen Struktur der
Gesellschaft.
Zum Unterschied von den
Naturwissenschaften kann sich die politische Ökonomie bei der
Erforschung der ökonomischen Struktur der Gesellschaft keiner
Experimente, keiner Versuche bedienen, wie sie unter künstlich
geschaffenen Bedingungen im Labor durchgeführt werden, unter
Bedingungen, die jene Erscheinungen ausschalten, die die
Untersuchungen eines Prozesses in seiner reinsten Form erschweren.
„Bei der Analyse der ökonomischen Formen“, schrieb Marx, „kann … weder
das Mikroskop dienen noch chemische Reagenzien. Die Abstraktionskraft
muss beide ersetzen.“ (Marx, Das Kapital, Berlin 1953, Erster Band, S.
6.)
Jede ökonomische Ordnung bietet ein
widerspruchsvolles und kompliziertes Bild: in ihr sind Überreste des
Vergangenen und Keime des Zukünftigen vorhanden, in ihr verflechten
sich verschiedene Wirtschaftsformen miteinander. Die Aufgabe der
wissenschaftlichen Forschung besteht darin, hinter dem äußeren Schein
der wirtschaftlichen Erscheinungen mit Hilfe der theoretischen Analyse
die in der Tiefe vor sich gehenden Prozesse, die Grundzüge der
Ökonomik zu enthüllen, die das Wesen der gegebenen
Produktionsverhältnisse zum Ausdruck bringen.
Das Ergebnis dieser wissenschaftlichen
Analyse sind die ökonomischen Kategorien, d.h. Begriffe, die den
theoretischen Ausdruck der Produktionsverhältnisse einer gegebenen
Gesellschaftsformation darstellen, wie z.B. Ware, Geld, Kapital u.a.
So sondert Marx bei der Analyse der
kapitalistischen Produktionsverhältnisse zunächst das einfachste, am
häufigsten sich wiederholende, massenhaft anzutreffende Verhältnis
aus, den Austausch einer Ware gegen eine andere. Er zeigt, dass in der
Ware, der Zelle der kapitalistischen Wirtschaft, in Keimform die
Widersprüche des Kapitalismus enthalten sind. Ausgehend von der
Analyse der Ware erläutert Marx die Entstehung des Geldes,
entschleiert er den Prozess der Verwandlung des Geldes in Kapital, das
Wesen der kapitalistischen Ausbeutung. Marx weist nach, dass die
gesellschaftliche Entwicklung unvermeidlich zum Untergang des
Kapitalismus und zum Sieg des Sozialismus führt.
Die Methode von Marx besteht im
allmählichen Aufsteigen von den einfachsten ökonomischen Kategorien zu
den komplizierteren, was der fortschreitenden Entwicklung der
Gesellschaft in aufsteigender Linie von den niederen Stufen zu den
höheren entspricht. Bei dieser Methode der Erforschung der Kategorien
der politischen Ökonomie wird die logische Erforschung mit der
historischen Analyse der gesellschaftlichen Entwicklung verknüpft.
Die politische Ökonomie macht sich
nicht zur Aufgabe, den historischen Entwicklungsprozess der
Gesellschaft in all seiner konkreten Mannigfaltigkeit zu erforschen.
Sie vermittelt die grundlegenden Begriffe von den Grundzügen eines
jeden Systems der gesellschaftlichen Wirtschaft.
Wie wir gesehen haben, erforscht die
politische Ökonomie nicht irgendwelche ausgeklügelten, vom Leben
losgelöste Fragen, sondern ganz reale, aktuelle Fragen, die die
Lebensinteressen der Menschen, der Gesellschaft, der Klassen berührt.
Ist der Untergang des Kapitalismus und der Sieg des sozialistischen
Wirtschaftssystems unvermeidlich? Widersprechen die Interessen des
Kapitalismus den Interessen der Gesellschaft und der progressiven
Entwicklung der Menschheit? Ist die ArbeiterInnenklasse der
Totengräber des Kapitalismus und der Träger der Ideen von der
Befreiung der Gesellschaft vom Kapitalismus? Alle diese und ähnliche
Fragen werden von den verschiedenen ÖkonomInnen auf verschiedene Weise
beantwortet, je nachdem, welche Klasseninteressen sie vertreten.
Daraus ist auch zu erklären, dass es gegenwärtig keine, für alle
Klassen der Gesellschaft einheitliche, politische Ökonomie gibt,
sondern dass es mehrere politische Ökonomien gibt: die bürgerliche
politische Ökonomie, die proletarische politische Ökonomie und
schließlich die politische Ökonomie der Zwischenklassen, die
kleinbürgerliche Ökonomie.
Daraus aber folgt, dass die
ÖkonomInnen vollkommen im Unrecht sind, die behaupten, die politische
Ökonomie sei eine neutrale, unparteiliche Wissenschaft, die politische
Ökonomie sei vom Klassenkampf in der Gesellschaft unabhängig und stehe
weder direkt noch indirekt mit irgendeiner politischen Partei in
Verbindung.
Aber ist dann überhaupt eine
objektive, unvoreingenommene, die Wahrheit nicht fürchtende politische
Ökonomie möglich? Sie ist ohne Zweifel möglich. Eine solche objektive
politische Ökonomie kann nur die politische Ökonomie jener Klasse
sein, die nicht daran interessiert ist, die Widersprüche des
Kapitalismus zu verschleiern und seine Geschwüre zu verbergen, die
nicht an der Erhaltung der kapitalistischen Ordnung interessiert ist,
deren Interessen mit den Interessen der Befreiung der Gesellschaft von
der kapitalistischen Knechtschaft zusammenfallen, deren Interessen mit
den Interessen der progressiven Entwicklung der Menschheit auf der
gleichen Linie liegen. Dies Klasse ist die ArbeiterInnenklasse. Daher
kann eine objektive und uneigennützige politische Ökonomie nur eine
politische Ökonomie sein, die sich auf die Interessen der
ArbeiterInnenklasse stützt. Eine solche politische Ökonomie ist die
politische Ökonomie des Marxismus.
Die großen Führer und Theoretiker der
ArbeiterInnenklasse, Karl Marx und Friedrich Engels, waren die
Begründer der proletarischen politischen Ökonomie. In seinem genialen
Werk „Das Kapital“ enthüllte Marx die Gesetze der Entstehung, der
Entwicklung und des Untergangs des Kapitalismus, begründete er
ökonomisch die Unvermeidlichkeit der sozialistischen Revolution und
der Errichtung der Diktatur des Proletariats.
Die ökonomische Lehre des Marxismus
wurde in den Arbeiten W. I. Lenins schöpferisch weiterentwickelt.
Lenin bereicherte die marxistische ökonomische Wissenschaft durch die
Verallgemeinerung der neuen Erfahrungen der historischen Entwicklung,
indem er die marxistische Lehre vom Imperialismus schuf, er enthüllte
das ökonomische und politische Wesen des Imperialismus, legte die
Ausgangsthesen des ökonomischen Grundgesetzes des modernen
Kapitalismus dar, schuf eine neue, in sich geschlossenen Theorie der
sozialistischen Revolution und arbeitete wissenschaftlich die
Grundprobleme des Aufbaus des Sozialismus aus.
Die marxistische politische Ökonomie
ist eine mächtige ideologische Waffe in den Händen der
ArbeiterInnenklasse und der gesamten werktätigen Menschheit in ihrem
Kampf für die Befreiung vom kapitalistischen Joch. Die unüberwindliche
Kraft der ökonomischen Theorie des Marxismus liegt darin, dass sie die
ArbeiterInnenklasse, die werktätigen Menschen mit der Kenntnis der
Gesetze der ökonomischen Entwicklung der Gesellschaft ausrüstet, dass
sie ihnen eine klare Perspektive und die feste Überzeugung vom
endgültigen Sieg des Sozialismus vermittelt.
22
2.2. Ökonomische Gesellschaftsformationen vor
dem Kapitalismus
Die Urgesellschaft
Die Urgesellschaft war die erste ökonomische
Gesellschaftsformation in der Geschichte der menschlichen
Gesellschaft. Sie bildete sich mit der Entwicklung des Menschen aus
dem Tierreich und wurde von allen Völkern in ihrer Frühzeit
durchlaufen.
Die Urgesellschaft war eine klassenlose
Gesellschaft. Die Produktionsverhältnisse der Urgesellschaft sind
gekennzeichnet durch das gesellschaftliche Eigentum an
Produktionsmitteln, das auf dieser Stufe der Entwicklung der
Menschheit bedingt war durch das sehr niedrige Niveau der Entwicklung
der Produktivkräfte und die wenig entwickelte gesellschaftliche
Arbeitsteilung. Daneben entstand ein persönliches Eigentum an Waffen
und Gebrauchsgegenständen. Die Ergebnisse der gemeinsamen Arbeit –
Sammeln von Pflanzen und Früchten, Jagd und Fischfang, in weiterer
Folge auch Bodenbebauung und Viehzucht – wurden gleichmäßig verteilt.
Durch das niedrige Niveau der Produktion war der
Mensch stark von der Natur abhängig. Die Ohnmacht gegenüber der Natur
widerspiegelte sich in naiv religiösen Vorstellungen. Neben der
natürlichen Arbeitsteilung zwischen Mann (Jagd und Fischfang) und Frau
(Bodenbebauung und Hauswirtschaft) kam es auf einer bestimmten Stufe
der Entwicklung der Produktivkräfte – die sich über einen langen
Zeitraum hinzog – zur ersten, zweiten und dritten gesellschaftlichen
Arbeitsteilung, d.h., Viehzucht und Ackerbau trennten sich, es
entstand das Handwerk und mit dem dadurch bedingten Austausch der
Handel.
Die höhere Produktivität der Arbeit, die drei
gesellschaftlichen Arbeitsteilungen und die fortschreitende
Differenzierung der Produktion ermöglichten, mehr Produkte
herzustellen, als die Menschen für den sofortigen Gebrauch und Verzehr
benötigten. Sie begannen, ein Mehrprodukt zu erzeugen. Es bildete sich
schließlich ein Privateigentum an Produktionsmitteln. Dies führte zur
ökonomischen Ungleichheit, zur Spaltung in antagonistische Klassen und
damit zum Zerfall der Urgesellschaft. An die Stelle der
ursprünglichen, naturwüchsigen Gleichheit aller
Gesellschaftsmitglieder trat die Ausbeutung und Unterdrückung des
Menschen durch den Menschen, die durch den entstehenden Staat, das
Machtinstrument der herrschenden Klasse, gesichert wurde.
Die Sklavenhaltergesellschaft
Aus der Urgemeinschaft entwickelte sich die
Sklavenhaltergesellschaft. Sie ist eine auf dem Privateigentum an den
Produktionsmitteln und damit der Ausbeutung des Menschen durch den
Menschen beruhende ökonomische Gesellschaftsformation.
Die Grundlage der Produktionsverhältnisse der
Sklavenhaltergesellschaft war das Privateigentum der Sklavenhalter
nicht nur an den Produktionsmitteln, sondern auch an den unmittelbaren
Produzenten, den Sklaven. Das von den Sklaven erarbeitete Mehrprodukt
eigneten sich die Eigentümer der Produktionsmittel, die Sklavenhalter,
an.
Die Sklavenhaltergesellschaft ist gekennzeichnet
durch den Gegensatz zweier antagonistischer Hauptklassen, der
herrschenden Klasse der Sklavenhalter, die die ausbeutende Minderheit,
und der unterdrückten Klasse der Sklaven, die die ausgebeutete
Mehrheit bilden. Neben diesen Hauptklassen gab es Zwischenschichten,
kleine Bauern und Handwerker, die von eigener Arbeit lebten. Die
Zwischenschichten zersetzten sich mit der Entwicklung der
Sklavenhaltergesellschaft. Ihre Blüte und klassische Form erreichte
die Sklavenhaltergesellschaft im Mittelmeerraum, z.B. im antiken
Griechenland und im Römischen Imperium.
Da die Sklaven am Ergebnis ihrer Arbeit nicht
interessiert waren, vollzog sich die Entwicklung der Produktivkräfte
der Sklavenhaltergesellschaft sehr langsam. Obwohl die
Arbeitsproduktivität des einzelnen Sklaven gering war, war die
Gesamtmenge des Mehrprodukts durch rücksichtslose Ausbeutung der
Sklaven, auch bis zur physischen Vernichtung, verhältnismäßig groß.
Das erforderte aber gleichzeitig, dass die herrschende Klasse der
Sklavenhalter mit Hilfe ihres Staates in räuberischen
Aggressionskriegen immer neue Völker unterwarf und stets neue Sklaven
erbeutete.
Die Geschichte der Sklavenhaltergesellschaft ist
daher auch die Geschichte eines sich ständig verschärfenden
Klassenkampfes der ausgebeuteten Mehrheit gegen die ausbeutende
Minderheit, der bis zu Massenaufständen der Sklaven ging. Der
bedeutendste war der Spartakus-Aufstand (73-71 v.u.Z.). Diese
Klassenkämpfe im Innern und die ständigen Kriege nach außen zwangen
die Sklavenhalterklasse, ihren Staat als Instrument der Unterdrückung
nach innen und der Aggression nach außen immer stärker auszubauen und
zu zentralisieren sowie die Armee zu vergrößern. Das führte im alten
Ägypten, in Persien, Rom und anderen Sklavenhaltergesellschaften zur
Errichtung der Militärdiktatur.
Mit der Verschärfung ihrer Widersprüche wurde die
Sklavenhaltergesellschaft zur Fessel für die Entwicklung der
Produktivkräfte. Der Zerfall der Sklavenhaltergesellschaft, z.B. im
Römischen Reich, wurde durch innere und äußere Kräfte (Klassenkämpfe
und Einfälle vor allem der Germanen) bewirkt. Die
Sklavenhaltergesellschaft wurde durch den im historischen Sinne
fortschrittlicheren Feudalismus abgelöst.
Der Feudalismus
Der Feudalismus ist jene ökonomische
Gesellschaftsformation, die sich aus dem Zerfall der
Sklavenhaltergesellschaft oder, wo diese nicht bestand, unmittelbar
aus der zerfallenden Urgesellschaft entwickelte.
Die Grundlage der Produktionsverhältnisse des
Feudalismus war das Privateigentum der Feudalherren an Grund und Boden
und ein beschränktes Eigentum an den unmittelbaren Produzenten. Daraus
resultiert der grundlegende Klassenantagonismus des Feudalismus, der
Widerspruch zwischen den Feudalherren und den Leibeigenen bzw. den
hörigen Bauern.
Anteile des im Eigentum des Feudalherren
befindlichen Bodens wurden den Bauern gegen verschiedenartige
Leistungen (Frondienste, Natural- bzw. Geldabgaben) zur Nutzung
übergeben. Einen anderen Teil des Bodens bewirtschaftete der
Feudalherr in eigener Regie mittels der Frondienste der Bauern bzw.
der Leibeigenen, die zur Wirtschaft des Feudalherren gehörten.
Da die über die Feudalrente hinaus erwirtschafteten
Erträge der bäuerlichen Wirtschaft dem Bauern zur Verfügung standen,
war dieser an seiner Arbeit interessiert. Das machte die Überlegenheit
des Feudalismus gegenüber der Sklavenhaltergesellschaft aus. Obwohl
der Feudalismus der Entwicklung der Produktivkräfte größere
Möglichkeiten als die vorangegangenen Formationen eröffnete, war auch
er – insgesamt gesehen – ein sich außerordentlich langsam entwickelnde
Gesellschaft.
In den ersten Jahrhunderten seines Bestehens war
der Feudalismus durch eine geringe Arbeitsteilung charakterisiert.
Örtliche Abgeschlossenheit und Isoliertheit (das Dorf als
Mittelpunkt), eine schwache Entwicklung der Verkehrswege und der
Nachrichtenmittel, eine strenge und unveränderliche Regelung für alle
Arten von Tätigkeiten (z.B. Zunftwesen), der Druck der Traditionen,
eine brutale Reglementierung des geistigen Lebens durch die Kirche,
die Herrschaft der Religion in der Sphäre der Ideologie – das alles
hemmte fortschrittliche Veränderungen.
Dennoch entwickelten sich auch unter den
Bedingungen der Feudalordnung die materiellen Voraussetzungen für den
Durchbruch zu einer historisch fortschrittlicheren gesellschaftlichen
Ordnung. Die Entwicklung der Arbeitsteilung, das Anwachsen der
Ware-Geld-Beziehungen, das Aufkommen neuer Märkte riefen neue
Produktivkräfte ins Leben. Städte mit Handwerk und Handel entwickelten
sich. Neben den Hauptklassen – Feudalherren und Bauernschaft –
entstanden die Handwerker und Kaufleute. Die Kooperation und die
Manufaktur bildeten sich heraus. Mit der Zunahme der kapitalistischen
Elemente der Warenproduktion wurde der auf Naturalwirtschaft beruhende
Feudalismus zersetzt, begann die kapitalistische Produktionsweise im
Schoß des Feudalismus zu entstehen – es entstand die Bourgeoisie.
Während der ganzen Zeit des Feudalismus erhoben
sich die Bauern immer wieder gegen die feudale Ausbeutung. Dieser
Kampf wuchs schließlich in die bürgerlichen Revolutionen, so in die
deutsche frühbürgerliche Revolution, in den Freiheitskampf der
Niederlande gegen die Herrschaft der spanischen Krone, die englische
Revolution, den nordamerikanischen Unabhängigkeitskampf gegen die
Herrschaft der britischen Krone und vor allem in die Französische
Revolution hinüber. Die Bourgeoisie nutzte die Klassenkämpfe der
Bauern aus und führte in bürgerlichen Revolutionen den Sturz des
Feudalismus herbei. Der Feudalismus wurde vom Kapitalismus abgelöst.
Der Kampf gegen Überreste des Feudalismus, z.B. die großen Latifundien
oder die Existenz junkerlichen Großgrundbesitzes, ist im weltweiten
Maßstab auch heute noch nicht abgeschlossen.
23
2.3. Der Kapitalismus
Der Kapitalismus ist – von wenigen Ausnahmen
abgesehen – die ökonomische Gesellschaftsformation der Gegenwart, die
auf dem privatkapitalistischen Eigentum an den Produktionsmitteln, der
privaten Aneignung der Ergebnisse der Produktion und der Ausbeutung
der LohnarbeiterInnen beruht. Er ist historisch gesehen die letzte
Ausbeutergesellschaft der Menschheitsgeschichte.
Die beiden sich antagonistische gegenüberstehenden
Hauptklassen des Kapitalismus sind: die Bourgeoisie (Klasse der
KapitalistInnen), die Eigentümerin der Produktionsmittel und die
ökonomisch und politisch herrschende Klasse ist, und die
ArbeiterInnenklasse (Proletariat), die juristisch frei ist von
feudaler Abhängigkeit und als Nichteigentümerin von Produktionsmitteln
ihre Arbeitskraft an die KapitalistInnen verkaufen muss.
Das ökonomische Grundgesetz des Kapitalismus ist
das Mehrwertgesetz. Es bestimmt das Ziel der kapitalistischen
Produktion: die Produktion und Aneignung von Mehrwert, dessen
wichtigste Erscheinungsform neben dem Zins und der Grundrente der
Profit ist. Den im Produktionsprozess durch die ArbeiterInnen
geschaffenen Mehrwert eignen sich die KapitalistInnen unentgeltlich
an, da ihnen als EigentümerInnen der Produktionsmittel das Resultat
(Produkt) des Produktionsprozesses gehört.
Der Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen
Charakter der Produktion und der privatkapitalistischen Form der
Aneignung ihrer Ergebnisse ist der Grundwiderspruch des Kapitalismus.
Er führt zu immer stärkerer Konzentration und Zentralisation von
Produktion und Kapital auf der einen Seite und zur wachsenden
Existenzunsicherheit und zur Verschlechterung der Lage der
ArbeiterInnenklasse auf der anderen Seite. Er hat periodische
Wirtschaftskrisen, Kriege und erbitterte Klassenkämpfe zur Folge.
Ihre politische und ökonomische übt die Bourgeoisie
mit Hilfe des bürgerlichen Staates aus, unterstützt durch vielfältige
ideologische Einrichtungen.
Historisch löst der Kapitalismus den Feudalismus
ab. Der Kapitalismus entwickelt sich im Schoß des Feudalismus, wobei
der Prozess der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals von
entscheidender Bedeutung ist. Das erste Stadium seiner Entwicklung ist
gekennzeichnet durch die Herausbildung von kapitalistischen
Kooperationen und Manufakturen. Das zweite Stadium, der Kapitalismus
der freien Konkurrenz, ist charakterisiert durch die Herausbildung und
Entwicklung des kapitalistischen Fabriksystems, das sich auf der
Grundlage der industriellen Revolution entwickelt. Der Imperialismus
ist das Stadium des monopolistischen Kapitalismus, das historisch
letzte Stadium des Kapitalismus. Auf dieser Entwicklungsstufe wächst
der monopolistische Kapitalismus schließlich in den
staatsmonopolistischen Kapitalismus hinüber, der die vollständigen
materiellen Voraussetzungen für den Sozialismus schafft.
Der Kapitalismus schuf mächtigere Produktivkräfte
als alle früheren Produktionsweisen zusammengenommen, erhöhte die
gesellschaftliche Produktivität der Arbeit bedeutend und verwirklichte
die gesellschaftliche Produktion im großen Maßstab. Er brachte die
modernen Wissenschaften hervor. Die von der Bourgeoisie verkündeten
Ideen der Freiheit der Persönlichkeit offenbarten sich in der
gesellschaftlichen Praxis jedoch als die Freiheit des kapitalistischen
Wirtschaftens. Die Idee der Gleichheit aller BürgerInnen trat als die
Gleichheit aller WarenbesitzerInnen in Erscheinung, die Idee der
Brüderlichkeit aller Menschen als Kampf aller gegen alle. Der
Widerspruch zwischen den gesellschaftlichen Produktivkräften und den
Produktionsverhältnissen spitzt sich im letzten Stadium des
Kapitalismus, im Imperialismus, so zu, dass seine Lösung objektiv
unerlässlich wird. Der Kapitalismus muss gesetzmäßig vom Sozialismus
abgelöst werden. Diese Ablösung zu vollziehen, ist die historische
Mission der ArbeiterInnenklasse.
24
2.4. Die Funktionsweise des Kapitalismus
Das Kapital ist das grundlegende
Ausbeutungsverhältnis im Kapitalismus. Das Kapital ist das
gesellschaftliche Grundverhältnis im Kapitalismus und beruht auf der
Ausbeutung der ArbeiterInnenklasse durch die Klasse der
KapitalistInnen auf dem Wege der kapitalistischen Lohnarbeit. Kapital
erscheint als Wert, der durch die Ausbeutung der LohnarbeiterInnen den
Mehrwert hervorbringt, den sich die KapitalistInnen aneignen.
Wie der Wert, so ist auch das Kapital in erster
Linie ein gesellschaftliches Produktionsverhältnis, das den Dingen
spezifische, gesellschaftlich bedingte Eigenschaften verleiht. So sind
Geld, Waren und Produktionsmittel erst unter bestimmten
gesellschaftlichen Bedingungen Kapital, nämlich dann, wenn sie in den
Händen von PrivateigentümerInnen durch den Kauf der Ware Arbeitskraft
und der Produktionsmittel der Erzeugung und Aneignung von Mehrwert
dienen.
Die gesellschaftliche Voraussetzung für diesen
Kreislauf ist die Konzentration der Produktionsmittel in den Händen
weniger PrivateigentümerInnen auf der einen, die Trennung der Masse
der ProduzentInnen von den Produktionsmitteln und die Verwandlung von
Arbeitskraft in eine Ware auf der anderen Seite. Die historische
Schaffung dieser gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse erfolgte
in der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals. Ihr Ergebnis ist die
Teilung der Gesellschaft in die Klasse der KapitalistInnen und die
Klasse der LohnarbeiterInnen oder ProletarierInnen.
Die LohnarbeiterInnen sind ökonomisch gezwungen,
ihre Arbeitskraft, ihren einzigen Besitz, als Ware an die
KapitalistInnen zu verkaufen. Dieser Kauf bzw. Verkauf der Ware
Arbeitskraft und die Vereinigung mit den Produktionsmitteln unter dem
Kommando der KapitalistInnen sowie die Aneignung des Mehrprodukts
durch die KapitalistInnen drücken das Wesen der Ausbeutung im
Kapitalismus aus.
Die kapitalistische Ausbeutung beruht auf den
Gesetzen der kapitalistischen Warenproduktion und ist ein objektiver
ökonomischer Prozess. EinE KapitalistIn kauft auf dem Markt die Waren
Produktionsmittel und Arbeitskraft zu ihrem Wert. Die Arbeitskraft hat
aber einen speziellen Gebrauchswert, nämlich Quelle von mehr Wert zu
sein, als sie selbst besitzt. Im Produktionsprozess produziert die
Arbeitskraft mit Hilfe der Produktionsmittel neue Waren. Sie überträgt
dabei den Wert der von den KapitalistInnen zur Verfügung gestellten
Produktionsmittel durch die konkrete Arbeit auf das neue Produkt. Sie
schafft jedoch zugleich durch die abstrakte Arbeit einen neuen Wert,
der größer ist als der Wert, den der/die KapitalistIn zum Ankauf der
Arbeitskraft vorgeschossen hat, der also den Mehrwert einschließt.
Die Teile des Kapitals, die die KapitalistInnen zum
Ankauf der Arbeitskraft und der Produktionsmittel vorschießt,
verhalten sich also ungleich. Der in Produktionsmitteln vorgeschossene
Teil des Kapitals bleibt konstant, verändert seinen Wert nicht
(konstantes Kapital = c). Der in Arbeitskraft angelegte Teil
reproduziert nicht nur den Wert des für seinen Ankauf verausgabten
Kapitals, sondern produziert darüber hinaus einen Mehrwert (m). Er
verändert seine Größe (variables Kapital = v). Der Wert der
kapitalistisch produzierten Waren setzt sich somit aus drei
Bestandteilen zusammen: c + v + m.
Die Arbeitszeit der ArbeiterInnen teilt sich daher
entsprechend in die Zeit für die notwendige Arbeit – notwendig zur
Reproduktion des Werts des für den Kauf der Ware Arbeitskraft
vorgeschossenen Kapitals (v) – und die Mehrarbeit, in der der Mehrwert
(m) produziert wird. Das Verhältnis zwischen Mehrarbeit und
notwendiger Arbeit oder zwischen m und v ist der Ausbeutungsgrad oder
die Mehrwertrate. Die von der Arbeitskraft produzierten Waren eignen
sich die KapitalistInnen an verkaufen sie einschließlich des in ihnen
enthaltenen Mehrwerts, während die ArbeiterInnen jedoch eben nur die
notwendige Arbeitszeit abgegolten bekommen.
Das Ziel der kapitalistischen Produktion ist die
Erzeugung von Mehrwert, der dann verschiedene Formen annimmt (Profit,
Zins, Grundrente). Das Ziel des Kapitals ist die Verwertung des
vorgeschossenen Werts, nicht die Befriedigung der Bedürfnisse der
Gesellschaft. „Produktion von Mehrwert oder Plusmacherei ist das
absolute Gesetz dieser Produktionsweise.“ (K. Marx, MEW 23, S. 647) –
Die Produktion und Aneignung von Mehrwert ist das ökonomische
Grundgesetz des Kapitalismus.
Das Kapital hat die Tendenz, die Produktion und
Aneignung von Mehrwert grenzenlos auszudehnen. Dies kann durch die
Verlängerung des Arbeitstages (absoluter Mehrwert) oder Verkürzung der
notwendigen Arbeit, infolge Steigerung der Arbeitsproduktivität und
Verbilligung der Elemente, die in den Wert der Arbeitskraft eingehen
(relativer Mehrwert) erfolgen.
Da das Kapital die Arbeitskraft im gesellschaftlich
kombinierten Produktionsprozess ausbeutet, entfaltet es sich zum
Kommando über die ArbeiterInnen. Es wird zu einem ökonomischen
Zwangsverhältnis, das an Maßlosigkeit, Energie und Wirksamkeit alle
früheren, auf direkter Zwangsarbeit beruhenden Ausbeutungssysteme
übertrifft. Es sind nicht mehr die ArbeiterInnen, die die
Produktionsmittelanwenden, sondern es sind die Produktionsmittel, die
in ihrer Kapitaleigenschaft die ArbeiterInnen anwenden, sie zu einem
bloßen Objekt der Verwertung des Werts degradieren, ihre
Persönlichkeit deformieren und ihre Leben nur gelten lassen, solange
es für die Produktion des Mehrwerts notwendig ist.
Durch das Streben nach Mehrwert entwickelt das
Kapital die Produktivkraft der Arbeit. Damit verschärft sich der
Grundwiderspruch des Kapitalismus, der Widerspruch zwischen dem
gesellschaftlichen Charakter der Produktion und der
privatkapitalistischen Form der Aneignung. Die Verschärfung des
Grundwiderspruchs äußert sich in der Zuspitzung des Klassengegensatzes
zwischen Bourgeoisie und ArbeiterInnenklasse.
25
2.5. Der Klassenkampf
Der Klassenkampf ist die entscheidende Triebkraft
der gesellschaftlichen Entwicklung in allen antagonistischen
Klassengesellschaften. Der Klassenkampf ist die notwendige Folge des
Klassenantagonismus und der daraus entspringenden gegensätzlichen
Klasseninteressen zwischen den Grundklassen einer ökonomischen
Gesellschaftsformation der Ausbeutergesellschaften. Er ist hier eine
objektive Gesetzmäßigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung.
Der Klassenkampf, den das Proletariat in der
kapitalistischen Gesellschaft um seine Befreiung von Ausbeutung und
Unterdrückung führt, hat drei Grundformen, die einander ergänzen und
eine Einheit bilden: den ökonomischen, den politischen und den
ideologischen Kampf.
Der ökonomische Kampf ist vor allem auf die
Befriedigung der unmittelbaren Bedürfnisse der ArbeiterInnenklasse
gerichtet. Im Mittelpunkt steht dabei die Erhöhung des Arbeitslohnes.
Im ökonomischen Kampf erhöht die ArbeiterInnenklasse den Grad ihrer
Organisiertheit, vertieft sich ihr Klassenbewusstsein und werden
Erfahrungen für die Führung des Klassenkampfes in seiner Gesamtheit
gewonnen. Aus der Dialektik des Klassenkampfes im
staatsmonopolistischen Kapitalismus ergibt sich, dass sich gewisse von
der ArbeiterInnenklasse erkämpfte Verbesserungen ihrer Lage erst dann
als Schritt zur Einschränkung der Macht der Monopole und zur Befreiung
der ArbeiterInnenklasse auswirken können, wenn der Kampf um Reformen
mit dem grundsätzlichen Kampf gegen die Herrschaft des Monopolkapitals
verbunden wird. Die Beschränkung des Klassenkampfes auf seine
ökonomische Grundform ist für den Reformismus und den Opportunismus
charakteristisch.
Die entscheidende Form des Klassenkampfes ist der
politische Kampf, weil nur durch ihn die Macht der Bourgeoisie
gestürzt und die Herrschaft der ArbeiterInnenklasse errichtet werden
kann. Der politische Kampf muss bis zu diesem Ziel geführt werden,
anders kann die ArbeiterInnenklasse ihre Befreiung von Ausbeutung und
Unterdrückung nicht erreichen. Der politische Kampf der
ArbeiterInnenklasse kennt viele Formen, z.B. Demonstrationen,
Protestkundgebungen, politische Streiks, Wahlen, parlamentarische
Arbeit, Generalsstreik und bewaffneten Kampf, die je nach den
konkreten historischen Bedingungen angewandt werden.
Die Aufgabe des ideologischen Kampfes besteht
darin, die bürgerliche Ideologie, die auf die ArbeiterInnenklasse
einen ständigen Druck ausübt, zurückzudrängen und die
ArbeiterInnenklasse zum Bewusstsein ihrer historischen Mission zu
führen, d.h. mit dem Marxismus vertraut zu machen.
Der Klassenkampf des Proletariats erreicht seinen
Höhepunkt in der sozialistischen Revolution, in der die politische und
ökonomische Macht der Bourgeoisie beseitigt und die Herrschaft der
ArbeiterInnenklasse errichtet wird. Nachdem die ArbeiterInnenklasse
die politische Macht erobert hat, bleibt der Klassenkampf der
ArbeiterInnenklasse und aller Werktätigen gegen die gestürzten
Ausbeuterklassen in der Übergangsperiode vom Kapitalismus zum
Sozialismus noch eine wichtige Triebkraft der gesellschaftlichen
Entwicklung. Erst mit dem Sieg des Sozialismus auf ökonomischem,
politischem und ideologischem Gebiet verschwinden die objektiven
Ursachen des Klassenkampfes innerhalb der neuen Gesellschaft.
3
3. Strategie und Taktik des revolutionären
Marxismus
3.1. Fragen der Strategie und Taktik
Strategie und Taktik der revolutionären
ArbeiterInnenbewegung sind die Wissenschaft und Kunst der politischen
Führung des Klassenkampfes der ArbeiterInnenklasse und ihrer
Verbündeten für ihre soziale Befreiung.
Die Aufgabe der proletarischen Strategie und Taktik
besteht darin, die ökonomischen und politischen Aktionen des
Proletariats und seiner Verbündeten auf die in der jeweiligen Periode
zu lösenden Hauptaufgaben zu konzentrieren, die Grundsätze und
Hauptregeln für die Leitung des Klassenkampfes des Proletariats und
aller Werktätigen, die Wege und Mittel für die Erreichung des Endziels
der ArbeiterInnenbewegung zu begründen
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